Endstation Salzhaff - Ulrich Hammer - E-Book

Endstation Salzhaff E-Book

Ulrich Hammer

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Beschreibung

Unheimliche Begegnungen in der Kroy. Rechtsmedizin, Staatsanwaltschaft und Polizei arbeiten in Rostock intensiv an zwei Vermisstenfällen. Plötzlich ist auch ein Mitarbeiter des in Mordsachen ermittelnden Fachkommissariates verschwunden. Der alte Freund von Rechtsmediziner Dr. Brandenburg (BRB), Kommissar Tengler, kehrt von seiner Kajak-Tour zur Insel Poel nicht zurück. BRB wird parallel von dem ehemaligen Häftling Frank Semper bedrängt, der zehn Jahre wegen Totschlags einsaß und nun verdächtigt wird, mit den Vermisstenfällen zu tun zu haben. Zwischen ihm und BRB entwickelt sich eine spannungsgeladene Beziehung. Die zwei Vermissten haben eine Gemeinsamkeit: Beide waren an der Untersuchung eines weiteren Falles beteiligt, der vor einigen Jahren hohe Wellen schlug. Ein damals Verurteilter beging in der Haft Suizid. Welche Rolle spielte Kommissar Tengler? Viele der vordergründig klar scheinenden Verhältnisse müssen in Frage gestellt werden und erleben überraschende Wendungen.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ulrich Hammer

ENDSTATIONSALZHAFF

Inhalt

Prolog

Kapitel 1 Kamptheater Bad Doberan

Kapitel 2 Das Fachkommissariat 1

Kapitel 3 Chili con Carne

Kapitel 4 Amtsgericht Rostock

Kapitel 5 Die »versenkbare« Mühle von Kröpelin

Kapitel 6 Gesucht

Kapitel 7 Die Rechtsmedizin

Kapitel 8 Vermisst

Kapitel 9 Hello again

Kapitel 10 In der Kroy

Kapitel 11 Die Staatsanwaltschaft

Kapitel 12 E-Mail für Dich

Kapitel 13 Kroy reloaded

Kapitel 14 »Was haben wir?«

Kapitel 15 Semper

Kapitel 16 Obduktion Tengler (58)

Kapitel 17 ROSTOCKER 7

Kapitel 18 Butter bei die Fische

Kapitel 19 Von null auf hundert

Kapitel 20 Zurück in Groß Klein

Kapitel 21 Tengler reloaded

Kapitel 22 Neue Nachricht

Kapitel 23 Im Ursprung

Kapitel 24 Alte Freunde

Kapitel 25 Gestrandet

Kapitel 26 Schadensmeldungen

Kapitel 27 Literatur

Kapitel 28 Abschied

Kapitel 29 Noch einmal in die Literatur

Kapitel 30 Rerik

Kapitel 31 Der technische Sachverständige

Kapitel 32 Auf der Suche nach Redlock

Kapitel 33 Neuer Friedhof Rerik

Kapitel 34 Fernabfrage

Kapitel 35 Bleib bei mir

Kapitel 36 EVA im FK 1

Kapitel 37 Dienstreise

Kapitel 38 DNA-Labor

Kapitel 39 Festnahme

Kapitel 40 Anfang und Ende

Epilog

Danksagung

UNSER AUTOR

Prolog

Wir könnten den Roman mit den Zeichen der Corona-Pandemie versehen und die Menschen mit Masken und Abstandsregeln agieren lassen. Da wir diese Zeit aber überwunden haben wollen, lassen wir es. Die Geschichte soll in einer »ganz normalen« Zeit spielen, mit all dem, was unseren Alltag ausmacht.

Es war einmal … so könnten wir beginnen … ein heißer Sommer. In welchem Jahr? Ach, das ist nicht so wichtig. In dieser Zeit so etwa. In der Gegenwart. Als schon alles so war wie jetzt. Sagen wir Anfang Juli. Das Land litt unter Trockenheit, wie in den früheren Sommern auch. Es ist der Klimawandel, wussten viele ganz genau. Im Grundlosen Moor zwischen Hohenfelde und Retschow war kein freier Wasserspiegel mehr zu sehen. Es verlandete Jahr für Jahr mehr. So hatte jeder seine Zeichen für oder gegen irgendwelche Katastrophen. Aber das änderte doch nichts am Täglichen. Die Molli dampfte wie immer durch Bad Doberan. Reisebusse drängten sich vor dem Münster und schickten Besucher und Besucherinnen zu den Führungen in das altehrwürdige Backsteingemäuer. Der Backenzahn stand wuchtig wie immer mit versteinerter Miene auf dem Buchenberg. Am Doberaner Wasserfall, den kaum jemand kannte, stürzten sich wie immer die Wasser des Bollhäger Fließes, befüttert durch den Althöfer Bach, in die Conventer Niederung. Im Cepelin und im Kellerswald gaben die wuchtigen, alten Baumbestände auf den Doberaner Bergen Schatten und Kühle. Eine Geschichte wie diese passiert so mittendrin und manch einer wird fragen: »Wie konnte es so weit kommen?« Aber bis dahin ist noch etwas Zeit …

Kapitel 1

Kamptheater Bad Doberan

Das Bad Doberaner Kino arbeitet nach dem Motto: »Filme können Sie überall sehen, aber Kino, das gibt’s nur hier bei uns im Kamptheater.« Es war ein Mittwoch. Der alte Kinosaal mit Parkett und Rang, 244 roten Polstersitzen und einem Verkauf für Wein, Bier und Popcorn verströmt Kinogeschichte. Der originale UFA-Gong markiert vor jeder Vorstellung den Beginn einer Reise in andere Welten, wie sie eben nur im Kino und nicht zu Hause im Sessel erlebt werden kann. Es lief »Systemsprenger« von Nora Fingscheidt. Eine wuchtige Psychopathologie schrie sich zwei Stunden durch den Saal. Beim Abspann sang Nina Simone »Ain’t got no, I got life …« und entkernte die Zuschauer endgültig, die noch im Eindruck vom finalen Sprung der Benni sitzen blieben und erst einmal tief durchatmeten, bevor sie nach ihren Mänteln und Jacken griffen. Langsam erhob man sich, winkte ein Tschüss zu den Diensthabenden des Kinovereins und schob sich langsam aus dem Saal in den kalten Flur. Das Bistro hatte noch auf. Dr. Karsten Brandenburg und sein Begleiter nahmen schnell einen Tisch in Besitz.

