Entfesselt - Thomas Felzmann - E-Book

Entfesselt E-Book

Thomas Felzmann

0,0

Beschreibung

Dr. Max Thoma ist sehr beunruhigt, als er bei der an Krebs erkrankten, ehemaligen Escort Lady ‚Sabrina’ die gleiche Anomalie entdeckt, die ihm zuvor schon bei einer jugendlichen Leukämie-Patientin Kopfzerbrechen bereitete, denn die Tumore bestehen aus jeweils zwei verschiedenen Arten. Zufall? Seine Recherchen führen ihn zur Wienerwaldklinik und deren Forschungsinstitut, das die Biotech-Firma ESCell seines Schulfreundes Dr. Robert Schweiger beherbergt. ESCell hat sich auf Transplantationen von Schweineorganen auf Menschen spezialisiert. Ein lukratives Geschäft, wie erste erfolgversprechende Versuche an Menschen belegen. Dr. Thoma wird hellhörig, als er erfährt, dass es bei diesen Testläufen auch Komplikationen gab. Tatsächlich findet er hier ein Virus. Mit Hilfe der ihm nicht gleichgültigen Studentin Sophie kann er eine Sequenz-Entschlüsselung vornehmen. Da seine Patientinnen nicht zu den Probanden gehörten, müssen nicht nur die Überträger schnellstens ermittelt, sondern auch ein Präparat gegen das heimtückische Virus entwickelt werden. Die Zeit drängt, denn immer mehr dieser multiplen Tumore werden gemeldet. Mit den seit Wochen anhaltenden Übergriffen von vermeintlichen Tierschützern gegenüber ESCell kann Dr. Schweiger umgehen, doch die plötzlichen Drohungen einer skrupellosen Konkurrenz gegen ihn und seine Freunde bilden eine ganz neue Dimension… Der bei Wien lebende Dr. med. Thomas Felzmann, Facharzt für klinische Immunologie, hat mit seinem Debütroman „Entfesselt“ einen spannungsgeladenen Medizinthriller geschrieben, der in die Welt der biomedizinischen Forschung und Wirtschaftskriminalität führt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 709

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Thomas Felzmann

Entfesselt

Thomas Felzmann

Entfesselt

Roman

Die Handlung und die handelnden

Personen sind frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits

verstorbenen Personen ist zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage 2022

ISBN 978-3-96438-978-7

Jede Verwertung des Werkes außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Übersetzungen, Nachdruck, Mikroverfilmung oder vergleichbare

Verfahren sowie für die Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen.

© 2022 Südwestbuch Verlag

SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw

Printed in EU

Foto des Autors: GAP, Köln

Umschlaggestaltung: Dieter Borrmann

Lektorat: Johanna Ziwich

Satz: Julia Karl / www.juka-satzschmie.de

Druck und Bindung: Custom Printing PL

Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier gedruckt.

www.suedwestbuch.de

The road to hell is paved with good intentions

(Sprichwort)

PROLOG

»Rein da und keinen Mucks, sonst kracht’s.« Der Mann deutet mit dem Revolver in Richtung Portierloge. Er hat die Kapuze seines Sweaters tief ins Gesicht gezogen, die untere Gesichtshälfte ist von einem Schal verhüllt. »Wo sind die Schlüssel?«

»Wir haben hier keine Schlüssel, wir haben Magnetkarten.«

Der Maskierte presst einige unverständliche Worte hervor, die sich nach Flüchen anhören. »Dann eben eine Magnetkarte. Gibt’s eine zentrale Karte für alle Räume?«

»Was wollen Sie? Hier am Institut gibt’s nichts, was Sie interessieren könnte: Kein Geld, keine Wertgegenstände.«

»Das lass meine Sorge sein. Los, beweg dich! Wo sind die Versuchstiere?«

Herbert arbeitet dreimal die Woche als Nachtportier am Krebsforschungsinstitut der Medizinischen Universität Wien im 9. Wiener Bezirk. Tagsüber befasst er sich – ebenfalls am Krebsforschungsinstitut – mit seiner Dissertation. Er hat eine recht gute Vorstellung davon, was Maske hier will. Es ist nicht das erste Mal, dass radikale Tierschützer biomedizinische Forschungsinstitute überfallen, um so viel Schaden wie möglich anzurichten. Aus diesem Grund hat sich die Universität entschlossen, einen Wachdienst zu organisieren, der auch in der Nacht anwesend ist. Offensichtlich hat es dieser Typ auf die Tierversuchseinrichtungen abgesehen. Viele Forschungsarbeiten, auch das Projekt, an dem Herbert arbeitet, sind auf Versuchstiere angewiesen. Ein Attentat auf die Tierversuchseinrichtungen kann im schlimmsten Fall bedeuten, dass er mit seiner Dissertation noch einmal von vorne beginnen muss.

»Die Karte!« knurrt Maske.

Äußerlich ist Herbert ruhig, innerlich spürt er seine Herzschläge bis zum Hals. Adrenalin rauscht durch seinen Kreislauf. Hat er eine Chance, diesen Kerl aufzuhalten, unschädlich zu machen? Ein großer, dicker und nicht mehr ganz junger Mensch, der nicht so aussieht, als ob er sich schnell bewegen könnte. Kann er ihm die Waffe irgendwie abnehmen? Er dreht sich langsam um und geht vor Maske in die Portierloge. Seine Gedanken überschlagen sich. Was kann er machen, ohne sein Leben zu riskieren? Wird ein Tierschützer, selbst wenn er bereit ist, Gewalt auszuüben, wirklich auf einen Menschen schießen? Ob er den Angreifer überraschen kann? Fit ist Herbert, aber kein Kampfsportler.

Herbert erreicht den Schreibtisch. Wie in den meisten Portierlogen auf der Welt die Schlüssel in einem verschließbaren Schlüsselkasten an der Wand hängen, sind es hier die Magnetkarten. Maske scheint daran nicht zu denken und den kleinen Kasten auch nicht zu bemerken. Herbert versucht Zeit zu gewinnen. Er sucht auf dem Schreibtisch, er öffnet eine Lade, seine tastenden Finger finden einen langen, schlanken, metallischen Gegenstand. Der Brieföffner! In dem großen Glasfenster, hinter dem der jetzt finstere Gang vor der Portierloge liegt, erkennt er Maskes verschwommenes Spiegelbild. Der Revolver deutet nicht mehr auf seinen Rücken, sondern in Richtung Boden. Herberts Hand schließt sich um den Griff des Brieföffners.

Ohne lang nachzudenken, wirbelt Herbert herum. Maske drückt reflexartig auf den Abzug der Pistole, ohne diese anzuheben. Der Brieföffner trifft Maskes Arm knapp unterhalb der Schulter, reißt Stoff und ein gutes Stück Haut aus Maskes Arm, die Waffe fällt aus seiner Hand. Herbert spürt einen heftigen Einschlag an seiner Wade. Der Schmerz schießt wie eine Lanze in sein Bewusstsein. Herbert stößt einen Schrei aus und lässt den Brieföffner fallen; Maskes Schmerzensschrei vermischt sich mit dem Herberts. Der Einschlag des Projektils zieht Herbert das Bein unter dem Körper weg und wirft ihn zu Boden.

Maske starrt auf die Wunde an seinem Arm, aus der Blut zu sickern beginnt, dann suchen seine Blicke die Pistole. Herbert sieht aufgerissenen Stoff, versengte Haut und Blut an seiner Wade und er sieht gleichzeitig die Pistole neben seinem unverletzten Fuß liegen. Instinktiv kickt er die Waffe weg. Sie schlittert über den glatten Fliesenboden. Maske ist zu langsam. Die Waffe verschwindet unter dem Kasten. Herbert versucht auf die Beine zu kommen. Der in seiner Wade tobende Schmerz erlaubt ihm nicht, das Bein zu belasten. Mit einem weiteren Schmerzensschrei fällt er zurück auf den Boden.

Maske brüllt noch einmal eine Reihe unverständlicher Flüche. Aus einer am Boden liegenden Sporttasche nimmt er mit der linken unverletzten Hand einen langen metallischen Gegenstand. Herbert dreht sich auf die andere Seite und versucht, sich über das unverletzte Bein aufzurichten, er dreht Maske den Rücken zu. Zu spät bemerkt er, was Maske vorhat, eine zu kleine Ausweichbewegung, das Brecheisen kracht auf seinen Hinterkopf, in einem leicht schrägen Winkel und, da mit dem linken Arm ausgeführt, nicht mit voller Kraft. Herbert fällt zurück auf den Boden, benommen und zu keiner gezielten Bewegung fähig. Eine Platzwunde am Kopf beginnt heftig zu bluten. Die Portierloge hat sich innerhalb weniger Sekunden in ein Schlachtfeld verwandelt.

Die Wunde des Angreifers ist nur oberflächlich. Maske nimmt einige Kabelbinder und ein breites Klebeband aus seinem Rucksack. Er fesselt Hände und Füße des langsam wieder zu sich kommenden Studenten mit den Kabelbindern und verklebt dessen Mund.

Dann macht er sich weiterhin wüst fluchend daran, die Schreibtischschubladen zu durchsuchen. Den Kasten an der Wand beachtet er auch jetzt nicht. Egal, dann eben Plan B: Er hat die Brechstange nicht als Waffe mitgebracht, sondern genau für den Fall, dass er nicht an die Schlüssel herankommt.

Die Tierversuchseinrichtungen befinden sich im ersten Stock des Krebsforschungsinstituts. Die Türen sind beschriftet, Maske kann die Räume leicht identifizieren. Er macht sich mit der Brechstange an die Arbeit, als er den Zugang zu den Versuchstieren verschlossen findet. Die Tür leistet heftigen Widerstand, gibt aber letztendlich nach.

