Entführung in die Zukunft - Robert A. Heinlein - E-Book

Entführung in die Zukunft E-Book

Robert A. Heinlein

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9,99 €

Beschreibung

Ein Mann heuert einen Privatdetektiv an, weil er sich nicht daran erinnern kann, wie er seine Tage verbringt. Ein Witwer, der um die Welt reist und dabei von imaginären Tieren begleitet wird. Ein junger Mann, der sich in der Vergangenheit selbst begegnet – mit fatalen Konsequenzen. Dies sind nur drei der insgesamt sechs Geschichten, mit denen uns Robert A. Heinlein in seinem Storyband Entführung in die Zukunft in seine einzigartige Gedankenwelt mitnimmt. Eine Gedankenwelt, die wahrhaftig den Weg in die Zukunft bereitet hat ...

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Seitenzahl: 362

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Das Buch

Ein Mann, der an Gedächtnisschwund leidet, bestimmt über das Schicksal des Planeten Erde … Ein Geheimagent begegnet sich selbst und erzeugt damit das ultimative Zeitparadox … Ein Mann stellt die Existenz seiner Umwelt infrage – mit fatalen Konsequenzen … Ein Architekt baut ein Haus, das überall und nirgends ist … Wie in seinen großen Science-Fiction-Romanen stellt Robert A. Heinlein auch in seinen Erzählungen unter Beweis, dass ihm, was Fantasie, Einfallsreichtum und Erzählkunst angeht, kein anderer Autor das Wasser reichen konnte. In diesem Buch nimmt uns Heinlein mit in seine einzigartige Gedankenwelt – eine Gedankenwelt, die den Weg in die Zukunft ebnete.

Der Autor

Robert A. Heinlein wurde 1907 in Missouri geboren. Er studierte Mathematik und Physik und verlegte sich schon bald auf das Schreiben von Science-Fiction-Romanen. Neben Isaac Asimov und Arthur C. Clarke gilt Heinlein als einer der drei Gründerväter des Genres im 20. Jahrhundert. Sein umfangreiches Werk hat sich millionenfach verkauft, und seine Ideen und Figuren haben Eingang in die Weltliteratur gefunden. Die Romane Fremder in einer fremden Welt und Mondspuren gelten als seine absoluten Meisterwerke. Heinlein starb 1988.

Mehr über Robert A. Heinlein und seine Romane erfahren Sie auf:

ROBERT A. HEINLEIN

ENTFÜHRUNG

IN DIE ZuKUNFT

ERZÄHLUNGEN

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

THE UNPLEASANT PROFESSION OF JONATHAN HOAG

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Überarbeitete Neuausgabe: 04/2019

Redaktion: Christian Ebert

Copyright © 1959 by Robert A. Heinlein

Copyright © 2019 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Das Illustrat GbR, München,

unter Verwendung eines Motivs von Levchenko Ilia/Shutterstock

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-16516-1V001

www.diezukunft.de

Inhalt

Das unerfreuliche Gewerbe des Jonathan Hoag

Der Mann, der in Elefanten reiste

Entführung in die Zukunft

Sie

Unsere schöne Stadt

Das 4-D-Haus

Nachweise

Das unerfreuliche Gewerbe des Jonathan Hoag

1

– the end it is not well

From too much love of living.

From hope and fear set free.

We thank with brief thanksgiving

Whatever gods may be

That no life lives forever:

That dead men rise up never:

That even the weariest river

Winds somewhere safe to sea.

– Swinburne

Ist es Blut, Doktor?« Jonathan Hoag fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen und beugte sich vor, um zu sehen, was auf dem Zettel stand.

Dr. Potbury hielt den Zettel höher und betrachtete Hoag über seine Brille hinweg. »Haben Sie einen bestimmten Grund für die Annahme, unter Ihren Fingernägeln könnte Blut gewesen sein?«

»Nein. Das heißt … Nein, habe ich nicht … Aber es ist Blut, ja?«

»Nein«, antwortete Potbury nachdrücklich. »Nein, es ist kein Blut.«

Hoag war wider Erwarten nicht erleichtert. In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass er gehofft hatte, das braune Zeug unter seinen Fingernägeln sei angetrocknetes Blut, statt noch schlimmere Alternativen in Betracht ziehen zu müssen. Ihm war schlecht. Aber er musste einfach fragen …

»Was war es, Doktor?«

Potbury sah ihn von oben bis unten an. »Sie haben mir eine bestimmte Frage gestellt. Ich habe sie beantwortet. Sie haben mich nicht gefragt, was diese Substanz ist, sondern lediglich, ob es sich um Blut handelt oder nicht. Es ist kein Blut.«

»Aber … Was soll das, Doktor? Zeigen Sie mir die Analyse.« Hoag wollte nach dem Zettel greifen.

Der Arzt zerriss das Papier, legte die Fetzen aufeinander, riss sie nochmals durch und dann ein drittes Mal.

»He, was …?«

»Suchen Sie sich einen anderen Arzt«, sagte Potbury. »Von Ihnen nehme ich kein Geld. Verschwinden Sie, und lassen Sie sich nicht wieder blicken.«

Hoag fand sich auf der Straße wieder, wo er auf eine Station der Hochbahn zuging. Er hatte noch immer weiche Knie von der Unhöflichkeit des Doktors, wie manche Menschen vor Schlangen, großen Höhen oder kleinen Räumen Angst haben. Von schlechten Manieren, selbst wenn er nicht einmal der Betroffene war, wurde ihm übel, und er fühlte sich hilflos und beschämt.

War er selbst das Opfer einer Flegelei, konnte er nur fliehen, obwohl er dadurch selbst eine grobe Unhöflichkeit beging.

Er erreichte die Treppe, die zur Hochbahn hinaufführte, und zögerte. Eine Fahrt mit dem L-Zug war bestenfalls anstrengend; man wurde geschoben und gestoßen, die Leute waren manchmal schmutzig und benahmen sich oft schrecklich ungehobelt. Hoag wusste, dass er dieser Strapaze jetzt nicht gewachsen war. Sobald die Waggons zu Kreischen begännen, wenn sie die Kehre nach Norden Richtung Loop nähmen, würde auch er vermutlich das Schreien anfangen.

Er wandte sich plötzlich ab und prallte zurück, weil er einem Mann gegenüberstand, der eben die Treppe hinaufgehen wollte. Er wich ihm aus. »Pass auf, wohin du gehst, Kumpel«, sagte der Mann und eilte die Treppe hinauf.

»Entschuldigung«, murmelte Hoag, aber der andere hörte ihn bereits nicht mehr.

Der Mann hatte forsch, aber nicht unfreundlich gesprochen; dieser Zwischenfall hätte Hoag nicht aufregen dürfen, tat es aber dennoch. Die Kleidung des Mannes, seine ganze Erscheinung und sogar sein Geruch regten Hoag auf. Er wusste natürlich, dass alte Jeans und eine Lederjacke kein Verbrechen waren; er war sich im Klaren darüber, dass Bartstoppeln und ein schweißbedecktes Gesicht nur verrieten, dass der Mann eben von der Arbeit nach Hause eilte. An der Kappe seiner Mütze war ein ovales Logo mit einem Schriftzug zu sehen gewesen. Hoag vermutete in ihm einen Lastwagenfahrer, einen Mechaniker, einen jener zuverlässigen muskulösen Männer, die dafür sorgen, dass die Räder nicht stillstehen. Wahrscheinlich auch ein Ehemann, ein liebevoller Vater und ein guter Brotverdiener, dessen einzige Untugend seine Vorliebe für Bier oder sein Hang zum Erhöhen bei zwei Pärchen sein mochte.

