Ennos Tanz - Frank Holger Schneider - E-Book

Ennos Tanz E-Book

Frank Holger Schneider

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Beschreibung

Sturmfrei, Liebeskummer, große Ferien – der 14jährige Enno ergreift die Chance und setzt sich mit seinem selbstgebauten Zelt in den Zug, auf in die große, weite Welt. Und obwohl es nicht ganz so läuft, wie er sich das vorgestellt hatte, und die große weite Welt ihm einiges entgegenzusetzen hat, lässt er sich nicht beirren, denn alles duftet so wunderbar neu und frisch und prickelnd nach Abenteuer, Sommer, Freiheit. Eine äußerst charmante, wunderbar erzählte, leichtfüßige Coming-of-Age-Geschichte. Wer sich hier überhaupt nicht wiederzuerkennen vermag, hat vielleicht etwas falsch gemacht.

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EPUB
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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Frank Holger Schneider arbeitete einige Jahre in Lübeck am freien Theater, bis er 2000 mit seinem ersten Stück Hiphop und Konfekt im »Theater Partout« Premiere feierte. Später folgten die Stücke Hagelstein (2002) und Workoutstories (2013). Zum Studium verschlug es ihn mit Ende zwanzig über Leipzig nach Tübingen, wo er in zahlreichen Produktionen auf der »Theaterbaustelle« und am studentischen »Brechtbautheater« spielte, textete und Regie führte. Nebenbei schrieb er Kurzgeschichten und erlernte das Handwerk des Biergärtnerns; seit 2011 darf er im Sommer das Team des bekanntesten Tübinger Biergartens leiten.

frankholgerschneider.de

Frank Holger Schneider

ENNOS TANZ

ROMAN

KRÖNEREDITIONKLÖPFER

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Impressum

Kapitel 1

»Wenn man guckt wie ein Erwachsener, ganz ernst und so, dann sieht man auch so aus«, hatte Christoph gesagt. Und das war ja auch plausibel: Man kriegte so Falten auf der Stirn und an der Nase, die einen älter machten.

Andererseits war Christoph ein Idiot. Er hatte zum Beispiel geglaubt, dass Lance Armstrong der erste Mann auf dem Mond war und Buzz Aldrin eine Figur aus Toy Story. Christoph brachte immer alles durcheinander.

Je weiter ich jetzt in der Schlange vorankam, desto mulmiger wurde mir. Vielleicht musste man wie ein Erwachsener denken, um so auszusehen. Zum Beispiel an Immobilienfonds oder sich über den Berufsverkehr ärgern. Wobei ich gar nicht wusste, was ein Immobilienfonds sein sollte. Ich dachte also intensiv an den Berufsverkehr, als ich endlich drankam.

Die Frau war bestimmt schon fast sechzig, hatte graumeliertes Haar und guckte sehr freundlich. »Hallo«, sagte sie, »was kann ich für dich tun, junger Mann?«

Sie guckte immer noch freundlich.

Jetzt musste ich etwas sagen.

»Guten Tag, ich hätte gerne ein Monatsticket für Baden-Württemberg.«

»Und für welche Strecke?«

Sie hörte einfach nicht auf, mich freundlich anzugucken. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber das machte mich irgendwie noch nervöser. Ich hatte gedacht, dass sie mir kritische Fragen stellen würde, ob ich denn als Jugendlicher einen ganzen Monat allein durch Baden-Württemberg reisen wolle oder ob ich eine Begleitung hätte, dass sie nach einer elterlichen Vollmacht oder so etwas fragen würde. – Irgendwie sowas. Aber sie guckte nur so bescheuert freundlich.

Und was meinte sie eigentlich mit: »Für welche Strecke?«

»Für Baden-Württemberg«, sagte ich mit fester Stimme.

»Tja«, sagte sie immer noch freundlich, aber jetzt schon etwas abwesender, als krame sie gedanklich nach Tarifen und Tickets, »so etwas gibt es als Tagesticket, das Baden-Württemberg-Ticket für den Regionalverkehr.«

Das verstand ich nicht, ich hatte doch nicht nach einem Tagesticket gefragt. Dann sagte sie noch was von einem Abo.

»Einfach ein Monatsticket«, wiederholte ich ungeduldig, »ich will zwei Wochen durch Baden-Württemberg fahren, den ganzen Juli, also den halben, den restlichen.«

Das war der Moment! Plötzlich wurde mir heiß.

»Alleine?«, fragte sie.

Ich weiß nicht, ob ich rot geworden bin, aber man sagt ja manchmal, dass man sich vor Angst fast in die Hose macht. Das hatte ich bis dahin nie wörtlich genommen, aber in dem Moment habe ich zum ersten Mal erlebt, wie sich das wirklich anfühlt.

So richtig körperlich, meine ich.

»Wie ist das denn mit dem Berufsverkehr?«, fragte ich etwas unsicher.

»Mit dem Berufsverkehr?«

Tja, scheiße, das war eine Sackgasse. Also, in dem Sinn, dass ich selbst nicht wusste, was ich mit der Frage meinte. Es ging so in die Richtung, dass ich schon erwachsen war und ein Monatsticket zum Pendeln für den Berufsverkehr bräuchte, aber irgendwie natürlich doch nicht nur für eine bestimmte Strecke, sondern eben für ganz Baden-Württemberg. Christophs Bruder musste gerade Tod eines Handlungsreisenden lesen und ein Referat über den Film halten, und ich dachte kurz daran, dieser Frau etwas darüber zu erzählen, dass ich dieses Ticket als Handlungsreisender durch Baden-Württemberg bräuchte für dringende Geschäfte, aber wenn ich ehrlich bin, verließ mich der Mut.

