Endlich im Knast! - Werner Siegert Ingrid Schumacher - E-Book

Endlich im Knast! E-Book

Werner Siegert Ingrid Schumacher

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Beschreibung

Die Idee zu dieser Kriminal-Satire verdanken wir einer Veranstaltung des Internationalen PresseClubs München über die Zustände in deutschen Alters- und Pflegeheimen. Dort verlautete u.a., dass angeblich ein Drittel der kranken Heiminsassen verhungern oder verdursten, weil sie in der Norm-Essenszeit nicht genügend Nahrung aufnehmen können und aus Angst, stundenlang auf nassen Windeln liegen zu müssen, zu wenig trinken. Und dafür müssen sie noch viel zahlen. In diesem Zusammenhang fiel die Bemerkung: "Da geht es ja den Insassen der Haftanstalten besser: Die bekommen auf Staatskosten drei regelmäßige Mahlzeiten, werden notfalls auf der Krankenstation behandelt und erhalten Therapien. Überdies dürfen sie arbeiten und sich etwas Geld verdienen und haben bei guter Führung Freigang. Wir fanden heraus, dass es sogar einen Seniorenknast gibt.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ähnliche


Werner Siegert Ingrid Schumacher

Endlich im Knast!

Kriminal-Satire

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Sri Sunray de la Moon, alias Odo Kratzmeyr

Momentaufnahmen

Das seltsame Verhör des Dr. Joannes Schäfer

Esmeralda Kleeblatt

Ein Akt der Barmherzigkeit

„Wer sagt denn, dass es Unsinn ist. Frauen, wissen Sie ....“

Dr. jur. Olav Schöbel, der Blechschädling

Der Zettel

Maximilian Meisenberger

„An Frau Emma Rotklee!“

Korbinian, der Fromme

Möbius recherchiert

Viva la Mamma!

Dr. Nikolaus von Nickelmann

Hieronimus - der Un-heiler

ISIS

ISIS

Das Ewig-Weibliche

Homo Allergicus

Esmeralda? Esmeralda!

Die Schere ist zerbrochen

Ins Herz getroffen

"Bekanntmachung"

„Ach, Müllerchen ..... ach, Heidi!

Teufelskralle oder Sex?

Jetzt wird es verdammt kitzlig!

Gernots Beichte

Durch Schlechtes zum Guten!

! Theater, Theater !

Unerwartet

Der Festakt und die Folgen

Possenspiel von Esmeralda Kleeblatt und Dr. Erich Nickelmann

Die Masken fallen

Der Triumph!

Bitte beachten Sie:

Über die Autoren

Der Fluch der Etrusker

Tod an der Rosenbank

Truski – das Römermädchen vom Reitstein

Der Tote, der vom Himmel fiel

Impressum neobooks

Prolog

Die Idee zu dieser Kriminal-Satire verdanken wir einer Veranstaltung des Internationalen PresseClubs München über die Zustände in deutschen Alters- und Pflegeheimen.

Dort verlautete u.a., dass angeblich ein Drittel der kranken Heiminsassen verhungern oder verdursten, weil sie in der Norm-Essenszeit nicht genügend Nahrung aufnehmen können und aus Angst, stundenlang auf nassen Windeln liegen zu müssen, zu wenig trinken. Und dafür müssen sie noch viel zahlen.

In diesem Zusammenhang fiel die Bemerkung:

„Da geht es ja den Insassen der Haftanstalten besser: Die bekommen auf Staatskosten drei regelmäßige Mahlzeiten, werden notfalls auf der Krankenstation behandelt und erhalten Therapien. Überdies dürfen sie arbeiten und sich etwas Geld verdienen und haben bei guter Führung Freigang.

Wir fanden heraus, dass es sogar einen Seniorenknast gibt.

Die Ganoven und die Autoren laden Sie zu einer ebenso spannenden wie humorvollen Lektüre ein und würden sich freuen, von Ihnen zu hören. Senden Sie bitte Ihre E-Mail an [email protected].

