Engelsgeduld - Wolf Schreiner - E-Book

Engelsgeduld E-Book

Wolf Schreiner

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Beschreibung

Als er die neueste Idee des Passauer Bischofs vernimmt, glaubt Pfarrer Baltasar Senner, die Engel singen zu hören. Im Bayerischen Wald soll der Tourismus angekurbelt werden – mit einem prächtigen Festspiel, Adelsmänner, Jäger, feine Damen und Bauernvolk inklusive. Und ausgerechnet Baltasar soll hoch zu Ross für christliche Eintracht bei dem Spektakel sorgen und den Segen spenden. Doch dann wird probeweise die Kanone abgefeuert, und kurz darauf bricht die Hauptdarstellerin tot zusammen. Baltasar wittert einen Mord und setzt Himmel und Erde in Bewegung, um den Täter zu fassen ...

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EPUB

Seitenzahl: 420

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Buch

Als er die neueste Idee des Passauer Bischofs vernimmt, glaubt Pfarrer Baltasar Senner, die Engel singen zu hören. Um im Bayerischen Wald den Tourismus anzukurbeln, wird in seiner Gemeinde ein prächtiges Festspiel veranstaltet, Adelsmänner, Jäger, feine Damen und Bauernvolk inklusive. Und ausgerechnet Baltasar, der einen Heidenrespekt vor Pferden hegt, soll hoch zu Ross für christliche Eintracht bei dem Spektakel sorgen und den Segen spenden. Doch dann gerät der Frieden bei den Proben zum großen Festumzug gehörig ins Wanken, als die Jagdgewehre und die Kanone abgefeuert werden und die Hauptdarstellerin tödlich getroffen zusammenbricht. Handelt es sich um einen schrecklichen Unfall? Wurde die Schauspielerin aus Versehen von Splittern der Kanone getroffen? Oder war eines der Gewehre absichtlich nicht mit Platzpatronen geladen? Baltasar wittert einen Mord und setzt Himmel und Erde in Bewegung, um den Täter zu fassen …

Weitere Informationen zu Wolf Schreiner

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

Wolf Schreiner

Engelsgeduld

Ein Krimi

aus dem Bayerischen Wald

1. Auflage

Originalausgabe Juni 2015

Copyright © 2015 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagmotiv: plainpicture/Leander Hopf, FinePic®, München

Redaktion: Alexander Behrmann

KS ∙ Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-15424-0

www.goldmann-verlag.de

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1

Die Angreifer kamen aus dem Wald. Es waren drei, sie trugen Helme und Kettenhemden, und sie waren bewaffnet. Die Stahlklingen ihrer Schwerter glitzerten in der Sonne. Als sie die Wiese erreichten, verteilten sie sich.

Die Frauen im Stall schrien auf und liefen um ihr Leben. Ein junger Mann griff zur Mistgabel und erwartete mit zitternden Händen die Attacke. Die drei Fremden kreisten ihn ein, sie ließen sich Zeit, schweigend fixierten sie ihr Opfer.

Der junge Mann versuchte zuzustoßen und sich die Männer vom Leib zu halten, doch sie parierten die ungelenken Ausfälle mit den Waffen. In seiner Verzweiflung rannte der Stalljunge auf einen der Angreifer zu, die Mistgabel wie eine Lanze vor sich hertragend in der Hoffnung, sich damit einen Weg freizukämpfen.

Dann ging alles ganz schnell. Der zweite Angreifer sprang hinter den jungen Mann und stieß ihm das Schwert in den Rücken. Blut spritzte, das Hemd des Getroffenen färbte sich dunkelrot. Wie in Zeitlupe drehte er sich um und starrte die Fremden an. Ein weiterer Stoß. Er fiel um, lag da und rührte sich nicht mehr.

»Ein unheimlich realistisches Gemetzel, nicht wahr?«

Das Licht im Gemeindesaal ging an, ein Mann trat an den Tisch und schaltete den Beamer aus.

»Ich wollte Ihnen mit diesem Video zeigen, wie atemberaubend die Spannung bei solch inszenierten Kämpfen ist, es sieht aus wie ein echtes Blutbad.« Der Mann war Anfang dreißig, Typ Jungmanager, er trug einen Dreitagebart, eine übergroße schwarze Brille und einen Anzug mit einem weißen Hemd, aber ohne Krawatte.

»Was Sie gerade gesehen haben, meine Damen und Herren, waren Filmaufnahmen von einem Live-Event aus der Lüneburger Heide. Ritterspiele, aber auf eine moderne Weise. Das ist es, was ich mir hier vorstelle: ein Event. Ein Spektakel. Für Touristen. Was sag ich Ihnen, für Touristenmassen!«

»So was haben wir doch schon bei uns im Woid«, meinte eine Frau aus dem Publikum. Sie benutzte den Einheimischen-Ausdruck für den Bayerischen Wald. »In Furth gibt’s bereits so eine Gaudi.«

»Die verehrte Dame weist auf einen wichtigen Punkt hin«, sagte der Mann. Sein norddeutscher Tonfall war unüberhörbar. »Bevor wir darüber diskutieren, erlauben Sie mir, ein kurzes Video über diesen sogenannten Further Drachenstich zu zeigen, den die Dame angesprochen hat.« Er schaltete den Beamer wieder an und rief eine Datei auf seinem Laptop auf.

Die ersten Sequenzen zeigten Besucher, die die Straßen der Stadt säumten. Marktfrauen, Ritter in Rüstungen und Adelige in Samtgewändern kamen auf Pferden und Kutschen, Bauern und Kinder in historischen Kostümen folgten ihnen. Die Geschichte handelte von Liebe und Jungfrauen und einem Helden in weißer Rüstung.

Ein Tor öffnete sich. Ein Drache kroch heraus. Das Monstrum war sechzehn Meter lang und vier Meter hoch, die Augen glühten, seine Flügel schlugen bedrohlich. Langsam öffnete sich der Rachen, und eine Feuerfontäne ergoss sich über den Platz.

Die Menschen versuchten, die Bestie aufzuhalten, aber vergeblich. Der Held stellte sich ihr entgegen, ein Kampf entbrannte, und am Ende tötete der wackere Krieger das Ungetüm. Die Menge jubelte.

Das Licht ging wieder an.

»Ist es nicht fantastisch?« Der Mann blickte in die Runde. »Und wissen Sie, was das Beste an der Aufführung ist?«

Niemand rührte sich.

»Nun, ich verrate es Ihnen: die Menschen. Haben Sie die Tausende von Besuchern gesehen? Alles Touristen. Und wissen Sie, was Touristen im Bayerischen Wald bedeuten? Ich will es Ihnen sagen: Geld – sie bringen Geld mit, geben Unsummen aus für Eintrittskarten, für Essen und Trinken – der Schweinsbraten dieser Region soll himmlisch sein –, fürs Übernachten, fürs Shoppen. Ist das nicht eine gute Nachricht?«

»Und was kostet der Spaß?«, fragte einer der Zuhörer.

»Die Finanzierung ist ein nachgelagertes Problem. Aber ich sage Ihnen, die Investitionen werden sich schnell rechnen. Das Geld wird fließen, was sag ich, es wird auf Sie niederprasseln wie bei einem Wolkenbruch.«

»Aber allein der Drache soll Furth im Wald zwei Millionen Euro gekostet haben. Wo soll unsere Gemeinde denn solche Summen hernehmen?«

»Dazu wird gleich der Bürgermeister etwas sagen. Aber Sie müssen den Payback, also die Rendite sehen. Mit diesem Hightech-Monstrum schaffte es die Stadt sogar ins Guinness-Buch der Rekorde, es ist der weltgrößte Roboter auf vier Beinen. So was wird rund um den Erdball gelesen, solche Werbung ist mit Geld gar nicht aufzuwiegen. Und ich sage Ihnen noch was: Die Further vermarkten ihr Spektakel als ältestes Volksschauspiel Deutschlands – und mit so was ziehen sie die Medien sofort auf ihre Seite. Die schreiben Artikel darüber, das ist kostenlose Reklame für den Ort. Zum Schluss noch eine Bemerkung: Es soll hier nicht so aufwändig werden, der Etat ist schmal.«

»Wie soll das gehen, können Sie zaubern?«, rief jemand aus der Menge.

»Wie gesagt, es geht nur um eine Vorfinanzierung, die Umsätze danach gleichen die Auslagen wieder aus. Außerdem lassen sich die Kosten mit einfachen Mitteln in Grenzen halten.«

»Mit welchen?«

Der Mann rückte seine Brille zurecht. »Indem Sie …« Er machte eine Kunstpause, mit einer ausgreifenden Geste umfasste er das Publikum. »Indem Sie alle mitmachen. Sie alle werden – Schauspieler.«

Ein Raunen ging durch den Saal. Die Leute tuschelten.

