Verlag: Knaur eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

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E-Book-Beschreibung Ende einer Karriere - P. D. James

Wer kann ein Interesse daran haben, Clarissa, die alternde Theaterdiva, mit Morddrohungen zu verfolgen? Als sie bei einer Privatinszenierung die Hauptrolle übernimmt, engagiert ihr Mann für sie die Privatdetektivin Cordelia als Sekretärin. Doch ehe sich der Premierenvorhang hebt, ist Clarissa tot ...

Meinungen über das E-Book Ende einer Karriere - P. D. James

E-Book-Leseprobe Ende einer Karriere - P. D. James

P. D. James

Ende einer Karriere

Roman

Aus dem Englischen von Georg Auerbach

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Selbst bei eifrigster Nachforschung [...]I. Einladung auf eine Insel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. KapitelII. Kostümprobe1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelIII. Blut benetzt den Himmel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. KapitelIV. Die Profis1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelV. Entsetzen bei Mondlicht1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. KapitelVI. Ein abgeschlossener Fall1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel

Selbst bei eifrigster Nachforschung in Atlanten und auf Karten wird man die Insel Courcy und ihr viktorianisches Schloß nicht entdecken, weil beide nur in der Vorstellung der Autorin und ihrer Leser existieren. Auch die Vorgänge in Courcys blutbefleckter Geschichte und Gegenwart sowie die darin verwickelten Menschen haben nichts mit tatsächlichen Ereignissen und lebenden Personen zu tun.

[home]

I.Einladung auf eine Insel

   

1

Es war nicht zu übersehen: Das neue Firmenschild hing schief. Cordelia brauchte es nicht einmal Bevis gleichzutun, der sich durch das dichte vormittägliche Verkehrsgewühl auf der Kingly Street drängte und von der gegenüberliegenden Seite aus das Schild durch das Gewirr rumpelnder Lieferwagen und Taxis beäugte, um diese schlichte, geometrisch unwiderlegbare Tatsache festzustellen. Das schimmernde rechteckige Bronzeschild, das sie allerhand Überlegungen und so viel Geld gekostet hatte, verfehlte die Waagrechte um gut einen Zentimeter. Trotz der simplen Aufschrift, dachte Cordelia, wirkt es in dieser Schräglage angeberisch und obendrein lächerlich; ein durchaus passendes Emblem irrationaler Hoffnungen und fehlgeleiteten Unternehmungsgeistes.

Detektei Pryde

(2. Stock)

Inhaber: Cordelia Gray

Wäre sie abergläubisch gewesen, hätte sie sicherlich gemeint, daß Bernies friedloser Geist auf diese Weise gegen die Weglassung seines Namens auf dem neuen Schild protestiere. Als sie auf dem Entwurf eigenhändig den Vornamen Bernie getilgt hatte, war ihr dies schließlich auch wie ein symbolischer Akt vorgekommen. Allerdings hatte sie nie an eine Änderung des Firmennamens gedacht. Solange die Ermittlungsagentur bestand, sollte sie Detektei Pryde heißen. Irritiert hatte sie es freilich, wenn Klienten, verdutzt über ihr Geschlecht und ihre Jugend, immer wieder einwandten: »Ich dachte, ich hätte es mit einem Mr. Pryde zu tun.« Jetzt wußten sie von Anfang an, daß es nur einen einzigen Inhaber gab und daß dieser eine Frau war.

Bevis, dessen sonst so hübsches, ausdrucksvolles Gesicht grämliche Falten verzogen, stellte sich neben sie vor die Tür und erklärte: »Ich hab's vom Boden aus gemessen. Ehrlich, Miss Gray.«

»Ich glaub's dir, Bevis. Das Pflaster muß hier uneben sein. Es ist meine Schuld. Wir hätten eine Wasserwaage kaufen sollen.«

Sie gab sich alle Mühe, die Ausgaben so klein wie möglich zu halten und mit den pro Woche einkalkulierten zehn Pfund zurechtzukommen, die sie in einer verbeulten, von Bernie geerbten und mit einer Darstellung der Schlacht um Jütland versehenen Zigarettendose aufbewahrte. Doch das Geld schmolz dennoch auf geheimnisvolle Weise dahin, wie es die Unkosten eigentlich gar nicht erwarten ließen. Deswegen hatte sie Bevis' Versicherung, er könne mit einem Schraubenzieher umgehen, auch bereitwillig Glauben geschenkt und nicht bedacht, daß Bevis jedwede andere Besorgung der Arbeit vorzog, die er eigentlich verrichten sollte.

»Wenn ich das linke Auge zukneife und den Kopf schräg halte, hängt das Schild tadellos«, meinte Bevis.

»Aber Bevis! Wir können doch nicht damit rechnen, daß uns nur einäugige, schiefhalsige Kunden aufsuchen!«

Als Cordelia daraufhin Bevis' Gesicht sah, das mittlerweile abgrundtiefe Verzweiflung ausdrückte, eine Miene, die der Ankündigung eines Atombombenangriffs durchaus angemessen gewesen wäre, überkam sie der unerklärliche Wunsch, ihn über sein Versagen hinwegzutrösten. Zu den peinigenden Eigentümlichkeiten im Dasein eines Arbeitgebers – eine Rolle, für die sie, je länger sie darüber nachdachte, beileibe nicht geschaffen war – gehörte wohl auch diese Überempfindsamkeit, die zudem noch mit dumpfen Schuldgefühlen gekoppelt war. Im Grunde war das unsinnig, da sie, wenn man die Sache genau betrachtete, weder Bevis noch Miss Maudsley beschäftigte. Sie wurden nämlich jeweils nur für eine Woche von Miss Feeleys Arbeitsvermittlung überstellt, wenn die Zahl der Aufträge derlei erforderte. Überdies wurden die Dienste der beiden anderswo höchst selten benötigt, beide waren nahezu immer verfügbar, was Cordelia eigentlich hätte stutzig machen müssen. Was die beiden anderseits auszeichnete, waren Redlichkeit, Gewissenhaftigkeit in sämtlichen Zeitdingen und eine unerschütterliche Anhänglichkeit. Zweifellos hätten beide ihr auch ein gut Teil des Schreibkrams abgenommen, wenn ihre Fähigkeiten dazu ausgereicht hätten. Beide verstärkten überdies den ängstlichen Druck, der auf ihr lastete, da ein Mißerfolg der Detektei für die beiden, wie sie wohl wußte, ebenso verhängnisvoll sein würde wie für sie selbst. Am meisten hätte Miss Maudsley darunter gelitten. Sie war eine gutherzige Person, zweiundsechzig Jahre alt, Schwester eines Pastors, die sich mit einer kleinen Pension und einer winzigen Einzimmerwohnung in South Kensington zu begnügen suchte. Mit ihrer Wohlerzogenheit, ihrer Unbeholfenheit, ihrem altjüngferlichen Wesen hatte sie es in ihrem Alter mit all den Vermittlungsagenturen nicht leicht gehabt, an die sie sich seit dem Tod ihres Bruders gewandt hatte. Bevis hingegen mit seinem leichtsinnigen, geradezu käuflichen Charme war für ein Überleben im Londoner Großstadtdschungel besser gerüstet. Er war angeblich Tänzer und arbeitete nur vorübergehend als Stenotypist, um sich eine Erholungspause zu gönnen – eine höchst unzutreffende Erklärung, da sie von einem quecksilbrigen Jungen kam, der immerzu auf seinem Stuhl hin und her rutschte, wenn er nicht gerade, die Finger gespreizt, die Augen weit aufgerissen, mit bekümmertem Blick, als werde er gleich die Flucht ergreifen, auf den Zehenspitzen eine Pirouette drehte. Laut dem Zeugnis einer Handelsschule, die sicherlich längst das Zeitliche gesegnet hatte, sollte er dreißig Wörter pro Minute tippen können. Daß er außerdem noch über die Fähigkeit verfügte, kleinere handwerkliche Arbeiten auszuführen, war ihm allerdings nicht bescheinigt worden.

Mit Miss Maudsley kam er erstaunlich gut aus. Im Vorzimmer plauderten die beiden, wenn sie nicht gerade die Schreibmaschine malträtierten, weitaus häufiger, als es Cordelia von diesen ungleichen Charakteren erwartet hätte, die in so unterschiedlichen Welten zu Hause waren. Bevis breitete sich über all sein häusliches oder berufliches Ungemach aus, das er reichlich mit aufgebauschten, gelegentlich auch anstößigen Histörchen aus dem Theaterleben würzte. Miss Maudsley kommentierte diese verwirrende Welt mit einer Mischung aus altjüngferlicher Arglosigkeit, anglikanischen Glaubenssätzen, Pastorenhausmoral und gesundem Menschenverstand. Obwohl es im Vorzimmer mitunter recht familiär zuging, vertrat Miss Maudsley recht altmodische Ansichten, was den Unterschied zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer anging, und das Chefbüro, in dem Cordelia ihrer Arbeit nachging, blieb sakrosankt.

»Du meine Güte, das war doch Tomkins!« rief Bevis plötzlich.