»Und? Wie fandest du den Film?«, fragte Dr. Brandenburg.

»Ging so. Nicht unbedingt mein Thema. Ist mir zu schwer«, entgegnete sein alter Freund Torsten Tengler.

»Ist eben Programmkino hier in Doberan und nicht irgendein Mainstream, den sie überall spielen«, erklärte Dr. Brandenburg.

»Ja, sicher, ist ja auch gut so. Trotzdem, dem einen liegt so ein Film zum Feierabend, der andere will oberflächlich unterhalten werden. Ich brauche nicht immer so eine furchtbare Seelentiefe, auch wenn es ja ein starkes und wichtiges Thema ist. Wenn hier jetzt Fips Asmussen selig oder Markus Krebs auftreten würde, dann würde ich mich schlapp lachen und hätte den richtigen Ausgleich zu dem, was mich letzte Tage auf der Arbeit genervt hat. Meine Frau sagt dann, dass ich ein primitives, dumpfes Männerhirn habe und mit mir kulturell nichts los sei und hätte sie das früher gewusst … Und warum kann ich mir nicht mehr Mühe geben und auf sie eingehen? Dabei würde ich dann allerdings eingehen, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Ach Torte«, entgegnete Dr. Brandenburg, »ich kann mir nicht vorstellen, dass du so kulturlos bist. Jetzt verordne ich dir als Arzt ein Spätbier und du wirst sehen, dass es wirkt.« »Dr. Brandenburg!?«, rief es laut durch das Bistro. »Telefon!«

»Oh, was ist das denn? Ist ja wie früher«, meinte Dr. Brandenburg, den seine Freunde und engsten Mitarbeiter in der Rostocker Rechtsmedizin nur BRB nannten. Er stemmte sich hoch, winkelte sich aus dem schmalen Spalt zwischen Tisch und Stuhl und ging schnell zum Tresen.

»Brandenburg. Wann ich nach Hause komme? Ach je, hör mal, der Film hatte Überlänge, ist gerade zu Ende und ich will mit Torsten Tengler noch ein Bier trinken. Drück mal bitte nicht. Allzu lange wird’s nicht dauern. Ich komme dann schon, ok? Bis dann. Ja, sicher. Nein, ich pass auf. Wer kommt morgen? Weiß ich doch. Warum sagst du das jetzt? Nein, ich trinke zwei Bier und das war’s und dann bin ich morgen fit. Du, der Torsten trommelt schon nervös mit den Fingern auf der Tischplatte … Nein, das ist kein Problem, ich … ja, du kannst dich auf mich verlassen. Auf jeden Fall. Ok, Tschüss!«

Die Besatzung am Tresen feixte und wechselte vieldeutige Blicke, als BRB mit verspannter Miene zum Tisch zurückkehrte.

»Dir scheint es richtig gut zu gehen, mein Lieber.«

»Ja«, erwiderte BRB. »Da kann ich wirklich nicht klagen!«

»Hast du dich denn beruflich gut eingelebt?«, fragte BRB sein Gegenüber.

»Bin ganz zufrieden. Wir haben es ja noch richtig gelernt. Einmal Fuß gefasst, kommst du überall klar.«

Torsten Tengler, der in seinen Kreisen Torte genannt wurde, stammte aus der Nachbarschaft, früher in Brandenburg/Havel. Die Kinder spielten und rauften zusammen. Es gab da einen Spielplatz neben der Franz-Ziegler-Straße, wo Bäcker Suchalski sein Geschäft hatte, mit Wippe und Klettergerüst, am Rande eine riesige Trauerweide, die nach stürmischem Wetter ihr zerzaustes Haar wieder glättete. Sie überragte alles und ihre gewaltige Größe wirkte wie ein Garantieversprechen: Euren Kindern passiert nichts. Lasst sie nur bei mir spielen. Ich passe auf. Das war in den 50er- und 60er-Jahren. Aus dieser Zeit kannten sich BRB und Torte schon. Sie hatten sich dann aus den Augen verloren. Das Medizinstudium des einen in Rostock und die Polizeilaufbahn des anderen passten nicht mehr zusammen. Doch jetzt schien sich ein Kreis zu schließen.

»Hab es nicht bereut, nach Rostock gekommen zu sein, obwohl es ein tiefer Einschnitt war. Einen alten Baum soll man ja nicht verpflanzen!«

»Der alte Baum darf aber gegossen werden«, fiel ihm BRB ins Wort. »Noch zwei Bier bitte«, rief er zum Tresen und die Kellnerin nickte kurz.

»Ich wollte vor allem die Ostseenähe haben«, begann Torsten Tengler zu schwärmen und sein Blick verlor sich kurz in einer seligen Fantasie.