Die Wände sind mit Metallregalen komplett zugestellt, in denen einige hundert Käfige stehen, zehn Mäuse pro Käfig, Tausende Mäuse. Maske legt die Brechstange weg, zieht frische anstelle seiner zerrissenen Gummihandschuhe an, nimmt einen der Käfige aus dem Regal und hebt den Deckel ab. Kurz sieht er den Mäusen zu, wie sie nervös herumlaufen. Dann kippt er den Käfig knapp über dem Boden um, so dass die Mäuse herauspurzeln. In Sekunden sind sie unter den Regalen verschwunden. Er lässt den Käfig auf den Boden fallen. Das Gleiche macht er mit einem Käfig nach dem anderen. Die ersten Mäuse flüchten durch die aufgebrochene Tür in andere Bereiche des Forschungsgebäudes. Maske schüttelt weiter Mäuse auf den Boden und stapelt die Käfige übereinander.

Der letzte Käfig. Jetzt noch die Mäuse in dem Raum hinter der Schleuse. Er sucht die Brechstange. Wohin hat er die gelegt? Auf den Boden? Überall Käfige, aber die Brechstange ist nirgendwo zu sehen und die Zeit wird knapp. Nach einer halben Minute gibt er die Suche auf. Er tritt auf den Gang. Überall sieht er Mäuse von einer Deckung zur nächsten huschen. Er hat’s geschafft. Der zweite Raum bleibt unversehrt, das Chaos ist trotzdem gigantisch.

***

Radikale Tierschützer setzen Versuchsmäuse frei

Wien. Das Entsetzen der Wissenschaftler war groß, als sie am Vormittag des heutigen Tages die Labors des Krebsforschungsinstituts der Medizinischen Universität Wien betraten. In der Portierloge fanden sie den gefesselten und schwer verletzten Nachtportier des Instituts. Ziel der Eindringlinge war offensichtlich die Tierversuchsanlage. Mehrere tausend Versuchsmäuse wurden freigelassen, die sich in weiten Teilen des Forschungsgebäudes verliefen.

»Das ist eine Katastrophe für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und für die Studierenden, die hier an ihren Forschungsprojekten arbeiten«, sagte der Institutsvorstand, Professor Herwig Moser, in einer ersten Stellungnahme. »Hinter den Versuchsmäusen stecken viele Jahre Arbeit. Einige Studierende, die bei uns ihre Dissertationen oder Diplomarbeiten schreiben, müssen praktisch von vorne beginnen.« Hinzu kommt der Verlust jahrelanger Züchtungen und Kreuzungen. Erste Schätzungen der Institutsleitung gehen von einem Schaden in Höhe von mehreren Millionen Euro aus.

Am Tatort konnten eine Brechstange und eine Handfeuerwaffe sichergestellt werden. Der Täter ist mit einer selbst für radikale Tierschützer unerwarteten Brutalität vorgegangen. Der Nachtportier wurde durch einen Beinschuss und einen Schlag mit der Brechstange auf den Kopf schwer verletzt. Der Portier ist mittlerweile außer Lebensgefahr.

Am Tatort wurden Flugblätter gefunden, die von einer Tierschutzorganisation zu stammen scheinen, die bisher in der Öffentlichkeit nicht bekannt war. Die Gruppe bezeichnet sich als »Ritter des Abendlandes«. In den Pamphleten geht es um die »Verbrechen der biomedizinischen Forschung in Komplizenschaft mit der gierigen und ausbeuterischen Pharma- und Biotechindustrie an unschuldigen und wehrlosen Tieren, die für Ruhm und Ehre und vor allem zur Bereicherung der Wissenschaftler und der Pharmaaktionäre gequält und getötet werden.«

Offen bleibt, so ein Polizeisprecher, ob es sich bei diesen »Rittern« wirklich um die Täter handelt, oder ob die Texte nur als Ablenkungsmanöver dienen sollen. Bisher hat sich niemand zu dem brutalen Anschlag bekannt.

***

»Okay, meine Herren!« tönt die Stimme aus den Lautsprechern des Laptops. Das Zoom-Bild zeigt eine Frau mittleren Alters mit straff zurückgekämmten und zu einem festen Knoten gebundenen Haaren. »Die Aktion ist nicht ideal gelaufen, aber das Ziel ist erreicht. Ärgerlich ist, dass Sie den Portier angeschossen und niedergeschlagen haben …«

»Er hat mich mit einem Messer attackiert. Der Schuss hat sich von selbst gelöst.«

»Und einem angeschossenen Mann, der Ihnen nicht mehr gefährlich werden kann, schlagen Sie eine Metallstange über den Kopf? Es hätte gar nicht erst soweit kommen dürfen. Wir legen bei unseren Aktionen Wert darauf, dass Menschen nicht zu Schaden kommen. Wir erwarten, dass Sie sich in Zukunft an diese Vorgabe halten. In diesem Fall hat wohl das Ziel die gewaltsamen Mittel gerechtfertigt. Meine Auftraggeber werden die vereinbarte Summe in wenigen Tagen überweisen.«

Die beiden Männer am anderen Ende der Zoom-Leitung werfen sich einen erleichterten Blick zu.

»Wie sieht es also jetzt mit dem von Ihnen angekündigten wirklich großen Auftrag aus? Werden wir den bekommen?« fragt einer der beiden Männer, er hat ein rundes Gesicht, lange, fettige Haare, die er zu einem dünnen Rossschwanz zusammengebunden trägt, und einen struppigen Vollbart.

»Meine Auftraggeber sind weiterhin daran interessiert, Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Aber lassen Sie mich zuerst einige Worte zu dem geplanten Projekt sagen. Das Ziel ist in diesem Fall kein harmloses akademisches Forschungsinstitut. Das war lediglich zum Warmwerden und um zu sehen, wie Sie arbeiten. Unser tatsächliches Ziel ist die Pharma- und Biotechindustrie. Bei diesem Projekt steht wesentlich mehr auf dem Spiel. Es soll verhindert – oder so lange wie möglich verzögert – werden, dass ein bestimmtes Produkt auf den Markt kommt. Das Risiko dabei ist wesentlich größer: Das Unternehmen, das unser erstes Ziel sein wird, hat einen privaten Sicherheitsdienst. Entsprechend ist für Sie deutlich mehr Geld bei der Sache zu verdienen. Überlegen Sie, ob Sie das Risiko eingehen wollen.«

»Um das zu beurteilen, brauchen wir noch mehr Informationen«, wirft der andere Mann ein – blonde, exakt gescheitelte Haare, kleine, engstehende Augen und ein glattrasiertes Gesicht. »Etwa, was genau unsere Aufgabe sein wird und worin das Risiko besteht. Die Summe, die Sie angedeutet haben, ist uns jedenfalls einiges an Risiko wert.«

»Freut mich, das zu hören. Ich werde in Zukunft aktiv involviert sein. Wenn Sie sich entschließen, bei dem Projekt mitzumachen, werden Sie direkt mit mir zusammenarbeiten. Leitung und Verantwortung liegen bei mir. Wir werden uns in Wien treffen und Sie erfahren von mir, was das Ziel des Projekts ist und welche Vorgaben meine Auftraggeber machen. Die Details will ich aber nicht über das Internet, sondern in einem Face-to-Face Meeting besprechen.«

1

»Leukämie.«

Professor Maximilian Thoma spricht das verhängnisvolle Wort aus.

Die Pfallers sitzen auf der Untersuchungsliege, die fünfzehnjährige Simone zwischen ihren Eltern. Simone mit gesenktem Kopf, sie wirkt gefasst. Die Augen ihres Vaters sind weit aufgerissen, sein Blick entsetzt. Er schüttelt den Kopf, aber das Wort geht nicht weg.

In Frau Pfallers Gehirn beginnen Assoziationen zu kreisen: Chemotherapie, Kinder mit kahlen Köpfen, Knochenmarktransplantation, von der Chemotherapie ausgemergelte Körper, vom Kortison aufgedunsene Gesichter. Frau Pfaller ergreift die Hand ihrer Tochter. Wie ihr Mann schüttelt sie den Kopf, ungläubig, um Fassung ringend. »Das kann nicht sein. Nicht Simone, bitte nicht Simone. Nicht mein Mädel. Wieso muss so was gerade meine Simone treffen?«

Simone umarmt ihre Mutter: »Mach dir keine Sorgen, Mami. Das schaff’ ich schon. Das wird sicher alles gutgehen. Ich werd wieder gesund.«

Herr Pfaller kämpft um seine Fassung. Seine, wie sich jetzt herausstellt, schwerkranke Tochter muss die Eltern trösten? Reiß dich zusammen, Mann! Er umarmt Tochter und Mutter, schüttelt dabei noch immer den Kopf. Nein! Nein!! Nein!!! Er kann es nicht glauben, will es nicht glauben, da muss irgendwo ein Fehler passiert sein. Er wird dafür sorgen, dass der Fehler aufgedeckt wird. Über mehrere Monate eine Ordination nach der anderen, niemand kann etwas finden, alle stellen Vermutungen an, entwerfen Theorien, reden von Wachstum. Und dann, an einem einzigen Vormittag hier an dieser Klinik, soll auf einmal alles klar sein? Wer sagt, dass nicht die vielen Ärztinnen und Ärzte, bei denen sie schon waren, recht gehabt haben und es ist nichts?

Wie kann die Simone das eine unter Tausenden von Kindern sein, das diese schreckliche Krankheit bekommt? Ein Jackpot – mit negativem Vorzeichen! Seine Familie hat sich immer gesund ernährt, keine Laster, viel Sport.

Noch einmal ermahnt sich Herr Pfaller: Halt deine fünf Sinne beisammen! Einen Ausweg finden! Einen Schuldigen? Wie war das mit den Starkstromleitungen? Umweltgifte? Strahlung? Die vielen Untersuchungen bei Simone in den letzten Monaten – inklusive Röntgen! Hat das die Krankheit vielleicht erst ausgelöst? Herr Pfaller versucht, diese Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Selbst wenn etwas oder jemand an Simones Leukämie schuld ist, ändert das nichts – falls die Diagnose stimmt und Simone tatsächlich eine Leukämie hat!