»So ein Ticket für heute nehme ich dann«, sagte ich also.

Die Frau sah auf die Uhr.

»Lohnt sich das wirklich noch?«, fragte sie.

Irgendwie lief es gerade ziemlich gegen mich. Meine Vorbereitung war wohl nicht die beste gewesen.

Der Gedanke, mit meinem gepackten Rucksack und dem selbstkonstruierten Zelt aus Müllsäcken wieder nach Hause zu gehen und heute ganz normal in meinem Bett zu schlafen, war ein bisschen ernüchternd, nein: Es fühlte sich total enttäuschend und fad an. Aber sie hatte wohl recht.

Ich sagte: »Dann bitte eins für morgen.«

Tja, so beschissen fing alles an.

Ich hockte also abends in meinem Zimmer und glotzte aus dem Fenster. Ich hatte dieses viel zu teure Baden-Württemberg-Ticket auf dem Schreibtisch liegen, das nur für einen Tag galt.

Sollte ich jetzt täglich so eins kaufen? Ich rechnete kurz nach – nein, das ging nicht.

Es waren Sommerferien und meine Eltern waren mal wieder an der Ostsee. Kann sich das jemand vorstellen? Ich meine, kann sich das jemand vorstellen, dass die Eltern jedes Jahr zum Urlaub nur an die Ostsee fahren, obwohl sie gutes Geld verdienen und sonstwo hinfliegen könnten? Kann sich jemand vorstellen, dass einem das irgendwann peinlich ist als Sohn, dass man gerne mal in den Urlaub fliegen würde? Irgendwo in den Süden, wie die anderen auch?

Es war das erste Mal, dass sie mir erlaubt hatten, nicht mitzukommen. Etwas Geld hatten sie mir dagelassen, und zusammen mit meinem Ersparten war das gar nicht schlecht.

Ich hatte natürlich mit dem Tagesticket schon unnötig viel verbraten und wollte darüber nachdenken, wie ich es denn am nächsten Tag möglichst effektiv nutzen könnte, aber ich konnte mich nicht darauf konzentrieren. Ich musste immer an Marie denken.

An Marie Wittmann-Schneck aus meiner Klasse, die mit den Lehrer-Eltern.

Niemand mochte Marie.

Aber ehrlich gesagt: Mich mochten auch nicht so viele. Jedenfalls wurde ich oft nicht eingeladen, wenn irgendeine geile Party stattfand. Ich stand eigentlich mehr auf Kiara, die sehr beliebt war und auf jede Party eingeladen wurde, weil sie wirklich hübsch und sehr sexy war und Oberweite hatte und die auch gerne zeigte und so. So ziemlich jeder Junge in der Klasse stand auf sie, aber irgendwie musste ich in letzter Zeit doch öfter an Marie denken. Ich kann das eigentlich nicht erklären.

Oder vielleicht doch: Marie hatte ihre braunen Haare immer zu einem Zopf gebunden oder hochgesteckt. Wenn dann die Haare nach und nach rausfielen, öffnete sie immer die ganze Frisur, schüttelte ihre Haare aus und knotete oder band sie neu. Das tun viele Mädchen. Das sieht auch meistens gut aus.

Aber bei Marie war es ganz besonders: Sie warf ihre Haare mit einem Schwung nach vorne und ließ sie runterhängen. Meistens in der kurzen Pause. Dann konnte ich ihren Nacken sehen, schlank und hell. Und sie blieb so und schüttelte sich.

Das war der Unterschied! Andere Mädchen warfen ihre Haare sofort wieder zurück und banden sie zusammen oder bürsteten sie, Marie aber blieb einfach so und schüttelte nur leicht ihren Kopf. Sie fummelte irgendwie an ihren Haaren rum, ganz ruhig, manchmal mehrere Minuten lang, und ich konnte mich an ihrem Nacken, an ihren werkelnden Händen und Unterarmen nicht sattsehen.

Die kleinen Härchen an ihren Armen und die etwas längeren, aber zarten und dünnen in ihrem Nacken; dazu die Art, wie sie alles sehr besonnen und mit größter Ruhe erledigte, das war zu viel für mich.

Also, das ist ungefähr der Grund, warum ich an Marie denken musste und nicht an Kiara. Kann man das verstehen?

Naja, jedenfalls glotzte ich an dem Abend lange nur aus dem Fenster und dachte an solche Sachen. Vor dem Fenster gab es nämlich nicht so viel zu sehen. Wir wohnten zwar in einem dieser Altstadthäuser direkt unter dem Schloss mit Blick über die ganze Stadt bis runter zum Fluss, aber mein Fenster ging zur Seite raus. Und keinen Meter entfernt war schon das Dach des Hauses unter uns, in dessen Regenrinne morgens immer die Tauben so laut vögelten, dass ich sehr lange gebraucht hatte, um davon nicht mehr wach zu werden, nachdem wir hierhergezogen waren. Kann man vögeln sagen? Meine Eltern kamen jedenfalls von der Ostsee und ich eigentlich auch, aber das war schon so lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnern konnte.

Übrigens bin ich Enno. Enno Lüttmann, guten Tag.

Kapitel 2

Als die Tauben am nächsten Morgen vögelten, war ich schon lange wach.