Die Autoren

Sri Sunray de la Moon, alias Odo Kratzmeyr

Wütend und verzweifelt riss Kratzmeyr das allerletzte Plakat von der Wand in seiner armseligen Dachwohnung, das ihm noch verblieben war. Nein, nein - er wollte nicht mehr, nie mehr erinnert werden an die Vergangenheit, an die Zeit, als er noch auf der Bühne stand, als talentierter Schauspieler, kleine Rollen zwar, immerhin in „Wallensteins Lager“, im „Wilhelm Tell“, in Shakespeares „Hamlet“ oder Lessings „Nathan“. Die große Welt des Theaters - und die brutale Welt des Vergessenwerdens, alles hatte er erlebt. Den Absturz ins Tingeldasein, die Dorfbühnen „mit dem bekannten Schauspieler Odo Kratzmeyr“. Bekannt? Unbekannt! - kein Mensch kannte ihn, alles nur Werbung. Ja, Werbung auch: Stundenlang proben für „RheumaWeg!“. „Deine Krücken wirfst du weg, nimmst du endlich RheumaWeg!“ Dazu er in Lederhosen mit Wanderstock vor einer papiernen Alpenkulisse.

Heute bekam er wieder mal, wie es seine Mutter immer bezeichnet hatte, „das arme Tier!“. Es regnete. Vermischt mit ersten Schneeflocken. Der Spätherbst zeigte sich nun von seiner grimmigen Seite. Die ach so goldenen Blätter, jetzt schlug es sie in den Matsch. Was sollte er anziehen? Den stockigen Mantel aus der Kleidersammlung vom letzten Jahr, inzwischen zwei Nummern zu groß? Die ausgelatschten Schuhe mit den Löchern in der Sohle? Hartz Vier - fürs arme Tier!

Odo Kratzmeyr war mal wieder auf dem Tiefpunkt angelangt. Wofür eigentlich noch leben? Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Die Künstlersozialversicherung - ach, wie toll hatte sich die Summe angehört, die er sich auf den Rat eines sogenannten Kapitalanlageberaters hatte auszahlen lassen! Investiert bei einer schweizer Bank! Was Sichereres gäbe es weltweit nicht! Und noch einen Fonds bei Lehman Brothers! Wenn die pleite gehen würden, hatte der Kapital-Fuzzy ihm in die Ohren geblasen, dann geht die ganze Welt pleite! Wie recht er doch hatte! Alles war weg! Alles! Und nun war Odo Kunde bei der „Tafel“, bei Caritas in der Kleiderkammer. Und dennoch: Es reichte einfach nicht. Er konnte nicht kochen, das hatte er nie gelernt, nicht mal Bratkartoffeln. Zweimal in der Woche ein Billigmenu im Wirtshaus - auch das reißt ein Loch ins Portemonnaie. Und nun noch die Kälte, die Nässe, der Regen, der auf das schräge Fenster in der Dachluke prasselte.

Odo Kratzmeyr war entschlossen, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Ins tiefe Treppenhaus runterspringen? Sich einfach zu weit übers Geländer beugen? Er würde den Hausbewohnern Arges zufügen. Vielleicht in voller Kleidung in den Eisbach springen, vorne am „Haus der Kunst“? Oder dort, wo die Surfer um Aufmerksamkeit buhlen? Sich auf die Mauer setzen und ab? Kopfsprung wäre das sicherste. Man schlägt auf und ist gleich bewusstlos.

So trippelte er durch den Englischen Garten, mutlos, ziellos, und sogar zu feige, um den letzten Schritt zu wagen. Genehmigte sich ab und zu einen Schluck aus einer letzten kleinen Wodkaflasche. Ein Hund, ein Wolfsspitz, raste auf ihn zu. „Der will nur spielen!“ rief eine Frau. Jetzt, bei diesem Wetter, waren ja nur noch Hundeliebhaber und Gesundheitsfanatiker unterwegs. Ach hätte er doch wenigstens einen Hund wie die Penner am Stachus, dachte er.

„Sheila! Sheila! Komm! Lass doch den Mann in Ruhe!“

Aber Sheila schnupperte an ihm rum, schaute zu ihm auf. Vielleicht verwechselte er ihn mit einem Bär, mit seinem Zottelbart und seinem ungebändigten, strähnig langen Haar. Einen Friseur hatte er sich schon monatelang nicht mehr geleistet.

„Ach lassen Sie doch! Wenigstens ein Hund, der sich für mich interessiert!“

„Odo?“ Die feine Dame richtete plötzlich ihr ganzes Augenmerk auf ihn. „Odo? Bist du es?“

Er erstarrte. Wer sollte ihn kennen? Wer sollte ihn erkennen? Diese etwas aufgetakelte, überschminkte Alte? So wie er aussah, war er doch für niemanden mehr zu erkennen?