Ein kleines, schwarz-weiß geflecktes Kätzchen war in der Einfahrt aufgetaucht, hatte mit scheinbarer Unbekümmertheit zunächst nur eine Pfote vorgestreckt, daraufhin den Schwanz steil aufgerichtet, hatte sich wohlig erschauernd geschüttelt und war dann mit einem Satz unter ein Postauto gesprungen und somit außer Sichtweite geraten. Bevis rannte schreiend hinterher. Tomkins war sozusagen das lebende Zeugnis eines Fehlschlags der Detektei. Eine alte Jungfer gleichen Namens hatte ihn nicht nehmen wollen, obgleich sie Cordelia beauftragt hatte, ihr entlaufenes Kätzchen – schwarz mit einem weißen Fleck ums Auge, zwei weißen Pfoten und einem gestreiften Schwanz – ausfindig zu machen. Zwar entsprach Tomkins dieser Beschreibung durchaus, aber seine mutmaßliche Herrin hatte ihm augenblicklich als betrügerischem Doppelgänger die Tür gewiesen. Nachdem sie Tomkins auf einer Baustelle hinter der Victoria Station vor dem Verhungern gerettet hatten und ihn nicht wieder aussetzen mochten, hauste er nun im Vorzimmer, versehen mit einer Katzentoilette, einem gepolsterten Körbchen und einem Zugang zum Dach durch ein gekipptes Fenster, was ihm nächtliche Streifzüge ermöglichte. Auch er trug zum Schwinden der Rücklagen bei. Das lag nicht so sehr an den ständig steigenden Preisen für Katzenfutter – obwohl es bedauerlich war, daß Miss Maudsley seinen Geschmackssinn ungebührlich verfeinert hatte, indem sie ihm schon zum Frühstück die teuerste auf dem Markt befindliche Dose servierte, und daß Tomkins, ein im Grunde nicht übermäßig gescheiter Kater, augenscheinlich die Dosenaufschriften entziffern konnte –, sondern weitaus mehr an der Tatsache, daß Bevis einen beträchtlichen Teil seiner Arbeitszeit mit Tomkins vertändelte, indem er ihm Ping-Pong-Bälle zuwarf oder eine Hasenpfote an einer Schnur über den Boden im Büro zog und dabei entzückt ausrief: »Schauen Sie doch, Miss Gray, wie das Kerlchen springen kann!«

Nachdem das Kerlchen auf der Kingly Street ein Verkehrschaos ausgelöst hatte, huschte es, verfolgt vom lauthals brüllenden Bevis, in den Hintereingang einer Apotheke. Cordelia beschlich die dumpfe Ahnung, daß sie Tomkins und Bevis so schnell nicht wiedersehen würde. Bevis nämlich schloß neue Freundschaften ebenso zwanghaft, wie andere Menschen einen Wollfaden vom Teppich aufheben müssen. Und Tomkins würde ihm nun vielerlei Möglichkeiten eröffnen. Bedrückt von der Erkenntnis, daß der Vormittag, was Bevis anbetraf, wohl völlig unproduktiv ausfallen würde, verspürte Cordelia auf einmal eine zunehmende Abneigung, sich weiteren Anstrengungen auszusetzen. Gegen den Türpfosten gelehnt, schloß sie die Augen und bot ihr Gesicht der ungewöhnlich warmen Sonne dieses Spätsommertags. Sie zwang sich, das Lärmen und Tosen auf der Straße nicht länger wahrzunehmen, nicht den penetranten Benzingeruch, das Getrappel vorbeieilender Passanten, und spielte sogar vorübergehend mit dem Gedanken, sich schlichtweg aus dem Staub zu machen und das schiefe Firmenschild einfach hängen zu lassen als ein Mahnmal für all ihre Bemühungen, dem toten Bernie und seinem unerfüllten Traum die Treue zu halten.

Dabei hätte sie eigentlich erleichtert sein sollen, da die Detektei sich allmählich einen Namen machte, selbst wenn es vorerst nur darum ging, verschwundene Haustiere aufzustöbern. Unbestreitbar gab es ein Bedürfnis für derartige Dienste, das ihr vermutlich auch eine Art Monopolstellung verschafft hatte. Die weinenden, verzweifelten Klienten, empört über die vermeintliche Gefühlsroheit der zuständigen Polizei, beanstandeten nie die Höhe der Rechnung und zahlten weitaus bereitwilliger, als sie es, wie Cordelia annahm, für das Wiederauffinden eines Familienmitglieds getan hätten. Auch wenn alle Bemühungen der Detektei mit einem Mißerfolg endeten und Cordelia die Rechnung mit bedauernden Worten vorlegen mußte, erhielt sie ihr Honorar ohne die geringste Verzögerung. Was die Tierbesitzer dazu veranlaßte, war wohl das menschliche Bedürfnis, bei einem Verlust zumindest das Gefühl zu haben, es sei etwas, wie vage auch immer, zur Abhilfe unternommen worden. Hin und wieder hatten sie ja auch Erfolge erzielen können. Vor allem Miss Maudsley zeichnete sich durch Hartnäckigkeit aus, wenn sie von Haustür zu Haustür wanderte und Ermittlungen anstellte. Hinzu kam noch ihr geradezu unheimlich anmutendes Einfühlungsvermögen in die Wesensart von Katzen, das gut einem halben Dutzend regennasser, halbverhungerter, kläglich miauender Miezen die Rückkehr zu ihren hochbeglückten Besitzern ermöglicht hatte, aber bisweilen auch die Durchtriebenheit dieser Tiere aufdeckte, die nicht selten ein Doppelleben führten, wenn sie nicht sogar zeitweilig in ihr zweites Heim umgesiedelt waren. Bei der Verfolgung von Katzendieben unterdrückte Miss Maudsley ihre Ängstlichkeit und klapperte an Samstagvormittagen zielbewußt die lärmenden und oft zweifelhaften Londoner Straßenmärkte ab, als stehe sie unter dem besonderen Schutz Gottes, was sie auch sicherlich annahm. Manchmal fragte sich Cordelia, wie wohl der arme, ehrgeizige, empfindsame Bernie die kläglichen Versuche, seine Traumvorstellungen zu verwirklichen, hingenommen hätte. Von den warmen Sonnenstrahlen in eine tranceartige, friedliche Stimmung versetzt, erinnerte sie sich mit bestürzender Deutlichkeit, wie er damals mit zuversichtlicher Stimme ausgerufen hatte: »Partnerin, wir sind da auf eine Goldmine gestoßen. Wir brauchen nur noch mit dem Schürfen zu beginnen.« Sie war froh, daß er nicht mehr hatte erleben müssen, wie klein die Nuggets waren, wie unergiebig die Goldader blieb.

Eine Stimme, die selbstsicher, männlich und herrisch klang, schreckte sie aus ihren Träumen.

»Das Firmenschild hängt schief.«

»Ich weiß«, erwiderte Cordelia und öffnete die Augen.

Die Stimme hatte ein wenig getrogen: Der Sprecher war älter, als sie vermutet hatte. Sie schätzte ihn auf knapp sechzig. Trotz des warmen Tages trug er ein Tweedsakko, das zwar gut geschnitten, aber schon betagt und an den Ellenbogen mit Lederflecken besetzt war. Der Mann war zwar nicht groß, einen Meter siebzig etwa, aber er hielt sich kerzengerade, und er beeindruckte sie durch seine lässige, selbstbewußte, geradezu weltmännische Haltung, die vermutlich eine innere Gespanntheit überdeckte. Er wirkte, als sei er jederzeit auf einen Befehl gefaßt. Cordelia fragte sich, ob es sich um einen ehemaligen Offizier handelte. Er hielt den Kopf hoch und starr, und das graue, leicht schüttere Haar war von der hohen, zerfurchten Stirn glatt nach hinten gebürstet. Das längliche und knochige Gesicht prägten eine markante Nase, gerötete, von einem Geflecht geplatzter Äderchen überzogene Wangen und ein breiter, wohlgeformter Mund. Der Blick seiner Augen, die sie, wie Cordelia meinte, von buschigen Brauen gesäumt, nicht unfreundlich musterten, war wachsam. Die linke Braue hatte er ein wenig höher gezogen als die rechte. Außerdem zuckte er mit beiden kaum merklich, und er kräuselte die Winkel seines langgezogenen Mundes, was seinem Gesicht einen ruhelosen Ausdruck verlieh, der mit seiner eher steifen Haltung so gar nicht übereinstimmen wollte und es Cordelia schwermachte, ihm in die Augen zu sehen.

»Sie sollten das gleich in Ordnung bringen«, meinte er.

Stumm sah sie zu, wie er sein Aktenköfferchen absetzte, aus der Brusttasche einen Füller und eine Brieftasche herausholte, sodann eine Visitenkarte hervorkramte und auf der Rückseite in steiler, beinahe kindlicher Schrift etwas notierte.

Cordelia nahm die Visitenkarte, sah einen Namen – Morgan – sowie eine Telefonnummer, drehte sie um und las: SIR GEORGE RALSTON. BT., D. S.O., M. C.

Sie hatte recht gehabt. Er war ein Militär, obendrein noch ein Baronet und Träger des Kriegsverdienstordens.

»Wieviel verlangt denn dieser Mr. Morgan für so eine Arbeit?«

»Weitaus weniger, als Sie dieser Pfusch gekostet hat. Sie brauchen ihm nur zu sagen, daß ich Ihnen seine Telefonnummer gegeben habe. Er wird nur das verlangen, was ihm für so eine Arbeit zusteht, und keinen Penny mehr.«

Cordelias Laune besserte sich schlagartig. Das schiefe Firmenschild, das vor den kritischen Augen dieses unerwartet aufgetauchten, exzentrisch wirkenden Schlachtenlenkers nicht hatte bestehen können, kam ihr auf einmal überaus komisch vor, war nicht länger eine peinliche Widrigkeit, sondern eher eine Art Witz. Auch die Kingly Street hatte sich gewandelt, seitdem sie fröhlicher gestimmt war, und glich nun einem bunten, sonnenbeschienenen Basar, den Optimismus und Lebenslust durchpulsten.

Fast hätte sie laut aufgelacht. Sie versuchte, das Zucken um ihre Mundwinkel zu unterdrücken, und sagte mit beherrschter Stimme: »Das war sehr freundlich von Ihnen, Sir. Sind Firmenschilder Ihre große Leidenschaft, oder wollten Sie lediglich der Menschheit einen Dienst erweisen?«

»Viele halten mich eher für eine Geißel der Menschheit. Nein, eigentlich komme ich als Klient zu Ihnen – wenn Sie Cordelia Gray sind. Hat man Ihnen noch nie gesagt, daß …«

Cordelia war maßlos enttäuscht. Wie hatte sie auch annehmen können, daß er anders war als die übrigen männlichen Klienten?