»Was für ein Honorar gibt’s denn da?«, fragte jemand.

»Natürlich erhält jeder Mitwirkende eine schöne Brotzeit und ein Freigetränk. Aber die Idee bei solchen Veranstaltungen ist, dass die Bevölkerung auf freiwilliger Basis mitmacht, so was lebt von den Laiendarstellern. An Geldzahlungen ist nicht gedacht, sonst könnte man ja gleich professionelle Schauspieler engagieren.«

»Keine Bezahlung?«

Bürgermeister Xaver Wohlrab stand auf und trat ans Rednerpult. Er war in der Gemeinde schon seit Jahren im Amt und Mitglied der richtigen Partei.

»Liebe Leut, bitte um kurze Aufmerksamkeit.« Er hob beschwichtigend die Hände. »Sie alle haben den Vortrag des Experten gehört, den wir eingeladen haben. Bitte denken Sie daran, dass wir nur dann eine solche Veranstaltung auf die Beine stellen können, wenn alle mitmachen – und zwar auf ehrenamtlicher Basis, so wie beim Schützenverein oder beim Sportverein auch. Unser Lohn werden Einnahmen für die Gemeinde und die Wirtschaft sein.«

»Und was sonst so in deine privaten Taschen fließt«, tönte es aus einer Ecke.

Der Bürgermeister ignorierte den Zwischenruf. »Am Ende kommt es uns allen zugute und es sichert Arbeitsplätze. Ihr wisst, ich setze mich seit Jahren dafür ein, dass sich Gewerbebetriebe bei uns ansiedeln, bisher leider ergebnislos. Ich brauche euch nicht zu sagen, wie der Arbeitsmarkt im Bayerischen Wald ist, das wisst ihr selbst. Es ist eine einmalige Chance auf Jobs, auf ein zusätzliches Einkommen.« Wohlrab wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wir brauchen mehr Touristen, und dazu brauchen wir eine Sehenswürdigkeit, eine Attraktion, um die Leute hierher zu locken und nicht nach Grafenau oder Furth im Wald oder Bischofsmais. Und am Anfang müssen alle mithelfen, damit das Festspiel ins Laufen kommt. Da die Gemeindekasse ziemlich leer ist, geht das nur mit dem Einsatz von euch allen. Sonst können wir es gleich bleiben lassen. Wenn die Veranstaltung etabliert ist, können wir gerne über einen Kostenzuschuss reden. Aber bis dahin brauchen wir eure Starthilfe.«

Die Diskussion brandete auf, die Menschen riefen durcheinander. Der Metzger des Ortes meldete sich zu Wort. »Wie soll denn unser Festival aussehen? Nochmals ein Ritterspiel kann’s doch nicht sein.«

Der Mann mit Brille trat wieder vor. »Ich hätte schon einige Ideen.« Er wartete, bis alle wieder still waren. »Darf ich fragen, wer war schon mal beim Kötztinger Pfingstritt oder hat zumindest davon gehört? Bitte Handzeichen.«

Eine Reihe von Armen schnellte nach oben.

»Sehen Sie, die Veranstaltung ist bekannt, es ist eine Mischung aus Bittprozession und Volksfest, sogar der Regensburger Bischof reitet mit, und ein kleines Heiligtum, eine Monstranz, ist auch mit dabei.«

Baltasar Senner zuckte bei dem Wort »Monstranz« zusammen. Erinnerungen stiegen hoch an einen Mordfall in Passau, den er aufgeklärt hatte und der mit dem Ordinariat des Bischofs zusammenhing. Baltasar war vom Bürgermeister persönlich gebeten worden, an dieser Versammlung teilzunehmen, weil er als katholischer Pfarrer eine Respektsperson in der Gemeinde war. Ein Geistlicher gehörte gewissermaßen zur Lokalprominenz und galt noch was im Bayerischen Wald; die Einwohner der Region waren allesamt Mitglieder der Kirche und treue Gottesdienstgänger. Der Bürgermeister hatte gehofft, die Anwesenheit eines Priesters würde die Wichtigkeit des Treffens verdeutlichen.

»Wo ist jetzt das Neue?«, fragte jemand.

»Geduld, Geduld, meine Damen und Herren«, sagte der Referent. »Ich habe das erwähnt, damit Sie eine Vorstellung davon haben, zwischen welchen Polen sich mein Vorschlag bewegt – mit einem Wort, ich möchte das Beste aus beiden Aufführungen nehmen, eine Kreuzung zwischen Further Drachenstich und Kötztinger Pfingstritt. Da ist der Erfolg für Sie garantiert.«

»Ja und?«

»Mir schwebt ein neues Festival-Thema vor. Im Mittelpunkt sollte eine Wilderer-Geschichte stehen. Robin Hood im Bayerischen Wald. Sie haben sich schon solche Filme im Fernsehen angeschaut, in Bayern kennen Sie sicher die Geschichte vom Wildschütz Jennerwein. Schöne Bergkulissen, so was gibt’s auch hier in der Gegend.« Der junge Mann fasste sich ans Herz. »Der Wilderer an sich ist eine romantische Figur. Natürlich muss auch ein Meuchelmord vorkommen und die Liebe zu einem Bauernmädel, so was zieht beim Publikum immer. Und natürlich brauchen wir Tiere: Pferde, Kühe, Ziegen und so. Gerade die jungen Zuschauer stehen auf so was. Das zu organisieren dürfte hier in der Gegend kein Problem sein.«

»Und wo nehmen wir den Wildschütz her, sollen wir ihn aus den Alpen importieren?«, klang es aus einer Ecke.

»Das ist ja gerade die Sensation – es gibt solche Figuren auch im Bayerischen Wald.« Der Referent klatschte in die Hände. »Ich habe mich schlau gemacht. Ein gewisser Franz Troglauer trieb sich als Wilderer und Räuber im achtzehnten Jahrhundert in der Oberpfalz herum und versteckte sich irgendwo hier im Wald vor seinen Verfolgern. Und ein Wolfgang Eichinger, genannt der ›Lexengangerl‹, schoss Wild im Jagdrevier des Fürsten von Thurn und Taxis im Bayerischen Wald. Immer wieder konnte er sich der Obrigkeit entziehen.«

Der Mann ging ein paar Schritte auf die Menge zu, blickte einigen Anwesenden ins Gesicht und wandte sich wieder ab. »Damit haben wir doch gleich Namen, ›Troglauer-Festival‹ oder ›Lexengangerl-Festspiele‹ klingen gut – oder schlicht ›Wilderer-Treffen‹. Deshalb appelliere ich zum Schluss an Sie, meine Damen und Herren, überlassen Sie das Feld nicht den Furthern oder Kötztingern oder den Alpenländlern, machen Sie sich und Ihre Gemeinde in ganz Deutschland berühmt – mit Ihrem eigenen Event!«

Applaus erhob sich. Der junge Mann verließ wieder das Pult. Bürgermeister Wohlrab rief dazu auf, Fragen zu stellen, aber die Besucher hatten offenbar genug damit zu tun, die Neuigkeiten zu verdauen.

2

Die Menschen schwärmten aus dem Rathaus, vor dem Gebäude bildeten sich kleine Gruppen, in denen weiter diskutiert wurde.

»Einen Moment, Hochwürden.«

Der Bürgermeister kam auf Baltasar zu. »Nun, wie fanden Sie den Vortrag?«

»Eine beeindruckende Show.«

»Ja, der Mann ist sein Geld wert. Er heißt Dominik Fetzner, kommt aus Hannover. Man sieht, nicht alles von dort oben ist schlecht.«

»Wie kommen Sie gerade auf ihn?«

»Er ist Marketingexperte, spezialisiert auf Tourismus. Der Herr hat schon in Zwiesel wahre Wunder gewirkt und denen dort auf die Sprünge geholfen. Danach sind die Gästezahlen nach oben geschnellt. Er wurde uns vom Landrat empfohlen, der wiederum hat den Tipp aus dem Bayerischen Wirtschaftsministerium. Ein Hochkaräter mit exzellenten Verbindungen.«

»Die wird er auch brauchen, um eine solche Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Ohne Geldgeber wird’s schwierig werden – auch wenn die Leute umsonst mitmachen.«

»Die Menschen waren begeistert, wann ist das schon mal passiert?«

Bei Politikern gab’s auch wenig Grund für Begeisterung, dachte Baltasar, aber er verbiss sich eine Bemerkung.

