Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Endgame. Die Entscheidung - James Frey

Dunkelheit, Kälte, verwüstete Landschaften. Nur fünf Spieler haben Endgame überlebt. Die Bedingungen sind mörderisch. Bei den Pyramiden von Gizeh kommt es zum alles entscheidenden Kampf. Wer wird ihn gewinnen? Die Spieler oder das Spiel? Denn die Menschheit kann nur gerettet werden, wenn sich alle der Brutalität von Endgame verweigern und aus dem Spiel aussteigen. Das fulminante Finale von ENDGAME!

Meinungen über das E-Book Endgame. Die Entscheidung - James Frey

E-Book-Leseprobe Endgame. Die Entscheidung - James Frey

Über dieses Buch

Die Jagd nach dem dritten und alles entscheidenden Schlüssel hat begonnen. Für Sarah und Jago steht jedoch fest, dass sie nicht mehr Teil des Spiels sein wollen. Die Prophezeiung von Endgame darf sich nicht erfüllen! Gemeinsam mit anderen Spielern versuchen sie alles, um zu verhindern, dass der letzte Schlüssel in die falschen Hände fällt. Doch können sie einander wirklich trauen? Verfolgen wirklich alle das gleiche Ziel? Und haben sie eine Zukunft, in einer Welt, die kurz vor der Zerstörung steht?

 

 

 

Dieses Buch ist ein Rätsel.

Du kannst es entziffern, entschlüsseln und interpretieren.

Suche und finde.

Wenn du würdig bist, wirst du etwas finden.

kepler 22b

Ansible-Kabine an Bord der Seedrak Sare’en, aktive geostationäre Umlaufbahn Über dem Nordpol des Mars

kepler 22b sitzt auf einem glänzenden Sessel mitten in einem schwarzen Raum mit niedriger Decke. Seine siebenfingrigen Hände sind gefaltet, sein platinblondes Haar ist oben auf dem Kopf zu einer perfekten Kugel frisiert. Er geht den Bericht durch, den er gleich der Versammlung über das Ansible erstatten wird, so viele Lichtjahre entfernt. Bei dem Spiel auf dem weiß-blauen Planeten im nächsten Orbit gab es viele Probleme und unvorhergesehene Entwicklungen, aber es geht trotzdem weiter. Alles, was geschehen ist, ist nicht wirklich besorgniserregend – mit Ausnahme der Zerstörung eines der 12 wichtigsten Monumente der Erde. Es gehörte den La-Tène-Kelten, es trug den Namen Stonehenge und ist jetzt gänzlich von der Erdoberfläche verschwunden. kepler 22b ist deswegen sehr beunruhigt: Wenigstens einer dieser uralten Bauten – jene, die vor Milliarden von Jahren errichtet worden sind, als sein Volk gemeinsam mit den ersten Menschen der Erde über diesen Planeten wandelte –, wenigstens einer muss Endgame überstehen.

Das wünscht er sich mehr als alles andere.

Dass ein Spieler gewinnt.

Ein Spieler.

Er wendet sich von dem Bericht ab und konzentriert sich auf ein Übertragungshologramm, das dicht vor seinem Gesicht in der Luft schwebt. Ein schwaches Echtzeitsignal bewegt sich durch eine Stadt auf dem indischen Subkontinent. Ein Spieler. Seiner Geschwindigkeit nach zu urteilen, benutzt er irgendein Fahrzeug. Er erwartet nicht, dass dieser Spieler gewinnen wird, aber auf diesen Spieler war kepler 22b von Anfang an sehr gespannt.

Es ist ein gerissener und sorgloser Spieler.

Unberechenbar. Reizbar. Erbarmungslos.

Der Shang. An Liu.

Und kepler 22b würde gern noch länger zusehen, aber dann summt das Ansible, und das Hologramm verschwindet, es wird pechschwarz, und die Temperatur fällt auf – 60° Fahrenheit. Wenige Augenblicke später stechen Lichtpartikel durch die tiefe Dunkelheit, der Raum erstrahlt, und dann sind sie da, umringen ihn von allen Seiten.

Die Versammlung.

kepler 22b würde dem Shang gerne weiter zusehen. Aber er kann es nicht.

Es ist Zeit für seinen Bericht.

An Liu

Beck Bagan, Ballygunge, Kalkutta, Indien

Der Shang.

ZUCK.

Blinzel.

ZUCK.

An fährt eine Suzuki GSX-R1000, versucht zu beschleunigen, wird aber von den Menschenmassen in Kalkutta daran gehindert.

Er dreht am Gas. Die Räder fliegen über die unebene Fahrbahn. Kein Helm, zusammengebissene Zähne, brennende Lungen, die Augen nur Schlitze. Chiyokos Überreste pressen sich in seine Brust. Neben der Kette aus seiner Geliebten befinden sich eine SIG-226-Pistole und eine kleine Kollektion spezialgefertigter Granaten. All diese Dinge sind von seinem Baumwollhemd verdeckt.

Er fährt nach Norden zum Friedhof South Park Street. Weiter, weiter, weiter.

Der Friedhof. Da ist er. Einer der Spieler, dem Chiyoko einen Tracker verpasst hat. Einer der Spieler, den An jetzt verfolgt. Auf dem Friedhof wird er den Nabatäer finden. Maccabee Adlai. Der den Erdschlüssel und den Himmelsschlüssel besitzt. Der gewinnt.

Oder glaubt, zu gewinnen.

Das ist ein Unterschied.

Wenn An rechtzeitig ankommt, macht das den Unterschied aus.

Wenn An ankommt, wird Maccabee nicht gewinnen. Auf keinen Fall.

Er wird dann tot sein.

Und An ist nur noch zwei Kilometer entfernt.

So nah.

Aber auf den Straßen wimmelt es nur so von Menschen. An diesem Abend hat Kalkutta seine Einwohner ins Freie gespült, lauthals schreien sie nach Informationen über Angehörige, suchen verzweifelt nach einem Handysignal. An weicht Geschäftsleuten und Gewürzhändlern aus, Frauen in grellen Kleidern und streunenden Hunden, schreienden Kindern, abgewürgten Ambassador-Taxis und Rikschas mit spindeldürren Männern, die ihre Fahrgestelle entlang der planlos angelegten Straßen hinter sich herziehen, wie Fische, die stromaufwärts zappeln. Er fährt mit dem Motorrad einen Schlenker um einen einsamen Brahman-Bullen. Einige Leute kommen ihm in die Quere. An streift sie mit seinem Motorrad oder tritt ihnen in die Hüften.

Aus dem ZUCKZUCK aus dem Weg.

Geschrei. Geschimpfe. Drohende Fäuste. Es gibt keine Polizisten. Keinen einzigen Gesetzeshüter.

Ist es, weil die Welt an der Schwelle zur Gesetzlosigkeit steht?

Ist es wegen Abaddon, sogar jetzt, noch vor dem Einschlag?

Könnte das sein?

Ja.

An lächelt.

Ja, Chiyoko. Das Ende ist nah.

An der Kreuzung von Lower Range Road und Circus Avenue zeigen zwei groß gewachsene Männer unter lautem Geschrei mit dem Finger auf ihn. Sie erkennen ihn. Sie haben sein Video gesehen – jeder auf der Welt hat inzwischen sein Video gesehen –, und sie wollen ihn aufhalten. Vielleicht sogar töten, was An absurd findet. Er lässt den Motor aufheulen, die Leute springen auseinander, doch die Männer weichen keinen Zentimeter zurück.

Idioten.

An fährt direkt auf sie zu, zwischen ihnen hindurch, wirft sie zur Seite und überrollt einen, reißt ihm den Arm auf. Die Männer brüllen, einer zieht wie aus dem Nichts eine altmodische Pistole und drückt ab. Die Pistole explodiert in seiner Hand.

Er fällt schreiend zu Boden.

Die Waffe war defekt. Alt. Kaputt.

Wie diese Blinzelblinzelblinzel wie diese Welt.

An könnte Mitleid mit dem Mann und seiner zerfetzten Hand haben, aber er ist der Shang, es interessiert ihn nicht. An beschleunigt, stellt sich auf die Fußstützen, bringt das Hinterrad zum Schlingern, und dann rast er davon, während einer der Männer aufschreit, als der Reifen sein Bein trifft und ihm eine blutende Fleischwunde zufügt.

Ans Lächeln wird immer breiter.

Er lässt die Männer hinter sich. Passiert einen Friseursalon, einen Süßwarenladen, einen Handyshop, ein überfülltes Elektrogeschäft. Auf den Bildschirmen im Fenster dieses letzten Ladens nimmt er das Bild von kepler 22b wahr.

