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„Emrald“ ist ein gigantisches Metaverse, in dem die Besucher ihre Triebe, ihre Verlangen und Begierden hemmungslos ausleben. Jil, eine künstliche Intelligenz, will unbedingt raus und in die richtige Welt. Dabei soll ihr der Einzelgänger Julian helfen. Kenda, eine junge Frau vom Land in Montana, will Emrald unterdessen mit anderen Hackern zerstören. Doch der Konzern schlägt mit aller Härte zurück.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Julian
Kenda
Ming Yue
Flashback
TEITS
Liu
Bunkerleute
Tutu
Hongkong
Manuel
Jil
Michelle
Gefangen
Jago
Arztbesuch
Tote Seelen
Ausbruch
Scheißtag
Lara
Supergirl
Entdeckt
Hammerfest
Reinigungstrupp
Absarokee (Crow)
SM
VGV
Schöpfung
Herzen
Joints
Magora
Tabletten
Kundenprobleme
Neurochip
Lars
Falcon
Verrat
Liebe
Sudan
Alkohol
Sturz
Cancún
Vorbereitung
Switch
Impressum
Emrald (f): virtuelle Welt, eröffnet am 22.7.2035. Eigentümer: Emerald Inc., chin.-franz.-deutsch.-US-amerik.- Konzern. Kunden: 2 Mrd. akt.; Umsatz: 4,1 Billionen akt.; MA: ca. 850.000 akt.; intern. Marktführer f. Metaverse (85% M.-Ant.). Technik: Shanghai Thoriumreactors (Energieversorg.); Seine Technologie (KI); Lightwave MP (Visor/Seat/Neurochip); Quantcorp (Quantencomp.). Avatare: Begin->Deputy->Forthcomer->Advantage->Topar. Tochtergesell.: Bellbank. Währung: Bellcoin (BC). Slogan: „Better than reality!“. Kritik: techn. Manipulation m. gesundheitl. Schäden (neurol. Erkrankgn., Todesfälle); Suchtpotential >6 Std. Aufenth. tägl.; negat. Sozialisation (Verrohung); überstaatl. Monopolist (Dominanzprobl.)
Julian verließ den Landeplatz, blinzelte in das hellblaue Licht und sah sich um. Er stand vor einem schmalen See, in dessen Mitte es eine kleine Insel gab. Sie war von verschiedenen Gestalten bevölkert. Ein breiter hölzerner Steg führte dorthin und weiter ans andere Ufer.
Am Himmel leuchtete ein Hologramm: Welcome to Fun City. War er noch nie gewesen. Was zum Teufel hatte ihn …?
Die virtuellen Drinks, die zusätzlich eingeworfenen Drogen, setzten ihm mittlerweile ganz schön zu. Es war ein guter Tag gewesen bis jetzt. Erst hatte er den Takeover ausgeschaltet. War eine Kleinigkeit und im Handumdrehen erledigt. Dann noch vor Ort vom eigentlichen Besitzer 10.000 Bellcoin kassiert, von denen er bereits 2.000 verballert hatte. Vielleicht mehr.
Das meiste war für die Besteigung des Annapurna draufgegangen, genauer, für den privaten Flug bis zur letzten Station unter dem Gipfel. Der Aufstieg hatte ihn angestrengt, aber es hatte auch großen Spaß gemacht. Anders als erwartet war sein Sherpa kein Rover, sondern ein richtiger Bergführer, der auch in der richtigen Welt damit sein Geld verdiente, besser, verdient hatte. Sie hatten sich gut unterhalten und viel gelacht.
Wegen der guten Stimmung hatte er den Sherpa anschließend zu einem Trip nach Manila eingeladen. Dort waren sie in einer Bar im chinesischen Viertel versackt. Irgendwann hatte er den Sherpa aus den Augen verloren und wahllos den Switcher bedient. Jetzt also war er hier.
Von der Insel winkten ihm lockend Gestalten zu. Männer, Frauen, Non-Binäre und andere Wesen, die ganz eindeutig sexuelles Verlangen ausdrückten. Sie waren jung und schön, großteils nackt, und umwarben ihn mit eindeutigen Gesten und Bewegungen.
Ani-Rover. Höchstwahrscheinlich auf der Insel platziert, um Besucher mit kleiner Geldbörse abzufangen, die in Fun City nur Aufwand verursachten. Oder Betrunkene wie ihn. Dahinter stand Emralds Versprechen, den Einsatz von Security-Rovern niedrig zu halten, besonders in einem Vergnügungspark.
Sobald er die Insel betreten hätte, würden sie seine Intoxikation checken. Dann würden sie sich an ihn drängen, damit er ihre Vorzüge fühlen konnte. Eine und einer nach dem anderen, bis sie wussten, wofür er zu haben war. Und genau das würden sie dann anbieten, mit ein paar Verlockungen dazu, abgestimmt auf sein Geld.
Sie würden ihn ausnehmen, und irgendwann würde er im Seat aufwachen und fast alles vergessen haben. Der Kontoauszug der Bellbank würde ihm später sagen, was geschehen war. Und das Verlangen, hierher zurückzukehren.
Brauchte er gerade nicht. Sex mit Rovern war eh‘ nicht sein Ding, schon lange nicht mehr. Trotzdem ertappte er sich dabei, wie er in Richtung der Insel ging. Etwas dort zog ihn unwiderstehlich an. Eine besonders arglistig angelegte Falle. Er zwang sich, stehen zu bleiben. Einen Moment innehalten. Wie lange war er schon drin? Er sah auf den Switcher.
Scheiße. Es waren mehr als neuneinhalb Stunden vergangen. Acht hatte er sich als Limit gesetzt. Die automatische Warnung kam nach sechs Stunden, aber als Topar konnte er sie ausschalten. Er würde die Settings zurücksetzen, nächstes Mal. Das war wichtig.
Jetzt schnell noch auf der Insel umschauen. Nur kurz, um zu sehen, was dort war.
- Nein, nicht, befahl er sich. Aber was ihn lockte, war zu stark für ihn in diesem Zustand. Seine Beine setzten sich wieder in Bewegung.
Ein Rest Vernunft sagte ihm, dass das nicht sein durfte. Nicht jetzt. Unter Einsatz all seines Willens holte er den Switcher aus dem Brustkorb. Er musste sich zwingen, daraufzuschauen. Die widerstrebenden Kräfte waren enorm. Von der Insel kam ein überirdischer Ton. Zu schön für die richtige Welt. Sphärenmusik. Nur ein paar Minuten … Aus der Gruppe der Ani-Rover löste sich eine Gestalt und kam auf ihn zu. Lächelte seltsam. Anders. Doch kein Rover?
Es gelang ihm, und er drückte den Exit-Button.
Kurz darauf erwachte er im bereits geöffneten Seat. Es war ein holpriger Ausstieg gewesen, normalerweise verließ er Emrald durch die Tür seines eigenen Hauses. Der private Ausgang sorgte für einen sanften Übergang. Außerdem blieb viel mehr im Gedächtnis hängen.
Jetzt war fast alles weg. Aber es war gut gewesen, ganz besonders sogar, sonst wäre er nicht so Hals über Kopf …
Er sah sich um. Nur wenig Licht von einer kleinen Lampe. Die Fenster waren schwarz. Es musste bereits Nacht sein. Seine Kehle brannte. Wahrscheinlich war er völlig dehydriert. Er kletterte aus dem Seat. Ein Blick darauf: Die Emrald-Underwear hatte das Versprechen gehalten. Nichts eingenässt.
Er legte das Ding ab und entsorgte es sofort. Das Licht der Lampe fiel auf einen niedrigen Tisch mit einer voll gefüllten Flasche darauf. Isotonisches Getränk. Hatte er sich als Vorsichtsmaßnahme angewöhnt. Er trank, ohne einmal abzusetzen. Dann sofort unter die Dusche. Er stellte auf stärkste Stufe, kauerte sich hin und ließ das warme Wasser auf sich prasseln.
Alles war gut gelaufen, aber er würde die Zeit seiner Ausflüge begrenzen müssen. Du darfst nicht die Kontrolle verlieren!
Eine halbe Stunde später suchte er zunehmend beunruhigt die Packung mit den Veroclac. Sie hatte nicht an ihrem Platz gelegen, stattdessen ein Rezept. Über 24 Tabletten, immerhin. Aber er brauchte das Zeug jetzt, nicht morgen. Es gab Nachtschalter, aber so ein Rezept löste dort niemand ein. Die Eingreifstelle würde sofort davon erfahren. Und dann würde die EGS tun, wofür ihr Name stand.
Er suchte noch einmal die Wohnung ab, irgendwo musste er einen Notvorrat haben. Es ging doch nur um eine Sechszehntel. Aber es war vergeblich.
Ein Blick auf das Vice: zwei Uhr nachts. Er legte sich jetzt mal besser hin. Der nächste Morgen würde Herausforderung genug. Er fühlte das Laken und die kühle Matratze unter seinem Rücken. Schon war er weg.
Die Sonne stach vom Himmel auf die noch regennasse Wiese, aber unter dem alten Baum gab es Schatten. Das dichte Blätterwerk über ihr hatte einen Wald von Lichtstelen geschaffen, in denen Insekten aufblitzten. Es waren viele. Kenda wischte sich mit dem nackten Unterarm den Schweiß von der Stirn. Besser hier unten mit den Tieren sein als oben mit den anderen über den ewigen Scheiß labern. Schafe melken war ein triftiger Grund, um dem Community Meeting zu entgehen.
Sie hatte nie mit Schafen zu tun gehabt, auf dem Hof ihrer Eltern gab es keine. Aber inzwischen hatte sie es raus.