„Odo Kratzmeyr? Der Kratzi? Ja, ist denn das die Möglichkeit? Odo, erkennst du mich nicht mehr? Esmeralda Kleeblatt! Dämmert es dir nicht?“

Ihm fiel es wie Schuppen von den Augen! „Esmeralda? Du? Hier im Englischen Garten? Und du .... wie hast du mich erkannt? Esmeralda!“ Er wollte ihr um den Hals fallen. Aber so dreckig, nach Fusel stinkend, ungewaschen, unrasiert, da schreckte er doch im letzten Moment zurück.

„Ich habe deine Stimme erkannt! Die habe ich noch genau im Ohr!“

„Nun, Herr Wachtmeister?“ fragt Franziska .... und wie geht es weiter?

„Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, wenn ich wieder komme, soll ich auch geputzter kommen?

„Komm er, wie er will, Herr Wachtmeister; meine Augen werden nichts wider ihn haben. Aber meine Ohren werden desto mehr auf der Hut gegen ihn sein müssen!“

„Minna von Barnhelm! Siehst du, meine Ohren waren auf der Hut! Wann war’s? Hundert Jahre her? Dein Frauenzimmerchen, diese verschmitzte Tonlage, die werde ich nie vergessen!“

„Aber ich würde gern geputzter wiederkommen!“ Kratzmeyr schämte sich für sein Aussehen, jetzt, vor der Esmeralda, vor Franziska, vor dem Frauenzimmerchen.

„Odo, dir geht’s nicht gut, nicht wahr? Du bist in Not?“

„Kleeblättchen, ehrlich gesagt, mir geht’s beschissen. Und das ist noch kein Ausdruck!“

„Ich sehe es dir an, mein lieber Freund, Wachtmeisterchen! Ich glaube, es wird das Beste sein, ich nehme diesen Wachtmeister erstmal ins Schlafittchen und schleppe ihn zu mir ab.“

Und so geschah es. Dass sie sich nicht schon viel früher getroffen hatten, grenzte an ein Wunder. Sie wohnten ja kaum drei Straßenzüge von einander entfernt in Schwabing.

Es wurde ein vergnügter Abend. „Unverhofft kommt oft!“ dachte Kratzmeyr, als er sich durchgerungen hatte, Esmeralda, sein Kleeblättchen, darum zu bitten, bei ihr duschen zu dürfen.

Als er dann nach einer halben Stunde aus dem Badezimmer kam, die Haare und den Bart gewaschen und trocken geföhnt, sah er aus wie ein Waldschrat!

„Nein, Odo, weißt du, wie du aussiehst? Wie ein Guru! Wenn ich dir noch deine wunderbaren silbergrauen Haare in einen langen Zopf flechte, könntest du gut einen Geistheiler abgeben.“

Esmeralda kredenzte einen Dornfelder nach dem anderen. Sie schwelgten in Erinnerungen! Emilia Galotti! Nathan! “Weißt du noch ....?”

„Und was machst du jetzt!“

„Ich bin am Ende! Ich stecke ganz tief in der Sch....! Hartz IV! Essen von der Tafel! Kleidung von Caritas! Ich bin schon betteln gegangen, traue ich mich kaum zu gestehen! Und in der Lunge habe ich es wohl auch. Aber ich kann ja zu keinem Arzt gehen!“

„Das müssen wir ganz, ganz schnell ändern!“

„Wie willst du das ändern? Ich bin 73! Das Arbeitsamt hat mich längst ausgesteuert! Mit 73, wenn einer nicht Beamter ist oder sonstwie versorgt, dann landet man in der Gosse. Man ist der letzte Dreck!“

„Nicht mit Esmeralda Kleeblatt, mein lieber Kratzi! Ich habe da nämlich eine ganz, ganz tolle Idee. So einer wie du, für den weiß ich was. Bitte lach’ nicht, es ist keine Schnapsidee: Du musst in den Seniorenknast!“

„Kleeblättchen, du spinnst! Was soll denn das sein? In den waas?“

„Das ist eine Sonderstrafanstalt für alte Männer wie dich, zumal wenn sie nicht gesund sind! Wenn du da erstmal drin bist, hast du auf Staatskosten ausgesorgt für dein ganzes Leben: Vollpension, Krankenpflege, Psychotherapie, Fango und Massage, kreatives Schaffen, Feldenkrais, und du kannst dir noch was dazu verdienen für Zigaretten oder so! Ich habe da schon jemanden untergebracht!“

„Da muss man doch aber tüchtig was verbrochen haben! Kaufhausdiebstahl, Zechprellerei, Schwarzfahren, Tankstellenüberfall - das alles reicht ganz bestimmt nicht. Dafür kriegt man nur Bewährung. Da muss man schon jemanden umbringen!“

„Na ja, nicht so direkt, eher indirekt!“ Esmeralda schenkte ihm noch einen Dornfelder ein.