»Kann ich gut verstehen«, sagte Brandenburg. »Du oder ihr seid ja mit dem Kajak viel auf dem Wasser, oder habt ihr zwei? Jeder in seinem? Ich sehe öfter mal ältere Ehepaare, die mit zwei Booten fahren. Meine Frau und ich kajaken auch.«

»Sag bloß. Wir sind bestimmt schon 15 Jahre fast jeden Sommerurlaub irgendwo mit dem Kajak unterwegs«, schwärmte Torsten Tengler weiter. »Wir haben einen Zweier und einen Einer. Mit dem Einer fahre ich auch gern mal allein los. Ich-Zeiten sind wichtig, sollte man sich in einer Beziehung gegenseitig gönnen.«

»Da sagst du was. Ich gehe Geocachen, am liebsten die T5er, hoch auf die Bäume.«

»Was bedeutet T5?«

»Das ist der technisch höchste Schwierigkeitsgrad für das Terrain, nicht um einen Cache zu orten, sondern um ihn zu erreichen. Eine Klettertour bekommt dann immer die höchste T-Wertung.«

»So hat jeder seins«, entgegnete ihm Torte lächelnd.

»Du bist ja gleich im Rostocker Fachkommissariat 1 der Kriminalpolizeiinspektion gelandet«, stellte BRB fest. »Warst du vorher in Potsdam auch im FK 1?«

»Ja, erst zwei Jahre Arbeitsunfälle und dann zu den schweren Körperverletzungen und Tötungsdelikten. Das war immer meins. Und was wurde deins?«

»Ich habe in Rostock studiert und bin da hängen geblieben. Zur Wende hatte ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag und da ich politisch nicht belastet war, hat mir die Ehrenkommission der Uni einen Persilschein ausgestellt.«

»Wenn du nicht belastet warst, brauchte es wohl kein Persil, oder?«

»Ja, hast recht. Mir fiel der Begriff eben nur ein, weil mein Großvater nach dem Krieg auch so einen Zettel bekam. Damals sagte man so. Der sieht meinem recht ähnlich.« »Geschichte wiederholt sich eben.«

Mit diesem Satz in Wort und Sinn belächelten beide ihr Jetzt und waren so vertieft, dass sie nicht bemerkten, wie zwei Tische weiter ein einzelner Mann aufstand, dem Kellner einen Betrag zusteckte, sich seinen Mantel überwarf und betont langsam zunächst an ihrem Tisch und dann am Tresen vorbei zur großen Glastür ging, die den Gastraum vom Eingangsbereich und Flur abtrennte. Die Klinke in der Hand drehte er sich nochmal zu den beiden Freunden, verharrte einen Moment und ging dann. Dabei schlug er sich den Kragen hoch, ruckelte sich die Ärmel zurecht, klopfte auf die Seitentaschen, um den Inhalt zu prüfen und trat vor die Tür. Er überquerte die Straße mit dem alten Kopfsteinpflaster. Seine Kontur verlor sich im Dunkel der Bäume des Bad Doberaner Kamps. All das geschah von BRB und seinem alten Freund völlig unbeachtet.

»Dann hattest du ja eine geradlinige, typische Ossi-Karriere. 40 Jahre auf einer Arbeitsstelle. Respekt«, sagte Torsten Tengler. »Übrigens – mir kam es damals nie komisch vor, dass du so heißt wie unsere Heimatstadt«, stellte er fest. »Nach all den Jahren fällt es mir jetzt erst auf.«

Beide lachten.

»Nun, bei mir lief es etwas holpriger«, erzählte Torsten Tengler weiter. »Da gab es einige Dienststellen mehr, noch vor der Potsdamer Zeit. Hing auch mit der Familie zusammen. Bin einmal geschieden und jetzt das zweite Mal verheiratet. Kind aus erster Ehe. Ging alles nicht so glatt.« Tenglers Blick bohrte sich dabei schwer zu beschreiben in den von Brandenburg, der das registrierte.

»Ja … Du … Is wie is. Mein Weg war glatt und vorgezeichnet. Es ergab sich eben alles so. Gerichtsmedizin oder Rechtsmedizin, wie es nach der Wende hieß, war und ist im Wesentlichen an Universitäten gebunden. Eine ärztliche Niederlassung wie beim Allgemeinmediziner war nicht möglich. Ich bin aber ganz froh. Als Gehaltsempfänger ging und geht es mir nicht so schlecht. Du hattest doch als Beamter eigentlich auch immer deine Sicherheiten, oder?«, gab Brandenburg zurück.

Tengler schwieg einen Moment. »Sicher, ich hatte Sicherheiten. Finanzielle Sicherheiten. Mit einem Gefühl von Sicherheit hat meine tägliche Arbeit aber nichts zu tun. Da geht manchmal nicht alles so glatt, wie ich vorhin schon sagte.«

Brandenburg hakte nicht nach, weil er den Eindruck bekam, dass sein alter Freund so einiges in sich trug, was jetzt nicht unbedingt auf den Tisch sollte. Der Abend lief dann langsam aus, sodass beide in völlig unbedenklichem Zustand dem frühen Aufstehen am nächsten Tag optimistisch entgegensehen konnten.

Kapitel 2

Das Fachkommissariat 1

Kommissar Tengler hatte das Abc der Polizeiarbeit gelernt. Das merkten seine Kolleginnen und Kollegen schnell. Seine Routine, die er sich über viele Jahre im Polizeidienst erworben hatte, war tief ausgeprägt. Er brauchte keine lange Anlaufzeit. Es war auch der »Stallgeruch«, der ihm schon am ersten Tag das Gefühl gab, hierbleiben zu können. Und bald war er nicht mehr wegzudenken. Es lief. Dass er sich zuvor in Schwerin beworben hatte, wusste kaum jemand. Das musste auch nicht breitgetreten werden. Die Stelle dort war von Kommissar Berger besetzt, der mit einem Kollegen Paulsen ein gut eingespieltes Duo bildete. So hatte er gehört. Kennengelernt hatte er beide persönlich bisher nicht.