»Gerade die Bürgerbeteiligung ist für mich der Schlüssel«, fuhr Wohlrab fort. »So was stärkt den Gemeinschaftssinn. Warum sollte bei uns nicht klappen, was im Internet an der Tagesordnung ist? Dort arbeiten sogar wildfremde Menschen kostenlos für Unternehmen und liefern Beiträge und Fotos oder tragen Informationsschnipsel zusammen wie die Eichhörnchen. Dennoch haben Sie recht, Hochwürden, ohne Unterstützung geht es nicht.« Er räusperte sich. »Deswegen zähle ich auf Sie, Herr Senner. Ihr Wort gilt etwas in der Gemeinde. Ich bitte Sie, einen Beitrag zu leisten für das Gemeinwohl, reden Sie mit Ihren Kirchenbesuchern, sprechen Sie das Thema im nächsten Gottesdienst an – oder was Ihnen sonst einfällt. Ich kann auch eine schöne Rolle für Sie bei den Festspielen arrangieren.«

»Nein danke, Gott behüte, so was ist nichts für mich. Ich verzichte gerne.«

»Jedenfalls ist Ihre Unterstützung willkommen.« Der Bürgermeister verabschiedete sich.

Als Baltasar das Pfarrheim betrat, schlug ihm ein Geruch wie von verbrannten Äpfeln entgegen, vermischt mit einem süßlichen Aroma. Er ahnte Schlimmes: Seine Haushälterin Teresa experimentierte offenbar gerade wieder mit neuen Speisen. Sie hieß mit vollem Namen Teresa Kaminski und kam aus Polen, die Diözese hatte sie einst engagiert.

»Ich machen Apfelstrudel«, begrüßte sie ihn. »Rezept von meiner Oma, wird besonders schmackig.« Sie hantierte mit mehreren Schüsseln, als wolle sie Jonglieren üben. »Wird gut, mit Rosinen und Boskop und Kefir.«

»Kefir? Wie … Wie exotisch.«

»Lecker, lecker, Sie werden sehen.«

Baltasar hielt den Duft nicht mehr aus und verzog sich ins Arbeitszimmer. Er sah die Post durch, Reklameschreiben, einige Handwerksrechnungen. Die Bezahlung würde warten müssen, in der Kasse der Kirchengemeinde herrschte gerade Leere, und das Bistum zierte sich, die Kosten zu übernehmen.

Er musste an den Kirchturm denken, dessen Glockenaufhängung nach einem Unfall immer noch ein Provisorium war; das Passauer Ordinariat hatte die Gelder trotz Zusage des Bischofs immer noch nicht überwiesen.

Er legte Papier und Bleistift bereit, um sich Stichworte für seine Predigt am Sonntag zu notieren. Sollte er die geplante Veranstaltung tatsächlich ansprechen? Normalerweise war das nicht die Aufgabe eines katholischen Pfarrers; die Predigt diente dazu, die Besucher moralisch zu unterstützen und Glaubensfragen anzusprechen, gestützt auf Bibelstellen. Aber Baltasar scherte sich wenig um die Vorgaben seiner Vorgesetzten und bevorzugte seinen eigenen Stil – dazu gehörten eben Beispiele aus der Praxis. Er beschloss zu improvisieren und sich erst kurzfristig zu entscheiden.

Der Bürgermeister hatte zu einem Treffen geladen. Im Besprechungsraum des Rathauses standen mehrere Pinnwände, auf dem Konferenztisch lag eine Landkarte. Der Marketingexperte Dominik Fetzner begrüßte jeden Einzelnen mit Handschlag, seine Kleidung war die gleiche wie bei seinem früheren Vortrag. Baltasar fragte sich, ob der mehrere identische Sets in seinem Kleiderschrank hängen hatte.

Der Sparkassendirektor war anwesend und mehrere Männer, die Baltasar als Vereinsvorsitzende aus der Region identifizierte: Heimatverein, Schützenverein, Sportverein, Reservistenverein, Freiwillige Feuerwehr, Rotes Kreuz, diverse Musikkapellen sowie Vertreter von Jagdgenossenschaft und Bauernverband – ein Who-is-who der Lokalprominenz.

»Sehr geehrte Anwesende, danke, dass Sie Zeit gefunden haben für diese Besprechung«, begann der Bürgermeister. »Die erfreuliche Nachricht vorab: Es haben sich bereits viele, viele Freiwillige gemeldet – dank Ihrer Unterstützung und Werbung in Ihren Vereinen. Und die ersten Gespräche mit den Sponsoren klingen ermutigend. Deshalb wird Ihnen Herr Fetzner nun das Grobkonzept vorstellen. Bitte sehr.«

Der Marketingmann trat an den Tisch. »Stand heute haben wir über hundert registrierte Helfer, das ist mehr, als ich im ersten Anlauf erwartet habe. Es zeigt, dass unsere Idee einschlägt. Insgesamt brauchen wir hundertfünfzig bis zweihundert Mitarbeiter. Die meisten wollen natürlich eine Rolle in der Aufführung. Aber wir benötigen auch Mitarbeiter, die Gäste bei den Parkplätzen einweisen, die Absperrungen sichern oder beim Aufbau der Kulissen helfen. Das Thema stellt aber kein Problem dar, versichere ich Ihnen. Wenn Sie bitte näher treten, ich möchte Ihnen die Pläne erläutern.«

Er drehte die Karte auf dem Tisch. Sie zeigte die Gemeinde und die nähere Umgebung. Einige Flächen waren farbig markiert.

»Herr Wohlrab und einige andere Grundstücksbesitzer haben ihre Wiesen für den Event zur Verfügung gestellt.« Er fuhr die Linien auf der Karte nach. »Damit ist das Veranstaltungsgelände umrissen. Im Zentrum steht die Ruine des Schmidlein-Anwesens. In der Nähe werden wir eine Bühne errichten und Tribünen mit Sitzplätzen, auch ist dort Platz für Auto-Stellflächen und ein Bierzelt. Wir werden einen breiten Weg aufschütten, der das Gelände in zwei Teile trennt und auf dem die Prozession der Akteure stattfindet. Da wird alles dabei sein, natürlich in historischen Gewändern, ein Fürst, ein Bischof, mehrere Adelige und das sogenannte gewöhnliche Volk.«

»Und wer soll den Bischof spielen?« Baltasar hatte ein ungutes Gefühl in der Bauchgegend.

»Ich werde direkt bei Seiner Exzellenz in Passau anfragen, vielleicht will er dem Beispiel seines Regensburger Amtskollegen folgen.«

»Aha.« Baltasar stellte sich seinen Vorgesetzten in einem Bischofskostüm vor. Das konnte lustig werden.

»Gibt’s da nicht zu viel Gedrängel?«, fragte der Vertreter der Freiwilligen Feuerwehr. »Das sind eine Menge Menschen auf engstem Raum – und die gesetzlichen Vorschriften sind streng.«

»Wir haben die Flächen großzügig kalkuliert. Sicherheit wird selbstverständlich großgeschrieben, wir wollen schließlich keine Negativwerbung durch Verletzte oder Tote.«

»Und wo bleibt die Show? Wenn nur Leute im Pulk herumlaufen, ist das wie ein gewöhnlicher Faschingsumzug.«

»Sie bekommen das ganze Drama, ohne Frage. Liebe, Eifersucht, Kampf und Tod. Und da es eine Wilderer- und Jägergeschichte sein soll, werden wir auch richtig herumballern lassen, der Wilde Westen ist nichts dagegen. Wir greifen auf historische Modelle zurück und haben sogar eine richtige Kanone entdeckt, eine Antiquität, die wir im Keller einer Burg gefunden haben. Wir schießen natürlich nur mit Platzpatronen und verwenden Kunstblut.«

»Woher nehmen Sie eigentlich die Schusswaffen?«, fragte der Mann vom Roten Kreuz. »So was findet man doch eigentlich nur im Museum.«

»Ein Großteil sind Nachbauten ohne Funktion, moderne Spielzeuge, wenn Sie so wollen. Das können Stücke aus Plastik sein, das Publikum merkt das auf die Entfernung nicht. Einige wenige Darsteller tragen echte Waffen, die schießen auch damit.«

Die Frau von der Caritas meldete sich. »Dürfen die das überhaupt? Bei unseren strengen Waffengesetzen …«

»Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Ich habe mich deswegen extra nochmal beim Landratsamt erkundigt. Ich denke, wir sind da auf der sicheren Seite. Dafür haben wir unsere Experten, beispielsweise vom Schützenverein und vom Brauchtumsverein – und natürlich die Jäger. Die Herren sind ja anwesend.« Der Marketingmann machte eine einladende Geste. »Darf ich fragen, wie Ihre Meinung dazu ist?«

»Kein Problem«, sagte der Vorsitzende des Schützenvereins. »Wir können Vorderlader benutzen, die Gewehre und Pistolen werden mit einer reduzierten Menge Schwarzpulver geladen, ohne Bleikugeln. Das kracht und stinkt und ist völlig ungefährlich wie die Platzpatronen beim Kinderfasching.«

»Wer könnte diese Kanone bedienen?«, fragte Fetzner in die Runde.