Falls …! Kann es nicht sein, dass sich dieser Arzt hier geirrt hat? Wie alt kann der sein? Der ist noch keine Vierzig. So ein überwuzelter Schönling. Halblange, wirre Haare, die ihm ständig ins Gesicht hängen. Skilehrertyp. War wahrscheinlich der Schwarm aller Mädchen in der Schule und an der Uni. Und diese blöden roten Hosenträger über der weißen Spitalskleidung. Glaubt wohl, er kann auf Klinikclown machen. Hält sich für Patch Adams den Zweiten. Wieso ist der überhaupt Professor? Es muss doch jemanden geben, der mehr Erfahrung hat. Ein Oberarzt oder Chefarzt oder so was. Warum schicken sie seiner Simone diesen komischen Kerl? Irgendwo muss man sich doch über diesen Ambulanzdoktor beschweren können.

Herr Pfaller versucht, seine Zweifel in Worte zu fassen: »Sie irren sich. Sie müssen sich irren. Kann es nicht sein, dass Sie sich irren?« Das ist nicht ganz so gekommen wie beabsichtigt: Flehend statt fordernd, verzweifelt statt selbstbewusst, schwächlich statt nachdrücklich.

»Die Medizin ist keine exakte Wissenschaft, Herr Pfaller. Irrtümer sind möglich und kommen vor. Es kann sein, dass ich mich irre. Ich bin jedoch sehr sicher, dass die Diagnose Leukämie korrekt ist. Es werden jedenfalls noch andere Leute diese Befunde durchsehen. Wir machen weitere Untersuchungen. Wenn nur der leiseste Zweifel auftritt, wird die Diagnose hinterfragt und, wenn erforderlich, korrigiert. Glauben Sie mir, ich würde mir nichts mehr wünschen, als mich in so einem Fall zu irren.«

Das ist schlimmer, als wenn er jeden Zweifel kategorisch ausgeschlossen hätte. Wenn er einen Fehler in Erwägung zieht und trotzdem von einer Leukämie spricht, muss die Wahrscheinlichkeit gering sein, dass er sich irrt.

Herr Pfaller sieht über Simones Kopf hinweg seine Frau an. Wird sie ihm sagen, dass das alles ein böser Traum ist? Aber Frau Pfaller scheint bereits zu beginnen, sich mit dem Schicksal abzufinden. Es hat ihre Simone getroffen und da ist nichts, was dieses Los rückgängig machen könnte. Außer einem Wunder. Aber an Wunder glaubt Frau Pfaller seit ihrer Kindheit nicht mehr.

***

Simone ist ein großes, schlankes – eigentlich dünnes – Mädchen. Sie ist fünfzehn, sieht aber älter aus. Die dunklen Ringe unter den Augen, die spitze Nase, die dünnen, farblosen Lippen, all das spricht eine deutliche Sprache. Spricht von Übermüdung, von Erschöpfung, von Krankheit. Ihr Körper wehrt sich, mobilisiert die letzten ihm verbliebenen Ressourcen, um zu leben. Diese Ressourcen sind jetzt beinahe aufgebraucht. Es ist kaum noch etwas da, was Simone der Krankheit entgegensetzen kann.

Das ist der Punkt, an dem Simone sterben würde – wenn die Medizin nicht in den letzten Jahrzehnten gelernt hätte, wie sie in diese Auseinandersetzung auf der Seite der Gesundheit eingreifen kann. Wenn die Medizin nichts von der Schlacht wüsste, die im Körper des kranken Kindes tobt. Eine Schlacht – nicht Gut gegen Böse – vielmehr Information gegen Chaos. Die im Genom gesunder Zellen gespeicherte Information gegen das genetische Chaos in einer Tumorzelle.

Manchmal länger, manchmal weniger lang, kann die moderne Medizin das Chaos einer Krebserkrankung unter Kontrolle halten. Bei einer Leukämie in vielen Fällen lange genug, um dem kranken Kind zu einer Chance zu verhelfen. Eine Chance, die Ordnung wiederherzustellen und dauerhaft zu erhalten, das durch die Leukämie ins Chaos gestürzte Blutsystem durch ein geordnetes Blutsystem – durch neue und intakte Information – zu ersetzen, die Transplantation von Knochenmark und den darin befindlichen Blutstammzellen, die viele Kinder mit Leukämie retten kann – ein Relaunch, wie nach dem Crash eines Computers.

Im Gegensatz zu Biologie und Medizin – und im Gegensatz zu Max – weiß Simone nichts von der Auseinandersetzung, die seit Monaten, vielleicht seit Jahren, in ihrem Körper stattfindet. Zunächst verhindert ihre Verteidigungsarmee, das Immunsystem, die feindliche Übernahme erfolgreich. Doch der Angreifer lernt neue Tricks. Immer schwerer fällt es Simones Immunsystem, die Krankheit unter Kontrolle zu bekommen, immer unüberschaubarer werden die feindlichen Massen, immer mehr Substanz kostet es, die Attacken abzuwehren. Eine Bastion des Lebens nach der anderen wird überrannt. Die Ordnung weicht dem Chaos, ein Naturgesetz – Entropie. Das Leben kann diesen Prozess für einige Zeit verzögern – verhindern kann sie ihn nicht.

Die ersten Symptome der Krankheit treten auf: Blässe, Atemnot, Erschöpfung. Blaue Flecken bei banalen Kontakten mit harten Gegenständen. Eine normalerweise harmlose Infektion, die Simone für Tage ans Bett fesselt. Langsam verdrängen die Leukämiezellen die gesunden Blutzellen. Simones Verteidiger werden in einem verzweifelten Rückzugskampf aufgerieben. Ein Kampf gegen einen Angreifer, der nicht schlau ist, den geschwächten Körper aber mit seiner chaotischen Masse in die Knie zwingt.

***

Max hat Simone am Vormittag desselben Tages kennengelernt. Marianne Grossmann, eine Assistenzärztin, die an der Kinderklinik vor einigen Monaten ihre Facharztausbildung begonnen hat, ruft Max in die Ambulanz, um seinen Rat zu erfragen. Max findet Marianne gegenüber einem blassen Mädel im Teenageralter auf der Untersuchungsliege, das ihn mit großen, ängstlichen Augen anstarrt. Simone hat in den letzten Wochen und Monaten zu viele Ordinationen, Spitalsambulanzen und die dort diensthabenden Ärztinnen und Ärzte gesehen. Eine neue weiß gekleidete Person kann nichts Gutes bedeuten. Die knallroten Hosenträger würde sie unter normalen Umständen vielleicht lustig finden. Aber das hier sind keine normalen Umstände.

Die Mutter des Mädchens ist eine zarte, sorgfältig gekleidete und nicht mehr ganz junge Frau. Sie wirkt zerbrechlich und zu klein für den Sessel, in dem sie dem Behandlungstisch gegenübersitzt. Mit ähnlich ängstlichen Augen wie ihre Tochter, aber auch mit Erleichterung, wendet sie sich dem eintretenden Max zu. Max kann ihr das nicht verdenken: Marianne wirkt in dem Moment vor allem ratlos.

Die junge Ärztin sitzt hinter dem kleinen Schreibtisch und studiert das Durcheinander darauf. Die Befunde, die das Labor vor Kurzem an die Ambulanz geschickt hat, sind vor ihr ausgebreitet. Diese Befunde sind der Grund, warum sie Max zu Hilfe geholt hat. Ihre ansonsten immer sorgfältig gepflegten langen Haare, die sie entgegen den Hygienevorschriften, die das Hochstecken langer Haare empfehlen, so oft wie möglich offen trägt, sind einigermaßen durcheinandergeraten. In der letzten halben Stunde hat sie ihre Frisur mit zunehmender Heftigkeit und Häufigkeit mit den Händen durchwühlt. Ihr Gesicht drückt ein Fragezeichen aus, von den zusammengekniffenen Augen hinter der Designerbrille bis hin zu dem Bleistift, den sie zwischen den aufeinandergepressten Lippen traktiert – ganz und gar nicht ihr normales apartes Selbst.

Max muss trotz Mariannes offensichtlicher Verzweiflung schmunzeln. Selten hat er jemanden so im eigentlichen Sinn des Wortes die Haare raufen sehen. Er kennt sie ganz anders: Selbstbewusst, energisch, den immer offenen Arbeitsmantel um den getrimmten Körper wehend, die goldenen Locken im Takt ihrer Schritte wippend. Leichtes Makeup, um die ebenmäßigen, aber manchmal hart erscheinenden Gesichtszüge weicher zu zeichnen. Das Ebenbild einer dynamischen jungen Ärztin, die mit viel Selbstbewusstsein auf dem Weg ist, die Welt der Medizin zu erobern.

Max ist das Szenario durchaus vertraut. Wenn sie Hilfe brauchen und er im Haus ist, landen die jungen Azubis früher oder später immer bei ihm. Viele der erfahreneren Ärztinnen und Ärzte entziehen sich durch passiven Widerstand. Alle haben eine Menge Arbeit, die liegen bleibt, wenn man eine junge Kollegin unterstützt. Derartige Hilferufe aus der Ambulanz sind daher in hohem Maße unwillkommen. Max hat Mitleid mit den Jungen – und mit den Kranken. Das macht ihn unter den Azubis beliebt.

Max’ Beliebtheit unter den Jungen wird von manchen Älteren mit Misstrauen beobachtet. Jemand, der so beliebt ist und daher viel Einfluss auf den medizinischen Nachwuchs hat, kann unangenehm werden. Einfluss und Beliebtheit – Macht und Liebe! Max balanciert beides mit Kopf und Bauch. Die ihn kennen, vertrauen ihm, reden mit ihm, erzählen ihm Dinge, die sie anderen nicht erzählen. Keine Liebe ohne Vertrauen, keine Macht ohne Wissen. Von den Neidern wird Max als graue Eminenz wahrgenommen, obwohl das nicht so recht mit seinen vierzig Lebensjahren zusammenpasst.

Wo Licht ist, heißt es, ist auch Schatten. Nicht immer gelingt es Max, die Grenze richtig – und rechtzeitig – zu ziehen. Zu erkennen, wann sich das Gleichgewicht von Macht und Liebe zu verschieben beginnt. Sein Narzissmus lässt Max für Liebe halten, was mehr mit Macht zu tun hat. Lässt ihn nicht erkennen, nicht wahrhaben, dass er Grenzen verletzt. Vor einigen Jahren hat ihn das seine Ehe und beinahe seinen Job gekostet.