Ich hatte Kaffee gekocht, obwohl ich Kaffee gar nicht mag, aber Erwachsene kochen nun mal morgens Kaffee. Das ist irgend so ein Gesetz, kein Naturgesetz in dem Sinn, aber irgendwie doch so, dass es sich gehört oder halt einfach gemacht wird.

So wie mit dem Schuhe-Abtreten auf der Fußmatte: Das muss man unbedingt und immer machen, aber am Ende wird doch jeden Tag gestaubsaugt. Sinnlos, aber supererwachsen.

Der Kaffee war richtig eklig, so wie er sein sollte. Mit viel Milch und Zucker jedenfalls kriegte ich ihn runter. Dann ging es zum Bahnhof. Da stand schon eine Gruppe von Rentnern vor dem Eingang, die mich richtig nervten, weil sie sich wie Kinder benahmen. Oder zumindest so aussahen, vielleicht war es nur das: Sie trugen so knallbunte Laufsachen und Stöcke für dieses Walking, für das man sich wie ein Läufer anzieht und am Ende doch nur geht. Jedenfalls nervten sie mich so sehr, dass ich schnell durchging zum Gleis.

Mein Ziel war Konstanz, logisch eigentlich: Konstanz ist fast schon Schweiz, und Österreich ist auch nicht weit, jedenfalls kann man von dort aus überallhin reisen. Ich wollte herausfinden, ob es ein Schweiz- oder Österreich- oder Italien-Ticket gab oder irgendwas, womit ich weiterreisen könnte, Drehkreuz Konstanz, keine Ahnung.

Bodensee war jedenfalls gut, ein paar Tage am Wasser chillen und dann weiter.

Im Zug chillten dann aber erstmal die Rentner. Sie waren zu viert und hatten sich so einen Platz ausgesucht, wo sie einander gegenübersitzen konnten, direkt neben mir. Es war nur ein Mann dabei, ein drahtiger Alter mit ganz vielen kleinen Falten im Gesicht. Also nicht mit so tiefen Furchen wie ein alter Cowboy oder Mafiapate, wo man denkt: Wie cool, er hat sein ganzes Leben im Gesicht! Nein, es war so ein Typ mit tausend Fältchen, die über das ganze Gesicht verteilt sind wie die kleinen Risse in alten Kirchenbildern. Man denkt erst: cooles Mosaik, aber dann sieht man, dass nur alles vertrocknet ist und vor sich hin bröckelt.

Eine von den drei Frauen, die, die dem Alten direkt gegenübersaß, dachte wohl auch, sie sei auf irgendeinem Gemälde, sie drapierte sich jedenfalls so. Sie hockte da in Leggings und Neon-Shirt mit ihren Stöcken, aber schlug übertrieben elegant die Beine übereinander und wackelte so affektiert mit dem Kopf, dass ein Wackel-Dackel dagegen Nackenstarre hat. Sie hielt einen Plastikbecher mit Sekt oder Prosecco in der Hand, als wäre es der teuerste Champagner. Aber es war irgendwie so, als hätte sie ihn nur geklaut, keine Ahnung. Er war natürlich nicht geklaut, sondern von der Sitznachbarin, die aus ihrem Rucksack kleine Fläschchen geholt und allen etwas eingeschenkt hatte.

Der Alte mit den vielen Falten wollte erst nichts, wurde aber von den Frauen richtig bedrängt, und irgendwie gefiel ihm das. Er bekam von jeder ein Schlückchen eingegossen und am Ende war sein Becher randvoll.

Ich hockte genervt daneben und fühlte mich plötzlich alt und erwachsen, so richtig seriös, die Zugticket-Frau hätte mich sehen sollen.

Und plötzlich hatte ich einen Gedanken, der mir megaspießig vorkam, aber mich so überrumpelte, dass sich sogar meine Muskeln in den Armen und Beinen anspannten wie bei einem erstarrten Reh wegen Fluchtinstinkt: Hatte ich eigentlich die Kaffeemaschine ausgeschaltet?

In dem Moment kam der Schaffner oder Kontrolleur.

»Guten Tag, hier noch jemand zugestiegen?«, fragte er so monoton, dass es gar nicht nach einer Frage klang. Ich wühlte trotzdem meinen Fahrschein raus und hielt ihn möglichst lässig in den Gang. Man muss immer ganz cool und selbstverständlich tun, damit einem niemand blöde Fragen stellt.

Ich guckte auch wahnsinnig erwachsen.

Der Schaffner nahm mein Ticket, sah mich kurz an und entwickelte plötzlich irgendeinen bescheuerten Ehrgeiz, woher auch immer der kam.

»Wohin soll es denn gehen?«

»Nach Konstanz«, sagte ich so gelangweilt wie möglich.

»Ah, schön«, sagte er. »Besuchst du jemanden?«

Der Typ hielt sich wohl für Sherlock Holmes.

»Ja«, sagte ich und war jetzt doch etwas nervös, aber natürlich nur innerlich, nach außen ganz cool: »Meine Tante.«

»Na, dann viel Spaß«, meinte er, und da merkt man, dass ich ein geschickter Manipulator bin. Er zeigte auf einmal überhaupt kein Interesse mehr, gab mir mein Ticket zurück und trottete gemächlich weiter: »Guten Tag, hier noch jemand zugestiegen?«

Ich sagte: »Danke«, und lehnte mich entspannt zurück.