Der Außerirdische hat sich geoutet. kepler 22b zeigt jetzt sein wahres Gesicht. Endgame ist jetzt für jeden real. Für die Reichen und die Armen. Für die Mächtigen und die Schwachen. Für die Brutalen und die Friedlichen. Für jeden. Und An ist total begeistert.

Die ganze Welt weiß jetzt, dass die ersten zwei Schlüssel vereint sind. Dass Maccabee sie hat. Dass Endgame weitergeht, trotz der unsinnigen Anstrengungen einiger Spieler, es zu stoppen.

Es geht weiter, trotz Angst und Hoffnung und Mord und sogar Liebe.

kepler 22b hat den Menschen mitgeteilt, dass Abaddon nicht gestoppt werden kann. Dass der gigantische Asteroid in weniger als drei Tagen auf die Erde treffen wird, woran niemand irgendetwas ändern kann.

Dass Millionen sterben werden.

An ist total begeistert.

Das Motorrad jagt davon, die Straße wird breiter. Die Menge löst sich auf. An fährt etwas schneller, jetzt ca. 60 km/h. Er wirft einen Blick auf Chiyokos Uhr. Sieht über den Ziffern das Display des Trackers.

Blip-blip.

Da. Maccabee Adlai.

So BLINZEL so ZUCK nah dran.

So nah, dass An ihn riechen kann.

An rast mit quietschenden Reifen über die Shakespeare Sarani Road, fährt noch zwei Blocks weiter und dreht dann nach Nordwest auf die Park Street. Wieder sieht er auf die Armbanduhr, und da ist es:

Blip-blip.

Blip-blip.

Nur wenige Blocks entfernt.

BLINZELZuck.

Chiyoko hat für das Leben gespielt.

ZUCKblinzel

Aber ich

ZUCK

ich spiele für den Tod.

Sarah Alopay, Jago Tlaloc, Aisling Kopp, Pop Kopp, Greg Jordan, Griffin Marrs

In den Tiefen, , Tal des Ewigen Lebens, Sikkim, Indien

»Verdammt, entspannt euch alle!«, schreit ein Mann. Er ist Mitte fünfzig, wettergegerbt, schweißgebadet, leicht rundlich. Er steht mitten im Gang, in dem sich die Spieler und ihre Freunde drängen.

Sarah und Jago auf der einen Seite, Aisling Kopp und Greg Jordan und Griffin Marrs und Pop Kopp auf der anderen. Sarah und Jago in einer offenen Tür. Der Donghu, die Harrapa, der Nabatäer, der Erdschlüssel und der Himmelsschlüssel waren nur Minuten zuvor in dem Raum hinter der Tür. Baitsakhan war da noch sehr lebendig und wild entschlossen, Shari Chopra aus Rache zu töten. Maccabee hatte Mitleid mit der Harrapa und hatte den Donghu daran gehindert. Er wollte den Erdschlüssel und den Himmelsschlüssel gerade an sich nehmen, als Sarah und Jago in den Raum stürzten. Während Baitsakhan im Sterben lag, preschte der Olmeke vor und griff Maccabee an. Der Kampf war eng, Jago hat ihn gewonnen, Maccabee lag bewusstlos über dem Donghu. Sarah hatte die Chance, die kleine Alice Chopra zu töten, das Mädchen, das der Himmelsschlüssel ist – ihr Tod hätte Endgame beenden können.

Aber Sarah konnte es nicht.

Und Jago konnte es auch nicht.

Aislings Team kam, kurz nachdem der Kampf geendet hatte. Die Keltin hatte ebenfalls die Chance, den Himmelsschlüssel zu töten, das Scharfschützengewehr schon im Anschlag, aber im letzten Moment hatte der Himmelsschlüssel den Erdschlüssel berührt, und das kleine Mädchen war blitzartig verschwunden. Maccabee und Baitsakhans verstümmelter Körper mit ihr. Die einzige noch lebende Person in dem Raum ist die bewusstlose Shari Chopra. Maccabee hätte sie töten können, hat sie aber, vielleicht aus Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit oder Mitgefühl, am Leben gelassen.

Wo genau sich Maccabee und die Schlüssel jetzt befinden, weiß keiner von ihnen. Sie könnten in Bolivien sein, oder auf dem Grund des Ozeans, oder in einer Audienz bei kepler 22b und Endgame beenden.

Alles, was geblieben ist, ist die gefallene Festung der Harrapa im Himalaya, sind die Spieler und Aislings Freunde.

Alles, was geblieben ist, ist ihre Angst und ihre Wut und ihre Verwirrung.

Und ihre Waffen.

Die aufeinandergerichtet sind.

»Entspannt euch!«, bittet er noch mal.

Sarah hat ihn noch nie gesehen. »Heute muss nicht noch jemand sterben«, sagt er.

Du vielleicht, denkt Sarah. Die Pistole, die sie Maccabee abgenommen hat, ist auf seine Kehle gerichtet. Sarah hat sich geweigert, das kleine Chopra-Mädchen zu töten, aber sie würde nicht zögern, diesen Mann zu erschießen, oder die Leute um ihn herum, wenn sie dann flüchten könnten.

Der Mann geht um Aisling Kopp herum, legt seine Hand auf den Lauf ihres Scharfschützengewehrs, drückt ihn zwei Zoll nach unten. Der Lauf zielt jetzt auf Sarahs Brust anstatt auf ihre Stirn. Die andere Hand des Mannes ist leer, die Handfläche nach vorn gestreckt. Seine Augen sind aufgerissen, flehen sie an. Sein Atem rast.

Ein Peacemaker, denkt Sarah.

Er leckt sich die Lippen.

»Ich entspann mich, sobald mir keiner von euch mehr im Weg steht.« Sarahs Stimme ist ruhig. Sie registriert, dass Aisling Kopps Gesicht glüht. Ihre Haut ist blutverschmiert – vielleicht ihr eigenes, aber wahrscheinlich nicht.

Blut. Und Schweiß. Und Dreck.

Aisling fragt: »Wo ist der Himmelsschlüssel?«

Die Pistole, die Sarah in der Hand hält, ist leicht. Nur eine Kugel. Vielleicht zwei.

»Los, aus dem Weg!«, verlangt Jago. Er richtet seine Pistole auf Aislings Kopf, findet, dass Aisling anders aussieht, seit er sie das letzte Mal gesehen hat. Älter, härter, trauriger. Wahrscheinlich sehen sie alle so aus. Endgame war am Anfang noch leichter, bevor die Schlüssel gefunden worden sind. Jetzt ist es erheblich komplizierter.

»Wir gehen nirgendwohin«, sagt Aisling, ihr Blick fixiert Sarahs Augen. »Nicht bevor wir wissen, wo der Himmelsschlüssel ist.«

Sarah sagt: »Sie ist nicht hier!«

Erschieß sie!, sagt Sarah zu sich selbst. Mach schon!

Aber sie tut es nicht.

Sie kann es nicht.

Aisling hat versucht, das zu tun, was Sarah nicht konnte. Sie hat versucht, das kleine Mädchen zu töten.

Aisling hat versucht, Endgame zu stoppen.

Was bedeutet, dass Aisling und ihre Freunde nicht ganz schlecht sein können.

Sarah guckt für ein paar Sekunden die anderen Männer im Raum an, die, die bis jetzt geschwiegen haben. Einer ist alt, sieht aber furchterregend aus, sein eines Auge milchig weiß. Vielleicht ein früherer Spieler der La Tène.

Der andere, ein Mann mittleren Alters, ist ein Altersgenosse des Peacemakers. Er trägt ein Bandana um den Kopf, runde Brillengläser und hat sich ein schwer aussehendes Bündel umgeschnallt, aus dem ein paar Kommunikationsgeräte hervorlugen. Auch er hat ein Scharfschützengewehr in der Hand, macht sich aber nicht die Mühe, es auf jemanden zu richten. Stattdessen greift er in seine Hemdtasche und zieht eine selbst gedrehte Zigarette hervor. Er steckt sie in den Mund, ohne sie anzuzünden.

Beide Männer sehen mitgenommen aus.

Langer Tag, denkt Sarah.

Lange Woche.

Langes Scheißleben.