Wenn sich die jungen Ärztinnen und Ärzte in der Ambulanz nicht mehr zu helfen wissen und trotzdem von den Älteren, Erfahreneren, keine Hilfe bekommen, zahlen die Kranken drauf. Sie werden in stationäre Behandlung aufgenommen. Das zwingt die Teams auf der Station, sich mit dem Fall zu beschäftigen, während die Ambulanz ihre Verantwortung los ist. Nicht gerechtfertigte Spitalsaufenthalte sind die Folge. Die Erkrankten sind im Spital zusätzlichen Risiken ausgesetzt. Nicht selten verlassen die mit einer Bronchitis stationär aufgenommenen Kinder das Spital mit Durchfall – und umgekehrt.

Die Gutmütigen erwischt es halt immer zuerst. Mit Verwunderung beobachtet Max immer wieder, wie schnell es sich unter dem medizinischen Nachwuchs herumspricht, dass er einer der Gutmütigen ist; dass er hilft, wenn er um Hilfe gebeten wird. Meistens fällt ihm das Helfen leicht, weil er gerne hilft, weil er seine Verantwortung als Ausbilder und Mentor ernst nimmt. Aber auch, weil er sich gerne bewundern lässt, sich durch die Bewunderung wahrgenommen und wichtig fühlt.

»Hallo, Marianne!« Die junge Ärztin sieht Max dankbar entgegen. Gerade noch hat er mit seiner Gutmütigkeit gehadert, hat sich geschworen, das nächste Mal jemand anderen in die Ambulanz gehen zu lassen. Doch Mariannes sichtbare Erleichterung und Dankbarkeit stimmen ihn sofort milde. Wovon Max nichts weiß, Marianne aber sehr wohl, ist das inoffizielle Briefing, das die ganz Neuen von den nicht mehr ganz so Neuen erhalten: Brauchst du Hilfe, hol dir den Max Thoma. Ein Augenaufschlag … und im Notfall helfen ein paar Tränen. Das Briefing beinhaltet allerdings auch alte Geschichten, Tratsch, Gerüchte, Warnungen …

Max wendet sich an das Mädel: »Servus, junge Dame. Ich heiße Max und die Frau Doktor hat mich gebeten, ihr zu helfen.«

»Ich bin die Simone«, sagt sie leise und lässt Max dabei nicht aus den Augen.

Max wendet sich zu Simones Mutter. »Max Thoma«, stellt er sich vor. Dann setzt er sich zu Simone an den Rand der Untersuchungsliege. An Simone gewandt: »Würdest du mir kurz erzählen, was dich hierherführt?«

»Mami, kannst du’s erzählen?«

»Wir haben schon alles probiert! Die Simone ist seit einiger Zeit immer so blass und müde. Sie schläft viel und ist deutlich weniger lebhaft, als sie es sonst war. Wir haben gedacht, dass sie irgendeinen Vitamin- oder vielleicht Eisenmangel hat. Dass die Simone eine Anämie hat, ist schon früher festgestellt worden. Sie nimmt seit längerer Zeit einen Eisensaft, den unser Hausarzt verordnet hat. Ihre Kollegin hat uns bereits gesagt, dass bei den heutigen Untersuchungen auch nichts Eindeutiges herausgekommen ist. Ich weiß schon nicht mehr, was ich machen soll.«

»Gibst du mir bitte mal die Befunde, Marianne?« wendet Max sich an seine Kollegin. Der rote Blutfarbstoff und die Zahl der roten Blutkörperchen sind deutlich vermindert, die Anämie also bestätigt. Kein Wunder, dass das Mädel so blass ist. Das viele Schlafen, die Erschöpfung, weil zu wenig Sauerstoff in ihrem Körper verteilt wird.

Die Zahl der an der Blutgerinnung beteiligten Blutplättchen ist ebenfalls überraschend niedrig. »Hast du in letzter Zeit oft blaue Flecken bekommen, wenn du dich angehaut hast?« fragt Max.

»Ja, schon«, erwidert Simone und sieht ihre Mutter hilfesuchend an.

Frau Pfaller ergänzt: »Blaue Flecken hat die Simone schon immer leicht bekommen. Ich bin nicht sicher, ob das in letzter Zeit stärker geworden ist.«

»Was hat denn der zuweisende Arzt geschrieben?« fragt Max an Marianne gewandt.

Marianne kramt in den vor ihr ausgebreiteten Papieren. »Anämie, Abklärung erbeten. Verdacht auf Thrombopenie«, liest sie vor. »Es sind auch Befunde beigelegt, aus denen die Anämie hervorgeht. Die Blutplättchen sind in diesen Untersuchungen etwas unterhalb des Normalbereichs, aber jedenfalls keine schwere Thrombopenie.«

Max hält ihr den heutigen Blutbefund hin und deutet auf die Zahl der Blutplättchen. An Mariannes betroffenem Gesicht erkennt er, dass ihr dieser Wert noch nicht aufgefallen ist. Die Zahl spricht nicht nur für einen leichten, sondern für einen ausgeprägten Mangel an Blutplättchen. Kaum überraschend also, dass Simone öfter als normal blaue Flecken bekommt, wenn die Blutgerinnung nicht angemessen funktioniert.

Max greift zum Telefonhörer und wählt die Nummer des Diagnoselabors. »Max hier. Könnt ihr mir bitte aus der Blutprobe von Simone Pfaller eine Blastenfärbung machen? Ich komm dann gleich vorbei und seh mir das Blut auch an.«

Mariannes Betroffenheit wird durch eine Blässe ergänzt, was auch Frau Pfaller nicht entgeht. »Wir klären das schon«, sagt Max beruhigend zu seiner Kollegin. »Es war das einzig Richtige, dass du dir Hilfe geholt hast.«

»Was ist denn los?« will Simones Mutter wissen. Ihre Stimme zittert leicht. Nichts sonst lässt vorläufig auf ihre Anspannung schließen.

»Sie wissen ja, warum Sie zu uns geschickt wurden. Die Anämie, der Mangel an roten Blutkörperchen, war schon bekannt. Die Thrombopenie, ein Mangel an Blutplättchen, hat sich seit dem letzten Befund deutlich verschlechtert. Ich hab das Labor gebeten, eine zusätzliche Untersuchung durchzuführen, um neben den roten Blutkörperchen und den Blutplättchen auch die weißen Blutzellen, die Leukozyten, zu untersuchen. Diese sind nichts anderes als das Abwehrsystem unseres Körpers, das Immunsystem. Von zwei Komponenten in Simones Blut wissen wir bereits, dass sie nicht ausreichend hergestellt werden. Es liegt daher nahe, dass wir uns auch die dritte Sorte von Blutzellen anschauen, eben die weißen Blutzellen. Sie haben uns erzählt, dass Simone recht häufig krank ist und dass sie sich von ihren Krankheiten schlecht erholt. Wenn wir herausfinden, ob mit den Leukozyten ebenfalls ein Problem besteht, sollte uns das weiterhelfen.«

»Was ist eine Blastenfärbung?«

»Das ist eine Färbung der weißen Blutzellen, um ihre Herkunft unter dem Mikroskop besser beurteilen zu können.« Nicht die ganze Wahrheit, aber Max kann das Wort Leukämie jetzt nicht aussprechen und Simone und ihre Mutter gleich darauf allein lassen. »Geben Sie mir bitte noch einige Minuten. Ich werd einen Sprung ins Labor gehen, und dann sollte ich klarer sehen und in der Lage sein, Ihre Fragen zu beantworten.«

»Begleitest du mich?« fragt er an Marianne gewandt. Max kann seine junge Kollegin jetzt nicht in dem Ambulanzzimmer zurücklassen. Simones Mutter würde die Gelegenheit sofort nutzen, um zu versuchen, aus Marianne Informationen herauszuquetschen, die sie im Moment genauso wenig hat wie er. Besser sie nicht in dieser Verlegenheit lassen.

Marianne nickt und erhebt sich. Zu Simone und ihrer Mutter gewandt sagt Max: »Wir sind in wenigen Minuten wieder da. Bleiben Sie bitte so lange hier. Ich schick jemanden vom Pflegeteam vorbei. Hast du Hunger? Durst?« fragte er Simone. Diese schüttelt den Kopf.

»Ich werd noch meinen Mann anrufen«, kündigt Frau Pfaller an. »Ich hab ihm versprochen, dass ich ihm Bescheid geb, wie es läuft. Er wartet auf meinen Anruf und wird gleich herkommen.«

Na klar! Simones Mutter schätzt die Situation richtig ein. Sie hat verstanden, dass Max bereits eine gute Vorstellung davon hat, was Simone fehlt. Wahrscheinlich ahnt sie schon, was die Familie Pfaller von Max erfahren wird. Es wird kein Zufall sein, dass sie an die Hämatologisch-Onkologische Abteilung der Kinderklinik geschickt wurden. Die bisherigen Erklärungen haben den Verdacht bestätigt, der sich Frau Pfaller bei ihren Recherchen im Internet aufgedrängt hat. Doch auch sie will das Wort Leukämie – noch – nicht aussprechen, nicht einmal denken will sie dieses Wort.

***

Auf dem Weg zum Labor bleibt Max kurz am Ambulanzstützpunkt stehen und bittet das Pflegeteam, sich um die beiden Pfaller Damen zu kümmern. »Wahrscheinlich wird der Vater der Patientin in Kürze auftauchen. Würdet ihr ihn bitte auch in die Ambulanz führen?«

Sie betreten das Labor. »Ich hab dir das Präparat schon ins Mikroskop eingespannt.« Eine der biomedizinischen Analytikerinnen winkt Max und Marianne zu sich. »Wenig Zweifel über die Diagnose«, fügt sie hinzu.

Marianne hat das Gefühl, dass nur sie noch unsicher ist, was Simone fehlt. Blastenfärbung – Max hat also den Verdacht auf eine Leukämie? Klar hat sie daran gedacht, aber diese Möglichkeit dann doch verworfen. Sie fühlt sich inkompetent, fehl am Platz, ihr ist zum Heulen zumute. Nicht das erste Mal, seit sie vor einem halben Jahr ihre Ausbildung in Kinderheilkunde begonnen hat. Mehrmals hat sie in Momenten besonderer Frustration mit dem Gedanken gespielt, das alles hinzuschmeißen. Dabei hat sie ihr halbes Leben davon geträumt, Kinderärztin zu werden.