„Wie das?“

„Also ich sagte doch schon: Du siehst aus wie ein Guru! Wie ein indischer Geistheiler! Da liegst du voll im Trend! Wer geht zum Geistheiler? Die Verzweifelten! Die Austherapierten! Denen kein Arzt und keine Wunderklinik mehr helfen können. Die sterben sowieso! Homöopathie? Liegt auch im Trend, weil die Leute Angst haben vor der Chemie! Nichts hat geholfen, keine Pillen, keine Spritzen, nicht mal Globuli. Also letzte Ausfahrt: Geistheiler! Handauflegen! Das ganze Brimborium! Du musst natürlich einen anderen Namen bekommen, aber das bist du ja von der Schauspielerei gewöhnt. Warte mal, ich habe mal bei einem Kabarett mitgespielt. Da haben wir so einen Guru auftreten lassen, der hieß ....“

Esmeralda wühlte in einer Schublade. „Hier ist es, das Programm von damals, der hieß ‚Sir Sunray de la Moon“ und war so ein Management-Guru. Der hat ‚Management by Stardust’ verkauft, Stardust wie Sterntaler, die er vom Himmel herab versprochen hat. Den taufen wir jetzt ganz geringfügig um. Du bist ab sofort ‘S r i Sunray de la Moon’! Toll! Super! Wir hüllen dich in wallende weiße Gewänder! Eine großartige Rolle für dich, mein lieber Kratzi!“

„Aber ich habe sowas noch nie gemacht!“

„Kein Problem, ich kenne da eine alte Dame, die kennt sich damit aus. Da gehst du einfach hin, sagst, du hättest immer so Kopfweh, Tabletten helfen nicht, und das zieht runter bis sonstwohin, unerträglich, du wolltest dir schon das Leben nehmen und sie sei nun deine letzte Rettung. Das zahle ich für dich!“

„Und womit verdienst du dein Geld, Kleeblättchen? Immer noch Schauspielerei, Regie? Wenn ich mich hier so umsehe, geht es dir ja nicht schlecht, schöner Garten hinter dem Haus, sogar mit Springbrunnen und Putten. Und diese wunderbare Sheila, der wir unser Wiedersehen zu verdanken haben!“

Die Hündin hatte sich ihm zu Füßen hingekuschelt.

„Na ja, mit der Schauspielerei sieht es auch eher mau aus. Aber Regie führe ich in gewisser Weise. Nicht mehr am Theater, sondern im richtigen Leben. Da lehre ich arme Teufel wie dich, die Leute an der Nase herumzuführen und dabei gutes Geld zu verdienen.“

„.... sucht nur die Menschen zu verwirren, sie zu befriedigen ist schwer!“

„Ja, ja, genau, der alte Goethe wusste schon Bescheid, und wie geht es weiter, das war zwar keine Frauenrolle, war aber stets meine Maxime:

„Lasst uns auch so ein Schauspiel geben!

Greift nur hinein ins volle Menschenleben!

Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt,

und wo ihr’s packt, da ist es int’ressant!“

Zwei arbeitslose Kolleginnen aus alten Zeiten sind jetzt als Märchenerzählerinnen unterwegs, als Vorleserinnen für einsame Menschen oder auch private Feiern. Da brauchst du nur wenige Requisiten, eine Klangschale, ein paar Zimbeln, eine Kerze, am besten noch ein türkisches Weihrauchkesselchen, eine dunkelrote Samtdecke - und fertig ist das Theater. Wird gut bezahlt!“

„Und was hast du davon?“

„Die verkaufen nebenher mein Heilwasser für mich. Teures Esmeralda-Heilwasser, angeblich feinstofflich angereichert, frei von sämtlichen Giften, die Atome durch Magnete und die Energien meiner Hände besonders energetisch ausgerichtet! Ist alles Quatsch, aber wer sich Märchen vorlesen lässt, lässt sich auch was vorgaukeln. Kannst du auch machen. Fülle ich hier im Keller ab, tolles Etikett drauf. Neun Euro die Flasche! Davon bekomme ich die Hälfte. Schwarz natürlich. Läuft wie geschmiert!“

„Und wenn es nicht hilft?“

„Würde doch niemand zugeben, dass er so doof war, daran zu glauben! Außerdem: feinstofflich ist so und so nicht nachweisbar!“

Esmeralda und Odo gerieten ins Schwärmen. Die Stunden flossen nur so dahin.

