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Ena wächst in Mali auf und muss wegen Mordverdacht flüchten. Sie erlebt auf ihrem Weg Mord, Qual, Krieg, Flüchtlingselend und seelische Pein, doch auch dem großen Glück ihres Lebens begegnet sie. Nach vielen Hindernissen schafft sie es endlich mit ihrem treuen Hund nach Deutschland, wo sie ihren Traum verwirklichen kann und Krankenschwester studiert. Es dauert jedoch noch Jahre, ehe sie ihre große Liebe wieder in die Arme schließen kann. Doch auch in Deutschland lässt man sie nicht in Ruhe, jederzeit muss sie damit rechnen, dass wieder etwas Grausames geschehen kann ...
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ena wächst in Mali auf und muss wegen Mordverdacht flüchten. Sie erlebt auf ihrem Weg Mord, Qual, Krieg, Flüchtlingselend und seelische Pein, doch auch dem grossen Glück ihres Lebens begegnet sie. Nach vielen Hindernissen schafft sie es endlich mit ihrem treuen Hund nach Deutschland, wo sie ihren Traum verwirklichen kann und Krankenschwester studiert. Es dauert jedoch noch Jahre, ehe sie ihre grosse Liebe wieder in die Arme schliessen kann. Doch auch in Deutschland lässt man sie nicht in Ruhe, jederzeit muss sie damit rechnen, dass wieder etwas Grausames geschehen kann...
Roland Friederich wurde am 01.05.1939 in Staufen im Kanton Aargau in der Schweiz geboren.
Nach seiner Pensionierung wollte er geistig fit bleiben und setzte sich eines Tages hin und begann zu schreiben. Eigentlich war es nicht vorgesehen, aber es entstand daraus ein spannender Thriller mit immer noch aktuellem, politischem Hintergrund.
Seit über 30 Jahren lebt er mit seiner Frau im schönen Tessin und geniesst das wundervolle Panorama.
Ein von Mord überschatteter Lebenslauf,
der von einer bedingungslosen, tiefen
Liebe geprägt ist!
Kapitel
Kapitel
Wenn ein Mensch 365 Tage im Jahr bedroht wird, dann kann seine Psyche dies fast nicht mehr verarbeiten. Dieser Mensch fühlt sich ununterbrochen in Gefahr. Wie kann so ein Mensch sein Leben leben? Daraus einen Ausweg zu finden ist praktisch unmöglich……arme, sehr arme Menschen die so was erleben müssen, leider gibt es immer mehr davon!
Mali
Ein Binnenstaat im Inneren Westafrikas, grenzt an sieben Nachbarstaaten; im Nordosten und Norden an Algerien, im Nordwesten an Mauretanien, im Osten an Niger, im Südosten an Burkina Faso. An Mali grenzen ausserdem Senegal, Guinea und die Elfenbeinküste. Oberhalb des Nigerflusses liegt die Wüste Sahara, welche zwei Drittel der ganzen Landesfläche bedeckt. Es ist eines der ärmsten Länder der Erde, mit ca. 14,5 Millionen Einwohnern. Das Land ist der 3. grösste Goldproduzent der Welt. Von diesem Reichtum profitieren nur ganz wenige an der Regierungsspitze. Die Frauen jedoch produzieren einen gewaltigen Geburtenüberschuss, einen der grössten von ganz Afrika. Die Religionen spielen dabei einen entscheidenden Faktor. Der starke Einfluss des Islams erschwert Massnahmen zur Familienplanung. Mali weist ein selbst für afrikanische Verhältnisse sehr grosses, jährliches Bevölkerungswachstum von 2,8 % auf. Politisch führend sind die Malinké, obwohl sie nur 6 % der Bevölkerung bilden. Dies führt immer wieder zu Spannungen zwischen den verschiedenen Völkergruppen. Als Nomaden leben in der Mitte des Landes vor allem Fulanis. Sie leben zum grössten Teil vom Ackerbau und sind sehr arm.
Noch heute ist ersichtlich, dass Mali einst ein Land war, das von vielen Flüssen durchzogen war. Dies muss für das Land eine sehr fruchtbare Zeit gewesen sein, im Gegensatz zum jetzigen Zeitalter, in dem kaum mehr Regen fällt. Das Wasser hat sich durch die Felsen gefressen und ist schliesslich ganz im Boden versunken.
In dem kleinen Dorf Kayes, nur ca. 100 Kilometer von der Grenze zu Guinea, lebten ca. 300 Personen, davon 45 % Kinder. Sie waren muslimischen Glaubens und ihr ganzes Tun und Handeln spielte sich nach den Regeln des Korans ab. So durfte ein Mann bis zu sieben Frauen besitzen. Jeder machte, was ihm oder ihr gerade in den Sinn kam, oder was ihm oder ihr Lust bereitete. Immer mehr wurde es zur Gewohnheit, dass, sobald sich eine Gelegenheit bot, auch die Nachbarsfrau beglückt wurde. Die logische Folge war, dass eine beängstigende Anzahl von Kindern das Licht der Welt erblickte. In einem Dorf, das ausschliesslich von der Landwirtschaft abhängig war, eine katastrophale Entwicklung. Es gab immer weniger Nahrung, um all die hungrigen Mäuler satt zu bekommen. Sie begannen einander zu bekriegen und auf den Feldern wurde nachts das Gemüse gestohlen. Zudem wurden sie aus dem nahen Guinea immer wieder überfallen. Oft wurde im Namen eines älteren Offiziers geplündert und vergewaltigt; meistens handelte es sich um sogenannte Kindersoldaten. Sie waren kaum stark genug, ihre Waffen zu tragen, aber um die armen Mädchen und Frauen zu vergewaltigen, reichte ihre Kraft.
In diesem Dorf lebte auch die Familie von Ena. Es gab Komplikationen und die Mutter von Ena starb bei deren Geburt. Sie musste elendiglich verbluten, weil keiner zu helfen wusste, obwohl die Nachbarsfrauen taten, was sie konnten. Einen Arzt zu holen, hätte sowieso zu viel Zeit beansprucht. Und so wuchs die kleine Ena mit ihrem um vier Jahre älteren Bruder Jonathan bei ihrem Vater auf.
In der Zeit, als Ena noch nicht zur Schule musste, hatte sie trotzdem eine, für die dortigen Verhältnisse, schöne Jugendzeit. Jonathan war nicht nur ihr Bruder, sondern auch ihr bester Freund und sie teilten alles miteinander. Oft setzten sie sich hinter das Haus in den kühlenden Schatten, steckten die Köpfe zusammen und erzählten sich Geschichten, eine fantastischer als die andere.
Wenn die Banditen aus Guinea ihr Dorf wieder einmal mehr heimsuchten, musste Ena versteckt werden. Diese Aufgabe übernahm ihr Bruder Jonathan, er kannte ein Versteck in einer nahegelegenen Höhle. Ena musste sich absolut ruhig verhalten, sodass sie ja nicht entdeckt wurden. Nach dem Abzug der Wegelagerer ging es mit klopfenden Herzen wieder zurück nach Hause. Das Wenige, das übrig geblieben war, wurde mit grossem Heisshunger verzehrt. Und für Notfälle hatte jeder vom Dorf irgendwo unter der Erde einen kleinen Vorrat vergraben.
