Entfremdung im lyrischen Werk von Schalom Ben-Chorin - Sofia Doßmann - E-Book

Entfremdung im lyrischen Werk von Schalom Ben-Chorin E-Book

Sofia Doßmann

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Beschreibung

Bachelorarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 1,3, Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Veranstaltung: Deutsche Literatur im Exil bis 1945, Sprache: Deutsch, Abstract: Die Entscheidung für eine Migration kann sehr unterschiedliche Gründe haben. I.d.R. handelt es sich um eine durch äußere Umstände erzwungene oder notwendige statt einer durchweg freiwilligen Entscheidung. Durch die Migration werden Menschen einer Vielzahl an Stressoren ausgesetzt: bedrohliche Lebensumstände, fragliche Zukunftsorientierung, Identitätskrisen, Entwurzelung, Trennungen etc. Das Potential eines Traumas ist unter diesen Umständen groß, wenn solche Erlebnisse nicht verarbeitet werden und selbst wenn man vermeintlich gut darauf vorbereitet ist, kann man sich den schleichend einsetzenden Prozessen zur Neujustierung des Selbst kaum entziehen. Wer bin ich in meiner alten Heimat, wer will ich in meiner neuen Heimstätte sein, wer werde ich sein? Diese Fragen umreißen nur grob, welche Art von Identitätsumbrüchen unweigerlich stattfinden muss. Nach dem Stress-Modell der Migration von Slutzki kommt es bei Migranten nicht unmittelbar während oder nach der Migration zu Belastungserscheinungen. Oft entwickeln Migranten erst nach einer Phase der Euphorie - Slutzki spricht in diesem Fall von Überkompensation - psychische und körperliche Krankheitssymptome.

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Veröffentlichungsjahr: 2008

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Inhaltsverzeichnis
I. Einführung in die Thematik und Herangehensweise
II. Der Begriff der ENTFREMDUNG
a) Entfremdung bei Georg Friedrich Wilhelm Hegel
b) Entfremdung bei Karl Marx
c) Entfremdung bei Sigmund Freud
d) Der Zionismus
e) Migration
III. Das Entfremdungsphänomen im lyrischen Werk von Schalom Ben-Chorin
1. politische und gesellschaftliche Entfremdung
2. Entfremdung im Glaube/ zu Gott
3. sprachliche Entfremdung
4. geographische Entfremdung
IV. Schlussbetrachtung

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I. Einführung in die Thematik und Herangehensweise

Die Entscheidung für eine Migration kann sehr unterschiedliche Gründe haben. I.d.R. handelt es sich um eine durch äußere Umstände erzwungene oder notwendige statt einer durchweg freiwilligen Entscheidung. Durch die Migration werden Menschen einer Vielzahl an Stressoren ausgesetzt: bedrohliche Lebensumstände, fragliche Zukunftsorientierung, Identitätskrisen, Entwurzelung, Trennungen etc.1. Das Potential eines Traumas ist unter diesen Umständen groß, wenn solche Erlebnisse nicht verarbeitet werden und selbst wenn man vermeintlich gut darauf vorbereitet ist, kann man sich den schleichend einsetzenden Prozessen zur Neujustierung des Selbst kaum entziehen. Wer bin ich in meiner alten Heimat, wer will ich in meiner neuen Heimstätte sein, wer werde ich sein? Diese Fragen umreißen nur grob, welche Art von Identitätsumbrüchen unweigerlich stattfinden muss. Nach dem Stress-Modell der Migration von Slutzki2kommt es bei Migranten nicht unmittelbar während oder nach der Migration zu Belastungserscheinungen. Oft entwickeln Migranten erst nach einer Phase der Euphorie - Slutzki spricht in diesem Fall von Überkompensation - psychische und körperliche Krankheitssymptome3. Euphorie ist das Stichwort, das mir bei der Auseinandersetzung mit dem Werk des deutsch-jüdische Schriftstellers Schalom Ben-Chorin zu denken gegeben hat. Man kann kaum unbeeindruckt bleiben, wenn man sich seine über 68 Jahre erstreckende Publikationsliste zu Gemüte führt, die über 80 Titel umfasst. Hinzu kommt, dass sich der Nationalsozialismus in Deutschland mit der Ansässigkeit Ben-Chorins in München überschnitt und dieser aus existenzbedrohlichen Gründen nach Palästina flüchtete. Im Jahr 1933, das Jahr, in dem er seinen Entschluss das Land zu verlassen in die Tat umsetzte, veröffentlichte er in München die Gedichtsammlung „Das Mal der Sendung“. Ein darin enthaltenes Gedicht hat mich dazu bewegt, mich näher mit dem lyrischen Werk Ben-Chorins auseinander zu setzen. Das Gedicht „Muttersprache: mütterliche Sprache“ trägt einen euphorischen, fast

euphemistischen Ton, die Verse lesen sich so anders als die Gedichte der Sammlung „In dieser Zeit“, die 1942 veröffentlicht wurde und Lyrik aus den vorangegangenen

1Vgl. J. Collatz, Auf dem Wege in das Jahrhundert der Migration.

2Vgl. CE. Slutzki. Psychologische Phasen der Migration und ihre Auswirkungen.3Ebd.

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Jahren enthält. Die zentralen Themen bleiben allerdings dieselben: der Glaube, die Heimat und der Nationalsozialismus.

Wie also hat Ben-Chorin das Migrations-Trauma verarbeitet und woran kann man das nachvollziehen? Das euphorische Gedicht für Palästina kurz vor Antritt der Ausreise und das Liebesgeständnis „Immer werde ich dich lieben“, das an Deutschland gerichtet ist, hat mich auf den Pfad gebracht, die Stationen dazwischen zu untersuchen.

Ich möchte mich den Gedichtanalysen anhand des Entfremdungs-Phänomens nähern. Dieses lässt sich in zwei Richtungen lesen: das Fremd werden im Sinne von der eigentlichen Wortbedeutung entfremdet sein, und der entgegengesetzt wirkenden Kraft, das Vertraut machen im Sinne von Ent-Fremden. Entfremdung beinhaltet dadurch auch die Komponenten Fremde und Heimat, Nähe und Distanz, Bekennen und Abkehren, Wollen und Sollen oder ganz konkret: Migrationswunsch und -realität. Sich bestimmten Erwartungen anzunähern, diese versuchen zu leben, sie möglicherweise korrigieren oder neu erfinden zu müssen, das alles sind Erfahrungen, die ein Migrant zu durchleben hat.

Ich werde die Gedichte Ben-Chorins aus den Gedichtsammlungen „Das Mal der Sendung“ und „In dieser Zeit“ genau hinsichtlichErzählstrukturen, dem Motiv der Fremdheit und Prozessen der Ent-fremdunganalysieren, um das dort allgegenwärtige Phänomen der Entfremdung detailliert zu belegen und zu betrachten, welche Veränderungen sich dadurch ergeben in der Position des Autors zu den genannten zentralen Themen seines Werkes. Mich interessiert, inwiefern sich das Verhältnis des jüdischen Schriftstellers zu Deutschland verändert angesichts der

Schreckensherrschaft Hitlers. Wird er Schutz suchen in seinem Glauben und findet er wie erhofft eine neue Heimat? Gibt es ein Migrations-Trauma?