Nur das mit der Kaffeemaschine kotzte mich jetzt richtig an. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich den Schalter gedrückt hatte. Der leuchtet doch, wenn sie an ist. Hatte er am Schluss noch geleuchtet? Ich dachte so angestrengt nach, dass ich bestimmt wie zwanzig aussah. Aber es fiel mir einfach nicht ein.

Ich fragte mich, ob die Kaffeemaschine wohl eine Sicherung hatte oder ob ich jetzt das ganze Haus abfackeln würde. Und ob ich jetzt umkehren sollte. Aber dazu hätte ich ja erst am nächsten Bahnhof aussteigen können, dort auf den nächsten Zug warten, zurückfahren, zurücklaufen … Bis dahin wäre es wohl längst zu spät gewesen. Und wahrscheinlich war es so wie bei Erwachsenen mit dem Lichtschalter oder der Haustür: Am Ende hat man dann doch daran gedacht, man hat es nur nicht abgespeichert. Und dann ist man extra zurückgefahren und hat sinnlos ein Tagesticket verbraten, nur um wie ein Idiot vor der ausgeschalteten Maschine zu stehen.

Dann stellte ich mir vor, wie es in der Zeitung rüberkäme: »Vierzehnjähriger zündet Elternhaus an und reißt aus!« – totale Verwahrlosungsgeschichte und so. Ein großes Bild von mir, mit grimmigem Blick. Daneben Kindheitsbilder, auf denen ich noch total glücklich und unschuldig gucke. Alles mit großen, roten und weißen Buchstaben. Und Herr Jämlich, mein Chemielehrer und Oberheuchler der Schule, wird zitiert: »Er war ein so netter und unscheinbarer Junge. Niemand, wirklich niemand hätte ihm das zugetraut.«

So jedenfalls stellte ich mir das vor in dieser Zeitung, dem »Organ der Niedertracht«, wie meine Mutter sie nannte, weil irgendwer Berühmtes das gesagt hatte. Und das stimmt ja auch: Diese Zeitung ist echt gemein – ehrlich, Leute.

Trotzdem wollte ich jetzt nicht umkehren. Die Maschine war sowieso aus. Basta!

Inzwischen war der Mosaik-Typ richtig in Fahrt gekommen und erzählte irgendeine Jugendgeschichte. Er gestikulierte und schwenkte dabei seinen Becher so wild, dass er ständig was verschüttete.

Seine Sitznachbarin, die zu ihm aufsah wie ein verliebter Kugelfisch, legte die Hand auf seinen Unterarm und versuchte vergeblich, ihn ruhigzustellen. Aber jedes Mal, wenn sie ein paar Tropfen abbekam, jauchzte sie, als könnte sie nicht genug bekommen.

Er war als Jugendlicher in Manhattan gewesen, in »Nujork«. Dort war er beim Marathon mitgelaufen und auf der Freiheitsstatue gewesen und dann irgendwo rumgeklettert, wo man nicht hindarf. Die Cops waren gekommen und er wäre beinahe im Knast gelandet. Es war alles ganz knapp und total aufregend und natürlich gelogen.

Dann erzählte er von Italien und Portugal und irgendwas anderem und überall war er geklettert und gelaufen und war überhaupt der größte Sportler und krasseste Typ.

Ich hatte darauf keinen Bock und versuchte, an Tante Rosa zu denken. Denn dass ich meine Tante besuchen wollte, war nämlich nur zum Teil gelogen. Tante Rosa aus Konstanz erzählte auch immer tolle Geschichten, wenn sie ein paar Gläser Wein getrunken hatte. Sie war eigentlich die Einzige richtig Coole in der ganzen Familie. Sie war Schauspielerin. Roswitha Kochlowski! – Nie gehört? Naja, viele haben ihren Namen noch nie gehört, aber wenn sie sie dann sehen, sagen sie: »Ach, ja, die kenne ich aus dem Fernsehen.« Oder sogar aus dem Kino! Sie hat auch in Kinofilmen mitgespielt. In dem einen war sie die Mutter. Kennt den jemand?

Tante Rosa war meinen Eltern oft peinlich. Wenn wir bei uns zu Hause waren, nicht. Aber wenn wir im Biergarten saßen oder auf einer Restaurantterrasse, dann schon. Tante Rosa und Onkel Xaver sangen oft Sachen aus irgendwelchen Theaterstücken, alte Lieder von Kurt Weill und wie sie früher alle hießen.

Mann, die konnten singen! Besonders Tante Rosa. Aber meinen Eltern war es trotzdem peinlich, obwohl sie zu Hause selbst manchmal sangen. Tante Rosa sah in solchen Momenten aus wie ein großer Star, sie hatte eine leuchtend rote Mähne und ein breites Lachen.

Sie war auch manchmal so betrunken wie diese Rentner, aber irgendwie war es bei ihr cooler: Sie hatte ein schickes Rotweinglas in der Hand, das sie halten konnte wie eine Göttin, während der Opa hier den Plastiksekt über seine Groupies schüttete.

