E-Book Verlag: Oetinger Hörbuch Verlag: Oetinger audio Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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Hörprobe anhören Zeit: 13 Std. 21 Min. Sprecher: Uve Teschner
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E-Book-Beschreibung Endgame. Die Auserwählten - James Frey

ENDGAME. Zwölf Meteoriten. Zwölf Spieler. Nur einer kommt durch. Als zwölf Meteoriten nahezu gleichzeitig an unterschiedlichen Orten der Erde einschlagen, gibt es keinen Zweifel mehr: Die Zeit ist gekommen. ENDGAME hat begonnen! Jeder der Meteoriten überbringt eine Nachricht, die die zwölf Auserwählten entschlüsseln müssen und die sie schließlich an einem geheimnisvollen Ort zusammenführt. Dort stehen sie ihren Gegnern zum ersten Mal gegenüber. Ein Wettkampf auf Leben und Tod beginnt und eine rücksichtslose Jagd um den gesamten Globus. Die Spieler müssen zu allem bereit sein. Wird Arroganz Bescheidenheit schlagen? Klugheit Stärke übertreffen? Wird Gnadenlosigkeit am Ende siegen? Schönheit von Nutzen sein? Muss man ein guter Mensch sein, um zu überleben? ENDGAME wird es zeigen. Aber nur wer die Hinweise richtig deutet und die drei Schlüssel findet, geht als Gewinner hervor. Und nur seine Linie wird überleben, wenn die gesamte Menschheit vernichtet wird. Mehr als ein Buch - Geheime Botschaften im Text und Links im Buch führen zu einem gigantischen Krypto-Rätsel im Netz. ENDGAME von James Frey ist ein einzigartiges, crossmediales Konzept, das neben Buch, Krypto-Rätsel und dem Gold ein aufwendiges Handy-Spiel sowie einen Kinofilm umfasst. Der dritte Band "Endgame. Die Entscheidung" und damit das spannende Finale von ENDGAME erscheint im Herbst 2016!

Meinungen über das E-Book Endgame. Die Auserwählten - James Frey

E-Book-Leseprobe Endgame. Die Auserwählten - James Frey

 

 

Dieses Buch ist ein Rätsel.

Auf seinen Seiten sind Hinweise verborgen, die zu einem Schlüssel führen.

Einem Schlüssel, der irgendwo auf dieser Erde versteckt ist.[i]

Dechiffriere, decodiere, interpretiere.

Begib dich auf die Suche.

Wenn du den Schlüssel findest und ihn an den Ort bringst, an den er gehört,

wirst du mit Gold belohnt![ii]

Bergen von uraltem Gold![iii]

$$$ Ένα εκατομμύριο δολάρια του χρυσού. $.[iv]

 

 

 

Ein Großteil dieses Buches ist erfunden, aber viele der Informationen darin sind es nicht. Endgame ist real. Nichts kann Endgame aufhalten.

 

 

 

Alles, immerzu, jedes Wort, jeder Name, jede Zahl, jeder Ort, jede Entfernung, jede Farbe, jede Zeit, jeder Buchstabe auf jeder Seite, alles, immer. So wird und wurde es gesagt, und so wird es wieder gesagt werden. Alles.

ʾĒl[v]  121212[vi]

 

 

 

 

Endgame hat begonnen. Unsere Zukunft ist noch ungeschrieben. Unsere Zukunft ist deine Zukunft. Was sein wird, wird sein.

Wir alle glauben, auf ganz bestimmte Weise hierhergelangt zu sein. Gott hat uns erschaffen. Aliens haben uns heruntergebeamt. Blitze haben uns gespalten. Wir sind durch Portale getreten. Letztlich spielt das Wie aber keine Rolle. Wir haben diesen Planeten, diese Welt, diese Erde. Hierher kamen wir, hier waren wir, und hier sind wir jetzt. Du, ich, wir, die ganze Menschheit. Wie deiner Meinung nach alles angefangen hat, ist ohne Bedeutung. Das Ende allerdings. Das Ende ist von Bedeutung.

Das ist Endgame.

Wir sind 12 an der Zahl. Unsere Körper sind jung, doch wir gehören einem uralten Volk an. Unsere Geschlechter wurden vor Tausenden von Jahren auserwählt. Seither haben wir uns jeden einzelnen Tag vorbereitet. Sobald das Spiel beginnt, müssen wir nachdenken und entschlüsseln, zur Tat schreiten und töten. Manche von uns sind weniger bereit als andere, und sie werden als Erste sterben. In dieser Hinsicht ist Endgame einfach. Alles andere als einfach ist jedoch Folgendes: Wenn einer von uns stirbt, bedeutet das den Tod zahlloser anderer. Das Ereignis und was darauf folgt, wird dafür Sorge tragen. Ihr seid die ahnungslosen Milliarden. Ihr seid die unbeteiligten Zuschauer. Ihr seid die glücklichen Verlierer und die unglücklichen Gewinner. Ihr seid das Publikum bei einem Spiel, das über euer Schicksal entscheidet. Wir sind die Spieler. Eure Spieler. Wir müssen spielen. Wir müssen älter als 13 und jünger als 20 sein. So lautet die Regel, und so war es schon immer. Wir sind keine übernatürlichen Geschöpfe. Keiner von uns kann fliegen oder Blei in Gold verwandeln oder sich selbst heilen. Wenn der Tod kommt, dann kommt er. Wir sind sterblich. Menschen. Wir sind die Erben der Erde. Das Große Rätsel der Erlösung muss von uns gelöst werden – einem von uns muss es gelingen, sonst sind wir alle verloren. Gemeinsam sind wir stark, nett, skrupellos, treu, klug, dumm, hässlich, gierig, gemein, launisch, schön, berechnend, faul, ausgelassen, schwach.

Wir sind gut und böse.

Wie du.

Wie alle.

Aber wir sind nicht zusammen. Wir sind keine Freunde. Wir telefonieren nicht miteinander, und wir schicken uns auch keine SMS. Wir chatten weder, noch treffen wir uns auf einen Kaffee. Wir sind jeder für sich und auf der ganzen Welt verstreut. Seit unserer Geburt wurden wir dazu erzogen, wachsam und klug zu sein, durchtrieben und gerissen, grausam und gnadenlos. Wir werden vor nichts zurückschrecken, wenn es darum geht, den Schlüssel zum Großen Rätsel zu finden. Wir dürfen nicht scheitern. Wer scheitert, stirbt. Scheitern bedeutet das Ende, das Ende von allem.

Wird Leidenschaft wichtiger sein als Stärke? Dummheit mehr bewirken als Freundlichkeit? Faulheit mächtiger sein als Schönheit?

Wird der Gewinner gut oder böse sein? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

Spielen.

Überleben.

Das Rätsel lösen.

Unsere Zukunft ist noch ungeschrieben. Unsere Zukunft ist deine Zukunft. Was sein wird, wird sein.

Also hör gut zu.

Folge uns.

Feure uns an.

Hoffe.

Bete.

Bete mit aller Kraft, wenn du an Gebete glaubst.

Wir sind die Spieler. Eure Spieler. Wir spielen für euch.

Kommt und spielt mit uns.

Völker der Erde.

Endgame hat begonnen.

Marcus Loxias Megalos

Hafiz Alipaşa Sk, Aziz Mahmut Hüdayi Mh, Istanbul, Türkei

Marcus Loxias Megalos langweilt sich. Er kann sich nicht erinnern, dass er sich mal nicht gelangweilt hat. Die Schule ist langweilig. Die Mädchen sind langweilig. Fußball ist langweilig. Vor allem, wenn seine Mannschaft, seine Lieblingsmannschaft Fenerbahçe, verliert, wie jetzt gerade gegen Manisaspor.

Wütend starrt Marcus in seinem kleinen, schlichten Zimmer auf den Fernseher. Er hat sich in einen schwarzen Ledersessel gefläzt, der ihm jedes Mal an der Haut kleben bleibt, wenn er sich vorbeugt. Es ist Nacht, aber Marcus hat kein Licht in seinem Zimmer angemacht. Das Fenster steht offen. Die drückende Hitze schleicht sich herein wie ein Geist, während die Geräusche des Bosporus – die lang gezogenen, leisen Rufe der Schiffe, das Läuten der Glockenbojen – Istanbul ächzend und klingend erfüllen.

Marcus trägt eine weite, schwarze Turnhose, aber kein Shirt. Seine 24 Rippen zeichnen sich deutlich unter seiner gebräunten Haut ab. Seine Arme sind sehnig und fest. Er atmet ruhig und gleichmäßig. Sein Bauch ist straff, sein Haar kurz geschnitten und schwarz. Seine Augen sind grün. Eine Schweißperle tropft von seiner Nasenspitze. In dieser Nacht brütet ganz Istanbul, Marcus ist da keine Ausnahme.

Er hat ein offenes Buch auf dem Schoß liegen, ein uraltes, in Leder gebundenes Buch. Es ist auf Griechisch verfasst. Marcus hat etwas in englischer Sprache auf einen Fetzen Papier geschrieben, der in dem aufgeschlagenen Buch liegt: Ich bin aus Kreta, dem breiten, und rühme mich meines Geschlechtes, bin eines begüterten Mannes Sohn. Er hat das alte Buch wieder und wieder gelesen, diese Geschichte über Seefahrt, Krieg, Verrat, Liebe und Tod. Und jedes Mal bringt es ihn zum Lächeln.

Was würde Marcus nicht dafür geben, selbst eine solche Reise zu unternehmen, der drückenden Hitze dieser eintönigen Stadt zu entfliehen. Vor seinem geistigen Auge sieht er unendliches Meer, der Wind kühlt seine Haut, während Abenteuer und Feinde am Horizont auf ihn warten.