»Daß dies ein reizender Job für eine Frau ist?« beendete sie seinen Satz. »Das hat man mir schon öfters gesagt. Aber es stimmt nicht.«

»Ich wollte fragen«, erwiderte er sanft, »ob man Ihnen noch nie gesagt hat, daß Ihr Büro nur sehr schwer zu finden ist. Die Straße hier ist ja der reinste Irrgarten. Die Hälfte der Häuser ist verkehrt numeriert. Das liegt wohl an der ständigen Umbauerei, nicht wahr? Ihr neues Firmenschild wäre schon hilfreich, aber es muß fachmännisch montiert werden. Das sollten Sie in Ordnung bringen, macht einfach einen schlechten Eindruck.«

In diesem Augenblick gesellte sich keuchend Bevis zu ihnen. Nach all den Strapazen war sein Lockenhaar schweißfeucht. Aus seiner Hemdtasche ragte verräterisch der unselige Schraubenzieher. Den laut schnurrenden Tomkins an seine erhitzte Wange drückend, sah er mit entwaffnend schuldbewußter Miene den Neuankömmling an. Doch dieser fertigte ihn mit einem barschen »Das da ist Pfuscharbeit!« und einem Blick ab, aus dem man schließen konnte, daß Bevis alles andere als das Zeug zu einem Offizier hatte.

Sir George wandte sich an Cordelia: »Sollten wir nicht besser in Ihr Büro gehen?«

Cordelia wich Bevis' Blick aus, da sie sich gut vorstellen konnte, wie er jetzt die Augen nach oben verdrehte. Im Gänsemarsch stiegen sie die schmale, mit Linoleum belegte Treppe hinauf. Cordelia ging voran, vorbei an der einzigen Toilette samt Bad, mit der sich alle Mieter zu begnügen hatten; sie hoffte nur, Sir George würde nicht in die Verlegenheit kommen, sie aufsuchen zu müssen. Im Vorzimmer im zweiten Stock blickte Miss Maudsley furchtsam hinter ihrer Schreibmaschine hervor. Bevis deponierte Tomkins in seinem Körbchen, wo der Kater sich augenblicklich zu putzen begann, um all den Schmutz der Kingly Street loszuwerden, und warf Miss Maudsley mit weit aufgerissenen Augen einen warnenden Blick zu. »Ein Klient!« wisperte er. Miss Maudsley errötete, richtete sich halb auf, ließ sich gleich wieder nieder und mühte sich sodann mit zitternder Hand, einen Tippfehler zu tilgen. Cordelia führte den Kunden ins Allerheiligste.

Sobald sie sich gesetzt hatten, fragte sie: »Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«

»Richtigen Kaffee oder Muckefuck?«

»Sie werden ihn vermutlich für das letztere halten. Aber es ist ein hervorragender Muckefuck.«

»Dann lieber Tee, wenn Sie welchen haben. Wenn möglich, Darjeeling. Mit Milch bitte, ohne Zucker und kein Gebäck.«

Mit seinem Umgangston wollte er sie sicherlich nicht kränken. Er war es offenbar gewöhnt, sich zunächst einmal über die Fakten Klarheit zu verschaffen, um dann seine Wünsche zu äußern.

Cordelia steckte den Kopf durch die Tür und rief zu Miss Maudsley: »Tee bitte!« Sobald der Tee aufgebrüht war, würde man ihn in den dünnwandigen Rockingham-Tassen servieren, die Miss Maudsley von ihrer Mutter geerbt und der Firma für die Bewirtung von ganz besonders vornehmen Klienten zur Verfügung gestellt hatte. Cordelia zweifelte nicht, daß Sir George des Rockingham-Geschirrs würdig war.

Sie musterten einander über Bernies Schreibtisch hinweg. Seine grauen, wachsamen Augen erforschten ihr Gesicht, als sei er ein Prüfer und sie die Examenskandidatin, was in gewisser Weise auch der Fall war. Sein stechender, starrer Blick, der so wenig zu seinem immer wieder zuckenden Mund passen wollte, verwirrte sie.

»Wieso heißt die Firma Pryde?«

»Die Detektei wurde von Bernie Pryde, einem ehemaligen Londoner Polizeiangehörigen, gegründet. Ich war eine Zeitlang seine Assistentin, dann seine Geschäftspartnerin. Als er starb, fiel die Firma an mich.«

»Woran ist er denn gestorben?«

Obwohl ihr diese Frage, die sich geradezu anklagend anhörte, befremdlich vorkam, erwiderte sie gleichmütig: »Er hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.«

Sie brauchte nicht einmal die Augen zu schließen, um sich den Vorfall – als sei es eine gestochen scharfe Momentaufnahme – ins Gedächtnis zu rufen: Bernie kauert zusammengesunken auf dem Stuhl, auf dem sie jetzt sitzt, die halbgeballte Rechte neben dem aufgeklappten, scharf geschliffenen Rasiermesser, während die verunstaltete Linke mit dem klaffenden Schnitt am Handgelenk, Innenseite nach oben, in einer Wasserschale ruht – wie eine exotische Seeanemone, die sterbend die blassen, schlierigen Tentakel ausstreckt. Nur daß es kein Aquarium mit Meerwasser von dieser hellroten Farbe gab. Selbst jetzt noch konnte sie den penetranten süßlichen Blutgeruch wahrnehmen.

»Hat sich also umgebracht, sagen Sie.«

Er hatte jetzt einen Konversationston angeschlagen, ganz so, als sei er ein Golfspieler, der Bernie zu einem meisterhaft eingelochten Ball gratuliert, während man seiner Musterung des Büros entnehmen konnte, daß Bernies Handlung in seinen Augen unter diesen Umständen völlig vernünftig gewesen war.

Sie sträubte sich dagegen, beide Räume so zu sehen, wie er sie wohl sah. Was sich ihren Blicken bot, war ohnehin schon trostlos genug. Zusammen mit Miss Maudsley hatte sie ihr Büro renoviert, die Wände hellgelb getüncht, um auf diese Weise mehr Helligkeit vorzutäuschen, und den ausgebleichten Spannteppich mit einer Speziallösung bearbeitet. Leider hatte das Mittel nach dem Trocknen Flecken hinterlassen, so daß das Ergebnis eher an eine räudige Haut gemahnte. Mit den frischgewaschenen Vorhängen aber sah das Büro zumindest ordentlich und aufgeräumt aus, möglicherweise zu aufgeräumt, da das Fehlen von Aktenstapeln auf keine allzugroße Arbeitsbelastung schließen ließ. Zudem wurde jegliche Abstellfläche von allen möglichen Pflanzen beansprucht. Miss Maudsley war eine große Blumennärrin, und die Ableger, die sie von ihren Lieblingen gewonnen und in einer Unzahl höchst sonderbar geformter Gefäße – erstanden auf ihren Streifzügen durch die Londoner Straßenmärkte – liebevoll gepäppelt hatte, waren trotz des kümmerlichen Lichts gediehen. Der so entstandene üppige Dschungel legte den Gedanken nahe, daß man damit irgendeinen abscheulichen Makel im Raum oder am Mobiliar kaschieren wolle. Cordelia, die weiterhin Bernies alten, aus massivem Eichenholz gefertigten Schreibtisch benützte, bildete sich ein, auf der Platte noch den Wasserrand der Schale zu sehen, in die sein Blut getropft war, wie auch den einen Fleck, der vom verspritzten Blut und Wasser herrührte. Aber auf der Platte waren allzu viele Wasserränder und Flecken. Bernies Hut mit der hochgestellten Krempe und dem fettigen Band hing noch immer am gedrechselten Kleiderständer. Da ihn kein Trödler nehmen würde, hatte sie es nicht übers Herz gebracht, ihn einfach wegzuwerfen. Zweimal schon hatte sie ihn zur Mülltonne im Hinterhof getragen. Und beide Male war es ihr unmöglich gewesen, ihn darin verschwinden zu lassen, weil sie diese endgültige, symbolische Verbannung Bernies als noch schmählicher, noch bedrückender empfunden hätte als die Tilgung seines Vornamens auf dem Firmenschild. Sollte die Detektei Schiffbruch erleiden – sie wagte nicht daran zu denken, wie hoch wohl die Miete nach Ablauf des auf drei Jahre befristeten Vertrages war –, würde sie den Hut in seiner anrührenden Schäbigkeit einfach hängen lassen, damit ihn ihr Nachfolger angewidert in den Papierkorb werfen konnte.

Der Tee kam. Sir George wartete, bis Miss Maudsley das Zimmer verlassen hatte, und sagte dann, während er bedächtig etwas Milch in seine Tasse tröpfeln ließ: »Der Auftrag, den ich Ihnen erteilen möchte, schließt verschiedene Aufgabenbereiche ein. Sie sollten teils als Leibwächterin fungieren, teils als Privatsekretärin, teils Ermittlungen anstellen und teils … nun, eine Art Kammerzofe sein. Von allem etwas. Das mag nicht jedem liegen. Außerdem läßt sich nicht voraussagen, was dabei herauskommen wird.«

»Eigentlich bin ich Privatdetektivin«, erwiderte sie.

»Das bestreitet niemand. Aber heutzutage sollte man nicht auf Prinzipien herumreiten. Man muß die Aufträge annehmen, wie sie kommen. Überdies mag es durchaus sein, daß Sie Anzeige erstatten müssen, es sogar mit einem Gewaltverbrechen zu tun bekommen. Letzteres ist allerdings unwahrscheinlich. Es kann für Sie unangenehm werden, aber kaum gefährlich. Bestünde wirklich irgendeine Gefahr für meine Frau oder Sie, würde ich ja keine Amateurin engagieren.«

»Vielleicht sollten Sie mir genauer erklären, Sir, was ich für Sie tun soll«, entgegnete Cordelia.

Mit gerunzelter Stirn blickte er in die Teetasse, als falle ihm die Erklärung schwer. Doch dann drückte er sich überaus präzis, knapp und ohne jegliches Zögern in der Stimme aus:

»Meine Frau ist die Schauspielerin Clarissa Lisle. Vielleicht haben Sie schon von ihr gehört. Die meisten Menschen kennen sie, obwohl sie in letzter Zeit kaum aufgetreten ist. Ich bin ihr dritter Mann. Wir haben im Juni 1978 geheiratet. Im Juli 1980 sollte sie die Lady Macbeth am Duke-of-Clarence-Theater spielen. Am dritten Abend – das Stück sollte sechs Monate laufen – erhielt sie eine Botschaft, in der man ihr, wie sie meint, den Tod androhte. Diese Morddrohungen haben sich seitdem gehäuft.«

Er nippte von seinem Tee. Cordelia schaute ihn mit der erwartungsvollen Miene eines Kindes an, das ein Präsent überbracht hat und nun hofft, es werde Billigung finden. Die Gesprächspause kam ihr allzu lange vor.