Er wurde auch immer lauter. Alle wurden immer lauter, aber nicht so Tante-Rosa-Kurt-Weill-mäßig, sondern irgendwie das Gegenteil. Sie sangen irgendwann sogar, nein, sie grölten: »Die Gedanken sind frei!«

Plötzlich stand der knittrige Alte auf und begann zu tanzen. Die Dicke lachte kurz viel zu laut, aber verstummte zum Glück wieder, als er sich die Affektierte schnappte und mit ihr im Gang weitertanzte. Sie verschütteten noch mehr Sekt, und auf einmal streckte die Affektierte die Hand zu mir aus und sagte: »Komm, tanz mit uns, Junge.«

Ich wollte nicht, aber sie packte mich, und ich hatte Angst, dass sie vielleicht hinfallen könnte, wenn ich eine Art Tauziehen daraus machte. Ich meine, so alt sah sie zwar auch nicht aus, aber man weiß ja nie. Und obwohl ich die beiden nicht mochte, wollte ich ihnen auch nicht den ganzen Wandertag versauen, weil sich jemand was brach. Sie waren gerade so glücklich.

Also tanzten wir ein bisschen. Ich tanze eigentlich nie, aber es war ja sozusagen für einen guten Zweck und irgendwie war ich plötzlich gar nicht mehr wütend, sondern hatte ein ganz gutes Gefühl. Ich will nicht übertreiben, aber das Tanzen machte fast Spaß oder war zumindest nicht so peinlich wie sonst.

Die Affektierte wirkte auch gleich etwas weniger affektiert und beinahe sympathisch, weil sie sich so freute, mit mir zu tanzen. Und darüber freute dann wieder ich mich und dann wieder sie und so weiter. Teufelskreis, keine Ahnung.

Erst schoben wir uns nur ein bisschen hin und her, das schaffte ich ganz cool. Dann bewegte und bog sie sich immer mehr, aber überhaupt nicht peinlich, sondern so geschmeidig, dass ich gar nichts machen musste, alles ging plötzlich wie von selbst.

Als ich schon richtig eingelullt war und beinahe ihr Alter vergessen hatte, wollte sie mich plötzlich mit ausgestreckten Armen im Kreis herumdrehen, wie Verliebte es in Filmen tun, wo die Kamera dann Kate Winslet aus der Perspektive von Leo DiCaprio anguckt, während sie ihn beseelt anlächelt und sich hinter ihr die Welt wegdreht. Doch die Affektierte schleuderte mich nur gegen den nächsten Sitz und entschuldigte sich zwar überschwänglich, aber so, dass man merkte, dass sie es vor allem lustig fand. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen und die kleine Dicke und der Faltige schmissen sich fast weg. Sie erkundigte sich, ob ich mir wehgetan hätte, aber immer noch mit diesem Lachen. Und da wollte ich nicht sagen, dass ich völlig okay war, sondern setzte mich stumm auf meinen Platz.

»Jetzt sei doch nicht beleidigt«, sagte sie und strich mir mit der Hand über den Kopf, bevor sie sich setzte, »bist doch ein guter Tänzer.«

Ich fand, dass es gar nichts miteinander zu tun hatte, ob man gut tanzen konnte oder ausgelacht wurde, aber mir war natürlich klar, dass man das einer so affektierten Kuh nicht erklären konnte.

Zum Glück hielt der Zug bald im nächsten Kaff, in dem ich umsteigen musste. Von hier aus ging es mit einem Bus weiter, der irgendwie offiziell ein Zug war, jedenfalls galt dort mein Ticket. Ich setzte mich natürlich ganz hinten hin, logisch.

Kapitel 3

Im Bus hatte ich endlich meine Ruhe. Die meisten Leute saßen weiter vorne, nur zwei Reihen vor mir war noch ein Ehepaar, das sich nichts zu sagen hatte und nur stur aus dem Fenster starrte.

Wer das liest, ist doof.

Seid ihr jetzt beleidigt? Auf den Rückenlehnen in der letzten Reihe stehen immer die coolsten Sachen. Manchmal nur Sex-Zeug und dazu Telefonnummern, die man sich nicht anzurufen traut. Aber wenn man Glück hat: Die Stoßstange ist aller Laster Anfang oder sowas. Und ganz oft: Wer das liest, ist doof.

Das sieht man ständig. Und je öfter man es liest, desto besser wird es. Man denkt jedes Mal: Scheiße, schon wieder voll erwischt!

Erwachsene finden es einfallslos, ich hab schon ganz viele gefragt. Aber in Wirklichkeit verstehen sie es nur nicht, weil sie gar nicht richtig darüber nachdenken, sondern gleich wieder an ihren Berufsverkehr oder irgendwelche vernünftigen Sachen.

Während mir das alles durch den Kopf ging, riefen plötzlich meine Eltern an.

Meine Eltern sind keine schlechten Menschen. Nicht dass das jemand denkt, nur weil ich nicht mehr mit ihnen an die Ostsee wollte oder weil sie sich in der Öffentlichkeit manchmal für Tante Rosa schämen.

Sie sind keine Eltern zum Schämen, nur manchmal ein bisschen, aber eben auch nicht so cool, wie ich es mir gewünscht hätte. Ein Forscher-Ehepaar oder sowas, also nicht im Labor, sondern ständig auf Weltreise und auf der Suche nach verschollenen Kulturen wie Indiana Jones oder früher meine Playmobil-Karawane.

Oder Kapitäne: Ich wäre ständig mit an Bord gewesen, hätte oft die Schule verpasst und stattdessen einen obercoolen Privatlehrer, der gleichzeitig ein guter Kumpel und schon von fünf Schulen geflogen wäre und diverse Disziplinarverfahren am Hals hätte wegen guten Unterrichts.