Eigentlich war es geradezu kindisch, dass Hoag sich von solchen Äußerlichkeiten beeinflussen ließ und stattdessen ein weißes Hemd, einen Mantel und Handschuhe bevorzugt hätte. Aber wenn der Mann nach Rasierwasser geduftet statt nach Schweiß gerochen hätte, wäre dieses Zusammentreffen weniger widerlich gewesen.

Das sagte Hoag sich selbst. Er sagte sich auch, dass seine Reaktion unsinnig gewesen war. Aber konnte ein so grobes Gesicht wirklich Wärme und Empfindsamkeit verraten? Diese formlose Knollennase, diese Schweinsaugen?

Nun, er würde mit einem Taxi nach Hause fahren, um niemanden ansehen zu müssen. Zum Glück sah er ganz in der Nähe einen Stand, direkt vor einem Lebensmittelgeschäft.

»Wohin?« Die Wagentür stand offen; die Stimme des Taxifahrers klang drängend.

Hoag sah ihn an, zögerte und widerrief seinen Entschluss. Wieder dieses Tierische – ausdruckslose Augen und schlechte Haut mit Mitessern und großen Poren.

»Äh … entschuldigen Sie. Ich habe etwas vergessen.« Hoag wandte sich rasch ab und blieb stehen, als zwei Arme seine Taille umfassten. Ein kleiner Junge auf Rollschuhen war mit ihm zusammengeprallt. Hoag richtete sich auf und setzte den väterlichen Ton auf, den er gewöhnlich für Kinder gebrauchte. »Nur langsam, junger Mann!« Er schob den Kleinen behutsam von sich fort.

»Maurice!« Die Stimme schrillte dich an seinem Ohr vorbei, hoch und unsensibel. Er sah die Frau, die so gekreischt hatte, aus der Tür des Lebensmittelgeschäfts kommen. Sie riss den Jungen zu sich heran und holte gleichzeitig zu einer Ohrfeige aus. Hoag wollte sich für den Jungen verwenden, als er sah, dass die Frau ihn wütend anstarrte. Der Kleine sah oder spürte den Stimmungsumschwung seiner Mutter und trat nach Hoag.

Der Rollschuh traf sein Schienbein. Das tat weh. Hoag lief davon, um den Blick der Mutter nicht länger ertragen zu müssen; er war schon rot geworden, als die große dicke Frau ihn anstarrte, als habe er ihren Sprössling misshandelt. Er hinkte etwas, als er in eine Seitenstraße abbog. Aber auch dort war es nicht besser. Die Straße besaß zwar weder Ladenzeilen noch Hochbahnen, war dafür jedoch mit vierstöckigen, vollgestopften Wohnhäusern zugepflastert, kaum mehr als Mietkasernen.

Dichter haben die Schönheit und Unschuld der Kindheit besungen. Aber sie hätten es nicht getan, wenn sie diese Straße mit Hoags Augen gesehen hätten. Die kleinen Jungen erinnerten ihn an Ratten: gerissen, heimtückisch und grausam, und die kleinen Mädchen waren nicht viel besser. In den Gesichtern der Acht- bis Neunjährigen stand förmlich das Wort »Petze« geschrieben – keifende Furien, die übelsten Klatsch verbreiteten. Ihre etwas älteren Schwestern, zu jung für die Gosse, waren damit beschäftigt, ihre neue Reife hochmütig zur Schau zu stellen – nicht für Hoag, sondern für die gleichaltrigen Zuhältertypen, die vor den Drugstores herumlungerten.

Selbst die Bälger in den Kinderwagen erschienen Hoag entsetzlich, wo er doch Babys für gewöhnlich mochte, seine Rolle als Patenonkel genoss. Nicht so mit diesen. Rotznäsig und übel riechend, schmutzig und brüllend …

Das kleine Hotel glich tausend anderen, erhob keinen Anspruch darauf, mehr als drittklassig zu sein, und hatte eine Leuchtschrift über dem Eingang: Hotel Manchester – Durchreisende & Dauergäste. Die Hotelhalle war lang, schmal und düster. Solche Hotels sieht man nur, wenn man nach ihnen sucht. In ihnen übernachten Vertreter, die mit ihren Spesen sparsam sein müssen; in ihnen wohnen Junggesellen, die sich nichts Besseres leisten können. Der einzige Fahrstuhl ist ein mit Goldbronze verschönter Eisenkäfig. Die Lobby ist gefliest, der Brunnen aus Messing. In der Halle stehen die Empfangstheke, zwei trübselige Topfpalmen und acht Ledersessel. Alleinstehende alte Männer, die so aussehen, als hätten sie nie eine Vergangenheit besessen, hocken auf diesen Sesseln und leben in den Zimmern darüber, wo gelegentlich einer von ihnen an einer Schlaufe von der Deckenleuchte baumelnd aufgefunden wird.

Hoag wich in den Hoteleingang zurück, um einer Kinderhorde zu entgehen, die laut kreischend auf dem Trottoir vorbeizog. Scheinbar irgendein Spiel, er hörte den letzten Fetzen eines gekreischten Kinderreimes: »Klappe zu, sonst gibt’s ’nen Klaps, der Letzte ist ein dummer Japs!«

»Suchen Sie jemanden, Sir? Oder wünschen Sie ein Zimmer?«

Er drehte sich überrascht um. Ein Zimmer? Er sehnte sich nach seinem ordentlichen Apartment, aber im Augenblick erschien ihm ein Zimmer, jedes Zimmer, in dem er die Tür hinter sich und der Welt zumachen konnte, als höchst begehrenswert. »Ja, ich möchte in der Tat ein Zimmer.«

Der Empfangschef schob ihm das Gästebuch hin. »Mit oder ohne? Fünffünfzig mit, dreieinhalb ohne.«

»Mit.«

Der Mann sah Hoag beim Unterschreiben zu, griff jedoch erst nach dem Schlüssel, als Hoag bezahlt hatte. »Danke sehr. Bill! Mr. Hoag bekommt vierzwölf.«

Der einzige Page begleitete den Gast zum Aufzug, stellte mit einem Auge fest, dass er einen teuren Mantel trug, und wunderte sich über das fehlende Gepäck. In vierzwölf schob er das Fenster etwas hoch, machte Licht im Bad und blieb an der Tür stehen.

»Suchen Sie jemanden?«, fragte er. »Kann ich Ihnen helfen?«

Hoag gab ihm ein Trinkgeld. »Gehen Sie!«, stieß er hervor.

Der Page grinste nicht mehr. »Wie Sie wollen«, meinte er schulterzuckend.

Die Einrichtung des Zimmers bestand aus einem Doppelbett, einer Spiegelkommode, einem Stuhl und einem Sessel. Über dem Bett hing ein gerahmter Druck: »Das Kolosseum im Mondschein.« Aber die Tür ließ sich abschließen und zusätzlich verriegeln, und das Fenster führte auf die Gasse und nicht zur Straße hinaus. Hoag setzte sich in den Sessel, ohne auf die eine gebrochene Sprungfeder zu achten.