»Sie sagten vorhin«, brach sie schließlich das Schweigen, »daß Ihrer Frau die erste Botschaft wie eine Morddrohung vorkam. Wollten Sie damit andeuten, daß der Inhalt nicht ganz so eindeutig war? Wie sahen denn diese Drohungen aus?«

»Es handelt sich um maschinegeschriebene Zettel. Allem Anschein nach wurden verschiedene Schreibmaschinen verwendet. Auf jedem dieser Zettel prangt oben ein kleiner Sarg oder ein Totenschädel. Die Texte stammen aus Theaterstücken, in denen meine Frau eine Hauptrolle gespielt hat. Und die Zitate handeln alle vom Tod oder vom Sterben – von der Angst vorm Tode, der Verurteilung zum Tode, der Unausweichlichkeit des Todes.«

Die Wiederholung dieses unheilschwangeren Wortes war bedrückend. Täuschte sie sich, oder hatte er es tatsächlich mit einer gewissen hämischen Befriedigung ausgesprochen?

»Aber die bedrohlichen Zitate sind nicht gegen Ihre Frau persönlich gerichtet?« fragte Cordelia.

»Meine Frau empfindet schon dieses Gefasel vom Tod als bedrohlich. Sie ist da überaus sensibel. Schauspielerinnen müssen es wohl sein. Sie sind auf die Zuneigung ihres Publikums angewiesen. All das klingt auch keineswegs freundlich. Ich habe die Zettel bei mir, zumindest diejenigen, die meine Frau aufgehoben hat. Die allerersten hat sie vernichtet. – Sie brauchen ja ein paar Anhaltspunkte.«

Er ließ das Schloß an seinem Aktenköfferchen aufschnappen und holte ein steifes, längliches Kuvert hervor. Daraus ließ er ein Bündel kleiner Zettel auf den Schreibtisch fallen, die er fächerförmig ausbreitete. Die Blätter kamen ihr augenblicklich vertraut vor. Es handelte sich um ein weitverbreitetes weißes Schreibpapier mittlerer Qualität, das in drei Normgrößen mitsamt den passenden Umschlägen in Tausenden von Schreibwarenläden feilgeboten wurde. Der Schreiber war wohl vom sparsamen Schlag, da er das kleinste Format vewendet hatte. Auf jedem der Kärtchen befand sich ein maschinegeschriebenes Zitat, über dem eine kleine, etwa zwei Zentimeter hohe Zeichnung – ein hochkant gestellter Sarg mit den Initialen R. I. P. auf dem Deckel oder ein Totenschädel mit zwei gekreuzten Knochen – zu sehen war. Der Zeichner schien sich keine besondere Mühe gegeben zu haben. Es waren eher Embleme als detailgetreue Wiedergaben. Andererseits waren sie mit einer gewissen Routine in der Linienführung, mit einem Gespür fürs Dekorative angefertigt, woraus man auf den geschickten Umgang mit einer Tuschfeder oder, wie im vorliegenden Fall, mit einem schwarzen Kugelschreiber schließen konnte. Mit seinen knochigen Fingern mischte und arrangierte Sir George die weißen Karten mit den auffälligen, pechschwarzen Zeichnungen, als teile er Karten für irgendein tückisches Spiel aus, das Zitatenjagd oder Mörderhatz hätte heißen können.

Die meisten Zitate waren ihr vertraut, waren wohl jedem geläufig, der seinen Shakespeare und die englischen Klassiker des 17. Jahrhunderts kannte und in deren Werken nach einer geeigneten Passage über den Tod oder die Angst vorm Sterben blätterte. Selbst jetzt, als sie die aus ihrem Zusammenhang gerissenen Worte überflog, verspürte sie den eindringlichen, wehmütigen Reiz der vertrauten Worte. Das bei weitem längste Zitat – wie hätte der Absender dem auch widerstehen können? – war Claudios beklemmender Aufschrei aus »Maß für Maß«:

Ja! Aber sterben! Gehn, wer weiß, wohin,

Da liegen, kalt, eng eingesperrt, und faulen;

Dies lebenswarme, fühlende Bewegen

Verschrumpft zum Kloß; und der entzückte Geist

Getaucht in Feuerfluten, oder schaudernd

Umstarrt von Wüsten ew'ger Eisesmassen;

Gekerkert sein in unsichtbare Stürme,

Und mit rastloser Wut gejagt rings um

Die schwebende Erde …

Das schwerste, jammervollste, ird'sche Leben,

Das Alter, Armut, Schmerz, Gefangenschaft

Dem Menschen auflegt, – ist ein Paradies

Gegen das, was wir vom Tode fürchten!

Es fiel ihr schwer, aus diesen bekannten Worten eine persönliche Drohung herauszulesen. Die übrigen Zitate klangen da weitaus bedrohlicher und verhießen unverhohlen, wie sie meinte, Vergeltung für begangenes oder eingebildetes Unrecht.

Erst im Tod begleicht man seine Schulden.

Oder:

O du Gewächs,

So lieblich anzuschauen, so süß duftend,

Daß es einem weh ist ums Herz.

Wärest du nie geboren!

Selbst mit den Zeichnungen hatte sich der Absender einige Male mehr Mühe gegeben. Ein Totenkopf illustrierte den Satz Hamlets aus der Totengräberszene:

Nun begib dich in die Kammer der gnädigen Frau

Und sage ihr, wenn sie auch die Schminke

einen Finger dick auflegt:

So'n Gesicht muß sie endlich bekommen.

Genauso war es bei einer Passage, die, wie Cordelia glaubte, nur von John Webster stammen konnte, obgleich ihr der Titel des Stücks nicht einfallen wollte:

Ihr, die Ihr in Sicherheit erstickt,

Nicht wißt, wie Ihr leben oder sterben sollt.

Aber ich hab' da ein Ding, das Euch erschrecken

Und weisen wird, wohin Ihr gehen werdet.

Doch selbst wenn man die Sensibilität einer Schauspielerin in Betracht zog, war schon eine ausgeprägte Ichbesessenheit vonnöten, wollte man all diese aus ihrem Kontext herausgelösten, wohlbekannten Worte auf sich selbst beziehen. Oder es steckte eine derart große Angst vor dem Sterben dahinter, daß man eine psychische Störung vermuten durfte.

Sie holte aus der Schreibtischschublade einen neuen Notizblock hervor und fragte: »Wie sind diese Botschaften übersandt worden?«

»Die meisten sind mit der Post gekommen. In Umschlägen aus demselben Papier und mit maschinegeschriebener Adresse. Meine Frau hielt es nicht für wichtig, die Umschläge aufzubewahren. Etliche Briefe wurden im Theater oder in unserer Londoner Wohnung abgegeben. Einer wurde während der Vorstellung von ›Macbeth‹ unter der Garderobetür hindurchgeschoben. Das erste halbe Dutzend etwa hat meine Frau vernichtet, was meiner Ansicht nach mit allen geschehen sollte. Diese dreiundzwanzig hier sind übriggeblieben. Ich habe sie auf der Rückseite mit Bleistift durchnumeriert, soweit sich meine Frau noch an die Reihenfolge ihres Eintreffens erinnern konnte. Notiert habe ich auch, wann und wie sie jeweils übermittelt worden sind.«

»Vielen Dank. Das kann mir vielleicht weiterhelfen. – Hat Ihre Frau öfter in Shakespeare-Stücken gespielt?«

»Nach der Schauspielschule gehörte sie drei Jahre der Malvern Repertory Company an. In dieser Zeit spielte sie viel Shakespeare. In letzter Zeit nur noch selten.«

»Die ersten Zettel – die sie vernichtet hat – kamen, als sie die Lady Macbeth spielte. Wissen Sie etwas über die näheren Umstände?«

»Schon das erste Kärtchen jagte ihr Angst ein. Aber sie erzählte niemandem davon, sondern hielt es für eine einmalige Boshaftigkeit. Später sagte sie mir, sie könne sich an den Inhalt nicht mehr erinnern, nur noch an einen gezeichneten Sarg. Bald darauf kamen das zweite, das dritte, das vierte. In der dritten Spielwoche verlor meine Frau öfters den Faden und mußte sich von der Souffleuse helfen lassen. Und in der Samstagsvorstellung verließ sie dann mitten im zweiten Akt fluchtartig die Bühne. Eine andere Schauspielerin mußte für sie einspringen. Bei solchen Dingen spielt nun mal die Selbstsicherheit eine große Rolle. Hat man das Gefühl, man schmeißt gleich die Rolle – so nennt man's doch im Theaterjargon –, dann tritt das meistens auch ein. Nach einer Woche konnte sie zwar ihre Rolle wieder übernehmen, aber die nächsten Wochen waren für sie eine einzige Tortur. Danach bekam sie in Brighton eine Rolle in der Wiederaufführung einer Kriminalkomödie aus den dreißiger Jahren. Sie wissen schon, eins von diesen Stücken, in denen die naive Heldin Alvina heißt, der unerschrockene Held Clive und in denen die Herren in langen Flanelltennishosen umherstolzieren, wenn sie nicht gerade durch eine Terrassentür hereinstürzen oder davoneilen. Eine Boulevardklamotte also. Nicht eben nach ihrem Geschmack, da sie klassische Rollen bevorzugt, aber für eine Schauspielerin mittleren Alters gibt es keine große Auswahl mehr. Zu viele gute Schauspielerinnen sind hinter viel zu wenigen Rollen her, hat man mir erzählt. Jedenfalls geschah in Brighton das gleiche. Die erste Botschaft mit einem Zitat kam schon am Vormittag vor der Aufführung. Danach trafen in regelmäßigem Abstand immer wieder welche ein. Das Stück wurde nach vier Wochen abgesetzt, was mit den Leistungen meiner Frau etwas zu tun haben konnte. Sie nahm es wenigstens an. Ich bin mir da nicht so sicher. Es war schlichtweg ein wirres Stück, aus dem ich nicht klug wurde. Clarissa pausierte danach und übernahm nach einer Weile eine Rolle in Websters ›Der weiße Teufel‹, der in Nottingham inszeniert wurde. Es war die Rolle der Victoria oder wie immer sie heißt.«

»Vittoria Corombona.«

»Heißt sie so? Da ich damals zehn Tage in New York zu tun hatte, habe ich die Aufführung nicht gesehen. Und wieder erhielt sie diese Drohbriefe. Den ersten bekam sie wieder am ersten Spieltag. Doch diesmal wandte sich meine Frau an die Polizei. Viel brachte das nicht. Die Beamten nahmen die Zettel mit, wurden nicht schlau daraus und brachten sie wieder. Sie waren überaus zuvorkommend, aber wenig hilfreich. Damit gaben sie zu verstehen, daß sie die Morddrohungen nicht ernst nahmen. Sie deuteten sogar an, daß Leute, die jemand umbringen wollen, es in der Regel auch versuchen und nicht nur drohen. Ich muß zugeben, auch ich denke so. Etwas haben sie allerdings herausgebracht. Die Karte, die ihr zugesandt wurde, als ich mich in New York aufhielt, war auf meiner alten Remington getippt worden.«

»Sie haben mir immer noch nicht genau gesagt, wie ich Ihnen helfen soll«, warf Cordelia ein.