Ein Vorkommnis in ihrer Jugend prägte sie ganz besonders. Als die Wegelagerer aus dem Nachbarstaat abgezogen waren, herrschte Totenstille im Dorf. Doch plötzlich hörte man ein leises Wimmern. Alle rannten zu der Hütte hin, aus der das klägliche Gejammer kam. Sie fanden eine gebärende Mutter vor…. Sie war brutal mit einem Kopfschuss hingerichtet worden. Das Neugeborene ragte mit seinem kleinen Köpfchen aus dem Muttermund und hatte nicht die Kraft, sich selbst zu befreien. Die erfahrenen Frauen wussten, was zu tun war. Die Nabelschnur wurde durchtrennt, das Neugeborene gewaschen und in Tücher gewickelt. Staunend stand Ena daneben. Sie war tief berührt von dem, was sie eben gesehen hatte. In diesem Moment reifte in ihr der Gedanke, auch helfen zu können und Ärztin zu werden.
Vom sechsten Lebensjahr an durfte Ena die Schule besuchen. Sie war mit grossem Eifer dabei und war bald die Beste von allen Kindern. Ihr Traum, einmal Ärztin zu werden, liess sie nicht mehr los. Von einer Mitschülerin, die einmal in der Hauptstadt Bamako gewesen war, um ihren kranken Onkel im Spital zu besuchen, erfuhr sie, was für Wunderdinge die Ärzte vollbringen konnten. Sie wollte das unbedingt auch erreichen und es wurde zu ihrem Lebensziel. Mit sechzehn Jahren war sie zu einem wunderschönen Mädchen herangewachsen. Sie hatte lange, rabenschwarze, glänzende Haare und seltene, smaragdgrüne Augen. Ihre Beine waren lang, fast gazellenhaft und ihre Brüste waren rund und fest, was den jungen Burschen im Dorf die Hitze in die Wangen trieb. Doch Ena hatte andere Interessen. Sie lächelte nur, wenn sie die heimlichen Blicke der Jungen bemerkte. Nun war sie schon über 1.70 Meter gross und überragte alle in ihrer Klasse. Dass ihr Vater der Stammesführer im Dorf war, verhalf ihr zu einem besonderen Status. Sie durfte sogar die englische Sprache erlernen, was sie mit grossem Eifer tat. Überall wurde sie geschätzt und man bewunderte ihre Intelligenz. Trotzdem blieb sie bescheiden und spielte ihren Wissensvorsprung anderen gegenüber nicht aus.
Anfang Sommer, kurz vor ihrem 17. Geburtstag, geschah das Unfassbare. Sie war allein mit ihrem Vater zu Hause. Er hatte, wie so oft, getrunken und urplötzlich stürzte er sich mit glasigem Blick, wie ein Tier auf sie. Er riss ihr die Kleider vom Leib und warf sie aufs Bett. Obwohl sie sich verzweifelt mit allen Kräften dagegen wehrte, gelang es ihm, in sie einzudringen. Sie schrie vor lauter Schmerzen und flehte ihren Vater an aufzuhören. Ihr Gewimmer schien ihn jedoch nur noch mehr anzustacheln und mit brutaler Gewalt machte er weiter, bis er sich erschöpft und schweissnass auf die Seite neben ihr fallen liess. Mit einem zufriedenen Grunzen und einem verschwommenen Blick auf seine Tochter schloss er die Augen und schlief augenblicklich ein. Ena schleppte sich zitternd ins Bad unter die Dusche. Sie fühlte sich verletzt, schmutzig und erniedrigt und wollte allen Dreck von sich abwaschen. So blieb sie eine halbe Stunde unter dem Wasserschleier stehen, der sie schützend umgab, erst dann glaubte sie, wieder einigermassen sauber zu sein. In ihren Gedanken manifestierte sich Hass auf ihren Vater und sie überlegte, wie sie sich rächen könnte. Als Jonathan nach Hause kam, begriff er sofort, was seiner geliebten Schwester angetan wurde. Er nahm sie in die Arme und auf dem Bett sitzend, wiegte er sie hin und her, wie ein kleines Baby. Auch er begriff die Tat des Vaters nicht und hätte ihn am liebsten umgebracht. Den Nachbarn fiel das veränderte Verhalten von Ena natürlich auf, man tuschelte wenn sie vorbeiging und schon bald glaubte das ganze Dorf zu wissen, was geschehen war.
Ihr Vater nutzte seinen Stand als Stammesoberhaupt im ganzen Dorf aus. Er war ein richtiger Hurensohn und nahm sich die Nachbarinnen, wann und wo es ihm gefiel. Mit der Moral war es nicht weit her in diesem Dorf. Dies gab natürlich böses Blut unter den Einwohnern. Sobald nun ein Beischlaf von einem andern bekannt wurde, sann der Hintergangene auf Rache. Der Mann wartete auf eine günstige Gelegenheit um dem Ehebrecher seinerseits das Weib zu nehmen - und so häuften sich die Geburten im Dorf noch mehr. Dies wiederum führte letzten Endes in einigen Fällen sogar zu Mord und Totschlag. In der kleinen Gesellschaft des Dorfes munkelte man auch schon lange über den Erzeuger von Ena. Ihre grünen Augen und ihr ganzes Aussehen passten so gar nicht in die hiesige Gegend. Nur ihre Mutter hätte dieses Geheimnis lüften können, die jedoch war schon lange tot.
An einem heissen Augustabend, als Ena von der Schule nach Hause kam, fand sie die Tür zum Haus nur angelehnt vor und Ena fragte sich, warum ihr Vater nicht abgeschlossen hatte, als er wegging. Langsam näherte sie sich dem Eingang und wollte die Türe aufmachen. Dies gelang ihr nur, indem sie sich mit aller Kraft gegen die Türe stemmte. Nun konnte sie den Raum betreten und im Halbdunkel sah sie, dass jemand am Boden lag. In ihren Schläfen hämmerte der Puls und ihr Herz raste und als sie sich vorsichtig der Gestalt näherte, stiess sie einen gellenden Schrei aus. Der Fussboden war voller Blut und die zur Seite geneigte Person rührte sich nicht mehr. An der Achsel festhaltend drehte sie den Körper auf den Rücken. Dabei blieb der Kopf auf der linken Seite liegen. Nun konnte sie erkennen, dass es ihr Vater war. Er lag mit durchschnittener Kehle vor ihr. Der Schnitt war derart tief, dass der Kopf fast vom Körper abgetrennt war. Beinahe hätte sie sich übergeben müssen und sie zitterte am ganzen Leib. Hilferufend stürmte sie ins Freie. So stand sie da, zitternd und mit blutverschmierten Kleidern. Sie hatte einen schweren Schock erlitten, die Tränen rannen über ihr schönes Gesicht. Die ersten Leute kamen schon angerannt, unter ihnen auch ihr Bruder, der sie tröstend in seine Arme nahm. Alle anderen Nachbarn schauten sie vorwurfsvoll an, so als wollten sie sagen: was hast du da nur angestellt, du kleines Luder? Alle Gaffer meinten zu wissen, dass Ena die Mörderin ihres Vaters sein musste, den sie seit des schrecklichen Vorfalls so sehr hasste!