Er zog seine Handschuhe aus und starrte seine Fingernägel an. Sie waren sauber. Konnte alles nur eine Halluzination gewesen sein? War er nie bei Dr. Potbury gewesen? Wer einmal an Gedächtnisschwund gelitten hat, dem kann es wieder passieren, und Halluzinationen konnte er wohl auch haben.

Aber Hoag wusste, dass das keine Halluzination gewesen war; er erinnerte sich zu lebhaft an den Vorfall. Oder vielleicht doch? Er bemühte sich, die Ereignisse zu rekonstruieren.

Heute war Mittwoch, sein freier Tag. Gestern war er wie gewöhnlich von der Arbeit nach Hause gekommen. Er hatte sich zum Abendessen umgezogen – etwas geistesabwesend, wie er sich jetzt erinnerte, weil er überlegt hatte, wo er essen sollte. In dem neuen italienischen Restaurant, das ihm die Robertsons empfohlen hatten? Oder lieber doch wieder ins Budapest zu einem unzweifelhaft tadellosen Gulasch?

Er hatte sich schon fast für die zweite Möglichkeit entschieden, als das Telefon klingelte. Beinahe hätte er es über dem laufenden Wasserhahn überhört. Nur weil er meinte, etwas vernommen zu haben, hatte er das Wasser abgestellt, und das erneute Ringen gehört.

Mrs. Pomeroy Jameson, seine liebste Gastgeberin, war am Apparat gewesen – eine charmante Frau, deren Koch sich auf klare Suppen verstand, die nicht wie Spülwasser schmeckten. Und Soßen! Sie hatte eine Lösung für Hoags Problem angeboten. »Ich habe im letzten Augenblick eine Absage bekommen und muss einen weiteren Mann zum Abendessen einladen. Sind Sie frei? Könnten Sie mir helfen? Wirklich? Lieber Mr. Hoag!«

Der Gedanke hatte ihm gefallen, und er war sich keineswegs als Lückenbüßer vorgekommen. Schließlich kann man nicht erwarten, zu jedem kleinen Essen eingeladen zu werden. Edith Pomeroys Bitte kam er entsprechend gerne entgegen. Sie servierte einen schlichten, aber einwandfreien Weißwein zum Fisch und war nie so geschmacklos, Champagner anzubieten. Sie war eine gute Gastgeberin, und Hoag freute sich, dass Mrs. Jameson das Gefühl hatte, er passe zu den übrigen Gästen, obwohl sie ihn ursprünglich nicht eingeplant hatte.

Diese Gedanken waren ihm durch den Kopf gegangen, während er sich rasch umzog. Vielleicht hatte er in der Eile vergessen, sich die Nägel zu bürsten. So musste es gewesen sein. Unterwegs hatte er sich die Nägel bestimmt nicht schmutzig gemacht, schließlich trug man stets Handschuhe.

Mrs. Jamesons Schwägerin – eine Frau, um die Hoag sonst einen weiten Bogen machte – hatte ihn auf seine Fingernägel aufmerksam gemacht. Sie hatte mit einer Bestimmtheit, wie sie »moderne« Frauen inzwischen an den Tag legen, behauptet, man sehe jedem Mann seinen Beruf an. »Zum Beispiel mein Mann – ist er nicht ein typischer Anwalt? Und Sie, Dr. Fitts – die betuliche Art wie am Krankenbett!«

»Doch hoffentlich nicht auch beim Abendessen?«

»Sie können Ihre Art nicht verleugnen.«

»Aber das ist kein Beweis, meine Liebe. Schließlich kennen Sie unsere Berufe.«

Daraufhin hatte diese unmögliche Frau sich umgesehen und ihn angestarrt. »Mr. Hoag kann mich auf die Probe stellen. Ich weiß nicht, was er von Beruf ist. Das weiß keiner von uns.«

»Ja, ja, schon gut, Julia«, hatte Mrs. Jameson in dem hoffnungslosen Versuch eingeworfen, das Thema zu wechseln. »Sie hat sich zuletzt mit Psychologie beschäftigt«, hatte sie mit einem Lächeln an ihren Sitznachbarn hinzugefügt.

Der Mann links neben ihr – Sudkins oder Snuggins – Stubbins, das war sein Name – hatte sie gefragt: »Welchen Beruf hat Mr. Hoag überhaupt?«

»Das ist ein Geheimnis. Er spricht nie davon.«

»Verstehen Sie mich bitte nicht falsch«, hatte er gebeten. »Ich finde nur, dass …«

»Sagen Sie mir nicht, was Sie sind!«, hatte die unmögliche Frau ihm befohlen. »Ich werde es gleich wissen. Etwas Ordentliches. Ich kann Sie mir mit einer Aktentasche vorstellen.« Er hatte nicht die Absicht gehabt, es ihr zu sagen. Manche Themen waren für das Tischgespräch geeignet und manche eben nicht. Doch sie hatte sich nicht abbringen lassen.

»Sie könnten Finanzmakler sein. Oder Kunsthändler, oder Büchersammler. Vielleicht auch Schriftsteller. Zeigen Sie mir Ihre Hände.«

Hoag hatte gehorsam die Hände auf den Tisch gelegt. Mrs. Jamesons Schwägerin war ihn geradezu angesprungen und hatte triumphierend ausgerufen: »Ich weiß, was Sie sind! Sie sind Chemiker.«

Alle hatten seine Hände angestarrt. Alle hatten die Trauerränder unter seinen Nägeln gesehen. Julias Mann hatte schließlich das allgemeine Schweigen durchbrochen. »Unsinn! Fingernägel können von den verschiedensten Beschäftigungen fleckig werden. Vielleicht ist Hoag Hobbyfotograf oder Stahlstecher. Deine Behauptung steht auf sehr schwachen Füßen.«

»Da merkt man, dass du Anwalt bist! Ich weiß, dass ich recht habe. Stimmt’s, Mr. Hoag?«

Er hatte sprachlos seine Hände angestarrt. Schmutzige Fingernägel wären schlimm genug gewesen, wenn er gewusst hätte, wovon sie schmutzig waren. Von der Arbeit? Offenbar – aber was arbeitete er tagsüber?

Er wusste es nicht.

»Ich habe doch recht, Mr. Hoag?«

Er hatte langsam den Kopf gehoben und mit schwacher Stimme gesagt: »Entschuldigen Sie mich bitte.« Dann war er auf die Toilette geflohen und hatte sich dort unter einem absurden Anfall von Ekel die Nägel mit seinem Taschenmesser gereinigt. Die rotbraune Masse war an seinem Messer kleben geblieben; er hatte das Zeug in ein Stück Toilettenpapier gewischt und in die Westentasche gesteckt. Dann hatte er sich gründlich die Hände gewaschen, immer und immer wieder.

Er wusste nicht mehr, wann er auf den Gedanken verfallen war, das Zeug könnte menschliches Blut sein.

Er hatte es geschafft, Hut, Mantel, Handschuhe und Stock ohne die Hilfe des Dienstmädchens zu finden. Dann war er so schnell er konnte aus dem Haus geflohen.