Marcus seufzt und streicht über das Stück Papier. In der anderen Hand hält er ein 9.000 Jahre altes Messer, das in den Feuern von Knossos aus einem einzigen Stück Bronze geschmiedet wurde. Er führt es über seine Brust und drückt die Klinge gegen seinen rechten Unterarm, aber nicht zu fest. Er weiß, wozu dieses Messer in der Lage ist. Er übt damit, seit er es halten kann. Seit er sechs Jahre alt ist, liegt es nachts unter seinem Kopfkissen. Er hat Hühner damit getötet, Ratten, Hunde, Katzen, Schweine, Pferde, Habichte und Lämmer.

Er hat 11 Menschen damit getötet.

Er ist 16, das ideale Alter für einen Spieler. Wenn er erst einmal 20 ist, darf er nicht mehr teilnehmen. Er möchte unbedingt spielen. Lieber würde er sterben, als von Endgame ausgeschlossen zu sein.

Die Wahrscheinlichkeit geht jedoch fast gegen null, dass er die Gelegenheit dazu erhält, und das weiß er. Im Unterschied zu Odysseus wird Marcus den Krieg nie kennenlernen. Für ihn wird es keine große Reise geben.

Sein Geschlecht wartet seit 9.000 Jahren. Seit dem Tag, an dem das Messer geschmiedet wurde. Marcus weiß, dass noch einmal 9.000 Jahre vergehen können, bis das Warten ein Ende hat. Bis lange nach seinem Tod und lange, nachdem die Seiten seines Buches zu Staub zerfallen sind.

Und so langweilt er sich.

Die Zuschauermenge im Fernsehen jubelt, Marcus blickt von seinem Messer auf. Der Torwart von Fenerbahçe hat den Ball entlang der rechten Seitenlinie abgestoßen. Der Ball trifft den Kopf eines stämmigen Mittelfeldspielers. Von dort springt er über eine Kette von Verteidigern in die Nähe der letzten zwei Männer vor dem Tor von Manisaspor. Die Spieler stürzen sich auf den Ball, der Stürmer bekommt ihn 20 Meter vor dem Tor unter Kontrolle und lässt den Verteidiger weit hinter sich. Der Torwart macht sich bereit.

Marcus beugt sich vor. Inzwischen sind 83:34 Minuten gespielt. Fenerbahçe hat bisher kein Tor geschossen, aber wenn ihnen das jetzt auf so dramatische Weise gelingen würde, könnten sie doch noch ihr Gesicht wahren. Das alte Buch rutscht zu Boden. Das Stück Papier löst sich von den Seiten und schwebt durch die Luft wie ein fallendes Blatt. Die Zuschauer im Stadion erheben sich. Plötzlich klart der Himmel auf, als würden die Götter, die Himmelsgötter persönlich, herabsteigen und ihre Hilfe anbieten. Der Torwart weicht zurück. Der Stürmer trifft eine Entscheidung und schießt. Der Ball saust durch die Luft.

Als er im Netz landet, wird es im Stadion heller, und die Zuschauer schreien, erst vor Begeisterung über das Tor, gleich darauf vor Entsetzen – großem, allumfassendem Entsetzen. Ein riesiger Feuerball, ein gewaltiger, brennender Meteor explodiert über den Zuschauern und rast über das Spielfeld, löscht die Verteidigung von Fenerbahçe aus und sprengt ein Loch in das Ende der Haupttribüne.

Die Augen weit aufgerissen, wird Marcus Zeuge eines fürchterlichen Blutbads, eines Gemetzels von der Größenordnung amerikanischer Katastrophenfilme. Das halbe Stadion, Zehntausende von Menschen sind tot, brennen lichterloh.

So etwas Faszinierendes hat Marcus in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Sein Atem geht schwer. Schweiß läuft ihm über die Stirn. Draußen schreien Menschen. Im Café unter ihm ertönt das Wehklagen einer Frau. Sirenen gellen durch die uralte Stadt am Bosporus zwischen Marmarameer und Schwarzem Meer.

Das Fernsehen zeigt ein Stadion in Flammen. Spieler, Polizisten, Zuschauer, Trainer rennen herum und brennen wie rasende Streichhölzer. Die Kommentatoren rufen um Hilfe, rufen Gott an, weil sie nicht begreifen, was da vor sich geht. Wer noch nicht tot ist, wird bald sterben, sie trampeln einander nieder, während sie zu fliehen versuchen. Es folgt eine weitere Explosion, und der Bildschirm wird schwarz.

Marcus’ Herz möchte aus seiner Brust springen. Marcus’ Gehirn ist so heiß wie das Fußballfeld. Marcus’ Magen ist voller Felsbrocken und Säure. Seine Handflächen fühlen sich warm und klebrig an. Er senkt den Blick und sieht, dass er sich die uralte Klinge in den Unterarm gebohrt hat und ein rotes Rinnsal von seiner Hand auf den Sessel tropft, auf das Buch. Das Buch ist ruiniert, aber das spielt keine Rolle, er braucht es nicht mehr. Denn jetzt endlich wird Marcus selbst eine Odyssee antreten.

Er schaut wieder zum Fernseher hinüber. Er weiß, dass dort, unter den Trümmern, etwas auf ihn wartet. Er muss es nur finden.

Einen einzigen Gegenstand.

Für sich, für sein uraltes Geschlecht.

Er lächelt. Marcus hat sich sein ganzes Leben auf diesen Augenblick vorbereitet. Wenn er nicht trainiert hat, hat er von der Eröffnung geträumt. All die Visionen von Tod und Zerstörung, die sein jugendliches Gehirn ausgebrütet hat, sind nichts im Vergleich zu dem, was er heute Abend miterlebt. Ein Meteorit zerstört ein Fußballstadion und tötet 38.676 Menschen. Der Legende nach sollte die Offenbarung von beachtlicher Größe sein. Endlich ist die Legende auf wundervolle Weise Realität geworden.

Marcus hat sich sein ganzes Leben nach Endgame gesehnt, darauf gewartet und sich darauf vorbereitet. Jetzt langweilt er sich nicht mehr, und er wird sich nicht mehr langweilen, bis er entweder gewonnen hat oder tot ist.

Es ist so weit.

Davon ist er überzeugt.

Es ist so weit.

Chiyoko Takeda

22B Hateshinai Tōri, Naha, Okinawa, Japan

Chiyoko Takeda wird von drei Schlägen einer kleinen Zinnglocke geweckt. Sie dreht den Kopf zur Seite. Ihre Digitaluhr zeigt 5:24 an. Chiyoko prägt sich die Ziffern ein. Sie sind jetzt wichtig. Von großer Bedeutung. Für diejenigen, die Zahlen wie 11:03 oder 9:11 oder 7:07 eine Bedeutung beimessen, ist es vermutlich genau dasselbe, denkt sie. Für den Rest ihres Lebens wird sie diese Zahlen sehen, 5:24, und für den Rest ihres Lebens werden sie wichtig sein, bedeutsam.

Chiyoko wendet sich von der Uhr auf ihrem Nachttisch ab und starrt in die Finsternis. Sie liegt nackt auf ihrem Laken. Leckt sich die vollen Lippen. Mustert die Schatten an der Decke, als würde dort gleich eine Botschaft erscheinen.

Die Glocke hätte nicht läuten dürfen. Nicht für sie.

Ihr ganzes Leben lang hat man ihr von Endgame und ihrer eigentümlichen, phantastischen Abstammung erzählt. Bevor die Glocke läutete, war sie 17 Jahre alt, eine Außenseiterin, die zu Hause unterrichtet wurde, eine hervorragende Seefahrerin und Navigatorin, eine fähige Gärtnerin, eine gelenkige Bergsteigerin. Geschickt im Umgang mit Symbolen, Sprachen und Worten. Sie konnte Zeichen deuten. War eine Kämpferin, die mit dem Wakizashi umzugehen wusste, mit dem Hojo-Seil und Shuriken. Jetzt, nachdem die Glocke geläutet hat, fühlt sie sich wie 100. Oder wie 1.000. Sie fühlt sich wie 10.000 und wird mit jeder Sekunde älter. Das schwere Gewicht der Jahrhunderte lastet auf ihr.

Chiyoko schließt die Augen. Die Dunkelheit kehrt zurück. Wie gerne wäre sie jetzt an einem anderen Ort. In einer Höhle. Unter Wasser. Im ältesten Wald der Erde. Aber sie ist hier, und damit wird sie sich abfinden müssen. Bald wird überall Dunkelheit herrschen, und alle werden es wissen. Sie muss lernen, damit umzugehen. Sich mit der Dunkelheit anfreunden. Sie lieben. Das kann sie. Sie hat sich 17 Jahre lang darauf vorbereitet, und jetzt ist es so weit, selbst wenn sie das nie gewollt oder erwartet hat. Die Dunkelheit. Sie wird einer liebevollen Stille gleichen, ein Leichtes für Chiyoko. Die Stille ist ein Teil ihres Wesens.

Denn sie kann hören, aber gesprochen hat sie noch nie.

Sie schaut aus dem offenen Fenster, atmet tief ein. In der Nacht hat es geregnet, und sie spürt die Feuchtigkeit in der Nase, im Hals und in der Brust. Die Luft riecht gut.

Es klopft leise an der Schiebetür zu ihrem Zimmer. Chiyoko setzt sich in ihrem in westlichem Stil gebauten Bett auf, den schmalen Rücken der Tür zugewandt. Sie stampft zweimal mit dem Fuß auf. Zweimal bedeutet: Komm rein.

Holz gleitet über Holz. Das Geräusch verstummt. Leise Schritte.

»Ich habe die Glocke geläutet«, sagt ihr Onkel, den Kopf fast bis zum Boden gesenkt; er erweist der jungen Spielerin die allergrößte Ehrerbietung, so wie es Brauch ist, so wie es den Regeln entspricht. »Mir blieb keine andere Wahl«, sagt er. »Sie kommen. Alle.«

Chiyoko nickt.

Er hält den Blick gesenkt. »Es tut mir leid«, sagt er. »Es ist so weit.«

Chiyoko stampft fünfmal arrhythmisch mit dem Fuß auf. Okay. Ein Glas Wasser.

