Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Endgame. Die Hoffnung E-Book

James Frey

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E-Book-Beschreibung Endgame. Die Hoffnung - James Frey

Schlägt Klugheit Kraft? Die Spieler gehen in die nächste Runde! Zwölf waren auserwählt, aber nur neun haben überlebt. Das gnadenlose Spiel geht weiter. Nachdem Sarah den ersten Schlüssel gefunden hat, ist sie gemeinsam mit Jago nach London geflüchtet. Doch auch dort gibt es kein Entrinnen vor dem Feind, nur knapp entgehen sie einem Anschlag. Jago drängt Sarah, mit ihm nach Peru zu fliegen. Eine folgenschwere Entscheidung, denn Jagos Familie will, dass er Sarah tötet. Wird Jago sich für Sarah oder für Endgame entscheiden? Das Rätsel geht weiter! Welche Strategie ist die beste? Wer gewinnt die Million? Fußnoten und URLs führen zum Kryptorätsel im Internet! Zweiter Band der aufsehenerregenden Trilogie von James Frey! www.endgame.de www.facebook.com/EndgameTrilogie

Meinungen über das E-Book Endgame. Die Hoffnung - James Frey

E-Book-Leseprobe Endgame. Die Hoffnung - James Frey

 

 

Dieses Buch ist ein Rätsel.

Du kannst es entziffern, entschlüsseln und interpretieren.

Such genau.

Bist du ein Held, wirst du etwas finden.

[i]

 

 

 

 

Endgame geht weiter. Unsere Zukunft ist immer noch ungeschrieben. Unsere Zukunft ist immer noch deine Zukunft.

Was sein wird, wird sein.

Manche von uns glauben immer noch daran, manche nicht mehr.

Aber es spielt keine Rolle, was wir glauben.

Das ist Endgame.

Wir sind nicht mehr zwölf an der Zahl. Unsere Körper sind immer noch jung, aber inzwischen geschunden und versehrt. Unsere Geschlechter wurden vor Tausenden von Jahren auserwählt. Seither haben wir uns jeden einzelnen Tag vorbereitet. Aber kann man sich auf Endgame vorbereiten? Seit es begonnen hat, haben wir dechiffriert und interpretiert, gejagt und gekämpft, Blut vergossen und getötet. Manche von uns sind immer noch weniger bereit als andere, manche von uns haben Skrupel. Und sie könnten als Erste sterben. Oder auch nicht.

Das Ereignis wurde ausgelöst, es wird stattfinden, und es gibt kein Entkommen. Ihr seid die unbeteiligten Zuschauer. Wir sind immer noch die Spieler. Eure Spieler. Wir müssen spielen. So lautet die Regel, und so war es schon immer. Wir sind keine übernatürlichen Geschöpfe. Wir sind sterblich. Menschen. Keiner von uns kann fliegen oder Blei in Gold verwandeln oder sich selbst heilen. Wir können fühlen, wie können lieben, wir haben ein Gewissen.

Wir sind gut und böse.

Wie du.

Wie alle.

Aber wir sind nicht zusammen. Wir sind keine Freunde. Auch wenn wir Bündnisse eingegangen sind.

Vielleicht sind sie nützlich, vielleicht zahlen sie sich aus, vielleicht sind sie unterhaltsam. Am Ende spielt es keine Rolle, denn nicht alle werden von Dauer sein. Das Große Rätsel der Erlösung muss von uns gelöst werden – einem von uns muss es gelingen, sonst sind wir alle verloren. Wir werden vor nichts zurückschrecken, wenn es darum geht, den nächsten Schlüssel zum Großen Rätsel zu finden. Wir dürfen nicht scheitern. Wer scheitert, stirbt.

Wird Mitgefühl wichtiger sein als Unbarmherzigkeit? Friedfertigkeit mehr bewirken als Mordlust? Liebe mächtiger sein als Hass?

Wird der Gewinner gut oder böse sein? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

Spielen.

Überleben.

Das Rätsel lösen.

Unsere Zukunft ist immer noch ungeschrieben. Unsere Zukunft bleibt deine Zukunft.

Was sein wird, wird sein.

Manche von uns glauben immer noch daran, manche nicht mehr.

Völker der Erde.

Endgame geht weiter.

 

 

 

 

 

90 Tage

Die kleine Alice Chopra

Haus der Familie Chopra, Gangtok, Sikkim, Indien

»Tarki, Tarki, Tarki …«

Wolken ziehen über die Gipfel des Himalaya, der Schnee auf den Berghängen reflektiert das Sonnenlicht. Hoch über der Stadt ragt der Kangchendzönga auf, der dritthöchste Berg der Welt. Die Stadtbewohner gehen ihrem Alltag nach – sie arbeiten, kaufen ein, essen, trinken, lehren, lernen, lachen und lächeln. Einhunderttausend friedliche, ahnungslose Seelen.

Die kleine Alice stolziert über den Rasen hinter dem Haus, Grashalme kitzeln sie an den Zehen, aus dem Tal steigt der Geruch eines Buschfeuers auf. Sie hat die Fäuste in die Hüften gestemmt und dabei die Ellbogen nach hinten gestreckt, als wären sie Flügel. Ihre Knie sind gebeugt, der Kopf ist nach vorn gereckt, und sie bewegt die Ellbogen zusammen, auseinander, zusammen und klackert und schreit dabei heiser wie ein Pfau. Sie ruft »Tarki, Tarki, Tarki«, denn so nennen sie den alten Pfau, der seit 13 Jahren bei der Familie lebt. Tarki beäugt das Mädchen, macht eine halbe Drehung, sträubt sein leuchtendes Nackengefieder und klackert zurück. Er schlägt ein Rad, und die kleine Alice tanzt vor Freude. Sie rennt zu Tarki hin. Er läuft weg, und die kleine Alice jagt ihm nach.

In der Ferne sieht man die scharfen Umrisse des Kangchendzönga. Unterhalb seiner vereisten Abhänge verbirgt er das Tal des Ewigen Lebens. Davon weiß die kleine Alice nichts. Ihre Mutter Shari jedoch kennt das verborgene Tal nur zu gut.

Die kleine Alice folgt Tarki zu einem Rhododendronstrauch. Nur noch knapp einen Meter ist sie von dem schimmernden Vogel entfernt, als er den Kopf neigt, mit den Augen zwinkert und auf dem Boden unter dem Busch an etwas kratzt. Der Pfau drängt sich zwischen die Blätter. Die kleine Alice beugt sich vor.

»Was ist denn da, Tarki?«

Der große Vogel pickt in die Erde.

»Was ist da?«

Der Pfau steht jetzt reglos wie eine Statue. Er hält den Kopf tief, seitlich und blickt mit einem großen Auge auf den Boden. Die kleine Alice reckt den Hals, um auch sehen zu können. Da liegt etwas. Etwas Kleines, Rundes, Dunkles.

Der Vogel gibt einen schrecklichen Laut von sich – kriiiiiiiäääääk – und flüchtet zum Haus. Die kleine Alice ist erschrocken, folgt ihm aber nicht. Sie streckt die Hände aus, schiebt die wächsernen Blätter zur Seite und drängt sich in den Busch, kniet sich hin, legt die Hände auf die Erde, findet.

Eine dunkle Murmel, halb vergraben. Vollkommen rund. Mit seltsamen, eingeritzten Zeichen. Die kleine Alice berührt die Kugel, sie ist kalt wie Eis, noch eisiger als Eis. Das Mädchen gräbt mit den Fingern rings um die Kugel herum, häuft ein wenig Erde auf, bricht die Murmel aus dem Boden. Mit der rechten Hand nimmt die kleine Alice ihr Fundstück auf, hebt es hoch, dreht es immer wieder herum. Sie runzelt die Stirn. Das Licht des Himmels über ihr sickert herab, verändert sich, ist plötzlich hell, noch heller als hell. Innerhalb von Sekunden ist alles blendend weiß, die Erde bebt, und ein wahnsinniges Krachen donnert über die Berghänge und über die Felswände oberhalb davon, das Dröhnen erfüllt jeden Baum, jeden Grashalm, jeden Kieselstein im Fluss, alles.

Die kleine Alice möchte weglaufen, kann aber nicht. Auch sie ist erstarrt, als habe die kleine Murmel sie an Ort und Stelle festgefroren. Durch das Licht und das Krachen und Dröhnen sieht das Kind eine Gestalt auf sich zuschweben, wie ein Gespenst. Vielleicht eine Frau. Jung. Zierlich.

Die Gestalt kommt näher. Ihre Haut ist blassgrün, die Augen sind eingesunken, die Lippen gekräuselt. Eine Untote. Die kleine Alice lässt die Murmel fallen, aber nichts verändert sich, die Person kommt so nah, dass das Mädchen ihren Atem riechen kann, ein Geruch nach Exkrementen, brennendem Gummi und Schwefel. Die Luft brennt, und die Kreatur greift nach dem Kind. Die kleine Alice will schreien, nach ihrer Mama rufen, die sie retten kann, sie will nach Hilfe schreien, nach Sicherheit, nach Erlösung, aber sie bringt keinen Ton heraus, nicht einen.

Sie reißt die Augen auf, und endlich schreit sie tatsächlich. Sie ist aufgewacht. Schweißgebadet, eine Zweijährige, und ihre Mama ist da, hält sie, wiegt sie, sagt: »Alles ist gut, meri jaan, alles ist gut. Es war nur der Traum. Nur der Traum.«

Der Traum, den die kleine Alice immer und immer wieder hat, jede Nacht, seit der Erdschlüssel gefunden wurde.

Die kleine Alice weint, und Shari schließt sie in die Arme und hebt sie aus ihren Decken.

»Alles ist gut, mein Herz. Niemand wird dir wehtun. Ich passe auf, dass dir niemals jemand wehtut.« Und obwohl Shari das jedes Mal sagt, wenn ihre kleine Tochter den Traum hat, weiß sie nicht, ob es wirklich wahr ist.