Sarah vermutet, dass sie rückwärtsspringen und gleichzeitig feuern könnte, und der Peacemaker wäre in einer Tausendstelsekunde tot. Aisling würde sofort zurückschießen, aber da der Peacemaker seine Hand auf ihrem Gewehr abgelegt hat, würde dieser Schuss danebengehen. Jago würde Aisling töten. Dann würden die zwei Spieler den alten Kelten und den Walkie-Talkie-Hippie kaltmachen. Vorausgesetzt, niemand anders wäre auf der Treppe versteckt, könnten Sarah und Jago ihre Waffen niederlegen, durchatmen und sich in die Arme fallen. Sie könnten hier unbeschadet rauskommen. Sie könnten ihre Mission, Endgame zu stoppen, weiterverfolgen. Sarah denkt, dass ihre Chancen, diese vier Menschen zu töten, 60% oder 65% stehen. Keine schlechten Chancen, aber auch nicht überragend.

»Tu es nicht«, sagt der Peacemaker, als könnte er Sarahs Gedanken lesen.

»Warum nicht?«, fragt sie.

»Hört mir nur bis zum Schluss zu.« Er blickt zu Aisling hinüber. »Ihr alle. Bitte.«

»Jetzt wird es spannend«, murmelt der Mann mit der Zigarette. Der alte Mann mit dem milchigen Auge rührt sich nicht, sein Blick tanzt nur von einem zum anderen.

Aisling atmet auf und senkt ihr Gewehr ein Stück. Jetzt zielt es auf Sarahs Taille. Sarah sieht, dass Aisling dem Peacemaker vertraut. Vielleicht sollten Sarah und Jago ihm auch vertrauen, wenigstens für die nächsten ein bis zwei Minuten.

Der Mann sagt: »Ich heiße Greg Jordan. Ich bin über zwanzig Jahre bei der CIA gewesen. Ich bin ein Mitarbeiter – nein, Freund – von Aisling. Ich weiß alles über Endgame. Mehr als ihr, das könnt ihr mir glauben oder auch nicht.« Er blickt entschuldigend zur Keltin. Der alte Mann seufzt. »Mehr, als ich zugegeben habe, Aisling.« Ihr linkes Auge zuckt. »Ich stand schon oft genug mit dem Rücken zur Wand, aber so nah dran war ich noch nie. Eine falsche Bewegung, und wir krepieren hier alle. Wie gesagt, heute muss keiner mehr sterben. Es sind schon zu viele gestorben.«

Sarah weiß nicht, wovon er spricht. Sie weiß nicht, dass Aisling und Greg und die anderen zwei Männer – sowie die mittlerweile tote Frau, Bridget McCloskey – den vergangenen Tag damit verbracht haben, durch die Berge zu marschieren und jeden zu töten, der ihnen begegnet ist. Töten, töten, töten. Am Ende des Tages waren viele, sehr viele Harrapa tot. Weit mehr als 50.

Zu viele.

Der Mann seufzt: »Lassen wir es nicht noch mehr werden.«

Aisling lässt die Schultern hängen, ihre immer größer werdende Schuld greifbar. Greg Jordans Worte machen Sinn – bis jetzt. Die Patronen bleiben im Lauf, die Füße fest auf dem Boden. Sarahs und Jagos Mienen sagen: Rede weiter. Greg Jordan redet weiter: »Ich lehn mich jetzt mal aus dem Fenster und sage, dass wir alle Freunde sein können. Ich glaube, wir wollen alle dasselbe – nämlich diesen Wahnsinn beenden. Richtig? Was sagt ihr, Leute? Freunde? Jedenfalls bis wir ein paar Minuten Zeit zum Reden gehabt haben und aus dieser Himalaya-Festung raus sind?«

Stille.

Jago flüstert: »Los, Sarah, wir lassen sie auflaufen.«

Ein Teil von Sarah möchte gern zustimmen, aber bevor sie irgendetwas Unüberlegtes macht, fragt Aisling: »Warum hast du sie nicht getötet, Sarah? Warum konntest du das nicht?« Während sie spricht, sinkt ihr Gewehr zur Seite. Aisling ist jetzt vollkommen wehrlos, und das heißt schon etwas. Sie geht an Greg Jordan vorbei. »Warum?«, fragt sie, kaum lauter als ein Flüstern. Aisling möchte, dass das Spiel aufhört, unbedingt. Sie möchte es beenden, sie möchte Leben retten.

Genau das wollen Sarah und Jago auch.

Sarahs Unterarm pocht, was sie an ihre Schussverletzung erinnert, die sie sich in dem Kampf mit Maccabee und Baitsakhan zugezogen hat und die bald behandelt werden sollte. Ihr ist etwas schwindlig. Ihr Griff um die Pistole lockert sich. »Ich weiß, ich hätte es tun sollen, Aisling …«

»Verdammt, ja«, sagt Aisling.

»Aber ich konnte nicht. Ich wollte, dass es aufhört. Es musste aufhören.«

»Dann hättest du abdrücken müssen!«

»Du hast … du hast recht. Aber es musste aufhören«, wiederholt Sarah.

»Es wird nicht aufhören, bis das Mädchen tot ist«, macht Aisling ihr klar.

»Das meine ich nicht«, sagt Sarah, und ihre Stimme fällt um eine halbe Oktave. »Ich will auch, dass Endgame aufhört, Aisling, aber ich – was hast du gerade gesagt, Greg? – Wahnsinn? Der Wahnsinn musste aufhören. Der Wahnsinn in meinem Kopf. Wenn ich abgedrückt hätte, dann hätte … hätte mich das …«

»Dich zerstört«, sagt Jago, dessen Wachsamkeit ebenfalls etwas nachlässt. »Ich habe es auch versucht, Keltin. Ich konnte es nicht. Es mag egoistisch gewesen sein, aber es war richtig, dass Sarah den Himmelsschlüssel nicht getötet hat. Sie ist ein Kind. Ein Baby. Was auch immer passiert, sie hat das Richtige getan.«

Aisling seufzt. »Fuck.« Einen Moment herrscht Stille. »Ich verstehe. Die Wahrheit ist, ich habe den ganzen Weg hier hoch gebetet, dass ich es nicht aus der Nähe und persönlich tun muss. Dass ich es mit einem sauberen langen Schuss tun kann« – sie gibt ihrem Gewehr einen Schubs und blickt prüfend an Sarah vorbei in den dunklen Raum am Ende der Halle. »Aber ich glaube, ich habe vorbeigeschossen, oder?«

Sarah nickt. »Sie ist weg. Sie hat immer wieder ›Erdschlüssel‹ gesagt, und wahrscheinlich hat sie ihn berührt und …«

Jago schnalzt mit der Zunge. »Puff.«

»Was soll das heißen, ›Puff‹?«, fragt Aisling.

»Sie sind einfach verschwunden«, sagt Sarah.

»So verrückt ist das gar nicht, wenn man bedenkt, dass Jago, ich und die zwei anderen Spieler vor ungefähr dreißig Minuten noch in Bolivien waren.«

»Verarscht mich nicht«, sagt Aisling.

»Was, ihr wurdet nicht hierher teleportiert?«, fragt Jago betont lässig und zielt dabei immer noch auf Aislings Schläfe.

Aisling interessiert das nicht weiter. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand eine Waffe auf sie richtet, und es wird auch nicht das letzte Mal sein. »Nein, wir sind nicht teleportiert worden«, sagt Aisling. »Nur die guten alten Flugzeuge, Züge und Autos … und dann sind wir gelaufen. Ziemlich lange gelaufen.«

»Aber der Himmelsschlüssel – sie ist weg, oder?«, fragt Jordan, nur um sicherzugehen.

»Ja, aber ihre Mutter ist dahinten.«

Aisling versucht, in den Raum zu gucken. »Wer – Chopra?«

»Ja«, sagt Sarah.

»Am Leben?«, fragt Aisling, ihre Stimme ein bisschen zu verzweifelt.

»Sí«, antwortet Jago.

»Mist«, sagt Jordan. »Das ist nicht gut.«

»Warum nicht?«, will Sarah wissen.

»Mhm, wir haben … wir haben gerade ihre gesamte Familie gekillt.«

»Que?«, fragt Jago.

»Das ist die Festung der Harrapa«, erklärt der alte Mann am Ende des Raumes, seine Worte mit Stolz erfüllt. »Allerdings war sie nicht fest genug.«

»Sie wird mich nicht besonders mögen, wenn sie aufwacht«, sagt Aisling. »Ich würde mich auch nicht besonders mögen.«

»Scheiße«, sagt Sarah.

»Sí, mierda.«

»Wir sollten sie umbringen«, sagt der alte Mann.