»Das Prinzip ist dasselbe wie bei den Pistolen. Vorne Schwarzpulver rein, hinten zünden – und bumms! Ich kenne jemanden, der solche Geschütze bedienen kann.«

»Klasse!« Fetzner klatschte in die Hände. »Wir brauchen auch noch eine Szene mit einer Massenschlägerei und jemanden, der einen Messerkampf aufführt. Das proben wir aber vorher. Ich sag Ihnen, es wird eine fantastische Show.«

Zustimmendes Gemurmel im Raum.

»Und wann ist das Casting für die Rollen?«, fragte der Vorsitzende des Heimatvereins.

»Dazu machen wir in einigen Tagen eine gesonderte Veranstaltung. Sie sind natürlich alle herzlich eingeladen.«

3

Der Anruf verhieß nichts Gutes. Die Sekretärin des Bischofs hatte ausrichten lassen, Seine Exzellenz wünsche ihn in Passau zu sprechen. Baltasar vermied solche Besuche und ging nur zu seinem Vorgesetzten, wenn er eine »dringende Bitte« von Bischof Vinzenz Siebenhaar hörte, was nichts anderes hieß, als dass er gefälligst in der Verwaltung antanzen sollte. Das Ordinariat residierte in einem historischen Palais am Passauer Domplatz.

Bischof Siebenhaar begrüßte ihn direkt an der Bürotür.

»Herr Senner, treten Sie ein in die gute Stube, wie schön, dass Sie wieder mal da sind, wir sehen uns viel zu selten.«

Baltasar versuchte, nicht ironisch zu klingen. »Exzellenz, wie könnte ich Ihre Einladung ausschlagen?«

»Lassen Sie doch die Förmlichkeiten, Herr Senner. Bitte nehmen Sie Platz.« Er deutete zur Besucherecke, auf dem Tisch standen Tee und Kaffee und eine Silberschale mit Keksen. Der Bischof schenkte ein und schob ihm den Teller hin. »Bitte, bedienen Sie sich, frisch gemacht von unseren Klosterfrauen.«

Die Plätzchen schmeckten tatsächlich wunderbar, Baltasar spürte ein wenig Neid in sich hochsteigen über die bischöfliche Küche. Wenn er da an Teresa dachte …

»Und, wie gehen die Geschäfte in Ihrer Gemeinde?«, begann der Bischof das Gespräch.

»Leider sind die Reparaturen am Kirchturm immer noch nicht ausgeführt, Sie hatten doch versprochen, uns zu unterstützen …« Baltasar fragte sich, was für ein Anliegen der Bischof wirklich hatte, bestimmt ging es nicht um den Austausch von Nettigkeiten.

»Ich habe Ihnen zugesichert, der Gemeinde unter die Arme zu greifen, sobald es unsere Finanzen zulassen.« Siebenhaar goss Balsam in seine Worte. »Leider erlaubt es unsere Kassenlage nicht, größere Investitionen zu tätigen. Aber ich versichere Ihnen, sobald …«

»Mit Verlaub, Exzellenz, das erzählen Sie mir schon länger.«

»Herr Senner, Herr Senner, Sie wissen gar nicht, wie viele kostspielige Belastungen das Bistum schultern muss, darum verzeihe ich Ihnen Ihre Bemerkung. Wie können Sie an meinem guten Willen zweifeln?«

»Das tue ich auch nicht, ich würde nur gerne Taten sehen. Schließlich ist die Kirche Eigentum der Diözese, und man sollte ein Gotteshaus nicht so herunterkommen lassen.«

»Ich will nicht diskutieren, Sie haben ja recht, mein lieber Senner. Aber ich muss auch die anderen Gemeinden im Auge behalten. Jeder kommt zu mir und verlangt etwas, niemand kommt und gibt mir etwas zurück. Doch lassen wir das. Wie ich gehört habe, plant Ihre Gemeinde ein großes Festival.«

Aha, jetzt nähern wir uns dem eigentlichen Kern der Unterhaltung, dachte Baltasar und rätselte, was der Bischof tatsächlich von ihm wollte.

»Es soll die Region für Touristen attraktiver machen.«

»Das ist lobenswert«, sagte der Bischof. »Es kann uns nicht gleichgültig sein, was mit dem Bayerischen Wald und seinen Bewohnern geschieht. Wenn wir nicht aufpassen, wandern die Menschen immer mehr ab in die Städte, wo sie Arbeit finden. Für uns heißt das, am Ende verlieren wir unsere Kirchenmitglieder. Dann können wir hier gleich dichtmachen.« Siebenhaar trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. »Da sind wir alle gefordert. Jeder Einzelne.«

»Wie wollen Sie sich persönlich engagieren, Exzellenz?«

»Das habe ich bereits. Ich bekam eine Anfrage, genauer gesagt, eine Bitte, vorgetragen vom Bürgermeister, vom Landrat und von dem Herrn Fetzner. Und die Argumente haben mich überzeugt – ich mache mit und unterstütze das Projekt.«

»Das finde ich gut. Was genau wollen Sie unternehmen?«

»Die Veranstalter wünschen, dass ich bei diesem … diesem Umzug mitmache. Ich soll auf einem Pferd reiten, so wie mein Regensburger Amtskollege in Kötzting.«

»Als Wilderer?« Baltasar gluckste.

»Natürlich nicht, ich soll einen Bischof spielen – was mir nicht schwerfallen dürfte. Ein Bischof, der in den Ort einreitet und danach die Menschenmenge segnet.«

»Gratuliere, ich sehe schon Ihre zweite Karriere bei Deutschland sucht den Superstar.«

»Witzeln Sie nur, ich meine es ernst. Auf einem Pferd – das ist doch eine gute Idee, da mach ich mit.«

»Das finde ich großzügig von Ihnen. Außerdem lernen Sie auf diesem Weg meine Gemeinde kennen – hoch zu Ross gewissermaßen.« Baltasar grinste. »Für mich wäre das nichts, ich habe einen Heidenrespekt vor Pferden.«

»Auch das sind Geschöpfe Gottes«, sagte der Bischof. »Davor braucht man keine Angst zu haben.«

»Ich bin als Kind mal von einem Pferd gefallen. Seitdem sind mir diese Viecher unheimlich. Mich bringt niemand da rauf. Ich fahr lieber mit dem Rad.«

»Nun stellen Sie sich nicht so an, mein lieber Senner, das ist Ihr Unbewusstes, das Ihnen wie ein kleiner Teufel im Nacken sitzt.«

»Na, die Frage stellt sich für mich nicht.«

»Sie sollten Ihren Geist mehr öffnen. Ich hätte da die ideale Therapie für Sie.«

Baltasar sah seinen Vorgesetzten fragend an.

»Wissen Sie, ich habe momentan Probleme mit meinem Rücken, die Bandscheibe. Ich war schon in Bad Füssing zur Behandlung. Wenn es nicht besser wird, kann ich das Festival nicht unterstützen. Ich hoffe das Beste, Sie ahnen gar nicht, mein lieber Senner, wie schmerzhaft das sein kann. Mit der Bandscheibe ist nicht zu spaßen. Deshalb besteht die Gefahr, dass ich mich bei dem Festival nicht aufs Pferd schwingen kann.«

»Und?«

»Ich stehe im Wort bei den Veranstaltern. Und ein Bischof hält seine Versprechen. Deshalb muss ein Ersatz für mich einspringen. Da habe ich an Sie gedacht.«

»Nein danke, kein Bedarf.«

»Lieber Herr Senner, Sie müssen Ihre Abneigung gegen Pferde ablegen. Wo bleibt da Ihr Gottvertrauen? Beten Sie um Beistand, der Herr wird Sie erhören.«

»Exzellenz, schicken Sie jemand anderen.«

»Sie sind der Geistliche dieses Ortes, die Menschen vertrauen Ihnen und erwarten, dass Sie sich in der Öffentlichkeit zeigen und am Gemeindeleben teilnehmen. Was meinen Sie, wie das Ihr Image hebt, wenn Sie kein Spielverderber sind und bei dem Umzug mitmachen?«

»Sie reden schon wie dieser Marketingmann.«

»Ich kann hier im Ordinariat sonst niemanden entbehren. Nehmen Sie eine Stunde Reitunterricht, ich werde etwas für Sie arrangieren. Sie werden sehen, auf dem richtigen Gaul sieht die Welt ganz anders aus.«

»Die Organisatoren sollen sich darum kümmern, jemand wird gerne als Bischof-Darsteller einspringen – so schwer kann die Rolle doch nicht sein.«

»Die Herren wünschen einen richtigen Priester, das wirkt authentisch. Und nur ein Geistlicher kann den Segen spenden. Außerdem gibt es noch ein anderes Problem, das einen Schauspieler verbietet.«

»Was denn noch?« Baltasars Laune war nahe dem Gefrierpunkt.