Jonathan zog sie weg von den Schaulustigen, hinter das Haus, wo sie ihm unter Schluchzen erzählte, was sie vorgefunden hatte. Den Beiden wurde sofort klar, dass sie fliehen mussten, denn mit der Polizei aus Bamako war überhaupt nicht zu spassen und wenn man erst mal im Gefängnis war, konnte das sehr, sehr lange dauern, falls überhaupt seriös ermittelt wurde. Sicher hatte schon jemand mit dem Handy angerufen und die Beamten würden schon bald zur Stelle sein. Wie sollte Ena beweisen können, dass sie unschuldig war – mit Blut an Händen und Schuhen und mit dem gespannten Verhältnis, das sie seit der Vergewaltigung zu ihrem Vater gehabt hatte? Sie mussten sich beeilen und rannten auf die Grenze von Guinea zu. Sie wollten unbedingt vortäuschen, nach Guinea gelangen zu wollen. Als sie ausser Sichtweite des Dorfes waren, machten sie einen grossen Bogen in Richtung Koulikoro. Sie hatten die Absicht, Bamako zu umgehen um dann nach Sikasso zu gelangen und von dort über die Grenze in die Elfenbeinküste zu entkommen. Als sie endlich vor Bamako ankamen, mussten sie überlegen, wie sie den Fluss Niger unbemerkt überqueren konnten. Weiträumig umgingen sie die Hauptstadt. Niemand hatte sie gesehen, so schien es. Die Dunkelheit abwartend verbrachten sie die Nacht am Ufer des Nigers in einem dichten Gebüsch. Am Tag hatten sie eine Furt entdeckt, etwas oberhalb von dem Ort, an dem sie jetzt waren. Sobald es dunkel genug war, brachen sie auf, um über den Fluss zu kommen. Doch kurz bevor sie an der Furt waren, stand plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, ein riesiger Schwarzer vor ihnen. Sie kannten ihn aus ihrem Dorf, es war Jussuf. Seine grossen Pranken hatte er in den Hüften abgestützt. Sein von Hass verzehrtes Gesicht sah sie bedrohlich an und mit der rechten Hand fasste er über die linke Schulter und zog das auf dem Rücken befestigte Schwert hervor. Damit fuchtelte er vor ihren erschreckten Gesichtern herum.
Er sagte: >>Ich weiss, dass du eine Mörderin bist und deinen Vater umgebracht hast. Ich werde euch sofort zur Polizei nach Bamako bringen. Ihr könnt eurem Schicksal nur entrinnen, wenn ihr Arbeit sucht und mir jeden Monat 200 Dollar auf mein Konto überweist.<<
Er gab ihnen einen zerknitterten, zusammengefalteten Zettel, mit Bankadresse und Kontonummer. >>Ich werde jederzeit wissen wo ihr seid, und wehe euch, wenn ihr nicht bezahlt, dann werde ich euch umbringen oder der Polizei melden, wo ihr zu finden seid, also tut besser, was ich verlange!<<
Die Beiden waren so eingeschüchtert, dass sie ihm versprachen, sobald wie möglich Geld zu schicken.
Er verschwand so schnell, wie er gekommen war und der Spuk war vorbei. Zitternd und bleich sahen sich die Geschwister an. Über Jussuf hatten sie nichts Gutes gehört, er arbeitete nie und hatte doch immer Geld. Gemüsehändler aus dem Dorf berichteten, dass sie ihn in der Stadt Bamako mit dubiosen Typen gesehen hatten. Oft soll er sich auch bei noblen Häusern aufgehalten haben. Man munkelte auch, dass er der westafrikanischen Mafia angehöre. Derselben wird vorgeworfen, dass sie im Waffenhandel, Menschenhandel und im Rauschgiftgeschäft tätig sei. Dieser gefährlichen, zwielichtigen Gestalt sollten sie nun ausgeliefert sein?
Es wurde ein langer und sehr beschwerlicher Weg. Unterwegs hatten sie eine alte, verbeulte Pet Flasche gefunden und immer, wenn sie irgendwo ein bisschen Wasser entdeckten, füllten sie die Flasche wieder auf. Dies stillte wenigstens ihren Durst. Aber den schrecklichen Hunger zu stillen, gelang ihnen fast nie.
Nach drei Wochen erreichten sie die Hauptstadt der Elfenbeinküste - Abidjan. Abgemagert, verdreckt und mit durchlöcherten Sandalen an den Füssen kamen sie zu den ersten Häusern, wo sie bereits die nächste Überraschung erwartete. Im Land herrschte Bürgerkrieg. Der abgewählte Präsident Touré wollte den demokratisch neu gewählten Präsidenten Quattara nicht anerkennen und verteidigte nun seine bröckelnde Macht mit Waffengewalt. Überall lagen erschossene und halb verfaulte Soldaten herum und ein fürchterlicher, süsslicher Gestank lag in der Luft.
Sie trafen auf eine alte Frau, welche schlurfend ein Bündel Reisig auf ihrem gekrümmten Rücken trug. Sie gab Jonathan zu verstehen, dass er das Bündel zu ihr nach Hause bringen soll. Sie hatte Mitleid mit den zwei erbärmlich aussehenden jungen Leuten. Das kleine Haus stand etwas abseits am Rande des Quartiers. Zum ersten Mal nach drei Wochen Flucht erhielten sie ein warmes Essen und genug zu trinken. Todmüde konnten sie sich auf eine alte Matratze legen und schlafen. Sofort fielen sie erschöpft in einen tiefen Schlaf und erwachten erst sehr viele Stunden später wieder. Aufgeweckt wurden sie durch lautes Poltern an der Tür. Zwei Uniformierte standen da und forderten Einlass. Sie trieben die alte Frau gewaltsam in eine Ecke und drohten, sie zu erschiessen, falls sie ihnen nicht alles Geld geben würde, das sie besass. Die beiden anderen hatten sie noch gar nicht bemerkt. Als die Soldaten jetzt ihre Gewehre anlegten, waren Ena und Jonathan sofort bereit, der wehrlosen Frau zu helfen. Wie auf Kommando, ohne zu überlegen, sprangen sie die zwei Mörder von hinten an. Ena fiel dabei mit dem Kerl um, welcher mit dem Kopf derart heftig auf die grobe Steinplatte knallte, dass er sich das Genick brach. Jonathan hatte sich den Grösseren geschnappt und wurde in einen heftigen Kampf verwickelt. Es gelang ihm, diesem das Messer aus der Scheide zu ziehen und den Mann mit einem Stich ins Herz zu töten.