»Ja, sofort.« Ihr Onkel bewegt sich rückwärts zur Tür und schlüpft leise hinaus.

Chiyoko steht auf, atmet noch einmal tief ein und geht zum Fenster. Der schwache Schein der Lichter fällt auf ihre blasse Haut. Sie blickt auf die Stadt hinaus. Naha. Dort ist der Park. Das Krankenhaus. Der Hafen. Dort das Meer, schwarz, weit und ruhig. Es weht ein leichter Wind. Die Palmen unter ihrem Fenster flüstern. Die niedrigen, grauen Wolken hellen sich auf, als wäre ein Raumschiff im Anflug. Die alten Leute sind bestimmt schon wach, denkt Chiyoko. Alte Leute stehen meist früh auf. Sie nehmen Tee und Reis und eingelegten Rettich zu sich. Eier und Fisch und warme Milch. Manche können sich noch an den Krieg erinnern. Das Feuer am Himmel, das alles zerstört und eine Wiedergeburt möglich gemacht hat. Was jetzt passieren wird, wird sie an jene Tage erinnern. Aber eine Wiedergeburt? Ihr Überleben und ihre Zukunft hängen ganz allein von Chiyoko ab.

Ein Hund fängt wie verrückt an zu bellen.

Vögel trillern.

Die Alarmanlage eines Autos geht los.

Der Himmel wird taghell, und die Wolken stürzen zur Erde, als eine gewaltige Feuerkugel über den Rand der Stadt rast. Die Kugel kreischt, brennt und geht im Jachthafen nieder. Eine ohrenbetäubende Explosion, gefolgt von einer kochend heißen Dampfwolke, erleuchtet den frühen Morgen. Staub und Steine, Plastik und Metall prasseln auf Naha herunter. Bäume sterben. Fische sterben. Kinder, Träume und Schicksale sterben. Wer Glück hat, wird im Schlaf ausgelöscht. Wer Pech hat, wird verbrannt oder verstümmelt.

Zunächst werden sie es für ein Erdbeben halten.

Aber bald werden sie die Wahrheit erkennen.

Das ist erst der Anfang.

Überall in der Stadt regnen Trümmer herab. Chiyoko spürt, wie ihr Bruchstück immer näher kommt. Sie macht einen großen Schritt weg vom Fenster, und ein glühender Stein in Form einer Makrele landet vor ihr auf dem Boden und brennt ein Loch in die Tatami-Matte.

Ihr Onkel klopft wieder an die Tür. Chiyoko stampft zweimal auf. Komm rein. Die Tür ist noch offen. Ihr Onkel hält den Blick gesenkt, während er zu ihr tritt und ihr zuerst einen schlichten, blauen Seidenkimono reicht, den sie überzieht, und dann ein Glas mit sehr kaltem Wasser.

Sie gießt das Wasser über den glühenden Stein. Es zischt, spritzt und dampft, das Wasser kocht, kaum dass es den Stein berührt hat. Zurück bleibt ein schimmerndes, schwarzes, rissiges Felsstück.

Sie sieht ihren Onkel an. Er erwidert ihren Blick, und seine Augen sind von Trauer erfüllt. Es ist die Trauer vieler Jahrhunderte, die Trauer um so viele Leben, die zu Ende gehen. Chiyoko deutet eine Verbeugung an, um ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen. Er versucht zu lächeln. Früher war er wie sie und wartete auf den Beginn von Endgame, aber es hat ihn übergangen, wie so viele andere vor ihm, über Tausende und Tausende von Jahren.

Chiyoko hingegen nicht.

»Es tut mir leid«, sagt er. »Um dich, um uns alle. Was sein wird, wird sein.«

Sarah Alopay

Bryan High School, Omaha, Nebraska, USA

Die Direktorin erhebt sich und lässt den Blick lächelnd über die Menschenmenge schweifen. »Und so ist es mir eine große Ehre, euch und Ihnen die Jahrgangsbeste zu präsentieren: Sarah Alopay!«

Die Menge jubelt, klatscht, pfeift.

Sarah steht auf. Sie trägt ein rotes Barett und einen Talar mit der blauen Schärpe der Jahrgangsbesten. Sie lächelt. Sie lächelt schon den ganzen Tag. Ihr tut das Gesicht weh vom vielen Lächeln. Sie ist glücklich. In weniger als einem Monat wird sie 18. Sie wird den Sommer mit ihrem Freund Christopher auf einer archäologischen Grabungsstätte in Bolivien verbringen, und im Herbst geht es dann nach Princeton, aufs College. Sobald sie 20 ist, beginnt der Rest ihres Lebens.

In 742,43625 Tagen wird sie frei sein.

Von der Teilnahme ausgeschlossen.

Sie befindet sich in der 2. Reihe, hinter einer Gruppe von Leuten aus der Verwaltung, einigen Eltern und Lehrern, die dem Vorstand angehören, und ein paar Football-Trainern. Sie ist nur wenige Plätze vom Mittelgang entfernt. Neben ihr sitzt Reena Smithson, ihre beste Freundin seit der 3. Klasse, und vier Reihen hinter ihr Christopher. Sie wirft ihm einen verstohlenen Blick zu. Blonde Haare, Fünf-Uhr-Bart, grüne Augen. Ausgeglichenes Wesen und riesengroßes Herz. Der attraktivste Junge ihrer Schule, ihrer Stadt, vielleicht ihres Bundesstaats und – wie sie findet – der ganzen Welt.

»Na, dann zeig’s ihnen mal!«, sagt er mit einem breiten Grinsen.

Sarah und Christopher sind seit der 7. Klasse zusammen. Unzertrennlich. Christopher stammt aus einer der reichsten Familien Omahas. So reich, dass sich Mama und Papa nicht einmal die Mühe gemacht haben, ihre Geschäftsreise nach Europa zu unterbrechen, um an der Abschlussfeier ihres eigenen Sohnes teilzunehmen. Wenn Christopher auf die Bühne geht, wird es Sarahs Familie sein, die ihm am lautesten zujubelt. Er hätte natürlich auf eine Privatschule gehen können oder auf das Internat, auf dem schon sein Vater war, aber das hat er abgelehnt, denn er wollte nicht von Sarah getrennt werden. Das ist einer der vielen Gründe, warum sie ihn liebt und warum sie fest daran glaubt, dass sie ihr ganzes Leben zusammenbleiben werden. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, und sie weiß, dass er genauso empfindet. Und in 742,43539 Tagen wird das möglich sein.

Sarah tritt in den Mittelgang. Sie trägt eine rosafarbene Ray-Ban-Wayfarer, die ihr Vater ihr zu Weihnachten geschenkt hat, eine Brille, die ihre braunen, weit auseinanderstehenden Augen verdeckt. Ihr langes, kastanienbraunes Haar ist zu einem straffen Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre glatte, bronzefarbene Haut leuchtet. Unter ihrem Talar ist sie genauso gekleidet wie alle anderen.

Aber auf wie vielen Schülern ihres Abschlussjahrgangs lastet die Bürde eines Artefakts? Sarah trägt es um den Hals, genauso wie Tate damals, als er noch teilnahmeberechtigt war, denn seit 300 Generationen wurde es von einem Spieler an den nächsten weitergegeben. An der Kette hängt ein funkelnder, schwarzer Stein, der 6.000 Jahre lang Liebe, Leid, Licht, Schönheit, Schmerz und Tod gesehen hat. Sarah trägt diese Halskette seit dem Tag, an dem Tate verletzt wurde und der Rat ihres Geschlechts beschloss, dass sie die Spielerin sein würde. Damals war sie 14. Seither hat sie das Amulett nicht mehr abgelegt, und sie hat sich so sehr daran gewöhnt, dass sie es kaum noch spürt.

Während sie einen Fuß vor den anderen setzt, werden unter den Zuschauern Rufe laut. »Sa-rah! Sa-rah! Sa-rah!« Sie lächelt, dreht sich um und schaut zu ihren Freunden, ihren Klassenkameraden, Christopher, ihrem älteren Bruder Tate, ihren Eltern. Ihre Mom hat den Arm um die Schulter ihres Dads gelegt, und die beiden wirken stolz, glücklich. Sarah setzt ihre Ich bin so aufgeregt-Miene auf, und ihr Dad lächelt und reckt den Daumen. Sie betritt die Bühne, und Mrs Shoemaker, die Direktorin, überreicht Sarah ihr Abschlusszeugnis. »Sarah, ich werde Sie vermissen.«

»Ich gehe nicht für immer fort, Mrs Shoe! Sie werden mich wiedersehen.«

Mrs Shoemaker weiß es besser. Sarah Alopay hatte nie eine schlechtere Note als ein »A«. Beim Fußball und in Leichtathletik gehörte sie zu den Besten, und die Zulassungsprüfungen für die Hochschule hat sie mit Bravour bestanden. Sie ist humorvoll, freundlich, großzügig und hilfsbereit und wird es zweifellos zu etwas bringen. »Heizen Sie ihnen ordentlich ein, Alopay«, sagt Mrs Shoemaker.

»Mach ich doch immer«, erwidert Sarah.

Sie tritt ans Mikrofon und blickt nach Westen, über ihre Mitschüler, ihre Schule hinweg. Hinter der letzten Reihe der 319 Absolventen erheben sich einige große, belaubte Eichen. Die Sonne scheint, und es ist heiß, aber das kümmert Sarah nicht. Niemanden kümmert das. Ein Teil ihres Lebens geht zu Ende, und ein anderer beginnt. Sie sind alle sehr aufgeregt. Sie malen sich ihre Zukunft aus und denken an die Träume, die sie verwirklichen wollen. Sarah hat sich intensiv auf diese Rede vorbereitet. Sie leiht ihren Mitschülern ihre Stimme, und sie möchte ihnen etwas mitgeben, das sie beflügelt, etwas, das ihnen Mut macht, während sie dieses neue Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Das ist ein ziemlich hoher Anspruch, aber an hohe Ansprüche ist Sarah gewöhnt.