»Bin eben dabei. An diesem Wochenende wird meine Frau die Hauptrolle in einer Liebhaberinszenierung der ›Herzogin von Amalfi‹ spielen. Die Tragödie wird in viktorianischen Kostümen auf der Insel Courcy, die knapp zwei Meilen von der Kanal-Küste entfernt ist, aufgeführt werden. Ambrose Gorringe, dem die Insel gehört, hat das von seinem Urgroßvater erbaute, kleine viktorianische Theater restaurieren lassen. Soviel ich weiß, empfing der erste Gorringe, der auch das baufällige mittelalterliche Schloß instand setzen ließ, dort den damaligen Prinzen von Wales und dessen Geliebte, die Schauspielerin Lillie Langtry. Die illustren Gäste vergnügten sich schon damals mit Liebhaberaufführungen. Der gegenwärtige Besitzer möchte wohl die glorreichen Zeiten von einst wiederaufleben lassen. Vor etwa einem Jahr brachte eine Zeitung in ihrer Wochenendausgabe einen ausführlichen Bericht über Courcy, die Restaurierung des Schlosses und des Theaters. Vielleicht haben Sie ihn gelesen.«

Cordelia konnte sich nicht daran erinnern. »Und Sie wünschen nun, daß ich zu dieser Insel fahre und Lady Ralston nicht aus den Augen lasse?« fragte sie.

»Eigentlich wollte ich selbst dorthin fahren, aber das wird sich nicht machen lassen. Ich habe eine geschäftliche Besprechung im West Country, die ich nicht gut absagen kann. Ich bringe meine Frau am Freitag in aller Frühe nach Speymouth zur Fähre und trenne mich dort von ihr. Deswegen braucht sie unbedingt eine Begleiterin. Die Aufführung ist für sie enorm wichtig. Im kommenden Frühjahr soll das Stück in Chichester inszeniert werden. Wenn sie ihre alte Selbstsicherheit wiederfindet, hätte sie möglicherweise Lust, die Rolle auch dort zu übernehmen. Doch warten wir's ab. Meine Frau befürchtet nun einmal, daß sich die Drohungen an diesem Wochenende bewahrheiten könnten, daß sie irgend jemand auf Courcy umbringen will.«

»Sie muß doch einen handfesten Grund haben, wenn sie das annimmt?«

»Keinen, den sie mit Worten erklären könnte und den die Polizei gelten lassen würde. Nichts, was rational wäre. Sie hat nur dieses bange Gefühl. Sie bat mich jedenfalls, Sie zu engagieren.«

Und er hatte sie auch aufgesucht. Verschaffte er seiner Frau immer alles, was sie sich einbildete? »Wofür werde ich genau engagiert, Sir George?« fragte sie abermals.

»Sie sollen meine Frau vor allen Unannehmlichkeiten schützen: Telefonanrufe entgegennehmen; Briefe öffnen; falls es sich machen läßt, vor der Vorstellung die Bühne inspizieren; sich auch nachts zu ihrer Verfügung halten, denn da hat sie am meisten Angst; und zudem das Rätsel dieser Drohungen unter einem neuen Gesichtspunkt angehen. Versuchen Sie, in den drei Tagen herauszufinden, wer dahintersteckt!«

Bevor Cordelia auf das alles etwas erwidern konnte, streifte sie wiederum der stechende Blick aus den grauen Augen unter den zusammengekniffenen Brauen.

»Haben Sie etwas für Vögel übrig?«

Cordelia war im Moment sprachlos. Vermutlich würden nur wenige Menschen – es sei denn, sie hätten eine krankhafte Abneigung – zugeben, daß sie Vögel nicht mochten. Schließlich gehörten Vögel zu den anmutigsten Geschöpfen auf dieser Erde. Aber wahrscheinlich wollte Sir George nur auf Umwegen herausfinden, ob sie auf fünfzig Schritt Entfernung eine Rohrweihe ausmachen konnte.

»Mit den weniger bekannten Arten kenne ich mich nicht besonders aus«, gestand sie zögernd.

»Schade. Courcy ist eines der interessantesten Vogelschutzgebiete in ganz England, höchstwahrscheinlich das reichhaltigste in Privatbesitz, beinahe ebenso sehenswert wie Brownsea bei Poole Harbour. Ist dieser Insel übrigens gar nicht so unähnlich. Courcy hat ebenso viele seltene Vogelarten aufzuweisen: Blauschopffasane, Swinholdfasane, Kanadagänse, schwarze Strandläufer, Austernfischer. Schade, daß Sie dafür kein Interesse haben. – Gibt es sonst noch Fragen? Hinsichtlich des Auftrags, meine ich?«

»Sollte mich Ihre Frau, wenn ich schon drei Tage in ihrer Umgebung verbringen soll, nicht kennenlernen, bevor Sie sich festlegen? Es ist doch wichtig, daß auch sie das Gefühl hat, mir vertrauen zu können. Sie kennt mich überhaupt nicht. Wir haben uns noch nie gesehen«, gab Cordelia zu bedenken.

»Doch, das haben Sie. Seitdem weiß sie, daß sie Ihnen vertrauen kann. Als sie letzte Woche bei einer Mrs. Fortescue zum Tee war, brachten Sie der Dame ihren Kater zurück. Salomon heißt er, glaube ich. Da Sie ihn schon nach einer halbstündigen Suche ausfindig gemacht hatten, war Ihre Rechnung entsprechend niedrig. Mrs. Fortescue hängt sehr an diesem Tier. Sie hätten ohne weiteres das Dreifache verlangen können. Mrs. Fortescue hätte es gewiß nicht beanstandet. Meine Frau war jedenfalls höchst beeindruckt.«

»So billig sind wir im allgemeinen nicht«, erwiderte Cordelia.

»Wir könnten es uns nicht leisten. Aber wir sind eine honorige Firma.«

An den Salon am Eaton Square konnte sie sich gut erinnern. Es war ein typisch femininer Raum gewesen, wenn man darunter Zierlichkeit und schwelgerische Verspieltheit versteht, ein überladenes, behagliches Boudoir mit silbergerahmten Fotografien, einem üppig gedeckten Teetischchen vor dem Adam-Kamin und viel zu vielen, überaus konventionell arrangierten Blumensträußen. Mrs. Fortescue, die vor lauter Erleichterung und Freude kaum sprechen konnte, hatte zwar etikettebewußt Cordelia ihrem Gast vorgestellt, aber da ihre Stimme, gedämpft durch Salomons Pelz, schwer zu verstehen gewesen war, hatte Cordelia den Namen nicht verstanden. Nur der äußere Eindruck war haftengeblieben. Die Besucherin saß regungslos in einem Fauteuil neben dem offenen Kamin, ein mageres Bein über das andere gelegt, die üppig beringten Hände auf der Lehne. Cordelia erinnerte sich noch deutlich an ihr blondes, über der hohen Stirn höchst kunstvoll getürmtes und toupiertes Haar, an den kleinen, prallen Mund, die tiefliegenden, riesigen Augen mit den schweren, leicht angeschwollen wirkenden Lidern. Die Besucherin hatte der verspielten Durchschnittlichkeit des Salons eine gewisse hehre, steife Würde verliehen, eine Distinguiertheit, die trotz des schlichten Wildlederkostüms auf eine schauspielerisch ambitionierte oder sonstwie exzentrische Persönlichkeit schließen ließ. Die Dame hatte ihr gemessen zugenickt und sich die Ergüsse ihrer Freundin mit einem halb spöttischen Lächeln angehört. Trotz ihrer reservierten Haltung hatte sie keineswegs einen ausgeglichenen Eindruck gemacht.

»Ich habe damals den Namen Ihrer Frau nicht verstanden«, sagte Cordelia. »Aber ich kann mich gut an sie erinnern.«

»Übernehmen Sie nun den Auftrag?«

»Ja.«

»Es ist allerdings etwas anderes als das Einfangen entlaufener Katzen«, meinte er ungerührt. »Mrs. Fortescue teilte meiner Frau mit, wieviel Sie pro Tag berechnen. In diesem Fall wird es wohl mehr sein, kann ich mir denken.«

»Unser Tagessatz ist unabhängig vom Auftrag«, erwiderte Cordelia. »Die Endabrechnung hängt allerdings vom Zeitaufwand ab, von der Höhe der Spesen und auch davon, ob ich die Hilfe meiner Angestellten benötige. Es kann sich schon einiges zusammenläppern. Aber da ich ja auf Courcy zu Gast bin, werden keine Hotelrechnungen anfallen. Wann soll ich dort sein?«

»Das Fährboot – es trägt übrigens den Namen ›Shearwater‹ – wartet am Anliegeplatz von Speymouth auf die Ankunft des Zuges, der um neun Uhr dreiunddreißig von der Waterloo Station abfährt. Ihre Fahrkarte finden Sie in diesem Umschlag hier. Meine Frau hat Mr. Gorringe schon mitgeteilt, daß sie eine Begleiterin, eine Privatsekretärin, mitbringt, die ihr am Wochenende zur Hand gehen kann. Sie werden also erwartet.«

Demnach hatte Clarissa Lisle fest damit gerechnet, daß sie den Job annehmen würde. Warum auch nicht? Warum sollte sie ihn nicht akzeptieren? Überdies schien Clarissa Lisle gleichermaßen überzeugt zu sein, daß Ambrose Gorringe nichts dagegen einwenden werde.