»Dieser Fetzner hatte die Idee, das Festival mit religiöser Symbolik aufzuladen und etwas für die Ökumene zu tun. Sie wissen, wie ich dazu stehe.«

»Sie hassen das Thema.«

»Sagen Sie das nicht. Die Evangelischen sind, bei all ihren Schwächen, unsere geistigen Brüder, mehr wie ein kleiner Bruder, den man freundschaftlich an die Hand nehmen und auf den rechten Weg führen muss. Sie mögen nichts mit der Jungfrau Maria im Sinn haben, eigentlich eine Schande, aber immerhin beten sie auch zum lieben Gott und zu Jesus. Wussten Sie übrigens, dass dieser Fetzner Katholik ist, obwohl er aus dem Norden kommt? Solche Menschen, die in der Glaubenswüste unsere Fahne hochhalten, muss man einfach unterstützen.«

»Wie schön für ihn. Aber warum sollten wir jede Werbeaktion mitmachen?«

»Was ist an Werbung schlecht, gerade wenn es dem katholischen Glauben dient? Man muss heute mehr für die Kirche tun, Sie wissen selbst, es reicht nicht mehr, einfach nur dazusitzen und abzuwarten, ob die Menschen in die Gotteshäuser kommen. Wir müssen aktiver sein, wir müssen verhindern, dass die jungen Leute aus der Kirche austreten. Deshalb sollten wir die Menschen dort abholen, wo sie sich in ihrer Freizeit aufhalten – und solche Festivals gehören dazu.«

»Und was ist mit Schulen, mit den Organisationen? Wollen Sie dem Schützenverein beitreten, nur um neue Mitglieder anzuwerben? Da hätten wir viel zu tun, und für die seelsorgerische Arbeit bliebe keine Zeit.«

Der Bischof setzte eine Miene auf, als müsste er einem Schüler etwas erklären. »Dieses Festival ist etwas Besonderes. Wir erfahren hohe Aufmerksamkeit, mit etwas Glück schaffen wir es sogar ins bayerische Fernsehen, Herr Senner. Sie sind unser Bannerträger, Sie beweisen den Menschen, dass ein katholischer Priester volksnah ist und Spaß versteht.«

»Da kann ich auch Witze in der Sonntagsmesse erzählen.«

»Jetzt seien Sie nicht so sperrig!« Unwillen schlich sich in die Worte des Bischofs. »Wie gesagt, im Kern geht es um die Ökumene. Der evangelische Pfarrer hat bereits zugesagt, er wird auf jeden Fall auf so einem Gaul sitzen. Nun stellen Sie sich mal vor, lieber Herr Senner, Sie würden daneben zu Fuß gehen. Wie sähe das aus? Ein katholischer Geistlicher, der unterhalb eines … eines Lutheraners marschiert? Eine Schande wäre das! Wenn jemand oben ist, dann wir.«

Der Bischof war aufgestanden und ging im Zimmer hin und her. »Unterschätzen Sie nicht die religiöse Komponente. Wir treten nicht in Verkleidung auf, sondern sind einfach Geistliche. Das gibt dem Ganzen einen anderen Anstrich, zeigt bei allem Spektakel die Würde der christlichen Religion. Deshalb müssen Sie da mitmachen, Herr Senner. Ich will keinen Widerspruch mehr hören, es geht um mehr als um Ihre persönlichen Befindlichkeiten.«

»Und was ist mit den Renovierungskosten?« Baltasar versuchte, ruhig zu bleiben. »Wie sieht das denn aus, wenn all die Touristen die Makel an meiner Kirche sehen?«

»Jetzt machen Sie uns bei diesem Festival alle Ehre, und dann sehen wir weiter.« Der Bischof blickte auf seine Armbanduhr. »Ich habe einen anderen Termin, Gott zum Gruße.«

4

Ein Zelt des Technischen Hilfswerks war aufgestellt, mehrere Bierbänke waren aneinandergeschoben worden. Davor hatten sich Schlangen von Menschen gebildet, die sich für die Festspiele als Teilnehmer registrieren lassen wollten.

Marketingmann Dominik Fetzner hatte an diesem Samstagvormittag zu einem »Casting« eingeladen, sogar die Zeitung hatte den Termin angekündigt, überall im Ort klebten Plakate mit dem Aufruf.

Das Ganze fand auf einer Wiese außerhalb des Ortes in der Nähe der Ruine des Schmidlein-Anwesens statt, dort, wo später die Haupttribüne errichtet werden sollte. Das Areal war provisorisch mit Holzstangen und Seilen abgeteilt worden, Kreidelinien wie auf einem Fußballfeld markierten eine rechteckige Fläche auf dem Gras als Platzhalter für die Bühne.

Ein zweites Zelt diente als Lagerraum für Requisiten. An Gestellen lehnten Vorderladergewehre, auf Kleiderständern hingen Kostüme und Hüte, auf den Tischen lagen Säbel und Taschen, Hirschfänger und Pulverflaschen. In einer Ecke zog eine altertümliche Kanone die Blicke auf sich, die Oberfläche war mit Rost bedeckt, die Holzlafette von Wurmlöchern zerfressen. Baltasar bezweifelte, dass man mit diesem Museumsstück überhaupt einen Schuss abfeuern konnte.

»Da sind Sie ja, Hochwürden.« Bürgermeister Wohlrab kam ihm entgegen. »Sehen Sie sich um, all die Menschen. Im Vertrauen: Anfangs war ich etwas skeptisch, ob die Idee zünden würde, aber nun … Es wird ein toller Erfolg, ich spüre das!« Er klopfte auf seinen Magen. »Und mein Bauchgefühl hat mich noch nie getäuscht. Das ist es, was der Gemeinde noch gefehlt hat.«

»Der Ansturm ist tatsächlich beeindruckend«, antwortete Baltasar. »Ist denn schon klar, für welche Aufgaben sich die Leute bewerben?«

»Wir erstellen gerade die Listen. Wenn wir mehr Anwärter als Plätze haben, gibt es ein Auswahlverfahren. Aber das ist ein Luxusproblem, schlimmer wäre es, wenn wir zu wenige Freiwillige zusammenbekämen. Ich denke, mit dem heutigen Tag brauchen wir uns da keine Gedanken mehr zu machen.«

»Wann beginnen die Proben?«

»Wir werden schon heute ein wenig üben. Sie sind natürlich davon ausgenommen, Hochwürden, Pferde haben wir nicht. Sie brauchen sich auch nicht in die Liste eintragen, ich habe das für Sie als VIP-Gast bereits erledigt. Außerdem müssen Sie nicht schauspielern, sondern einfach nur mitreiten und danach die Menschen segnen. Es freut mich, dass Sie uns unterstützen. Sehen Sie sich ruhig um.«

Aus dem Anmeldezelt tönte Lärm. Ein Streit.

»Wenn Sie mich bitte jetzt entschuldigen, ich glaube, ich muss schlichten.« Der Bürgermeister eilte davon, Baltasar folgte ihm.

»Was heißt hier, die Rollen sind bereits besetzt?« Ein Mann mittleren Alters, der Bauch wölbte seine fleckige Latzhose, hatte sich über den Anmeldetisch gebeugt. »Suchen Sie nun Freiwillige oder nicht? Trauen Sie mir nicht zu, dass ich die Rolle spielen kann, oder was?«

Die Helferin wirkte eingeschüchtert. »Aber wir haben doch schon so viele …«

»Das ist mir egal. Ich habe genauso ein Recht darauf wie jeder andere.«

Xaver Wohlrab berührte den Mann an der Schulter. »Wollen Sie sich nicht eine andere Figur aussuchen, als Landwirt vielleicht?«

»Ich will aber den Polizeigendarm spielen und nichts anderes. Und Sie mischen sich da besser nicht ein, Herr Bürgermeister.«

»Wir finden für Sie schon was Passendes.« Wohlrab verließ das Zelt.