Sie beugt sich vor und räuspert sich. »Ich gratuliere euch und begrüße euch zum großartigsten Tag eures Lebens. Zumindest eures bisherigen Lebens!«

Die Schüler rasten aus, und einige werfen voreilig ihre Barette in die Luft. Andere lachen. Viele rufen: »Sa-rah! Sa-rah!«

»Als ich über diese Rede nachgedacht habe«, fährt Sarah mit klopfendem Herzen fort, »habe ich mir vorgenommen, eine Frage zu beantworten. Also habe ich mir überlegt: Welche Frage wird mir am häufigsten gestellt? Und auch wenn das ein bisschen peinlich ist, wusste ich die Antwort sofort. Die Leute fragen mich andauernd, ob ich ein Geheimnis habe!«

Gelächter. Weil es stimmt. Wenn es an dieser Schule jemals eine perfekte Schülerin gab, dann Sarah. Und mindestens einmal pro Woche wurde sie von irgendjemandem gefragt, was ihr Geheimnis sei.

»Nach langem Grübeln wurde mir klar, dass es darauf eine ganz einfache Antwort gibt. Mein Geheimnis ist, dass ich keine Geheimnisse habe.«

Das ist natürlich eine Lüge. Sarah hat Geheimnisse – sogar ziemlich große. Geheimnisse, die ihre Familie seit Tausenden und Tausenden von Jahren bewahrt. Auch wenn sie natürlich all das getan hat, weswegen sie so beliebt ist, auch wenn sie sich jede Bestnote, jede Trophäe und jede Auszeichnung verdient hat, hat sie noch viel mehr getan. Dinge, die sich keiner dort unten vorstellen kann. Sie hat mit Eis Feuer gemacht. Sie hat einen Wolf gejagt und mit bloßen Händen getötet. Sie ist auf heißen Kohlen gelaufen. Sie ist eine Woche am Stück wach geblieben. Sie hat aus einer Meile Entfernung einen Hirsch erlegt. Sie spricht neun Sprachen und besitzt fünf Pässe. Während alle sie für Sarah Alopay halten, Homecoming Queen und durch und durch amerikanisches Mädchen, gehört sie in Wirklichkeit zu den härtesten, bestausgebildeten Soldaten der Welt.

»Ich bin das, was ihr vor euch seht. Ich bin glücklich, weil ich es mir erlaube, glücklich zu sein. Ich habe früh gelernt, dass ein aktives Leben uns weiterbringt. Dass Lernen zu Wissen führt. Wer die Augen aufmacht, sieht. Wer seinen Zorn zügelt, findet innere Ruhe. Traurigkeit und Enttäuschung, ja sogar tragische Unglücksfälle sind unvermeidlich, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht glücklich sein können, wir alle. Mein Geheimnis besteht darin, dass ich beschlossen habe, diejenige zu sein, die ich sein will. Ich glaube nicht an Schicksal oder Bestimmung, sondern an den freien Willen. Jeder von uns beschließt, derjenige zu sein, der er ist. Was auch immer ihr sein wollt, ihr könnt es sein; was auch immer ihr tun wollt, ihr könnt es tun; wohin auch immer ihr gehen wollt, ihr könnt dorthin gehen. Die Welt – und das Leben, das vor uns liegt – steht uns allen offen. Die Zukunft ist noch ungeschrieben, ihr könnt daraus machen, was ihr wollt.«

Die Schüler sind jetzt still. Alle sind still.

»Ich schaue nach Westen. Hinter euch, jenseits der Tribüne, sehe ich ein paar Eichen. Hinter den Bäumen liegt die Ebene, das Land meiner Vorfahren, in Wirklichkeit jedoch das angestammte Land aller Menschen. Jenseits der Ebene liegen die Berge, von denen das Wasser herabfließt. Jenseits der Berge liegt das Meer, der Ursprung allen Lebens. Oben wölbt sich der Himmel. Unten ist die Erde. Überall um uns herum ist Leben, und Leben ist …«

Ein ohrenbetäubender Knall schneidet Sarah das Wort ab. Alle recken den Hals. Über den Eichen wird ein heller Streif sichtbar, eine Narbe, die den blauen Himmel entstellt. Er scheint sich nicht zu bewegen, sondern nur größer zu werden. Einen Moment lang starren alle ehrfürchtig hinauf. Einige keuchen vernehmlich. Jemand sagt laut und deutlich: »Was ist das?«

Alle schauen wie gebannt, bis aus der letzten Reihe ein einsamer Schrei ertönt und sämtliche Zuschauer gleichzeitig in Panik geraten. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Stühle werden umgeworfen, Menschen schreien, Chaos bricht aus. Sarah stockt der Atem. Unwillkürlich greift sie nach dem Stein, den sie unter dem Talar um den Hals trägt.

Er ist schwerer als je zuvor. Der Asteroid oder Meteorit oder Komet oder was auch immer es ist, verwandelt ihn. Sarah ist wie erstarrt. Kann den Blick nicht von dem Streif abwenden, der auf sie zurast. Wieder verändert sich der Stein an ihrer Kette, er fühlt sich plötzlich leicht an. Sarah begreift, dass er sich unter ihrem Talar erhebt. Er löst sich von ihren Kleidern und zerrt sie in Richtung des Objekts, das auf die Menschenmenge herabstürzt.

So sieht es aus.

So fühlt es sich an.

Endgame.

Die Schreckensgeräusche fallen von ihr ab, und zurück bleibt sprachlose Stille.

Obwohl sie fast ihr ganzes Leben dafür trainiert hat, hat sie nie damit gerechnet, dass es wirklich geschehen würde.

Im Gegenteil. 742,42898 Tage. Dann wäre sie frei gewesen.

Der Stein zerrt an ihrem Hals.

»SARAH!« Jemand packt sie am Arm. Der fürchterliche Feuerball hält sie in seinem Bann. Jetzt kann sie ihn auch hören. Sie kann buchstäblich hören, wie er sich brennend, lodernd durch die Luft bewegt.

»Komm schon! MACH!« Es ist Christopher. Der liebe, tapfere, starke Christopher. Sein Gesicht ist gerötet vor Schreck, Tränen stehen ihm in den Augen. Am unteren Ende der Stufen sieht sie ihre Eltern, ihren Bruder.

Ihnen bleiben nur Sekunden.

Vielleicht weniger.

Der Morgenhimmel verfinstert sich, wird schwarz, und der Feuerball ist zum Greifen nahe. Die Hitze und der Lärm sind überwältigend.

Sie werden alle sterben.

Im letzten Augenblick springt Christopher von der Bühne und zerrt Sarah mit sich. Ein entsetzlicher Gestank breitet sich aus – Haare, Holz, Kunststoff, alles geht in Flammen auf. Die Halskette strebt mit solcher Kraft dem Meteor entgegen, dass sie sich tief in Sarahs Haut gräbt.

Mit geschlossenen Augen werfen sie sich ins Gras. Sarah spürt, wie sich der Stein von der Kette losreißt. Er schießt nach oben, und im letzten Moment wechselt der Feuerball kaum tausend Fuß von ihnen entfernt die Richtung. Er hüpft über sie hinweg wie ein flacher Stein über einen spiegelglatten See. Das alles geschieht so schnell, dass niemand es wirklich mitbekommt, aber aus irgendeinem Grund hat der uralte, kleine Stein ihnen das Leben gerettet.

Der Meteorit fliegt über die Betontribüne und schlägt eine Viertelmeile weiter östlich ein. Dort ist das Schulgebäude. Der Parkplatz. Die Basketballplätze. Die Tennisplätze.

Jetzt nicht mehr.

Der Meteorit zerstört alles.

Bumm.

Schon ist es weg.

Diese beruhigenden, vertrauten Orte, an denen Sarah einen Großteil ihres Lebens verbracht hat – ihres normalen Lebens jedenfalls –, gibt es nicht mehr. Alles ist weg. Ein neues Kapitel hat begonnen, nur eben nicht das Kapitel, das Sarah sich gewünscht hat.

Eine Schockwelle breitet sich aus und rast über die Wiese, bringt Staub und Finsternis mit sich. Die Welle trifft sie mit voller Wucht, drückt sie zu Boden, lässt ihr fast das Trommelfell platzen.

Die Luft ist heiß und voller Staub und Sand, grau und braun und schwarz. Sie können kaum etwas sehen. Christopher ist noch immer bei Sarah. Er hält sie fest. Schirmt sie ab. Schmiegt sich an sie, während Steine und Schmutz auf sie niederprasseln, faustgroße Stücke von was auch immer. In ihrer Nähe sind noch andere Menschen, manche von ihnen verletzt. Sie husten. Sie können nicht aufhören zu weinen. Sie zittern am ganzen Körper. Bekommen kaum Luft. Eine weitere Schockwelle rollt über sie hinweg und drückt sie noch tiefer in den Boden. Sarah ringt verzweifelt nach Atem. Lanzen aus Licht zucken durch die Staubwolke. Die Erde bebt, während um sie herum schwere Gegenstände niedergehen. Zementbrocken, Stahl, zerdrückte Autos, Möbel. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und zu beten, dass sie nicht getroffen werden. Christopher hält Sarah so fest umklammert, dass es wehtut. Sie gräbt die Fingernägel in seinen Rücken.

Sie haben keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist, als die Luft allmählich klarer wird und wieder Geräusche zu ihnen vordringen. Menschen schreien vor Schmerz. Rufen Namen. Einer davon ist ihr Name.

Ihr Vater.

»Sarah! SARAH!«

»Hier!«, ruft sie. Ihre Stimme klingt gedämpft, wie aus großer Ferne. Sie hat noch immer ein Klingeln in den Ohren. »Hier bin ich!«

Ihr Vater taucht aus der Staubwolke auf. Sein Gesicht ist mit Blut und Asche bedeckt. Das Weiße in seinen Augen leuchtet inmitten des Schmutzes umso heller und klarer. Er weiß, was sie weiß.