„Ich weiß auch schon, wie du dich vermarktest. Wir drucken Zettelchen, keine Visitenkarten, das wäre nicht geheimnisvoll genug, und du bist ja dann sooo bescheiden. Da schreiben wir drauf:

>Austherapiert?<

groß oben drüber. Als Blickfang!

Sri Sunray de la Moon reaktiviert Ihre durch die Pharmaindustrie zerstörten Lebensenergien! Kontakt nur über Esmeralda!“

„Und wie willst du die Zettelchen unter die Leute bringen?“

„Das ist ganz leicht. Da kenne ich einen Wirt im Glockenbach-Viertel. Und ein paar Szenekneipen in Haidhausen. Und in Bogenhausen klemmen wir die unter Scheibenwischer. Die finden mich schon!“

„Und wo soll ich meine Praxis aufmachen? Da braucht man doch Räume!“

„Da habe ich eine fabelhafte Idee: Eine Freundin von mir ist für ein Jahr in Indien. Die hat ein Atelier, nicht weit von hier. Das eignet sich ganz prima, weil die Fenster und Wände rundum mit Seidenmalerei verhängt sind. Wenn man da durch geht, dann wabert und wallt es! Kratzi - das wird eine tolle Sache!“

Trotz der dritten Flasche Dornfelder war Odo allerdings immer noch nicht klar, wie er nun in dieser Rolle Menschen um die Ecke bringen solle.

„Pass auf! Das geht so! Du versprichst ja, deine Patienten zu entgiften. Also lässt du dir gleich zu Anfang ein Dokument unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, mit Beginn der Behandlung sämtliche Medikamente sofort abzusetzen und wegzuwerfen! Und was passiert dann? Na klar - die sterben. Früher oder später sowieso. Die sind ja austherapiert. Natürlich kommt das raus. Das wollen wir ja. Du wirst verurteilt und kommst in den Seniorenknast. Basta! Ich hab’ da meine Verbindungen hin!“

Es ging auf Mitternacht zu. Kratzmeyr zog es überhaupt nicht in seine kalte Dachkammer. Esmeralda hatte überdies seine Schmutzwäsche längst in die Waschmaschine gestopft. Nicht ohne Hintergedanken. Im Bademantel würde er ihr nicht entkommen.

Als sie ins Schlafzimmer gingen, hatte Odo bemerkt, dass in den Nachttischlampen bereits Stromsparröhrchen zu sehen waren.

„Soll ich dir mal was zeigen, Kleeblättchen? Mach’ mal das große Licht aus. Guck’ mal, wenn ich mit meinen Händen so eine Stromsparbirne umfasse, beginnt sie zu flackern! Ohne eingeschaltet zu sein!“

„Mensch Kratzi, das ist ja Wahnsinn! Wenn du das deinen Patienten vorführst, dass du mit deinen Energien Lampen zum Leuchten bringen kannst, dann sind die sowas von überzeugt!“

„Aber das kann jeder!“

„Kratzi, erst nach der dritten Behandlung lässt du’s deine Patienten selber machen, und dann kannst du es auf deine Behandlung zurückführen!“

Als Odo Kratzmeyr am nächsten Morgen neben Sheila und Esmeralda aufwachte, rieb er sich seine Augen und murmelte vor sich hin:

„Das kann ja wohl alles gar nicht wahr sein!“

Momentaufnahmen

„Oh, nein!“ rief er, als er die Tasse umstieß und sich ihr Inhalt - eine lauwarme, sirupartige Flüssigkeit aus Pulverkaffee, Süßstoff und Kondensmilch - langsam von dem kleinen Tisch hinuntertropfend auf den Teppich ergoss.

Der schwarze Labrador, der bisher völlig entspannt zu seinen nackten Füßen gelegen hatte, erhob sich langsam und begann schmatzend das Gebräu aufzulecken.

„Warum musst du auch ausgerechnet Rinaldo heißen?“ wandte sich Kommissar Maurice Elsterhorst an seinen Hund. Der warf ihm einen Blick zu, der besagte:

„Auf eine so blöde Frage habe selbst ich keine Antwort.“

Elsterhorst richtete die Tasse auf und stellte sie mit Wucht auf den Unterteller, der daraufhin beleidigt zersprang.

„Warum kannst du nicht einen ganz normalen Namen haben? Rolf oder Hugo oder Rex? Oder meinetwegen auch Beethoven?“

Rinaldo legte den Kopf auf seine Pfoten und blickte ergeben in eine unbestimmte Ferne.