Tengler sah gerade die Akte zweier Vermisstenfälle durch, die über das Kriminalkommissariat zur Bearbeitung in das FK1 gekommen waren. Es hatten sich Verdachtsmomente auf Fremdeinwirkungen ergeben. Er vertiefte sich in die erkennungsdienstlich brauchbaren Angaben. Nur für den Fall, dass es zum Auffinden der Personen kommen sollte. Während er kurz aufsah und seinen Blick aus dem Fenster schweifen ließ, klingelte das Telefon. »Tengler.«

»Semlock. Ich grüße Sie.«

»Ist es nun die Tochter oder die Mutter?«, charmierte er in den Hörer. »Ich kann beide nicht auseinanderhalten.«

»Und wie wäre es, wenn wir Ihnen gegenüberstehen würden?«

»Dann ist es ganz aus. Keine Chance.« Beide lachten herzlich.

»Lieber Herr Tengler, wo haben Sie das nur gelernt. Sie schaffen es, mir im Handumdrehen die Stimmung aufzuhellen.«

»Reiner Reflex«, gab er zurück.

»Sie erwähnen immer noch meine Tochter«, spitzelte sie ihm zu. »Dabei hat sie doch als Medizinerin nur ein kurzes Praktikum bei uns absolviert, weil sie sich überlegt, in der Rechtsmedizin ihre Facharztausbildung zu beginnen. Sie sah wohl einen interessanten Brückenschlag zwischen der Blutspurenanalyse der Rechtsmediziner und der Kriminaltechnik. Muss mich das beunruhigen?«

»Ach, wissen Sie, wenn jemand nett über jemanden denkt, muss das nicht beunruhigen. Im Gegenteil. Nehmen Sie es mal heiter und gelassen.«

»Ok. Lassen wir das mal. Deswegen rufe ich nicht an. Wir haben ein Problem. Könnten Sie bitte mit den anderen Kollegen in einer halben Stunde für eine Lagebesprechung zu mir kommen? Und bringen Sie bitte die Akten der Vermisstenfälle mit.«

»Geht klar, Chefin. Wir schleppen uns zu Ihnen. Bis dann.«

Von der Besatzung des FK 1 betrat einer nach dem anderen das Chefinnenzimmer und nahm eine Sitzordnung ein, die keinen Zweifel am Führungsanspruch von Kommissarin Kerstin Semlock aufkommen ließ. Die Zeit, in der sie von dem einen oder anderen Kollegen belächelt wurde, war vorbei. Als attraktive Frau und Mutter in den besten Jahren hatte sie in der ersten Zeit so manche Avancen zu parieren. Doch dieses urmännliche Gebaren spielte keine Rolle mehr, weil sie zu einer Institution geworden war. Sie war eine durch und durch abgestimmte Frau. Es passte einfach alles, vom dezenten Make-up bis zum lässigen Jeans-Look. Während die Kaffeemaschine gluckste, verteilte sie bedruckte Blätter, die das besagte Problem zusammenfassen sollten.

»Meine Herren«, begann sie. »In den letzten drei Wochen arbeiten wir an zwei Vermisstenfällen, bei denen wir auf der Stelle treten.«

»Auf einer Stelle!«, redete Kommissar Kollberg dazwischen.

»Wie bitte?«

»Na, auf einer Stelle. Also drei Wochen, zwei Fälle, eine Stelle. Weiter runter geht’s nicht. Wir sind also ganz unten. Fast bei null, meine ich.«

»Ich fasse es nicht, Kollberg! Was sollen denn Ihre Wortspielereien hier schon wieder?!«

Sichtlich verärgert fuhr Kommissarin Semlock fort. »Als erstes wurde ein 39 Jahre alter ehemaliger Mitarbeiter der Geschäftsstelle Strafrecht des Landgerichtes Rostock vermisst. Mirko Menzel. Jetzt im psychosozialen Dienst des Gesundheitsamtes Rostock. Unauffälliger familiärer Hintergrund. Verheiratet, zwei Kinder. Keine aufregenden Hobbies. Keine Alkohol- oder Drogenprobleme, soweit bekannt. Die Ehe nach Angaben der Frau, die die Vermisstenmeldung erstattete, ohne Hinweis auf Affären oder sonstige Skandale. Keine Vorstrafen. Wohnhaft in Blengow. Die Eltern in Kühlungsborn. Klingt alles erstmal unauffällig.«

»Fast zu unauffällig«, gab Kommissar Tengler in die Runde. »Es dürfte eher selten sein, dass Personen abgängig sind, die keinem Milieu oder keinen besonderen Risikogruppen angehören.«

»Sie sagen es«, pflichtete ihm die Chefin bei. »Ist mir auch zu glatt. Wenn wir dahinter sehen wollen, müssen wir in eine Richtung leuchten, die wir bisher nicht auf dem Schirm hatten.«

»Unklar ist für mich nur dieses Blengow. Wo liegt das? Nie gehört«, fragte Torsten Tengler nach.

»Dass Sie Blengow nicht kennen, sei Ihnen verziehen. Es ist ein Ortsteil der Stadt Rerik am Salzhaff, knapp drei Kilometer landeinwärts. Kommen wir zum zweiten Fall, der nur wenige Tage später kam. Eine 45-jährige Frau und Mutter eines Kindes. Wenke Nielsen. Wohnhaft in … halten Sie sich fest, im schönen Blengow. Der gesamte Hintergrund genauso unspektakulär wie bei Menzel, sodass wir beide Fälle nicht so richtig anfassen können.«

»Was macht Frau Nielsen beruflich?«, fragte jemand in die Runde.