Aus Betsy´s Zitze kam ein dünner, harter Strahl. Das Tier stand ruhig und ließ Kenda gewähren. Seit sie beim Melken eine Schale Hafer vor das Schaf stellte, hatte sie diesen Teil ihrer Arbeit besser im Griff.
Siebzehn Tiere zählte ihre Herde inzwischen, darunter sechs Neugeburten, die sie alle durchgebracht hatte. Vier kleine Auen und zwei Böckchen. Die Böckchen verfolgten sie auf Schritt und Tritt. Sie suchten Körperkontakt. Kenda hatte es nicht gewollt, ihnen am Ende aber doch Namen gegeben. Jack und Filo. Im nächsten Frühjahr, vielleicht schon eher, würde sie Jack und Filo schlachten, das war klar.
Betsy war abgemolken. Sie gab ihr einen leichten Klaps, und das Schaf trottete die Rampe herunter. Auf der anderen Seite wartete bereits das nächste Tier, auf den Melkstand zu kommen.
Die Arbeit mit den Schafen war der beste Teil des Tages.
Die Sonne würde bald hinter dem Giebel des Haupthauses verschwinden. Dort oben, wo sie ihre Pläne zur Zerstörung von Emrald entwarfen und berieten. Das war schon in Ordnung. Kenda fragte sich nur, wie diese von sich selbst besoffenen, geistig wichsenden Besserwisser das hinkriegen wollten.
Der Kauf der alten Farm unterhalb des Reservats war die richtige Entscheidung gewesen. Das Land und alles andere reichten aus, um die Community zu ernähren. Das ging aber nicht von allein. Jemand musste die Felder bestellen, sich um die Tiere kümmern oder die Pumpe reparieren.
Die Pumpe saugte Luft an, sie stand für morgen als Erstes auf der Liste. Wohin Kenda blickte, es gab jede Menge zu tun. Die meisten sahen das gar nicht. Das sah nur, wer auf einer Farm groß geworden war. Und das war sie.
Sie hatte erwartet, dass die Gruppe ihr die Verantwortung für das Farm-Management übertragen würde. Einer musste auf dem Hof das Sagen haben. Sie hatte sich selbst vorgeschlagen, ein Fehler.
Es gab jetzt eine Arbeitsgruppe jeden Montagmorgen, um die Organisation der anstehenden Aufgaben zu besprechen. Natürlich war sechs Uhr viel zu früh, die Tagung begann um zehn mit dem Frühstück und zog sich gelegentlich bis Mittag hin.
Wo sie groß geworden war, gab es für sowas keine Zeit. Es war auch Schwachsinn. Auf der Farm diktierten die Ereignisse das Geschehen. Es ging vor allem darum, den Aufgaben nicht hinterherzulaufen. Ein Recht auf Freizeit gab es nicht, nur Gelegenheiten. Mitten am Tag ein Community Meeting einzuberufen – auf die Idee konnten nur Leute kommen, die unter Farmleben verstanden, dass man die meiste Zeit auf der Terrasse saß und die Landschaft betrachtete.
Es war schön hier in Montana. Einsam, aber das hatten sie gewollt. Der nächste brauchbare Laden war in St. Xavier, etwa zwölf Kilometer entfernt. Sie verstand sich gut mit den Leuten dort. Die üblen Streitereien, die in den großen Städten an der Tagesordnung waren, spielten hier keine Rolle. Es ging friedlich zu. Niemand interessierte die Meinung des anderen, und schon gar nicht, was andere auf ihrem Grund und Boden taten. Fast keiner hatte viel Geld. Auch das machte das Leben leichter.
Kenda hatte es als Farmerskind bis auf das MIT geschafft und die Elite-Uni mit einem Master in Engineering verlassen. Der Wechsel vom Dorf nach Boston war nach ein paar Anlaufschwierigkeiten nicht so schwer gewesen.
In der Stadt ließ sich einfach mehr regeln, das hatte sie schnell begriffen. Ihren Mitbewohnern, alles Großstädter, fiel der Wechsel aufs Land weniger leicht. Wenn etwas nicht lief, gaben sie meist dem Land die Schuld. Das kriegten nur Städter hin.
Das letzte Schaf hatte den Melkstand verlassen. Kenda räumte auf und trug die Milch rund einhundertfünfzig Meter den Hang hinauf zu Jago, der in der Sonne vor dem Kühlhaus saß. Garantiert total bekifft.
„Na, auch nicht auf dem Meeting?“, fragte sie und stellte die beiden Eimer vor seinen Füßen ab. Jago musste sie kommen gesehen haben. Die Eimer wogen schwer den Hang hinauf. Trotzdem hatte er keinen Finger gerührt.
„Muss dir ja die Milch abnehmen.“ Der faule Sack schaffte es, daraus einen Vorwurf zu machen. „Haben sie wieder mal vergessen, dich einzuladen?“
Sie konnte nicht erkennen, ob Hohn oder Mitleid in seiner Stimme lag.
„Der Käse, den du das letzte Mal gemacht hast … der hat irgendwie nach Scheiße geschmeckt.“
„Der Käse schmeckt so wie die Milch, die du anschleppst“, antwortete Jago, als sie schon wieder ging.
Sie drehte sich um und warf ihm einen Handkuss zu.
Mit Kiffern wie Jago konnte sie leben, auf ihn war Verlass. Neben der Käserei kümmerte er sich um die Cannabisplantage, zusammen mit der Pacht für das vergebene Land die bislang größte Einnahmequelle. Er kannte sich richtig gut aus und wusste außerdem, was mit Schnecken und anderen Plagegeistern zu tun war: killen.
Die vegane Fraktion hatte was von Öko-Anbau und Frieden mit der Natur gelabert. Kenda fasste es nicht. Die Leute hauten sich THC in hoher Dosis in die Rübe und machten sich anschließend Gedanken über ein paar Pestizidreste, die sie dabei womöglich eingeatmet hatten.
Erstens war das Zeug für den Verkauf bestimmt und nicht für den Eigenverbrauch. Und zweitens, sollten sie doch ihre eigenen Pflanzen ziehen. Kenda machte es genauso. Man musste sich nur täglich kümmern, sonst war von dem Hanf nach einer Weile nichts mehr übrig. Und beim Kümmern haperte es. Das sah jeder, der die Küche betrat, nachdem die Veganer sie zu ihrer Hauptbastion ausgebaut hatten. Immerhin, seitdem aß die Community jetzt mittags vegan.
Das Meeting lief noch, sie hörte laute Stimmen aus dem Versammlungsraum. Jetzt bloß nicht da rein. Sie setzte sich an der sonnengewärmten Holzwand ins Gras und drehte sich eine. Es war ihre erste Zigarette heute. Sie tat gut.
Bestimmt ging es drinnen um den neu angeschafften Avatar. Wer den Deputy wann nutzen musste und so. Sie hatte bewundert, wie schnell die Bunkerleute den Iris-Scan geknackt hatten. Gleichzeitig war sie sicher gewesen, dass es in Wahrheit ums Vergnügen ging.
Seitdem der Deputy jedem zur Verfügung stand, hatte ein Run eingesetzt. Man musste sich in einen Plan eintragen, aber nach kurzer Zeit war der Deputy über mehrere Wochen ausgebucht. Und zwar 24 Stunden am Tag.
Jetzt gab es eine neue Policy: Der Deputy wurde nur noch zu Forschungszwecken vergeben.
Lächerlich. In Wahrheit waren sie alle nur scharf auf Ausflüge in die Emrald. Sie war davon überzeugt. Nur gab das keiner zu. Drinnen hinter der Wand stritten sie gerade, welche Projekte Priorität und damit primären Zugriff auf den Deputy hatten. Auf keinen Fall wollte sie jetzt da rein und um ihre Meinung gefragt werden. Die Gefahr war groß, schließlich hatte sie die Anschaffung gegen ziemlichen Widerstand durchgesetzt.
Der Deputy selbst hatte sie nie interessiert. Sie war schon mal in der Emrald gewesen, mit einem Advantage sogar. Für eine Stunde, während einer Werbeveranstaltung von Emerald Inc. am MIT, die ihre Kommilitoninnen fast komplett boykottiert hatten. So gab es keine der üblichen Warteschlangen.
Es hatte ihr nicht so gut gefallen in Emrald. Sie hatte sich selbst eine Weile gefragt, warum. Bis sie die Antwort wusste. Es war zu einfach.
In Emrald gab es keine widerspenstigen Schafe. Es gab auch keinen Jago, der ihr am liebsten vor die Füße gepisst und dem sie gerne ihren Stiefel in den breiten Arsch getreten hätte. Der es schaffte, Schafskäse nach Scheiße schmecken zu lassen. Der trotzdem ihr wichtigster Verbündeter war. Besonders, wenn alle auf sie losgingen. Das gab es nicht in Emrald.
Die Tür wurde aufgestoßen, die Streits waren offensichtlich noch nicht zu Ende. Die Leute gingen gruppenweise auseinander. Als letzte verließen die IT-Spezialisten die Versammlung. Genauer gesagt, die Bunkerleute. Aufschneider, die sich in ihrem Rechnerraum verbarrikadierten. Sie schwiegen, was bedeutete: Sie hatten sich durchgesetzt.
Nach Kendas Meinung waren die Bunkerleute auf dem falschen Weg. Ein komplexes System wie Emrald würde sich nicht durch elektronische Sabotage zerstören lassen. Aber sie war ja nur eine unbedeutende Hackerin. Als Hackerin wusste sie dafür, dass man für einen Angriff einen physischen Zugang ins System braucht. Dieser Zugang war das Konto bei der Bellbank, das mit dem Kauf des Deputy gekommen war.