Die Alte jammerte und sagte, dass die zwei Leichen sofort versteckt werden mussten. Die Nacht kam ihnen zu Hilfe und sie schleppten die Toten hinter den alten Schuppen, in welchem alte Autoreifen gelagert wurden. Da würde sie niemand so schnell finden und zudem stellte in dieser chaotischen Zeit keiner viele Fragen. Während der ganzen Kriegsperiode soll es um die zweitausend Gefallene gegeben haben. Allein in einer frisch ausgehobenen Grube entdeckte man später über 800 Tote, wer fragt da schon nach zwei weiteren Opfern?
Die alte Frau kennengelernt zu haben, war für die Geschwister eine grosse Bereicherung und sollte für sie in der Zukunft eine enorme Hilfe werden. Sie war den Beiden zu grösstem Dank verpflichtet, da sie dank ihnen noch am Leben war. So blieben sie erst mal da, um die nächsten Schritte zu überlegen. Nach und nach erklärte die Alte ihnen, was für wertvolle Verbindungen sie hatte. Sie kannte einen hohen Offizier und einige Zollbeamte, welche alle irgendwie mit ihr verwandt waren. Bei ihrem Vorhaben, nach Europa zu gelangen, konnten ihnen diese Leute sehr behilflich sein. Die gute Frau liess ihre Beziehungen spielen und schon bald traf man sich, um die Pläne weiter zu besprechen. Einer der Zollbeamten schlug vor, dass er mit einem befreundeten Fischer reden werde, um ihn zu fragen, ob es eine Möglichkeit gab, die Leute nach Europa zu bringen. Dass dieser bezahlt werden musste, war natürlich klar. Eine Schiffreise von der Elfenbeinküste nach Europa kostete 2000 Euro, pro Kopf. Die beiden Geschwister jedoch hatten kein Geld, also musste eine Arbeit organisiert werden, damit die Reise finanziert werden konnte. Hier half ihnen der Offizier, er wusste, wo Ena eine Stelle als Putzfrau finden konnte. Schon am nächsten Tag konnte sie mit der Arbeit beginnen. Es wurde eine mühsame Angelegenheit. Die Dame des Hauses, mit einer beängstigend wackelnden Hochsteckfrisur, grell geschminkt und mit rotlackierten Fingernägeln, kommandierte sie den ganzen Tag herum. Kaum hatte sie ihr eine Aufgabe zugeteilt, fand sie etwas anderes, das unbedingt auch noch poliert oder geputzt werden musste. Ena jedoch liess sich nichts anmerken, und schuftete jeden Tag wie eine Verrückte. Für Jonathan einen Job zu finden gestaltete sich wesentlich schwerer, es waren jede Menge junger Leute in der Stadt, die Arbeit suchten. Schliesslich gelang es einem der Zöllner, dass Jonathan eine Arbeit als Schiffbelader bekam. Er musste tagein tagaus schwere Säcke in den Bauch des grossen Kahns schleppen, und am Abend war er total ausgelaugt und entkräftet. Aber die Beiden hatten ein Ziel vor Augen und unternahmen alles, um ihren grossen Traum zu erreichen. Sie mussten es schaffen, sich ein neues, besseres Leben aufzubauen.
Jonathan hatte Gelegenheit, sich mit einem Kapitän eines Hochseefrachters zu unterhalten, welcher ihm schilderte, was vor der spanischen Küste so alles ablief und wie gefährlich ein solches Unterfangen überhaupt war. Er sagte, dass bei der Überfahrt schon Tausende ums Leben gekommen seien. Er berichtete ihm Schreckliches:
>>Im Laufe des Jahres 2008 haben 12‘000 Menschen die Überfahrt von Westafrika auf die Kanarischen Inseln geschafft. Das sind deutlich weniger als im Vorjahr. Trotzdem kann dies kaum als Erfolg der EU-Grenzschutzbehörde “ Frontex“ gewertet werden. Diese versucht, mit Luft-und Seeüberwachung, die Urlaubsinseln abzuschotten. Wurde im Vorjahr von 6000 Menschen gesprochen, welche die Überfahrt nicht überlebten, gehen die Hilfsorganisationen davon aus, dass diese Zahl deutlich gestiegen ist, weil die Wege immer länger werden. “Frontex“ dementiert mit merkwürdigen Zahlen, die selbst mit den Angaben des spanischen Innenministeriums nicht übereinstimmen. Bei mehreren Schiffsunglücken sind an einem einzigen Wochenende im Mittelmeer und im Atlantik vermutlich mehr als 140 Flüchtlinge gestorben. Im Atlantik vor Marokko werden mindestens 50 Menschen vermisst, welche die Kanarischen Inseln erreichen wollten. Bei einem Vorfall starben laut Polizei rund 49 Afrikaner vor dem Senegal, die ebenfalls auf dem Weg zu den Kanaren waren. Eine Mitteilung von AFP (Agence France-Presse) vom 10. Dezember 2007 berichtet über den Blutzoll, der täglich von Menschen bezahlt werden muss, wenn man von Afrika über die Meere nach Europa gelangen möchte. Im Jahr 2006 waren sich die lokalen Behörden der Kanarischen Inseln, die zum Küstenschutz eingesetzte Guardia Civil, der spanische Geheimdienst, sowie Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz und der Rote Halbmond, einig darüber, dass es vor Westafrikas Küsten zum Massensterben kommt. Tausende hätten die gefährliche Überfahrt auf die Urlaubsinseln nicht überlebt. Mit 6000 bezifferte die Regionalregierung der Kanaren die Zahl genauer. Immer mehr Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass diese Zahl in der Zukunft stetig steigen wird. Diese Zahlen, die die spanische Guardia Civil benennt, um das erschreckende Bild aufzuzeigen, sind derart traurig, dass man sich fragen muss, wie so etwas überhaupt möglich ist? Früher dauerte die Überfahrt drei bis vier Tage und heute sind die Boote zum Teil 15 oder 20 Tage unterwegs, um der Überwachung zu entgehen. Aus dem Senegal oder Mauretanien kommen kaum noch Boote, dafür aktuell viele aus Ghana, der Elfenbeinküste und Guinea Bissau.
Nur um einen einzigen Vorfall zu benennen, um zu belegen, dass die Zahlen der Guardia Civil nicht stimmen: Anfang September wurden allein zehn Leichen geborgen, als eines der erbärmlichen Schifflein vor Gran Canaria kenterte. Nur in diesem einen Fall kamen also mehr Tote auf den Kanaren an, als der Chef der spanischen Einwanderungsbehörde für das ganze Jahr angibt. Oder sollte man an die Vorgänge vom 19. Juli 2009 erinnern, als ein Seerettungsschiff ein Immigrationsboot rammte, in dem sich 136 Einwanderer befanden? Bei dem “Rettungsmanöver“ ertranken 88 Menschen vor der Insel Teneriffa. Ein spanischer Anwalt, der einen Grossteil der Überlebenden vertritt, hat Anzeige gegen den Kapitän und die Besatzung der beiden am Vorgang beteiligten Schiffe wegen leichtfertiger Tötung in 88 Fällen erhoben.>>
>>Junge, ich kann dir nur abraten, solch eine Reise zu unternehmen!<<
Jonathan war bleich geworden und in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er musste sich unbedingt mit Ena besprechen. Sie hatten ja von alledem keine Ahnung gehabt.