»Moment, ich sehe nach. Sie war Sekretärin in einer großen Metallbaufirma und nebenher Schöffin, auch beim Rostocker Landgericht. Zuletzt aber nicht mehr, da war sie zu Hause. Ihr ist in der Firma gekündigt worden. Wir wissen nicht warum. Da können wir ja nochmal nachhaken.«

»Wer hat die Vermisstenanzeige aufgegeben?«

»Der Ehemann. Beiden Fällen ist gemeinsam, dass das Verschwinden aus einer für die Angehörigen normalen Alltagssituation geschah. Sie kam vom Einkaufen in Rerik nicht zurück und er, Menzel, war auf dem Nachhauseweg, kam von der Arbeit aus Rostock und ist vermutlich auch über Rerik gefahren. Also, wir haben keine abgängigen Psychiatriepatienten, keine aus Lust oder Frust und Laune ausgerissenen Jugendlichen, die wiederauftauchen, wenn das Geld alle ist. Beide Fälle liegen zeitlich nah beieinander, beide wohnen im gleichen Dorf und beide waren mal beim Rostocker Landgericht. Mir ist nicht wohl bei der Konstellation und den Kollegen im Kriminalkommissariat war offenbar auch nicht wohl, sodass wir das auf dem Tisch haben. Wir haben Freitag und so möchte ich nicht ins Wochenende gehen. Deshalb ist Brainstorming angesagt. Also kommen Sie, meine Herren. Diskussion bitte!«

Zunächst schwiegen alle. Allmählich lockerte sich die Atmosphäre. Kommissarin Semlock trug dazu bei, indem sie klarmachte, dass sie keine ausgefeilten Statements erwarte, sondern das Zusammentragen von Gedanken.

»Erstmal alles in einen Topf. Dann wird durchgerührt. Mal sehen, was dann oben schwimmt. Und wenn das eine oder andere wieder rausfliegt, ist es völlig ok.«

So bekam die Lagebesprechung zunehmend Dynamik. Sie notierte stichpunktartig mit und versuchte schon, den aussichtsreichsten Ermittlungsweg abzustecken. Als die Zahl der Diskussionsbeiträge abflaute, machte Kerstin Semlock einen Cut.

»Das reicht«, sagte sie knapp. »In mir steigt die Ahnung auf, dass es keinen Sinn hat, bei den Vermissten irgendwelche spektakulären Hintergründe im Persönlichen bzw. Familiären zu suchen. Gemeinsam ist beiden die ehemalige Tätigkeit am Landgericht Rostock, wobei wir nochmal schauen müssen, ob sich diese Zeiten decken oder teilweise überlappen. Das kann Zufall sein, sollte uns aber aufhorchen lassen. Privat wussten wohl beide im Ort voneinander, sollen aber keine engeren gegenseitigen Kontakte gehabt haben. Auch wenn wir keine konkreten Anknüpfungstatsachen haben, sollten wir prüfen, ob die beiden Fälle nicht doch zusammengehören. Die Polizei ist ja schließlich eine Behörde der Gefahrenabwehr und falls das der Beginn einer richtigen Serie ist, möchte ich nicht erst bei der fünften Anzeige aufwachen. Wenn die sich privat nicht kannten …, das heißt, ist das gesichertes Wissen?«

»Ich wollte mir gerade einen Zwischenruf erlauben«, entgegnete Kollberg, der die Stimmung der Chefin wieder aufhellen wollte. »Das sind bisher nur Vermutungen. Die Angehörigen sind noch nicht zeugenschaftlich vernommen und auch beim ersten Kontakt zu diesem Punkt nicht explizit befragt worden.«

»Ok, dann holen wir das so bald wie möglich nach. Ich möchte, dass die jeweiligen Ehepartner nach einem vorher ausgearbeiteten Fragenkatalog identisch befragt werden. Dazu müssen unbedingt Fragen gehören, die das berufliche Umfeld ausleuchten und dazu bitte auch die komplette Sozial- und Eigenanamnese sowie die Jetztanamnese. Das gehört alles zu einem Status praesens!«

Die letzten beiden Sätze formulierte sie genüsslich mit einem zufriedenen Lächeln, weil sie die irritierten Gesichter ihrer Kollegen amüsierte. Diese Begriffe aus der Medizin, die die Erhebung der detaillierten Vorgeschichte eines Patienten meinten, hatte sie sich über die vielen Jahre gemeinsamer Arbeit mit Dr. Brandenburg gemerkt. Sie erhob sich und gab damit die Bewegungen der Kollegen frei, die genauso artig den Raum verließen, wie sie gekommen waren.

Kapitel 3

Chili con Carne

Dr. Brandenburg saß mit seiner Frau Anna im Wohnzimmer beim Abendbrot. Eine App schickte die gewünschte Musik für den Hintergrund auf das Soundsystem.

»Erstaunlich, was die kleinen Dinger so leisten«, sagte er vermischt mit Schmatzgeräuschen bei vollem Mund.

»Was für Dinger?«, entgegnete seine Frau.

»Na, die Lautsprecher da!«, mampfte er zurück.

»Woher soll ich wissen, was du meinst?«

»Wir reden die ganze Zeit nix und hören Musik. Gerade eben Leonard Cohen »You want it darker.« Die Bässe, unglaubliche Wiedergabe. Du hast eben sogar erstaunt innegehalten, als er sang »I’m ready my lord.« Da ist es doch klar, was ich meine!«

»Das hättest du wohl gern?«

»Was?«

»Dass ich immer sage ›hier my lord und da my lord und I’m ready my lord‹?«

»Quatsch, ich bin einfach begeistert.«

»Warum nicht einfach mal von mir? Oder von meinem tollen Essen, was ich meinem Lord bereitet habe?«, gab sie spitz zurück.

»Du hast recht, Anna.«

Er sah sie an und fand wie oft ganz kleine Details an ihr, die er lange nicht wahrgenommen hatte. »Meine Sensibilität ist mal wieder runtergefahren«, stellte er in sich gekehrt fest. »Ich bin in letzter Zeit zu oft einfach zu schnell und unüberlegt mit dem, was ich sage und mit dem, was ich nicht sage. Vieles muss gesagt werden! Zum Beispiel, dass ich jetzt gerade genieße, dass wir hier zusammen sind. Ich weiß bloß schon wieder nicht, ob es der richtige Zeitpunkt ist, das zu sagen.«

»Mein lieber Karsten, dafür kann es keinen falschen Zeitpunkt geben«, gab sie mit warmer Stimme zurück und beide ließen ein Glas Rotwein klingen. Dann wechselte sie das Thema mit einer Frage nach seinem Freund Torte.