»Niemand, mein Liebes. Niemals.«

[ii]

Sarah Alopay und Jago Tlaloc

Crowne Plaza Hotel, Suite 438, Kensington, London

»Woher hast du die?«, fragt Sarah, während sie mit dem Finger über die gezackte Narbe auf Jagos Gesicht streicht.

»Vom Training«, sagt Jago. Er schaut sie an, sucht in ihrem Gesicht nach Hinweisen, dass sie zu ihm zurückkehrt.

Vier Tage ist es her, dass Sarah den Erdschlüssel aus Stonehenge geholt hat. Vier Tage, seit Chiyoko gestorben ist. Vier Tage, seit Sarah An Liu in den Kopf geschossen hat. Vier Tage, seit das Ding unter dem uralten Steinmonument zum Leben erwacht ist und sich gezeigt hat. Vier Tage, seit sie, Sarah, Christopher Vanderkamp getötet hat, seit sie abgedrückt und ihm eine Kugel in den Kopf geschossen hat. Seitdem ist es ihr nicht möglich, seinen Namen auszusprechen. Nicht mal versuchen will sie es. Und ganz egal, wie oft sie Jago küsst oder ihn mit den Beinen umschlingt, wie oft sie duscht, weint, den Erdschlüssel in den Händen hält oder die Nachricht abspielt, die kepler 22b im Fernsehen für die ganze Welt gesendet hat, ganz egal wie oft, Sarah kann nicht aufhören, an sein Gesicht zu denken. An sein schönes Gesicht, das blonde Haar, die grünen Augen und das Funkeln, das darin lag. Das Funkeln, das sie ausgelöscht hat, als sie ihn tötete.

Seit Stonehenge hat Sarah erst 27 Wörter gesprochen, darunter auch diese Frage. Jago macht sich Sorgen um sie. Gleichzeitig ermutigt ihre Frage ihn.

»Woher denn genau, Feo?«, fragt sie in der Hoffnung, dass es eine lange Geschichte ist. In der Hoffnung, dass die Geschichte ihre Aufmerksamkeit fesselt, dass Jagos Worte sie ebenso gut ablenken können wie sein Körper.

Sie muss an irgendetwas anderes denken, nur nicht an das, was geschehen ist, an alles, nur nicht an die Kugel, die seinen Schädel durchschlagen hat.

»Es war mein dritter richtiger Messerkampf. Ich war zwölf, sehr eingebildet. Die beiden anderen hatte ich mühelos gewonnen. Den ersten gegen einen fünfundzwanzig Jahre alten Ex-Spieler, der nicht mehr so konnte wie früher, den zweiten gegen einen aufstrebenden Kofferträger meines Vaters, einen riesigen Neunzehnjährigen, den wir Ladrillo nannten.« Sarah streicht mit dem Finger über den harten Wulst der Narbe, an der Stelle, wo sie unter dem Kinn verschwindet.

»Ladrillo. Was bedeutet das?«

»Backstein, und genau so war er auch. Schwer und hart und strohdoof. Eine Finte, und er ist drauf reingefallen. Als er dann zum nächsten Angriff bereit war, war der Kampf vorbei.«

Sarah stößt ein halbherziges Kichern aus. Ihr erstes Lachen seitdem, ihr erstes Lächeln. »Meinen dritten Kampf hatte ich dann gegen einen Jungen, der nur etwas älter war als ich. Er war kleiner. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Sie sagten, er sei von Rio hochgekommen. War kein Peruaner. Auch kein Olmeke.«

Jago weiß, dass es für Sarah im Moment gut ist, wenn er über sich selbst spricht. Hauptsache, es lenkt sie von dem ab, was sie getan hat: Sie hat ihren Freund getötet, hat den Erdschlüssel gefunden, das Ereignis ausgelöst und damit den Tod von Milliarden von Menschen besiegelt. Spielen, kämpfen, laufen, schießen – das alles wäre jetzt wahrscheinlich besser für sie –, aber vorerst muss es reichen, darüber zu sprechen.

»Er war ein Favela-Kid, mager, Muskeln wie um die Knochen gewickelte Schnüre. Schnell wie ein Augenzwinkern. Hat nichts gesagt außer ›Hi‹ und ›Nächstes Mal mehr Glück‹. Aber schlau. Ein Wunderkind. Jedenfalls, wenn es um Klingen und Angriffswinkel ging. Er hatte Unterricht, aber das meiste war Talent.«

»Klingt wie du.«

»Er war tatsächlich wie ich.« Jago lächelt. »Es war, als würde ich gegen mein Spiegelbild kämpfen. Ich habe zugestochen, und er hat zurückgestochen. Ich habe ihn angegriffen, und er hat mich angegriffen. So hat er Angriffe pariert, durch Gegenangriffe. Er war anders als alle, mit denen ich trainiert habe – anders als die Ex-Spieler, anders als mein Vater, komplett anders. Es war ein bisschen, als würde man gegen ein Tier kämpfen. Schneller, besserer Instinkt, nicht so viel Nachdenken. Die gehen einfach auf einen los. Hast du es jemals mit einem Tier zu tun gehabt?«

»Ja. Mit Wölfen. Das waren die Schlimmsten.«

»Mit einem Wolf oder …«

»Mit Wölfen. Plural.«

»Ohne Waffe?«

»Ohne Waffe.«

»Ich hab gegen Hunde gekämpft, gegen Wölfe noch nie. Einmal mit einem Berglöwen.«

»Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich beeindruckt bin, Feo, bin ich aber nicht.«

»Ich hab dich doch längst flachgelegt, Alopay«, versucht Jago einen schwachen Scherz. »Da brauch ich dich nicht mehr zu beeindrucken, oder?«

Sarah lächelt wieder und gibt ihm unter dem Laken einen Stoß. Noch ein Indiz dafür, dass sie vielleicht wieder zu sich kommt.

»Jedenfalls konnte ich ihn nicht schlagen. Die Regel war, sobald Blut fließt, ist der Kampf vorbei. Ganz einfach. Rot sehen und stopp.«

»Aber die Narbe sieht aus, als wäre die Wunde sehr tief gewesen.«

»Ich war dumm, bin ihm richtig ins Messer gelaufen, und er hat Ernst gemacht. Ehrlich, ich hab Glück gehabt. Hätte er mich nicht so im Gesicht erwischt – fast wäre das Auge dabei draufgegangen, verstehst du –, dann hätte er mich wahrscheinlich umgebracht.«

Sarah nickt. »Also – Blut, rot, stopp. Er: ›Nächstes Mal mehr Glück‹, und zieht ab, und das war’s?«

»Ich musste genäht werden, klar. Und weil ich in der Ausbildung war, gab’s natürlich keine Betäubung.«

»Klar, Betäubung. Was ist das?«

Diesmal lächelt Jago sie breit an. »Genau. Scheiß Endgame.«

»Scheiß Endgame, echt«, sagt Sarah, und ihr Gesicht verrät nichts. Sie dreht sich auf den Rücken und starrt an die Decke. »Hast du danach noch mal mit ihm gekämpft?«

Jago schweigt einen Moment. »Sí«, sagt er dann langsam, gedehnt. »Ungefähr ein Jahr später. Zwei Tage vor meinem Geburtstag, kurz bevor ich Spieler wurde.«

»Und?«

»Da war er sogar noch schneller. Aber ich hatte eine Menge gelernt und war auch schneller.«

»Dann hast du also zuerst zugestochen?«

»Nein. Wir hatten zwar Messer, aber nach ein paar Minuten hab ich ihn in die Kehle geboxt und ihm die Luftröhre zerschlagen. Als er zu Boden ging, hab ich draufgetreten. Hab keinen Tropfen Blut vergossen. Und ich sehe immer noch seinen Blick vor mir. Ratlos, verwirrt, als wenn man ein Tier erschießt. Es versteht nicht, was da passiert, was man getan hat. Das lag außerhalb seines Horizonts, gehörte nicht zu seinen Regeln, die eines Jungen aus der Favela, des besten Messerkämpfers, den ich je gesehen habe. Er kannte nur Messer, und er verstand nicht, dass seine Regeln mich nicht interessiert haben.«

Sarah sagt nichts. Sie dreht sich auf die Seite, wendet Jago den Rücken zu.

Ich liege mit einem Mörder im Bett, denkt sie.

Und gleich darauf: Aber ich bin ja selbst eine Mörderin.

»Tut mir leid, Sarah. Ich wollte dich nicht …«

»Ich hab es getan.« Sie holt tief Luft. »Seine Regeln haben mich auch nicht interessiert. Ich hab mich entschieden, es zu tun. Ich hab ihn getötet. Hab … Christopher getötet.«

Da. Sarah hat ihn ausgesprochen. Seinen Namen. Ihr Körper beginnt zu beben, als wäre innen drin ein Schalter umgelegt worden. Sie zieht die Knie an die Brust und zittert und schluchzt. Jago streicht mit der Hand über ihren bloßen Rücken, immer wieder, aber er weiß, das ist nur ein schwacher Trost – wenn es überhaupt ein Trost ist.

Jago hat nicht viel von Christopher gehalten, aber er weiß, dass Sarah ihn geliebt hat. Sie hat ihn geliebt, und sie hat ihn getötet. Jago ist sich nicht sicher, ob er hätte tun können, was Sarah getan hat. Könnte er seinen besten Freund erschießen? Könnte er José, Tiempo oder Chango, seine Freunde zu Hause, umbringen? Könnte er seinem Vater eine Kugel in den Leib jagen, oder, noch schlimmer, seiner Mutter? Er weiß es nicht.

»Du musstest es tun, Sarah«, sagt Jago leise. Das hat er 17-mal gesagt, seit sie im Hotel eingecheckt haben, meistens ohne Anlass, einfach, um das Schweigen zu brechen.

Jedes Mal klang es hohl.