In Abidjan tobte der Bürgerkrieg weiter. Die Anhänger von Touré verschanzten sich im Regierungsgebäude. Sie hatten viele gute Waffen und die Munition schien ihnen nicht auszugehen. Nach monatelangen Kämpfen hatte der neue Präsident Quattara die Franzosen um Hilfe gerufen. Mit Kampfhelikoptern wurde das Gebäude unter Beschuss genommen. Zwei Tage später konnten Touré und seine Frau festgenommen werden. Ab sofort hörte man in der Stadt nur noch vereinzelt Schüsse. Es wurde wieder ruhiger und die Menschen konnten sich wieder auf die Strasse wagen.
Ena und Jonathan konnten nun ihre Fluchtpläne weiter reifen lassen. Im Hafen lernten sie einen jungen Fischer kennen, welcher ein eigenes Boot besass und ebenfalls nach Europa wollte. Jonathan, Ena und der Kapitän hatten sich eine Seekarte besorgt, sie wollten sich zuerst orientieren wo genau die Reise hingehen sollte.
>>Schaut euch das zuerst einmal an, es ist eine verdammt lange Fahrt. Von der Elfenbeinküste nach Liberia, Sierra Leone, Guinea – Bissau, Gambia, Senegal, Mauretanien zwischen den Kanarischen Inseln durch, nach Marokko in die Meerenge von Gibraltar und dann versuchen wir, in Spanien an Land zu kommen.>>
<<Was meint ihr,>> fragte der Fischer, <<schaffen wir das?>> Alle waren überzeugt davon, und wollten die Reise wagen!
Schnell wurde man sich einig. Auch der Kapitän und seine Familie wollten weg von der Elfenbeinküste. Der Mann hatte nur eine Bedingung, er wollte natürlich seine Frau und die Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren mitnehmen. Ena und Jonathan sträubten sich anfangs dagegen, aber sie hatten keine andere Wahl. Mit der Familie zusammen waren sie nun acht Personen auf dem kleinen Boot. Benzin und Verpflegung mussten auch an Bord und somit war die Kapazität des Schiffes völlig ausgelastet. Die beiden Geschwister drängten auf eine baldige Abfahrt. Das Geld für die Reise hatten sie mühsam zusammengespart. Der Skipper jedoch war ein sehr vorsichtiger Mann, er wollte unbedingt noch einen Sonnenschutz montieren, der sie auch vor dem Regen schützen konnte. Nach einer arbeitsintensiven Woche waren sie startklar. Sie verabschiedeten sich mit Umarmungen von der alten Frau, welche ihnen so geholfen hatte und mit gemischten Gefühlen stachen sie in See. Sie kamen nur langsam voran, der Kapitän fuhr nur zwei Knoten, also etwa 3,7 km/h. Ena und Jonathan schien es, als ginge es nicht vorwärts. Aber Ali, der erfahrene Seemann, wollte so wenig wie möglich von dem kostbaren Sprit verbrauchen. Es kam immer wieder vor, dass sie von einem anderen, schnelleren Boot überholt wurden. Die Insassen, alles auch Flüchtlinge, winkten ihnen höhnisch lachend zu. Aber Ali liess sich nicht beirren und behielt die Ruhe. Sollten sie doch nur in ihr Unheil rasen, er wusste schon was er tat.
In der zweiten Nacht auf offener See wurde der Himmel über ihnen immer dunkler. Ali wies alle an, die Kanister und den Proviant festzubinden. Nach einer Stunde waren sie mitten in einem ausgewachsenen Sturm. Die Wellen wurden immer bedrohlicher und schwappten schliesslich auch ins Boot. Mit leeren Konservendosen wurde das eingelaufene Wasser wieder ins Meer zurück geschöpft, alle mussten mithelfen, denn die Lage wurde immer brenzliger. Nach zwanzig Minuten liess das Unwetter endlich nach und sie kamen, am Ende ihrer Kräfte, wieder in ruhigeres Gewässer. Sie fuhren meist sehr nahe der Küste entlang, um sich im Notfall ans Ufer retten zu können. Plötzlich sah Ali etwas im Wasser treiben. Sie fuhren näher und erkannten Planken von einem der schnellen Boote. Gestern wurden sie noch von den Leuten ausgelacht und nun war kein Mensch mehr zu entdecken. Sie mussten während des Sturms wahrscheinlich auf die Felsen geschleudert worden sein. Erschüttert fuhren sie auf die Küste zu, um eventuell noch Überlebende zu bergen. Aber ausser ein paar im Meer treibenden Leichen konnten sie nichts mehr finden. Diesen armen Menschen war nicht mehr zu helfen, und so fuhren sie aufgewühlt und von Angst erfüllt weiter gegen Norden.
Meistens waren sie jetzt in der Nacht unterwegs, sie konnten sich auf diese Art besser vor Entdeckung absichern. Auch in dieser Nacht machte Ali wieder eine Beobachtung.
Er weckte Jonathan und zeigte auf ein Licht draussen auf dem Atlantik. <<Dieses Schiff, oder was es auch sein mag, begleitet uns jetzt schon die dritte Nacht, und immer auf gleicher Höhe.<<
Was hatte das zu bedeuten? Er wusste es nicht, und sie konnten nur Vermutungen anstellen. Jonathan meinte, dass es sich um einen Tanker handeln könnte.
Doch Ali wusste genau, dass ein Öltanker viel schneller unterwegs wäre und sie daher schon lange überholt hätte. Doch er behielt es für sich, um die Anderen nicht noch mehr zu beunruhigen.
Jetzt waren sie vor der Küste von Mauretanien und die Dämmerung setzte ein, also mussten sie für den Tag ein Versteck suchen, um von den Fliegern oben nicht ausgemacht werden zu können. Die Flugzeuge der europäischen Grenzüberwachung “Frontex“ hörten sie am Tage öfter, was kein Wunder war, näherten sie sich doch dem europäischen Kontinent. Ali fuhr ans Ufer und fand einen Baum, dessen Äste bis ins Meer ragten. Im Schutz des Blätterdaches konnten sie sich verstecken und die Nacht abwarten.
Tagsüber verpflegten sie sich und schliefen, so gut es ging, einige Stunden. Die vier Kinder an Bord verhielten sich äusserst vorbildlich, als verstünden sie, um was es ging.