Hat sie bisher irgendwas gelernt, das sie in der praktischen Medizin anwenden kann? Im Studium wird man mit Daten und Fakten überhäuft, hier im Spital muss man um jedes bisschen Information kämpfen – außer bei Max. Aber dafür muss man um Max kämpfen, weil die anderen Azubis auch wissen, dass er einer der wenigen ist, der bereitwillig sein Wissen und seine Erfahrung weitergibt. Wenigstens dabei hat sie heute Glück gehabt: Niemand anderer hat ihr Max weggeschnappt.

Schon nach den ersten Monaten ihrer Ausbildung hat Marianne Max darauf angesprochen, ob sie als Assistenzärztin auf seine Station wechseln darf. Leider nein! Die Rotationen von einer Station auf die andere folgen einem festen Schema. Sie wird auf die Leukämiestation kommen, aber das steht erst später auf dem Programm. Bevor sie mit einer Spezialisierung in der pädiatrischen Onkologie beginnen kann, muss sie die allgemeine Kinderheilkunde lernen. Es gibt keine Shortcuts, weder für Marianne noch für sonst jemanden.

Max setzt sich vor das Mikroskop und beginnt, das auf dem Untersuchungstisch liegende Glasplättchen systematisch zu durchsuchen. Mit einem leisen Seufzen steht er vom Sessel auf und bedeutet Marianne, es auch zu versuchen. Die junge Ärztin setzt sich und beginnt etwas hilflos an den Stellschrauben des Mikroskops zu drehen.

»Achte auf die weißen Blutzellen«, sagt Max zu ihr. »Siehst du die großen Zellkerne? Das Mädel hat Leukämie. Ganz typisch! Diese Zellen mit den großen Kernen sind die leukämischen Blasten, die Leukämiezellen. Deswegen auch Blastenfärbung. Wir haben natürlich fortschrittlichere Methoden, eine Leukämie zu diagnostizieren, aber so geht’s schnell und die alten Methoden sind robust. Unsere Hightech-Maschinerie mit Zell- und Genanalysen lassen wir jetzt erst so richtig anlaufen.«

Leukämie! Also doch … Marianne ist schockiert, aber auch erleichtert, dass auch sie jetzt endlich weiß, was mit Simone los ist. Warum hat sie sich nicht getraut, die richtigen Schlüsse zu ziehen? Angst davor, eine so folgenschwere Diagnose zu stellen? Sich bei den Kolleginnen und Kollegen lächerlich zu machen?

Wahrscheinlich befürchtet sogar Frau Pfaller schon, dass ihre Tochter Leukämie haben könnte. Warum sonst lässt sie ihren Mann ins Krankenhaus kommen? Es würde Marianne nicht wundern, wenn selbst Simone ahnt, dass sie eine Leukämie hat. Wenn das überhaupt möglich ist, fühlt Marianne sich noch inkompetenter als vorher. Jetzt ist sie wirklich niedergeschlagen.

Auf dem Rückweg machen sie einen weiteren Zwischenstopp am Ambulanzstützpunkt. »Wir haben eine neue Patientin. Ich brauch ein Bett auf der Leukämiestation.«

Max bemerkt Mariannes Verzweiflung: »Du siehst mitgenommen aus. Was ist los mit dir?« Es ist eine rhetorische Frage. Max kann sich gut vorstellen, was in Mariannes Kopf gerade vor sich geht. Ihm ist es zu Beginn seiner Ausbildung auch nicht besser ergangen.

Marianne blickt zerknirscht drein. »Wie hätte ich damit rechnen können?« fragt sie Max.

»Leukämien bei Kindern sind sehr selten – obwohl sie die häufigsten Krebserkrankungen bei Kindern sind. Hier bei uns häufen sich die Leukämieerkrankungen, weil die verdächtigen Fälle zur Abklärung an uns überwiesen werden. Wichtig ist, dass du dich nicht genierst, jemanden zu fragen, wenn du nicht mehr weiterkommst. Niemand wird mit Spott und Häme reagieren. Du vermeidest Fehler und du lernst was dabei. Glaub mir, wir alle machen solche Situationen durch.«

»Aber es ist ja nie jemand da, den man fragen könnte – also niemand außer dir. Du bist der Einzige, der uns Jungen hilft. Die anderen ignorieren uns. Wie soll man da was lernen? Ich bin drauf und dran, die Ausbildung aufzugeben und stattdessen eine Turnusausbildung zur Praktischen Ärztin zu machen.«

»Gib dir noch etwas Zeit, bevor du so einen radikalen Schritt machst. Glaub mir: Das erste Jahr ist das schlimmste. In den nächsten Monaten wirst du sehen, dass es langsam bergauf geht. Mir ist es zu Beginn meiner Ausbildung genau wie dir ergangen. Ich bin bei den Auskennern ebenso abgeblitzt wie du und wie alle anderen Azubis. Danach bin ich dazu übergegangen, die erfahrenen Leute des Pflegeteams zu fragen. Viele der praktischen Dinge in der Medizin hab ich vom Pflegepersonal gelernt. Sie helfen gern, wenn du sie respektierst, wenn du ihnen hilfst, helfen sie dir. Wenn du das Pflegeteam von oben herab behandelst, werden sie dich an die Wand fahren lassen.«

»Du meinst, die hätten gewusst, was Simone fehlt?«

»Gewusst, geahnt, vermutet. Sie hätten dir zumindest gesagt, dass du mal an eine Leukämie denken könntest. Vergiss nicht, was gerade im Diagnoselabor passiert ist. Die Renate ist eine erfahrene Analytikerin. Sie braucht nur einen Blick durch das Mikroskop zu werfen und kann dir die Diagnose sagen. Wenn du sie fragst, erklärt sie dir sicher gern, wie sie das macht, woran sie die Leukämiezellen erkennt, worauf du achten musst, welche Fehler man machen kann, und vieles mehr. Alles, was ich im Mikroskop erkenne, hat mir die Renate das erste Mal gezeigt. Sie ist beim Mikroskopieren mit Sicherheit besser als ich.«

Marianne blickt Max mit skeptisch gerunzelter Stirn und hochgezogenen Brauen an.

Max fährt fort: »Ich garantiere dir: Wenn du, statt mich zu rufen, die Schwester Paula gefragt hättest, was du tun sollst, wär’s aufs Gleiche hinausgelaufen. Die Paula ist seit dreißig Jahren im Haus und leitet das Pflegeteam der Ambulanz seit fünfzehn Jahren. Sie hätte dir gesagt, dass die Simone aussieht, als ob sie eine Leukämie hat, einfach nur vom Hinschauen – und natürlich mit ihren dreißig Jahren Erfahrung. Die Schwester Paula hätte dir auch gesagt, dass du mich holen sollst. Weil, offiziell wird sie dir die Diagnose nicht diktieren. Das würde in manchen Kreisen enorme Widerstände auslösen und für sie einiges Ungemach bedeuten. Das tut sich die Paula sicher nicht an. Die schätzt ihr ruhiges, unauffälliges Leben im Hintergrund. Es genügt ihr, dass die Personen, die ihr wichtig sind, ihre Fähigkeiten kennen. Das sind auch die Personen, die wissen, dass Paula – und noch einige andere wie sie – hier im Spital unersetzbar sind. Jedenfalls hättest du mir dann schon das Ergebnis der Blastenfärbung präsentiert. Außerdem hättest du einen Verdacht auf eine Leukämie erwähnen können. Die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen möchten nicht wegen jedem Pipifax in die Ambulanz geholt werden. Wenn du dir den Ruf erarbeitest, dass du nur dann jemanden zu Hilfe holst, wenn es wirklich kritisch ist, werden sie dich nicht mehr so leicht abblitzen lassen.«

Marianne nickt, obwohl noch nicht endgültig überzeugt. Was Max sagt, klingt plausibel. Aber sich eine Reputation zu erarbeiten, ist ja grad das Schwierige, wenn man sich hint und vorn nicht auskennt. Das Pflegepersonal um Rat fragen? Das kann sich Marianne im Moment nicht wirklich vorstellen. Ist das nicht superpeinlich? Kann sie sich – überhaupt als Frau – so eine Schwäche erlauben? Würde das nicht ihre Autorität untergraben? Sie glaubt von sich, dass sie die Kompetenz des Pflegeteams respektiert, aber wird das Pflegeteam sie noch respektieren, wenn sie mit Fragen kommt? Wie dem auch sei, sie hat noch einen weiten Weg vor sich. Vielleicht doch die Schwester Paula um Rat fragen? Sie könnte es ja ausprobieren und schauen, was passiert. Aber lieber nicht bei der Paula anfangen. Vor der fürchtet sich Marianne ein klein wenig, wie alle anderen Azubis auch.