Als er jetzt in seinem schäbigen Hotelzimmer darüber nachdachte, war er davon überzeugt, dass seine ursprünglichen Befürchtungen nur eine Reaktion auf den Anblick der rotbraunen Masse unter seinen Fingernägeln gewesen waren. Erst dann wurde ihm klar, dass er nicht wusste, woher sie stammen konnte, weil er nicht wusste, wo er diesen Tag oder den Tag zuvor oder alle anderen Tage zuvor verbracht hatte. Er wusste nicht, welchen Beruf er hatte.

Das war lächerlich, aber es war gleichzeitig außerordentlich furchterregend.

Hoag verzichtete auf das Abendessen, um seinen ruhigen Zufluchtsort nicht verlassen zu müssen. Gegen zehn Uhr nahm er ein heißes Bad, das ihn etwas beruhigte. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass er seinen geheimnisvollen Beruf jedenfalls nicht weiterhin ausüben konnte, wenn er sich nicht an ihn erinnerte. Folglich brauchte er nicht zu fürchten, wieder dieses grausige Zeug unter seinen Fingernägeln vorzufinden. Er ging früh schlafen und blieb trotz des fremden Bettes nicht lange wach.

Ein Albtraum ließ Hoag aufschrecken, auch wenn er anfangs nicht erkannte, dass er wach war, da seine schäbige Umgebung zu seinem Traum passte. Als er sich schließlich doch gewahr wurde, wo er sich befand und warum, sehnte er sich beinahe nach dem Albtraum zurück, der jedoch inzwischen bereits verblasst und aus seinem Gedächtnis gespült worden war. Seine Armbanduhr zeigte ihm an, dass er zur gleichen Zeit wie üblich aufgewacht war; er klingelte und bestellte ein Frühstück.

Als es serviert wurde, war Hoag bereits angezogen und hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Er leerte zwei Tassen geschmacklosen Kaffees, rührte das Frühstück kaum an und verließ wenig später das Hotel.

In seinem Apartment legte er Hut, Mantel und Handschuhe ab und ging wie gewöhnlich sofort ins Bad. Er hatte sich bereits die Nägel der linken Hand geschrubbt und begann eben mit den rechten, als ihm auffiel, was er tat.

Die Nägel seiner linken Hand waren weiß und sauber; die seiner rechten dunkel und schmutzig. Hoag beherrschte sich mühsam, sah auf seine Uhr und verglich sie mit der elektrischen Uhr im Schlafzimmer. Es war zehn nach sechs Uhr abends – um diese Zeit kam er gewöhnlich nach Hause.

Er konnte sich vielleicht nicht an seinen Beruf erinnern; sein Beruf dagegen hatte ihn offenbar nicht vergessen.

2

Die Firma Randall & Craig, Vertrauliche Ermittlungen, war nachts telefonisch in einem Doppel-Apartment zu erreichen. Das war praktisch, weil Randall und Craig seit den Anfängen ihrer Zusammenarbeit verheiratet waren. Die Junior-Partnerin hatte eben abgewaschen und überlegte, ob sie den Hauptvorschlagsband des Bücherklubs behalten sollte, als das Telefon klingelte. Sie griff nach dem Hörer.

»Ja?«, sagte sie in professionellem Ton, und fügte sobald hinzu: »Ja.«

Der Senior-Partner unterbrach seine Beschäftigung – einen heiklen wissenschaftlichen Versuch, in dem die Ballistik von scharfen Waffen als auch eher esoterische Aspekte der Thermodynamik eine Rolle spielten; genauer gesagt, unternahm er mit Wurfpfeilen Zielübungen auf eine leichtbekleidete Illustriertenschönheit, die er mit Reißzwecken am Brotschneidebrett befestigt hatte. Ein Pfeil hatte ihr linkes Auge durchbohrt; er versuchte, seinen Erfolg mit einem zweiten Pfeil ins rechte zu wiederholen.

»Ja«, wiederholte seine Frau.

»Probier doch mal ›Nein‹ zu sagen«, schlug er vor.

Sie bedeckte die Sprechmuschel mit der Hand. »Halt die Klappe und gib mir einen Bleistift!« Sie machte sich über der Tischnische lang und lupfte einen Stenografieblock von einem Haken. »Ja. Fahren Sie fort.« Sobald ihr der Bleistift gereicht wurde, notierte sie einige Zeilen an stenografischen Häkchen und Kritzeleien. »Das ist äußerst unwahrscheinlich«, sagte sie schließlich. »Mister Randall ist um diese Zeit eigentlich nicht zu sprechen. Er bevorzugt es, seine Klienten zu Bürozeiten zu empfangen. Mister Craig? Nein, ich weiß bestimmt, dass Mister Craig Ihnen nicht helfen könnte. Garantiert. Also? Augenblick, ich muss erst fragen.«

Randall versuchte sich ein letztes Mal an der hübschen Dame. Der Pfeil blieb im Holzfuß des Küchenradios stecken. »Und?«

»Ein gewisser Jonathan Hoag möchte dich unbedingt noch heute Abend sprechen. Angeblich ist es ihm physisch unmöglich, dich tagsüber aufzusuchen. Wollte seinen Fall nicht erklären und hat sich völlig verzettelt, als er es versuchte.«

»Gentleman oder Spinner?«

»Gentleman.«

»Geld?«

»Anscheinend. Er hat nicht nach dem Honorar gefragt. Sprich lieber mit ihm, Teddy. Wir haben bald den fünfzehnten April.«

»Okay, gib her.«

Seine Frau winkte ab. »Ich habe Mister Randall ausfindig gemacht«, erklärte sie Hoag. »Einen Augenblick, bitte. Er ist gleich am Apparat.« Sie hielt das Telefon weiterhin von ihrem Mann entfernt und zählte langsam bis dreißig, bevor sie hinzufügte: »Jetzt ist er da, Mr. Hoag.« Dann übergab sie den Hörer ihrem Mann.

»Hier ist Edward Randall. Was gibt’s, Mr. Hoag? … Oh. Mir wäre es lieber, wenn Sie morgen zu mir ins Büro kämen. Wir sind alle nur Menschen, die ihren Schlaf brauchen – ich zumindest … Aber ich warne Sie, mein Honorar steigt, wenn die Sonne sinkt … Hmm, ich wollte eben nach Hause fahren. Ich habe meine Frau schon angerufen. Sie wartet auf mich. Aber wenn Sie in zwanzig Minuten … Augenblick, ich gebe Ihnen gleich die Adresse an …« Er legte auf.

»Was bin ich diesmal? Ehefrau, Partnerin oder Sekretärin?«

»Was schlägst du vor? Du hast doch mit ihm gesprochen.«

»Ehefrau. Seine Stimme klingt prüde.«

»Okay.«

»Ich ziehe mir noch ein Kleid an – und du sammelst lieber dein Spielzeug ein, Schlaukopf.«

»Ach, ich weiß nicht. Es verleiht der Küche so einen leicht exzentrischen Charme.«

»Vielleicht möchtest du auch noch ein bisschen Drehtabak in deinen Hausschuhen, oder ein paar türkische Zigaretten?« Sie ging durch das Apartment, schaltete die Deckenlampen ab und richtete die Steh- und Tischlampen so aus, dass der Besucherstuhl gut ausgeleuchtet war.