Die Erklärung, warum sie die Gesellschaft um ihre »Privatsekretärin« bereichern wolle, war freilich etwas dürftig. Cordelia fragte sich denn auch, wieweit man ihr Glauben geschenkt haben mochte. Zum Wochenende bei einem Landaufenthalt mit einer Privatsekretärin zu erscheinen, stand vielleicht einem Mitglied der königlichen Familie zu, aber im Falle eines minder illustren Gastes könnte es als mangelndes Vertrauen zum Gastgeber aufgefaßt werden. Und vollends ein Verstoß gegen die Etikette wäre es, jemanden sozusagen inkognito einzuschmuggeln. Es würde nicht leicht sein, Clarissa Lisle zu schützen, ohne preizugeben, daß die Begleitung unter einem Vorwand mitgekommen war. Eine derartige Entdeckung konnte aber weder dem Gastgeber noch den übrigen Gästen zusagen.

»Ich wüßte auch gern«, sagte sie, »wer sonst noch nach Courcy kommt, und was das für Leute sind.«

»Da kann ich Ihnen nicht viel erzählen. Von Samstag nachmittag an, wenn alle Darsteller und geladenen Zuschauer eingetroffen sind, werden rund hundert Menschen auf der Insel sein. Aber die Gesellschaft im Hause besteht nur aus wenigen Personen. Anwesend sind selbstverständlich meine Frau, dann Tolly, das heißt Miss Tolgarth, ihre Garderobiere, und Simon Lessing, der Stiefsohn meiner Frau, ein siebzehnjähriger Primaner; sein Vater war Clarissas zweiter Mann, der im August 1977 ertrunken ist. Da sich der Junge bei den Verwandten, die sich seiner angenommen hatten, nicht glücklich fühlte, beschloß meine Frau, ihn zu uns zu nehmen. Ich bin mir nicht sicher, wieso auch er eingeladen wurde, da sein Interesse der Musik gehört. Aber vermutlich meinte Clarissa, daß er öfters unter Menschen kommen sollte. Er ist überaus schüchtern. Dann kommt noch Roma Lisle, Clarissas Kusine. Sie war früher Lehrerin, besitzt jetzt aber irgendwo in London eine Buchhandlung. Sie ist ledig und etwa fünfundvierzig Jahre alt. Ich bin ihr nur zweimal begegnet. Ich kann mir vorstellen, daß sie ihren Geschäftspartner mitbringt. Allerdings kann ich Ihnen nicht sagen, wer das ist. Ferner werden Sie noch den Theaterkritiker Ivo Whittingham kennenlernen, einen guten Freund meiner Frau. Er möchte für irgendeine Zeitung einen längeren Bericht über das restaurierte Theater und die Aufführung schreiben. Selbstverständlich wird auch Ambrose Gorringe dasein. Außerdem sind da noch drei Bedienstete: Butler Munter, seine Frau und Oldfield, der als Bootsführer und Faktotum fungiert. Das dürften alle sein.«

»Erzählen Sie mir bitte etwas mehr über Mr. Gorringe!«

»Gorringe und meine Frau kennen sich seit ihrer Kindheit. Die Väter waren im diplomatischen Dienst. Gorringe erbte die Insel 1977, als er gerade im Ausland war, von seinem Onkel. Die ganze Angelegenheit hatte etwas mit der Verringerung der Erbschaftssteuer zu tun. 1978 kehrte er jedenfalls nach England zurück und verbrachte die letzten drei Jahre damit, das Schloß zu restaurieren und die Insel in ihren heutigen Zustand zu versetzen. Ein Mann mittleren Alters. Unverheiratet. Wenn ich mich nicht täusche, war er mal Dozent für Geschichte in Cambridge. Ein Experte, was die Viktorianische Epoche anbelangt. Ich wüßte nichts Negatives über ihn zu berichten.«

»Da ist noch eine Frage, die ich stellen muß«, erwiderte Cordelia. »Ihre Frau bangt so um ihr Leben, daß sie Courcy nicht ohne Schutz besuchen möchte. Gibt es denn unter all diesen Leuten jemanden, von dem sie mit einigem Grund etwas zu befürchten hätte, den sie für verdächtig hält?«

Es war unverkennbar, daß ihm die Frage höchst unwillkommen war. Möglicherweise lag das daran, daß sie ihn zwang, offen zuzugeben, was er bisher nur angedeutet, aber nie unverblümt gesagt hatte, daß nämlich die Angst seiner Frau um ihr Leben übertrieben und unbegründet war. Sie hatte um Schutz gebeten, den er ihr hiermit besorgte. Trotzdem war er überzeugt, daß dies nicht notwendig war. Er glaubte weder an eine Gefahr noch an die Wirksamkeit der Maßnahmen, die er zu ihrer Sicherheit traf. Außerdem sträubte er sich innerlich gegen die Vorstellung, daß der Gastgeber seiner Frau und die übrigen Gäste insgeheim überwacht werden sollten. Er hatte zwar getan, was seine Frau von ihm verlangt hatte, fühlte sich aber dabei alles andere als wohl in seiner Haut.

»Meiner Ansicht nach«, antwortete er, »sind solche Gedanken völlig abwegig. Meine Frau hat keinen Grund zu der Annahme, daß einer der Anwesenden ihr etwas antun könnte. Nein, überhaupt keinen Grund.«

2

Nachdem sie noch eine Weile über Belangloses geredet hatten, warf Sir George einen Blick auf seine Uhr und erhob sich. Zwei Minuten darauf verabschiedete er sich kurz an der Haustür, ohne noch ein Wort über das anstößige Firmenschild zu verlieren oder gar einen Blick daran zu verschwenden. Als Cordelia die Treppe hinaufstieg, überlegte sie, ob sie die Besprechung nicht hätte ergiebiger führen können. Es war schon bedauerlich, daß sie so abrupt geendet hatte. Es gab da noch Fragen, die sie gern gestellt hätte, insbesondere darüber, ob einer der Anwesenden, denen sie auf Courcy begegnen würde, von den Drohschreiben wußte. Nun mußte sie sich gedulden, bis sie mit Clarissa Lisle zusammenkam.

Als sie die Bürotür öffnete, blickten sie Miss Maudsley und Bevis über die Schreibmaschinen forschend an. Es wäre gefühllos gewesen, die beiden nicht einzuweihen. Sie hatten ja gemerkt, daß Sir George keineswegs zu den üblichen Klienten gehörte. Beide schienen vor Neugier und Anspannung geradezu gelähmt zu sein. Während der Besprechung waren die sonst drauflosklappernden Schreibmaschinen im Vorzimmer verdächtig still gewesen. Cordelia teilte den beiden nun nur so viel mit, wie ihr angemessen schien, und beschränkte sich in der Hauptsache darauf, daß Clarissa Lisle eine Art Privatsekretärin benötige, die sie vor einer zwar ärgerlichen, aber belanglosen Schmutzbriefkampagne schützen solle. Sie sagte nichts über die Art der Drohbriefe, noch erwähnte sie die Überzeugung der Schauspielerin, daß ihr Leben ernsthaft gefährdet sei. Zum Schluß schärfte sie beiden ein, daß dieses Engagement wie alle alltäglichen Aufträge vertraulich behandelt werden müsse.

»Das ist doch selbstverständlich, Miss Gray!« versicherte Miss Maudsley. »Das leuchtet sicherlich auch Bevis ein.«

Woraufhin dieser leidenschaftlich beteuerte, daß Cordelia mit seiner Verschwiegenheit rechnen könne.

»Ich bin viel verläßlicher, als ich aussehe, Miss Gray. Ehrlich, Miss Gray, kein Sterbenswörtchen werde ich verraten. Ich erzähle nie was, jedenfalls nichts über unsere Detektei. Was anderes wäre es freilich, wenn jemand versuchen würde, aus mir irgendwelche Informationen herauszuprügeln. Im Erdulden von Schmerzen bin ich nicht so geübt.«

»Niemand wird versuchen, aus dir etwas herauszuprügeln, Bevis«, beruhigte ihn Cordelia.

Danach beschlossen sie einmütig, eine vorgezogene Lunch-Pause einzulegen. Bevis holte Sandwiches aus einem Feinkostgeschäft in der Carnaby Street, während Miss Maudsley Kaffee aufbrühte. Als sie später behaglich im Vorzimmer saßen, überlegten sie aufgekratzt hin und her, wie denn dieser neue, höchst interessante Auftrag ausgehen könne. Die Stunde war keineswegs vertrödelt. Denn Miss Maudsley und Bevis lieferten ihr – gänzlich unerwartet – eine Menge wertvoller Informationen über Courcy und seinen Besitzer, versuchten einander in ihrer Mitteilsamkeit geradezu zu überbieten. Es war übrigens nicht das erste Mal, daß Cordelia diese Erfahrung machte. Mit Allerweltsfertigkeiten war es bei beiden zwar nicht weit her, aber dafür erwiesen sie sich nicht selten als überaus nützlich, wenn es um informativen Klatsch ging.