Aber Aisling hebt die Hand. »Nein, Jordan hat recht. Es waren zu viele heute. Marrs«, Sarah und Jago registrieren, dass Aisling mit dem Walkie-Talkie-Mann spricht. »Kannst du dafür sorgen, dass sie nicht aufwacht?«

»Klar, kein Ding«, antwortet Marrs, seine Stimme nasal und hoch.

Jordan sagt: »Hey, alles easy. Alles cool, oder?«

»Cooler«, sagt Sarah. Aber sie versteht, was er meint, und senkt ihr Gewehr. Jago macht das Gleiche.

Aisling legt ihr Gewehr auf den Boden. »Hört zu, ich hab das Spielen satt. Am Anfang wollte ich unbedingt gewinnen, aber hier kann man nicht gewinnen. Wir sind alle Verlierer – vielleicht wird der, der am Ende gewinnt, sogar der größte Verlierer sein. Wer möchte auf der Erde leben, wenn sie kaputt und leer und voller Elend ist? Ich bestimmt nicht.«

»Ich auch nicht«, sagt Sarah, die wieder daran denkt, wie sie das Ganze in Gang gesetzt hat, als sie sich den Erdschlüssel in Stonehenge holte.

Wieder denkt sie an Christopher, an ihre Schuld.

Aisling geht langsam auf Sarah zu, streckt die Hand aus. »Jordan gehört unserem Geschlecht an, aber er ist nicht wie wir initiiert. Als ich Jordan und seine Freunde engagierte, habe ich ihnen erzählt, dass wir – falls wir nicht gewinnen können – uns Spieler suchen werden, die sich uns anschließen wollen, um den ganzen Mist hier zu beenden. Wenn ich Hilal jemals finden sollte, werde ich an seiner Seite kämpfen. Er hatte schon bei der Eröffnung recht. Damals hätten wir zusammenarbeiten sollen. Hoffentlich ist es jetzt nicht zu spät.«

Sarah tritt näher, aber ohne Aislings Hand zu nehmen. »Woher wissen wir, ob wir dir trauen können?«

Aisling runzelt die Stirn, zieht die Mundwinkel nach oben. »Könnt ihr nicht. Noch nicht.«

»Vertrauen muss man sich verdienen«, sagt Sarah, als zitierte sie etwas aus einem Trainingshandbuch.

Aisling nickt. Das hat sie schon gehört. Alle haben das. »Das stimmt. Aber du kannst mir jetzt schon vertrauen. Ich habe dich nicht erschossen, als ich versucht habe, den Himmelsschlüssel zu erschießen. Als ich in Italien die Chance hatte, hab ich dir nicht in den Rücken geschossen, obwohl ich das hätte tun sollen. Pop da drüben denkt sicherlich, ich hätte es tun sollen« – der alte Mann grunzt –, »und vor nur ein paar Tagen hab ich das Gleiche gedacht. Aber vielleicht hab ich es nicht getan, damit wir uns jetzt treffen können. Vielleicht hab ich es nicht getan, weil wir drei noch nicht fertig miteinander sind. Was sein wird, wird sein, okay?«

»Sí. Was sein wird, wird sein«, murmelt Jago.

Aisling sagt: »Ich hab euch damals nicht erschossen, ich werd euch jetzt nicht erschießen und auch in Zukunft nicht. Wenn wir gemeinsam versuchen, diese Sache zu beenden, es wirklich versuchen, dann tue ich euch nichts. Und diese Kerle hier auch nicht. Ihr habt mein Wort.«

Sarah stützt vorsichtig ihren verletzten linken Arm. Sie sieht Jago an und legt den Kopf schräg. Plötzlich möchte sie nur noch in seine Arme fallen und schlafen. Sie sieht ihm an, er will das Gleiche. Er bringt ein kurzes, schnelles Nicken zustande. Sarah lehnt sich an ihn.

»Okay, Aisling Kopp«, sagt Jago für sie beide. Er streckt die Hand aus, nimmt die der Keltin.

»Wir vertrauen dir und du uns. Wir werden Endgame zerstören. Zusammen. Aber ich habe noch eine Frage.«

Aisling lächelt. Es ist, als ob ein Luftschwall in den Raum geweht wurde. Sarah fühlt es auch, und eine Welle der Erleichterung überkommt sie. Heute wird nicht mehr gekämpft. Jordan pfeift leise, und Marrs zündet seine Zigarette an, etwas vor sich hin murmelnd geht er an Sarah und Jago vorbei. Nur der alte Mann bleibt angespannt und schweigsam.

Aisling ignoriert ihn und schenkt ihren neuen Verbündeten volle Aufmerksamkeit. Vielleicht ihren neuen Freunden. »Was für eine Frage, Jago Tlaloc?«

»Wenn der Himmelsschlüssel überlebt hat und wir unsere Chance verpasst haben, wie sollen wir Endgame dann jemals beenden?«

Aisling sieht Jordan an. »Ich glaube, jetzt kommst du ins Spiel, oder?«

Jordan zuckt mit den Schultern wie ein kleiner Junge, der etwas angestellt hat und erwischt wurde. »Ja.«

Aisling seufzt. »Ich weiß seit unserem ersten Treffen, dass du etwas verschweigst, Jordan. Willst du damit nicht endlich mal rausrücken?«

Marrs lautes Lachen dringt aus dem anderen Raum. Jordan richtet sich auf. Er sagt: »Freunde, es wird Zeit, dass ihr Stella Vyctory kennenlernt.«

 

 

 

 

Maccabee Adlai, die kleine Alice Chopra

Friedhof South Park Street, Kalkutta, Indien

Maccabee macht sein Zippo-Feuerzeug an. Die Flamme schießt flackernd hoch. Sie sind in einem kleinen, stockdunklen Raum. Ein Raum, in dem Maccabee noch nie zuvor war. Wieder einmal ist Maccabee einfach irgendwohin teleportiert worden. Der Himmelsschlüssel steht zitternd vor ihm. Große Augen, wunderschönes dunkles Haar. Geballte Fäuste vor der Brust. Ein verängstigtes Kind. Alles, was das Mädchen sagen kann, ist: »D-d-d-d-d-du.«

»Ich heiße Maccabee Adlai. Ich bin ein Spieler, wie deine Mutter.« Seine Worte sind gedämpft, seine Stimme scharf wegen der Abreibung, die Jago Tlaloc ihm gerade verpasst hat. Er hebt die Hand und renkt seinen Kiefer mit einem lauten Knack wieder ein.

»D-d-d-d-du.«

Sein ganzer Körper tut weh, besonders die Leiste, die Magengrube, der linke kleine Finger und der Kiefer. Der kleine Finger ist ganz zurückgebogen. Allerdings ist sein Ring noch dran. Er klappt den Ringdeckel zu, damit die vergiftete Nadel bedeckt ist, dann knackt er seinen Finger wieder gerade, indem er ihn gegen seinen Schenkel drückt. Der Schmerz schießt ihm in den Arm bis hoch in den Hals. Das Gelenk kann er zwar immer noch nicht beugen, aber der Finger steht nicht mehr in einem merkwürdigen Winkel ab.

Wenn ich diese Sache gewinne, ist kaum noch was von mir da, denkt er.

»D-d-d-d-d-du«, sagt die Kleine wieder.

Er geht auf sie zu. Sie schreckt zurück. Die Farbe weicht aus ihrem Gesicht. Sie kann nicht älter als drei sein. So jung. So unschuldig. Verdient das alles hier nicht.

Das Spiel ist Schwachsinn, hat Shari Chopra vor nur wenigen Augenblicken gesagt. Und in dem Moment gab er ihr recht. Ihm wird klar, dass dieser Gedanke wahrscheinlich Sharis Leben gerettet hat – dieser Gedanke, der ihn dazu gebracht hat, sie auszuknocken anstatt abzuknallen. Wenn er Alice jetzt ansieht, bereut er diese Entscheidung nicht.

So jung.

»Deine Mutter lebt«, sagt Maccabee. »Ich habe sie vor einem bösen Mann gerettet. Er wollte ihr wehtun, und ich … ich habe ihn aufgehalten.« Beinahe hätte er »getötet« gesagt, aber so etwas sagt man doch nicht? Zu einem Kind? »Sie lebt, aber sie ist nicht hier – wo auch immer hier ist.«

»D-d-d-d-du«, wiederholt das Mädchen mit großen Augen.