»Er hat dich zum Schießen aufgefordert. In dem Moment hat er verstanden, dass Endgame ihn umbringen würde. Und er hat gewusst, dass wenn er schon stirbt, dann für dich. Er hat dir geholfen, Sarah, er hat sich für dein Geschlecht geopfert. Du hattest seinen Segen. Wenn du getan hättest, was An von dir verlangt hat, hätte Chiyoko jetzt den Erdschlüssel, dann wäre sie auf dem Weg zum Sie…«

»GUT!«, schreit Sarah. Sie weiß nicht, was schlimmer ist – dass sie den Jungen getötet hat, den sie seit ihrer Kindheit geliebt hat, oder dass sie den Erdschlüssel aufgefangen hat, als er in Stonehenge aus der Scheibe heraussprang. »Chiyoko hätte nicht sterben dürfen«, flüstert sie. »Nicht so. Sie war eine zu gute Spielerin, zu stark. Und ich … Ich hätte ihn nicht erschießen dürfen.« Sarah holt tief Luft. »Jago … Alle – alle – werden meinetwegen sterben.«

Sie krümmt sich noch mehr zusammen. Jago fährt mit den Fingern über ihre Wirbel.

»Das hast du doch nicht gewusst«, sagt er. »Keiner von uns hat es gewusst. Du hast einfach getan, was kepler 22b angeordnet hat. Du hast einfach gespielt.«

»Ja, gespielt«, sagt sie sarkastisch. »Aisling hat es wahrscheinlich gewusst … mein Gott. Warum konnte sie denn keine bessere Schützin sein? Warum konnte sie unser Flugzeug nicht runterholen, als sie die Möglichkeit dazu hatte?«

Das hat Jago sich auch gefragt – nicht, warum Aisling die Bush Hawk nicht abgeschossen hat, sondern was sie ihnen sagen wollte. »Wenn sie uns abgeschossen hätte, wäre Christopher ebenfalls tot«, erklärt Jago. »Und du und ich auch.«

»Ja, na gut …«, sagt Sarah, als wäre das allem anderen vorzuziehen, was seit Italien geschehen war.

»Du hast einfach gespielt«, wiederholt Jago.

Ein paar Minuten lang Schweigen. Sarah beginnt wieder zu weinen, Jago liebkost weiter ihren Rücken. Es ist ein Uhr nachts, draußen Nieselregen, Geräusche von Autos und Lastern auf der nassen Straße unten. Ab und zu ein Flugzeug, auf dem Weg nach Heathrow. Weit entfernt ein Tuten, wie von einem Schiff. Eine Polizeisirene. Das leise Lachen einer betrunkenen Frau.

»Fuck – ich scheiß auf kepler 22b und Endgame und das Spielen«, sagt Sarah in das Schweigen hinein. Sie hört auf zu weinen. Jago lässt die Hand in die Laken fallen. Sarahs Atem wird tiefer und langsamer, und einige Minuten später schläft sie.

Jago gleitet aus dem Bett. Er schlüpft ins Bad, stellt sich unter die Dusche, lässt das Wasser über seinen Körper laufen. Er denkt an die Augen des jungen Messerkämpfers, wie sie aussahen, als das Leben aus ihnen wich. Wie er selbst sich beim Beobachten fühlte, in dem Bewusstsein, dass er dieses Leben beendet hatte. Jago steigt aus der Dusche und trocknet sich ab, zieht sich leise an und huscht aus dem Hotelzimmer. Geräuschlos schließt sich die Tür hinter ihm. Sarah rührt sich nicht.

»Hola, Sheila«, grüßt Jago die Empfangsdame im Foyer.

Er hat die Namen sämtlicher Mitarbeiter im Hotel und im Restaurant auswendig gelernt. Neben Sheila gibt es da Pradeet, Irina, Paul, Dmitri, Carol, Charles, Dimple und noch 17 andere.

Sie alle sind dem Tod geweiht.

Wegen Sarah. Seinetwegen. Wegen Chiyoko und An und den anderen Spielern.

Wegen Endgame.

Jago tritt auf die Cromwell Road hinaus und setzt die Kapuze auf. Cromwell, denkt er. Der verhasste puritanische Lordprotektor des Commonwealth of England, der Schrecken des Interregnums. Ein Mann, den die Zeitgenossen so verabscheuten und verunglimpften, dass Charles II. seine Leiche exhumieren ließ, damit man ihn noch einmal töten konnte. Die Leiche wurde enthauptet, und den Kopf steckte man auf einen Pfahl vor der Westminster Hall, wo er jahrelang blieb, von Vögeln angepickt, von Menschen bespuckt und verflucht, bis nur noch der Schädel übrig war. Der Pfahl, auf dem dieser Kopf verrottete, stand nur wenige Kilometer von dort entfernt, wo Jago heute Nacht spazieren geht. An dieser Straße, die nach dem Usurpator benannt ist.

Dafür kämpfen sie. Dafür, dass Teufel wie Cromwell und tolerante Könige wie Charles II. sowie Hass, Macht und Politik auf der Erde gesund und munter bleiben.

Allmählich fragt Jago sich, ob es das wert ist.

Aber er darf sich das nicht fragen. Das ist nicht gestattet. »Jugadores no se preguntan«, würde sein Vater dazu sagen, könnte er seine Gedanken lesen. »Jugadores juegan.«

Sí.

Jugadores juegan.

Jago steckt die Hände in die Taschen und geht Richtung Gloucester Road. Ein Mann, 15 Zentimeter größer und 20 Kilo schwerer als er selbst, kommt um die Ecke geschossen und rammt Jago an der Schulter. Jago fährt halb herum, behält die Hände aber in den Taschen, sieht kaum auf.

»Hey, pass doch auf!«, sagt der Mann. Er riecht nach Bier und Schweiß, nach Ärger. Der Abend läuft nicht gut, und er ist auf eine Prügelei aus.

»Sorry, Mate«, antwortet Jago schon im Weitergehen, wobei er den Akzent Südlondons nachahmt.

»Du lachst auch noch?«, fragt der Mann. »Bist wohl ’n ganz Cooler, was?«

Ohne Vorwarnung schleudert er Jago eine Faust von der Größe eines Toasters ins Gesicht. Jago lehnt sich zurück, und die Faust saust an seiner Nase vorbei. Der Mann holt erneut aus, aber Jago macht einen Schritt zur Seite.

»Wirklich ein schnelles kleines Arschloch«, stößt der Mann hervor. »Nimm die Hände aus den Taschen, Freundchen, Schluss mit dem Scheiß.«

Jago lächelt, lässt seine mit Diamanten besetzten Zähne aufblitzen. »Nicht nötig.«

Der Mann tritt vor, Jago tänzelt auf ihn zu und stampft ihm mit dem Absatz auf einen Fuß. Sein Gegner schreit auf, versucht, ihn zu packen, aber Jago tritt ihm schnell in den Magen. Der Mann krümmt sich. Jago, die Hände immer noch in den Taschen, dreht sich um. Er will zu einem Burger King weiter die Straße runter, der die ganze Nacht geöffnet hat, und ein paar Bacon-Cheeseburger holen. Spieler müssen essen. Selbst wenn einer von ihnen behauptet, damit durch zu sein. Jago hört, wie der Mann rasch etwas aus der Tasche zieht, und ohne ihn auch nur anzusehen, sagt er: »Steck das Messer lieber weg.«

Der Mann erstarrt. »Woher weißt du, dass ich ’n Messer hab?«

»Hab’s gehört.«

»Schwachsinn«, flüstert der Mann und wirft sich nach vorn.

Jago bequemt sich immer noch nicht, die Hände aus den Taschen zu nehmen. Das silberne Metall blitzt im Laternenlicht auf, als es die Luft durchschneidet. Jago hebt ein Bein und tritt nach hinten. Er trifft den Mann in die Rippen. Das Messer saust an Jago vorbei, gerade als er sich vorbeugt, den Fuß noch höher reißt und den Absatz gegen das Kinn des Mannes krachen lässt. Dann saust Jagos Fuß auf die Hand mit dem Messer hinunter. Das Handgelenk des Mannes knallt auf den Boden, Jagos Vorderschuh auf ihm. Der Mann lässt das Messer los. Jago schleudert es mit der Schuhspitze weg. Es rutscht über die Bordsteinkante und fällt klirrend in einen Gully. Der Mann stöhnt. Dieser dürre Scheißkerl hat ihn besiegt, ohne auch nur die Hände aus den Taschen genommen zu haben.

Jago lächelt, dreht sich um, überquert die Straße.

Auf zu Burger King.

Sí.

Jugadores juegan.

Aber essen müssen sie auch.

Odäm, Pit’dah, Baräkät

Nophäkh, Sapir, Jahalom

Läshäm, Shöbho, Achlamah

Tarschlsch, Schoham, Jashöpheh

Hilal ibn Isa al-Salt, Eben ibn Mohammed al-Julan

Kirche des Bundes, Königreich Aksum, Nord-Äthiopien

Hilal stöhnt im Schlaf. Er wimmert und zittert. Kopf, Gesicht, rechte Schulter und rechter Arm sind von der Brandgranate versengt, die der Nabatäer nach ihm geworfen hat, als Hilal sich unter die Erde flüchtete.

Eben hat ihn aus der Gefahrenzone gezerrt. Hat ihm Decken übergeworfen, die Flammen gelöscht, hat versucht, ihn zu beruhigen, und ihm Morphium gespritzt.

Hilal hat aufgehört zu schreien.

Als der Angriff kam, war trotz der Notstromsysteme der Strom ausgefallen. Deswegen hatte Eben ein Funkgerät mit Handkurbel benutzt, um Nabril in Addis Abeba anzurufen, und Nabril erklärte, der Stromausfall sei das Resultat einer Sonneneruption. Gewaltig sei sie gewesen. So eine habe er noch nie gesehen. Das Merkwürdige war, dass sie sich auf einen ganz bestimmten Ort richtete, nämlich auf Aksum, und genau zu dem Zeitpunkt stattgefunden hat, als Hilal seine Botschaft an die anderen Spieler schrieb. Gerade in dem Moment, als der Donghu und der Nabatäer an die Hüttentür klopften. Das alles war unmöglich. Sonneneruptionen betreffen große Gebiete, ganze Kontinente. Sie suchen sich nicht einen speziellen Ort aus, sind nicht zielgerichtet.