Marianne schiebt ihre Zweifel für den Moment beiseite. Ist ja nochmal gutgegangen. »Und was passiert jetzt weiter?«

»Wir gehen zurück in die Ambulanz und reden mit den Pfallers. Die Diagnose müssen wir noch endgültig bestätigen. Dazu ist ein Blick durchs Mikroskop nicht ausreichend. Wie gesagt: Jetzt wird Simones Blut erst einmal durch unsere Hightech-Maschinerie geschleust. Wenn du willst, kannst du mal bei uns im Forschungslabor vorbeikommen. Ich zeig dir einige der Geräte, mit deren Hilfe wir daran arbeiten, einer Leukämie auf die Schliche zu kommen. Auf Basis einer detaillierten Analyse von Simones Leukämiezellen sollten wir wissen, wie wir weiter vorgehen müssen. Wir können die Leukämien in eine beachtliche Zahl von Untergruppen einteilen, die unterschiedliche Eigenschaften haben, unterschiedlich gefährlich sind, unterschiedliche Behandlung erfordern.«

»Das wär echt super. Wann darf ich kommen? Wie wird man eigentlich Wissenschaftlerin? Warum bist du Wissenschaftler geworden?«

»Moment, Moment! Das sind zu viele Fragen auf einmal. Und jetzt ist nicht der beste Zeitpunkt, sie zu beantworten. Wenn du mich im Labor besuchst, können wir über all das reden. Jetzt müssen wir uns erst mal um unsere neue Patientin kümmern – deine neue Patientin. Simone wird auf der Leukämiestation aufgenommen. Dann werden wir noch einmal ausführlich mit der ganzen Familie sprechen. Willst du bei dem Gespräch dabei sein?«

Marianne zögert kurz. »Ja, will ich. Mir ist schon klar, dass das nicht einfach wird, aber ich nehm an, dass ich da durchmuss.«

»Wenn nicht jetzt, dann ein anderes Mal. Vor allem wenn du bei der pädiatrischen Hämatologie und Onkologie bleiben willst. Du hast mich doch schon vor einigen Monaten gefragt, ob du auf die Leukämiestation wechseln darfst. Oder hast du deine Meinung mittlerweile geändert?«

Das hat der Max sich gemerkt? Dabei ist Marianne ziemlich sicher, dass alle Azubis irgendwann fragen, ob sie auf Max’ Station wechseln dürfen. Ist das ein gutes Zeichen? Mariannes Stimmung bessert sich deutlich.

Max und Marianne betreten den Behandlungsraum, in dem jetzt auch Simones Vater sitzt. Die Spannung in dem kleinen Raum ist deutlich spürbar.

***

Als ihn Renate, die Biotechnologin aus dem Diagnoselabor, zu Mittag anruft und zu sich ins Labor bittet, weiß Max, dass diesmal etwas anders ist.

»Zwei Leukämien? Was soll das heißen?« fragt Max.

Renate hält ihm die mit Graphiken gefüllten Ausdrucke eines Analysegeräts vor die Nase: Diagramme, Anhäufungen von winzigen Pünktchen, unverständlich für die nicht Eingeweihten. Ungläubig starrt Max auf die Daten, dann, mit der gleichen Ungläubigkeit zu seiner Kollegin gewandt:

»Kann da ein Fehler passiert sein?«

»Natürlich kann ein Fehler passiert sein. Du weißt so gut wie wir alle, dass die Biologie und die Medizin nicht unfehlbar sind, dass es keine absolute Sicherheit gibt, dass man nie jeden Fehler ausschließen kann.« Natürlich weiß Max das. Er hat erst heute Vormittag Herrn Pfaller zu bedenken gegeben, dass die Medizin keine exakte Wissenschaft ist. »Drum haben wir die Zellanalysen wiederholt. Ich hab zusätzlich eine Kollegin im Zentrallabor der Unikliniken gebeten, die Analyse nochmal zu machen: In allen Fällen das gleiche Ergebnis.«

»Kann ich eine Kopie der Befunde haben?«

»Du kannst diese gleich behalten; ich druck die Befunde nochmal aus.«

»Sagst du mir bitte gleich Bescheid, wenn die anderen Ergebnisse kommen? Ich werd veranlassen, dass dem Mädel noch einmal Blut abgenommen wird. Wenn sich dieser Befund bestätigt, ist wohl kein Zweifel.«

Max kann sich nur einen einzigen Grund dafür vorstellen, dass in einer Blutprobe zwei verschiedene Leukämien zu finden sind: Es wurde Blut von zwei an Leukämie Erkrankten irrtümlich zusammengemischt. Egal, wie unwahrscheinlich es ist: Eine weitere Blutabnahme wird Simone auch nicht mehr stören.

***

Simone ist seit dem frühen Nachmittag Patientin der Leukämiestation. Die eigentliche Besprechung findet im Aufenthaltsraum der Station statt. Der nüchterne weiße Raum versucht sich mit den von Kindern gemalten Bildern an der Wand etwas freundlicher zu geben. Im Kontrast zu den bunten Malereien steht die traurig zerschlissene Sitzgruppe aus zwei Polstersesseln und einer Dreierbank in undefinierbaren grünbraunen Farbtönen. An den Wänden stehen weiße Schränke, Infusionsständer, ein mobiles EKG-Gerät und verschiedene andere kleinere und größere Instrumente. Das Abwaschbecken des winzigen Küchenblocks ist voll mit schmutzigem Geschirr, vor allem Kaffeehäferl. Zu wenig Platz in dem kleinen Geschirrspüler, der jetzt leise brummend und plätschernd für Hintergrundgeräusche sorgt.

Max sitzt den drei Pfallers gegenüber, die dicht nebeneinander auf der Polsterbank aufgefädelt sind, Simone in der Mitte. Ein ernüchternder Gedanke, der sich Max bei solchen Gesprächen immer wieder aufdrängt: Fels in der Brandung. Ohne Stabilität, ohne Anker, ohne Beziehungspunkt ist die Gefahr groß, dass die Familie, Simone, an der Belastung zerbricht, Scharlatanen in die Hände fällt. Diese versprechen oft nicht nur Heilung, sondern das Heil. Fake News! Alternative Facts! Post Truth! Als ob das etwas Neues wäre, das Donald Trump erfunden hat.

Max weiß: Die Chance ist groß, dass diese Konflikte kommen werden. Seine Aufgabe wird es sein, das Vertrauen in und den Glauben an seine Kompetenz und an die Möglichkeiten der Schulmedizin aufrechtzuerhalten. So viel Vertrauen und Autorität wie möglich, um das Kind nicht aus der Obhut der Schulmedizin zu verlieren.

Schulmedizin! Noch immer für viele Menschen ein Schimpfwort. Götter in Weiß – Zahlen & Fakten statt Psyche & Soma. Die Schulmedizin hat Fehler gemacht, daran besteht kein Zweifel. Niemand denkt jedoch an die großen Leistungen der Schulmedizin, erbracht vor allem während des letzten Jahrhunderts. Eine dramatische Verlängerung der Lebenserwartung, eine noch dramatischere Reduzierung der Kindersterblichkeit oder die Behandlung, die für Simone von besonderer Bedeutung sein wird: die Transplantation von Blutstammzellen aus dem Knochenmark, mit der drei Viertel der Kinder mit Leukämie gerettet werden können. Noch in den 1970er Jahren sind drei Viertel dieser Kinder verstorben.

Konrad, der Leiter des Pflegeteams der Leukämiestation, darf eine Rolle spielen, um die Max ihn beneidet. Er darf Gefühle zeigen, darf sich neben die drei ineinander verschlungenen Menschen setzen, ihnen den Arm um die Schultern legen, beruhigende und tröstende Worte sprechen – und genau das ist es, was er tut. Etwas, das von ihm besonders unerwartet kommt: Konrad, der Pirat. Bei den Kindern auf der Station ist er Kapitän Konrad. In seinen frühen Sechzigern, groß, breitschultrig, spärliches, langes weißes Haar zu einem dünnen Rossschwanz gebunden, weißer Stoppelbart, tätowierte, muskulöse Arme, goldene Ringe in den Ohren, breiter Wiener Dialekt. Nur die Augenklappe fehlt, um die Illusion vollkommen zu machen. Die hebt Kapitän Konrad sich für den Fasching auf. Die Falten in Konrads Gesicht erzählen von einem ereignisreichen Leben, in dem es nicht immer um die Pflege und Betreuung schwerkranker Kinder gegangen ist. Es ist das leichte, warme Lächeln, das aus den Augen zu kommen scheint, das Zuversicht signalisiert, Vertrauen vermittelt, unerschütterlichen Optimismus anzeigt, Schutz verspricht.

Marianne sitzt in einem der schäbigen Polstersessel, zappelig, unruhig, ängstlich. Sie wickelt eine Haarsträhne nervös um den Zeigefinger ihrer rechten Hand – und wickelt sie wieder ab, aufwickeln, abwickeln, pausenlos, ohne es zu bemerken. Ihre Zähne nagen an den Lippen, mal links, mal rechts, mal oben, mal unten, sie ist sich auch dessen nicht bewusst. Sie kennt ihre Rolle nicht, weiß nicht, ob sie überhaupt eine Rolle hat. Keine Autorität in der Ambulanz, keine Rolle auf der Station. Nichts wäre anders, wenn sie an dieser Besprechung nicht teilnehmen würde. Kein guter Tag, um das Selbstvertrauen einer jungen Ärztin zu stärken.

»Wir haben jetzt Gewissheit: Es handelt sich leider tatsächlich um eine Leukämie!« eröffnet Max das Gespräch. Frau Pfallers Augen füllen sich wieder mit Tränen, Herr Pfaller kaut nervös an einem Fingernagel. »Ich weiß, wie schwer das für euch alle ist. Aber bitte hört mir jetzt genau zu. Es besteht kein Zweifel, dass Leukämie eine sehr ernste Erkrankung ist. Aber es ist in den letzten Jahren eine behandelbare, in vielen Fällen heilbare Krankheit geworden. Die Behandlung ist langwierig, hat viele Nebenwirkungen und kann bis zu einer Knochenmarktransplantation gehen. Aber am Ende können wir drei Viertel der Kinder und Jugendlichen mit Leukämie heilen. Das verbleibende Viertel, das an einer Leukämie verstirbt, ist immer noch viel zu viel. Das Risiko ist da und es ist groß, aber die Chance, das alles zu überstehen, ist dreimal größer als das Risiko, an der Leukämie zu versterben. Die Ergebnisse einiger Spezialuntersuchungen sind noch ausständig, die uns helfen werden, zu einer genaueren Bewertung der Chancen und Risiken zu kommen. Das Allerwichtigste ist, dass wir so rasch wie möglich mit der Behandlung beginnen.«

Jetzt laufen Simones Mutter die Tränen über die Wangen. Simone nimmt die Hand ihrer Mutter: »Du musst dir keine Sorgen machen, Mami. Ich schaff das! Der Doktor Thoma hat doch gesagt, dass er mich gesund machen kann.« Sie sieht Max fragend an. »Das hast du gerade gesagt, oder?« Max nickt.