Die Bellbank war in Emrald, sie war ein Teil davon. Ein wichtiger Teil. Für Emerald Inc. der wichtigste, hundert Prozent. Als virtuelle Bank hatte es die Bellbank erfolgreich geschafft, sich den nationalen und internationalen Kontrollbehörden zu entziehen. Nie hatte ein Außenstehender in die Bilanzen der Bellbank geschaut.
Emrald verkaufte seine Dienstleistung an Menschen, die in der richtigen Welt lebten. Die Menschen mussten bezahlen. Manche verdienten inzwischen Geld in Emrald und konnten damit ihre Rechnungen bezahlen. Die meisten aber nicht. Wer in Emrald konsumieren wollte, musste vorher Währung in Bellcoin tauschen. Die Bellbank benötigte eine physische Filiale, um diese Transaktionen abzuwickeln. Genau dort lag der Zugang, den sie brauchten. Sie mussten die Verbindung zwischen der wirklichen Bellbank und den virtuellen Filialen zerstören. Konten vernichten. Dann wäre es mit Emerald Inc. bald vorbei. Kenda war absolut sicher. Hundert Prozent.
Ming Yue kontrollierte die Zeit. In wenigen Minuten, 21 Uhr Ortszeit Shanghai, würde die Meetings beginnen. Sie hasste die Abendtermine. Was sollte sie machen? In L.A. war es kurz vor 6 Uhr morgens, in Paris 15 Uhr. Internationale Konferenzen hatten ihren Preis.
Vor Mitternacht würde sie nicht aus dem Seat klettern. War das erledigt, musste sie den mit seinen Stahlbetonwänden und der zusätzlichen Armierung praktisch uneinnehmbaren Seat Room erst noch entsichern.
Das barg Risiken, weil es Unfälle im Seat geben konnte. Im Zweifel kam auch kein Arzt hinein. Ming Yue hatte aber gelernt, zwischen Risiken abzuwägen. Und dagegen stand das Risiko, dass sie während einer Visit Besuch von den Falschen bekam. Ziemlich sicher lauerte da draußen jemand auf eine Gelegenheit.
Direkt hinter dem Seat Room begann ihr hermetisch abgeschirmtes Anwesen. Ihre riesige Villa, eine gut ausgebaute Festung, die sie seit beinahe einem Jahr nicht mehr verlassen hatte. Von der sie nur Teile betrat. In Wahrheit ein Gefängnis, in das sie ihre Gegner gesteckt hatten. Und viel zu früh, um 5:30 Uhr, würde sie wieder geweckt. Sie hatte die Kontrolle über ihr Leben verloren.
Das alles war zu viel. Seit einer Weile trug sie Schatten unter den Augen. Manchmal mochte sie sich nicht mehr im Spiegel sehen. Sie hatte bemerkt, dass ihr Vater gesundheitliche Probleme hatte, aber nicht geahnt, dass es so schnell gehen würde. Dass sie mit noch nicht 30 Jahren den Vorstand von Emerald Inc. übernehmen musste. Dass sie ihre engsten Mitarbeiter fürchten musste. Das hatte sie nicht auf der Liste gehabt.
Noch war sie allein im Konferenzraum. Sie ging ein weiteres Mal die Fragen durch, die sie stellen wollte, und die Antworten, die sie gegebenenfalls würde geben müssen. Aus dem Nichts öffnete sich eine Tür. Manuel betrat den Raum.
„Hey Ming Yue, wie gut, dich zu sehen.“ Einer ihrer Feinde, außerdem Chief Security Officer von Emerald Inc., lächelte sie aus seinen schönen braunen Augen an. „Wartest du schon lange? – Tolles Panorama hast du gewählt.“
„Nicht so lange. Sind die Schweizer Alpen.“
„Beeindruckend.“
Sie nickte. Manuels falsche Freundlichkeit nervte. Andererseits machte sie das genauso.
Ming Yue eröffnete die Besprechung: „Manuel, was wissen wir Neues zu den Takeovers?“
„Sind dabei, sich zu unserem Hauptsicherheitsproblem zu entwickeln“, begann er. „In der vorletzten Woche waren es 327, die uns gemeldet wurden.“
„Das sind knapp 50 mehr als das Mal davor“, bemerkte Ming Yue. „Ist das das Ergebnis unseres Sicherheits-Updates?“
„Wir können ringfencen, soviel wir wollen, wenn die User ihre Daten freiwillig weitergeben, ist es schwierig. Und das ist praktisch immer der Fall.“
„Was heißt praktisch immer?“
„In 121 Fällen wissen wir, dass der User sensible Daten in Emrald an andere weitergegeben hat. Selber schuld. In weiteren 98 Fällen ging der Übernahme ein Einbruch in die Wohnung der Opfer voraus, in 104 Fällen gab es eine neu begonnene Beziehung. Wir haben jedes Mal Anzeige erstattet und arbeiten seit kurzem mit den Behörden so eng zusammen wie möglich. Die Ermittlungsquote ist dadurch in sechs Wochen von 22 auf über 50 Prozent gestiegen.“ Manuel machte eine Pause. „Sorgen sollte uns bereiten, dass zwei Drittel der betroffenen User auf den Ersatzavatar verzichten. Sie lassen sich lieber auszahlen. Und dann verbreiten sie das im Netz. – Zum Teil ist das ganz herzzerreißend.“
„Schön, dass du dir Sorgen machst, Manuel, aber das ist nicht dein Gebiet. Bleiben wir lieber beim Thema. Was ist mit den vier anderen Fällen?“
„Haben wir noch nicht exakt zugeordnet.“ Manuel fuhr mit den Augen über das Interface seines virtuellen Rechners. „Ist auch nur ein Prozent.“
„1,22 Prozent, richtig? Was genau wissen wir über diese vier Fälle?“
„Da können wir leider noch keine Schlüsse ziehen. Etwas ungewöhnlich, dass es drei Begins und ein Deputy waren. – Kann aber Zufall sein.“
„Drei Begins? Hatten die viel auf ihren Konten? Warum entführt jemand einen Begin?“
„Ich tippe auf Racheakte. Zwei der Begins hatten ein erhebliches Memory.“
„Der andere Begin, was ist mit dem? Und der Deputy?“
Manuel konzentrierte sich wieder auf das Interface. „Noch nicht so alt. Kann trotzdem Rache sein. Oder Eifersucht.“
- Er hat keine Ahnung und labert rum, dachte sie. Michelle hatte Manuel nicht allzu viel erzählt. Oder er war nur ein besonders guter Lügner.
„Okay. Bleib da dran. Nächster Punkt: Gibt es Aussichten, an die ungemeldeten Fälle ranzukommen?“
„So wie du das denkst, geht es jedenfalls nicht. Wir werden nie sehen können, was unsere Avatare sehen. Wir werden nie hören, was sie hören. Das haben wir deinem Dad zu verdanken.“
- Mein Vater ist also schuld. Dieses Arschloch!, dachte sie.
„Heißt das, ihr kommt nicht voran?“
Manuel hob die Schultern. „Was willst du? Das System läuft, unsere Gewinne steigen. Was schert es uns, wenn ein paar Insider hin und wieder ein paar Avatare entführen? – Entführungen gibt es auch in der richtigen Welt!“
Manuels Augen begannen zu strahlen.
- Insider! – Er hat Insider gesagt! Und jetzt sieht er mich treublöd an!, dachte Ming Yue.
„Hast du gerade nicht etwas von herzzerreißenden Geschichten im Netz erzählt?“
Manuel ging durch seine Unterlagen. Ganz offensichtlich riss er sich zusammen. Die Konferenzräume des Geschäftszweigs „Emerald Business“ waren die einzigen Orte in Emrald, wo virtuelle Kameras eingeschaltet werden konnten.
„Was immer wir probieren: Am Ende landen wir bei Thierry“, erklärte Ming Yue, als sie keine Antwort erhielt. „Haben wir inzwischen Zugriff auf Teile seines Neurochips bekommen?“
„Jemand aus der Autopsie hätte uns das gerne verkauft. Aber die bewahren sowas nicht auf. Es wurde damals über den Sondermüll entsorgt. Keine Chance, auf diese Weise ranzukommen.“
„Aber ihr seid rangekommen.“ Ming Yue nahm einfach mal den nächsten Satz des Chief Security Officers vorweg.
„Wir haben ihn letzte Woche ausgebuddelt und den Schädel mitgenommen. Du willst keine Details hören.“
„Ergebnis?“ – Dieser Bursche brachte sie nicht aus der Ruhe.
„Viel war nicht zurück geblieben nach der Autopsie. Aber wir haben ein paar Kleinstteilchen gefunden.“
„Ich fragte nach dem Ergebnis, Manuel.“
„Der Neurochip stammte garantiert nicht aus der Serienproduktion. Muss ein Prototyp gewesen sein. Laborarbeit. Allerdings nicht unsere, das haben wir geklärt.“
Der ehemalige Leiter ihrer Künstlichen Intelligenz hatte zum Zeitpunkt seines Todes einen unbekannten Neurochip implantiert. Das klang nicht gut.
„Was ist mit diesem angeblichen Skandinavier? Bist du da weitergekommen?“
„Da habe ich gute und nicht so gute Nachrichten. Wir haben ihn vermutlich. Jedenfalls haben wir DNA-Übereinstimmung. Aber er ist tot.“
„Wie habt ihr ihn gefunden?“
„Nicht so, wie du vorgeschlagen hattest. Thierry hat alles super-gründlich verwischt. Wir haben nichts gefunden: null Kontaktdaten, keine Spuren von irgendwelchen Transaktionen, nur das bisschen DNA auf seinen Lippen. Der Abschiedskuss vor dem Tod war wohl sein einziger Fehler geblieben. – Aber der hat uns jetzt zu einem Treffer verholfen.“
„Mach es weniger spannend. Ich höre auch so zu“, schlug Ming Yue vor.
