Beschreibung

Eine falsche Tote – ein wahr gewordener Albtraum …

Noch auf der Schwelle zu ihrem Zuhause sieht Abigail Campano die Glasscherben. Den blutigen Fußabdruck auf dem Dielenboden. Und den Mann, der sich über den leblosen Körper eines Mädchens beugt. Ihre Tochter! Sie stürzt sich auf ihn, bringt ihn zu Fall, und in einem erbitterten Kampf um Leben und Tod erwürgt sie ihn. Das Mädchen, sieht sie, wurde erschlagen. Der Körper ist mit Bisswunden und Prellungen übersät. Doch es ist nicht ihre Tochter Emma, sondern deren beste Freundin Kayla. Emma ist wie vom Erdboden verschluckt.

Special Agent Will Trent weiß: Die Chance, das Mädchen lebend zu finden, wird von Stunde zu Stunde geringer. Doch noch entsetzlicher ist die Vorstellung, dass der sadistische Täter ungeschoren davonkommen könnte …

Der zweite Fall für Will Trent und seine neue Partnerin Faith Mitchell – Nervenkitzel pur!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 662

oder

Karin Slaughter

Karin Slaughter

Thriller

Deutsch von Klaus Berr

Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »Fractured«

bei Bantam Dell, Random House, Inc., New York.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2008 by Karin Slaughter

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 by

Blanvalet Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-04920-1

www.blanvalet.de

Für Irwyn und Nita…für alles

Prolog

Abigail Campano saß in ihrem Auto auf der Straße vor ihrem eigenen Haus. Sie schaute zu der Villa hoch, die sie vor fast zehn Jahren umgebaut hatten. Das Haus war riesig– viel zu viel Platz für drei Personen, vor allem, da ihre Tochter, so Gott wollte, in weniger als einem Jahr aufs College gehen würde. Was würde sie mit sich selbst anfangen, wenn ihre Tochter erst einmal damit beschäftigt war, ihr eigenes Leben zu beginnen? Es wären dann nur wieder Abigail und Paul, so wie vor Emmas Geburt.

Bei dem Gedanken zog sich ihr der Magen zusammen.

Pauls Stimme krächzte aus den Autolautsprechern, als er wieder ans Telefon kam. »Babe, hör zu«, begann er, aber sie starrte das Haus an, und ihre Gedanken waren bereits ganz woanders. Wann war ihr Leben so klein geworden? Wann waren die wichtigsten Fragen ihres Tages die Probleme anderer Leute und andere Nebensächlichkeiten geworden? Waren Pauls Hemden beim Schneider schon fertig? Hatte Emma heute Abend Volleyball-Training? Hatte der Innenausstatter den neuen Schreibtisch fürs Büro bestellt? Hatte jemand daran gedacht, den Hund hinauszulassen, oder würde sie die nächsten zwanzig Minuten literweise Pisse vom Küchenboden wischen?

Abigail schluckte, die Kehle wurde ihr eng.

»Ich glaube, du hörst mir nicht zu«, sagte Paul.

»Ich höre zu.« Sie stellte den Motor ab. Ein Klicken war zu hören, dann wurde, ein Wunder der Technik, Pauls Stimme von den Autolautsprechern auf ihr Handy umgeleitet. Abigail stieß die Tür auf und warf die Schlüssel in ihre Handtasche. Sie klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Schulter, während sie in den Briefkasten schaute. Stromrechnung, die Abrechnung von American Express, Emmas Schulgebühren…

Paul hielt inne, um Luft zu holen, und sie ergriff die Gelegenheit.

»Wenn sie dir nichts bedeutet, warum hast du ihr dann ein Auto geschenkt? Warum bist du mit ihr dorthin gegangen, wo du wusstest, dass meine Freundinnen auftauchen könnten?« Abigail sagte die Wörter, während sie die Auffahrt hochging, aber sie spürte sie nicht tief in ihrem Bauch wie beim ersten Mal, als so etwas passiert war. Damals war ihre einzige Frage gewesen: Warum genüge ich ihm nicht?