»Sag mal, Torsten Torte Tengler, du sagtest neulich, dass er mit seiner Frau auch viel Kajak fährt. Vielleicht könnten wir mal gemeinsam mit ihnen etwas unternehmen?«

»Wie kommst du denn jetzt darauf?«

»Ich musste gerade so an flache und tiefe Wasser denken.«

»Die haben einen Zweier und einen Einer«, entgegnete er.

»Einen Dreier würde ich auch nicht wollen«, sagte Anna.

»Wie?«

»Keinen Dreier!«, rief ihm seine Frau zu.

»Na, sag ich doch, einen Zweier.«

»Schreibt man Kayak oder Kajak?«, fragte sie ernst.

»Was?«

»Na, mit Ypsilon oder mit Jott?«

»Weiß ich nicht, hört sich doch gleich an. Wahrscheinlich geht beides«, rief er in der Küche in den offenen Gewürzschrank, weil ihm das Angebot auf dem Tisch nicht reichte. Dann ging er zurück. Anna hatte inzwischen noch einige Teelichter verteilt und nach endlosen Knipsversuchen mit dem nie richtig funktionierenden Anzünder entflammt.

Leonard Cohen war derweil in einer unglücklich gemixten Playlist von Wincent Weiß abgelöst worden: »Ey, da müsste Musik sein« rief oder sang er einige Male. Das Soundsystem hatte nicht mehr viel zu leisten, Bässe konnte BRB in dem Titel nicht ausmachen. Ja, es müsste Musik sein, dachte BRB. Beide kamen zur Ruhe. Die letzten Happen ließen sie sich wortlos auf den Zungen zergehen. Die Kerzen schickten kleine Licht- und Schattenspiele an die Wände, weil sich ihr Licht an getönten Gläsern brach und verspielte. Die von Heinz Bochmann gemalte Silhouette des Wismarer Hafens bekam eine besondere Wärme.

»Lass uns mal den morgigen Tag besprechen«, sagte Anna.

»Morgen ist Sonntag«, antwortete er.

»Ja doch, ich meine natürlich Montag, wenn du es genau wissen willst. Ich kann nicht gut in den Sonntag gehen, wenn ich nicht weiß, wie der Montag wird!« Beide merkten in diesem Moment, wie sehr ihr Leben durchgeplant war, wie sehr man an Zeiten und Terminen hing, ja, wie sehr man von ihnen abhängig war.

»Ich muss ins Amtsgericht.«

»Nach Rostock?«

»Ja, Zochstraße. Dort einen Parkplatz zu finden, wird wieder ein Problem. Vier Angeklagte, zwei Straftaten in unterschiedlicher Beteiligung, Körperverletzung, alle wohl mehr oder weniger alkoholisiert. Berechnung der Blutalkoholwerte nach Trinkmengenangaben. Keine Laborwerte. Zehn Zeugen. Das wird ein langer Tag.«

»Musst du dich vorbereiten?«

»Nein, ich hatte die Akte nicht. Es muss ohnehin alles auf den Tisch, was für den Prozess wichtig ist. Ich werde fragen und fragen und nochmals fragen, um alle Grundlagen für mein Gutachten zusammenzubekommen.«

»Wann geht’s los?«

»Um neun Uhr.«

»Ok, ich habe Sprechstunde ab acht Uhr und dann den ganzen Tag.«

So ließen beide den Abend ausklingen. Der Sonntag dazwischen war kein Thema und versprach Entspannung.

Kapitel 4

Amtsgericht Rostock

Am Montag fuhr Dr. Brandenburg zum Rostocker Amtsgericht. Die Sonne stand noch tief. Der Himmel war klar. Das Auto parkte er auf dem Kundenparkplatz eines Supermarktes. Das Risiko, die dort ausgeschilderten zwei Stunden zu überschreiten, nahm er in Kauf. Das moderne Gebäude, dicht an der Unterwarnow, hatte etwas Steriles. Nicht zu vergleichen mit dem historischen Fürstenhof in Wismar. Dort beeindruckten schwere, alte Holztüren, hölzerne Vertäfelungen und eben das Flair und der Charme eines alten Hauses. Er nahm die Treppen, denn sitzen musste er vermutlich an diesem Tag noch lange genug. Also zwei Stufen auf einmal und einmal schön durchgepustet. So kam er im zweiten Obergeschoss an. Neben den Türen zu den Verhandlungssälen hingen die Terminrollen. Er vergewisserte sich kurz, ob sein Termin eingetragen war und nahm in dem großzügigen Wartebereich Platz. Er war wie immer recht früh. Als zwanghaft pünktlicher Mensch ging das nicht anders. Er nahm sich Literatur aus dem Aktenkoffer, um die Wartezeit zu überbrücken. Endlich über Lautsprecher der dumpfe Aufruf der Strafsache, zu der er geladen war. Spätestens jetzt wurde klar, wer von den weiteren Personen im Wartebereich zu diesem Termin gehörte. Langsam bewegte man sich in den Saal. Die Sitzordnung war immer die gleiche. Angeklagte und Verteidiger nahmen den linken Flügel ein. Staatsanwalt und Sachverständige saßen rechts. Hinten quer Sitzreihen für das »Publikum.« Die Verhandlungen sind öffentlich, wenn die Öffentlichkeit nicht auf Beschluss der Kammer ausgeschlossen wird.