Unmöglich.

Unmöglich, außer für die Schöpfer.

Das waren die Erwägungen, die Eben unmittelbar nach dem Überfall anstellte, während er Hilal bei Lampenlicht versorgte. Zwei Nethinim standen ihm dabei zur Seite, beide waren stumm. Sie legten Hilal auf eine Trage, hängten ihm eine Infusion an und brachten ihn sieben Stockwerke tief unter den Boden der alten Kirche. Dort badeten Eben und die Nethinim den Verletzten in Ziegenmilch. Die weiße Flüssigkeit färbte sich rosa.

Während der Arbeit beteten sie stumm. Während sie Hilal verarzteten. Ihn retteten. Haut voller Blasen. Scharfer Schwefelgeruch von versengtem Haar. Leichter Dunst, der von der Mischung aus Milch und Blut darunter aufstieg.

Eben weinte leise. Hilal war seit 1.000 Jahren der schönste Spieler der Aksumiten gewesen, seit der legendären Spielerin Elin Bakhara-al-Poru. Er hatte blaue Augen gehabt, makellos glatte Haut, gerade, weiße Zähne, hohe Wangenknochen, eine flache Nase und perfekt gerundete Nasenlöcher, ein kräftiges Kinn und dicht gelocktes Haar, das sein Gesicht umrahmt hatte, dieses ebenmäßige Jungengesicht. Wie ein Gott hatte er ausgesehen. Das war nun alles weg. Verbrannt. Hilal ibn Isa al-Salt würde nie mehr schön sein.

Eben hat nach einem Chirurgen aus Kairo verlangt, der drei Hautverpflanzungen vorgenommen hat. Aus Tunis kam ein Augenarzt, der sich bemüht hat, Hilals rechtes Auge zu retten. Vom medizinischen Standpunkt aus gesehen, waren die Hauttransplantationen erfolgreich, aber Hilal wird zeitlebens grauenhaft aussehen. Der schöne Junge von früher ist nur noch Flickwerk. Das rechte Auge wurde zwar gerettet, aber seine Sehkraft hat mit Sicherheit gelitten. Und es ist nicht mehr blau. Es ist jetzt rot. Das ganze Auge ist rot, bis auf die Pupille, die ist milchig weiß.

»Das geht nicht mehr zurück«, hat der Augenarzt gesagt.

Hilal war so schön. Ein König für Engel. Und jetzt? Jetzt sieht er aus wie ein halber Teufel.

Eben denkt: Aber er ist unser Teufel.

Seit dem Angriff ist fast eine Woche vergangen. In einer schlichten Schlafkammer aus Stein kniet Eben neben Hilal. Über dem Bett hängt ein kleines Holzkreuz. An einer Wand ein Waschbecken aus weißem Porzellan. Ein paar Haken für Kleidung. Eine kleine Truhe mit sauberen Laken und Verbänden. Am Kopfteil des Bettes ein Haken für den Infusionsbeutel. Auf einem kleinen Wagen ein Herzfrequenzmonitor mit Kabeln und Elektroden. Die Nethinim – beide groß und stark, ein Mann und eine Frau – stehen Wache, schweigend, bewaffnet, direkt vor der Tür.

Hilal schläft die ganze Zeit. Gelegentlich stöhnt er, wimmert, zittert. Er bekommt immer noch Morphium, aber Eben ist schon dabei, ihn zu entwöhnen. Hilal hat gelernt, mit Schmerz zu leben, doch diese Schmerzen werden intensiver und dauerhafter sein als alle früheren, aber wenn er Endgame weiterspielen will, dann wird er sich daran gewöhnen müssen. An weitere Schmerzen. An seine Verunstaltung. An seinen neuen Körper.

Falls er jedoch nicht weiterspielen will, muss Eben das wissen. Und dafür braucht Hilal einen klaren Kopf.

Deswegen setzt Eben das Morphium allmählich ab.

Während Hilal schläft, betet Eben. Er meditiert. Er erinnert sich an Hilals Worte: »Ich könnte mich irren«, hatte Hilal gesagt, bevor das Morphium ihn einlullte. »Das Ereignis könnte doch unvermeidlich sein.«

Eben weiß, dass das nicht stimmt. Nicht mehr. Nicht nach dem, was das Wesen im Fernsehen gesagt hat. Nicht nach der Sonneneruption, die genau auf Aksum zielte. Die Schöpfer greifen tatsächlich ein. Es kann niemand anders sein. Die einzige andere Möglichkeit wäre, dass der Korrupte es getan hat. Das Wesen, nach dem die Aksumiten seit vielen Jahrhunderten suchen. Vergeblich suchen. Das Wesen, das Ea genannt wird.

Aber selbst der Korrupte hat keine Macht über die Sonne.

Daher weiß Eben: Es müssen die Schöpfer gewesen sein.

Eben erkennt, dass das eine Untat ist. Sie haben die Menschen zum Leben erweckt, und sie sollen ihre fast vollständige Ausrottung überwachen, sie sollen die Lebensuhr der Erde neu stellen und dafür sorgen, dass der Planet sich von dem ihm zugefügten Schaden erholt. Aber abgesehen von dem Ereignis sollen die Schöpfer nicht in Endgame eingreifen. Sie selbst haben diese Regeln aufgestellt, doch nun brechen sie sie.

Das heißt, dass es vielleicht Zeit ist.

Zeit, nachzusehen, was sich in dem sagenumwobenen, aber sehr realen Behältnis befindet.

Es wartet, seit Onkel Moses seine Zerstörung vortäuschte, es heimlich wegschaffte und die Söhne Aarons anwies, es um jeden Preis zu schützen. Es niemals anzusehen oder zu öffnen. Und er befahl: »Brecht das Siegel erst am Tag des Jüngsten Gerichts.«

Dieser Tag ist nah.

Eben weiß es.

Das Ende eines Zeitalters ist gekommen.

Jetzt werden die mächtigen Aksumiten sich der Sache annehmen und nachsehen, welche Kraft zwischen den goldenen Schwingen der Cherubim der Herrlichkeit ruht. Jetzt geht Eben ibn Mohammed al-Julan um Endgame willen das Risiko der Vernichtung ein.

Jetzt.

Sobald Hilal bei Bewusstsein und wieder klar ist, wird er den Bund mit den Schöpfern brechen und erfahren, ob das Geschlecht aus Aksum es den Schöpfern in gleicher Münze heimzahlen kann.

Frontiers of Science, Mai 1981

Im März 1967 fing ein Abhörspezialist der US-Luftwaffe die Kommunikation zwischen dem Piloten einer in Russland hergestellten kubanischen MiG-21 und seinem Vorgesetzten auf. Es ging um eine Begegnung mit einem UFO. Der Spezialist hat inzwischen erklärt, dass das UFO die MiG und den Piloten zerstört hat, als dieser auf das unbekannte Flugobjekt schoss. Weiterhin behauptet er, alle Berichte, Mitschnitte, Logbuch-Einträge und Notizen zu diesem Vorfall seien auf Anforderung der National Security Agency an diese weitergeleitet worden.

Es überrascht nicht, dass die NSA einige Monate später einen Bericht erstellt hat, der den Titel »UFO-Hypothese und die Frage nach dem Überleben« trug. Er wurde im Oktober 1979 aufgrund des Freedom of Information Act in den USA veröffentlicht, und es heißt darin unter anderem, »bei der Behandlung der UFO-Frage« dominiere »eine lasche wissenschaftliche Herangehensweise«. Die NSA kam zu dem Schluss: Ganz gleich, welche UFO-Hypothese man in Erwägung ziehe, »alle haben gravierende Folgen für das Überleben«.

Alice Ulapala

Knuckey Lagoon, Northern Territory, Australien

Alice und Shari, und zwischen den beiden eingekeilt ein kleines Mädchen, das verängstigt wimmert. Shari und Alice stehen Rücken an Rücken, geduckt und in Kampfstellung, Alice mit ihrem Messer und ihrem Bumerang, Shari mit einem langen Metallstab, dessen Spitze mit einem Wirrwarr von Nägeln gekrönt ist. Die anderen Spieler, ebenfalls bewaffnet, umkreisen sie, gurrend, schnalzend, knurrend, drohend. Dahinter warten ein Rudel rotäugiger Hunde sowie schwarz gekleidete Männer, bewaffnet mit Gewehren, Sensen und Schlagstöcken, deren Enden mit Kappen aus Stahl und Bronze überzogen sind. Darüber ein Vorhang aus lauter Sternen, und dazu die Gesichter der keplers und ihre siebenfingrigen Hände, die greifen. Ihre rasierklingendünnen Körper sind reglos, sie geben ein spöttisches Gelächter von sich. In ihrer Mitte weist der Raum eine Verwerfung auf, als sei zwischen den Sternen ein Loch. Und bevor Alice über all das nachdenken kann, bewegen die anderen sich auf einmal, das kleine Mädchen schreit, und Alice wirft ihren Bumerang und stößt ihr Messer einem klein gewachsenen, sonnengebräunten Jungen in die Brust. Er spuckt ihr ins Gesicht, er blutet, und das kleine Mädchen schreit und schreit und schreit und schreit.

Alice schießt in ihrer Hängematte hoch, sie packt den Rand, um nicht rauszupurzeln, ihr Haar eine wilde, dunkle Explosion, Mondlicht bricht sich in ihren Locken.

Sie holt Luft, schlägt sich ins Gesicht, überprüft ihre Bumerangs und das Messer. Noch da, eingebettet in der hölzernen Säule gleich über der Öse, an der das Kopfende ihrer Hängematte befestigt ist. Sie befindet sich auf der Veranda ihrer kleinen Hütte an der Lagune. Allein. Jenseits der Lagune liegt die Timorsee. Hinter Alice, auf der anderen Seite der Hütte, beginnt das Gestrüpp, der Busch des weiten Northern Territory. Alices Garten.