»Also, was ist jetzt?« Der Mann wandte sich wieder der Frau zu.

»Nun mach schon, dass du wegkommst«, rief jemand, »mit deinem Gschwollschädel passt du eh nur als Bauer.« Einige aus der Warteschlange lachten.

Der Mann mit der Latzhose drehte sich um und ging auf den Rufer zu, ein Mann Anfang zwanzig mit Bürstenhaarschnitt.

»Was mischst du dich da ein, Bubi? Hat dich jemand um deine Meinung gefragt? Halt’s Maul und geh wieder heim zu deiner Mama.«

»Ich sag, was mir passt.« Der junge Mann hob die Arme. »Du hältst den Betrieb auf, siehst du nicht, dass es außer dir noch andere gibt, die sich anmelden wollen?«

Der Latzhosenträger packte sein Gegenüber am Kragen und zog ihn zu sich her. »Hör zu, du Abfoi, wenn du nicht sofort deine Betthaferl-Fresse hältst, sorg ich dafür.«

»Lass mein Hemd los, du Ochsenschädel.« Der Jüngere schubste ihn weg. »Geh zurück in deinen Stall, wo du herkommst, du Boinbruada.«

Unvermittelt warf sich der Ältere auf seinen Gegner. Der fiel von der Wucht des Aufpralls in eine Gruppe Menschen und riss einige mit sich zu Boden. Ein Tumult entstand.

»Du Grattler, spinnst du?« Ein Mann, Typ Bauarbeiter, rappelte sich hoch und lief wie ein Stier auf den Mann mit der Latzhose zu. »Jetzt setzt’s was.«

Weitere Schreie, verzerrte Gesichter. Es dauerte nur Sekunden, und ein Knäuel von Menschen hatte sich gebildet, Leiber ineinander verkrallt, Fäuste flogen, Gebrüll.

Baltasar versuchte, zwei Streithähne zu trennen, landete aber dafür selbst auf der Erde.

Plötzlich ein Schuss.

Die Bewegungen erstarrten. Köpfe reckten sich nach der Quelle des Knalls. Ein Mann in Jägertracht stand in der Mitte der improvisierten Rasenbühne. In der Hand hielt er eine Vorderladerpistole, den Lauf in den Himmel gestreckt, eine kleine Rauchwolke schwebte darüber.

Baltasar kannte ihn von der Versammlung im Rathaus, es war der Vorsitzende der regionalen Jagd-Genossenschaft.

»Die Einweisung in die Waffen beginnt«, rief ein Mann, »bitte versammeln Sie sich vor dem Nachbarzelt.«

Die Menschen rappelten sich auf, betretene Gesichter, die Rauferei war vergessen. Der Jagdhüter hatte mehrere Gewehre, Pistolen und Säbel vorbereitet, die auf einem Biertisch aufgereiht waren.

»Willkommen zu meiner Vorführung. Mein Name ist Andreas Dreier.« Der Mann genoss seinen Auftritt sichtlich. »Ich zeige Ihnen, wie diese Dinger funktionieren.« Er hob eine Pistole und ein Gewehr hoch. »Wie Sie vielleicht wissen, wird es bei unserer Aufführung einige Kampfszenen geben, beispielsweise eine Gruppe Wilderer, die sich ein Feuergefecht mit den Jagdaufsehern liefert. Dazu benutzen wir echte Modelle.«

Er schwenkte die Waffen. »Aber das sind Vorderlader, und wir schießen nur mit Schwarzpulver ohne Kugeln, das ist wie in der Kindheit, wo wir Cowboy und Indianer gespielt und mit Platzpatronen rumgeballert haben.«

Er deutete auf zwei Männer neben ihm. »Wir bilden jetzt drei Gruppen. Die Herren werden Ihnen nun die Funktionsweise der Waffen erklären und Sie probieren lassen. Wir üben gleich hier eine Szene. Ans Werk!« Er klatschte in die Hände.

Seine Begleiter winkten das Publikum heran. Bald hatten sich die Abteilungen gebildet, die sich auf dem Gelände verteilten. Baltasar schloss sich dem Waffenexperten an.

Andreas Dreier ließ die Vorderlader herumgehen. »Nehmen Sie die Waffe ruhig in die Hand, sie ist nicht geladen. Spüren Sie das Gewicht, betätigen Sie probeweise den Abzug. Keine Angst, es geht nichts kaputt, das ist ein detailgetreuer Nachbau eines historischen Vorbilds, wie Sie sehen, ist alles sehr stabil gefertigt.«

Die Frauen wogen die Waffe in der Hand, als wollten sie das Gewicht einer Tüte Kartoffeln ermitteln. Einige umklammerten den Griff mit beiden Händen und machten Zielübungen. Die Männer streichelten das Metall wie das Fell eines Hundes, sie zogen den Abzug, die einen riefen dabei »Peng, peng!«, die anderen steckten sich die Pistole in den Gürtel und zogen wie bei einem Duell in Westernfilmen.

»Ich zeige Ihnen, wie man solche Waffen lädt, damit Sie den Mechanismus verstehen, das Prinzip ist bei allen Vorderladermodellen gleich. Bei unserem Festival brauchen Sie sich nicht darum zu kümmern, da erhalten Sie fertig präparierte Waffen.«

Aus der Tasche holte er eine Art Schnupftabaksflasche und Papierzylinder in der Form von Zigarrenstumpen, er ließ die Gegenstände unter seinen Zuschauern herumgehen.

»Die Pistolen und Gewehre werden über die Mündung des Laufs, also von vorne, geladen, deshalb der Begriff Vorderlader.« Er nahm eine Papierzigarre. »Das sind Kartuschen, gefüllt mit Schwarzpulver, sie erleichtern das Laden.«

Er hob die Flasche hoch. »Das ist die andere Variante, damit können Sie das Schwarzpulver direkt in den Lauf gießen.« An einem Gewehr führte er es vor. »Jetzt noch ein Schusspflaster dazugeben.« Mit einem Ladestock schob er ein rundes Filzblättchen hinein. »Jetzt fehlt nur noch die Kugel.«

Er drückte einer Frau ein Leinensäckchen in die Hand. »Bitte weitergeben. Sehen Sie sich die Kugeln ruhig an, sie sind aus Blei.«

Baltasar wog einige Kugeln in der Hand. Er war überrascht, wie schwer sie waren, sie erinnerten ihn an große, graue Murmeln.

»Natürlich werden wir sie nicht benutzen«, sagte Dreier. »Ich wollte sie Ihnen der Vollständigkeit halber zeigen, damit Sie sich besser in die Schützen früherer Jahrhunderte hineinversetzen können. Übrigens ist nur ein einziger Schuss möglich, danach muss die Waffe wieder abkühlen.«

»Kann man mit diesen Büchsen überhaupt was treffen?« Ein Mann setzte eine ungläubige Miene auf. »Da sind Pfeil und Bogen genauer.«

»Täuschen Sie sich nicht«, antwortete Dreier, »auf kurze und mittlere Distanz können Sie Ihr Ziel kaum verfehlen.«

Eine Frau meldete sich. »Ist es denn überhaupt erlaubt, dass Laien mit solch tödlichen Geräten hantieren?«

»Jeder über achtzehn darf solche Waffen frei erwerben und besitzen. Nur für das Schwarzpulver braucht man eine besondere Genehmigung, aber die ist einfach zu erhalten.«

»Dürfen wir einfach so rumballern?« Ein Jugendlicher grinste.

»Wie gesagt, volljährig sollte man schon sein«, sagte Dreier. »Aber wir haben vorgebaut und uns vom Landratsamt eine Sondergenehmigung ausstellen lassen. Für Brauchtumszwecke ist man dort großzügig, und was anderes als Traditionspflege ist unser Festival? Außerdem haben die Behörden das Areal vorübergehend zum Schießstand erklärt, das bedeutet, hier darf jeder solche Waffen benutzen, die üblichen Sicherheitsvorkehrungen vorausgesetzt. Sie sehen, bei den Ämtern im Bayerischen Wald hat man Verständnis für unser Vorhaben.«

Andreas Dreier rief die anderen Gruppen zu sich und gab seinen Helfern Anweisungen.

»Bitte treten Sie zurück und machen Sie sich darauf gefasst, dass es gleich laut wird.«

Seine Begleiter und er stellten sich in einer Reihe auf, jeder nahm eine Waffe und lud sie.

»Anlegen.«

Das Kommando hallte durchs Gelände.

»Feuer!«

Ein ohrenbetäubendes Krachen erfüllte die Luft. Rauch stieg auf, es roch nach Schwarzpulver.