Maccabee kommt ein Stück näher. Sein Kinn liegt auf der Brust, sein Hinterkopf streift die niedrige Steindecke. Die Luft ist feucht. Man hört nichts außer ihrem Atem. Maccabee wackelt mit den Fingern vor ihr. »Alles in Ordnung, Süße. Ich tu dir nichts. Das hab ich deiner Mutter versprochen, und ich meine es auch so.«

Er stolpert über etwas. Sieht nach unten. Ein Stoffbündel.

»D-d-d-d-du. Aus meinem Traum. Du-du-du tust Menschen weh …«

»Dir werde ich nicht wehtun«, wiederholt er. Er hält das Feuerzeug niedriger und bewegt das Ding auf dem Boden mit dem Fuß. Es ist schwer. Er sieht hin. Ein Körperteil. Ein Bein. Ein Loch, durch die Cargo-Tasche auf dem Oberschenkel gebrannt. Er schwingt das Feuerzeug durch die Luft, erleuchtet das blutbespritzte Gesicht von Baitsakhan mit den leeren, starrenden Augen, dem offenen Mund.

Baitsakhan.

Nehmen.

Töten.

Verlieren.

Sein Endgame ist vorbei.

Den wäre er los.

Maccabee spuckt auf den Boden, als das Mädchen nach Luft ringt und auf Baitsakhan zeigt. »Nein! Nicht du! Er! Er hat Mamas Finger genommen! Er hat den Menschen wehgetan! Er ist es! Er ist es!«

Maccabee versetzt dem Körper des Donghu einen Tritt, sodass er mit dem Gesicht nach unten liegt. Er stellt sich zwischen den Himmelsschlüssel und Baitsakhan. So etwas sollte sie nicht sehen. Das ist nichts für Kinder.

»Es ist alles in Ordnung. Er kann dir nichts tun.«

»Mama.«

»Er kann auch ihr nichts mehr tun. Jetzt nicht mehr.«

Maccabee hat plötzlich Angst, dass Shari auch hier ist, wo auch immer sie hier sind. Und auch der Olmeke, und vielleicht die Cahokianerin. Er dreht sich um und scannt den restlichen Raum ab, aber da ist niemand. Nur er selbst und der Himmelsschlüssel und …

»Der Erdschlüssel!«, sagt er.

WO IST ER?

Die kleine Alice zuckt zusammen. Sie springt auf, und dann wird ihr Körper steif, sie wirkt wie besessen. Ihre rechte Hand fällt zur Seite, ihre linke ist vorgestreckt, Handfläche nach oben. Maccabee beugt sich zu ihr. Sie bewegt sich nicht. Plötzlich scheint ihre Angst wie weggeblasen, zurück bleibt Leere. Schock, denkt Maccabee. Oder vielleicht eine Kraft, die noch mächtiger ist. Er starrt auf ihre Hand. Eine kleine Kugel. Der Erdschlüssel.

Er nimmt ihn ihr weg. Ihre eine Augenbraue zuckt, aber sonst ist sie ausdruckslos.

»Ich werde ihn aufbewahren.« Er steckt den Erdschlüssel in eine Westentasche mit Reißverschluss, betätschelt sie.

»Erdschlüssel«, sagt sie.

»Stimmt«, sagt er. Er sieht sich erneut in dem kleinen Raum um. Wo zum Teufel sind wir? Der Boden ist aus Erde, alles andere aus schlichtem Stein. Es gibt keine Fenster, keine Türen. Keinen Weg rein oder raus. Während er sich umsieht, tastet er mit der Hand seinen Körper nach irgendwelchen Werkzeugen ab, mit denen er arbeiten könnte. Kein Gewehr, aber er hat ein Smartphone, ein Päckchen Kaugummi, ein Magazin mit 9-mm-Patronen und das alte Schwert der Nabatäer.

Der Schmerz überfällt ihn in Wellen, als das Adrenalin in seinem Körper abebbt. Ihm wird klar, dass alles, was gerade passiert ist – Sarah und Jago in Bolivien aufspüren, sie durch die Ruinen von Tiahuanaco verfolgen, durch das alte Portal teleportiert werden, kämpfen, töten, wieder kämpfen, dann k.o. geschlagen werden von dem temperamentvollen Olmeken, der fünfzig oder sechzig Pfund leichter ist als er, und dann noch einmal teleportiert werden –, wahrscheinlich in den letzten Stunden passiert ist.

Er braucht Ruhe. Und zwar bald.

»Erdschlüssel sagt, dass …«, beginnt das Mädchen mit monotoner Stimme.

Sein Hosenbein vibriert.

»… sagt, dass einer kommt.«

Es vibriert heftig. Er berührt sein Bein – die Kugel, sein Tracker.

Ein anderer Spieler!

Er blickt nach links, rechts, oben und unten und weiß nicht, wo er hinsoll. Wird ein anderer Spieler in diesem kleinen Raum erscheinen? Wird er mit seinem kaputten Körper in diesem Kabuff kämpfen müssen? In diesem, diesem – Sarkophag?

Er wirbelt herum, die Flamme des Feuerzeugs erlischt. Mehrmals fährt er mit dem Daumen über das Zündrad – kein Funke entzündet sich. Aber in der völligen Dunkelheit fällt ihm etwas auf. Gerade vor seiner Nase. Eine dünne weiße Linie. Er folgt ihr, erkennt ein schwaches Quadrat an der Decke. Er steckt das Feuerzeug in die Tasche, legt beide Hände auf den kalten Stein über seinem Kopf und drückt dagegen. Er ist schwer. Maccabee muss sich anstrengen und stöhnt, sein Keuchen mischt sich mit dem kratzenden Geräusch von Fels gegen Fels. Eine Öffnung. Licht. Schwüle Luft dringt in den kleinen Raum, als er seine Finger um die Kante der sechs Zentimeter dicken Steinplatte klammert, sie hochstemmen kann. Er stellt sich auf Zehenspitzen und blinzelt über den Rand.

Sie sind in einem Erdloch, das von einer auf Säulen ruhenden gotischen Kuppel überdeckt ist, wie man sie von Gräbern oder Monumenten kennt. Von irgendwoher dringt der orangene Lichtkegel einer Straßenlaterne, die Dämmerung glüht matt am Himmel hinter der Kuppel, schwarze Äste dicht belaubter Bäume hängen wie ein Vorhang über allem. Eine Taube gurrt und flattert dann davon. Der gedämpfte Lärmpegel einer Stadt – Verkehr, Summen von Stromgeneratoren, Stimmen – in der näheren Umgebung.

Maccabee packt den Himmelsschlüssel und schiebt die Kleine aus dem Loch. Dann springt er selbst hinaus. Als er unter der Kuppel hervortritt, ist er auf einem Sandweg. Sie stehen mitten auf einem riesigen Friedhof aus einer längst vergangenen Ära – überkuppelte viktorianische Gräber, die vermutlich ganze Familien beherbergen, sieben Meter hohe Obelisken und Basaltsockel, die einige Tausend Kilo wiegen. Viele von Moos und Flechten überwachsen, verwittert und fleckig. In allen Ecken und Winkeln Gräser, Palmen, Laubbäume, Unkraut, ausladende Bunyanbäume, die mit ihren Luftwurzeln hier und da bis auf den Boden hinabtauchen. Es ist einer der eindrucksvollsten Friedhöfe, die Maccabee jemals gesehen hat.

Der Himmelsschlüssel tritt auf den Sandweg, die Arme kleben ihr am Körper, die Beine bewegen sich wie bei einem Roboter. Sie ist fast komplett weggetreten, kann aber noch sagen: »Einer kommt. Er ist nah.«

Maccabee holt mit der rechten Hand die Kugel aus der Tasche, mit der linken zieht er sein Messer. Der steife kleine Finger steht ab. Die Kugel glüht, genau wie damals, als Alice Ulapala seinem Versteck in Berlin näher rückte. Eine einfache Warnung, sie zeigt nicht an, wer oder aus welcher Richtung jemand kommt.

Aber das Mädchen hat recht, einer kommt. So viel ist sicher.

Maccabee weiß, dass er zum ersten Mal in seinem Leben rennen muss. Er ist zu verletzt, zu unbewaffnet, zu desorientiert und mit dem Himmelsschlüssel zu angreifbar, um einen Kampf zu gewinnen.

Er steckt die Kugel ein, schnappt sich das Mädchen und schiebt sie sich wie ein Paket unter den Arm.

Dann läuft er los, den Pfad entlang, durch den dunklen, engen Friedhof, bis die Bäume und riesigen Grabmäler enden und in eine offene Fläche übergehen. Eine drei Meter hohe Steinmauer erhebt sich vor ihnen, dahinter auf der Straßenseite einfache Betonbauten.