Mein Vater ist ein erfolgreicher Anwalt mit eigener Großkanzlei: »Lütt & Lütt«. Für ihn arbeiten einige andere Anwälte; er ist quasi Chefanwalt oder Boss, keine Ahnung, fragt ihn selbst.

Seine Leute sind fast alles Speichellecker, wenn man ehrlich ist. Einmal im Jahr lädt er sie zu uns ein, damit sie über seine Witze lachen, was sie auch brav tun. Ich meine, seine Witze sind nicht schlecht. Er kann sich wirklich gut ausdrücken, ist witzig und so. Aber seine Anwälte lachen einfach immer ein bisschen zu laut und zu lange.

Warum die Kanzlei »Lütt & Lütt« heißt? Das ist auch so’n Witz. Natürlich wegen des Nachnamens: Lüttmann. Lütt und Lütt nennt man in Papas Heimat aber auch ein kleines Pils mit einem Schnaps. Er will immer besonders originell sein.

Meine Mutter arbeitet in der Stadtbibliothek und ist nebenbei Lyrikerin. Lyrikerin, das sagt man so, das weiß ich. Sie gibt sogar eine kleine Literaturzeitschrift heraus, immer auf besonders hochwertigem Papier gedruckt. Die Gedichte darin verstehe ich meistens nicht, die Kurzgeschichten sind oft seltsam. Alle drei Monate schicken ihr irgendwelche Leute selbstgeschriebene Texte und sie sucht dann die besten für die Zeitschrift aus. Ich weiß gar nicht, warum so viele Leute unbedingt Texte bei ihr veröffentlichen wollen, sie zahlt denen nicht mal was. Aber jedes Mal kriegt sie das Heft voll und ist zufrieden und bekommt sogar Dankesbriefe, auch auf sehr hochwertigem Papier.

Ich lebe also insgesamt in einer sehr hochwertigen Familie.

Klingt das jetzt doch irgendwie so, als würde ich meine Eltern hassen?

Ist aber nicht so. Ehrlich, Leute.

Jedenfalls riefen sie jetzt an. Natürlich war mein Vater dran, ganz bossmäßig. Ich glaube übrigens, dass er gar kein schlechter Boss ist, so als Mensch. Er ist fair, glaube ich, meistens jedenfalls.

Ich wollte ihn trotzdem gleich am Anfang ärgern, um das Gespräch kurz zu halten. Deshalb sagte ich einfach: »Ja?«

Er blieb aber ganz gelassen: »Wer ist denn da?«

Die ewig gleiche, blöde Frage. Er besteht darauf, dass man sich am Telefon mit seinem Namen meldet. Als wenn er nicht wüsste, wen er anruft. Das ist so ein eingespieltes Erziehungsritual, das er nicht lassen und bei dem ich ihn leider nur noch selten ärgern kann.

Ich kann aber auch richtig blöd sein.

»Seevögel-Bestattungsinstitut Konstanz«, sagte ich und erschrak. Ich hatte mich quasi verraten.

»Kannst du dich denn nicht mit deinem Namen melden?«, gab er routiniert zurück, er kam einfach nicht aus diesem Gleis.

»Nee, merkst du doch«, sagte ich, und um das Thema zu wechseln: »Wie ist der Urlaub?«

»Schön«, sagte er, »Aber komisch ohne dich. Ich muss ständig in Museen. Geschichte der Hanse, mittelalterliche Ausgrabungen und so.«

»Tut dir ganz gut«, sagte meine Mutter im Hintergrund.

»Zwei Tage, drei Museen«, stöhnte er, »Aber wenn man erstmal drin ist, ist es schon interessant.«

»Er war sogar im Theater«, ergänzte meine Mutter.

»Ja, das war so Travestie. Zwei Männer haben ein altes Ehepaar gespielt, das sich um den Urlaub und um Schnittchen stritt. Also darum, welcher Käse drauf sein sollte, und um den Gestank und so. War echt lustig.«

»Das ist keine Travestie, das ist Tradition. Schon seit Shakespeare. Und bei Monty Python …«

»Wart ihr schon segeln?«, fragte ich, um irgendwie voranzukommen.

»Das kommt dann morgen«, antwortete mein Vater erfreut.

»Und zu Hause ist alles okay?« – meine Mutter.

»Ja, die Blumen habe ich gegossen«, erwiderte ich etwas voreilig.

»Das solltest du doch nicht!«, schimpfte sie. »Das sind Sukkulenten.«

Stimmt ja, sie hatte vor Kurzem alles weggegeben, was Pflege brauchte, und war unglaublich stolz darauf. Jetzt hatte sie nur noch diese komischen Kakteen, die keine Kakteen waren.

»Mach ich auch nicht wieder«, sagte ich schnell, »versprochen.«

»Unternimmst du auch mal was?«, fragte mein Vater.

»Ja, na klar!«, rief ich genervt.

Das kann ich gut: etwas so sagen, dass jeder begreift, dass keine weiteren Fragen erwünscht sind.

»Na, dann«, fügte ich noch hinzu. Eine Aufforderung zum Auflegen, die mein Vater sofort verstand.

»Na, dann: Alles Gute! – Bis bald«, sagte er.

»Bis bald.«

»So sind sie halt«, meinte er noch, aber das galt schon meiner Mutter und ich hörte es nur noch ganz leise, bevor er auflegte.

Bis bald, Alter. Jetzt wurde mir klar, dass ich ab sofort ständig eine Lügengeschichte für meine Eltern parat haben musste.