Beim Einnachten nahmen sie wieder Fahrt auf. Und wieder war das mysteriöse Licht auf dem Meer zu beobachten. Die Flüchtlinge schenkten dem keine weitere Aufmerksamkeit mehr. Jetzt näherten sie sich der Strasse von Gibraltar. Die Festung war schon bald zu erkennen, man sah ihre Beleuchtung bereits aus weiter Entfernung. Sie wussten, dass Gibraltar von den Engländern bewohnt war, und vor diesen mussten sie sich nicht so sehr in Acht nehmen, sie machten fast keine Jagd auf Flüchtlinge. Während der Fahrt durch die Meerenge begegneten sie einer grossen Anzahl Schiffe aus aller Herren Länder. Containerschiffe, Tanker, Frachter und auch Kriegsschiffe. Zwischen diesen riesigen Kähnen konnten sie sich gut verstecken und würden von den “Frontex“-Flugzeugen kaum entdeckt werden können. So näherten sie sich hoffnungsvoll der spanischen Küste.
Spanien war nur noch etwa 3 Kilometer entfernt und es war beinahe Nacht. Doch plötzlich wurde ihr Schiff von einem Lichtkegel erfasst. Es war ein Boot der spanischen Küstenwache. Die Besatzung rief ihnen zu, dass sie sofort stoppen sollen. Rasch waren die Männer an Bord, und sogleich wurden ihnen klar gemacht, dass sie auf spanischem Gebiet seien und hier nichts zu suchen hätten. Die Leibesvisitation wurde auf sehr brutale Art und Weise durchgeführt. Auch mit den Kindern gingen sie nicht zimperlich um. Als sie die Papiere geprüft hatten, nahm einer der Matrosen die Identitätskarten von Ena und Jonathan genauer unter die Lupe, und sogleich gab er per Funk die Daten durch. Nun entdeckten die Beamten, dass die Beiden international gesucht wurden. In dem Moment als sie verhaftet werden sollten, gab Ali Vollgas und zischte ab. Die Männer der Küstenwache verloren das Gleichgewicht und fielen ins Wasser. Bis sie wieder auf ihrem Schiff waren, hatte Ali schon einen beträchtlichen Vorsprung herausgeholt. Aus dem Überwachungsschiff wurde nun mit Maschinengewehren auf sie geschossen. Zwei der kleinen Kinder wurden tödlich getroffen und dann erwischte es zu allem Unglück auch noch Ali. Röchelnd und über dem Ruder zusammengekrümmt lag er da. Jonathan riss ihn mit aller Kraft vom Ruder herunter und nun übernahm er das Kommando und jagte das Boot verzweifelt mit voller Kraft übers Meer. Die Frau des Fischers jammerte und schrie und die Kinder weinten, es herrschte das nackte Chaos auf dem Fischerboot. Schon bald waren sie in internationalen Gewässern und die Spanier durften sie nicht länger verfolgen, aber sie mussten schnellstens weiter.
Sie waren ganz in der Nähe der spanischen Enklave Ceuta angelangt. Ceuta ist eine spanische Stadt an der nordafrikanischen Küste an der Strasse von Gibraltar nur 18,5 Quadratkilometer gross. Ceuta ist mit einer Landesgrenze zu Marokko verbunden. 21 Kilometer von der iberischen Halbinsel entfernt. Obschon Ceuta zur EU gehört und somit deren Gesetze zu befolgen hat, verfügt es über einige Sonderrechte. Insbesondere gehört es nach dem Zoll-Kodex nicht zur Europäischen Union. Als Enklave Spaniens auf dem afrikanischen Kontinent ist Ceuta ein begehrtes Ziel illegaler Einwanderer.
Urplötzlich näherte sich ein grelles Licht von der Steuerbordseite. Sie wollten ausweichen, aber es war unmöglich. Das grosse Schnellboot traf sie voll mitten ins Schiff es splitterte und krachte, Eisen- und Holzteile flogen wie Geschosse umher. Das Schnellboot verschwand so schnell wie es aufgetaucht war. Alle, ausser Jonathan und Ena, waren sofort tot. Ena, die sich beim Aufprall im Bug befand, war ausser ein paar Schrammen und dem Schock nichts passiert. Sie suchte ihren Bruder. Er hing schwer verletzt über der Bordwand, oder was von dieser noch übrig geblieben war. Ena versuchte ihn umzudrehen, um nachzuschauen was mit ihm los war, dabei entglitt er ihr. Mit aller Kraft wollte sie ihn festhalten, aber der schwerere Teil seines Körpers ragte über Bord und er rutschte in die See. >>Jonathan! Jonathan!<< schrie Ena immer wieder…nichts war zu sehen oder zu hören, er war im Meer versunken. Verwirrt und verzweifelt schaute sie sich um und wusste nicht, sie was sie tun sollte. Sie sprang ins Wasser, in der Hoffnung ihren Bruder vielleicht doch noch zu finden. Aber es herrschte nur Dunkelheit und Totenstille. Auf das sinkende Fischerboot konnte sie auch nicht mehr zurück, also schwamm sie notgedrungen auf das Land zu. Plötzlich bekam sie etwas zu fassen, und sie hoffte schon, ihren Bruder gefunden zu haben. Aber der Gegenstand entpuppte sich als ein Holzbrett, wahrscheinlich von ihrem Schiff. Auf diesem Brett konnte sie sich ein wenig ausruhen, sie war total erschöpft und zog sich mit dem Oberkörper ganz auf die, für sie vermeintliche Rettungsinsel.
Wie aus dem Nichts tauchte vor ihr etwas Schwarzes in der Dunkelheit auf. Es war das Schnellboot von Jussuf. Seine muskelbepackten Arme rissen sie ins Boot. Höhnisch lachend stand er vor ihr. Er warf ihr eine Decke zu, damit sie ihren vor Kälte zitternden Körper einwickeln konnte. Er sagte:
>>Weisst du, ich konnte keine Positionslichter von eurem Kahn sehen, deshalb habe ich euch gerammt, eigentlich wollte ich euch nur stoppen.<<
Die fadenscheinige Erklärung die er von sich gab, wurde von ihr sofort als Lüge erkannt. Sie war von innerem Schmerz zerrissen und gab ihm keine Antwort.
Er hatte alles Nötige an Bord um eine lange Seereise antreten zu können.
>>Willst du einen heissen Tee, das wird dich ein wenig erwärmen?<<
Widerstrebend nahm sie die dampfende Tasse entgegen. Schon nach dem zweiten Schluck erwachten ihre Lebensgeister wieder.
>>Was hast Du mit mir vor?<< fragte sie ihn.
>>Immer noch das Gleiche, du musst für mich Geld verdienen! Damit ich meine Ziele erreichen kann. Du wirst von mir zur Kämpferin ausgebildet, die, wenn nötig auch töten kann. Ich habe dich in der Hand und du wirst mir gehorchen!<< gab er trocken zur Antwort.