Randall sammelte wortlos seine Wurfpfeile und das Brotschneidebrett ein, strich das Loch glatt, das er im Radio hinterlassen hatte, warf alles in die Küche und schloss die Tür. Im gedämpften Licht, und der Küche und Essnische außer Sicht, strahlte der Raum eine gelassene Opulenz aus.

»Guten Abend, Sir. Mister Hoag, Liebling. Mister Hoag … Mrs. Randall.«

»Guten Abend, Madame.«

Randall half ihm aus dem Mantel und stellte dabei sicher, dass Hoag unbewaffnet war – oder dass er seine Pistole zumindest weder an Schulter noch Hüfte trug. Er war kein misstrauischer Mensch, lediglich pragmatischer Pessimist.

»Nehmen Sie doch bitte Platz, Mr. Hoag. Zigarette?«

»Nein, danke.«

Randall setzte sich ihm schweigend gegenüber und betrachtete ihn unauffällig, aber genau. Eleganter Anzug, englisch oder Brooks Brothers, sicherlich nicht Hart, Schaffner & Marx. Seidenkrawatte, aber mit zurückhaltendem Muster, Maßschuhe. Das beeinflusste natürlich die Höhe des Honorars. Der kleine Mann war sichtlich nervös. Wahrscheinlich war ihm die Anwesenheit einer Frau peinlich. Sehr schön, er konnte ihn ein wenig köcheln lassen, ehe er ihn vom Herd nahm.

»Meine Frau braucht Sie nicht zu stören«, erklärte Randall. »Ich habe keine Geheimnisse vor ihr.«

»Oh … ja, selbstverständlich.« Er verbeugte sich im Sitzen. »Ich freue mich über Mrs. Randalls Anwesenheit.« Aber er sagte nicht, was ihn bedrückte.

»Sie wollten mich sprechen, Mister Hoag?«, fragte Randall schließlich.

»Äh, ja.«

»Wollen Sie es mir denn nicht erzählen?«

»Ja, gewiss. Ich … das heißt … Mister Randall, die ganze Sache ist lächerlich.«

»Das sind viele Dinge. Worum handelt es sich. Haben Sie Schwierigkeiten wegen einer Frau? Werden Sie erpresst?«

»O nein! So einfach ist die Sache nicht, fürchte ich.« Er zögerte. »Aber ich habe Angst.«

»Wovor?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Hoag rasch. »Das sollen Sie herausbekommen.«

»Augenblick, Mr. Hoag«, warf Randall ein. »Ich habe das Gefühl, immer weniger zu wissen statt mehr. Sie haben Angst und wollen, dass ich den Grund dafür herausbekomme. Ich bin aber kein Psychoanalytiker; ich bin Privatdetektiv. Was kann ich als Detektiv für Sie tun?«

Hoag machte ein unglückliches Gesicht. »Sie sollen herausbekommen, was ich tagsüber tue.«

»Ich soll feststellen, was Sie tagsüber tun?«, wiederholte Randall erstaunt.

»Richtig. Ganz genau.«

»A-ha. Wäre es nicht einfacher, wenn Sie mir das einfach erzählen?«

»Das kann ich nicht!«

»Warum nicht?«

»Weil ich es nicht weiß.«

Randall begann die Sache allmählich zu nerven. »Ratespiele kosten das doppelte Honorar, Mister Hoag. Ihre Weigerung, mir zu sagen, was Sie tagsüber tun, erscheint mir als ein Mangel an Vertrauen mir gegenüber, der mir meine Aufgabe sehr erschwert. Erklären Sie mir also, was Sie tagsüber tun – und welcher Zusammenhang zwischen dieser Tätigkeit und Ihrem Fall besteht. Was ist Ihr Fall?«

Mr. Hoag erhob sich. »Ich hätte mir denken können, dass Sie mich nicht verstehen würden«, murmelte er mehr zu sich selbst als zu Randall. »Entschuldigen Sie die Störung. Ich …«

»Augenblick, Mr. Hoag«, warf Cynthia Craig Randall ein, die bisher geschwiegen hatte. »Ich fürchte, es handelt sich hier um ein Missverständnis. Wollen Sie tatsächlich behaupten, dass Sie nicht wissen, buchstäblich nicht wissen, was Sie tagsüber tun?«

»Ja«, antwortete er dankbar. »Ja, das stimmt.«

»Und wir sollen es für Sie feststellen? Indem wir Sie beschatten und Ihnen dann mitteilen, wo Sie gewesen sind?«

Hoag nickte nachdrücklich. »Ja, das wollte ich sagen.«

Randall sah die beiden an. »Sie wissen also tatsächlich nicht, was Sie tagsüber tun?«, fragte er den kleinen Mann. »Wie lange geht das schon so?«

»Ich … das weiß ich nicht.«

»Was wissen Sie überhaupt?«

Hoag brachte es mit ihrer Unterstützung fertig, ihnen seine Geschichte zu erzählen. Seine Erinnerungen reichten insgesamt nur etwa fünf Jahre zurück – bis zu einem Aufenthalt im Privatsanatorium St. George in Dubuque. Unheilbare Amnesie – er machte sich darum keine Sorgen mehr und war der Meinung, er hätte sich gut erholt. Die Klinikverwaltung hatte ihm einen Job verschafft.

»Welchen Job?«

Das wusste er nicht. Wahrscheinlich hatte er noch immer den gleichen. Ihm war eingeschärft worden, in seiner Freizeit nicht über die Arbeit nachzudenken und keine Arbeit mit nach Hause zu nehmen, nicht einmal in Gedanken.

»Wissen Sie«, erklärte Hoag, »die Theorie, an der sie forschen, besagt, dass Amnesie durch Überarbeitung und Grübelei einsetzt. Ich erinnere mich noch, wie Dr. Rennault mich sehr eindrücklich ermahnte, nie über meine Arbeit zu sprechen, nie über mein Tagwerk nachzudenken. Nach Feierabend solle ich alles vergessen, was damit zusammenhing, und mich mit angenehmen Dingen beschäftigen. Also habe ich versucht, das zu tun.«

»Hmm, das scheint Ihnen ja sehr gut gelungen zu sein«, meinte Randall. »Etwas zu gut sogar. Sind Sie während Ihrer Behandlung hypnotisiert worden?«

»Das weiß ich nicht.«

»Ich nehme es an. Was hältst du davon, Cyn? Habe ich recht?«

Sie nickte. »Würde passen. Posthypnotische Suggestion. Nach fünf Jahren wäre er nicht mal mehr dann in der Lage, nach Feierabend über seine Arbeit nachzudenken, wenn er wollte. Klingt mir allerdings nach einer sehr seltsamen Therapie.«

Das genügte Randall. Sie war für die Psychologie zuständig. Ob es ihre Studien waren, die ihr die Antworten lieferten, oder ihr Unterbewusstsein, war ihm sowohl schleierhaft als auch egal. Es funktionierte. »Ich verstehe nur eines nicht, Mr. Hoag«, fuhr Randall fort. »Sie leben fünf Jahre glücklich und zufrieden, ohne zu wissen, wo und was Sie arbeiten. Und jetzt wollen Sie es plötzlich erfahren. Woher kommt dieser plötzliche Wunsch?«