Endgame.

»Sarah!« Ihr Dad stolpert auf sie und Christopher zu, sinkt auf die Knie und schlingt die Arme um sie beide. Sie weinen. Ihre Körper erbeben. Sie sind von schreienden Menschen umgeben. Sarah öffnet für einen Moment die Augen und sieht Reena vor sich, die völlig benommen ist, unter Schock steht. Der linke Arm von Sarahs bester Freundin ist oberhalb des Ellbogens abgetrennt worden; nur noch Blut und zerfetzte Haut und zersplitterte Knochen sind übrig. Es hat ihr den Talar weggerissen, aber das Barett hat sie seltsamerweise noch auf dem Kopf. Sie ist von oben bis unten mit Ruß bedeckt. Sarah ruft: »Reena! Reena!«, aber Reena hört sie nicht. Sie verschwindet wieder im Staub, und Sarah weiß, dass sie sie nie wiedersehen wird.

»Wo ist Mom?«, flüstert sie, ihre Lippen am Ohr ihres Dads.

»Ich war bei ihr. Ich weiß es nicht.«

»Der Stein, er … er …«

»Ich weiß.«

»Sarah!«, ruft ihre Mom.

»Hier!«, erwidern die drei im Chor.

Sarahs Mom kriecht zu ihnen herüber. An der rechten Seite ihres Kopfes sind alle Haare verschwunden. Im Gesicht hat sie Verbrennungen, aber es scheint nicht allzu schlimm zu sein. Als sie sie erkennt, sieht sie überglücklich aus. Ihr Gesichtsausdruck ist jedoch nicht mit dem zu vergleichen, als ihre Tochter die Bühne betreten hat.

Ich habe eine Rede gehalten, denkt Sarah. Ich habe auf meiner Abschlussfeier eine Rede gehalten. Die Leute waren glücklich. So glücklich.

»Olowa«, sagt Simon leise und streckt die Hand nach seiner Frau aus. »Tate?«

Olowa schüttelt den Kopf. »Ich weiß es nicht.«

In der Ferne ertönt eine Explosion.

Als sich die Staubwolke vollständig verzogen hat, zeigt sich, was für ein Blutbad der Meteorit angerichtet hat. Überall liegen Leichen. Die Alopays und Christopher haben Glück gehabt. Sarah sieht einen Kopf. Ein Bein. Einen Oberkörper. Neben ihnen fällt ein Barett zu Boden.

»Sarah, es geht los. Jetzt wird’s ernst.«

Es ist Tate. Er kommt mit ausgestreckten Armen auf sie zugelaufen. Eine Hand ist zur Faust geballt, die andere hält einen gold-grünen Steinbrocken von der Größe einer Grapefruit, der von schwarzen Metalladern durchzogen ist.

Tate ist erstaunlich sauber, als wäre die ganze Sache über ihn hinweggegangen. Er lächelt. Sein Mund ist voller Blut. Früher war er ein Spieler, aber jetzt nicht mehr. Es sieht fast so aus, als würde er sich für seine Schwester freuen, trotz allem, was um sie herum geschehen ist. Trotz der Leichen und der Zerstörung. Dabei wissen sie nur zu gut, was ihnen bevorsteht.

»Ich habe sie gefunden!« Tate ist jetzt 10 Fuß von ihnen entfernt. Irgendwo ist wieder eine kleinere Explosion zu hören. Er öffnet die Faust und drückt den kleinen Stein, den Sarah um den Hals getragen hat, in das größere, mehrfarbige Felsstück. »Er passt genau.«

»Nukumi«, sagt Simon ehrfürchtig.

»Nukumi«, sagt Sarah weit weniger ehrfürchtig.

»Was?«, fragt Christopher.

Sarah sagt: »Nichts …«

Sie wird von einer weiteren Explosion unterbrochen. Metallteile fliegen durch die Luft. Ein sechs Fuß langes Stahlstück bohrt sich mitten in Tates Brust. Er ist tot. Auf der Stelle. Er fällt auf den Rücken. Dabei hält er noch immer Sarahs Anhänger und den geäderten, grünen Stein in der Hand. Ihre Mutter stößt einen Schrei aus, ihr Vater brüllt: »Nein!«

Sarah bringt keinen Ton heraus. Christopher reißt entsetzt die Augen auf. Blut sickert aus Tates Brust. Seine Augen öffnen sich und starren blicklos zum Himmel auf. Seine Füße zucken noch kurz. Aber der Stein und der Anhänger sind in Sicherheit.

Das ist kein Zufall.

Die Steine sind von großer Bedeutung.

Sie übermitteln eine Botschaft.

Endgame hat begonnen.

Jago Tlaloc

Anwesen der Familie Tlaloc, 12 Santa Elisa, Juliaca, Puno, Peru

Unter Jago Tlalocs Turnschuhen knirschen Glassplitter. Es ist Nacht, und die Straßenbeleuchtung ist ausgefallen. In der Ferne heulen Sirenen, doch ansonsten ist es ruhig in Juliaca. Als Jago sich vor einer Weile auf den Weg ins Stadtzentrum gemacht hat, um zu holen, was ihm geschickt worden ist, herrschte überall noch Chaos. Die Überlebenden der Katastrophe stürzten auf die Straße, schlugen Schaufenster ein und nahmen sich, was sie wollten.

Die Plünderungen werden Jagos Vater überhaupt nicht gefallen, schließlich kassiert er von vielen der örtlichen Geschäfte Schutzgelder, aber Jago kann es den Leuten nicht verübeln. Sollen sie doch ein wenig das Leben genießen, solange ihnen noch Zeit dafür bleibt. Jago hat selbst einen Schatz geborgen: Der Stein befindet sich in der Tasche, die er sich über die Schulter geworfen hat. Er ist noch warm.

Ein heißer Wind weht zwischen den Gebäuden hindurch und bringt Asche und den Geruch von Feuer mit sich. Juliaca wird nicht umsonst »Stadt des Windes« genannt. Im Unterschied zu vielen anderen ihrer Bewohner hat Jago die Grenzen seiner Heimatstadt schon des Öfteren weit hinter sich gelassen. Er hat bereits auf jedem Kontinent mindestens zwei Menschen getötet und findet es trotzdem noch immer merkwürdig, sich irgendwo aufzuhalten, wo kein Wind weht.

Jago ist der Spieler des 21. Geschlechts. Vor über 19 Jahren kam er als Sohn von Guitarrero und Hayu Marca zur Welt. Mit einem Abstand von mehreren Jahren waren seine Eltern früher selbst Spieler; heute herrschen sie über diesen Teil der Stadt. Von den rechtmäßigen Geschäften bis hin zum Handel mit rechtswidrigen Substanzen in den finsteren Gassen dieser Gegend bekommen seine Eltern buchstäblich von allem und jedem ihren Anteil. In gewisser Weise sind sie aber auch Menschenfreunde, denn einen Teil ihres oft illegal erworbenen Geldes geben sie für wohltätige Zwecke aus, eröffnen Schulen und unterhalten Krankenhäuser. Das Gesetz lässt sie in Ruhe, wagt sich nicht in ihre Nähe; so mächtig sind die Tlalocs. In wenigen Monaten wäre Jago nicht mehr teilnahmeberechtigt gewesen und hätte sich dem Familienunternehmen angeschlossen. Aber alle Imperien müssen einmal untergehen.

Aus einer nahe gelegenen Gasse löst sich ein Schattentrio. Sie verstellen ihm den Weg, darauf bedacht, möglichst gefährlich auszusehen.

»Was hast du denn da, mein Freund?«, zischt einer der Schatten und deutet mit einer Kopfbewegung auf Jagos Tasche.

Statt einer Antwort bleckt Jago die Zähne. Sie sind vollkommen ebenmäßig und weiß, bis auf die oberen Eckzähne, die mit Gold überkront sind, und in das Gold ist jeweils ein kleiner Diamant eingelassen. Die Edelsteine funkeln im Mondlicht.

Die drei Plünderer weichen erschrocken zurück. »Sorry, Feo«, sagt der Anführer. »Wir haben dich nicht erkannt.«

Sie haben guten Grund, sich zu fürchten, wenn auch nicht vor Jago oder dem Einfluss seiner Familie. Natürlich ist Jago stark und unbarmherzig, und seine Eltern sind es noch weit mehr. Aber was sie wirklich fürchten sollten, ist die Zukunft. Sie wissen es nicht, doch Jago ist die einzige Hoffnung, die sie noch haben. Bis vor Kurzem genügte die Macht seiner Familie, um diesen Stadtteil und seine Bewohner am Leben zu erhalten. Jetzt fällt Jago diese Aufgabe zu.

Wortlos geht er an den Männern vorbei. In Gedanken ist er bei den 11 anderen Spielern, die auf der ganzen Welt verstreut sind und ebenfalls von einem Meteoriten heimgesucht wurden. Er fragt sich, wie sie wohl sind, von welchen Geschlechtern sie abstammen. Denn die Geschlechter kennen einander nicht. Sie können sich nicht kennen. Bis zur Eröffnung.

Und die Eröffnung steht kurz bevor.

Werden einige stärker sein als er? Klüger? Wird einer von ihnen sogar hässlicher sein?

Vielleicht, aber das spielt keine Rolle.

Denn Jago weiß, dass er in der Lage ist, sie alle zu töten. Und genau das wird er auch tun.

 

 

 

Weder der Erste noch der Letzte.[vii]

Baitsakhan

Wüste Gobi, 222 km südlich von Ulan-Bator, Mongolei

Baitsakhan will es haben, und er wird es auch kriegen.

Zusammen mit seinen Cousins, den Zwillingen Bat und Bold, 12,5 Jahre, und seinem Bruder Jalair, 24,55 Jahre, galoppiert er nach Süden in die Wüste Gobi.