Enklave Ceuta
Er fuhr mit ihr auf die spanische Enklave Ceuta zu. In einer dunklen Bucht gingen sie an Land. Jussuf brachte sie zu einem versteckt gelegenen, verkommenen Ziegenstall. Vom Schiff hatte er Decken und Proviant mitgebracht. Ohne Licht zu machen tranken und assen sie eine Kleinigkeit. Ena realisierte erst jetzt, wie hungrig sie gewesen war, aber was geschehen war, war für sie so unfassbar, sodass Essen in ihren Gedanken keinen Platz gefunden hatte. Beide waren todmüde, und legten sich auf die Decken, wo sie bald vom Schlaf übermannt wurden.
Im Morgengrauen erwachte Ena, sie hatte kalt und wollte sich besser zudecken. Aber da war keine Decke mehr da. Noch vom Schlaf benommen machte sie die Augen auf. Was war das? Über ihr stand Jussuf, völlig nackt und mit einem steifen Glied und grinste. Nun begann er sie zwischen den Beinen zu streicheln…. Sie wollte das nicht und begann sich zu wehren, aber gegen seine Kraft hatte sie keine Chance. Unbeirrt machte er weiter – und plötzlich wurde auch Ena erregt, sie umfasste seinen riesigen Penis, steinhart war er, sowas hatte Ena noch nie zuvor erlebt. Jussuf warf sich über sie, hob ihre Beine an und drang in sie ein, immer schneller wurden seine Bewegungen. In Ena erwachten Gefühle, die sie nicht gekannt hatte, sie stöhnte und ihr Körper passte sich seinem Rhythmus an. Eine wohlige Wärme und ein lustvoller Schmerz stiegen in ihr auf und als dann Jussuf seinen Orgasmus erreicht hatte war es auch um Ena geschehen. Mit einem lauten Schrei kam sie zu ihrem ersten Höhepunkt, sie fühlte sich völlig frei und erleichtert – eine unbeschreibliche Leichtigkeit kam über sie, sie glaubte zu fliegen.
Etwa dreihundert Meter oberhalb der Hütte, nächtigte ein Hirte mit seiner Ziegenherde an einem Lagerfeuer. Er hörte die Wolllustschreie von Ena. Verstehend lächelte er vor sich hin – auch er war einmal jung gewesen. Sollten sie doch machen. Seine Alte hatte sich im Laufe der Jahre über hundert Kilo angefressen und bei ihrem Anblick kam ihm alles andere, aber sicher nicht mehr Sex in den Sinn.
Ena, etwas zu Atem gekommen, realisierte entsetzt, was sie soeben getan hatte und mit wem. Wie hatte das nur geschehen können? Zutiefst beschämt zog sie ihre Decke über den Kopf und ein Weinkrampf liess ihren Körper erschüttern. Jussuf lachte nur und ging nach draussen, um sich zu waschen.
Am Nachmittag begann Jussuf mit Ena‘s Ausbildung. Zwischen den Beiden fiel kein Wort über das, was gegen Ende der Nacht geschehen war. Sie taten so, als wenn es nie passiert wäre. Aber in Ena hatte sich der Hass auf den Mann noch mehr gesteigert.
Er zeigte ihr zuerst, wie sie sich bei einem Angriff verteidigen musste. Er war ein Meister in Karate und Boxen, aber am besten verstand er es, mit dem Schwert umzugehen. Tagein, tagaus musste Ena üben, und nach vier Wochen war aus ihr eine exzellente Kämpferin geworden. Es kam jetzt sogar vor, dass sie ihn fast besiegen konnte.
Sie überlegte sich in manchen Nächten die Flucht, aber wohin sollte sie sich allein durchschlagen? Sie musste tun was er verlangte, hatte er doch schon bewiesen, dass er sie finden konnte wenn er wollte. Sie hatte keine Wahl und ihr wurde klar, dass sie nicht die erste war, die in diesem Lager „ausgebildet“ wurde. Er weihte sie nun in den Plan ein. Er wusste genau, dass eine Flucht von Marokko nach Europa unmöglich war. Die Distanz wäre viel zu gross. Er wollte sie nach Libyen bringen, obwohl dort ein Krieg zwischen Gaddafi und der NATO im Gang war.
Ceuta – Marokko - Algerien
Bei herrlichem Wetter und ruhiger See fuhren sie an Marokko vorbei. Sie passierten Algerien und wollten eigentlich in Tunesien an Land gehen, aber das war unmöglich. Tunesien war im Aufstand, eine Demonstration folgte der anderen. Ständig waren Schüsse zu hören. Sie mussten weiter fahren und gelangten schliesslich unbehelligt in den Norden von Libyen. Auch in Tripolis war Kampflärm zu hören und auch da war eine Landung unmöglich. Eine Unmenge vor Kriegsschiffen begegnete ihnen, doch sie wurden nicht angehalten. In Misrata, einer hart umkämpften Stadt gelang es ihnen, im Schutz eines Sanitätsschiffes, an Land zugehen.
Einsatz in Libyen
Sogleich wurden sie von Freiheitskämpfern umzingelt. Sie wurden ausgefragt woher sie kamen und was sie hier wollten. Jussuf war ein schlauer Bursche, er wusste ganz genau, dass sie Leute brauchten, um ihren Kampf fortzusetzen und er bot ihnen an, dass er und Ena mit ihnen gegen die Soldaten Gaddafis kämpfen wollten. Dies wurde von den Aufständischen mit grosser Begeisterung aufgenommen, sie konnten jeden Mann gebrauchen in ihrem Kampf. Man wies ihnen eine Unterkunft an und sie wurden mit einer Pistole und einem Gewehr, samt der nötigen Munition, ausgerüstet. Schon in ihrer ersten Nacht wurde die Stadt mit Granatfeuer eingedeckt. An schlafen war nicht zu denken. Ena erhielt eine Uniform, sie war sehr eng geschnitten und brachte ihre makellose Figur noch mehr zur Geltung. In einem alten, verdreckten, halbblinden Spiegel betrachtete sie sich. Ihre langen schwarzen Haare fielen ihr bis auf die Schultern und ihre smaragdgrünen Augen schienen eine unendliche Tiefe zu haben. Dann knallte es, Ena liess den Spiegel fallen und packte das Gewehr. Sie waren in ein Gefecht verwickelt, und Ena erwies sich als grossartige Schützin. Hatte sie einen Soldaten im Visier, gab es für diesen keine Möglichkeit mehr zu entkommen. Bei einem Häuserkampf entdeckte sie auf einem Dach drei Soldaten, sie schoss dreimal und alle waren erledigt.