Die Sitzung begann pünktlich. Feststellen der Anwesenheit. Verlesen der Anklage. Die mit Spannung erwartete Frage des Richters an jeden einzelnen, ob er sich zum Tatvorwurf äußern oder von seinem Schweigerecht Gebrauch machen wird. Erleichterung, nachdem alle Angeklagten erklärten, sich äußern zu wollen. Das würde den Prozessverlauf zwar zeitlich nicht unbedingt beschleunigen, aber am Ende die Urteilsfindung und für Dr. Brandenburg die Gutachtenerstattung erleichtern, weil mehr Informationen und sogenannte Anknüpfungstatsachen zu erwarten waren. Für ihn, als vom Gericht geladenen Sachverständigen, ging es um eine Schuldfähigkeitsbegutachtung, da die Straftaten unter erheblichem Alkoholeinfluss begangen worden sein sollten.

Man lehnte sich zurück und verfolgte aufmerksam die beginnende Vernehmung durch den Richter. Danach ging das Fragerecht an die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, an die Verteidiger und zuletzt an den Sachverständigen. Um alle Angeklagten im Grundsatz gleich zu behandeln, hatte sich ein Fragenkatalog bewährt, um bestimmte, grundsätzliche Fragerichtungen abzuarbeiten. Von dem wich Brandenburg nur ab, wenn die Individualität des Angeklagten dies erforderte. Am Ende musste jeder sein individuelles Gutachten bekommen. Man konnte natürlich nicht aus einem Gesamteindruck ein Gutachten für alle erstatten. So verging Stunde um Stunde, unterbrochen von kleinen Lüftungspausen, einer Mittagspause und gelegentlichen Ermahnungen des Richters an einzelne Zuschauer, weil sie durch Tuscheln oder Kichern störten. Nach der Mittagspause nahm eine Jugendgruppe Platz, die den Anfang des Verfahrens nicht mitbekommen hatte und denen auch niemand etwas erklärt zu haben schien. Dementsprechend hielten Aufmerksamkeit und Disziplin nicht lange. Am Rande, dicht an den Fenstern, saß eine schlanker Mann mittleren Alters. Dunkles, kurzes, offenbar frisiertes Haar, gut gekleidet. Seine Gesichtszüge verrieten unbedingte Aufmerksamkeit und eine harte Prägung. Der Blick ruhig und fest. Er hielt die gesamte Zeit des ersten Verhandlungstages durch und machte sich Notizen. Er grenzte sich durch seine Sitzposition und seine Ruhe deutlich vom übrigen Publikum ab. Er saß so, dass Dr. Brandenburg sich deutlich nach rechts hätte drehen müssen, um ihn zu sehen. Das gab ihm die Möglichkeit, Dr. Brandenburg zu beobachten, ohne, dass dieser es merkte. Nachdem die Verhandlung gegen 16:30 Uhr unterbrochen und die Fortsetzungstermine bekannt gegeben wurden, erhoben sich alle, schuffelten ihre Papiere und sonstigen Unterlagen zusammen und füllten ihre Taschen, in denen auch die zerknüllten Roben der Verteidiger landeten. Kurze Wortwechsel, Gemurmel, ein schneller Griff zum liegen gelassenen Kugelschreiber, das Klacken von Verschlüssen, ein Lachen, ein ›Tschüss‹ und ein ›Bis dann‹ und Brandenburg zog seinen Aktenkoffer vom Tisch, um zu gehen.

»Herr Dr. Brandenburg«, rief es hart und gleichzeitig fragend hinter ihm. Er drehte sich zu der Stimme.

»Ja?«

»Mein Name ist Karmann. Ich bin freier Journalist und habe den Prozess verfolgt. Darf ich Sie einiges fragen?«

»Wenn Sie den Prozesstag aufmerksam verfolgt haben, dann wissen Sie all das, was man als Öffentlichkeit bisher dazu wissen kann.«

Der Journalist lächelte und setzte nach. »Mir geht es natürlich um Ihren Eindruck. Es scheint doch so, dass die Angeklagten genau wussten, was sie taten. Was braucht es da eine Begutachtung der Schuldfähigkeit?«

Brandenburg stutzte einen Moment.

»Sie erwarten doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen ein Vorabstatement gebe? Im Übrigen ist die Beweisaufnahme längst nicht abgeschlossen.«

»Ich erwarte natürlich gar nichts«, sprach er ihn weiter an, »aber die Verhandlung ist unterbrochen und da könnten wir doch reden. Keine Ihrer Äußerungen könnte im Prozess Verwendung finden, weil wir jetzt außerhalb des Protokolls sind.«

»Sagen Sie mir doch bitte, seit wann Sie als Journalist tätig sind«, fragte Brandenburg nach.

»Was tut das zur Sache?«

»Das tut eine Menge dazu«, nahm er die Wortwahl seiner Frage auf. Der Journalist hob erstaunt seinen Blick.

»Die Frage werden Sie mir nicht beantworten können, Herr Karmann, weil Sie sehr wahrscheinlich kein Journalist sind.«

Karmann wich zurück. Seine Überraschung konnte er nicht verbergen. Damit hatte er nicht gerechnet.

»Kein professioneller Journalist rechnet sich auch nur im Entferntesten aus, von einem Sachverständigen vor Erstattung seines Gutachtens ein Statement zu bekommen. Das würde kein Sachverständiger geben und kein Journalist versuchen. Journalisten können sich innerhalb solch grundsätzlicher Dinge bewegen. Zum Zweiten stört mich Ihre Kamera, die Sie da um den Hals tragen.«

»Also, ich bitte Sie! Was erlauben Sie sich?«

»Ich erlaube mir, Ihnen jetzt den Rücken zu kehren. Wenn Sie wieder mal überzeugend als Journalist auftreten wollen, dann lassen Sie die kleine Kompaktkamera zu Hause. Ich kenne keinen echten Journalisten, der nicht mit einer High-End-Spiegelreflex arbeitet, auf die er schwört«, rief Doktor Brandenburg dem verdutzt zurückbleibenden Herrn noch zu, als er mit wehenden Schößen den Gerichtssaal verließ. Wie zum Gruß hob er seine Hand, jedoch ohne dabei zurückzusehen. Gleichzeitig kam es BRB so vor, als wenn er diesen angeblichen Journalisten schon mal gesehen hätte. Es fiel ihm jedoch dazu nichts ein, sodass er den Gedanken verwarf.