Baitsakhan ist 13 seit 7,23456 Tagen und kann damit ganz knapp an Endgame teilnehmen.

Darüber ist er glücklich.

Sehr glücklich.

Der Meteorit ist vor zwei Tagen mitten in der Nacht in der gewaltigen Leere der zentralasiatischen Steppe eingeschlagen. Ein paar alte Yak-Hirten haben ihn gesehen, und sie haben es Baitsakhans Großvater Suhkbataar gemeldet, der ihnen befohlen hat, die Finger davon zu lassen. Die Hirten gehorchten. Alle Steppenbewohner wissen, dass es besser für sie ist, auf Suhkbataar zu hören, wenn etwas Außergewöhnliches geschieht.

Deshalb ist Baitsakhan auch fest davon überzeugt, dass der Fels aus dem Weltall noch immer dort liegt und auf sie wartet. Doch als sie sich dem Einschlagsgebiet bis auf eine halbe Meile genähert haben, sehen sie in einiger Entfernung eine kleine Gruppe Menschen und einen ramponierten Toyota Hilux.

Baitsakhan zügelt sein Pferd und lässt es Schritt gehen. Die anderen Reiter halten sich neben ihm. Jalair zieht ein Messingteleskop aus der Satteltasche und späht über die Ebene. Schließlich räuspert er sich leise.

»Wer ist das?«, fragt Baitsakhan.

»Keine Ahnung. Einer hat eine Uschanka auf dem Kopf. Ein anderer hat ein Gewehr. An dem Pick-up sind außen drei Benzinkanister befestigt. Einer der Männer stützt sich auf eine Brechstange. Zwei bücken sich. Der mit dem Gewehr geht zu dem Hilux rüber.«

Bat hat einen Langbogen quer vor sich über dem Sattel liegen. Bold wirft wie beiläufig einen Blick auf sein Smartphone. Kein Empfang, natürlich, so weit draußen. Er öffnet Temple Run und beginnt ein neues Spiel.

»Haben sie den Stein?«, fragt Baitsakhan.

»Schwer zu sagen … Warte. Ja. Zwei von ihnen tragen etwas Kleines, das schwer zu sein scheint. Es ist in Fell eingewickelt.«

»Haben sie uns bemerkt?«, fragt Bat.

»Noch nicht«, sagt Jalair.

»Dann sollten wir uns mal zeigen«, sagt Baitsakhan.

Er rammt seinem Pferd die Fersen in die Flanken, und es fällt in leichten Galopp. Die anderen folgen. Alle Pferde sind hellbraun, mit geflochtener Mähne und schwarzem Schweif. Ihre Hufe wirbeln Staub auf. Die Gruppe um den Meteoriten wird auf sie aufmerksam, scheint jedoch nicht alarmiert zu sein.

Als sie näher kommen, zügelt Baitsakhan sein Pferd und springt aus dem Sattel, noch bevor es stehen geblieben ist. »Hallo, Freunde!«, ruft er. »Was habt ihr denn da gefunden?«

»Warum sollten wir dir das sagen?«, erwidert der Mann mit dem Brecheisen kurz angebunden. Er hat eine tiefe Reibeisenstimme und einen dichten, sehr gepflegten Schnurrbart. Neben ihm steht der Mann mit der russischen Mütze. Zwischen ihnen auf dem Boden liegt das in Fell gewickelte Bündel.

»Weil ich gefragt habe«, antwortet Baitsakhan höflich.

Bat steigt vom Pferd, und als ginge ihn das alles nichts an, beginnt er, die Hufe seines Tieres auf Steine zu untersuchen. Bold bleibt im Sattel sitzen, zieht das Smartphone hervor und startet Temple Run neu.

Ein kleiner, grauhaariger Mann mit Pockennarben im Gesicht tritt vor. »Ihr müsst entschuldigen. So redet er mit jedem«, erklärt er.

»Terbish, halt die Klappe«, sagt Brecheisen.

»Wir glauben, dass wir eine Sternschnuppe gefunden haben«, fährt Terbish fort, ohne Brecheisen zu beachten.

Baitsakhan beugt sich über das Bündel. »Können wir sie mal sehen?«

»Ja, einen Meteoriten sieht man schließlich nicht alle Tage«, sagt Jalair vom Rücken seines Pferdes aus.

»Was ist denn los?«, ruft jemand. Es ist der Mann, der bei dem Hilux war und jetzt rüberkommt. Er ist groß und hält lässig eine .30-06 in der Hand.

»Die Jungs wollen den Stein sehen«, sagt Terbish und mustert Baitsakhan. »Ich wüsste nicht, was dagegenspricht.«

»Cool!«, ruft Baitsakhan. »Jalair, guck dir den Krater an!«

»Ich sehe ihn.«

Baitsakhan weiß das nicht, aber sein Meteorit ist der kleinste von den 12. Weniger als 0,2112 Meter. Der kleinste Stein für den jüngsten Spieler.

Terbish lächelt. »Als ich in eurem Alter war, hab ich schon mal so einen gefunden«, sagt er zu Baitsakhan. »In der Nähe der chinesischen Grenze. Den haben sich natürlich die Sowjets gekrallt. Damals war nichts vor ihnen sicher.«

»Hab davon gehört.« Baitsakhan schiebt die Hände in die Taschen seiner Jeans. Jalair steigt ab, und unter seinen Füßen knirschen die Steinchen.

Terbish dreht sich zu dem Bündel um. »Altan, pack das Ding mal aus.«

Der Mann mit der Uschanka bückt sich und schlägt das Fell zurück. Baitsakhan schaut hinein. Vor ihm liegt ein schwarzer Metallbrocken von der Größe einer kleinen Schuhschachtel. Er ist von einem funkelnden Gitterwerk aus Gold und Grünspan überzogen. Wie außerirdisches Buntglas.

Baitsakhan zieht die Hände aus den Taschen und lässt sich auf ein Knie fallen. Terbish ragt neben ihm auf. Brecheisen seufzt. Der Mann mit dem Gewehr kommt ein paar Schritte näher. Bats Pferd wiehert, als Bat den Sattelgurt fester zieht.

»Wunderschön, was?«, sagt Terbish.

»Sieht wertvoll aus«, meint Baitsakhan unschuldig.

Jalair deutet mit dem Finger darauf. »Ist das Gold?«

»Wusste ich doch, dass wir ihnen das nicht hätten zeigen dürfen«, sagt Brecheisen.

»Das sind Jungs«, erwidert Terbish. »Für sie ist das wie ein Traum, der plötzlich wahr wird. Davon können sie ihren Freunden in der Schule erzählen.«

Baitsakhan kommt wieder hoch. »Wir gehen nicht in die Schule.«

»Nein?«, wundert sich Terbish. »Was macht ihr dann?«

»Wir trainieren«, sagt Jalair.

»Für was?«, will Brecheisen wissen.

Baitsakhan zieht ein Päckchen Kaugummi aus seiner Jackentasche und schiebt sich eins in den Mund. »Haben Sie was dagegen, wenn wir etwas ausprobieren, Terbish?«

Der kleine Mann runzelt die Stirn. »Was denn?«

»Na los, Jalair, mach schon«, sagt Baitsakhan.

Doch Jalair hat bereits angefangen. Rasch beugt er sich über den Meteoriten. In der Hand hält er einen kleinen, schwarzen Stein mit mehreren absolut symmetrischen, T-förmigen Löchern. Er fährt mit der Hand über den Meteoriten, erst über die Oberseite, dann über die Unterseite. Seine Augen weiten sich. »Er ist es«, sagt er.

Bold schaltet sein Smartphone aus, steckt es in eine Tasche am Bein seiner Cargohose, spuckt aus.

»Kaugummi?« Baitsakhan hält Terbish das Päckchen hin.

Der Mann mit dem Gewehr runzelt die Stirn, packt die Waffe mit zwei Händen und hebt sie leicht an.

Terbish schüttelt den Kopf. »Nein, danke. Wir machen uns jetzt besser auf den Weg.«

Baitsakhan steckt die Kaugummis ein. »Okay.«

Jalair steht auf, während Altan sich daran macht, den Meteoriten wieder einzuwickeln.

»Lass das«, befiehlt Jalair.

Brecheisen stößt ein verächtliches Schnauben aus. »Ihr kleinen Scheißer wollt uns doch nicht im Ernst das Teil abnehmen?«

Baitsakhan macht eine rosafarbene Kaugummiblase. Sie platzt, und er holt sie wieder in den Mund. »Genau das wollen wir«, sagt er.

Terbish zieht ein Häutungsmesser aus seinem Gürtel und weicht einen Schritt zurück. »Tut mir leid, Bürschchen, aber da irrst du dich. Wir haben ihn gefunden.«

»Ein paar Yak-Hirten haben ihn zuerst gefunden.«

»Ich sehe hier keine Yak-Hirten«, erwidert Brecheisen.

»Wir haben ihnen gesagt, sie sollen sich verziehen. Und sie wussten, dass es besser für sie ist, auf uns zu hören. Der Meteorit gehört uns.«

»Jetzt spielt er den Bescheidenen«, fügt Jalair hinzu. »Genau genommen, gehört der Meteorit ihm.«

»Dir?«, fragt Terbish ungläubig.

»Ja.«

»Ha!«, sagt Brecheisen und hält die Stange wie einen Kampfstab vor sich. »So was Albernes habe ich in meinem ganzen Le…«

Jalair schneidet ihm das Wort ab, indem er die Stange packt, sie ihm entwindet und ihm das spitze Ende in die Brust rammt. Brecheisen schnappt nach Luft. Der Mann mit der .30-06 legt die Waffe an, doch bevor er abdrücken kann, bohrt sich ein Pfeil in seinen Hals.

Sie haben Bat vergessen, der hinter seinem Pferd steht.