Seit dem Tag, an dem der kepler Endgame eröffnet hat, ist sie zu Hause, meditiert, lauscht der Traumzeit, denkt an die Ahnen, das Meer, den Himmel und die Erde. Sie ist hier, seit sie im Schlaf einen weiteren Hinweis erhielt. Dieser Hinweis ist nicht verschlüsselt, sondern explizit und direkt, allerdings ohne genaue Ortsangabe.

Alice fragt sich, ob andere Spieler auch neue Hinweise erhalten haben? Ob einer der anderen bereits herausbekommen hat, wo sie sich aufhält? Ob einer von ihnen, bewaffnet mit einem Scharfschützengewehr, sie in diesem Moment im Visier hat, in der Ferne, lautlos und tödlich.

»Verpisst euch!«, ruft sie in die Dunkelheit. Ihre Stimme breitet sich über dem trockenen Land aus. Alice schnellt aus der Hängematte und stapft an den Rand der Veranda, wackelt mit den Zehen, breitet weit die Arme aus. »Hier bin ich, ihr Idioten, holt mich doch!«

Aber es fällt kein Schuss.

Alice kichert und spuckt aus. Sie kratzt sich den Hintern. Sie beobachtet ihren Hinweis, ein helles Licht vor ihrem inneren Auge, ein mentales Signalfeuer. Sie weiß genau, was es bedeutet: Es kennzeichnet die Position von Baitsakhan, dem Donghu, dem Horrorkid, dem Spieler, der Shari töten will und vielleicht auch dieses kleine Mädchen, das Alice immer wieder in ihren Träumen gesehen hat. Alice vermutet, dass das Mädchen Sharis kleine Alice ist; aber warum der Donghu oder sonst jemand ihr nach dem Leben trachten sollte, ist ihr nicht klar. Warum die kleine Alice von Bedeutung ist – falls sie von Bedeutung ist –, bleibt ein Rätsel.

Trotzdem wird die große Alice Baitsakhan aufspüren und ihn töten. So wird ihr Spiel aussehen. Falls es sie näher an einen der drei Schlüssel von Endgame heranführt, gut. Falls nicht, auch gut. »Was sein wird, wird sein«, schnaubt sie.

Eine Sternschnuppe fliegt über den Nachthimmel und erlischt im Westen.

Alice dreht sich um, geht in ihre Hütte und nimmt ihr Messer vom Holzpfahl. Sie hebt den Hörer von einem alten Tastentelefon ab, mit Spiralkabel und allem. Sie tippt eine Nummer, hält sich den Hörer ans Ohr.

»Oi, Tim. Ja, hier Alice. Hör mal, ich bin morgen früh schon vor Tagesanbruch auf einem Frachter, und ich brauch dich. Du musst mal deine Wahnsinnsfähigkeiten einsetzen und jemand Bestimmtes für mich ausfindig machen, ja? Hab vielleicht schon mal von ihr gesprochen. Die Harrapa. Ja genau, die. Chopra. In Indien. Ja, ja, ich weiß, in dem Land muss es zig Millionen Chopras geben, aber hör zu. Sie ist zwischen siebzehn und zwanzig, wahrscheinlich eher älter als jünger. Und sie hat ein Kind. Kein Baby, ein Kind. Vielleicht zwei, drei Jahre alt. Und jetzt kommt’s: Die Kleine heißt Alice. Das müsste die Suche ein bisschen eingrenzen. Ja, ruf mich unter dieser Nummer an, wenn du was weißt. Ich höre die Nachrichten ab. Okay, gut, Tim. Super.«

Alice legt auf und betrachtet den Rucksack auf ihrem Bett. Die schwarze Segeltuchrolle, mit Waffen bedeckt.

Sie muss sich fertig machen.

 

Und sie erklärte ihren Schülern, ihren Gefolgsleuten:

 

Ihr könnt es spüren.

Alles, was gut ist, ist Fassade.

Nichts Wertvolles hat Bestand.

Wenn ihr hungrig seid, esst ihr und seid satt, aber diese Sättigung bewirkt nur, dass ihr zukünftig wieder Hunger haben werdet. Wenn ihr friert, macht ihr Feuer, aber das Feuer wird verlöschen, und dann kriecht euch die Kälte in die Glieder. Wenn ihr einsam seid, sucht ihr euch jemanden, aber der hat irgendwann genug von euch oder ihr habt genug von ihm, und letztlich steht ihr dann da – wieder allein. Glück, Erfüllung, Zufriedenheit, sie alle sind nur ein schöner, aber dünner Schleier, der das Leiden bedeckt. Darunter wartet – immer – der Schmerz.

Alles, was die Kinder zu sein glauben, und alles, was ihnen wichtig ist – Essen, Sex, Unterhaltung, Alkohol, Geld, Abenteuer, Spiele –, ist dazu da, um sie vor der Angst zu schützen.

 

Angst ist die einzige Konstante, weshalb wir auf sie achten sollten. Nehmt sie an, haltet sie, liebt sie.

 

Alle Größe entspringt der Angst. Wir kämpfen, indem wir sie nutzen, darin liegt unser Sieg.

 

–S.

An Liu

An Bord der HMS Dauntless, Zerstörer vom Typ 45, Ärmelkanal, 50.324, –0.873

Piep.

ZUCK.

Piep-piep.

ZUCK.

Piep-piep.

ZUCKBLINZELZUCKBLINZEL.

»CHIYOKO!«

An Liu versucht, sich aufzusetzen, aber er ist festgebunden. An den Handgelenken, den Fußgelenken und quer ZUCKblinzelblinzel über der Brust. Er schaut nach links und rechts und links und rechts. Seine Kopfschmerzen sind mörderisch.

Mörderisch.

Der Schmerz strahlt über sein rechtes Auge aus, über die Schläfe bis zum Hinterkopf und den Nacken hinunter. An Liu kann sich nicht erinnern, wie er hergekommen ist. Er liegt auf einer Liege. Ein Infusionsständer, ein Rollwagen mit einem Monitor für Herz und Atmung. BLINZELzuckblinzel. Weiße Wände. Eine niedrige, graue Zimmerdecke. Helles Neonlicht über ihm. Ein gerahmtes Bild von Queen Elizabeth. Eine ovale Tür mit einem eisernen Rad in der Mitte. Darüber eine schwarze vier.

An spürt, wie der Raum schwankt, und hört ihn blinzelblinzel hört ihn knarren.

Ein Rad an der Tür.

Der Raum schwankt knarrend in die andere Richtung.

Er befindet sich auf einem Schiff.

»Ch-Ch-Ch-Chiyoko …«, stammelt er leise.

»So heißt sie, was? Die, die plattgemacht wurde?«

Eine Männerstimme. ZUCKblinzelZUCKblinzelblinzelblinzel. Die Stimme ertönt über seinem Kopf, außerhalb seines Gesichtsfeldes. An hebt das Kinn, stemmt sich gegen die Gurte, die ihn unten halten. Rollt die Augen nach oben, bis der Schmerz in seinem Kopf fast unerträglich wird. Trotzdem kann er ZUCK kann er den Mann nicht sehen.

»Chiyoko. Hab schon überlegt.« An Liu hört einen Stift auf Papier kratzen. »Danke, dass Sie es mir endlich gesagt haben. Das arme Mädel wurde einfach plattgemacht, platt wie ein Pfannkuchen.«

Plattgemacht? Was ZUCKZUCK was redet blinzelblinzelblinzel was redet er da?

»S-S-Sagen Sie …«

»Was ist los? Irgendwas mit Ihrem Mund?«

»S-S-S-Sagen Sie nicht ihren N-N-Namen!«

Der Mann seufzt, tritt ein wenig vor. Jetzt kann An gerade eben den oberen Teil seines Kopfes erkennen. Es ist ein Weißer, gebräunt, mit braunem Haar, geraden, dünnen Augenbrauen und tiefen Falten auf der Stirn. Die Falten sind vorzeitig entstanden, nicht vom Alter. Sondern vom Stirnrunzeln. Vom Brüllen. Weil er oft die Augen zusammenkneift. Weil er britisch ist und viel zu ernst.

An weiß zuckBLINZEL weiß schon: Britische Sondereinsatzkräfte.

»W-W-W-Wo …« ZUCKZUCKZUCKblinzelZUCK. So schlimm ist ZUCK ist es seit ZUCKZUCKZUCK …

So schlimm ist das Zucken nicht mehr gewesen, seit Chiyoko ihn in jener Nacht im Bett allein gelassen hat. Sein Kopf peitscht vor und zurück, und seine Beine zittern und beben. ZUCKblinzelZUCKblinzel. Er muss sie blinzelblinzelblinzelblinzelblinzel sie sehen. Das wird ihn beruhigen.

»Ein unruhiger Bursche«, sagt der Mann und tritt an die Seite der Liege. »Sie wollen wissen, wo Ihre Freundin ist, ja?«

»J-J-J-J-J…«

An bleibt bei dem Laut stecken. Er sagt ihn immer wieder, Verstand und Mund hängen in einer Schleife fest.

»J-J-J-J-J-J-J…«

Der Mann legt An eine Hand auf den Arm. Die Hand ist warm. Der Mann ist magerer, als An erwartet hat. Seine Hände sind zu groß für seinen Körper.

»Ich habe auch Fragen. Aber wir können erst sprechen, wenn Sie sich im Griff haben.« Der Mann wendet sich ab, nimmt eine Spritze von einem Tablett. An erhascht einen Blick auf das Etikett Serum 591566. »Versuchen Sie, ruhig zu atmen.« Der Mann schiebt Ans linken Ärmel hoch. »Ist nur ein Piks.«

Nein!

ZUCKblinzelblinzelblinzelZUCKZUCK.

Nein!

»Jetzt ruhig atmen.«

An verkrampft sich. Er spürt, wie das, was ihm da gespritzt wird, durch seinen Arm fließt, bis ins Herz. In seinen Brustkorb, Hals, seinen Kopf. Der Schmerz lässt nach. Kühle Dunkelheit strömt in Ans Hirn, wie die Wellen draußen, die das Schiff sanft schaukeln, auf und ab und auf und ab.