Hoag schilderte ihm sein Erlebnis beim Abendessen, sprach von der rotbraunen Masse unter seinen Nägeln und beschrieb die unwillige Reaktion des Arztes. »Ich habe Angst«, gab er zu. »Ich dachte, es sei Blut. Und nun fürchte ich, dass es etwas Schlimmeres ist. Deshalb sollen Sie mich beobachten und herausbekommen, was ich tue.«

Randall sah ihn an. »Warum?«

Hoag befeuchtete sich die Lippen. »Weil …« Er brach hilflos ab. »Sie werden mir doch helfen, oder?«

Randall richtete sich auf. »Das fällt nicht unter meine Jobbeschreibung«, sagte er. »Sie brauchen tatsächlich Hilfe, aber von einem Psychiater. Ich behandle keine Amnesie. Ich bin Detektiv.«

»Aber ich will einen Detektiv. Ich möchte, dass Sie mich beobachten und herausfinden, was ich tue.«

Randall wollte ablehnen, aber seine Frau warf ein: »Wir können Ihnen bestimmt helfen, Mr. Hoag. Vielleicht brauchen Sie einen Psychiater …«

»Oh, nein!«

»… aber wenn Sie beschattet werden wollen, können wir das tun.«

»Das gefällt mir nicht«, murmelte Randall. »Er braucht uns nicht.«

Hoag legte seine Handschuhe auf den Tisch und griff in seine Brusttasche. »Ich bin nicht kleinlich.« Er zählte Scheine ab. »Ich habe nur fünfhundert bei mir«, meinte er ängstlich. »Genügt das?«

»Selbstverständlich«, antwortete sie.

»Als Anzahlung«, fügte Randall hinzu. Er steckte das Geld ein. »Übrigens: Woher bekommen Sie Geld, wenn Sie sich an keine Arbeit erinnern können?« Er versuchte, beiläufig zu klingen.

»Ach, ich erhalte jeden Sonntag zweihundert Dollar in Scheinen«, erklärte Hoag ihm.

Als der Besucher gegangen war, gab Randall seiner Frau das Geld. »Wunderschöne Scheinchen«, murmelte sie und strich sie glatt. »Teddy, warum hast du vorhin fast abgelehnt?«

»Ich? Habe ich gar nicht. Ich wollte nur den Preis hochtreiben.«

»Das habe ich mir gedacht – aber du hast deine Rolle fast zu gut gespielt.«

»Keineswegs! Ich wusste, dass du ihn nicht vom Haken lassen würdest, solange er noch einen Cent in der Tasche hatte.«

Sie nickte lächelnd. »Du bist ein guter Mann, Teddy. Und wir haben so viel gemeinsam. Wir mögen beide Geld. Glaubst du ihm seine Story?«

»Kein Wort davon!«

»Ich auch nicht. Er ist ein widerlicher kleiner Kerl. Ich möchte nur wissen, was er vorhat.«

»Das bekomme ich noch heraus.«

»Willst du ihn etwa selbst beschatten?«

»Warum nicht? Soll ich einem ehemaligen Polypen zwanzig Dollar pro Tag zahlen, damit er dann Murks macht?«

»Die Sache gefällt mir nicht, Teddy«, murmelte sie. »Warum sollte er bereit sein, so viel Geld auszugeben, nur um uns an der Nase herumzuführen?«

»Genau das plane ich herauszufinden.«

»Sei vorsichtig. Erinnerst du dich an den ›Bund der Rothaarigen‹?«

»›Den Bund der‹ … Ach, Sherlock Holmes schon wieder. Werde erwachsen, Cyn.«

»Bin ich schon. Du solltest aufholen. Der kleine Mann ist böse.« Sie ging hinaus, um das Geld im Schlafzimmer zu verstecken.

Als sie zurückkam, kniete er vor dem Sessel, in dem Hoag gesessen hatte, und bestäubte die hölzernen Armlehnen. Er drehte sich um, als sie eintrat. »Cyn…«

»Ja, Schlaukopf?«

»Du hast den Sessel nicht mehr angefasst?«

»Natürlich nicht. Ich habe nur wie gewöhnlich die Lehnen abgewischt, bevor er gekommen ist.«

»Das meine ich nicht. Ich meine, seit er gegangen ist. Hat er je seine Handschuhe ausgezogen?«

»Warte mal. Ja, hat er, da bin ich mir sicher. Ich habe seine Fingernägel betrachtet, während er sein Seemannsgarn darüber erzählt hat.«

»Ich auch. Aber ich wollte mir sicher sein, dass ich nicht spinne. Sieh dir diese Oberfläche an!«

Sie betrachtete die polierten Armlehnen, die mit einer dünnen grauen Staubschicht bedeckt waren, in der sich keine Fingerabdrücke abzeichneten. »Es sieht aus, als hätte er sie gar nicht berührt … Hat er aber! Ich habe es selbst gesehen. Als er meinte, er hätte Angst, hat er die Lehnen mit beiden Händen umklammert. Ich erinnere mich noch, wie seine Knöchel blau anliefen.«

»Vielleicht Kollodium?«

»Unsinn! Das müsste man doch sehen. Du hast ihm die Hand gegeben. Hatte er Kollodium an den Händen?«

»Nein, das hätte ich gemerkt. ›Der Mann ohne Fingerabdrücke‹, was? Wahrscheinlich war er nur ein Gespenst.«

»Gespenster zahlen nicht bar, um sich beschatten zu lassen.«

»Nein, das tun sie nicht, soviel ich weiß«, stimmte Randall zu. Er stand auf, ging ans Telefon und wählte die Auskunft. »Ich brauche eine Nummer in Dubuque, äh …« Er hielt eine Hand über die Sprechmuschel. »He, Liebling, in welchem gottverdammten Staat liegt Dubuque überhaupt?«

Eine Dreiviertelstunde und mehrere Telefongespräche später knallte er den Hörer auf die Gabel. »Das ist doch die Höhe! In Dubuque gibt es kein Privatsanatorium St. George. Hat es nie gegeben und wird es wohl auch nie geben. Und einen Dr. Rennault gibt es auch nicht.«

3

»Da ist er!« Cynthia Randall stieß ihren Mann an.

Er hielt sich weiter die Tribune vor die Nase, als läse er sie. »Ich sehe ihn«, antwortete er. »Immer mit der Ruhe! Man könnte glauben, du hättest noch nie einen Mann beschattet.«

»Sei vorsichtig, Teddy.«

»Das bin ich immer.« Er beobachtete Jonathan Hoag, wie er die Stufen des luxuriösen Apartmenthauses hinabstieg, in dem er wohnte, und sich nach links wandte. Es war genau sieben Minuten vor neun Uhr morgens.

Randall stand auf, faltete seine Zeitung säuberlich zusammen und ließ sie auf der Bank an der Bushaltestelle zurück. Er drehte sich zu dem kleinen Drogeriemarkt hinter der Bushaltestelle um, warf einen Penny in den Schlitz des Kaugummiautomaten und verfolgte Hoag im Spiegel der Maschine, der gemütlich die andere Straßenseite hinabschlenderte. In derselben Behäbigkeit folgte er ihm in einiger Entfernung, ohne die Straßenseite zu wechseln.

Cynthia wartete auf der Bank, bis ihr Mann fast die nächste Querstraße erreicht hatte, bevor sie aufstand, um ihm zu folgen.