Altan, der Mann mit der Mütze, greift nach dem Bündel, aber Bold wirft einen schwarzen Metallpfeil nach ihm, der etwa acht Inch lang ist und einen Durchmesser von einem halben Inch hat. Er trifft Altan an einer der Ohrenklappen und bleibt im Kopf stecken. Altan bricht zusammen, plötzlich hat er Schaum vor dem Mund. Seine Arme und Beine zucken. Er rollt mit den Augen.

Terbish schaut voller Entsetzen zu. Er kann das alles nicht fassen. Schließlich dreht er sich um und sprintet in Richtung Pick-up.

Baitsakhan stößt einen kurzen Pfiff aus. Sein Pferd trabt heran, er springt in den Sattel, gibt ihm die Sporen, und schon hat er Terbish eingeholt. Baitsakhan reißt an den Zügeln, sein Pferd bäumt sich auf und erwischt Terbish mit den Hufen an Schultern und Hals. Der Mann wird zu Boden geworfen, und das Pferd tänzelt im Halbkreis auf ihm herum, bricht ihm sämtliche Knochen und löscht sein Leben aus.

Als Baitsakhan zum Krater zurückkehrt, sitzt Brecheisen auf dem Boden, die Beine angewinkelt, die Nase blutig, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Jalair hat ihm die Stange unter den Armen durchgeschoben und zerrt ihn daran hoch.

Baitsakhan springt von seinem Pferd.

Der Mann spuckt aus. »Verdammt, was haben wir euch getan …«

Baitsakhan führt den Finger an seine Lippen. »Psst.« Er streckt die andere Hand aus, und wie aus dem Nichts taucht Bat auf und legt ihm eine lange, matt schimmernde Klinge auf die Handfläche. »Nicht reden.«

»Was hast du vor?«, fragt der Mann mit flehender Stimme.

»Ich möchte spielen«, sagt Baitsakhan.

»Was? Warum?«, will Brecheisen wissen.

Baitsakhan führt das Messer an den Hals des Mannes und schlitzt ihm ganz langsam die Kehle auf.

»Endgame hat begonnen«, sagt Baitsakhan. »Da gibt es kein Warum.«

Sarah Alopay

Anwesen der Familie Alopay, 55 Jefferson Street, Omaha, Nebraska, USA

Sarah will nicht, dass ihr Bruder tot ist, dass ihre beste Freundin ohne Arm auf der Intensivstation liegt, dass ihre Schule zerstört ist. Sie will nicht, dass die meisten ihrer Klassenkameraden ausgelöscht wurden. Mit alldem will sie nichts zu tun haben. Sie will keine Spielerin sein.

Pech für sie.

Sie sitzt am Tisch und hat die Hände auf der Linoleumplatte gefaltet. Simon und Olowa stehen hinter ihr. Christopher ist an den Schauplatz der Katastrophe zurückgekehrt, um bei der Bergung von Überlebenden aus den Trümmern zu helfen und sich anderweitig nützlich zu machen. So ist er eben. Lieb und tapfer und stark.

Christopher weiß nicht, wer Sarah ist und was sie bald tun muss. Er weiß nicht, dass der Meteorit vom Himmel gefallen ist, um ihr eine Botschaft zu übermitteln. In gewisser Hinsicht sind all diese Menschen gestorben, weil Sarah dort war. Und wenn Sarah nicht spielt, werden noch mehr Menschen sterben. Im Umkreis von Hunderten, Tausenden Meilen werden alle sterben, wenn sie nicht gewinnt.

Die Alopays stehen noch immer unter Schock. Sie sehen aus wie Schauspieler in einem Kriegsfilm. Sarah hat noch kein Wort gesagt. Simon weint die ganze Zeit leise vor sich hin. Olowa wappnet sich gegen das, was geschehen ist und noch geschehen wird.

Der mehrfarbige Meteorit liegt in einer alten Keramikschale auf dem Tisch. Olowa hat ihnen erklärt, dass es sich dabei um einen Pallasiten handelt – einen aus Nickel und Eisen bestehenden Gesteinsbrocken, in den eine farbige Substanz eingebettet ist, das Olivin. Obwohl er klein ist, wiegt er 9,91kg. In dem Pallasiten befindet sich ein Loch in Form eines absolut symmetrischen Dreiecks.

Der Stein, der sich von Sarahs Hals losgerissen und sie alle gerettet hat, ruht auf dem Tisch. Er ist pechschwarz, dunkler noch als Sarahs Pupillen.

Neben dem Stein liegt ein vergilbtes, an den Rändern ausgefranstes Blatt Papier, und daneben steht ein Becherglas mit einer klaren Flüssigkeit.

Sarah nimmt den Stein hoch. Über diesen Augenblick haben sie in den letzten Jahren immer und immer wieder gesprochen. Obwohl Sarah es, ebenso wie ihre Eltern, nie für möglich gehalten hat, dass er kommen würde, ist er jetzt da. Sie müssen einen Schritt nach dem anderen tun, in der richtigen Reihenfolge. Als sie jung waren und noch nicht als Spieler infrage kamen, haben sie und Tate oft so getan, als wäre es so weit. Damals waren sie Kinder. Dummköpfe. Sie hielten Endgame für cool.

Aber das ist es nicht.

Sarah dreht den Stein in der Hand. Es handelt sich um einen Tetraeder. Seine vier dreieckigen Seiten haben genau die gleichen Abmessungen wie das Loch in dem Meteoriten.

Der kleine pyramidenartige Stein ist den Alopays gleichzeitig vertraut und fremd. Es gibt keine Aufzeichnungen über sein Alter, doch sie wissen, dass er mindestens 30.000 Jahre alt ist. Er stammt aus einer Epoche, als die Menschen eigentlich noch gar nicht über die Werkzeuge verfügten, um etwas so präzise zu bearbeiten. Er stammt aus einer Zeit, als die Menschen eigentlich noch gar nichts von den vollkommenen Proportionen des Goldenen Dreiecks wussten. Doch hier ist es. Von einer Generation an die nächste weitergegeben, immer und immer wieder. Ein historisches Artefakt aus prähistorischer Zeit. Das es eigentlich gar nicht geben dürfte.

»Also los«, sagt Sarah.

Es ist so weit.

Die Zukunft ist noch ungeschrieben.

Was sein wird, wird sein.

Sie hält den Stein über den Meteoriten. Er springt ihr aus der Hand und findet seinen Platz, verschmilzt mit dem Pallasiten. Der haarfeine Spalt zwischen den beiden Artefakten verschwindet. Einen Moment lang geschieht nichts. Ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein. Doch vor den Augen der Alopays zerfällt der Anhänger, den Sarah um den Hals getragen hat, zu Staub, wie auch 3,126 Inch des ihn umgebenden Meteoriten. Der Staub vermischt sich, vermengt sich, tanzt und kommt nach 11 Sekunden zur Ruhe.

Das, was sie zu tun hat, hat Sarah gelernt, als sie fünf Jahre alt war. Ein Schritt muss nach dem anderen getan werden, in der richtigen Reihenfolge.

Sie schüttet den Staub auf das Pergament.

»Ahama muhu lopeke tepe«, stimmt ihr Vater an, der immer noch stille Tränen vergießt. Lieber würde er um den Sohn trauern, den er verloren hat, aber er weiß, dass dafür jetzt keine Zeit ist.

Sarah verteilt den Staub.

»Ahama muhu gobekli mu«, fällt ihre Mutter etwas resoluter ein.

Sarah gießt die Flüssigkeit darüber.

»Ahaman jeje. Ahaman kerma«, singen ihre Eltern gemeinsam.

Dampf steigt von dem Staub auf, ein beißender Geruch erfüllt die Luft, und die Ränder des Pergaments biegen sich nach oben, sodass das flache Blatt zu einer Schüssel wird.

»Ahaman jeje. Ahaman kerma«, wiederholen ihre Eltern.

Sarah hebt die Pergamentschüssel an und vermischt deren Inhalt.

Die Flüssigkeit verflüchtigt sich, und der Staub wird rot.

Und dann erscheint sie.

Die Botschaft.

Für die Eröffnung.

 

١١١٥٢٦٠٢٢٢٠٩٠٨١٢٢١٠٧١٩٢٢٠٧٠٤٢٢١٥٠٥٢٢١٥١٨١٣٢٢٠٨٠٧١٢٠ ٧١٩١٨٠٩٠٧٠٢٠٨١٨٠٣٠٨١٨٠٣٠٧٢٢٢٢١٣١٢١٣٢٢١٩٠٦١٣٢٣٠٩٢٢٢٣٢٢١٨٢٠

١٩٠٧٢١١٨٢١٠٧٠٢٢١١٢٠٦٠٩١٤١٨٢٣١٣١٨٢٠١٩٠٧٠٨٠٦١٤١٤٢٢٠٩٠ ٨١٢١٥٠٨٠٧١٨٢٤٢٢٢٤١٩٢٦٠٨٢٢٠٧١٩٢٢٠٤١٨١٥٢٣٢٠١٢١٢٠٨٢٢

 

Sarah starrt die Zeichen an. Obwohl sie ursprünglich nicht als Spielerin vorgesehen war, hat sie sich schon immer für Codes und Sprachen interessiert. Seit sie vier war, hat sie sich mit all ihren Ausprägungen beschäftigt.

Nach und nach beginnt sie, die Zeichen zu verstehen.

Sie sieht die Zahlen, die ihr sagen, wo und wie sie anfangen wird, zu gewinnen. Sarah muss an ihren Bruder denken, wie er niemals akzeptieren konnte, dass er von der Teilnahme an Endgame ausgeschlossen war, weil er ein Auge verloren hatte. Wie er sich die ganzen Jahre über treiben ließ, wie er trauerte, weil er nicht weitermachen konnte, weil die Aufgabe auf Sarah übergegangen war. Wie begeistert er war, als er den Meteoriten für sie gefunden hatte. Sie kann nicht wirklich glauben, dass sie es ist, die an Endgame teilnehmen wird, und nicht Tate. Dass sie auf sich allein gestellt sein wird, ohne die Unterstützung ihres Bruders.