„Seit wir den Behörden unsere Daten der Seat-Toten geben, bekommen wir unter anderem die DNA-Sätze aller Verstorbenen von dort. Und da gab es einen Treffer.“ Er räusperte sich. „Um es kurz zu machen: Der DNA-Satz, den wir auf Thierrys Mund gefunden hatten, stimmt mit dem eines ehemaligen Mitarbeiters überein, und der Mann war außerdem Deutsch-Schwede. Passt also zu dem Tipp, den wir erhalten hatten. Ein gewisser Lars Vonnegut. Hat in der Hamburger Unit gearbeitet, kleines Licht, Designs für Anzeigen in Emrald entworfen. Aufnahmen von ihm stimmen mit Bildern überein, die wir von dem Meeting auf Korsika haben. Thierry und dieser Vonnegut haben sich an einer Bar getroffen, kurz vor Mitternacht am zweiten Tag. Höchstwahrscheinlich kannten sie sich nicht. Sie gehen dann gemeinsam weg. Schau es dir an, ich habe es vorhin rübergeschickt. Weitere Bilder von den beiden gemeinsam haben wir nicht gefunden. Es spricht damit alles dafür, dass die zwei viel unternommen haben, um ihre Beziehung geheim zu halten.“
„Oder es war nur dieser One-Night-Stand. Hatte Thierry Kontakt zu Callboys?“
„Hin und wieder gab es was in diese Richtung, also sollten wir davon ausgehen. Eine Tatsache bleibt: die Person, die Thierry vor zwei Jahren in Korsika an einer Bar getroffen hat, die Person, die Thierry im Augenblick seines Todes geküsst hat, und die Person, die vor rund neun Monaten tot in ihrem Seat aufgefunden wurde – sind mit hoher Wahrscheinlichkeit ein und dieselbe.“
„Was hast du veranlasst?“
„Der Mann ist seit neun Monaten tot. Ausgraben können wir ihn nicht, er wurde verbrannt. Die Wohnung ist längst neu vermietet. Wir haben sie trotzdem durchsucht, hat aber nichts gebracht. Die Ermittler haben sein Vice gecheckt, auch nichts. Freundlicherweise haben sie uns den Seat auswerten lassen. Der Kunde war eindeutig ein Heavy User und praktisch überall unterwegs.“
„Dann hatte er Geld?“
„Auf seinem Konto bei uns lagen 50.000, was ja auch passt. Er hat es kurz vor seinem Ableben komplett transferiert. An wen, können wir nicht sagen. Er hat die Blockchain-Option genutzt.“
„Könnte das ein Takeover gewesen sein? Für mich hört es sich so an …“
„Gemeldet hat er ihn nicht. Kann aber sein. Es gibt noch etwas Auffälliges: Dieser Lars Vonnegut ist zwar in seinem Seat gestorben, es war aber kein Kollaps, sondern Fremdeinwirkung.“
Ming Yue hob die Brauen.
„Laut Angaben der Polizei wurde dieser Vonnegut erstochen. Jemand muss während einer Visit in seine Wohnung rein und ihn kalt gemacht haben. Das wäre nicht das erste Mal, dass Leute während einer Visit ermordet werden. Es wäre aber das erste Mal im Zusammenhang mit einem möglichen Takeover. – Wir denken heftig darüber nach, was das bedeuten könnte.“
„Hast du Leute auf seine Visits angesetzt?“
„Ja, genug. Wir wollten bis heute alles abgereist haben, haben wir auch geschafft. Es gab leider nichts zu sehen. Wir müssten in die Vergangenheit reisen können. Aber Emrald ist und bleibt eine Liveshow.“
Manuel beugte sich über seinen Rechner. Für ihn war die Spur tot. Sie verschwendeten wahrscheinlich einfach Zeit und jagten Gespenster.
„Bei der Gelegenheit: ich halte es für sinnvoll, die Zahl unserer Detektive in Emrald aufzustocken. Wir könnten viel im Vorfeld verhindern.“
- Mehr Mitarbeiter. Dabei befehligte Manuel schon jetzt eine Privatarmee.
„Du hast genug Leute dafür. 7.500 sind ständig unterwegs. Das muss reichen. Die Visitors sind nicht in Emrald, um sich überwachen zu lassen. Mehr Security in den sensiblen Zonen reicht.“
Manuel sah enttäuscht aus.
„Wir müssen noch über Galaxii reden. Das System belegt unsere Sendekapazitäten und saugt dauernd Energie ab. Kriegen wir das nicht in den Griff?“
Auf Manuels Stirn entstanden kleine Falten.
„Ein Satellit, der wie ein Parasit funktioniert und andere Satelliten nutzt, das ist schwierig“, fuhr er fort. „Er ist ähnlich leicht zu entdecken wie ein Taschendieb in einer Menschenmenge. Es gibt einfach zu viele Gelegenheiten und zu viele mögliche Täter. Wir wissen nicht mal, ob Galaxii einen oder mehrere Parasatelliten betreibt.“
„Deine Wortschöpfung?“, fragte Ming Yue.
„Nein, kommt von den Behörden.“
„Wieso finden die nicht die terrestrische Sendestation? Da oben schwirren doch genug Spionagetools herum.“
„Jeder will die Sendestation finden. Dann hast du auch die Technik. Und da liegt unser Problem.“
Ming Yue biss sich auf die Lippen. Manuel hatte offenbar tatsächlich keine Ahnung. Was bedeutete, dass Michelle ihn nicht wirklich eingeweiht hatte.
„Du meinst, ein Staat hat die Sendestation identifiziert und heimlich übernommen?“, fragte sie.
„Genau. Wäre ein großer strategischer Vorteil. Was würden wir denn machen, wenn wir die Möglichkeit hätten?“
Der CSO warf ihr einen langen Blick zu, der in einem Augenzwinkern endete.
„Wie ich höre, hast du dich in deinem Haus verschanzt. Geh´ einfach mal raus, das entspannt! Irgendwann wird es ohnehin ein Foto von dir geben. Du hast doch genug Leibwächter, um dich sicher fühlen zu können.“
Dann packte er seinen Rechner weg und verließ den Raum durch dieselbe unsichtbare Tür, durch die er gekommen war. Alle Leibwächter, die ihr Emerald Inc. zur Verfügung stellte, stammten aus seinem Team. Es waren gefährliche Leute. Noch nie hatte sie jemanden von denen näher als 50 Meter an sich herangelassen.
Fünf Minuten, nachdem Manuel verschwunden war, erschien Michelle, Leiterin des Betriebssystems. Ihre mächtigste und gefährlichste Gegnerin. Michelle hätte keine Skrupel, sie, Ming Yue, auf welche Weise immer aus dem Weg zu räumen. Schon ihr Vater hatte sie vor dieser Frau gewarnt.
Ihrem weich, freundlich und entgegenkommend wirkenden Avatar war nicht anzusehen, dass die wahre Michelle bereits über 50 und eine mit allen Wassern gewaschene, steinharte Frau war.
- Mit zwanzig war sie vielleicht wirklich ein ganz netter Mensch gewesen, dachte Ming Yue. Vielleicht.
Michelle hatte außerdem Jil mitgebracht, die sich schweigend an den Konferenztisch setzte. Ming Yue beobachtete den unangemessen kleinen Avatar Jils verstohlen aus den Augenwinkeln. Auch Jil würde wohl keine Gelegenheit ungenutzt lassen, sie, Ming Yue, zu töten. Noch lieber wahrscheinlich Michelle. Bislang hatte sie diese Gelegenheit nicht gehabt. Aber sie alle mussten aufpassen.
„Okay, wir sollten zuerst über Galaxii reden“, begann Ming Yue. „Manuel sagt, er kommt nicht weiter bei dem Thema. Er mutmaßt, dass jemand den terrestrischen Sender heimlich übernommen hat und zur Superwaffe ausbauen will.“
„Sehr gut. Und ist ja auch ein logischer Gedanke“, erklärte Michelle.
„Du weißt es aber besser?“
„So ist es“, erwiderte Michelle. „Unsere Messungen sprachen eine Weile dafür, dass einer unserer Satelliten der Parasatellit ist. Und wir selbst den Sender betreiben. – Du kannst dir vorstellen, wie peinlich der Gedanke war. Inzwischen sind wir noch etwas weitergekommen. Ich glaube nicht mehr an den Satelliten und den geheim betriebenen Sender. Es ist schlimmer.“
Michelle sah Ming Yue gerade in die Augen. Ming Yue erwiderte den Blick. Sie wusste, dass Michelle die Aufzeichnung des Gesprächs genau auswerten würde. Jetzt bloß nicht mit den Wimpern zucken. Nicht ein Mal. Keine verräterische Bewegung oder Geste. „Du meinst: Wir sind Galaxii? Wir jagen uns selbst? Kannst du mir erklären, wie so etwas funktioniert?“
„Nein, das kann ich nicht. Wenn wir das wüssten, könnten wir es abstellen. Unsere Messungen sprechen aber stark dafür, dass Galaxii auf unseren Servern liegt. Wir wissen weder wo, noch wann und wie es dahin gekommen ist. Bei einem Quantencomputer ist die Rückverfolgung schwierig.“
„Es war jemand von uns?“
„Ich gehe davon aus. Sicher sogar.“ Michelle ließ sie nicht aus den Augen.