Hoag stieg an der zweiten Ecke in einen Bus. Randall nutzte ein Rotlicht aus, vor dem der Bus halten musste, überquerte die Straße bei Rot und erwischte den Bus, als er gerade anfuhr. Hoag saß auf dem Oberdeck; Randall blieb unten sitzen.

Cynthia erreichte den Bus nicht mehr, aber sie sah noch seine Nummer. Sie hielt das erste vorbeifahrende Taxi an und erklärte dem Chauffeur, welchen Bus er einholen müsse. Der Bus kam erst nach der zwölften Straße in Sicht; drei Straßen später hielt das Taxi an einer Ampel neben ihm. Cynthia stellte zufrieden fest, dass ihr Mann in diesem Bus saß. Mehr brauchte sie nicht zu wissen. Den Rest der Fahrt verbrachte sie damit, das Geld in ihrer Hand mit dem Betrag auf dem Taximeter plus Trinkgeld abzugleichen.

Als sie die beiden Männer aussteigen sah, ließ sie den Fahrer halten. Er parkte das Taxi weit genug vom Bus entfernt, jedoch so, dass Hoag und ihr Mann daran vorbeigehen mussten. Cynthia wollte nicht gleich aussteigen und ließ sich deshalb Zeit mit dem Bezahlen, während sie mit den Augen in ihrem Hinterkopf die beiden Männer im Blick behielt. Ihr fiel auf, dass der Fahrer sie neugierig anstarrte.

»Sind Sie hinter Frauen her?«, fragte sie ihn plötzlich.

»Nein, Madame. Ich bin Familienvater.«

»Mein Mann ist es«, behauptete sie verbittert. »Da!« Sie gab ihm das Trinkgeld.

Hoag und Randall waren inzwischen einige Meter voraus. Cynthia blieb vor einem Schaufenster stehen. Zu ihrer Überraschung sah sie, wie sich Hoag umdrehte und ihren Mann ansprach. Seine Stimme war aus dieser Entfernung nicht zu hören.

Cynthia zögerte, sich ihnen anzuschließen. An dem Bild stimmte etwas nicht – aber ihr Mann schien unbesorgt zu sein. Er hörte Hoag ruhig zu und betrat mit ihm das Bürogebäude, vor dem sie gestanden hatten.

Sie folgte ihnen. Das Foyer des Gebäudes war morgens um diese Zeit sehr belebt. Alle sechs Aufzüge waren in Betrieb. Nr. 2 hatte eben die Tür geschlossen; Nr. 3 lud Fahrgäste ein. Hoag und ihr Mann waren nicht in Nr. 3, deshalb blieb Cynthia am Zigarrenstand stehen und sah sich rasch um.

Die beiden waren nicht im Foyer. Sie waren auch nicht im anschließenden Frisiersalon. Vermutlich hatten sie gerade noch Aufzug Nr. 2 erwischt. Cynthia hatte die Anzeige für Nr. 2 verfolgt, aber das half wenig, denn der Aufzug hielt in fast jedem Stockwerk.

Nr. 2 kam wieder herunter. Cynthia stieg von anderen Fahrgästen umringt ein. Sie gab keinen Stock an, sondern wartete, bis sie allein übrig blieb.

Der Fahrstuhlführer zog die Augenbrauen hoch. »Wohin?«

Sie zeigte ihm einen Dollarschein. »Ich möchte mit Ihnen sprechen.«

Er schloss die Tür, was ihnen ausreichend Privatsphäre verschaffte. »Aber schnell!«, drängte er mit einem Blick auf die Rufsignale.

»Vorhin sind zwei Männer mitgefahren.« Cynthia beschrieb sie ihm rasch, aber eindrücklich. »Wo sind sie ausgestiegen?«

Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Bei diesem Betrieb!«

Sie hielt zwei Dollar hoch. »Denken Sie nach! Die beiden sind wahrscheinlich zuletzt eingestiegen. Ich vermute, dass der Kleinere das Fahrziel angegeben hat.«

Er schüttelte wieder den Kopf. »Das kann ich Ihnen nicht einmal für einen Zehner sagen. Bei so viel Betrieb könnten Lady Godiva und ihr Pferd mitfahren, ohne dass ich etwas merke. Wohin wollen Sie jetzt, runter oder hoch?«

»Hinunter.« Sie gab ihm einen Dollar. »Danke für Ihre Mühe.«

Er nahm den Geldschein, zuckte mit den Schultern und steckte ihn ein.

Cynthia blieb nichts anderes übrig, als im Foyer zu warten. Sie ärgerte sich, weil sie sich mit diesem uralten Trick hatte hereinlegen lassen. Wahrscheinlich waren die beiden längst nicht mehr in diesem Gebäude, und Teddy fragte sich vielleicht schon, wo sie steckte, weil er sie brauchte.

Sie sollte Klöppeln lernen, verdammt noch mal!

Sie kaufte sich eine Flasche Pepsi-Cola am Zigarrenstand und trank sie langsam aus. Als sie sich eben fragte, ob sie noch eine vertragen konnte, um nicht aufzufallen, tauchte Randall auf.

Erst die Erleichterung bei seinem Anblick ließ Cynthia erkennen, wie viel Angst sie um ihn gehabt hatte. Dennoch fiel sie nicht aus der Rolle, sondern kehrte ihm den Rücken zu, weil sie wusste, dass er sie genauso gut anhand ihres Nackens wie ihres Gesichts erkennen würde.

Er sprach sie nicht an, daher folgte sie ihm in einigem Abstand. Hoag war nirgends zu sehen. War er unerkannt an ihr vorbeigeschlüpft?

Randall ging an einem Taxistand vorbei und stieg in den nächsten Bus, der neben ihm hielt. Sie folgte ihm hinter zwei anderen Fahrgästen. Der Bus fuhr ab. Hoag war jedenfalls nicht an Bord, deshalb setzte Cynthia sich neben ihren Mann.

»Cyn!«, sagte er überrascht. »Ich dachte, wir hätten dich abgehängt.«

»Das hättet ihr fast!«, gab sie zu. »Also sag schon – was wird hier gespielt?«

»Das erzähle ich dir im Büro.«

Cynthia hatte keine Lust, so lange zu warten, aber ihr blieb nichts anderes übrig. Der Bus, in den sie gestiegen waren, fuhr direkt bis zu ihrem Büro, kaum sechs Straßen weiter. Randall schloss die Tür auf und ging sofort ans Telefon. Ihre Büronummer war über PBX mit einem Sekretärdienst verbunden. »Gab es einen Anruf für mich?«, fragte er und hörte einen Moment lang zu. »Ok. Schicken Sie es rüber. Keine Eile.«

Er legte den Hörer auf und drehte sich zu seiner Frau um. »Die fünfhundert Eier waren leicht verdientes Geld, Liebling«, erklärte er seiner Frau.