Sie muss an Reena denken und an den abgetrennten Arm, an Reenas verwirrten Gesichtsausdruck. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie, wie Christopher Leichen aus den Trümmern zieht.

Sie muss an ihre Rede denken. Ich habe beschlossen, diejenigezu sein, die ich sein will. Wie bedeutungslos diese Worte klingen, jetzt, da sie keine Wahl mehr hat.

Sie wird dafür sorgen, dass ihr Bruder und ihre Freunde nicht umsonst gestorben sind.

Die 12 Spieler aller 12 Geschlechter erhalten diese Botschaft.

Die 12 Spieler aller 12 Geschlechter werden an der Eröffnung teilnehmen.

Die 12 Spieler der 12 Geschlechter sind:

١Marcus Loxias Megalos[viii], Minoer[ix], 16,24 Jahre

٢Chiyoko Takeda[x], Mu[xi], 17,89 Jahre

٣Sarah Alopay[xii], Cahokianerin[xiii], 17,98 Jahre

٤Alice Ulapala[xiv], Koori[xv], 18,34 Jahre

٥Aisling Kopp[xvi], La Tène[xvii], 19,94 Jahre

٦Baitsakhan[xviii], Donghu[xix], 13,02 Jahre

٧Jago Tlaloc[xx], Olmeke[xxi], 19,14 Jahre

٨An Liu[xxii], Shang[xxiii], 17,46 Jahre

٩Shari Chopra[xxiv], Harrapa[xxv], 17,82 Jahre

١٠Kala Mozami[xxvi], Sumererin[xxvii], 16,50 Jahre

١١Maccabee Adlai[xxviii], Nabatäer[xxix], 16,42 Jahre

١٢Hilal ibn Isa al-Salt[xxx], Aksumite[xxxi], 18,69 Jahre

Maccabee Adlai

Aeroflot Flug 3501, Sitz 4B Von: Warschau Nach: Moskau

Maccabee Adlai, der Spieler des 8. Geschlechts, geht an Bord der Aeroflot-Maschine und betritt den 1.-Klasse-Bereich. Flug 3501 wird von Warschau nach Moskau 93 Minuten benötigen. In Moskau wird Maccabee einen Anschlussflug nach Peking nehmen, der 433 Minuten dauern wird. Maccabee ist 16 Jahre alt, hat allerdings die Statur eines 10 Jahre älteren Zehnkämpfers. Er ist sechs Fuß fünf Inch groß und wiegt 240 Pfund. Auch Bartstoppeln hat er schon; er gehört zu den Menschen, die selbst in jungen Jahren nie wirklich wie ein Kind aussehen. Schon mit sieben war er ein ganzes Stück größer und stärker als seine Altersgenossen.

Es gefällt ihm, größer und stärker als seine Altersgenossen zu sein.

Das bringt gewisse Vorteile mit sich.

Er zieht sein maßgeschneidertes, seidenes Dreiknopfjackett aus und lässt sich auf seinem Platz direkt am Gang nieder. Sein Hemd hat Umschlagmanschetten und ist hellblau-weiß kariert. Die Krawatte mit dem Rosenmuster hat er mit einer silbernen Klammer am Hemd befestigt. Die Manschettenknöpfe aus versteinertem Mammutelfenbein sehen aus wie tibetische Totenkopfperlen, mit roten Rubinen als Augen. Am kleinen Finger seiner linken Hand steckt ein großer Messingring, in den ein hellbrauner Stein in Form einer Blume eingelassen ist.

Maccabee riecht nach Lavendel und Honig. Sein dichtes, gewelltes, schwarzes Haar hat er nach hinten gegelt. Unter seiner breiten Stirn zeichnet sich deutlich der Schädelknochen ab, fast als wäre seine Haut zu dünn. Seine Schläfen wirken ein wenig eingefallen, und er hat hohe Wangenknochen. Seine Augen sind blau. Seine Nase ist schmal, aber lang und etwas schief.

Sie war fünfmal gebrochen.

Er kämpft gerne. Und wenn schon! Wenn man so groß ist wie Maccabee, dann bleibt das nicht aus. Die Leute wollen wissen, ob sie es mit ihm aufnehmen können. Allerdings ziehen sie bei Maccabee jedes Mal den Kürzeren.

Sein einziges Gepäckstück, eine Umhängetasche aus Leder mit eingeprägtem Monogramm, befindet sich im Gepäckfach über ihm. Die anderen Spieler mühen sich wahrscheinlich mit Rucksäcken, Koffern und allerlei Erwartungen ab, aber Maccabee bürdet sich nicht gerne etwas auf. Er zieht es vor, beweglich und schnell zu sein, um jederzeit zuschlagen zu können. Außerdem ist die Welt noch nicht untergegangen. Und bis dahin genügt es, Geld zu haben.

Viel Geld.

Er schnallt sich an, schaltet sein Smartphone ein und hört eine gespeicherte Nachricht ab. Er hat sie sich schon Dutzende Male angehört:

 

Gemeinsame Presseerklärung von NASA/ESA/ROSKOSMOS, 15. Juni:

Am 11. Juni ist um 22:03GMT ein großer und bisher unbekannter erdnaher Asteroid (NEA), der inzwischen mit der KennzeichnungCK46B versehen wurde, in einer Entfernung von 500.000 Meilen an der Erde vorbeigeflogen. Begleitet wurde dieser Riesenasteroid von mehreren Hundert »Kindern« unterschiedlicher Größe. Mindestens 100 dieser Objekte sind mit Sicherheit in das Gravitationsfeld der Erde geraten. Wie die meisten »Sternschnuppen« ist der größte Teil davon in der Atmosphäre verglüht, und außer visuellen Aufzeichnungen zeugt nichts mehr von ihrer Existenz. Wie jedoch in der Weltpresse ausführlich berichtet wurde, haben mindestens 12 Boliden den Eintritt in die Atmosphäre ohne größeren Schaden überstanden.

Obwohl das plötzliche Auftauchen einesNEA von der Größe desCK46B durchaus beunruhigend ist, möchten wir klarstellen, dass es keinen Grund gibt, einen größeren Einschlag in absehbarer Zukunft zu befürchten. Solche Einschläge – wie die in Warschau (Polen), Jodhpur (Indien), Addis Abeba (Äthiopien) und Forest Hills (Queens, New York,USA) – sind äußerst selten. Dank gemeinsamer Anstrengungen unserer Weltraumbehörden sowie derISA,JAXA,UKSA undAEB können Sie sicher sein, dass andereNEAs und erdnahe Objekte (NEOs) identifiziert und im Auge behalten werden. Hier und heute ist es unsere übereinstimmende Meinung, dass unser Planet nicht in Gefahr ist, von irgendetwas Größerem getroffen zu werden als den oben genannten Meteoriten.

Schlussendlich sind wir der Meinung, dass der Schauer, denCK46B ausgelöst hat, vollständig verglüht ist und keine weiteren Meteoriten zu erwarten sind.CK46B ist erfasst worden und wird erst in 403,56 Jahren wieder in Erdnähe erscheinen. Im Moment ist die Gefahr, die von diesemNEA ausgegangen sein mag, gebannt. Weitere Informationen …

 

»Verzeihung«, sagt ein Mann auf Polnisch, drängt sich an Maccabee vorbei und reißt ihm die Kopfhörer aus den Ohren.

»Das will ich meinen«, erwidert Maccabee in perfektem Englisch, und in seiner Stimme schwingt ebenso viel Selbstvertrauen wie Verärgerung mit.

»Sie sprechen Englisch?«, fragt der Mann in derselben Sprache, während er sich auf seinen Fensterplatz fallen lässt. Er ist um die 40, hat Übergewicht und schwitzt stark.

»Ja«, sagt Maccabee. Er wirft einen Blick über den Gang. Eine äußerst gut aussehende Frau in einem figurbetonten dunklen Kostüm verdreht hinter ihrer Brille die grünen Augen. Maccabee erwidert die Geste.

»Dann spreche ich auch Englisch«, erklärt der Mann. »Ich werde üben. Ja? Auf Ihnen?«

»Mit mir«, korrigiert Maccabee und wickelt sich das Kabel seines Kopfhörers um die Hand.

»Ja. Mit Ihnen.« Dem Mann gelingt es, seinen Koffer unter den Sitz vor sich zu schieben. Dann müht er sich mit dem Sicherheitsgurt ab. Er zerrt an dem Ende mit der Schnalle, das sich nicht von der Stelle bewegt.

»Sie müssen die Schnalle langsam zu sich heranziehen.« Maccabee öffnet seinen Gurt und zeigt dem Mann, wie es funktioniert.

»Ah, wie dumm von mir«, sagt der Mann auf Polnisch.

»Meinetwegen könnten sie die ganz abschaffen«, sagt Maccabee noch immer auf Englisch und lässt seinen Gurt wieder einrasten. »Wenn das Flugzeug abstürzt, wird uns das auch nichts nützen.«

»Da haben Sie recht«, sagt die attraktive Frau auf Englisch, ohne den Blick von der Zeitschrift zu heben, in der sie blättert.

Der Mann beugt sich über Maccabee und mustert die Frau. »Na, hallo aber.« Er versucht es wieder mit Englisch.

Maccabee beugt sich vor, um zu verhindern, dass sein Sitznachbar die Frau weiter anstarrt. »Es heißt: ›Na, aber hallo.‹ Und sie hat nicht mit Ihnen gesprochen.«

Der Mann weicht zurück. »Ganz ruhig, junger Mann. Sie ist eine schöne Frau, und sie weiß es. Ich habe ihr nur gezeigt, dass ich es auch weiß. Was ist daran falsch?«

»Es gehört sich nicht.«

Der Mann macht eine abweisende Handbewegung. »Ah! ›Es gehört sich nicht.‹ Typisch englische Formulierung. Gefällt mir. Es bedeutet ›nicht nett‹, oder? Inhöflich.«

»Un