An spürt, wie das Medikament ihn unter die Oberfläche zieht, in den dunklen Ozean hinunter. Er treibt. Er zuckt nicht mehr. Seine Augen BLINZELn nicht mehr. Alles ist still, und alles ist dunkel. Ruhig. Entspannt.

»Können Sie sprechen?« Die Stimme des Mannes hallt, als wäre sie in Ans Kopf.

»J-Ja«, sagt An ohne große Anstrengung.

»Gut. Sie können mich Charlie nennen. Wie heißen Sie?«

An öffnet die Augen. Sein Blickfeld ist an den Rändern verschwommen, aber gleichzeitig sind seine Sinne seltsam wach. Er kann jeden Zentimeter seines Körpers spüren. »Ich heiße An Liang«, sagt er.

»Nein, das stimmt nicht. Wie heißen Sie?«

An versucht, den Kopf zu drehen, kann es aber nicht. Man hat ihn noch stärker fixiert. Mit einem Gurt über der Stirn? Oder ist es das Medikament?

»Chang Liu«, probiert er es erneut.

»Nein, stimmt auch nicht. Noch eine Lüge, und ich erzähle Ihnen nichts über Chiyoko. Versprochen.«

An beginnt zu reden, aber der Mann legt ihm eine seiner großen Hände auf den Mund. »Das meine ich ernst. Wenn Sie mich noch einmal belügen, sind wir hier fertig. Keine Chiyoko mehr – und Sie gibt’s dann auch nicht mehr. Haben Sie das verstanden?«

Weil An kein bisschen den Kopf bewegen und auch nicht nicken kann, reißt er die Augen weit auf. Ja, er hat verstanden.

»Braver Junge. Also, wie heißen Sie?«

»An Liu.«

»Das ist besser. Wie alt sind Sie?«

»Siebzehn.«

»Wo kommen Sie her?«

»China.«

»Ach, tatsächlich? Und von wo in China?«

»Viele Orte. Zuletzt zu Hause in Xi’an.«

»Warum waren Sie in Stonehenge?«

An spürt ein Prickeln im Ohr. Ein kratzendes Geräusch ganz in der Nähe. Er kann es nicht richtig zuordnen.

»Um Chiyoko zu helfen«, sagt er.

»Erzählen Sie mir von Chiyoko. Wie hieß sie mit Familiennamen?«

»Takeda. Sie war die Mu.«

Eine Pause. »Die Mu?«

»Ja.«

»Was ist eine Mu?«

»Weiß nicht genau. Altes Volk. Älter als alt.«

Wieder hört An das Ritsch-ratsch-Geräusch. Er kann es ausmachen. Ein Lügendetektor. »Er lügt nicht«, sagt Charlie, aber nicht zu An. »Keine Ahnung, wovon er spricht, aber er lügt nicht.«

Kaum wahrnehmbar hört An eine leise, blecherne Stimme aus einem Ohrhörer. Da sieht und hört also noch jemand anders zu. Und gibt Charlie mit den großen Händen und der zerfurchten Stirn Anweisungen.

»Was spritzen Sie mir?«, fragt An.

»Ist topsecret, das Serum, mein Junge. Wenn ich Ihnen mehr verrate, muss ich Sie umbringen. Außerdem sind Sie noch nicht an der Reihe mit Fragen. Sie dürfen Ihre Fragen stellen, wenn Sie noch ein paar von meinen beantwortet haben, abgemacht?«

»Ja.«

»Wobei haben Sie Chiyoko in Stonehenge geholfen?«

»Erdschlüssel suchen.«

»Was ist der Erdschlüssel?«

»Stück vom Rätsel.«

»Von was für einem Rätsel?«

»Endgame-Rätsel.«

»Was ist Endgame?«

»Spiel für Ende von Zeit.«

»Und das spielen Sie?«

»Ja.«

»Chiyoko hat es auch gespielt?«

»Ja.«

»Sie war Mu?«

»Ja.«

»Was sind Sie?«

»Shang.«

»Was ist Shang?«

»Shang war Vater von meinem Volk. Shang ist mein Volk. Shang bin ich. Ich bin Shang. Ich hasse Shang.«

Charlie macht eine Pause, schreibt etwas auf einen Notizblock, den An nicht sehen kann. »Was macht der Erdschlüssel?«

»Weiß nicht. Vielleicht nichts.«

»Gibt es noch andere Schlüssel?«

»Ja. Er ist eins von drei.«

»Der Erdschlüssel war in Stonehenge?«

»Ich denke, ja. Nicht sicher.«

»Wo sind die anderen zwei Schlüssel?«

»Weiß nicht. Teil von Spiel.«

»Teil von Endgame.«

»Ja.«

»Wer leitet es?«

An kann nicht anders, er muss die Worte aussprechen. »Sie. Die Schöpfer. Die Götter. Haben viele Namen. Einer mit Namen kepler 22b hat uns von Endgame erzählt.« Das Serum, das Charlie ihm da injiziert hat, kitzelt die Synapsen in seinem Frontallappen. Was auch immer das ist, es ist gut.

Charlie hält An ein Bild vor die Nase. Es zeigt den Mann, dessen Erklärung nach der Verwandlung von Stonehenge über alle Bildschirme der Welt ging, nach dem Lichtstrahl am Himmel – über alle Fernseher, Smartphones, Tablets, Computer. »Haben Sie diese Person schon einmal gesehen?«

»Nein. Warten. Vielleicht.«

»Vielleicht?«

»Ja … Ja, ich schon gesehen. Das Verkleidung. Könnte kepler 22b sein. Oder nicht er – sie – es. Keine Person.«

Charlie nimmt das Bild wieder weg. Ersetzt es durch ein Foto von Stonehenge. Nicht eins von denen, wie es gewesen ist, eigenartig, uralt und geheimnisvoll, sondern von Stonehenge, wie es jetzt ist. Aufgebrochen und verändert. Ein unwirklicher Turm aus Stein, Glas und Metall, der sich 100 Fuß hoch in die Luft erhebt. Die uralten Steine, die den Ort ausmachten, liegen jetzt wie weggeworfene Bauklötze um den Fuß des Turmes herum verstreut.

»Erzählen Sie mir davon.«

Ans Augen weiten sich. Seine Erinnerung an Stonehenge hört auf, bevor das alles erschienen ist. »Ich weiß nicht davon. Darf ich fragen?«

»Das haben Sie gerade schon getan, aber ja.«

»Das ist Stonehenge?«

»Ja. Wie ist das passiert?«

»Weiß nicht. Kann mich nicht erinnern.«

Charlie lehnt sich zurück. »Das habe ich mir gedacht. Sie wurden angeschossen, erinnern Sie sich daran?«

»Nein.«

»Ein Kopfschuss. Ziemlich schwere Gehirnerschütterung. Ihr Glück, dass Sie eine Metallplatte da drin haben. Eine mit Kevlar beschichtete Metallplatte. Verdammt clever.«

»Ja. Glück. Andere Frage?«

»Klar.«

»Sagen Sie mir, was passiert ist?«

Charlie schweigt und lauscht der leisen Stimme in seinem Kopfhörer.

»Wir wissen es eigentlich nicht. Sie wurden angeschossen, das wissen wir. Mit einer speziellen Kugel, die nur ganz wenige Menschen je gesehen haben. Sie hielten das Ende von einem Seil fest, das zur Leiche eines jungen Mannes führte. Oder zu dem, was von seiner Leiche übrig war. Nur sein unterer Rumpf und die Beine waren noch da.«

An erinnert sich. Da war dieser Junge gewesen, dem er die Bombenleine umgelegt hatte. Da war der Olmeke gewesen. Und die Cahokianerin.

»Ihre Freundin, Chiyoko …«

»Nicht Namen sagen. Ihr Name jetzt mein Name.«

Charlie schaut An unverwandt an. Seine Augen sind blau, dann grün, dann rot. Das sind die Drogen, sagt An sich. Gute Drogen.

»Chiyoko«, sagt Charlie, er betont den Namen, kostet ihn auf eine Weise aus, die An schmerzt, »lag direkt neben Ihnen. Einer von den Steinen ist auf sie gekippt, als dieses Ding unter Stonehenge hochgekommen ist. Hat die unteren zwei Drittel ihres Körpers zerquetscht. Sie war sofort tot. Wir mussten sie vom Boden abkratzen.«

»Aber sie neben mir?«, fragt An. Seine Augenlider flattern. »Nachdem ich geschossen?«

»Ja. War Chiyoko diejenige, die Sie angeschossen hat?«

»Nein.«

»Wer war es?«

»Weiß nicht. Da waren zwei andere.«

»Diese zwei, hatten die Keramik- und Polymergeschosse?«

»Nicht sicher. Waffen waren weiß, also kann sein.«

»Wie heißen sie?«

»Sarah Alopay und Jago Tlaloc.« An hat Mühe, diese fremdländischen Namen auszusprechen.

»Spielen die beiden auch bei diesem Spiel mit?«

»Ja.«

»Für wen?«

Ans Lider flattern wieder. »F-F-Für ihre G-G-G-Geschlechter. Sie ist Cahokianerin. Er ist Olmeke.« Ans Kopf zuckt. Neuer Schmerz zischt über sein Rückenmark. Die Wirkung der guten Droge lässt nach. Charlie hält ihm ein neues Blatt Papier vors Gesicht. Zwei Passfotos. »Diese zwei?«

An kneift die Augen zusammen. »J-J-Ja.«

ZUCK.

»Gut.«

Charlie flüstert etwas Unverständliches in ein Mikrofon.

Piep. Piep-piep. Piep. Piep-piep.

Der Herzmonitor. Allmählich erkennt An auch wieder die anderen Einzelheiten im Raum. Die Ränder seines Gesichtsfeldes sind nicht mehr unscharf. Er taucht aus dem kalten, dunklen Wasser auf. Das ZUCKEN ist wieder da.