„Es hat keinen Zweck auch nur darüber nachzudenken“, bedeutete das. „Wenn er in dieser Stimmung ist, ist sowieso alles vergeblich.“

An diesem schönen Morgen befand sich Elsterhorst nämlich genau in dem Zustand, in den er immer verfiel, wenn er einen Fall abgeschlossen hatte und eigentlich ein paar Tage wohlverdienten Urlaubs genießen könnte.

„Rinaldo 1“! Das war doch eine Art Fehlkonstruktion von Anfang an. In dem Hirn eines Irren entstanden, der den Labrador in London neben einer Leiche abgelegt hatte.

Und dennoch! Durch diesen Hund und seinen verrückten Namen war es ihm gelungen, in jenes Haus zu kommen, in dem sie gefangen gehalten wurde: Rinaldo Road 1.

Elsterhorst schloss die Augen.

Er sah sie vor sich – Judith – hörte ihre Stimme: „Ich wusste doch, dass du mich finden würdest, Maurice!“

Er riss sich los von dem Bild, das ihn immer wieder heimsuchte.

Vergeblich!

Sein Blick fiel auf ein gerahmtes Foto, das in einem Bücherregal stand: Ein hoch aufgeschossener Junge, der ein kleines, dunkelhaariges Mädchen an der Hand hielt. Auf seinem Rücken hing ein Schulranzen, wie es sie vor vielen Jahren einmal gegeben hatte. Das Kind schaut zu dem Jungen auf.

Gibst du mir Dein Wurstbrot, Maurice? Ich habe solchen Hunger!

Natürlich hatte er ihr sein Brot gegeben und ebenso selbstverständlich hatte er ihr auch den Ranzen zur Schule getragen, so wie er immer getan hatte, worum sie ihn bat.

Er legte das Foto mit dem Glas nach unten auf das Bord. Dann nahm er das Messingtier, das daneben stand, in die Hand und sah es Hass erfüllt an.

Gepard, Leopard, was auch immer es war. Verflucht noch außerdem! Damit hatte es angefangen! Seinetwegen hätte das Ding nie gefunden werden müssen. Er schleuderte es in eine Ecke des Zimmers.

Das erweckte Rinaldo zum Leben. Wie ein Blitz rannte er hin, nahm das unkaputbare Tier behutsam ins Maul und brachte es – um Belohnung bettelnd – zu Elsterhorst zurück.

„Apportieren! Das ist aber auch alles was du kannst.“ Knurrte Elsterhorst.

„Aber was soll ich mit dem?“

Noch während er dem Hund sein angebissenes Croissant gab, sah er sich wieder neben dem Taxi in Soho stehen.

„Auf Wiedersehen, Maurice. Ich bleibe hier!“

Aus. Schluss. Ende.

„Komm, Rino“ sagte er zu dem Hund, „wir gehen!“

Er angelte seine Socken und Schuhe unter dem Tisch hervor und zog sie an, während Rinaldo das Croissant in die Kaffeepfütze legte und aufgeregt an der Türe hinauf sprang.

Ab in den Englischen Garten.

Dort gab es keine Geparden, Leoparden oder was sonst auch immer! Da war er mit Judith nie gewesen. Also auch keine Stimmen aus der Vergangenheit. Nur Rinaldo blieb ihm natürlich, den er in einem Anfall von Wahnsinn in London adoptiert hatte, nur um nicht allein heimfahren und ankommen zu müssen.

„Du kannst schließlich nichts dafür“, sagte er zu dem Hund, als er in die U-Bahn einstieg.

Das sah Rinaldo genau so und legte sich friedlich unter den Sitz.

Er zerrte an der Leine, als sie an der Münchner Freiheit ausstiegen. Elsterhorst wäre fast mit einem Mann zusammengestoßen, der auch gerade die Straße überquerte.

Warum der ihm auffiel, konnte er sich zunächst nicht erklären. Es gab dort viele exzentrische Gestalten und eigentlich nahm man sie im Einzelnen schon gar nicht mehr wahr.

Dieser Mann, Elsterhorst nahm an, Elsterhorst nahm wie selbstverständlich an, dass es ein alter Mann war, trug einen ziemlich langen schwarzen Mantel. Sein graues, strähniges Haar fiel ihm bis auf die Schulter. Als ein Windstoß es noch mehr verwirrte, als es ohnehin schon war und er es mit den Händen richten wollte, sah man, dass der Mann Handschuhe trug, weiße Handschuhe. Er ging vornüber gebeugt mit weit ausholenden Schritten.