Der Mann, der sich als Herr Karman vorgestellt hatte, bekam seine Gelassenheit langsam wieder. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über sein Gesicht. Er nahm die Kamera, schaute sie an, verdrehte die Augen und schob sie in seine Manteltasche. Dort landeten auch Kugelschreiber und Notizblock. Als er gehen wollte, schaute eine Mitarbeiterin der Geschäftsstelle Strafrecht in den Raum. »Sie sind der letzte? Ich würde gern abschließen.« »Schon gut, bin schon weg«, entgegnete er. Mit einem leichten Kopfnicken schob er sich an der Mitarbeiterin vorbei, nahm die Treppenstufen hinab zum Ausgang, ignorierte die Blicke des Wachdienstes, drückte die Haustür auf und stand vor dem Haus. Ein Windstoß wehte den offen gelassenen Mantel auf. Er wandte sich nach links Richtung Neue Werderstraße. Dort hatte er sein Fahrrad abgestellt. Damit radelte er zur B 105 runter, überquerte sie und nahm Kurs auf den Alten Fritz. Das Braugasthaus lud mit einem Außenbereich ein. Kaum, dass er sich sortiert und gesetzt hatte, fragte eine freundliche, junge Frau mit lustigen Augen, was sie ihm bringen könne.

»Einen Kaffee bitte.«

»Wir haben Cappuccino, Caffè Latte, Caffè Crema, einfachen Filterkaffee oder einen Espresso.«

Von dieser Kaffeeflut überfordert, zeigte sein Blick die erste Verlegenheit und Unsicherheit des Tages. »Äh … einen Filterkaffee bitte.«

Kapitel 5

Die »versenkbare« Mühle von Kröpelin

Wer von Kühlungsborn oder Wismar kommend durch die eingehügelte Kleinstadt Kröpelin fährt, erlebt einige hundert Meter nach dem Markt ein wahres Wunder. Die von Ferne schon in Fahrtrichtung über den Hausdächern sichtbare alte Mühle beginnt zu sinken. Sie verschwindet und bleibt verschwunden. Wer einfach so weiterfährt, wird sie nicht wiedersehen. Damit sie nicht auch noch in Vergessenheit gerät, kümmert sich ein rühriger Verein. Er bietet nicht nur die Möglichkeit, sie zu besuchen, sondern auch Ausstellungen, Führungen und Vortragsabende. Die Chefsekretärin des Institutes für Rechtsmedizin reichte eine E-Mail an den Professor weiter. Der Förderverein Kröpeliner Mühle fragte wieder einmal, ob kurzfristig ein Vortrag über die Aufgaben der Rechtsmedizin realisiert werden könnte. Licht und Ton wären kein Problem. Handmikrofon oder Headset. Beamer, Projektionsfläche, perfekte Technik in einem zwar kleinen, aber liebevoll restaurierten Raum. Der Chef wischte den Zettel zur Seite, rief die Sekretärin an, sie solle das den Mitarbeitern anheimstellen. Er selbst möchte das nicht machen, wolle aber auch niemanden verpflichten, gegebenenfalls nur wissen, wer wann mit welcher Vorbereitung dort auftritt.

Die Anfrage landete hausintern auf den Bildschirmen der ärztlichen Mitarbeiter. Weder für die Chemiker noch die Biologin kam das Thema in Frage.

Doktor Brandenburg, der sich hin und wieder gern auf eine Bühne stellte, bekundete sein Interesse, zumal er die Mühle und ihr Team bereits von einer früheren Veranstaltung kannte. Eine jüngere Kollegin und er waren für derartige Auftritte seit Jahren eingespielt. Sie gab die flippige Moderne und er den verstaubten Traditionalisten. So battelten sie sich auf lustige Weise durch die oft dunklen Themen des Faches und das mit Erfolg, zuletzt mit dem Thema »Rechtsmedizin zwischen Klischee und Realität«.

BRB bekam den Zuschlag vom Chef. »Machen Sie das irgendwie und vielleicht können Sie ja eine Vorlesung anpassen, damit das nicht so viel Vorbereitungszeit kostet. Und sehen Sie bitte zu, dass Sie sich thematisch von dem ersten Vortrag absetzen.« Mit diesen Worten drehte sich der Chef schon weg, sodass die Bahn frei war. Seine Kollegin stand kurzfristig leider nicht zur Verfügung. So musste BRB allein zusehen, wie er das gestaltete. ›Da braucht es nicht viel Vorbereitung. Da reicht der Griff in die Schublade.‹ Mit diesen Gedanken machte er sich gleich an die Arbeit und tickerte sich auf seinem Rechner durch das Archiv der Vorlesungen, verschob eine PowerPoint in den Ordner öffentliche Vorträge, benannte sie um und überlegte sich, wie er das Thema für ein öffentliches Publikum strukturieren könnte. Rechtsmedizin im Allgemeinen. Medizinische und juristische Fachbegriffe raus, Fotos raus, die vermutlich nicht für alle Augen und alle Seelen geeignet sind. Im Besonderen müsste er einen Schwerpunkt setzen. Vielleicht »Tod im Wasser«. Die Ostseenähe und die gerade jetzt immer wieder berichteten Badetoten würden vermutlich ohnehin vom Publikum hinterfragt werden. Neben dem klassischen Ertrinken mit seinen Stadien würde er dem plötzlichen natürlichen Tod im Wasser Aufmerksamkeit schenken. Das Ganze natürlich mit einem positiven Blick auf alles Schöne im und am Wasser. In dieser Art würde er in den nächsten Tagen eine Präsentation zusammenstellen.