Manchmal nervte es mich, dass ich nicht so vorausschauend denken konnte. Ich meine: Das hätte mir doch längst klar sein müssen, dass ich regelmäßig mit meinen Eltern telefonieren würde und dass ich mir also Geschichten ausdenken musste, was zu Hause passierte und was ich so machte, irgendwas, was lebendig und glaubwürdig wirkte.

Ich war echt ein Idiot!

Ich musste daran denken, wie Christoph das gemacht hätte. Er war der Checker, er hätte sich alles Mögliche ausgedacht und meine Eltern totgequatscht, also seine Eltern, ihr wisst schon. Aber er war ja mit ihnen weggeflogen, weil die einen coolen Urlaub machten, so eine Scheiße.

Das öde Ehepaar vor mir hatte bestimmt alles belauscht. Die wussten jetzt auch, wie uncool ich war und was für Eltern ich hatte. Aber selbst schuld, wenn sie nicht weghörten.

Wer das hört, ist doof.

Der Bus fuhr inzwischen über eine Brücke in die Altstadt von Konstanz. Links war zum ersten Mal der Bodensee zu sehen.

Da fiel mir auf, dass ich schon seit Jahren nicht mehr hier gewesen war, weil Tante Rosa eigentlich immer nur uns besuchte und nicht umgekehrt. Und da fing ich irgendwie an, mich zu freuen.

Kapitel 4

Wenn man etwas konstruiert hat, will man es auch ausprobieren.

Zum Beispiel ein Zelt. Ich wollte jetzt unbedingt wissen, ob meine Konstruktion funktionierte. Außerdem war es wichtig, sich rechtzeitig auf die Suche nach einem Zeltplatz zu machen, also nicht nach einem richtigen Zeltplatz mit Wohnmobilen drauf, sondern einem Platz zum Zelten. Es sollte nichts kosten und trotzdem durfte sich die Suche nicht bis in die Dunkelheit ziehen.

Logisch, dass ich sofort wieder aus der Stadt raus musste, in der Stadt zelten nur Penner. Wobei ich gar nichts gegen Penner habe, ich habe mich mal mit einem unterhalten und der hatte ganz interessante Ansichten, die man sonst gar nicht so mitkriegt. Jedenfalls nicht in der Schule, wo sie einem immer erzählen, dass man an die Armen denken soll, aber wenn dann so ein Penner hinter ihnen im Supermarkt steht, weil er auch seine Flaschen abgeben will, rümpfen sie die Nase und sehen zu, dass sie schnell wegkommen, und schenken ihm vielleicht höchstens ihr Pfand, aber nur, um sich freizukaufen, wie damals, als Martin Luther sich so aufgeregt hat. Aber der ist dann, glaube ich, auch raus aus der Stadt.

Ich stand aber immer noch mitten in der Stadt, am Hafen, wo sich so eine große, halbnackte Frau drehte – als Statue, meine ich; bestimmt zehn Meter hoch. Touristenfähren legten an und ab, randvolle Café- und Restaurantterrassen, Menschen quetschten sich die Promenade entlang. Ein bärtiger, wie ein Seemann gekleideter Typ spielte Akkordeon und sang dazu von Seefahrt und Abenteuern. Ein Aquarium warb auf Plakaten mit großen Rochen und Haifischen. Am Horizont ragten die Alpen empor. – Empor, wie bei Goethe oder so.

Auf der Karte an einem Werbeaufsteller fand ich eine Insel, die »Insel Mainau«. Da stand groß: »Mainau, die Blumeninsel«. Es schien nicht weit zu sein und auf einer Blumeninsel sollte man ja wohl einen schönen, ruhigen Platz zum Zelten finden. Ich musste nur immer am See entlang, dann würde ich zu einer Brücke kommen, die auf die Insel führte. Ein Spaziergang.

Ich ging also den Hafen entlang durch die Stadt und schließlich über eine stark befahrene Brücke. Es war die, über die ich mit dem Bus gekommen war. Nach einer Weile führte der Weg durch einen großen Park. Hier waren überall Studenten, die auf dem Rasen Sport trieben oder Bier tranken oder auf Slacklines balancierten.

Irgendwann merkte ich, dass es doch kein Spaziergang war. Es ging raus aus der Stadt, durch irgendeinen kleinen Ort mit großem Fähranleger, bis mir allmählich die Füße wehtaten, was ja klar war, weil ich diese typischen Stadtfüße habe, die schon nach ein paar Kilometern wehtun, und keine Iron-Man- oder Yeti-Füße, mit denen man überall hinkommt. Meine Füße reichen normalerweise gerade bis zur Schule und zurück oder höchstens für eine Sportstunde. Sie schmerzten jetzt schon wie nach einer Doppelstunde. Aber ich will nicht meckern, immerhin konnte ich an dem Tag noch laufen.

Die Insel Mainau war dann eine ziemliche Überraschung.

Ich hatte mir eine gemütliche, rustikale Fußgängerbrücke vorgestellt, aber hier war ein richtiger Eingangsbereich mit Ticketautomaten, Drehkreuzen und Kantine davor. Für diese Insel musste man Eintritt bezahlen. Das Ding war so eine Art Vergnügungspark mit Rosen statt Achterbahnen und Tulpen statt Vergnügen und kostete einen Heideneintritt.

Natürlich wollte ich jetzt nicht mehr auf diese Insel. Sie war ein Disneyland für Rentner, mit Sicherheit gab es hier keinen Platz für spontanes Zelten.