Dem Kommandanten waren die Schiesskünste von Ena nicht entgangen. Er schickte sie mit einem Kampftrupp an die Front. Hinter einer gossen Sanddüne gingen sie in Deckung. In einiger Entfernung sahen sie eine dichte Staubwolke auf sich zukommen. Es war ein Panzer russischer Bauart, vielleicht ein T 34. Bemalt war er in hellbrauner, sandfarbener Tönung, sodass er in der Wüste fast nicht auszumachen war. Er kam immer näher und sie mussten etwas unternehmen, denn fliehen wäre in dieser Lage umsonst gewesen. Der Offizier des kleinen Trupps drückte Ena ein Präzisions-Schnellfeuergewehr in die Hand, mit dem Auftrag, auf den kleinen Sehschlitz des Fahrers zu zielen. Einen wenige Zentimeter breiten Spalt auf eine Entfernung von dreihundert Metern zu treffen bedingt eine äusserst ruhige Hand. Sie stellte die Standbeine des Gewehrs etwas über den Dünenrand und legte sich so bequem wie möglich hin. Ihre Füsse, die in etwas zu gross geratenen Stiefeln steckten, stemmte sie in die Erde. Vorsichtig schaute sie über den Dünenrand auf den Panzer und nahm ihn ins Visier. Dreimal musste sie wieder absetzen, denn ihre Augen tränten vor Anstrengung und dem grellen Sonnenlicht. Noch einmal tief einatmen, dann zog sie den Abzug durch, und gab eine Salve von sechs Schüssen ab. Der neben ihr liegende Offizier schaute durch sein Fernglas und jubelte: >>Du hast ihn voll erwischt!<<
Der Panzer vollführte eine Rechtskurve und fuhr immer weiter im Kreis herum. Der Fahrer musste noch im Todeskampf auf die rechte Kettenbremse getreten haben, wodurch die linke Kette voll auf Antrieb war, während die rechte still stand. Nach einiger Zeit wurde der Panzer langsamer bis er schliesslich stehen blieb. Die kleine Truppe beschloss, das gefährliche Fahrzeug zu erobern, konnten sie doch dieses Gefährt in diesem Kampf sehr gut gebrauchen. Dies war jedoch ein sehr gewagtes Unternehmen, denn sie wussten ja nicht, ob noch andere Soldaten im Panzer waren. Die Einstiegsluke hochzuheben und eine Handgranate hinein zu werfen hätte den Panzer beschädigt, und unbrauchbar gemacht. Jede Deckung ausnutzend schlichen sie näher. Ein junger, wilder Bursche sprang über die Kette, hob blitzschnell den Deckel ein bisschen an, und warf eine Belendgranate ins Innere. Sofort wurde ein Kopf sichtbar und mit erhobenen Händen ergab sich der Gaddafi-Söldner. Drei weitere Soldaten folgten ihm und sprangen vom Panzer auf den Boden. Ihre Arme hielten sie sich schützend vor die Augen, die Granate hatte sie fast blind gemacht.
Zwei der Rebellen wussten, wie man das Gefährt bedienen musste. Aber zuerst musste der Tote aus dem Sitz gehoben werden. Die Kugeln von Ena hatten ihm das Gesicht zerfetzt. Er musste augenblicklich tot gewesen sein. Er wurde in den Sand geworfen. Mit den Gefangenen und dem erbeuteten Panzer machten sie sich auf den Rückweg zu ihren Kameraden. Mit grossem Geschrei und Jubeltänzen wurden sie empfangen. Für die andern waren sie Helden. Ena wurde, obwohl sie eine Frau war, von allen mit Schulterschlag bedacht.
Der Kommandant der Rebellentruppe erklärte ihnen den nächsten Einsatz. Sie sollten eine Stellung der Gaddafi Truppen angreifen, von welcher die Stadt immer wieder mit schwererer Artillerie angegriffen wurde. Die Besatzung musste ausgeschaltet werden. Im Morgengrauen machte sich eine Gruppe von sechs Kämpfern auf, um den Auftrag auszuführen. Ena war zum zweiten Gruppenleiter bestimmt worden. Ihre Abteilung mit zwei Rebellen sollte die linke Flanke angreifen, die andere Gruppe würde von rechts vorrücken. Immer im Sichtschutz der Dünen pirschten sie sich heran. Es war unheimlich schwer, ungesehen näher zu kommen. Plötzlich peitschten Schüsse durch den Morgen, sie galten ihren Kameraden der anderen Gruppe, doch schon bald kehrte wieder Ruhe ein. Ena versuchte in Funkkontakt zu treten, doch sie bekam keine Antwort. Sie mussten annehmen, dass ihre Kampfgefährten nicht mehr am Leben waren. Vorsichtig schaute sie über den kleinen Sandberg zu der Stellung der Soldaten. Aber es war keiner zusehen. Auf einmal, wie aus dem Nichts, waren sie umzingelt von den Gaddafi Leuten. Die Feinde hatten sich mit Planen im Sand eingegraben und standen nun in ihrem Rücken. Die zwei Kameraden von Ena wurden auf der Stelle erschossen. Ena wurde entwaffnet und gefesselt. Grob zerrte man sie zu einem Auto. Drei Soldaten begleiteten die Gefangene. Mit äusserster Brutalität ging man mit ihr um, ihre Fragen wurden nicht beantwortet. Der eine schlug grundlos mit dem Gewehrkolben auf sie ein und man befahl ihr ruhig zu sein, sonst würde man sie sofort erschiessen. Nach gut einer Stunde Fahrt erreichten sie ein Haus, wo man Ena aus dem Auto zerrte. Sie wurde sogleich zum Befehlshabenden gebracht. Dieser begann unvermittelt mit dem Verhör. Über alles wurde sie ausgefragt. Wie viele Leute sie seien, was sie geplant hätten und vieles mehr. Gab sie einmal nicht sofort eine Antwort, wurde sie geschlagen, oder mit einem Messer gequält. Ein geschwollenes Auge, Schnitte und andere Verletzungen waren die Folge. Ena brach zusammen. In ihrer erlösenden Ohnmacht bekam sie nicht mit, dass sie eingesperrt wurde. Erst als sie aufwachte, stellte sie fest, wo sie sich befand. Es war ein Gefängnis das mit nichts, aber auch gar nichts ausgerüstet war. Kein Wasser und auch nichts zu essen war vorhanden und als Toilette diente ein schmutziger Eimer in der Ecke. Zwei Tage liess man sie auf dem nackten, verdreckten Boden liegen, jeder Knochen im Körper tat ihr weh. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren, wusste nicht, ob es Tag oder Nacht war. Kein Mensch tauchte auf, nichts war zu hören. Ena war am Verzweifeln und haderte mit ihrem Schicksal. Durst und Hunger wurden übermächtig. Ena wurde nervös, ging auf und ab, während sie leise vor sich hin summte, wie immer, wenn sie Angst hatte, oder sich Sorgen machte. Sollte sie hier drinnen sterben müssen? War das ihr Schicksal? Dann endlich, nach weiteren quälenden Stunden, hörte sie Kampflärm. Die Schüsse kamen immer näher. Todesschreie vermischten sich mit lauten Befehlen, heftiges Gepolter folgte und Schritte von schweren Stiefeln waren zu hören. Dann wurde die Türe zu ihrem Verlies aufgestossen. Freudestrahlend trat ihr ein bekannter Rebell aus Misrata entgegen, umarmte sie und zog sie mit ins Freie. Mit lautem Gebrüll wurde sie von den Kameraden empfangen. Endlich erhielt sie etwas zu trinken, es durfte nicht zu viel sein,