»Sie merken, das ist spektakulär anders, damit zu feuern als mit Platzpatronen«, sagte Dreier. »Das wird die Zuschauer von ihren Plätzen reißen.«

Die Helfer trugen eine Kiste herbei.

»Nun geht’s weniger laut zu.« Dreier holte Degen und Hirschfänger hervor, Sauspieße, Mistgabeln und Äxte. »Das sind die übrigen Waffen für die Scharmützel. Bitte bedienen Sie sich und probieren Sie die Klingen aus. Aber Vorsicht, nur Luftübungen, säbeln Sie sich nicht den Finger ab.«

»Sind Sie Pfarrer Senner?« Eine Frau stand neben Baltasar, sie trug eine enganliegende Reithose und eine weiße Bluse. Ihr Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie mochte um die vierzig Jahre alt sein. Sie gab ihm die Hand und lächelte ihn an, als wolle sie mit ihm flirten.

Baltasar nickte. »Grüß Gott, haben Sie sich auch für die Aufführung beworben?«

»Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Eva Dirnberger. Ich habe einen Reiterhof hier in der Nähe. Bürgermeister Wohlrab hat mich gebeten, Pferde für die Festspiele auszuleihen.«

»Übernehmen Sie auch eine Rolle?«

»Ich soll die Gräfin spielen, ich bin gewissermaßen fest gebucht, das ist die Belohnung, dafür stelle ich die Tiere gratis zur Verfügung.« Sie fasste ihn am Arm, als wolle sie mit der Geste die Bedeutung des Gesagten unterstreichen. »Aber verraten Sie es niemandem, sonst gibt’s böses Blut.«

»Warum?«

»Weil jede Menge Frauen auf diese Rolle scharf sind. Es wird gleich ein Vorsprechen geben, aber das ist nur Show. Meine Abmachung mit Herrn Wohlrab steht.«

»Ich werde schweigen.«

»Etwas anderes wollte ich noch mit Ihnen bereden, Hochwürden.« Eva Dirnberger trat näher an ihn heran und überreichte ihm eine Visitenkarte. Er konnte ihr Parfum riechen. »Darauf steht meine Adresse, es ist etwas abgelegen. Bischof Vinzenz Siebenhaar hat mich gestern angerufen, ob ich Ihnen einige Reitstunden geben kann. Schauen Sie doch einfach die nächsten Tage vorbei.« Es klang, als wolle sie zu einer Privatparty einladen.

»Wie kommt Siebenhaar gerade auf Sie?«

»Ich hatte vor einigen Monaten beim Ordinariat angefragt, ob Seine Exzellenz nach Fertigstellung mein neues Wirtschaftsgebäude persönlich segnet. Nun hat er zugesagt und mich um den Gefallen gebeten. Ich werde ihm natürlich den Wunsch gern erfüllen – ohne Kosten, versteht sich.«

»Etwas anderes hätte mich beim Bischof auch gewundert.«

Mittlerweile hatte der Bürgermeister zu einer ersten Runde Vorsprechen aufgerufen. Er wurde von einem hochgewachsenen Mann begleitet, der ganz in Schwarz gekleidet war, die langen Haare mit schwarzer Baseballkappe bedeckt.

Wohlrab stellte den Neuen als Regisseur vor, der die künstlerische Leitung innehabe und schon erfolgreich am Stadttheater Ingolstadt und in Regensburg Stücke inszeniert habe. Sie lasen die Namen aus den Anmeldelisten vor und baten die Aufgerufenen, sich anhand der Rollenfiguren zu sammeln.

»Ich muss jetzt los, der große Auftritt«, sagte Eva Dirnberger. Sie gesellte sich zu den anderen »Gräfinnen«, zahlenmäßig war es die größte Gruppe.

Wohlrab und sein Begleiter gingen von Abteilung zu Abteilung. Für die Statistenrollen genügte ein kurzes Gespräch, ob die Freiwilligen gesund waren, genug Zeit für die Proben hatten und ob sie zur Not das Kostüm selbst anfertigen konnten.

Bei den Castings für die Kämpfe achteten sie mehr auf die kräftige Statur der Männer, um glaubwürdig einen Degen zu schwingen oder eine Muskete abfeuern zu können. Aber einige Frauen bestanden darauf, ebenfalls mit Waffen auftreten zu können, schließlich sei das kein »Männer-Macho-Ding«.

Der Regisseur verteilte Zettel mit Text, den die Bewerber vortragen sollten. Frauen richteten sich die Haare, einige holten Schminkspiegel heraus und überprüften ihr Aussehen.

»Die Nächste bitte.« Der Regisseur machte eine einladende Handbewegung.

Für Baltasar klang es wie der Aufruf im Wartezimmer eines Arztes. Eine Frau Mitte fünfzig in Tracht stellte sich in die Mitte der Wiese und hob das Blatt dicht vor die Augen, offenbar hatte sie ihre Brille vergessen oder aus Eitelkeit nicht aufgesetzt. Sie begann stockend zu lesen, es waren einige Zeilen aus Goethes Götz von Berlichingen:

Scheltet die Weiber! Der unbesonnene Spieler zerbeißt und zerstampft die Karten, die ihn unschuldigerweise verlieren machten.

Aber lasst mich Euch was von Mannsleuten erzählen. Was seid denn ihr, um von Wankelmut zu sprechen? Ihr, die ihr selten seid, was ihr sein wollt, niemals, was ich sein sollte. Könige im Festtagsornat, vom Pöbel beneidet.

Was gäb eine Schneidersfrau drum, eine Schnur Perlen um ihren Hals zu haben, von dem Saum Eures Kleids, den Eure Absätze verächtlich zurückstoßen!

Die Frau verhaspelte sich, unsicher sah sie in die Runde. Kichern aus dem Publikum.

»Die Nächste bitte.« Die Worte fielen wie ein Fallbeil.

Ein Mädchen Anfang zwanzig in Leggings und Turnschuhen trat vor. Sie rollte mit den Augen, als sie den Text aufsagte, fasste sich pathetisch an die Brust.

»Geht’s ein wenig lauter?« Der Regisseur hatte die Arme verschränkt.

»Was … Wie?« Die junge Frau wirkte irritiert.

»Na, wenn Sie im Freien auftreten und die Sitzplätze weit entfernt sind, müssen Sie laut sprechen, um die Zuschauer zu erreichen.«

Sie setzte erneut an, schrie die Worte heraus, als sei sie auf eine Folterbank gespannt.

»Danke, die Nächste.«

»Und, wie war ich?« Das Mädchen sah den Mann an.

»Sie sind für andere Rollen besser geeignet. Danke. Wenn Sie jetzt bitte Platz machen für die nächste Kandidatin.«

Eva Dirnberger stellte sich in die Mitte und sprach ihren Text. Ganz ordentlich, dachte Baltasar, die Frau hat Talent zur Schauspielerei.

»Wunderbar, sehr gut«, sagte der Regisseur. »Die Nächste.«

Es folgten mehrere Frauen, die mit Inbrunst die Gräfin verkörperten, bei einigen schlug der Dialekt durch, andere verschluckten vor Aufregung Silben und Wörter. Zum Schluss trat eine Frau in den Vierzigern auf, besser gesagt, sie schwebte auf die Bühne, das Chiffonkleid berührte das Gras. Sie stellte sich in Position. Ihre Stimme war klar und rein, sie unterstrich ihren Vortrag mit Gesten und verbeugte sich am Ende vor dem Publikum.

»In Ordnung«, sagte der Regisseur. »Das war’s für heute.«

»Und, hab ich die Rolle?« Die Frau sah ihn erwartungsvoll an.

»Sie haben gute Anlagen«, antwortete er. »Ich sehe Sie in mehreren Rollen – aber nicht als Gräfin.«

»Was?«, entfuhr es der Frau. »Mit Verlaub, ich habe die beste Schauspielleistung von allen gezeigt. Ich kann das beurteilen, ich hatte schon Hauptrollen bei der Bauernbühne in Straubing und beim Stadttheater in Passau.«

»Wir finden etwas Passendes für Sie«, sagte der Mann.

»Ich bin geschaffen für die Gräfin! Die Rolle ist mir auf den Leib geschrieben. Das werde ich mir nicht bieten lassen!« Ohne den Mann eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte sie sich um und verschwand.

5

Seine Haushälterin brühte Kaffee auf. Baltasar beobachtete aus den Augenwinkeln, wie sie Grimassen schnitt.

»Ist was, Teresa?« Er legte die Zeitung beiseite. »Sind Sie krank?«

»Ich … ähh … ich habe ein Problem.«

Er sah sie fragend an.