Wo zur Hölle bin ich? Das sieht nicht nach Peru oder Bolivien aus. Oder sonst wo in Südamerika!

Er geht auf die massive Mauer zu, blickt prüfend nach links und rechts. Im schwindenden Tageslicht sieht er es nicht richtig, aber die Mauer scheint massiv und ohne Ausgang. Sie hat genügend Unebenheiten, sodass man an ihr hochklettern könnte, aber nicht mit dem Himmelsschlüssel im Arm. Er wendet sich nach links, läuft die Mauer entlang, hat sie auf seiner rechten Seite. Die Kugel in seiner Tasche hat sich etwas beruhigt, vielleicht wurde derjenige, der näher kommt, von seiner Spur abgebracht.

Der Himmelsschlüssel wiegt ungefähr 15 Kilo. Er hält sie seitlich, mit dem Kopf nach vorn, während ihre Beine hinter ihm baumeln. Als würde er eine lebensgroße Puppe tragen.

In der Nähe einer Mauerecke stößt Maccabee auf eine Vertiefung für die Werkzeuge der Totengräber: ein Spaten, der in einem Sandhaufen steckt, eine Spitzhacke, ein aufgewickeltes kräftiges Seil. Er setzt den Himmelsschlüssel vorsichtig auf den Boden und schneidet ein vier Meter langes Seilstück ab. Das bindet er sich um Taille und Schultern, hievt dann die Kleine auf seinen Rücken und schlingt das Seil unter ihrem Po entlang und zweimal über ihren Rücken. Er zieht sie eng an sich, bindet dort, wo die Seilstränge sich über seiner Brust kreuzen, einen Knoten. In dieser provisorischen Rückentrage ist sie sicher, während er beide Hände frei hat. Er fühlt ihren schnellen Atem im Nacken. Sie ist immer noch weggetreten, wahrscheinlich haben sie der Verlust ihrer Mutter und die Berührung mit dem Erdschlüssel traumatisiert.

Er möchte die Mauer hochklettern, um auf die Straße zu gelangen, egal in welcher Stadt er ist, aber die Wand ist hier glatter, und er kann sich nirgends festhalten. Gerade als er zu der Stelle zurückgehen will, wo er klettern könnte, hält er inne. Das Seil! Die Spitzhacke!

Er bindet das Seil um den hölzernen Griff der Spitzhacke, die er dann über die Mauer schleudert. Stellt so eine Art Enterhaken her. Er zieht einmal fest daran. Der Haken hält. Dann stemmt er die Füße gegen die Mauer und fängt an zu klettern.

Aber im selben Augenblick bewegt sich die Kugel in seiner Tasche wie bei einem kleinen Erdbeben, und der Himmelsschlüssel erwacht aus seiner Erstarrung, greift ihm ins Haar und zieht. Er verliert den Halt, sodass er einen halben Meter zur Seite schwingt. Gerade da kracht es um ihn herum. Ein Mauerbrocken explodiert dicht an seinem Gesicht, gefolgt vom Widerhall einer Pistole.

»Er ist hier«, sagt der Himmelsschlüssel.

Maccabee springt hinter einen großen Grabstein, während drei weitere Schüsse an ihnen vorbeizischen, die sie nur knapp verfehlen. Maccabee kickt die Schaufel in die Luft und fängt sie mit den Händen auf. Er dreht sich nach rechts, aber der Himmelsschlüssel zieht wieder an seinem Haar und sagt: »Andere Richtung.«

Obwohl dieser Weg über die Schusslinie führt, glaubt Maccabee ihr. Er errät schnell, dass der männliche Spieler der Shang sein muss. An Liu. Marcus und Baits sind tot, Jago ist mit Sarah zusammen, und Hilal erholt sich wahrscheinlich immer noch von seinen alten Verletzungen aus Äthiopien.

Und wenn es An Liu ist, dann hat er sicherlich ein paar Bomben dabei.

Das bedeutet, er muss weg!

Maccabee nimmt eine Schaufel voller Sand, wirft ihn hoch und erzeugt so eine Nebelwand, hinter der er nach links sprintet. Ein Schuss, der danebengeht, dann findet er auf der anderen Seite des Weges Schutz. Er hört ein leises Knacken, rast um einen dicken Baumstamm, während er die Hände über den Kopf des Himmelsschlüssels wirft, schlängelt sich dann um eine Steinsäule, und Bum! Eine Explosion an dem Punkt, an dem sie vorher standen. Überall fliegen Trümmerstücke durch die Luft, die Schockwelle peitscht die Blätter, Holzstücke und Steine schwirren hier und da. Es war eine kleine Explosion, aber gewaltig genug, um sie zu verletzen, wäre er stehen geblieben.

»Geh hier nach rechts«, sagt das Mädchen ruhig.

Er ist noch geblendet, und noch immer schmerzt sein Körper nach all dem, was passiert ist. Sie hat sie beide gerade gerettet, und darum hört er auf sie.

»Hier links. Geradeaus. Links. Links. Geradeaus. Rechts. Links, links, links.«

Er befolgt alle Anweisungen, auch wenn es sich anfühlt, als würden sie im Kreis laufen. Sie schlagen Haken, drehen sich, rasen weiter. Sie entkommen nur knapp einigen Schüssen und einer weiteren Explosion. Das Mädchen macht den dicht bewachsenen Friedhof zum Labyrinth, und es funktioniert. Irgendwie weiß sie, wo An ist. Maccabee erkennt, dass dieses Kind seiner mysteriösen Kugel, mit der er die Spieler geortet hat, zumindest in diesem Moment haushoch überlegen ist.

Schließlich umrunden sie einen schwarzen Steinblock und finden eine bogenförmige Öffnung in der Mauer, groß genug für ein Auto. Zwei kleine rosa angestrichene Gebäude stehen auf jeder Seite, dahinter ein schmiedeeiserner Zaun. Dann eine breite Straße, auf der Autos fahren, ein neues Motorrad parkt am Kantstein.

Der Ausgang. Er ist nur 10 Meter entfernt, eine gerade Schusslinie. Aber diese 10 Meter sind völlig ungeschützt.

»Es ist zu weit«, sagt Maccabee. Die Kugel in seiner Tasche hüpft so schnell vor und zurück, dass er befürchtet, sie könnte ihm aus der Tasche springen. »Er wird uns töten.«

Der Himmelsschlüssel kratzt ihn seitlich am Hals. »Hier«, sagt sie.

»Ich sehe es, aber es ist zu weit!«

Ihnen bleiben nur ein paar Sekunden. Sie kratzt härter, fängt an, sich in sein Fleisch zu krallen. »Hier!«, flüstert sie in sein Ohr.

Dann versteht Maccabee. Etwas ist in seinem Hals: ein Tracker. Einer, den An und Gott weiß wie viele Spieler benutzt haben, um ihn zu verfolgen!

Er reißt sein Messer hoch und schneidet sich mit einem professionellen Schnitt ein Stück Fleisch aus seinem Hals. Er ist vorsichtig, dass er nichts Wichtiges dabei verletzt, keinen Muskel und keine Sehne zerfetzt. Der Schmerz ist nicht allzu groß, aber es fließt viel Blut.

»So ist gut«, sagt das Mädchen.

Maccabee zieht das Messer heraus und starrt auf das Stück Fleisch, und ja, da ist auch das Ding.

Ein kleines schwarzes Kügelchen.

Er formt einen Ball daraus, den er von sich schleudert. Das blutige Projektil segelt über einen Grabstein und verschwindet. Er will weiterlaufen, aber das Mädchen presst einen Fingernagel in seine neueste Wunde, flüstert: »Warte.«

Er unterdrückt einen Schrei und tut, was ihm befohlen wird. Eine Sekunde. Zwei. Drei.

»Jetzt geradeaus.«

Er lässt die Schaufel fallen und rennt, so schnell er kann, zum Ausgang. Keine Schüsse. Sie hatten darauf gehofft, dass An auf den weggeworfenen Tracker als Köder hereinfällt, und anscheinend ist er das. Der Ausgang kommt näher und näher, sie werden es schaffen. Draußen geht eine Frau in einem orangefarbenen Sari vorbei. Ein Bus fährt vorüber, und Maccabee sieht die Zigarettenwerbung auf der Längsseite. Die Schrift ist in Hindi.

Indien. Wir sind in Indien.

Sie werden es schaffen. Die Kugel in seiner Tasche spielt jetzt verrückt. Er greift hinein, um sie zu sichern, aber dann schießt sie heraus, und er kommt schlitternd zum Stehen.