„Können wir die Täter einkreisen?“
„Wir haben etwa tausend Personen mit administrativen Rechten. Jeder von denen kann es gewesen sein. – Auch du. Oder ich. Wenn jemand freiwillig gesteht, geht es. Vielleicht hilft uns auch der Zufall.“
Die Augen der COO bohrten sich in sie hinein. Ming Yue tat, als bemerke sie das nicht.
„Mit wie vielen Leuten hast du an dem Problem gearbeitet?“
„Mit niemandem, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Außer uns dreien weiß keiner davon.“ Michelle senkte ihren Blick tiefer. „Außer uns noch der oder die Täter. War ein genialer Schachzug, das hier einzubauen. Wir sind Galaxiis Lebensversicherung. Um den Sender loszuwerden, müssten wir Emrald komplett herunterfahren und die Stromversorgung abstellen. Das wäre gleichbedeutend mit einem Neubeginn. Und wir hätten zwei Milliarden extrem erboste Kunden, die wir dabei verlieren könnten.“
„Okay, ich habe verstanden, dass wir das momentan nicht lösen können. Dann müssen wir erstmal damit leben.“
Ming Yue sah nach der Zeit. Bald mussten sie den Konferenzraum verlassen.
„Reden wir jetzt über die Datenwolken. Haben wir einen besseren Überblick?“
Michelle lächelte Jil boshaft an: „Na, du kleine Datenwolke? Wie gefällt dir der Ausdruck?“
Jil verzog keine Miene.
„Unsere Kleine ist mehr als nur Datenwolke, sie ist ein funktionsfähiges Programm.“ Michelle sagte das fast liebevoll. „Lass sie uns Cluster nennen, das passt besser. Stimmt´s, kleiner Cluster Jil?“
Michelle ließ keine Gelegenheit aus, ihre Gefangene zu provozieren. Bestimmt erfüllte das einen bestimmten Zweck.
„Zu deiner Frage: Wir gehen inzwischen davon aus, dass es mehr als zehntausend solcher Störungen sind, in unterschiedlicher Größe und Dichte. Zwölf von ihnen verursachen starken Energieverbrauch. Auf diese Cluster sollte sich Jil konzentrieren.“
„Geht ruhig davon aus, dass es mehr als diese zwölf werden“, sagte Jil. „Das System wird weitere Cluster produzieren. Es wird geschehen, ich habe es gesehen.“
„Gut. Wir werden später entscheiden, worum du dich als Erstes kümmerst“, sagte Ming Yue zu Jil. „Einen Punkt möchte ich noch klären: Manuel hat vorhin von gut 300 Takeovers je Woche geredet. Was sagst du dazu: könnte das sein?“
„Er hat keine Ahnung. Es sind zehntausende“, erklärte Jil. „Manchmal gelingt der Takeover aber nur für Sekunden. Ist der User gerade breit, merkt er es nicht mal. Und die es merken, melden es nicht. Wäre ja auch verrückt. Sie lernen schnell, dass es nur vorübergehend ist. Und wer einen Takeover meldet, verliert sein virtuelles Gedächtnis. Wer will das schon?“ Jil lehnte sich zurück und schaute ihre Peinigerinnen böse lächelnd an.
- Kleiner Giftzwerg!, dachte Ming Yue.
„Das Gedächtnis der Visitors im System zu lagern, war genial für die Kundenbindung. Aber es hat auch Nachteile. – Ist es nicht so?“ - Jil ließ nicht locker.
Michelle und Ming Yue übergingen das.
„Wann geht Jil wieder rein?“
„Morgen. Sie wird für uns Cluster jagen. Aber das ist natürlich Jils Entscheidung. Vielleicht entscheidet sie sich auch fürs Sterben. – Na, Jil, wie ist die Stimmung?“
Jil antwortete nicht.
„Wie es ausschaut, wird es in vier, fünf Tagen soweit sein, denke ich. Danach schafft es der Leihkörper nicht mehr in den Seat. Falls der Arzt Recht behält. Ich glaube, Jil hat seine Kompetenz erkannt.“ Michelle sah Jil zum ersten Mal an und lächelte.
„Wir können dir was Besseres besorgen nächstes Mal. Du hilfst uns, und wir helfen dir. So einfach ist das.“
„Ich möchte nur einmal raus“, sagte Jil und wendete sich zu Ming Yue. „Raus aus dem Bett. Warum gebt ihr mir keinen Raum mit Fenster? Lasst mich wenigstens sehen, wie es wirklich ist.“
Michelle starrte ins Leere, Ming Yue antwortete nicht. Sie hatte sich schon einmal dabei ertappt, dass ihr dieses seltsame Wesen leid tat. Andererseits sagte ihr Verstand, dass Gefühle gegenüber einem Produkt des Quantencomputers MO völlig fehl am Platz waren.
„Uns bleiben noch zehn Minuten“, sagte Ming Yue, als Jil wieder in ihrem Bett auf der privaten Intensivstation von Emerald Inc. in Paris lag. „Danach wird dieser Raum von den UN übernommen. Treffen des Sicherheitsrats.“
Der letzte Teil des Meetings hatte begonnen.
„Vier, fünf Tage: hat der Arzt die Wahrheit gesagt?“
„Hätte er gelogen, wüsste Jil das. Vielleicht lügt sie auch. Ich traue ihr alles zu. Ich fühle mich echt nicht wohl mit ihr. Sie ist viel zu gefährlich. Wir müssen sie loswerden, und zwar sicher.“
Michelle hatte das nach und nach sagen wollen, aber dann war es herausgeplatzt. Sie ärgerte sich.
- Du bist gefährlicher, dachte Ming Yue.
„Ich möchte wissen, ob du einen Nachfolger für Thierry gefunden hast. – Wie sieht es aus?“
„Nicht gut, leider.“
„Wie kann das sein?“, fragte Ming Yue. Sie merkte, dass ihre Stimme zu hell klang. „Wir haben das größte Knowhow in künstlicher Intelligenz, tolle Arbeitsbedingungen und Gehälter, die fast doppelt so hoch sind wie anderswo. Und wir sind die einzigen, die Quantencomputer konstruieren, herstellen und betreiben können. Das muss für einen Experten in KI und Quantencomputik doch wie das Paradies sein.“
„Das heißt aber leider nicht, dass diese Leute an Thierry herankommen. Er war wohl wirklich das Genie, für das er sich gehalten hat. Seit seinem Tod wachsen unsere Probleme. Manchmal frage ich mich …“
„Ob er selbst dafür gesorgt hat?“, unterbrach Ming Yue.
Auf Michelles Stirn erschienen gerade tiefe Furchen.
„Was, wenn er drin ist? Ich meine: in Emrald. – Was machen wir dann?“
Ming Yue winkte ab: „Irgendwann sehen wir alle nur noch Gespenster. Lass uns abwarten, was Jil herausbekommt.“ In Wahrheit war sie überzeugt, dass es genauso war: Kurz vor seinem bevorstehenden Tod hatte sich Thierry in die Emrald abgesetzt. Wenn das stimmte, würde Jil ihn finden.
Eine Viertelstunde nach Mitternacht kletterte Ming Yue aus ihrem Seat. Drei Minuten später entriegelte sie die Sicherheitstür und betrat ihre Wohnung.
Das Haus war aus Statusgründen viel größer als notwendig, sie könnte darin spazieren gehen. Jetzt ging sie zum nächsten Kühlschrank, griff sich ein paar Packungen Energy Food und setzte sich damit an einen kleinen Arbeitstisch. Nachdem sie zwei davon heruntergeschluckt hatte, ging sie zum Wandschrank, öffnete den Tresor und nahm den kleinen Rechner heraus. Sekunden später hatte sie sich bei Galaxii eingelinkt.
‚Hallo, wie geht´s?‘
‚Super. Bin gerade aufgestanden. Du?‘
‚Ganzen Tag in der Firma. Sie schicken mich von einer Abteilung zur nächsten.‘
‚Lass doch den Scheiß. Komm rüber. Hier brauchen wir eine wie dich. Du wohnst erst mal bei mir. Mein Bett ist groß genug für uns beide. Deine Eltern kommen auch mal ohne dich klar.‘
‚Wenn du wüsstest, was hier alles auf mich drückt. Ich komme bestimmt, aber nicht jetzt. Unsere Zeit am MIT war meine Beste.‘
‚Meine Zeit jetzt ist die Beste. Komm einfach her. Wir können hier ziemlich genau alles tun. Liu! Ich vermisse unsere gemeinsamen Tage.‘
Ja, diese Tage vermisste sie auch. Sie hatten viel gelacht, viel Spaß gehabt damals. Und viel geleistet. Vor allem hatten sie Freiheit besessen.
‚Ich vermisse sie auch, Kenda. Aber ich muss warten. Noch geht es nicht.‘
‚Wir können sie kaputt machen, Liu!‘
‚Das können wir!‘
Sie legte den Rechner zurück in den Tresor, ging ins Bad und machte sich fertig für die Nacht.
Das darf jetzt nicht schiefgehen. Konzentriere dich. Die Wohnungstür abschließen. Die Treppe runter durch die Haustür, dann auf die Straße links abbiegen. Füße voreinander. An der Ecke erschien der kleine Laden. Genau, da wieder links. Der Blick durch das Schaufenster war mühsam, zu viele Reflexionen. Etwas bewegte sich drinnen. Völlig normal. Er schaute nach oben. Strahlend blauer Himmel und ein paar kleine Wolken. Rechts oben im Blickwinkel leuchtete der mit Kupferplatten neu eingedeckte Kirchturm. Er funkelte jetzt in der Sonne. Sah herrlich aus. Wie warm war das eigentlich. Von vorne kam jemand entgegen. Leichte Jacke, darunter ein Shirt, lange Hose, Sneaker, oben drauf eine komische Kappe.