Jetzt lautete ihre einzige Frage: Warum bist du so ein notgeiler Mistkerl?

»Ich brauchte einfach eine Pause«, sagte er, noch eine altbekannte Floskel.

Abigail stieg die Verandastufen hoch und suchte in ihrer Handtasche nach den Haustürschlüsseln. Sie hatte den Club wegen ihm verlassen, hatte ihre wöchentliche Massage und das Mittagessen mit ihren engsten Freundinnen ausgelassen, weil es sie demütigte, dass sie alle Paul mit einer flaschenblonden Zwanzigjährigen gesehen hatten, mit der er, so unverfroren war er, in ihr Lieblingsrestaurant gegangen war. Sie wusste nicht, ob sie sich dort je wieder würde zeigen können.

Abigail sagte: »Ich brauche auch eine Pause, Paul. Wie würde es dir gefallen, wenn ich mir auch eine Pause gönnen würde? Wie würde es dir gefallen, wenn du eines Tages mit deinen Freunden reden und du spüren würdest, dass irgendetwas los ist, und du müsstest sie praktisch anflehen, dir zu sagen, was los ist, bis sie dir endlich sagen, dass sie mich mit einem anderen Mann gesehen haben?«

»Ich würde seinen gottverdammten Namen herausfinden und zu ihm nach Hause gehen und ihn umbringen.«

Warum war ein Teil von ihr immer geschmeichelt, wenn er so etwas sagte? Als Mutter eines Teenager-Mädchens hatte sie sich angewöhnt, auch in den wüstesten Bemerkungen noch nach positiven Aspekten zu suchen, aber das hier war einfach lächerlich. Außerdem hatte Paul so große Probleme mit seinen Knien, dass er am Müllabfuhrtag kaum die Tonnen an den Straßenrand bringen konnte. Der größte Schock dieser Geschichte hätte eigentlich sein sollen, dass er noch immer eine Zwanzigjährige finden konnte, die mit ihm ins Bett stieg.

Abigail steckte den Schlüssel in das alte Metallschloss der Haustür. Die Angeln quietschten wie in einem Gruselfilm.

Die Tür war bereits offen.

»Moment mal«, sagte sie, als würde sie Paul unterbrechen, obwohl er gar nichts gesagt hatte. »Die Haustür ist offen.«

»Was?«

Auch er hatte nicht zugehört. »Ich sagte, die Haustür ist bereits offen«, wiederholte sie und stieß die Tür weiter auf.

»O Gott. Die Schule hat doch erst vor drei Wochen wieder angefangen, und sie schwänzt schon wieder?«

»Vielleicht die Putzfrau…« Sie hielt inne, weil sie auf Glas trat. Abigail schaute nach unten und spürte, wie sich irgendwo unten in ihrem Kreuz eine kalte, scharfe Panik aufbaute. »Da liegen überall Scherben auf dem Boden. Ich bin eben reingetreten.«

Paul sagte etwas, das sie nicht verstand. »Okay«, antwortete sie automatisch. Sie schaute sich um. Eines der hohen Seitenfenster neben der Tür war kaputt. Sie stellte sich vor, wie eine Hand durch das Loch griff, den Riegel zurückschob und die Tür öffnete.

Sie schüttelte den Kopf. Im hellen Tageslicht? In diesem Viertel? Sie konnten nicht mehr als drei Leute auf einmal zu sich einladen, ohne dass die alte Spinnerin von gegenüber sich über den Lärm beschwerte.

»Abby?«

Sie befand sich in einer Art Blase, hörte alles nur gedämpft. Zu ihrem Mann sagte sie: »Ich glaube, da ist jemand eingebrochen.«

Paul bellte: »Raus aus dem Haus! Die könnten noch immer drin sein!«

Sie warf die Post auf den Tisch in der Diele und sah sich dabei im Spiegel. Sie hatte die letzten zwei Stunden lang Tennis gespielt. Die Haare waren noch feucht, einzelne Strähnen klebten ihr im Nacken, wo der Pferdeschwanz sich allmählich auflöste. Es war kühl im Haus, aber sie schwitzte.