Der Gang war es, der Elsterhorst faszinierte: Er wirkte unnatürlich, fast wie der einer Comicfigur im Film.

Elsterhorst wollte ihn schon überholen, um ihm ins Gesicht sehen zu können, tat es aber dann doch nicht. Der Mann schritt so schnell aus, dass es aufgefallen wäre, und er nahm den gleichen Weg, den der Kommissar mit Rinaldo eingeschlagen hatte. Der sah auch nicht ein, dass er seine Route ändern sollte. Also folgte er ihm bei sich ständig vergrößerndem Abstand.

Dann sah er ihn wieder - in einiger Entfernung auf einer Bank sitzen.

Ein anderer jüngerer Mann, der eine alte Frau im Rollstuhl vor sich her schob, schien mit ihm zu sprechen. Wieder konnte Elsterhorst sein Gesicht nicht erkennen, weil er den Kopf geneigt hielt.

Dann verabschiedete sich der Jüngere, nachdem er der Frau aus dem Rollstuhl geholfen und sie bequem auf der Bank untergebracht hatte.

Der alte Mann rührte sich nicht.

Selbst als Rinaldo zu der Bank lief und erst ihn, dann die Frau ausgiebig beschnüffelte, zeigte er keine Reaktion.

Die Frau grüßte zu den beiden hinüber.

„Das ist schon in Ordnung so“, sagte sie. „Der ist immer so schweigsam.“

Daraufhin machte sich Elsterhorst auf zu einem etwas weiteren Spaziergang. Da ihn die Neugierde plagte, wählte er jedoch den gleichen Rückweg.

Der alte Mann war inzwischen weg. Rinaldo aber lief gleich zu der Bank. Elsterhorst folgte ihm und ging zu der alten Frau, die seltsam starr da saß und redete sie an.

Als er sie berührte, fiel sie zur Seite.

Er erschrak: Die Frau war tot.

Mehr aus Gewohnheit, denn weil er glaubte, es brauchen zu können, hatte er sein Handy in der Tasche. Sofort rief er den Notarzt und das nächste Polizeirevier an, sollten die doch die Sache übernehmen. Er hatte schließlich Urlaub und immer noch diese blutige Jagd nach dem Goldenen Geparden im Kopf. Sowas schüttelt man nicht einfach ab.

Inzwischen hatte Rinaldo, der verbotenerweise nun ohne Leine herumlief, die Jagd nach einem Kaninchen oder Eichhörnchen aufgenommen.

Als er zurückkam, legte er Elsterhorst einen weißen Handschuh vor die Füße, den dieser mit einem Papiertaschentuch in Empfang nahm.

Das seltsame Verhör des Dr. Joannes Schäfer

Obwohl Elsterhorst so tat, als sei es eine Katastrophe, dass man ihn während seines Urlaubs aufs Präsidium bat, hätte ihm nichts Besseres passieren können.

Sein Privatleben sei in Gefahr, fuhr er den Kollegen Lothar Velmond am Telefon an, der natürlich wusste, dass Elsterhorst ein solches gar nicht pflegte. Er müsse aber kommen, drängte ihn Velmond, wegen des Vorfalls im Englischen Garten heute morgen. Der Mann habe sich selbst gestellt. Man bitte ihn sehr, seine persönlichen Termine zu verschieben.

„Ich werde es versuchen“, log Elsterhorst mit knurriger Stimme und machte sich nach einer angemessenen Pause voller Spannung mit Rinaldo auf den Weg. Bevor er das Verhörzimmer betrat, wurden ihm noch einige sehr überraschende Informationen ausgehändigt.

Ja, das war der Mann. Elsterhorst erkannte ihn sofort. Es waren die Haare, die er sich, als er die Tür öffnete, mit dieser fahrigen Bewegung zurückstrich, obwohl sie sich bei geschlossenen Fenstern wohl kaum bewegt hatten. Die etwas gebeugte Haltung, die er auch im Sitzen beibehielt, ließen ihn keine Sekunde an der Identität des Mannes zweifeln, den er am Morgen gesehen hatte.

Der Mann erhob sich. Er trug einen teuren Anzug. Ein Markenhemd und die dezent gemusterte Krawatte bewiesen sowohl einen guten Geschmack wie die Zugehörigkeit zu einer Schicht, deren Mitglieder normalerweise nicht mordend durch die Parkanlagen von München ziehen. Er erhob sich halb von seinem Stuhl und hielt Elsterhorst eine lange knochige Hand entgegen.