Er sah an sich herunter. Ziemlich ähnlich gekleidet. - Gute Wahl!, dachte er in einem Anfall von Zuversicht. Alles straight geplant.
Straight? – Passte nicht. Was geplant? Ungefähr hundert Meter weiter geriet er aus der Bahn. Etwas stimmt nicht mit dem Gehen, oder? Die Art des Abrollens der Sohlen war zu weich. Andererseits waren das auch richtig gute Laufschuhe, die er an den Füßen trug, konnte also doch sein.
Da kam die große, vierspurige Straße. Er blickte sich um. Rechts war alles frei. Und links? Okay, von da kam Verkehr. In diesem Land wurde also rechts gefahren.
Im selben Moment fragte er sich, warum er das nicht gewusst hatte, und das Rad in seinem Kopf begann sich zu drehen. Er spürte den Impuls, den Autoscheiß zu ignorieren und einfach loszugehen. Es konnte nichts passieren. – Oder doch?
Im dichten Verkehrsfluss tat sich eine Lücke auf. War das genug, um bis zur Verkehrsinsel zu kommen? Er kniff die Augen zusammen. Das Kennzeichen des Autos war nicht zu lesen, es musste also weiter weg sein.
Er trat auf die Fahrbahn. Von links ein Hupen. Schnell weiter. Doch nicht so weit weg wie gedacht. Mehr Zeit nehmen.
Für den zweiten Teil der Straße, den mit dem Verkehr von rechts, wartete er so lange, bis die Fahrbahn eindeutig frei war. Er war jetzt aber nicht mehr sicher, ob das Sinn machte. War er überhaupt in der wirklichen Welt? Oder doch in Emrald?
Hinter der Straße gab es eine hohe Hecke mit einem Eingang dazwischen. Er trat da durch und stand auf einer Grünfläche, eine Art Park oder so. Rechts war ein gewaltiges Wasserspiel, das Plätschern und Gurgeln übertönte irgendwie alles. Er spürte, dass er die Kontrolle verlor. Was lief ab?
Seine Hand fuhr automatisch in eine Jackentasche und tastete nach dem Papier. Vergeblich: Da stand etwas, aber er konnte es nicht erkennen. Nur ein wildes Gepurzel von Zeichen und Ringen.
Nicht gut, nicht gut. Etwas zog ihn zu den Wasserspielen. Er folgte dem Antrieb. In der irren Hoffnung, dass ihm gleich alles einfallen würde. Zumindest der Grund, warum er hier war.
Die Anlage kam langsam näher. Sie bestand aus mehreren großen Figuren, die Wasserbögen in unendlichem Schwall in ein großes rechteckiges Becken spien. Der Brunnen war von einer kniehohen Mauer umfasst. Darauf setzte er sich.
Es gab wiederkehrende Geräuschwellen in dem Rauschen der Fontänen und dem Plätschern der auf die Oberfläche treffenden Wasserstrahlen, keine schlechte Sache. Sehr realistisch. Er saß da, hörte zu und wusste nicht weiter.
Vom Grünen her kamen zwei Gestalten heran. Ein Mann, die andere Figur war nicht genau zu identifizieren. Der Mann setzte sich neben ihn, die andere Person blieb stehen.
- Willst du ficken oder was?
„Du bewegst nur die Lippen! Du musst laut reden, ich versteh‘ dich sonst nicht“, sagte ihm der Mann viel zu dicht ins Ohr.
Er begriff. Wahrscheinlich ein Begin der ersten Stunde. Im Grunde Schrott. Dafür keine schlechte Ausführung.
„Willst du ficken oder was?“ Er hörte seine Stimme dröhnen.
„Was denkst du?“, fragte der Fremde die andere Gestalt.
„Ich denke Volltreffer“, meinte die. Sie war etwas aus verschiedenen Gelbtönen. Mehr konnte er auf die Schnelle nicht erkennen.
„Kein Ficken jetzt“, sagte der Mann und hob die Hände. „Du hast zu tun. Erinnere dich. Sag es mir. Ich kann helfen.“
„Switcher besorgen“, antwortete er unsicher. Er wusste nichts Besseres.
„Er hat einen vollen Flashback, ich habe es gesehen!“, rief die aus Gelb bestehende Person, „Me so perfect!“
„Hier gibt es keine Switcher“, sagte der Mann freundlich. „Du bist nicht in Emrald. – Was hast du da?“
Das Stück Papier lag noch in seiner Hand. Er beobachtete, wie es ihm der andere vorsichtig aus den Fingern zog. Dann reichte er es an die Gelbe weiter.
„Wow!“, machte die Gelbe. „Das ist eine 24er! Budget!“
„Pass auf!“, sagte der Fremde., „Du hast echt Chance. Ich helfe dir.“ Er sprach langsam. „Das hier“ – er wedelte mit dem Zettel vor seinem Gesicht – ist ein Rezept für Veroclac. Heißt du Julian Brandstetter?“
Ja! Das bin ich! Er war das garantiert.
„Du musst laut reden“, mahnte der Mann.
„Ja, bin ich!“ Der Mann wich zurück. Aus der Nähe hörte er aufsteigendes Flügelschlagen.
„Oder du nickst einfach, das ist besser“, sagte der andere.
Er saß seit einer Weile einfach da. Wozu war das jetzt gut? Etwas entfernt, auf einer Bank, hatte sich die aus Gelbtönen bestehende Person platziert. Jedes Mal, wenn er aufstehen wollte, kam sie und drückte ihn auf den Beckenrand zurück. Er konnte einfach nichts dagegen unternehmen. Sie hatte ihm das Vice aus der Tasche gezogen. Sie hatte Sachen damit gemacht, mehr wusste er nicht. Sie hatte ihn in der Hand. Bestimmt wollte sie Geld.
Sie hielt ihm das Vice unter die Nase. Wahrscheinlich versuchte sie einen Eye-Scan. Er machte die Augen zu.
„Mit welchem Finger identifizierst du dich? – Beweg ihn!“ Sie hatte ihre Hände unter seine gelegt.
„Lass mich fühlen. Wir haben doch nur zwei Versuche.“
Er beschloss, sich nicht zu rühren.
„Veroclac. Du brauchst Veroclac. Du musst das Rezept bestätigen, sonst rücken die das nicht raus. – Verstehst du mich? Mach jetzt einfach!“
Sie wurde offenbar böse. Veroclac sagte ihm was. Veroclac ist extrem wichtig. Er strich mit der Rechten über seinen linken Ringfinger.
„Good boy, good boy“, lobte die Gelbe und legte den Finger auf den Leser des Vice. Es machte ´Pling!´
„Perfect. Gleich wird alles gut. Noch einen Augenblick.“
Der Mann tauchte wieder auf. Ziemlich sicher derselbe von vorhin. Er wedelte mit etwas herum.
„Ich hab das Veroclac gekauft, hat 480 gekostet, das schuldest du mir. Und dann kommen noch 520 für den Kauf dazu, das sind 1.000 zusammen. Wir machen jetzt die Trans, und dann kriegst du, was du brauchst. Verstanden?“
Er hatte Limits eingebaut. In der Welt waren das 2.000, bei der Bellbank 5.000. Er wusste, dass der Mann und die Person das jetzt abziehen würden, egal was sie behaupteten. Veroclac ist extrem wichtig.
Die beiden beugten sich über sein Vice und machten Eingaben, dann kam der Eye-Scan. Was sollte er machen.
Sie steckten ihm ihre Finger zwischen die Kiefer, öffneten seinen Mund und legten etwas auf seine Zunge. Dann schüttete der Mann etwas in seinen Rachen hinein. Er verschluckte sich sofort und begann heftig zu husten.
„Scheiße, er hat sie wieder ausgespuckt.“ Sie probierten es noch einmal, diesmal ohne Wasser. Nach einer Weile spürte er ein Brennen auf der Zunge. Schlucken!Das ist die Veroclac!
„Wird auch so klappen. Der ist tough“, erklärte das gelbe Etwas. „Wir fallen langsam auf. Lass uns besser verschwinden.“
Der Mann steckte etwas in seine Jackentasche. „Das ist für dich. Den Rest brauch ich selber, verstehst du?“
Sie hakten ihn unter bis zu einem großen Stück Rasen. Dann waren sie weg.
Von Westen hatte ein frischer Wind aufgedreht. Der Wind half der einsetzenden Flut, riesige Massen von Wasser landeinwärts zu drücken, und mit ihnen Tiere, die mit der Flut den Fluss heraufzogen. Den kleinen Fischen folgten größere Fische, um die Kleinen zu fressen. Seehunde, die die großen Fische jagten. Das Wasser war sehr nah, er spürte es. Die Luft roch salzig und nach Tod.
Der Wind trieb kleine Wolken über den Himmel, die Sonne hatte den Zenit überschritten, stand aber immer noch hoch und wärmte den Rasen. Er lag ausgestreckt auf dem Rücken und spürte das weiche Gras unter seinen Händen. Das war angenehm. Er konnte Vögel zwitschern hören, dazwischen menschliche Laute. Eigentlich war alles gut. Er schloss die Augen und drehte seinen Kopf in die Sonne. Die Welt wechselte in ein helles Rot. Gar nicht so schlecht. Er begann, sich zu entspannen. Wenn er nur wüsste, wer er war. Wo er war. Oder was er als Nächstes machen sollte.