Da es aber jetzt schon spät war und ich unbedingt einen Zeltplatz brauchte, ging ich im Kopf nochmal alle Orte durch, die ich auf meinem Weg passiert hatte.

Mir fiel ein Wald ein in der Nähe einer Brauerei, an der ich vorbeigekommen war, und in einem Wald ließ es sich doch bestimmt gut zelten.

Bevor ich mich auf den Weg dorthin machte, ging ich noch in die Kantine der Insel Mainau. Ich wollte ein paar Würstchen mit Brot als Abendessen mitnehmen und fragte nach einem Behälter.

»Zum Mitnehmen machen wir eigentlich nicht«, sagte die Verkäuferin und bot mir dann wenigstens etwas Alufolie an. Ich packte alles ein und bedankte mich.

Der Wald war doch nicht ganz in der Nähe der Brauerei, sondern etwas abseits auf einer Anhöhe und sah ziemlich wild aus. Es führten keine breiten Wege hinein, die Bäume standen nicht in künstlichen Reihen und ich musste sogar über einen schmalen Graben springen, um überhaupt reinzukommen. Drinnen gab es kleine, grasbewachsene Lichtungen. Auf einer mit besonders hohem Gras stellte ich meinen Rucksack ab und packte die Bambusstangen und das Zelt aus.

Das war eine megageile Konstruktion: Ich hatte aus Müllsäcken mit Panzertape einen Schlauch gebastelt, ungefähr zwei Meter lang und mit einem Durchmesser von vielleicht einem Meter oder auch etwas mehr. Die Bambusstangen waren so dünn, dass man sie locker zu Halbkreisen biegen konnte. Ich stellte sie wie Regenbögen innerhalb des Schlauches auf und durch ihre Spannung stand das Zelt.

Das war zumindest das Grundprinzip. Bei den ersten Versuchen waren die Stangen zur Seite gekippt, deshalb musste man sie mit Panzertape an den Müllsäcken fixieren. Außerdem rissen die Müllsäcke schnell an den Stellen, wo die Stangen endeten. Diese Stellen musste man mit Panzertape verstärken.

Nachdem das alles fertig war, zog sich das Ganze immer noch wie eine Raupe zusammen. Man musste also Abstandhalter zwischen den einzelnen Regenbogen-Bambusstangen einbauen: weitere Bambusstangen und noch mehr Panzertape. Schließlich zwei wie Zeltleinen schräggestellte Stangen an den Enden des Zeltes.

Ich hatte das alles in meinem Zimmer ausprobiert und perfektioniert. Zum Schluss musste nur noch ein Ende komplett mit Folie abgedichtet werden, kein Problem, das andere Ende bekam zwei sich überlappende Seiten, die mit einem Klettverschluss zusammengeklebt wurden. Luft bekam ich durch einen Spritzschutz für Bratpfannen, so ein rundes, feines Sieb, das ich in den einen Flügel des Eingangs eingebaut hatte. Damit es nicht reinregnen konnte, hatte ich darüber ein Stück Folie angeklebt und es links und rechts mit Abstand fixiert: Luft rein, Regen raus.

Wie gesagt, eine ziemlich geile, gut durchdachte Konstruktion.

Aber der Hammer kommt noch, Leute, darauf bin ich echt stolz: Das Dach bestand aus durchsichtigen Müllsäcken. Ich konnte also nachts in den Sternenhimmel gucken – mega, oder? Das ist doch der pure Luxus, beim Einschlafen geradewegs in den Sternenhimmel zu gucken.

Der Himmel war in dieser Nacht sehr klar und ich konnte viele Sterne sehen, die sich vor meinen Augen zu immer neuen Sternbildern formierten.

Ich überlegte mir, am nächsten Tag vielleicht ein paar Postkarten zu kaufen und zu verschicken, weil Urlauber das halt so machten. – Marie würde ziemlich staunen, wenn sie plötzlich eine Karte von mir bekäme. Aber ich wusste gar nicht, was ich draufschreiben sollte, und ehrlich gesagt traute ich mich auch nicht, weil Marie sich dann bestimmt gefragt hätte, warum ich ihr plötzlich eine Karte schickte, und die Antwort konnte sich dann sogar der letzte Idiot denken.

Außerdem sollte natürlich niemand wissen, wo ich war.

Dabei war ich sogar schon mal bei Marie zu Hause gewesen. Aber wenn ich daran dachte, traute ich mich gar nichts mehr.

Das könnt ihr nicht verstehen, weil ihr keine Ahnung habt. Deshalb erzähle ich euch das mal:

Marie war vor drei Wochen vierzehn geworden und hatte mich eingeladen, ziemlich überraschend. Und es waren nicht viele Leute eingeladen, nur ungefähr zehn, glaube ich. Jedenfalls waren nicht viel mehr da. Und fast nur Mädchen.

Die Party fand im Keller statt, ich saß direkt neben der Waschmaschine. Dabei hätte ich gerne Maries Zimmer gesehen. Aber Marie war ja jetzt im Keller, da war es irgendwie doch besser, hier unten zu sein, also bei ihr. Lieber mit ihr und den anderen hier unten als allein in ihrem Zimmer. Obwohl: Am besten wäre es natürlich gewesen, allein mit ihr in ihrem Zimmer zu sein. Aber was sollten dann die anderen hier unten machen? Wäsche waschen?

Fällt euch was auf? – Ja, genau das meine ich!