»Nun … ich … ich mich beworben als Statistin für das Festival«, sagte sie. »Ich werde eine Bauersfrau spielen. Wir werden gegen die Steuern der Obrigkeit protestieren, da sollen wir entrüstet schauen, hat der schwarze Mann gesagt.«

»Sie meinen diesen Regisseur.«

»Genau. Er hat mich ausgewählt, mich, Teresa Kaminski. Ich darf auftreten.« Ihr Gesicht strahlte. »Da müssen ich üben, ich will mich nicht blamieren.«

»Das ist eine schöne Rolle«, sagte Baltasar.

»Ich brauch keinen Text aufsagen, nur laut schreien. Aber das braucht Proben.«

»Was werden Sie anziehen?«

»Das noch sein ein Problem, ich habe keine Bauerntracht. Der Mann hat gesagt, man soll sich selbst um die Kostüme kümmern.«

»Sicher leiht Ihnen jemand was Passendes.«

»Ich werde mich in der Nachbarschaft umhören.«

Baltasar ging hinüber in die Kirche, zündete Kerzen an, kontrollierte die Gesangbücher. Nach einer halben Stunde war nichts mehr zu tun, er musste sich umziehen. Eine unangenehme Pflicht erwartete ihn: Er sollte Reiten lernen. Bis zuletzt hatte er versucht, die Aufgabe auf jemand anderen abzuwälzen, aber ein Anruf des Bischofs mit einem genauen Terminvorschlag hatte die Sache besiegelt – er musste auf ein Pferd klettern.

Der Reiterhof lag in einem Waldstück. Er bog von der Bundesstraße ab in einen Forstweg. Nach etwa einem Kilometer öffnete sich der Wald zu einer Lichtung. Er fuhr weiter bis zum Haupthaus und parkte vor dem Eingang.

Eva Dirnberger kam heraus, sie trug eine Reiterhose und Schaftstiefel, in der Hand hielt sie eine Reitpeitsche.

»Guten Morgen, Hochwürden, ein wunderschöner Tag, nicht wahr?«

»Das wird sich erst herausstellen.« Die Aussicht auf die bevorstehende Tortur verdüsterte seine Laune.

»Kommen Sie, ich führe Sie herum.« Sie hakte sich bei ihm ein und legte ihre Hand auf seinen Arm. Baltasar vermutete, dass sie sich ihrer Wirkung auf Männer wohl bewusst war und ihre Reize gezielt einsetzte.

Das Haupthaus war ein umgebauter Bauernhof. Blumenkästen an den Fenstern, eine Malerei über dem Eingang. Die ehemalige Stube war zu einem Aufenthaltsraum mit Schänken und Sitzbänken für Gäste umgebaut worden. Gerahmte Urkunden und Reproduktionen von Pferdegemälden an den Wänden. In einer Vitrine waren Pokale ausgestellt.

»Möchten Sie was trinken?« Die Hausherrin machte eine einladende Bewegung in Richtung Kühlschrank. »Dann können wir die Ziele Ihres Unterrichts besprechen.«

»Danke, im Moment nicht, mir ist etwas flau im Magen. Meine Ziele sind ganz einfach: die Reitstunden und die Robin-Hood-Aufführung überleben.«

»Gut, gehen wir ein wenig.«

Die Nebengebäude beherbergten Garagen, eine Scheune und Lagerhallen. Kieswege führten durch das Anwesen, Rasen mit Blumenrabatten bildeten dazwischen Inseln aus Farbtupfern.

»Warum behagt Ihnen das Reiten nicht, wenn ich fragen darf, Hochwürden?«

»Schlimme Kindheitserinnerungen. Mein einziges Reiterlebnis endete mit einem Gipsarm, für vier Wochen, von den Prellungen und blauen Flecken ganz zu schweigen.«

»Sie werden sehen, wenn Sie erst mal im Sattel sitzen, werden Sie die Vergangenheit vergessen und das Gefühl genießen.«

»Sie reden schon wie der Bischof.« Baltasar machte ein verdrießliches Gesicht. »Diese Art von Genuss brauche ich nicht. Man muss auch verzichten können.«

Am Rande des Geländes stand ein Rohbau, das Erdgeschoss war hochgemauert, Putz und Fenster fehlten.

»Was planen Sie da, Frau Dirnberger?«

»Wir wollen die Anlage erweitern. Momentan stockt das Projekt aber.« Sie deutete auf einen Pfad. »Dort geht’s weiter zu den Ställen.«

Verdeckt von Hecken schloss sich ein weitläufiges Areal an, Stallungen, eingezäunte Wiesen, ein Springparcours. Sie sah seinen Blick.

»Keine Sorge, Herr Senner, springen müssen Sie nicht.«

»Wie beruhigend. Sie verstehen es, einen aufzumuntern.« Baltasar ließ die Schultern hängen.

Die Sonne schien durch die Oberlichter des Stalls. Es roch nach Holz, Mist und Pferd. Es war ein unangenehmer Duft. Sein Magen meldete sich wieder. Von einem Mittelgang aus gruppierten sich links und rechts Holzverschläge. Wiehern war zu hören, Schnaufen wie von einer Dampfmaschine und ein Geräusch, wie wenn etwas Schweres gegen die Wand krachte.

»Hier wohnen unsere Lieblinge«, sagte Eva Dirnberger. »Es sind unsere Tiere, im anderen Stall haben wir die Boxen vermietet, da können Gäste ihre Pferde einstellen.«

Sie ging zum hintersten Verschlag. Ein Pferdekopf zeigte sich. Die Frau strich liebevoll über das Fell.

»Das ist unsere Rosalie, das bravste Lebewesen unter der Sonne, nicht wahr, Rosalie?«

Ein Schnauben kam zur Antwort. Die Stute beäugte Baltasar, als wolle sie sein Wesen erforschen.

»Ich habe den Darling für Sie ausgesucht, Hochwürden. Es ist ein gutmütiges Tier, gehorsam, geduldig und durch nichts aus der Ruhe zu bringen – das Richtige für Anfänger wie Sie. Sogar kleine Kinder sind von ihr begeistert.«

»Ich nicht, aber was soll’s.« Baltasar seufzte, das Pferd antwortete mit einem Wiehern. »Möge der Allmächtige diesen Kelch an mir vorübergehen lassen.«

Eva Dirnberger führte das Tier aus der Box und legte Sattel und Zaumzeug an.

»Passen Sie genau auf, Herr Senner, damit Sie sehen, wie so etwas gemacht wird.« Sie zog den Sattelgurt zu.

»Mir reicht’s, mich draufzusetzen. Wenn Sie einen Wagen mieten, wollen Sie auch nicht wissen, wie der Motor funktioniert, oder?«

»Ich seh schon, an Ihrer Motivation müssen wir noch arbeiten.« Sie lachte. »Wussten Sie, dass Pferde sehr intelligente Lebewesen sind?«

»Das könnte man auch über Hunde oder Katzen sagen. Diese Geschöpfe Gottes müssen wenigstens nicht zweibeinige Säugetiere auf ihren Rücken tragen. Ist das eigentlich nicht Tierquälerei? Kein Pferd würde freiwillig eine solche Last auf sich nehmen.«

»Kein Schwein lebt freiwillig in einem Stall, keine Kuh lässt sich freiwillig schlachten, und doch halten wir Menschen unsere Nutztiere. Genug geredet, auf geht’s!«

Sie führte Rosalie aus dem Stall und band die Zügel am Gatter fest. »Nun wird es ernst, Hochwürden. Wir üben das Auf- und Absteigen, das geht leichter als beim Motorrad, Sie werden sehen.«

In einer anmutigen Bewegung schwang sie sich nach oben. »Sehen Sie, ganz einfach. Jetzt das Ganze wieder rückwärts.«

Als sie wieder auf der Erde stand, holte sie einen Trittschemel. »Das macht es einfacher, Hochwürden, schämen Sie sich nicht, die Aufsteighilfe zu benutzen.«

Langsam näherte sich Baltasar dem Tier. Es war ein Fleischberg, auf den er hochklettern musste. Er erinnerte sich daran, gelesen zu haben, dass die Hufe einen erschlagen konnten – falls man darunter zu liegen kam.

Rosalie beobachtete ihn, schien es Baltasar. Ob sie ahnte, was in ihm vorging?

»Brav, alles wird gut«, sagte er und wusste nicht, ob er mehr das Pferd meinte oder nur sich selbst beruhigen wollte.

»Genau, reden Sie mit ihr.« Eva Dirnberger hielt die Zügel. »So, jetzt konzentrieren Sie sich.«