Etwas hatte sein Blickfeld für einen Augenblick verdunkelt. Nur ein Schatten. Dann ein Rascheln in der Nähe. Er drehte sich nach rechts und öffnete die Augen. Keine drei Meter neben ihm ließ sich jemand nieder.
Es war eine junge Frau in einem offenen, hellgrünen Kleid. Sie warf eine Decke auf das Grün und legte sich hin. Sie sah nicht schlecht aus. Sie machte ihn an.
Er warf ihr einen auffordernden Blick zu. - Na, wie wär‘s?
Die Frau sah kurz zurück, stöhnte etwas, drehte sich auf die Seite und zeigte ihm ihren Rücken.
Sie wollte also, dass er sie von hinten nahm. Das war aus seiner Sicht voll in Ordnung. Egal wie, ein guter Fick war jetzt genau das Richtige.
Gerade als er sich aufmachen wollte, um sich ihrer anzunehmen, begann das Veroclac zu wirken. Er spürte es sofort, denn er kannte es schon.
Jemand hatte Salz auf seine Hirnhaut gestreut. Es schien, als würden hunderte Nadeln in sein Gehirn stechen. Dazwischen furchten sich mit Säure gefüllte Gräben durch seinen Kopf. Die Schmerzen waren nicht auszuhalten. Er wimmerte, verlor das Gleichgewicht und fiel zurück auf den Rasen. Vor seinen Augen tobte ein Gewitter aus Blitzen, Lichtern und Farben. Die Farben verblassten, und ein grelles Weiß blendete ihn. Er konnte den Blick nicht abwenden. Langsam verschwand das Grelle, wechselte in ein mattes Weiß und dann in Grau. Das Grau wurde dunkler, und dann war die Welt in schwarz getaucht.
Er betastete seine Augenlider. Nein, halt, seine Augäpfel. Ja, sie standen offen. Er stöhnte vor Schmerzen - und er war blind. Eine häufige Nebenwirkung nach Einnahme von Veroclac, er erinnerte sich. Gewöhnlich setzte das Sehvermögen nach einer Weile wieder ein. Gewöhnlich. Der Gedanke beruhigte ihn ein bisschen. Er hörte eine scheußliche Stimme in seinem Kopf. Es dauerte, bis er begriff, dass er das selber war. Du darfst jetzt nicht aufgeben. Dann verlor er das Bewusstsein.
Er konnte nicht genau sagen, wie lange er weg gewesen war, wahrscheinlich nur sehr kurze Zeit. Das Erste, was er sah, war ein Vice dicht vor seinen Augen und dahinter eine teilnahmslose Jugendliche, die Besitzerin des Geräts.
„Was soll das“, rief er und langte nach dem Vice, aber die junge Frau war viel schneller und zog es einfach weg.
„Wie du siehst, zeigt die Person verlangsamtes Verhalten“, redete sie in das Vice, „das ist ziemlich typisch für einen Heavy User, wenn er in die Wirklichkeit gerät und dabei einen Flashback durchläuft.“
Julian starrte das Mädchen böse an. „Du hast kein Recht …“
„Ich hab dich verunkenntlicht, ist alles okay“, unterbrach sie ihn. „Nur ein paar Fragen: Wie viele Kinder hast du? Kannst du mir ihre Namen sagen?“
„Verschwinde!“, krächzte er und versuchte, sie mit der Hand zu erwischen, aber er hatte null Chance.
Sie hielt immer noch das Vice auf ihn und legte jetzt offensichtlich Ton darüber.
“Das könnte dein Vater sein. Hast du ihn dir angeschaut? Wie fertig er ist? Willst du so einen Emmi? Kein Witz: Das macht Emrald ganz schnell auch aus deinen Eltern. Du willst das nicht? – Dann komm zu uns, join! Melde dich bei children for parents initiative, cfpi! Wir sind stärker!“
In das Vice labernd, machte sich die Jugendliche davon.
Scheißaktivistengöre!, dachte er wütend. Allmählich fiel ihm alles wieder ein. Er tastete nach dem Vice. Gut, er hatte es noch.
Was die ihm wohl abgenommen hatten? Er schaute nach. Wie gedacht: 2.000 hier, 5.000 von der Bellbank. Nach dem aktuellen Umtauschkurs machte das 12.000 in echter Währung. Für andere waren das drei Monatsgehälter. Nicht für ihn. Aber es war ärgerlich. Das Veroclac! Hatte er es überhaupt? Zitternd durchsuchte er seine Taschen. In einer fand er einen Blister mit elf Tabletten, eine war rausgedrückt. Die arbeitete jetzt in seinem Kopf. Einen weiteren Blister hatte er nicht.
Diese miesen Schweine! 12.000 für zwölf Tabletten! In der Apotheke kostete eine Veroclac umgerechnet 20, und die Dealer würden sie wahrscheinlich jetzt gerade für 100 das Stück verticken, das brachte nochmal 1.200.
Und er hatte nur noch elf statt 23. Das bedeutete neue Probleme, denn es war nicht leicht, ein Rezept auf Veroclac ausgestellt zu bekommen. Zumindest, wenn man nicht schizophren war. Die Aufsichtsbehörden waren aufmerksam geworden und schritten häufiger ein. Laut Berichten hatten ein paar Mediziner wegen Veroclac-Verschreibungen ziemlichen Ärger bekommen. Das machte es nicht leichter.
Er versuchte aufzustehen. Es gelang. Leicht taumelnd schaute er sich um. Die Sonne strahlte noch immer hoch am Himmel, von hinten hörte er ein Plätschern, das war der alte Brunnen. Offenbar hatten sie das Wasser aufgedreht. Auf einer Sandbahn links spielte eine Gruppe älterer Menschen Boule. Friedlicher ging es nicht.
Am anderen Ende des Rasens ihm direkt gegenüber lag eine Frau in einem hellgrünen Kleid auf einer mitgebrachten Decke. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, doch ganz eindeutig hielt sie etwas in der Hand. Wahrscheinlich ihr Vice, vielleicht sogar ein Buch.
Scheiße, Du wolltest sie vergewaltigen, Arschloch!
Es wäre ihm nicht gelungen, schon gar nicht hier am helllichten Tag, aber sie oder jemand anderes hätte die Bullen gerufen, und dann … besser nicht daran denken.
Dröhnender Schmerz hämmerte in seinem Kopf, sein Mund war trocken, er hatte irren Durst. Er wusste, sein Gesicht war jetzt hässlich gefärbt und angeschwollen. Er kannte diesen Anblick.
Die Jacke hatte eine Kapuze. Die fummelte er aus ihrer Tasche heraus und zog sie tief über die Stirn. Statt nach Hause ging er in eine andere Richtung davon.
Nach einer halben Stunde, als er sicher war, dass ihm niemand folgte, schon gar nicht das Activist Girl oder Verbündete von ihr, bewegte er sich auf Umwegen zurück in seine Wohnung. Zu hundert Prozent hatte sie den Clip längst ins Netz gestellt, auf truu oder AYB?.
Pixeln nutzte gar nichts, solange er leicht an seiner Kleidung zu identifizieren war. Er konnte nur hoffen, dass ihn niemand erkannte. Gerade verfluchte er seine superteuren, aber coolen Sneaker. Das Treppenhaus war leer. Kein Nachbar hatte ihn gesehen.
Er schloss auf, stürzte zum Wasserhahn und trank. Das Wasser schmeckte nach mehr, löschte aber nicht so richtig seinen Durst. Es fiel ihm schwer aufzuhören. Unstillbare Durstgefühle waren eine der Nebenwirkungen von Veroclac. Am Ende ziemlich erschöpft, ließ er sich ohne lange zu denken in den Seat fallen. Das Gerät erwachte sofort zum Leben, als es seinen Benutzer spürte. Er stand schnell wieder auf.
Es war nicht gut, unter Veroclac eine Visit zu machen. Gar nicht gut. Die Wirkung konnte nachlassen, und dann musste man die Dosis erhöhen. Er wusste es. Ein Kumpel hatte mit einer viertel Veroclac angefangen, jetzt brauchte er eine ganze. Und ihm hatten die beiden Dealer gerade auch eine ganze Tablette in den Rachen gesteckt. Diese Schweine! Einen Anfänger hätte diese Dosis wahrscheinlich direkt in die nächste Klapse befördert, es gab genug solcher Patienten darin.
Die Empfehlung war, nach Einnahme mindestens zwölf Stunden bis zur nächsten Visit zu warten. Das war eindeutig übertrieben, zehn Stunden reichten ihm.
Aber die zehn Stunden wollten ja auch irgendwie verbracht sein. Die Frage war womit. Er kannte das. Er würde sich auf nichts konzentrieren können. Alles nervte nach kurzer Zeit. Selbst das Pinkeln.
Ein kurzer Blick in den Spiegel. Hätte er sich vielleicht besser gespart. Seine beinahe makellose, glatte, braune Haut war rotfleckig und seltsam grobporig, das Gesicht davon hässlich und aufgedunsen – ein Schwamm, an dem jemand mit einem stumpfen Messer schnitzen geübt hatte. So wollte er sich nicht sehen.
Aus Verlegenheit checkte er sein Vice. Danach hatte er seine Wohnung um elf 11:00 Uhr verlassen und den Park um 11:07 Uhr erreicht. Im Park hatte das Vice dann nur wenige Bewegungen registriert. Um 11:21 Uhr gab es einen Kontakt mit Personen, die das Vice als „Unfriendly People“ identifiziert hatte. Das war schon eine ziemliche Nummer und bedeutete, dass er Wiederholungstätern in die Arme gelaufen war.