Frau Pfaller scheint von der Tapferkeit ihrer Tochter angesteckt zu werden. Sie bringt sogar ein schwaches Lächeln zustande. »Klar, mein Schatz. Du wirst ganz sicher wieder gesund. Und Papa und ich sind bei dir und helfen dir.« Ihr Mann nickt zustimmend und nimmt endlich seinen bereits stark in Mitleidenschaft gezogenen Finger aus dem Mund. Beide Eltern umarmen ihre Tochter.

Nicht zum ersten Mal bewundert Max seine jungen Patientinnen und Patienten. Sie können gar nicht anders als positiv denken. Und warum auch nicht? Das Glas ist zu drei Viertel voll und nur zu einem Viertel leer. Sicher, die Medizin in dem Glas ist bitter, aber jedes Kind, auch Simone, kann erkennen, dass es eine echte Chance hat.

Das Ärgste ist vorbei. Wenn einmal die Basis geschaffen ist, geht alles andere leichter. Wie immer in so einem Moment ist Max sich der Verantwortung bewusst, die von jetzt an auf ihm lastet. Fürs Erste glauben und vertrauen Simone und ihre Eltern ihm, glauben daran, dass er Simone wieder gesund machen wird.

Max schüttelt den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Es gibt Arbeit. Er hat ein Versprechen einzulösen.

***

»Wie geht es jetzt medizinisch weiter?« fragt Simones Vater. Die Gesichter von Herrn und Frau Pfaller sind wieder beherrscht. Simone strahlt jetzt Zuversicht aus, fast könnte man glauben, sie freut sich auf die Herausforderung des Gesundwerdens.

»Dazu komm ich gleich. Zuvor müssen wir noch über die Krankheit sprechen.« Max legt die Zettel mit den vielen Graphiken und Zahlen, die er aus dem Labor mitgebracht hat, vor sich auf den Tisch. »Es handelt sich bei Simones Krankheit um einen sehr ungewöhnlichen Fall. Um ehrlich zu sein: So etwas hatten wir hier überhaupt noch nie. Und ich hab auch nicht in Erinnerung, dass so ein Fall von irgendwo anders auf der Welt jemals berichtet worden wäre.« Die Augen in den wieder erstarrenden Gesichtern werden größer.

»Simone scheint, so unwahrscheinlich und unglaublich das auch klingen mag, an zwei Arten von Leukämie gleichzeitig erkrankt zu sein.« Die Pfallers werfen sich verständnislose Blicke zu. ›Was denn noch? Ist eine normale Leukämie nicht schon schlimm genug?‹

Von Konrad kommt ein erstauntes »Was soll das heißen?«

»Ich weiß auch nicht, wie es zu sowas kommen kann. Wie gesagt: Ich hab noch nie erlebt, dass jemand gleichzeitig zwei Leukämien hat. Ich werd das gleich nachher noch mit den Kolleginnen und Kollegen besprechen. Ich geh allerdings davon aus, dass sich an der Behandlung nichts Wesentliches ändern wird. Es sind zwei eindeutig unterscheidbare Arten von Leukämie. Dass sich die eine Leukämie aus der anderen entwickelt hat, können wir aufgrund der zell- und molekularbiologischen Eigenschaften der Leukämiezellen ausschließen. Die Behandlung können wir jedoch so wählen, dass die Zellen beider Leukämien zerstört werden.«

Die Chemotherapie zur Behandlung einer Leukämie ist eine brutale Prozedur – die Nebenwirkungen können verheerend sein. Und das ist erst der Vorgeschmack auf das, was kommt, wenn eine Transplantation von Blutstammzellen erforderlich ist.

»Es geht um die ersten Wochen. Danach werden wir sehen, wie Simone mit der Chemotherapie zurechtkommt. Wir versuchen, unsere jungen Patientinnen und Patienten so schnell wie möglich wieder von hier wegzubekommen. Wenn wir die Nebenwirkungen kontrollieren können, muss Simone nicht hier auf der Station bleiben, sondern kann zwischen den Behandlungen nach Hause gehen. Spitäler sind nicht die richtige Umgebung für junge Menschen.«

2

Sabrina lässt sich erleichtert von dem unter ihr liegenden, stattlichen – im Moment schwer atmenden – Mann auf das Bett rollen. Sie hat alles aufgeboten, was in ihrer Kartei vermerkt ist: Die Nachttischlampe taucht den Raum in gedämpftes Licht. Edle Dessous mit zarten Spitzen; »Rot« ist in dem entsprechenden Feld ihrer Klientendatei vermerkt. Im Hintergrund läuft leise Musik, nach ihrem Geschmack ausgewählt. Eines ihrer Lieblingsalben von Oscar Peterson. Dem Musikgeschmack des Professors will sie sich nicht anvertrauen. Er hätte sich wahrscheinlich für eine Symphonie von Gustav Mahler entschieden, oder für Richard Wagner.

Ihre Bemühungen sind erfolgreich. Professor Hans Ladig, Vorstand der Onkologischen Universitätsklinik an der Medizinischen Universität Wien, hat dicke Schweißtropfen auf der Stirn. Er ist nicht mehr der Jüngste und Sex ist für ihn harte Arbeit. Seine Tablette Viagra hat er selbst mitgebracht, obwohl Sabrina einen kleinen Vorrat bereithält. Ihrer immer hilfreichen Kartei entnimmt Sabrina, dass es bereits einige Jahre her ist, dass der Professor sie das letzte Mal gebucht hat. Ihre Kartei vermerkt auch, dass ihm sein Herz schon damals Probleme gemacht hat, was ihn aber nicht davon abhält, das Viagra zu schlucken. Hat der Professor zugenommen? Könnte sein, aber nach so langer Zeit kann sie sich nicht mehr wirklich erinnern. Mag sie ihren Professor? Vielleicht ein klein wenig, er ist so was wie ein alter Bekannter, den sie lange nicht gesehen hat. Der Professor war immer ein guter Kunde. Zudem höflich, zuvorkommend und großzügig. Sie weiß allerdings, dass er auch ganz anders kann.

»Willst du einen Drink, Professor?« Sabrina wartet die Antwort des noch immer schnaufenden Mannes nicht ab, erhebt sich vom Bett und geht durch den großen, im Halbdunkel liegenden Raum. Dieser ist ohne Unterteilung Wohn-, Schlaf- und Arbeitsbereich und hat auch Platz für eine Küche. An der hohen Decke sind Stuckaturen, der Parkettboden sieht alt, aber gepflegt aus, die Fenster sitzen in Nischen. An den Wänden hängen moderne Gemälde, die einen interessanten Kontrast zum Biedermeierstil des Raumes bilden.

Professor Ladig wischt sich mit einem Papiertuch den Schweiß von der Stirn. Mit sich selbst durchaus zufrieden, den Anflug von Erleichterung verdrängend, folgt er Sabrina mit seinen Blicken. »Geht ja noch«, murmelt er vor sich hin. »Die richtige Frau und ich bin 20 Jahre jünger.«

Sabrina meint die Augen auf ihrem Körper zu spüren. Sie wirft einen kurzen Blick über die Schulter auf den Professor. Da sind sie, die gierigen Augen, obwohl der Mann sicherlich für längere Zeit außer Gefecht ist. Mit wiegenden Hüften geht sie weiter, nimmt im Vorbeigehen den seidenen Morgenmantel von der Lehne eines Polstersessels, streift ihn über, hält ihn mit einer Hand lose geschlossen.

Honorare stellt Sabrina keine mehr, Geschenke, die dem Wohlstand ihrer Bekannten entsprechen, nimmt sie an. Wichtig ist für Sabrina das Netzwerk, das sie mit Hilfe ihrer Klienten aufgebaut hat und das sie mit großem Geschick pflegt. Das Insiderwissen der verliebten Wirtschaftskapitäne und Politiker ist für Sabrina der Schlüssel, wenn auch nicht zu Reichtum, so doch zu nicht unbedeutendem Wohlstand.

Sabrina nimmt zwei Gläser aus dem Barschrank und schenkt zwei Finger hoch Whisky ein. Der Gedanke an den eigentlichen Zweck dieses Treffens ist plötzlich wieder da, zugleich mit einem Anflug von Panik. Mit leicht zitternden Händen zündet sie sich eine Zigarette an und zieht den Rauch tief ein. Das Nikotin besänftigt die durch ihre ängstigenden Gedanken entstandene Gänsehaut. Das Zittern klingt ab.

Beide Gläser in einer Hand, die Zigarette in der anderen, geht sie zu dem großen Bett zurück. Sie kann ein belustigtes Zucken ihrer Mundwinkel nicht unterdrücken, als sie dort den stattlichen Mann sieht, auf einen Ellenbogen gestützt, seine nach der gerade absolvierten Kraftanstrengung verschleierten Augen noch immer an ihrem Körper festgesaugt. Das Bemühen, lässig und überlegen auszusehen. Ein großer, erschöpfter, glatzköpfiger, nackter Mann. In seiner Nacktheit der sonst unübersehbar mit arroganter Würde getragenen Insignien seiner Macht beraubt. Hinter ihm bei der Visite auf seiner Station: Chefärztinnen, Oberärzte, Assistentinnen, Pflegepersonen, Studierende. Hier: Kein Rattenschwanz von Untergebenen, der von der Wichtigkeit Hans des Großen zeugen könnte.

Im Vorbeigehen nimmt Sabrina den Polstersessel, auf dem ihr Morgenmantel gelegen ist, und zieht ihn zum Bett, die Zigarette klemmt sie dafür zwischen die Lippen, die beiden Gläser balanciert sie noch immer in einer Hand. Sie reicht dem Professor ein Glas, setzt sich und stützt die Füße gegen die Bettkante. Sabrina genießt die Überlegenheit, die ihr diese Pose verleiht. Der Professor wendet den Blick von ihr und nimmt einen hastigen Schluck aus seinem Glas. Dann lässt er sich auf das Bett zurücksinken, um sich der unausgesprochenen Demütigung zu entziehen. Sabrina nimmt das Glas mit beiden Händen und führt es langsam an die Lippen. Sie schließt die Augen.