»Wo ist Ch-Chi-Chiyoko?«

»Darf ich nicht sagen, mein Freund.«

»Auf diesem Schiff?«

»Darf’s nicht sagen.«

»K-K-K-Kann ich sie sehen?«

»Nein. Von jetzt an haben Sie nur mich. Sonst niemanden. Nur Sie und ich.«

»Oh.«

Ans Kopf zuckt. Seine Finger tanzen.

»S-S-Sind …« Er verstummt, gibt auf, flüstert. »Das Spiel, Sie verstehen …«

»Was verstehe ich?«

»Sie alle sterben.« An sagt es so leise, dass Charlie es kaum hören kann.

»Was?« Charlie wendet ihm ein Ohr zu.

»Ihr alle sterben.« An formt die Wörter mit den Lippen, noch leiser.

Charlie beugt sich über ihn. Ihre Gesichter sind sich ganz nah. Charlie blinzelt, zieht die Stirn kraus. Ans Augen sind geschlossen. Sein Mund steht offen. »›Ihr alle sterben?‹«, fragt Charlie nach. »Haben Sie das ges…«

An beißt fest zu. Ein Geräusch wie berstendes Plastik kommt aus seinem Mund. Das kann Charlie ganz deutlich hören. Und dann atmet An aus, mit einem Zischen, als sei ein Ballon angestochen worden. Eine orangefarbene Gaswolke schießt hinter seinen Zähnen hervor und Charlie direkt ins Gesicht. Charlies Augen werden groß und füllen sich mit Tränen. Er kann nicht mehr atmen. Sein Gesicht brennt, seine Haut brennt überall, und seine Augen fühlen sich an, als würden sie schmelzen. Seine Lungen schrumpfen zusammen, und er stürzt nach vorn auf Ans Brustkorb. Es dauert nur 4,56 Sekunden, und danach macht An die Augen wieder auf.

»Ja«, sagt er, »I-I-I-Ihr alle sterben.«

An spuckt einen hohlen Kunstzahn aus. Er hat Jahre gebraucht, um sich an das darin enthaltene Gift zu gewöhnen. Der Zahn klackert über den Metallboden. Er hört die leise Stimme in Charlies Kopfhörer schreien. Zwei Sekunden später heult eine Sirene los, hallt durch den Metallrumpf des Schiffes. Die Lichter gehen aus. Flackernd leuchtet ein rotes Notlicht auf.

Der Raum schwankt und knarrt.

Ich bin auf einem Schiff.

Ich bin auf einem Schiff, und ich muss da runter.

Die Zukunft ist ein Spiel.

Die Zeit eine seiner Regeln.

Maccabee Adlai, Baitsakhan

Tizeze Hotel, Addis Abeba, Äthiopien

»Ich bin’s«, sagt Maccabee Adlai, der Spieler des 8. Geschlechts, in ein unauffälliges drahtloses Mikro. Er spricht eine Sprache, die auf der ganzen Welt nur 10 Menschen verstehen können.

»Kalla bhajat niboot scree.«

Diese Worte sind nicht übersetzbar. Sie sind älter als alt, aber die Frau am anderen Ende der Leitung versteht sie.

»Kalla bhajat niboot scree«, erwidert sie. Damit haben sie sich gegenseitig ihre Identität bestätigt.

»Ist dein Telefon sicher?«, fragt die Frau.

»Ich glaube ja. Aber ist auch egal. Das Ende ist so nah.«

»Die anderen könnten dich finden.«

»Scheiß auf die anderen. Außerdem«, Maccabee schließt die Finger um die Glaskugel in seiner Tasche, »würde ich sie kommen sehen. Hör zu, Jekaterina.« Maccabee hat seine Mutter seit jeher mit Vornamen angesprochen, auch schon als kleiner Junge. »Ich brauche etwas.«

»Was du willst, mein Spieler.«

»Ich brauche eine Hand. Mechanisch. Titan. Muss keine Haut haben.«

»Bionisch?«

»Wenn du das schnell hinkriegst.«

»Hängt von der Wunde ab. Ich weiß es erst, wenn ich sie sehe.«

»Wo? Wie bald?«

Jekaterina überlegt. »In Berlin. In zwei Tagen. Morgen simse ich dir eine Adresse.«

»Gut. Hör zu. Die Hand ist nicht für mich.«

»Okay.«

»Sie ist nicht für mich, und ich möchte, dass du etwas implantierst. Versteckt.«

»Okay.«

»Die Einzelheiten und den Code schicke ich dir über das verschlüsselte Botnetz M-N-V acht-neun.«

»Okay.«

»Wiederhole«, sagt Maccabee zu seiner Mutter.

»M-N-V acht-neun.«

»Die Infos kommen zwanzig Sekunden nach Ende dieses Anrufs. Der Ordner heißt Dogwood jeer.«

»Verstanden.«

»Wir sehen uns in Berlin.«

»Ja, mein Sohn, mein Spieler. Kalla bhajat niboot scree.«

»Kalla bhajat niboot scree.«

Maccabee legt auf. Er loggt sich in eine Ghost-App auf seinem Smartphone ein, startet sie und drückt Senden. Dogwood jeer ist unterwegs. Maccabee dreht das Telefon um, lässt die Batterie herausrutschen und wirft sie in den Mülleimer neben der Rezeption des Hotels. Er nimmt das Telefon in beide Hände, und während er zum Geschenke-Shop hinübergeht, bricht er es in der Mitte durch. Er tritt an einen Kühlschrank mit alkoholfreien Getränken und öffnet die Tür. Die Kälte schlägt ihm ins Gesicht. Maccabee saugt die Luft in seine Lungen. Das fühlt sich gut an.

Nach dem Ereignis wird die Welt kalt sein, daher ist es gut, dass er Kälte mag.

Er greift nach zwei Colas ganz hinten im Fach und lässt das Telefon dort fallen. Klappernd verschwindet es hinter den Ablagegittern.

Maccabee bezahlt die Colas und kehrt in die Junior Suite zurück.

Dort sitzt Baitsakhan auf der Couch, auf dem Rand des Polsters, mit geradem Rücken und geschlossenen Augen. Der Verband um seinen Handgelenksstumpf ist voller dunkler Blutflecken. Die Hand, die ihm geblieben ist, hat er zur Faust geballt.

Maccabee schließt die Tür. »Hab dir ’ne Cola geholt.«

»Ich mag Cola nicht.«

»Natürlich nicht.«

»Jalair mochte Cola.«

Ich wünschte, wir würden nicht mit dir spielen, sondern mit ihm, denkt Maccabee. Er öffnet seine Cola, es zischt leise, er trinkt ein Schlückchen. Die Flüssigkeit kitzelt seine Zunge und seine Kehle. Köstlich. »Wir fahren nach Berlin, Baits.«

Baitsakhan öffnet seine dunkelbraunen Augen und schaut Maccabee an. »Da bringt mich nichts hin, Bruder.«

»Doch.«

»Nein. Wir müssen den Aksumiten töten.«

»Nein.«

»Doch.«

Maccabee holt die Kugel aus der Tasche. »Das hat keinen Sinn. Hilal ist schon fast tot. Der läuft nicht mehr weg. Außerdem würde sein Geschlecht uns erwarten und ihn beschützen. Es wäre Selbstmord, jetzt dahin zurückzukehren. Besser, wir warten ab. Vielleicht stirbt er ohnehin und erspart uns die Reise.«

»Wen denn dann? Die Harrapa? Um Bat und Bold zu rächen?«

Maccabee nähert sich Baitsakhan und gibt ihm einen leichten Klaps auf den Stumpf. Er weiß, dass das wehtut, aber Baitsakhan saugt nur an den Zähnen. »Sie ist zu weit weg, Baits. Andere sind viel näher – andere, die den Erdschlüssel haben. Andere, die nach den Regeln spielen. Du erinnerst dich doch, was die Kugel uns gezeigt hat, oder?«

»Ja. Dieses Steinmonument. Dieses Mädchen namens Sarah, die sich den ersten Schlüssel geholt hat. Ja … Du hast recht.«

Maccabee denkt: Das kommt einer Entschuldigung näher als alles, was ich bisher von ihm gehört habe.

Baitsakhan nickt. »Hinter denen müssen wir her.«

»Freut mich, dass du mir zustimmst. Doch jetzt eins nach dem andern. Dein Arm muss in Ordnung gebracht werden.«

»Ich will das nicht. Ich brauch das nicht.«

Maccabee schüttelt den Kopf. »Willst du denn nicht wieder mit deinem Bogen schießen? Ein Pferd zügeln und gleichzeitig ein Schwert schwingen? Die Harrapa mit zwei Händen erwürgen statt mit einer?«

Baitsakhan legt den Kopf schräg. »Das ist unmöglich.«

»Schon mal was von Neuroprothetik gehört? Von intelligenten Prothesen?«

Baitsakhan runzelt die Stirn.

»Ich schwöre«, sagt Maccabee, »du und dein Geschlecht stammen aus einem anderen Jahrhundert. Damit meine ich, dass wir dir sozusagen die Hand reichen wollen. Eine bessere Hand als die, die du bisher hattest.«

Baitsakhan runzelt die Stirn. Er hält seinen Stumpf hoch. »Wo passieren solche Zaubereien?«

Maccabee lacht spöttisch. »In Berlin. In zwei Tagen.«

»Schön. Und dann?«

»Dann benutzen wir die hier.« Maccabee hält die Kugel so hoch, dass Baitsakhan sie nicht berühren kann.