„Gestatten, Dr. Schäfer! Sehr erfreut, Herr Kommissar, dass Sie gekommen sind. Sie sind also mein Zeuge.“

Die senkrechten Falten seines Gesichtes ließen ein echtes Lächeln nicht zu und in seinen Augen leuchtete etwas auf, was man bei anderer Gelegenheit als Ironie hätte deuten können.

Nach kurzem Zögern ergriff Elsterhorst widerwillig die dargebotene Hand. Lieber hätte er den merkwürdigen Mann gleich aufgefordert, wieder Platz zu nehmen.

„Also?“

„Was heißt da ‚also’? Ich habe die Frau umgebracht. Ich erstatte Selbstanzeige!“

„Warum?“

„Was warum?“

„Warum haben Sie sie umgebracht?“

„Muss man für alles ein Motiv haben?“

„Für einen Mord hat man meistens eins. Wie heißt sie?“

„Martha Klein.“

„Woher kannten sie die Frau?“

„Diese Frage muss ich nicht beantworten.“

„Jetzt noch nicht. Später schon. Wie haben Sie Martha Klein getötet?“

„Na, hören Sie mal! Haben Sie denn hier keinen Gerichtsmediziner, der die Todesursache feststellt?“

„Doch, haben wir! Aber die Frau lebt! Sie hat nur eine Weile ziemlich fest geschlafen. Außerdem heißt sie nicht Martha Klein, sondern Esmeralda Kleeblatt und ist Schauspielerin!“

Dr. Schäfer war sprachlos.

Elsterhorsts Ton wurde schärfer. Das ist nicht nur grober Unfug, sondern Irreführung der Staatsgewalt, Vortäuschung einer Straftat. Dafür kommen Sie unter Umständen für mehrere Jahre ins Gefängnis. Mit etwas Glück bekommen Sie Bewährung!“

Schäfer war aufgesprungen.

„Nein!“ rief er. „Nein! Es war versuchter Mord. Ist es meine Schuld, dass das Zeug nicht wirkte? Hören Sie, ich bin nicht irgendwer! Ich bin 77 Jahre alt. Ich war Anwalt und kenne meine Rechte!“

„Die da wären?“

„Ich habe alles in meiner Macht stehende getan, um diese Frau zu töten. Dass es nicht geklappt hat, kann mir nicht angelastet werden. Ich habe ein Recht auf mindestens zehn Jahre Knast. Ich bestehe darauf.“

„Sie unterstehen der Rechtsprechung wie jeder andere.“

„Und was …“, schrie Schäfer und stieß den Tisch um, der ihn von Elsterhorst trennte, „was ist, wenn ich Sie jetzt mit bloßen Händen erwürge? Ich bin gemeingefährlich, ich gehöre in den Knast, in den Seniorenknast!“

Er hatte seine knochigen Hände noch nicht um Elsterhorsts Hals gelegt, da sprang schon Rinaldo an ihm hoch, zwei Polizisten stürmten herein und überwältigten den alten Mann. Das feine Tuch ging in Fetzen.

„Sie werden sich noch wundern!“ rief er laut.

Und das tat Elsterhorst auch.

Esmeralda Kleeblatt

Nein, so etwas hatte Elsterhorst noch nie erlebt. Da wird er Zeuge eines Verbrechens, das wahrscheinlich gar keines ist. Er alarmiert die Polizei und macht alle Pferde scheu, kann den mutmaßlichen Täter genau beschreiben und sieht, wie das Opfer abtransportiert wird.

Und plötzlich gibt es weder Opfer noch Täter? Soweit so gut?

Und dann sitzt da ein ehemaliger Anwalt, hat sich selbst in Polizeigewahrsam begeben und besteht darauf, die Tat begangen zu haben. Er wird sogar handgreiflich. Sein Ziel: Er will in den Knast, unbedingt und zwar auf unbestimmte Zeit. Irgendetwas stimmt da nicht. Und er würde es herausbringen. Also machte er sich auf den Weg, um das angebliche Opfer, diese Esmeralda Irgendwas, aufzusuchen.

Ihre Adresse hatte er im Krankenhaus erfahren – mit Hilfe seines Dienstausweises und ein paar erfundenen Ausreden. Er hatte sich entschlossen, diesen Ausflug als privaten Besuch zu verbuchen. Also konnte er auch allein dorthin gehen.