»Weißt du, was Hoag arbeitet?«

»Natürlich!«

»Was denn?«

»Dreimal darfst du raten, Kleine.«

»Willst du einen Kuchen ins Gesicht?«

»Langsam! Die Sache ist ganz einfach. Er arbeitet für einen Juwelier – er poliert Steine. Du erinnerst dich an das rote Zeug unter seinen Fingernägeln, das ihn so aufgewühlt hat?«

»Ja?«

»Nichts als Putzpaste. Dank seiner krankhaften Fantasie bildet er sich gleich ein, es wäre Blut. Und damit haben wir fünf Hunderter verdient!«

»Hmm. Das erklärt einiges. Er arbeitet irgendwo im Acme Building?«

»Zimmer dreizehnzehn. Oder vielmehr Suite dreizehnzehn. Warum bist du nicht nachgekommen?«

Cynthia zögerte, weil sie ihre Ungeschicklichkeit nicht zugeben wollte. Doch ihre Angewohnheit von vollkommener Ehrlichkeit zueinander war stärker. »Als Hoag dich angesprochen hat, bin ich unsicher geworden. Ich habe euren Aufzug verpasst.«

»Aha. Naja, wir … he, was hast du eben gesagt? Hoag soll mich angesprochen haben?«

»Ja, natürlich.«

»Unsinn! Er hat nicht mit mir gesprochen. Er hat mich nicht einmal gesehen! Wovon redest du?«

»Wovon ich rede? Wovon redest du? Bevor ihr im Acme Building verschwunden seid, ist Hoag stehengeblieben und hat dich angesprochen. Das hat mich eben so verblüfft! Dann seid ihr praktisch Arm in Arm ins Foyer gegangen.« Als Randall sie anstarrte, fügte sie zu: »Du brauchst gar nicht so zu glotzen! Genau so ist es passiert.«

»Hör dir an, was ich erlebt habe, Cyn. Ich habe ihn aus dem Bus ins Foyer verfolgt. Ich habe mich ganz klassisch hinter ihn gesetzt und dieselbe Aufzugkabine erwischt, während er in die andere Richtung sah. Als Hoag ausstieg, bin ich wieder hinter ihm raus, habe mich in die Tür gestellt und dem Fahrstuhlführer noch eine dumme Frage gestellt, um Zeit zu gewinnen. Dann bin ich um die erste Ecke gebogen, gerade noch rechtzeitig, um Hoag in dreizehnzehn verschwinden zu sehen. Er hat mich nicht angesprochen und nicht gesehen. Das kann ich beschwören.«

»Weiter!« Cynthia war blass geworden.

»In dreizehnzehn hat man rechts eine lange Glaswand vor sich, hinter der Goldschmiede arbeiten. Man kann sie also beobachten – schlauer Verkaufstrick! Als ich hinkam, hatte Hoag bereits einen weißen Kittel angezogen und so eine Uhrmacherlupe ins Auge geklemmt. Ich bin an seinem Platz vorbeigegangen – er hat nicht einmal aufgesehen – und habe an der Theke den Geschäftsführer verlangt. Ein kleiner vogelähnlicher Kerl taucht auf, und ich erkundige mich, ob bei ihm ein Jonathan Hoag arbeitet. Er antwortet Ja und fragt mich, ob ich ihn sprechen will. Ich lehne dankend ab und murmele etwas von einer Versicherungsgesellschaft, woraufhin er wissen will, ob alles in Ordnung ist. Reine Routineuntersuchung, sage ich, es gehe nur um die Prüfung seiner Angaben bezüglich einer abzuschließenden Lebensversicherung. Ich frage ihn, wie lange Hoag schon dort arbeitet, und höre, dass die Firma ihn seit fünf Jahren beschäftigt und sehr mit ihm zufrieden ist. Wunderbar, sage ich, und ob sich Mr. Hoag bis zu zehntausend leisten könne. Sicherlich, sagt er, immer schön zu hören, dass ihre Angestellten Lebensversicherungen abschließen.«

Randall machte eine bedeutungsvolle Pause. »Ich bin beim Hinausgehen vor Hoags Platz stehen geblieben. Er hat kurz aufgesehen und dann wieder den Kopf gesenkt. Ich hätte bestimmt gemerkt, wenn er mich erkannt hätte. Ein typischer Fall von Skizzo …, Schiezo …, wie spricht man das aus? «

»Schizophrenie. Gespaltene Persönlichkeiten. Aber hör zu, Teddy …«

»Ja?«

»Du hast mit ihm gesprochen. Ich habe euch beobachtet.«

»Langsam, Kleine! Du musst uns verwechselt haben. Wie weit warst du von uns weg?«

»Nicht so weit. Ich habe nur zwei Läden weit von euch entfernt gestanden. Du warst am Zeitungskiosk und hättest mich sehen müssen. Hoag hat mir den Rücken zugekehrt, aber ich habe ihn erkannt. Ich kann mich unmöglich geirrt haben, denn ich habe ihn ganz deutlich im Profil sehen können, als ihr gemeinsam ins Acme Building gegangen seid.«

Randall schüttelte entnervt den Kopf. »Ich habe nicht mit ihm gesprochen. Und ich bin nicht mit ihm hineingegangen; ich bin ihm gefolgt.«

»Edward Randall, lass den Quatsch! Ich gebe zu, dass ich euch aus den Augen verloren habe, aber deshalb brauchst du dich noch lange nicht über mich lustig zu machen.«

Randall war zu lange und zu glücklich verheiratet, um Gefahrensignale zu missachten. Er stand auf und legte ihr einen Arm um die Schultern. »Schau, Schatz«, sagte er ernst und sanft, »ich will dich nicht ärgern. Wir verstehen uns irgendwie falsch, aber ich erzähle dir nur, woran ich mich erinnere.«

Cynthia küsste ihn unerwartet. »Gut, dann haben wir beide recht – und das ist unmöglich. Komm mit!«

»Wohin?«

»Zum Tatort. Wenn ich keine Erklärung bekomme, kann ich heute Nacht nicht schlafen.«

Das Acme Building stand noch da, wo sie es gelassen hatten. Die Läden und der Zeitungskiosk ebenfalls. Randall stellte sich auf Cynthias Position und gab zu, dass sie sich von dort aus nur geirrt haben konnte, wenn sie sturzbetrunken gewesen wäre. Aber er wusste dennoch genau, was er getan hatte.

»Du hast nicht unterwegs einen kleinen Schluck genommen?«, meinte er hoffnungsvoll.

»Natürlich nicht!«

»Was tun wir jetzt?«

»Keine Ahnung. Doch, ich weiß etwas! Wir sind mit Hoag fertig, richtig? Wir sind ihm gefolgt, und die Sache ist erledigt.«

»Ja … warum?«

»Bring mich zu ihm. Ich will ihn selbst fragen, ob er dich angesprochen hat oder nicht.«

Randall zuckte mit den Schultern. »Okay, wie du willst, Kleine.«

Sie betraten das Gebäude und die erste freie Aufzugkabine. Der Fahrstuhlführer schloss die Tür und fragte: »Wohin, bitte?«

»Sechs, drei und neun.« Randall wartete, bis die übrigen Fahrgäste sich gemeldet hatten, bevor er sagte: »Dreizehn.«

Der uniformierte junge Mann sah sich um. »Sie können zwölf und vierzehn haben und sich die beiden teilen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Hier gibt’s keinen dreizehnten Stock. Wenn es einen gäbe, würde kein Mensch dort ein Büro mieten wollen.«

»Sie müssen sich irren! Ich war erst heute Morgen dort.«

Der Fahrstuhlführer warf ihm einen angestrengten Blick zu. »Gut, überzeugen Sie sich selbst.« Er hielt die Kabine an. »Zwölf.« Als er weiterfuhr, verschwand die Leuchtziffer 12 und wurde durch eine andere ersetzt.