»Das Schloß wird Ihnen gefallen, Miss Gray«, sagte Miss Maudsley, »falls Sie für viktorianische Gebäude etwas übrig haben. Mein Bruder machte einen Monat vor seinem Tode mit dem Mütterverein einen Sommerausflug dorthin. Da ich dem Verein nicht als Vollmitglied angehöre, hätte ich eigentlich nicht dabeisein dürfen. Aber im allgemeinen durfte ich an solchen Fahrten teilnehmen. Und dieser Ausflug war hochinteressant. Mir gefielen vor allem die Gemälde und das Porzellan. Es gibt da ein entzückendes Schlafzimmer, in dem wie in einem Museum alle nur denkbaren Zeugnisse viktorianischer Kunst und viktorianischen Kunsthandwerks versammelt sind – Fliesen von De Morgan, Zeichnungen von Ruskin, Möbel von Mackmurdo. Es war außerdem kein billiger Ausflug, wenn ich mich recht erinnere. Mr. Gorringe, der Besitzer, läßt in der Saison Besuchergruppen nur einmal in der Woche hinein und beschränkt deren Zahl auch noch auf zwölf Personen. Da muß er ja mehr verlangen, damit es sich für ihn lohnt. Aber niemand entrüstete sich darüber, nicht einmal Mrs. Baggot, die stets dazu neigte, sich am Ende eines Ausflugstages über irgend etwas zu beklagen. Und die Insel ist ja so reizend, so abwechslungsreich, so friedlich! Sanfte Klippen, Gehölze, Wiesen, Moore. Gleichsam England im kleinen.«

»Sie müssen wissen, Miss Gray«, mischte sich Bevis ein, »daß ich auf der Bühne war, als sie steckenblieb. Clarissa Lisle, meine ich. Es war einfach grauenhaft. Nicht, daß ihr nur momentan der Text nicht mehr eingefallen wäre. Abgesehen davon ist es mir völlig unbegreiflich, wie man den Text der Lady Macbeth so mir nichts, dir nichts vergessen kann. Er müßte einer Schauspielerin eigentlich wie von selbst über die Lippen kommen. Nein, sie hatte eine richtige Mattscheibe. Von dem Teil der Bühne, wo Peter – mein damaliger Freund – und ich saßen, konnten wir deutlich hören, wie die Souffleuse ihr die Worte fast zuschrie. Doch sie schnappte nur nach Luft und rannte einfach davon.« Bevis' Empörung brachte Miss Maudsley dazu, daß sie ihre erhebenden Erinnerungen an Porträts von Orpen und Wandteppiche von William Morris gänzlich vergaß.

»Die arme Frau! Wie schrecklich muß das für sie gewesen sein!«

»Schrecklich war's für alle Darsteller«, meinte Bevis. »Auch für uns. Geradezu peinlich war es. Sie war schließlich eine namhafte Schauspielerin. Von ihr hätte man nie und nimmer erwartet, daß sie sich wie ein hysterisches Schulmädchen benimmt, das bei seinem ersten Bühnenauftritt die Nerven verliert. Deswegen war ich auch ganz baff, als Metzler ihr nach so einer ›Macbeth‹-Aufführung die Rolle der Vittoria anbot. Sie spielte anfangs auch gar nicht so schlecht, und die Kritiken waren durchaus wohlwollend. Doch dann wurde es immer schlimmer, bis schließlich das bittere Ende kam.«

Bevis redete, als wäre er an sämtlichen Vorkommnissen als Augenzeuge beteiligt gewesen. Cordelia hatte sich schon des öfteren über die Anmaßung gewundert, mit der er übers Theater sprach, über jene fremdartige Welt voller phantastischer Verstrickungen und Sehnsüchte, die für ihn ein Gelobtes Land war, seine eigentliche Heimat sozusagen.

»Das viktorianische Theater auf Courcy hätte ich mir gern mal angesehen«, fuhr er fort. »Es soll zwar ziemlich klein – an die hundert Plätze –, aber sonst ideal sein. Der erste Besitzer soll es für Lillie Langtry, die Geliebte des Prinzen von Wales, errichtet haben. Der Prinz kam öfters nach Courcy, um zusammen mit anderen ausgewählten Gästen die Liebhaberaufführungen zu sehen.«

»Woher weißt du das alles, Bevis?« fragte Cordelia.

»Gleich nachdem Mr. Gorringe die Restaurierung abgeschlossen hatte, erschien in einer Wochenendbeilage ein langer Artikel über das Schloß. Mein Freund hat ihn mir zum Lesen gegeben. Er wußte, daß ich mich für so was interessiere. Der Zuschauerraum sah auf den Fotos entzückend aus. Das Theater besitzt sogar eine Loge mit dem Wappen des Prinzen von Wales. All das würde ich mir gern mal ansehen. Ich beneide Sie, Miss Gray.«

»Sir George hat mir auch von dem Theater erzählt«, erwiderte Cordelia. »Der jetzige Besitzer muß recht wohlhabend sein. Denn billig war es bestimmt nicht, Schloß und Theater zu restaurieren und obendrein noch all die viktorianischen Sachen zu sammeln.«

»Er ist stinkreich«, wußte überraschenderweise Miss Maudsley zu berichten. »Mit seinem Bestseller – wie hieß das Buch doch gleich? Ach ja, ›Autopsie‹ – hat er ein Vermögen verdient. Sein Pseudonym ist A. K. Ambrose. Wußten Sie das nicht, Miss Gray?«

Cordelia hatte davon keine Ahnung gehabt. Sie hatte sich zwar wie Tausende andere Leser das Taschenbuch gekauft, weil sie es leid war, den aufreizenden Umschlag in jedem Buchgeschäft, in jedem Supermarkt nur zu sehen und nicht zu wissen, was denn an so einem Erstlingsroman dran war, der dem Autor angeblich schon vor der Veröffentlichung eine halbe Million Pfund eingebracht hatte. Es war – wie's der Zeitgeschmack verlangte – ein sehr dicker und vor Grausamkeiten strotzender Roman gewesen. Ihr fiel auch ein, daß sie ihn, wie's der Klappentext verheißen hatte, kaum aus der Hand hatte legen können. Doch jetzt vermochte sie sich kaum noch an die Handlung oder die Romanfiguren zu erinnern. Dabei war die grundlegende Idee bestechend gewesen. Das Buch handelte von der minutiösen Durchleuchtung eines Mordfalls und schilderte ausführlich sämtliche Beteiligten: den Gerichtsmediziner, den Kriminalinspektor, den Leichenhauswärter, die Familie des Opfers, das Opfer und schließlich den Mörder. Es war ein Kriminalroman, der den üblichen Rahmen sprengte. Der Unterschied bestand darin, daß es in diesem Roman mehr Sex gab – normalen wie auch abwegigen – als kriminalistische Spurensuche und daß der Autor äußerst geschickt Elemente der überaus populären Familiensagas mit allerlei Geheimnissen verflochten hatte. Der Stil war gekonnt dem breiten Publikum angepaßt: nicht allzu literarisch, um den Durchschnittsleser nicht zu verprellen, aber auch nicht so schlüpfrig, daß sich die Leute genieren mußten, wenn sie das Buch in aller Öffentlichkeit lasen. Cordelia jedenfalls hatte der Roman unbefriedigt gelassen. Allerdings hätte sie nicht sagen können, ob es nun daran lag, daß sie sich manipuliert fühlte, oder daran, daß sie insgeheim überzeugt war, dieser A. K. Ambrose hätte durchaus ein besseres Buch schreiben können, wenn es seine Absicht gewesen wäre. Von den geschickt eingestreuten Sexszenen mit ihrem Unterton von Ironie und Selbstverachtung, jedoch auch von der ausführlichen Schilderung der Autopsie an der Ermordeten ging zweifellos ein morbider Reiz aus. Da hatte sich der Autor offenbar nicht verstellt.

Miss Maudsley versuchte, begütigend zu erklären, daß ihre Frage keineswegs herabsetzend gemeint gewesen war. »Es überrascht mich nicht ein bißchen, daß Sie das nicht gewußt haben«, versicherte sie. »Auch ich hätte keine Ahnung gehabt, wenn es mir nicht eine Dame vom Mütterverein – ihr Mann ist Buchhändler – bei jenem Ausflug im Sommer erzählt hätte. Mr. Ambrose legt keinen Wert darauf, daß es publik wird. Soviel ich weiß, ist es auch der einzige Roman, den er bisher geschrieben hat.«

Cordelia merkte, wie ihre Neugierde, diesen vielfältig talentierten Ambrose Gorringe und seine Insel vor der Küste kennenzulernen, wuchs. Während sie über die sonderbaren Aspekte ihres neuen Auftrags nachdachte, sammelte Bevis die Kaffeetassen ein, da er mit dem Geschirrspülen an der Reihe war.

Auch Miss Maudsley war – die Hände im Schoß gefaltet – in nachdenkliches Schweigen verfallen. Plötzlich sah sie auf und sagte: »Ich hoffe nur, Miss Gray, daß Sie sich da nicht in irgendeine Gefahr begeben. Hinter solchen Schmutzbriefen steckt meistens ein bösartiger, man könnte fast sagen heimtückischer Mensch. In unserer Pfarrei zirkulierten auch mal solche Schreiben. Die Sache endete furchtbar tragisch. Dahinter verbirgt sich eine erschreckende Bosheit.«

»Bosheit schon, aber keine Gefahr für Leib und Leben«, beruhigte sie Cordelia. »Ich glaube, der Fall wird mich eher langweilen als mich in irgendeine schlimme Lage bringen. Ich kann mir einfach nicht denken, daß auf Courcy irgend etwas Schreckliches passieren wird.«

Bevis, drei aufeinandergestapelte Tassen kühn balancierend, drehte sich an der Tür um.

»Auf Courcy sind aber schreckliche Dinge geschehen. Ich weiß nur nicht genau, welche. In dem Bericht stand nichts darüber. Das jetzige Schloß ist an der Stelle einer mittelalterlichen Burg errichtet worden, die damals dem Schutz dieses Küstenabschnitts diente. Vermutlich spukt dort seitdem ein Geist, wenn nicht gar mehrere. Der Artikelschreiber erwähnte nur, daß die Geschichte der Insel von Gewalttaten und Blutvergießen geprägt sei.«

»Journalistengeschwätz!« entgegnete Cordelia. »Gewalttaten hat es in der Vergangenheit überall gegeben. Das heißt doch nicht, daß die Geister der Toten heute noch umgehen müssen.«

Sie hatte das ohne jede Vorahnung gesagt, war nur froh, daß sie endlich einen einträglichen Auftrag erhalten hatte. Der Gedanke, London verlassen zu können, solange das warme Herbstwetter anhielt, stimmte sie glücklich. Sie sah die emporragenden Zinnen geradezu vor sich, dazu das von Möwengeschrei erfüllte Sumpfland, die sanften Hügel und all die Wäldchen in jenem geheimnisumwitterten, reizvollen Kleinengland, das dort sonnenüberflutet auf sie wartete.