»Damit finden wir die Cahokianerin und den Olmeken, und dann nehmen wir uns den Erdschlüssel.«

Baitsakhan macht die Augen wieder zu und holt tief Luft. »Wir jagen.«

»Ja, Bruder. Wir jagen.«

»Weiterhin gibt es wilde Spekulationen darüber, was in Stonehenge im Süden Englands vor sich geht. Inzwischen ist es fast eine Woche her, dass Einheimische gesehen haben, wie vor Tagesanbruch ein Lichtstrahl in den Himmel hochschoss. Dem war nur wenige Sekunden zuvor ein lautes, donnerndes Geräusch vorangegangen. Weil das Monument eine so geheimnisvolle Geschichte hat, wird alles Mögliche für die Vorgänge dort verantwortlich gemacht, von Außerirdischen über staatliche Geheimdienste bis hin zu Morlocks, einer Art unter der Erde lebender Troglodyten, Höhlenmenschen sozusagen – ja, Sie haben richtig gehört. Wir schalten jetzt um zu unserem Fox-News-Korrespondenten Mills Power, der sich, seit die Berichte hereinkamen, im nahe gelegenen Amesbury aufhält. Mills?«

»Hallo, Stephanie.«

»Können Sie uns etwas zu den Vorgängen sagen?«

»Hier herrscht das Chaos. Dieses malerische Dorf hier wird einfach überrannt. Lastwagen der Regierung fahren ständig nach Stonehenge und wieder zurück, und es wimmelt von Hubschraubern. Aus einer anonymen Quelle weiß ich, dass sogar drei Predator-Drohnen der CIA oder des MI6 in großer Höhe 24 Stunden täglich am Himmel sind und Wache halten. Die ganze Gegend wurde zum Sperrgebiet erklärt, und ein Zusammenschluss von britischen, französischen, deutschen und amerikanischen Behörden, eine starke Militärpräsenz der NATO, hat die Örtlichkeit sogar mit einer Art riesigem, weißem Zirkuszelt überdacht.«

»Also kann niemand erkennen, was diesen mutmaßlichen Lichtstrahl ausgelöst hat?«

»Richtig, Stephanie. Aber es war mehr als ein Lichtstrahl. Fox News hat vier verschiedene Smartphone-Videos von diesem Strahl erhalten, wie der folgende Film zeigt.«

»Wow … So was habe ich noch nie gesehen.«

»Ja. Es ist schockierend. In diesem Video sieht man, wie der Strahl hochschießt – anscheinend aus einem Bereich in Stonehenge, der als ›Fersenstein‹ bezeichnet wird. Aber wirklich seltsam ist, dass alle vier Smartphones im gleichen Moment die Aufnahmen stoppten, obwohl die Benutzer sich bemühten, weiterzufilmen.«

»Stonehenge ist – war – ja schon eine Touristenattraktion. Hat jemand – abgesehen von den Leuten, die diese Videos aufgenommen haben – direkt vom Ort des Geschehens berichtet? Gab es Augenzeugen?«

»Wie gesagt, man hält sich hier sehr bedeckt – im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt Gerüchte, dass Leute auf unabsehbare Zeit von den Behörden festgehalten werden und dass einige sich möglicherweise sogar auf der HMS Dauntless befinden, einem Zerstörer der Royal Navy, der zurzeit im Ärmelkanal unterwegs ist. Eine Militärsprecherin wollte diese Gerüchte natürlich weder bestätigen noch dementieren, da es sich um laufende Ermittlungen handelt. Wenn man nachhakt und wissen will, in welcher Angelegenheit denn genau ermittelt wird, ist anscheinend die Standardantwort – ich zitiere: ›unerwartete Entwicklungen in Stonehenge und der näheren Umgebung‹. Das ist alles. Mit Sicherheit wissen wir nur, dass die Öffentlichkeit nicht erfahren soll, was passiert ist – was auch immer es war.«

»Ja, das … das ist offensichtlich. Vielen Dank, Mills. Bitte halten Sie uns auf dem Laufenden, sobald Sie Informationen über neue Entwicklungen erhalten.«

»Mach ich, Stephanie.«

»Äh, als Nächstes berichten wir hier auf Fox News über die anhaltende Krise in Syrien, und dann folgt eine rührende Geschichte vom Ort des Meteoriteneinschlags in al-Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten …«

Aisling Kopp

Einreisebereich Halle 1, John F. Kennedy International Airport, Queens, New York

Aisling Kopp hatte die Einschlagstelle unterwegs gesehen, durch das kleine, ovale Flugzeugfenster. Eine schwarze, schüsselförmige Narbe mitten in der Stadt, die Zerstörung ist 10 Mal größer als die, die auf den Fotos nach dem Terrorangriff von Menschenhand im Jahr 2001 zu sehen ist.

Aber etwas daran war verändert.

Nicht, dass das Gebiet wieder aufgebaut oder sauber aufgeräumt worden wäre – das würde bei dieser ungeheuren Zerstörung Jahrzehnte dauern. Nein, das Zentrum des Kraters hatte sich verändert, die eigentliche Einschlagstelle. Anstelle von Asche und Trümmern befand sich dort jetzt ein sauberer, weißer Punkt.

Ein Zelt. Genau wie das Zelt, das inzwischen verdeckte, was sich in Stonehenge ereignet hatte. Das, was die Cahokianerin und der Olmeke der uralten keltischen Ruine angetan hatten.

Einer der besonderen Stätten ihres Geschlechts. Ein altes Machtzentrum der La-Tène-Kultur.

Benutzt. Weggenommen. Und zugedeckt.

Die weißen Zelte wirken auf Aisling wie Signale. Die Regierungen in Sorge, ahnungslos, tappen im Dunkeln. Wenn man die Schäden, die durch die Meteoriten und in Stonehenge entstanden sind, nicht reparieren kann, deckt man, bis alles geklärt ist, einfach Tücher darüber.

Doch sie werden nichts klären.

Wenige Minuten nachdem das Flugzeug im Bogen über den nördlichen Rand von Queens flog, sah Aisling noch etwas anderes. Etwas, das sie unbedingt sehen wollte. Dort in Broad Channel auf einem Landstück zwischen der Rockaway Peninsula und dem Festland: Pops Haus – ihr Haus. Den meergrünen Bungalow an der West 10th Road, der noch steht, selbst nachdem der Meteorit ein paar Meilen nördlich dort eingeschlagen und dabei 4.416 Menschen getötet hat, doppelt so viele verletzt. Es wäre noch sehr viel schlimmer gekommen, wenn er nicht auf einem Friedhof gelandet wäre. Die Verstorbenen haben die größte Wucht des Einschlags abbekommen.

Aber Aisling lebt noch. Und ihr Haus steht noch.

Für wie lange, das weiß sie nicht. Wie lange wird es den John F. Kennedy Airport noch geben? Oder die weißen Zelte der Regierung? Oder überhaupt irgendwas?

Aisling hat keine Ahnung.

Das Ereignis rückt näher. Sie weiß, wann es stattfinden wird, nicht aber, wo. Falls das Zentrum auf den Philippinen, in Sibirien, in der Antarktis oder auf Madagaskar sein wird, wird ihr Holzhaus mit dem Anlegesteg und dem Fischerboot es überstehen. New York wird überleben. Der Flughafen auch.

Aber wenn das Ereignis irgendwo im Nordatlantik stattfindet, werden turmhohe Wellen auf die Küste krachen, die Fluten werden ganze Straßenzüge wegspülen. Wenn das Ereignis auf dem Land zuschlägt, wenn es New York trifft, dann wird Aislings Zuhause in Sekundenschnelle in Flammen aufgehen.

Aisling ist überzeugt, dass es sich bei dem Ereignis, wo immer sein Zentrum auch sein wird, um einen Asteroideneinschlag handeln wird. Es muss so sein. Sie hat es in den alten Malereien über dem Lago Beluiso gesehen. Feuer von oben. Tod von oben, genauso wie Leben und Bewusstsein von oben. Ein Klumpen aus Eisen und Nickel, so alt wie die Milchstraße, wird in die Erde krachen und das Leben hier für Millennien verändern. Ein kosmischer Eindringling von riesigen Ausmaßen. Ein Killer.

Das ist es, was die keplers sind. Killer.

Und das bin ich auch. Theoretisch jedenfalls.

Langsam bewegt sie sich in der langen Schlange vor der Passkontrolle vorwärts.

Warum hat sie die Cahokianerin und den Olmeken nicht erschossen, als sie die Gelegenheit dazu hatte? Vielleicht hätte sie alles stoppen können. Vielleicht hatte sie für einen Augenblick den Schlüssel in der Hand, um Endgame zu beenden.

Vielleicht.

Sie hätte erst schießen und später Fragen stellen sollen.

Sie war schwach.

»Man muss stark sein, um Endgame zu gewinnen«, hat Pop, ihr Großvater, immer wieder gesagt. Noch bevor sie überhaupt als Spielerin infrage kam. »Stark in jeder Hinsicht.«

Um es zu stoppen, muss ich noch stärker sein, denkt Aisling. Ich werde nicht noch einmal schwach sein.

»Nächster bitte, Schalter einunddreißig«, sagt eine Inderin in einer kastanienbraunen Sportjacke und unterbricht damit Aislings apokalyptischen Gedankengang. Die Frau hat lachende Augen, dunkle Lippen und schwarzes Haar.

»Danke.« Sie lächelt die Frau an, lässt den Blick über die Leute in diesem weitläufigen Raum schweifen, über Menschen aus aller Herren Länder, in allen Gestalten, Größen und Hautfarben, reich und weniger reich. Aus diesem Grund hat Aisling die Einreisehalle auf dem JFK immer geliebt. In den meisten anderen Ländern sieht man, dass ein Menschenschlag vorherrschend ist, hier aber nicht. Ihr wird fast übel, als sie daran denkt, dass das alles verschwinden wird. Dass all diese Menschen mit ihren so unterschiedlichen Lebenswegen nicht mehr lächeln, lachen, warten, atmen oder leben werden.

Wann werden sie es herausfinden?, fragt Aisling sich. Wenn es so weit ist? In dem Sekundenbruchteil vor dem Ende? Stunden vorher? Wochen? Monate? Morgen? Heute?

Heute. Das wäre interessant. Sehr interessant.

Die Regierung würde noch viel mehr weiße Zelte brauchen.

Aisling erreicht den Schalter 31. Vor ihr ist noch jemand dran. Eine sportliche Afroamerikanerin in einem königsblauen Overall und mit riesiger, modischer Sonnenbrille.