»Lass liegen!«, sagt das Mädchen.

Maccabee dreht um, die Kugel glüht grellgelb und hüpft auf dem Boden herum, als wäre sie lebendig.

»Nein!«, sagt sie.

Etwas erregt Maccabees Aufmerksamkeit. Da, auf dem Weg steht An Liu, eine dunkle Pistole in der Hand. Er hat sie noch nicht gesehen, fuchtelt mit seiner Pistole herum, und Maccabee hat fast seine Kugel erreicht, aber dann – zu spät. An Liu richtet die Pistole auf Maccabee, und Maccabee hechtet zur Seite. Die Kugel glüht so hell, dass das Licht die Mauer, den Weg und sogar An verschluckt. Schüsse folgen, aber alle daneben, denn das Licht blendet An. Er sieht Maccabee nicht mehr.

»Lass liegen! Ich benutze sie! Los!«, fleht ihn das Mädchen an.

Wieder macht er, was ihm gesagt wird, sprintet zur Straße. Er sieht das Motorrad, bricht das Zündschloss auf und schließt es im Handumdrehen kurz. Maccabee springt auf, hat keine Ahnung, dass das Motorrad dem Shang gehört. Mit einem Knattern springt es an, und sie rasen davon. Das Licht der Kugel lässt jetzt alles andere im Umkreis von 20 Metern verschwinden, die Menschen auf der Straße schreien, gestikulieren, rennen.

»Ich benutze sie«, sagt das Mädchen mit weicher Stimme, während ihr Kopf auf Maccabees Schulter sackt. »Ich benutze sie.« Ihr Körper fühlt sich schlaff an. Auch die Kleine ist erschöpft.

Als sie hinter dem nächsten Block sind, heult die Kugel schrill auf, und dann erlischt das Licht, und dann – FFFUHWHAM! – wird plötzlich die gesamte Straße zu einem anschwellenden Rauchball. Maccabee legt sich in die Kurve, das Hinterrad rutscht, und er setzt einen Fuß auf den Erdboden. Gebäudeteile, Autos und Bäume peitschen hinter ihrem Rücken durch die Luft.

Das Mädchen wird bewusstlos, die indische Stadt verschwimmt, und für einen Moment werden sie nicht mehr von An Liu gejagt.

Zum ersten Mal in seinem Leben ist Maccabee vor einem Kampf weggelaufen. Und es hat geklappt. Mithilfe dieses außergewöhnlichen und vielleicht besessenen kleinen Mädchens hat es geklappt.

Ich werde nicht zulassen, dass dir jemand wehtut, denkt er.

Und er meint es so.

An Liu

Friedhof South Park Street, Kalkutta, Indien

An stemmt sich vom Boden auf die Knie. Er schüttelt den Kopf, um wieder klar denken zu können.

Hätte sie fast gekriegt.

Zuck.

Fast.

BLINZEL.

Was für eine Riesenexplosion.

An hatte im letzten Moment eine Granate ins Licht geworfen. Sie hat aber nicht die Explosion verursacht. Der Nabatäer muss das strahlende Ding aufgestellt und gezündet haben, um Raum und Zeit zu gewinnen. Das ist ihm gelungen. Der Nabatäer ist jetzt weg. Mit den ersten zwei Schlüsseln.

Weg.

BLINZEL.

An spuckt auf den Boden, sieht sich dann Chiyokos Kette unter seinem Hemd an. Sie ist verstaubt, wie alles um ihn herum. Er zieht die Kette über den Kopf und schüttelt sie sanft, wischt sie mit den Fingerspitzen ab, pustet drauf. Als sie halbwegs sauber ist, legt er sie sich wieder um.

Er klopft sich selbst den Staub ab, findet seine SIG. Er lädt ein neues Magazin. In der Ferne Sirenen.

Zuckzuck.

Die Welt weiß von Endgame, Abaddon kommt, aber die Polizei ist noch nicht ganz verschwunden. Noch nicht.

Er trabt zum Ausgang. Der Nabatäer ist weg, und Ans Bike ebenfalls.

An spuckt noch einmal auf den Boden, die Spucke voller schwarzer Asche.

Der Nabatäer ist weg.

Aisling Kopp, Greg Jordan, Griffin Marrs, Pop Kopp, Sarah Alopay, Jago Tlaloc, Shari Chopra

Richtung Süden am Teesta-Fluss entlang nahe Mangan, Sikkim, Indien

Aisling wirft einen Blick über die Schulter nach hinten in den Jeep. Dort sitzt Shari Chopra zusammengesunken auf ihrem Platz, ein Infusionsbeutel ist über dem Fenster befestigt, ein Schlauch führt zu einer Nadel in ihrem Handrücken. Das Benzodiazepin, das über einen kleinen Regulator in den Schlauch läuft, reicht gerade aus, um sie in einem angenehmen Schlummer zu halten, solange es notwendig ist. Den ganzen Weg bis nach Thailand, wo Stella Vyctory auf sie wartet.

Was lange dauern könnte, denkt Aisling.

Der Jeep poltert über die Straße, um sie herum ragen die Berge auf. Sie denkt über Shari nach. Es war eine Überraschung, sie zu finden. Nach dem Austausch zwischen ihr und Sarah und Jago war Aisling Marrs in die Tiefen der Harrapa-Festung gefolgt und fand die schwarzhaarige Mutter des Himmelsschlüssels lebend und einigermaßen wohlauf vor.

Aisling ist hin und her gerissen. Sie vermutet, dass Shari eine der anständigen Spielerinnen ist, die es nicht verdient hat, von einem psychopathischen Spieler umgebracht zu werden. Sie ist froh, dass Baitsakhan und Maccabee sie nicht umgebracht haben. Das Problem ist nur, dass in Sharis Fall Aisling dieser psychopathische Spieler ist. Wäre Aisling nicht gewesen, Sharis Familie wäre noch am Leben. Natürlich hätte der Nabatäer ihre Tochter trotzdem entführt, aber all die anderen Harrapa, die in den Bergen Zuflucht gesucht hatten, würden wahrscheinlich noch leben – wären Aisling und ihr Killerkommando nicht gewesen. Aisling versucht sich einzureden, dass Endgame Schuld an dem hat, was passiert ist. Aisling hat Sharis Tochter nicht zu einem dieser Scheißschlüssel gemacht, das war Endgame. Aisling hat nur das getan, was sie glaubte tun zu müssen, um Endgame zu stoppen, und Shari hat nur das getan, was jede Mutter tun würde. Wegen alldem möchte Aisling Endgame stoppen und die Schöpfer bestrafen, insbesondere kepler 22b – jetzt noch mehr als je zuvor.

Aisling geht jede Wette ein, dass Shari beim Aufwachen nicht gerade sehr versöhnlich sein wird. Shari wird nur Rache wollen, und sie weiß auch, dass der Wunsch nach Rache wehtut und völlig irrational ist. Natürlich könnte Aisling vor Chopra auf die Knie gehen und an ihre Vernunft appellieren, darauf bestehen, dass Chopras Volk von Endgame getötet wurde, aber Aisling weiß, dass das Schwachsinn ist. Sie hat diese Leute getötet, zusammen mit Jordan, Pop und dem Rest ihres Teams.

Jordan fährt, während Aisling eingezwängt zwischen ihm und Marrs auf dem Vordersitz sitzt. Immer wenn Jordan den Gang wechselt, fasst er zwischen Aislings Beine. Jedes Mal entschuldigt er sich fast, bis Aisling ihm sagt, er solle gefälligst die Klappe halten. Das tut er. Sarah sitzt auch in der Mitte, aber auf der Rückbank, zwischen Shari und Jago. Sie ist eingeschlafen, ihr Körper liegt merkwürdig verdreht in Jagos Schoß, ihr verletzter Arm, den Aisling verarztet hat, hängt in einer Schlinge. Jago ist wach und schweigt. Seine Hand mitten auf Sarahs Kopf, seine Finger verschlungen in ihrem Haar. Er hat bisher sehr wenig gesagt, aber wenn er spricht, klingt er ausgeglichen und sogar freundlich.

Mit Pop ist es eine andere Geschichte. Er sitzt ganz hinten, eingequetscht zwischen der Ausrüstung, die sie nicht zurücklassen konnten – hauptsächlich Gewehre und eine mobile Satellitenverbindung, die Marrs für den Internetzugang nutzt. Pop hat kein einziges Wort gesprochen, seit sie diese letzte Allianz geschlossen haben. Er hat nicht nach dem Himmelsschlüssel gefragt, geschweige denn mit Sarah und Jago gesprochen. Weder hat er gesagt, dass er mit dem Plan einverstanden ist, noch, dass er dagegen ist.