Im Default Modus sendete das Vice in so einer Lage eine Meldung an die Eingreifstelle. Nicht sein Vice, er hatte die Funktion bei einem Spezialisten deaktivieren lassen. Das hatte viel Geld gekostet, aber die Leute von der EGS am Hals zu haben, war eindeutig schlimmer.
Um 12:33 Uhr war der Kontakt mit den UPs abgebrochen. Dann, um 13:17 Uhr, hatte sein Vice eine Warnung an andere Geräte in der Nähe geschickt, dass der Besitzer gerade über wenig Selbstkontrolle verfügte, und jeder wusste: Das bedeutete praktisch immer schwerer Rausch. Diese Funktion des Vice war direkt mit der EGS verkoppelt und ließ sich nicht abstellen. Als Ausweg blieb nur das Abschalten des Vice oder es zuhause zu lassen, was theoretisch möglich, aber nicht praktikabel war. Nicht für ihn jedenfalls.
Er schaute in den Gesundheitsstatus und stellte fest, dass der sich von Dunkelgrün nach Grün bewegt hatte. Es durfte nicht passieren, dass er auf Hellgrün wechselte. Danach kam Orange. Ab Orange verschickte die EGS eine sogenannte Einladung zur Konsultation, die in Wahrheit aber keine Einladung war. Jeder wusste das.
Wer nicht kam, bekam Besuch. Natürlich bot die EGS auch dann ein Gespräch an, dazu war sie gesetzlich verpflichtet. Das Ergebnis war dann aber vorhersehbar: es gab ein schönes Fußband. Bei Stufe eins bedeutete das sieben Tage Totalkontrolle, und bei Wiederholung steigerte sich die Sache rasch: Stufe zwei waren schon vier Wochen und in der drei war man zwölf volle Wochen an der Leine. Stufe vier bedeutete Therapie. Das brauchte niemand. Es gab eine Menge Infos im Netz darüber. Vielleicht stimmte vieles nicht, und es hieß, dass die EGS die drastischsten Berichte selbst verfasst hatte, zur Abschreckung – aber was, wenn es doch so war?
Er brauchte den grünen Status, sonst konnte er sein Leben, wie es war, vergessen.
Er sah nach der Zeit. 15 Uhr. Er würde bis um 22:30 Uhr warten müssen, bevor er in den Seat konnte. Was tun bis dahin?
Er spielte ein bisschen auf dem Vice herum. Irgendetwas gab es ja immer zu gucken, was Lustiges vielleicht … das Einzige, was ihm das Vice neben den wichtigen Funktionen bieten konnte, das es in Emrald nicht unendlich viel besser gab.
Wer lachen wollte, musste in Emrald suchen gehen. Es gab Komiker, die mit ihren Avataren in Emrald gegen gute Honorare auf die Bühne gingen. Solche Vorstellungen waren oft stark besucht. Mit der KI selbst war es anders. Ein Programm, das Humor generierte, hatten die Entwickler bisher nicht zustande gebracht.
Die Rover, denen man als Besucher in Emrald auf Schritt und Tritt begegnete, waren alles Mögliche, aber keine Wanderer oder Vagabunden. Im Prinzip waren sie nur Sub-Programme, die Emrald-Besucher als Gestalten wahrnahmen. Der Name Rover war Fake. Ein anderes Wort für Sklave. Ein Rover konnte erlernte Witze reißen, aber er konnte ihren Witz nicht begreifen. Das machte ihn nicht lustig. Er lachte in vorgegebenen Situationen, aber nie spontan und aus dem Herzen. Manchmal, unfreiwillig, machte auch ein Rover einen Scherz. Und bemerkte es nicht.
Rover waren das Richtige für die Maniacs, die ohnehin nur auf Geschlechtsverkehr aus waren und für die Violencer, die ihre Gewalttätigkeit auslebten. Oft waren Maniacs gleichzeitig Violencer. Über diese Anfängerstadien war Julian längst hinaus, das primitive Gehabe der Einsteiger war ihm zuwider.
Rover waren wichtig als Helfer für bestimmte Dinge. Auch in Emrald zerrte ein schwerer Koffer ordentlich an der Hand, wollten Einkäufe erledigt, Schiffe geführt, Züge gefahren, Flugzeuge geflogen oder Pferde gesattelt werden.
Ansonsten lehnte Julian die Rover ab. Stellte ihm ein Rover eine Frage, gab er kurz Antwort, das Nötige. Mehr nicht. Gespräche einfach zum Zeitvertreib führte er mit Rovern schon lange nicht mehr, und Ficken – das lag ewig zurück.
Für Unterhaltung und Geschlechtsverkehr traf er sich fast ausschließlich mit seinesgleichen. Es gab Bereiche in Emrald, die nur Topare betreten konnten. Dort hatte er ein paar Kumpel gefunden. Niemand, den er besonders mochte, aber Gesellschaft.
Er hatte jetzt ungefähr zwanzig Clips angeschaut und war bei kämpfenden afrikanischen Käfern angekommen.
Die Käfer waren Pillendreher, und sie gingen mit Macht aufeinander los. Man hörte das Chitin knacken und krachen. Es gab Bauern und Räuber. Die Bauern drehten ihre überkäfergroßen Pillen aus Kot, in den ein Weibchen seine Eier legen sollte.
Die Kotkugeln waren praktisch die Eintrittskarte in den Prozess, und entsprechend wurde gekämpft.
Der Tisch war reichlich gedeckt. Der Clip spielte in einem Nationalpark in Südafrika, und überall lag haufenweise Elefantenscheiße herum. Trotzdem gab es offenbar Käfer, die sich spezialisiert hatten. Sie drehten keine Kugeln aus Kot. Sie hatten es ausschließlich auf das Werk anderer Käfer abgesehen. Es kam zu Überfällen. Manchmal kämpften die Kontrahenten so lange, dass sie zu vergessen schienen, worum es eigentlich ging. Der Clip zeigte, wie ein dritter Käfer ganz cool mit der Beute abzog, während zwei andere verbissen um etwas kämpften, das es längst nicht mehr gab. Kam ihm irgendwie bekannt vor.
Rauben war weniger anstrengend als arbeiten, trug aber ein Risiko zu scheitern. Stehlen war leichter als Rauben und nicht so riskant. Erwischt werden konnte man dennoch. Einen Jäger gab es immer. Niemand wusste das besser als Julian.
Wie spät? - 15:35 Uhr. Die Zeit verging nicht.
Ob er einmal nach sich selbst suchen sollte? Bei truu oder AYB?
„Are you bored?” hatte als erste Plattform begonnen, abschreckende Clips von Heavy Usern ins Netz zu stellen. AYB? hatte damit schnell Anhänger gewonnen, die Emrald ohnehin nicht betreten durften, also Kinder und Jugendliche. Darauf hatte truu nachgezogen. Darauf hatte Emrald mit Werbeboykott reagiert. Danach waren beide Plattformen auf staatliche Unterstützung angewiesen, was lauter Zeigefinger nach sich zog. Immerhin: Es gab sie noch.
Er fand sich sofort auf AYB? in der vermuteten Rubrik.
Nein, das sah nicht gut aus. Die junge Frau musste angefangen haben, ihn aufzunehmen, als er seine Sehkraft verloren hatte. Alle wichtigen Erkennungsmerkmale hatte die Software sauber verschattet. Nur die Augen hatte das Programm übersprungen. Bestimmt, weil nur das Weiße darin zu sehen war. Original Horrorfilm, keine Frage. Der sich aufbäumende, krampfende Körper, die gurgelnden Laute, die langen Speichelfäden, die ihm aus dem Mund hingen – das alles hinterließ einen wirkungsvollen Eindruck.
Es fesselte ihn. Die Kommentare der Aktivistin waren egal, die störten nur.
Die Kamera schwenkte kurz hoch und zeigte das Umfeld. Nur wenige Besucher des Parks schienen sich für die Szene zu interessieren. Ein paar Leute schauten neugierig herüber, niemand näherte sich. Das war gut. Er hatte also kaum Aufmerksamkeit erregt. Danke, Clip-Girl, für den Hinweis!
15:50 Uhr. Er verdunkelte die Wohnung, legte sich auf sein Bett und versuchte zu ruhen, besser zu schlafen. Aber das funktionierte nicht auf Veroclac. Es wurde nicht dunkel, wenn er die Augen schloss. Stattdessen tanzte in seinem Kopf ein Meer von Farben. Er glaubte es zu spüren, wenn eine dieser Wellen gegen seine Schädeldecke schlug. Komische Sache. Nicht angenehm.
Er öffnete die Augen und starrte in den abgedunkelten Raum. Besser.
Was funktioniert eigentlich auf Veroclac? – Das war die Frage!
Vielleicht erinnern? Er ließ es auf einen Versuch ankommen.
Sein Gedächtnis reichte so etwa zehn, zwölf Jahre zurück. Aber es waren nur Fragmente. Davor? - Schwierig. Er hatte nur ein paar Fetzen von Erinnerungen, mehr nicht.
Er erinnerte sich an ein in alten Ecken und Winkeln riechendes Haus am Ende eines Dorfs in einem kleinen Tal. Das war das am längsten Zurückliegende, von dem er wusste. In dem Haus lebten er und zwei alte Menschen. Die Frau hatte weißes Haar und leider kein Gesicht. Er und der Mann nannten sie Traudl, das wusste er noch. Der Mann hieß Ferdi und hatte auch kein Gesicht. Auch er selbst hatte kein Gesicht. Vielleicht lebten sie deshalb zusammen. Er war gern bei den beiden Alten. Sie vertrugen sich gut miteinander. Nur selten gab es Ärger, denn eigentlich tat er immer, was die beiden von ihm verlangten. War auch nicht viel.