Wieder rütteln Angst und Verzweiflung an ihrer Selbstbeherrschung. »Ich hab Krebs«, sagt sie mit tonloser Stimme, »und ich könnte deinen Rat brauchen.«

***

Als sie von ihrer Erkrankung erfährt, ist Sabrinas erster Reflex, in ihrem großen Netzwerk nach Hilfe zu suchen, und sie findet Professor Hans Ladig. Eigentlich geht es Sabrina nur darum, dem Professor ihre medizinischen Fragen zu stellen. Doch dieser kann der Versuchung nicht widerstehen, alte Zeiten aufleben zu lassen. Für Sabrina ein Geschäft. Sie glaubt, Hans Ladig gerade jetzt zu brauchen. Vor vielen Jahren flüchtet sich Hans als frisch berufener Abteilungsvorstand vor beruflichen und privaten Problemen erstmals in Sabrinas Arme. Er wird einer der bedeutendsten Onkologen des Landes, und ein einflussreicher Gesundheitspolitiker. Reich ist seine Familie schon vorher. Gute Gründe für Sabrina, ihn auch nach dem Ende der aktiven Zeit in ihrem Escort Service bei seinen Ausbruchsversuchen als Freundin und Muse zu begleiten.

***

Professor Ladig sieht Sabrina zweifelnd an. »Willst du mich auf den Arm nehmen?«

Sabrina beginnt von den Ereignissen der vergangenen Tage zu erzählen.

***

»Nehmen Sie bitte Platz. Der Herr Doktor telefoniert noch.« Die Ordinationshilfe deutet in einen kleinen Raum.

Einige Tage vor ihrem Treffen mit Hans Ladig hat Sabrina einen Termin für eine Befundbesprechung. Sie macht zweimal im Jahr eine Durchuntersuchung. Das Wartezimmer der Ordination von Doktor Christoph Holzmann ist geschmacklos und unbehaglich. Die Wände schmutzig weiß, von feinen Rissen überzogen, die Farbe stellenweise abgebröckelt. Neben der Tür zum Ordinationszimmer des Arztes hängt ein einfacher A4 Zettel in einer Plastikhülle:

»Es wird gebeten, vom Schenken alkoholischer Getränke Abstand zu nehmen. In der Buchhandlung Herder, Wien 1, liegt eine Liste mit Buchtiteln auf, die als Gratifikation willkommen sind.«

Sabrina liest den Text ungläubig ein zweites Mal. Sie hätte erwartet, dass der Arzt anregt, statt Schnaps für ihn einzukaufen, das Geld wohltätigen Zwecken zu widmen – oder sowas Ähnliches. Diese Unverschämtheit macht sie sprachlos. Bei ihrem letzten Besuch war der Zettel noch nicht da. Waren damals alkoholische Getränke noch willkommen? Ihr fallen die opulenten Honorarnoten ein, die der Herr Doktor Holzmann ihr nach jeder Konsultation schickt. Die Tür öffnet sich und Doktor Holzmann bittet sie in sein Sprechzimmer.

Christoph Holzmann ist ein großer, dürrer Mensch mit vogelartigen Gesichtszügen, schütterem, wirrem Haar, das dringend die Aufmerksamkeit eines Frisörs benötigt, und einer dicken Hornbrille, die seine Augen unnatürlich groß erscheinen lässt. Herr Holzmann geht um seinen schweren, dunklen Schreibtisch herum und setzt sich in den riesigen Lederstuhl.

Ohne Sabrina zu beachten, vertieft sich Herr Holzmann in die vor ihm ausgebreiteten Röntgen- und Tomographiebilder und in die Laborbefunde. Sabrina nimmt in einem unbequemen Sessel auf der Bittstellerseite des Schreibtisches Platz. Der Sessel ist niedriger als der lederne Thron auf der Gott-in-weiß-Seite des Schreibtisches. Sabrina bemüht sich, möglichst aufrecht zu sitzen, um die Höhendifferenz auszugleichen. Doktor Holzmann ist zu groß. Es gelingt Sabrina nicht, ihm auf Augenhöhe gegenüberzusitzen.

Da der Internist weiter die Papiere vor sich studiert, blickt Sabrina in dem großen Raum herum. Im Gegensatz zum Wartezimmer scheint hier alles teuer zu sein, geschmackvoll ist nichts. Die medizinischen Geräte sind, wie sie von früheren Besuchen weiß, in einem Nebenraum. Der Raum, in dem der Arzt Patientinnen und Patienten empfängt, hat mit seiner Bücherwand mehr den Charakter einer Bibliothek. Ihr fällt der Zettel neben der Tür wieder ein. Sie beschließt, sich einen anderen Arzt zu suchen, nach Möglichkeit eine Ärztin. Sabrina hat Doktor Holzmann eigentlich nie leiden können. Sie ist nur deshalb immer wieder in seiner Ordination, weil ihn Hans Ladig als zuverlässigen Spezialisten empfiehlt.

Anders als bei den früheren Checkups schickt Doktor Holzmann sie diesmal mit dem Hinweis auf nicht eindeutige Ergebnisse der ersten Runde von Tests zu weiteren Untersuchungen. Sabrina ist bereits nervös, als sie zu diesem Gespräch in Doktor Holzmanns Ordination kommt. Sie bemüht sich, ihre Unruhe und Ungeduld nicht zu zeigen. Christoph Holzmann scheint mit dem Studium der Befunde fertig zu sein. »Ich hab hier ein vorläufiges Ergebnis«, beginnt er bedächtig mit einer übertriebenen Betonung von »vorläufig« und mit dem herablassenden Tonfall, in dem manche Erwachsene mit unmündigen Kindern sprechen. Der Blick ist auf den Schreibtisch gesenkt, er vermeidet Augenkontakt.

Sabrina fühlt, wie sich ihr Körper anspannt, erwidert aber nichts.

»Eigentlich ist es mehr eine Vermutung. Ich brauch noch weitere Untersuchungen, um endgültig Klarheit zu bekommen. Ich hoffe, Sie haben sich in den nächsten Tagen nicht allzu viel vorgenommen. Sie werden sich zu meiner Verfügung halten müssen.«

Das ist zu viel für Sabrina. In einem Augenblick entladen sich die aufgestauten Emotionen über Doktor Holzmann. Sie springt von ihrem Sessel auf und stützt ihre Fäuste auf den Schreibtisch. Ihre dunklen Augen funkeln gefährlich und ihre Stimme bebt vor Zorn über den überheblichen Mediziner.

»Was glauben Sie eigentlich, was Sie noch alles mit mir anstellen können? Was wird hier gespielt? Fehlt mir was? Wozu noch weitere Untersuchungen? Ich will auf der Stelle wissen, welche Vermutungen Sie haben.«

Doktor Holzmann schreckt hoch, verzieht sein Gesicht zu einer Grimasse, die scheinbar Freundlichkeit oder Mitgefühl ausdrücken soll. Den angewiderten Ausdruck um den Mund kann er trotzdem nicht ganz kontrollieren. Schon wieder so eine Patientin, die glaubt, seine Arbeit unnötig erschweren zu müssen. Diese arrogante High Society-Tussi kann einfach nicht abwarten, bis der Untersuchungsplan durchgezogen ist. Er hasst es, sich mit den Emotionen seiner Patientinnen und Patienten auseinandersetzen zu müssen. Christoph Holzmann denkt an sein Honorar: Diese Frau ist eine zu gute Kundin, um sie leichtfertig zu vergrämen. Kaum Aufwand, das meiste lässt sich über Zuweisungen zu anderen Spezialisten erledigen, ein Zettel genügt. Das und ein kaum verhohlener Blick in Sabrinas ausgeschnittenes Kleid, und seine damit in Zusammenhang stehenden feuchten Fantasien halten ihn von einer scharfen Reaktion ab.

Sabrina verfolgt Christoph Holzmanns Mienenspiel mit Verachtung. Es fällt ihr nicht schwer, die Gedanken des Arztes zu erraten. Sie setzt sich wieder, lehnt sich in ihrem Sessel zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und schlägt die Beine übereinander. Sie hat sich wieder unter Kontrolle. Blöder Auszucker! Herr Holzmann sieht kurz in ihr Gesicht, wie um die veränderte Stimmungslage zu erkunden, senkt den Blick aber sofort wieder, um ohne bestimmtes Ziel in den vor ihm liegenden Befunden zu kramen.

»Also?« Es klingt wie ein Ultimatum. Es ist ein Ultimatum!

»Bitte, wenn Sie es so haben wollen«, beginnt Herr Holzmann in beleidigtem Tonfall. »Ich benötige aber noch Gewebeproben, bevor alles klar ist. Meine Vermutung? Ich werde es für Sie so einfach wie möglich machen.«

Sabrina fühlt den Zorn wieder aufsteigen, unterbricht Herrn Holzmann jedoch diesmal nicht.

»Die Gewebevermehrungen an Ihrem Hals und Rücken können bedeuten, dass Sie Krebs haben!«

Das Wort Krebs lässt eine Welle der Angst über Sabrina ziehen, ihre Mimik gefriert zur Maske, die Muskeln ihres Körpers verkrampfen sich, die Finger der verschränkten Arme krallen sich in die Oberarme.

Herr Holzmann spricht weiter, aber Sabrina hört ihn nicht mehr wirklich: »Auf die Vergrößerung eines Ihrer Halslymphknoten haben Sie selbst hingewiesen. Bei einer Sonographie … Ultraschall, Sie verstehen …?« Sabrina ist zu schockiert, um auf diese Frage zu reagieren, »… dieser Lymphknotengruppe haben wir etwas gefunden, das einem Tumor entsprechen könnte. Und am Rücken haben Sie ein kleines braunschwarzes Fleckchen, das laut dem begutachtenden Hautarzt ein Melanom … Schwarzer Hautkrebs … sein könnte. Können Sie mir folgen …?«

Sabrina sitzt noch immer erstarrt in ihrem Sessel, die Lippen aufeinandergepresst. Alles Blut ist aus ihrem Gesicht gewichen. Krebs! Das ist es also – ihre schlimmsten Befürchtungen.

»Und was weiter?« Sie bringt die Frage mit Mühe hervor.