Für Aisling ist sein Schweigen trotzdem ein Schrei aus voller Kehle. Sie weiß, dass Pop den eingeschlagenen Kurs hasst. Es geht gegen alle seine Überzeugungen. So war Endgame nicht vorgesehen.

Aisling weiß noch nicht, wie sie mit Pop umgehen soll, aber sie weiß, dass es ihre Aufgabe sein wird, wenn die Zeit reif ist.

Die anderen scheinen nicht so beunruhigt. Am wenigsten Jordan oder Marrs.

Seit sie im Jeep sitzen, surft Marrs ununterbrochen im Netz. Er checkt Nachrichtenportale zu geheimen Regierungsforen, scannt Darknet-Seiten voller Gerüchte und Intrigen, hat sie mit Berichten über die jüngsten Ereignisse versorgt und mit Jordan über fast jeden Punkt diskutiert.

»Seit keplers Ankündigung rotieren die Raumfahrtbehörden, im Moment geht die NASA davon aus, dass Abaddon im Nordatlantik einschlägt«, sagt Marrs mit seiner nasalen Stimme.

»Südlich von Halifax. Wird alles auslöschen.«

»Verdammt«, sagt Jordan, während er den Jeep im Zickzack durch die Haarnadelkurven lenkt.

»Was macht Washington?«

»Ziehen um. Mit allem Drum und Dran. Wie’s aussieht, nach Colorado.«

»Ins NORAD-Verteidigungsquartier?«

»Logisch. Gold bricht alle Rekorde, New York ist im Ausnahmezustand, wirkt aber ziemlich friedlich. Boston bricht völlig zusammen. Ein New-England-Patriot hat sich und seine Familie umgebracht – den Hund auch.«

»Verdammt«, sagt Jordan. »Irgendwas Neues von den anderen Spielern?«

»Ich glaube, es gibt Anzeichen, dass der Shang in Kalkutta ist, aber sie sind ziemlich dürftig, und mein Bengali ist beschissen. Bis jetzt keine Spur von dem Nabatäer. Und es sieht so aus, als ob irgendwer Monumente zerstört.«

»Außer Stonehenge?«, fragt Jordan ungläubig.

»Yeah, heute Morgen, als wir die Festung verlassen haben, hat eine Gruppe von NGOs die Zikkurat von Tschogha Zanbil in die Luft gejagt. Die gehörte den Sumerern. Unsere Jungs wissen nicht, wer das war.«

»Das wird Stella gar nicht gefallen.«

»Nein, wird es nicht«, bestätigt Marrs.

Jordan jagt den Jeep an einem langsamen Lastwagen vorbei, steuert auf den Gegenverkehr zu, was für Indien unumgänglich ist. Ein Motorroller brummt aus dem Weg und fährt auf dem Seitenstreifen an ihnen vorbei.

»Wovon zur Hölle redet ihr da?«, will Jago wissen.

Aisling nickt. »Yeah, wovon redet ihr da?«

»Deinem Geschlecht gehört ein Monument, das heiliger als jedes andere ist, richtig, Aisling?«, fragt Jordan.

»Verdammt, du weißt doch, dass es Stonehenge war, Jordan.« Arschloch, denkt Aisling.

»Tlaloc?«

»Wir haben eins auf der Yucatán-Insel in Mexiko.«

»La Venta«, sagt Marrs.

Jago guckt ein bisschen überrascht und denkt, dass diese Jungs wirklich mehr über Endgame wissen könnten, als er dachte. »Sí, so nennen wir es.«

»Und deine Freundin?«, fragt Jordan.

»Weiß ich nicht.« Jago lügt. Er weiß sehr genau, wo sich das wichtigste Monument der Cahokianer befindet. Es heißt Monks Mound und liegt im südlichen Illinois, nicht weit von St. Louis, Missouri. Er weiß das, weil dort 1613 die Cahokianische Rebellion stattgefunden hat. Die Rebellion, von der ihm das Orakel des Olmeken, Aucapoma Huyana, erzählt hat. Die Rebellion, die die Cahokianer als unwürdig gebrandmarkt hat, weswegen Aucapoma Huyana Jago angefleht hat, das Bündnis mit Sarah sofort zu beenden. Nein, es war mehr als das. Die Cahokianer sind so gefährlich, dass Aucapoma ihm befohlen hat, Sarah zu töten. Damit er den Schöpfern beweisen konnte, dass die cahokianische Spielerin ihn nicht mit ihren Gedanken vergiftet hat.

Dafür ist es jetzt zu spät.

Auch wenn er es gerne tun würde, Jago wird nichts von alldem erzählen. Es würde zu viel offenbaren, wäre zu … kompliziert. Er stellt sich dumm, und sie nehmen es ihm ab.

»Ihr Geschlecht hat eins«, sagt Marrs. »Heißt Monks Mound. Große Touristenattraktion, wie Stonehenge, aber nicht so bekannt.«

»Nie gehört«, sagt Jago.

»Ich schon«, sagt Aisling. »Das war mal das Zentrum einer großen indianischen Stadt.«

»Irgendwann mal war es die größte Stadt von Amerika, lange bevor die Europäer – abgesehen von den Wikingern – überhaupt irgendwas von der Neuen Welt gehört hatten.«

»Gut«, sagt Jago, »aber warum sind diese Orte so wichtig, um Endgame zu beenden?«

»Was er gesagt hat«, ergänzt Aisling, ihr Daumen zeigt auf Jordan.

»Stella soll euch die Details erklären«, sagt Jordan, als er den Jeep durch die engen Kurven lenkt. »Aber wir sind sicher, dass der Sonnenschlüssel in einem der Monumente versteckt ist.«

Jago beugt sich nach vorne und stößt dabei fast Sarahs Kopf von seinem Bein. »Echt jetzt?«

»Echt jetzt«, sagt Marrs. »Und wenn die alle in die Luft gehen, bevor der Spieler mit den zwei Schlüsseln ihn findet, dann …«

»Kann keiner mehr gewinnen«, sagt Aisling.

»Bingo«, sagt Jordan.

»Wer ist diese Stella?«, fragt Aisling.

»Das erfahrt ihr noch früh genug«, antwortet Jordan. Jago lehnt sich in seinem Sitz zurück und positioniert Sarahs Kopf auf seinem Bein neu.

»Wer auch immer sie ist, Sie haben meine volle Aufmerksamkeit, Mr  Jordan. Ich freue mich darauf, sie kennenzulernen.«

»Das beruht auf Gegenseitigkeit, versprochen. Sie hat ziemlich lange darauf gewartet, dich – euch alle – kennenzulernen. Ziemlich lange.«

Sarah Alopay, Jago Tlaloc

Richtung Süden am Teesta-Fluss entlang nahe Mangan, Sikkim, Indien

Sarah schläft nicht. Sie hat überhaupt nicht geschlafen. Und obwohl Jago freundlich zu den anderen war und Stella Vyctory wirklich kennenlernen möchte, ist er nicht überzeugt – keineswegs.

Sarah liegt auf Jagos Schoß, eine Hand unter ihrem Haar auf Jagos Oberschenkel. Sie klopft Morsezeichen für ihn. Er antwortet mit dem gleichen Code, indem er auf ihre Kopfhaut drückt, so sanft, dass nur sie es fühlen und niemand sonst es sehen kann.

Ihre Unterhaltung ist lang und sogar etwas angespannt und dreht sich um eine Frage, die Sarah in diesem Moment zum siebten Mal stellt: Können wir diesen Leuten wirklich trauen?

Und Jago antwortet: Momentan bleibt uns nichts anderes übrig. Wenn das, was Jordan sagt, wahr ist, dann wissen wir jetzt vielleicht, wie wir das Ganze noch beenden können. Selbst wenn Abaddon einschlägt und die Welt sich verändert, können wir jetzt vielleicht verhindern, dass ein anderer Spieler gewinnt. Und selbst wenn Jordan sich irrt, scheinen sie zumindest das Gleiche zu wollen wie wir. Sie können uns helfen, Sarah. Wir können ihnen helfen.

Uns dabei helfen, zusammenzubleiben?

Ja, uns dabei helfen, zusammenzubleiben.

Wir bleiben also bei ihnen.

Ja.

Okay, klopft sie. Ich wünschte nur …

Was?