3

Seit einiger Zeit besuchte Ambrose Gorringe London so selten, daß er sich hin und wieder die Frage stellte, ob denn die Mitgliedschaft in seinem Londoner Club überhaupt noch angebracht war. Zwar gab es in dieser Riesenstadt noch Viertel, in denen er sich durchaus heimisch fühlte, aber viele andere, in denen er ehedem mit Vergnügen umhergeschlendert war, kamen ihm mittlerweile schäbig, heruntergekommen, fremd vor. Wann immer geschäftliche Besprechungen mit seinem Anlageberater, Agenten oder Verleger einen Besuch erforderlich machten, stellte er sich ein Vergnügungsprogramm, wie er es nannte, zusammen. Es war gleichsam ein Wiederaufleben einstiger Ferienseligkeit, das er sich als Erwachsener gönnte, das keine Stunde des Tages ausgespart ließ, so daß er überhaupt keine Zeit fand, über den Stumpfsinn nachzudenken, der ihn dorthin verschlagen hatte. Stets stand auf seinem Programm ein Besuch des kleinen Antiquitätengeschäfts von Saul Gaskin unweit des Notting Hill Gate. Zwar hatte er seine viktorianischen Gemälde und Möbel überwiegend in den Londoner Auktionshäusern erstanden, aber Gaskin kannte und teilte seine Schwäche für Viktorianisches. Folglich konnte Gorringe jedesmal damit rechnen, daß ihn dort – zur Begutachtung aufgereiht – eine kleine Kollektion all der an sich trivialen Gegenstände erwartete, die vom Zeitgeist oft weitaus mehr in sich bargen als seine kostspieligen Erwerbungen.

In dem vollgestopften, schlecht gelüfteten Kontor im rückwärtigen Teil des Ladens roch es wegen der außergewöhnlichen Septemberwärme wie in einer Bärenhöhle. Hier eilte Gaskin mit weißem, verkniffenem Gesicht, den geschickt zupackenden kleinen Händen und der speckigen Maulwurfsfellweste, einem geschäftigen Nagetier gleich, hin und her. Nachdem er die Schreibtischschublade aufgeschlossen hatte, legte er seinem Vorzugskunden feierlich die Ausbeute der letzten vier Monate vor. Die blaue Karaffe aus Bristol mit den eingravierten Trauben samt Weinlaub war zwar recht hübsch, aber es gab dazu nur noch fünf Gläser. Gorringe hätte das Service lieber komplett gehabt. Eine der beiden von Walter Crane entworfenen Wedgwood-Vasen war leicht angeschlagen. Er war ein wenig verstimmt, daß Gaskin, der doch seinen Hang zur Perfektion kannte, diese Dinge überhaupt für ihn aufgehoben hatte. Doch die reich verzierte Menükarte zu dem Bankett, das Queen Victoria am 10. Oktober 1844 auf Windsor Castle anläßlich der Aufnahme von König Louis Philippe von Frankreich in den Hosenbandorden gegeben hatte, war schon eine akzeptablere Erwerbung. Er überlegte sogar, ob es nicht amüsant wäre, am Jahrestag auf Courcy die gleiche Speisefolge zu servieren. Gerade noch rechtzeitig erinnerte er sich daran, daß sowohl die Kochkünste von Mrs. Munter als auch das Aufnahmevermögen seiner Gäste begrenzt waren.

Das Beste jedoch hatte Gaskin für den Schluß aufbewahrt. Jetzt holte er es hervor, mit der ihm eigenen feierlichen Miene, als würde er vor einem Gläubigen eine – wenn auch höchst weltliche – Messe zelebrieren. Es handelte sich um zwei massive, prachtvoll gearbeitete Trauerbroschen aus schwarzem Email und Gold, die jeweils eine zu Blütenblättern kunstvoll arrangierte Haarlocke umschlossen, ferner um eine schwarze, spitz zulaufende Witwenhaube, die sich noch in der Hutschachtel befand, in der sie einst geliefert worden war, und um einen marmornen, rundlichen Kinderarm, der auf einem purpurfarbenen Samtkissen ruhte. Gorringe nahm die Haube in die Hand und strich über den gefältelten Satin und die Trauerbänder. Er hätte gern gewußt, welches Schicksal die Besitzerin ereilt hatte. War sie, dahingerafft von Kummer, ihrem Mann in einen frühen Tod nachgefolgt? Oder hatte die Haube, diese teure Kreation, etwa ihr Mißfallen erregt? Jedenfalls wären die Broschen und die Haube eine Bereicherung des Schlafgemachs auf Schloß Courcy, des Memento-mori-Zimmers, wie er es nannte, wo er seine Sammlung von Zeugnissen des viktorianischen Totenkults aufbewahrte: Totenmasken von Carlyle, Ruskin und Matthew Arnold etwa, schwarzgeränderte Karten mit weinenden Engeln und sentimentalen Versen, all die Pokale, Medaillen und Becher, die zum Gedenken an Verstorbene angefertigt worden waren, die Ansammlung von schweren Trauerroben in Schwarz, Grau und Mauve. Es war ein Raum, den Clarissa schaudernd nur einmal betreten hatte. Seitdem redete sie sich ein, es gebe ihn gar nicht. Er hatte überdies mit Belustigung bemerkt, daß Liebespaare – verkappte oder erklärte – unter seinen Gästen in diesem Zimmer hin und wieder ebenso gern miteinander schliefen, wie sich einst im 18. Jahrhundert die Huren mit ihren Kunden auf den Grabplatten in den Londoner Friedhöfen im East End vergnügt hatten. Mit zynischem, leicht verächtlichem Blick hatte er jedesmal diese Vermählung des Erotischen mit dem Morbiden registriert, wie er es bei allen menschlichen Schwächen tat, die er zufälligerweise nicht teilte.

»Diese Sachen hier nehme ich«, sagte er. »Vielleicht auch den Arm aus Marmor. Wo haben Sie den aufgetrieben?«

»Er stammt aus einem Privathaushalt. Ich halte ihn nicht für ein echtes Erinnerungsstück. Der Verkäufer behauptete, es handle sich um ein Duplikat der Marmorskulpturen, die man seinerzeit für Queen Victoria nach den Gliedmaßen der Königskinder auf Osborne hatte anfertigen lassen. Vermutlich ist es der Arm der kleinen Kronprinzessin.«

»Der armen, unglücklichen Vicky also! Nein, leicht hat sie's nicht gehabt, wenn man bedenkt, was für eine dominierende Mutter sie hatte. Dann noch ihr Sohn Wilhelm, der spätere deutsche Kaiser, und dazu noch Bismarck. – Das Stück reizt mich schon, aber nicht zu diesem Preis.«

»Es ist das Originalkissen. Und sollte es tatsächlich der Arm der Prinzessin sein, handelt es sich um ein einmaliges Sammlerstück. Soviel ich weiß, wurden von den Osborne-Skulpturen keine Kopien angefertigt.«

Als sie auf diese Weise in der gewohnten, freundschaftlichen Art zu feilschen begonnen hatten, spürte Gorringe, daß Gaskin an der Skulptur nicht hing. Gaskin war abergläubisch, und Gorringe merkte, daß dieser Marmorarm, den er offensichtlich nicht gern berührte, ihn zwar faszinierte, aber auch abstieß. Er wollte ihn offensichtlich nicht mehr in seinem Laden haben.

Kaum waren sie handelseinig geworden, schellte die Glocke an der verschlossenen Ladentür. Bevor Gaskin davonhuschte, bat ihn Gorringe, das Telefon benützen zu dürfen. Plötzlich war ihm eingefallen, daß er ja, wenn er sich etwas sputete, einen früheren Zug nehmen könnte. Wie erwartet, war es Munter, der Butler, der abhob.

»Hier Schloß Courcy.«

»Ich bin's, Munter. Ich rufe aus London an. Es hat sich eben herausgestellt, daß ich den Zug um vierzehn Uhr dreißig noch erreichen kann. Ich werde also gegen sechzehn Uhr vierzig am Kai sein.«

»Sehr wohl, Sir. Ich werde Oldfield die nötigen Anweisungen geben.«

»Ist sonst alles in Ordnung, Munter?«

»Alles in Ordnung, Sir. Die Kostümprobe am Dienstag verlief nicht gerade reibungslos. Aber ich habe gehört, daß derlei als ein gutes Omen für die eigentliche Aufführung erachtet wird.«

»Die Beleuchtungsprobe verlief aber problemlos?«

»Jawohl, Sir. In der Truppe, wenn ich das so sagen darf, scheint es talentiertere Amateurelektriker zu geben als Schauspieler.«

»Wie kommt Ihre Frau zurecht? Konnten Sie ihr die Aushilfskräfte verschaffen, die sie am Samstag braucht?«

»Nicht ganz, Sir. Zwei der Mädchen aus der Stadt haben uns im Stich gelassen. Aber Mrs. Chambers bringt ihre Enkelin mit. Ich habe mir das Mädchen angesehen. Es scheint guten Willens zu sein, ist aber gänzlich unerfahren. Sollte so eine Inszenierung alljährlich auf Courcy stattfinden, Sir, müßten wir uns überlegen, ob nicht die Zahl der Bediensteten erhöht werden sollte, zumindest während dieser Woche.«

»Sie und Mrs. Munter haben keinen Grund zu der Annahme, daß eine derartige Inszenierung jedes Jahr stattfinden wird«, erwiderte Gorringe kühl. »Falls Sie schon zwölf Monate im voraus planen möchten, sollten Sie eher davon ausgehen, daß das die letzte Aufführung mit Lady Ralston auf Courcy sein wird.«