»Abby?«, schrie Paul. »Geh sofort raus aus dem Haus. Ich rufe auf der anderen Leitung die Polizei.«

Sie drehte sich um und öffnete den Mund, um etwas– was?– zu sagen, als sie den blutigen Fußabdruck auf dem Boden sah.

»Emma«, flüsterte sie, ließ das Handy fallen und rannte die Stufen hoch zum Zimmer ihrer Tochter.

Oben auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen, schockiert über das zertrümmerte Mobiliar, die Glasscherben auf dem Boden. Ihr Blickfeld verengte sich, und sie sah Emma als blutiges Häuflein am Ende des Gangs liegen. Ein Mann stand, ein Messer in der Hand, über ihr.

In den ersten Sekunden war Abigail zu schockiert, um sich zu bewegen, der Atem stockte ihr, die Kehle schnürte sich zu. Der Mann kam auf sie zu. Ihre Augen konnten sich auf nichts mehr konzentrieren. Sie huschten zwischen dem Messer in seiner blutigen Faust und dem Körper ihrer Tochter auf dem Boden hin und her.

»Nein…«

Der Mann machte einen Satz auf sie zu. Ohne nachzudenken, wich Abigail zurück. Sie stolperte und fiel die Treppe hinunter, und Schulter und Hüfte knallten auf das Hartholz, als sie mit dem Kopf voran nach unten rutschte. Ihr Körper kreischte einen Chor der Schmerzen: der Ellbogen, der gegen die Pfosten des Geländers krachte, ein scharfes Brennen in ihrem Nacken, als sie versuchte, mit dem Kopf nicht gegen die Kanten der Stufen zu schlagen. Der Atem wurde ihr aus den Lungen gepresst, als sie im Foyer landete.

Der Hund? Wo war der blöde Hund?

Abigail drehte sich auf den Rücken, wischte sich Blut aus den Augen und spürte, wie ihr Glasscherben in den Kopf stachen.

Der Mann rannte die Treppe hinunter, noch immer das Messer in der Hand. Abigail dachte nicht nach. Sie trat nach oben, als er auf der letzten Stufe stand, und traf ihn mit der Spitze ihres Turnschuhs irgendwo zwischen Anus und Hoden. Sie hatte ihr Ziel verfehlt, aber das war egal. Der Mann taumelte und sank fluchend auf ein Knie.

Sie drehte sich auf den Bauch und kroch auf die Tür zu. Er packte sie am Bein und riss sie so heftig zurück, dass ein weißglühender Schmerz ihr in Rückgrat und Schulter schoss. Sie griff nach dem Glas auf dem Boden, suchte eine Scherbe, mit der sie ihn verletzen konnte, aber die winzigen Bruchstücke schlitzten ihr nur die Hände auf. Sie trat nach ihm, strampelte wild, während sie sich zentimeterweise zur Tür vorarbeitete.

»Aufhören!«, schrie er und packte ihre Fußgelenke mit beiden Händen. »Verdammt noch mal, aufhören, habe ich gesagt!«

Sie hörte auf, versuchte, wieder zu Atem zu kommen, klar zu denken. Ihr Kopf dröhnte noch immer, sie konnte sich nicht konzentrieren. Die Haustür einen halben Meter vor ihr war noch immer offen, sie sah hinaus auf den leicht abfallenden Weg, der zu ihrem Auto auf der Straße führte. Sie drehte sich um, sodass sie ihrem Angreifer ins Gesicht sehen konnte. Er kniete auf dem Boden und hielt ihre Fußgelenke umklammert, damit sie nicht nach ihm treten konnte. Das Messer lag neben ihm auf dem Boden. Seine Augen waren hinterhältig schwarz– zwei Granitbrocken unter schweren Lidern. Seine breite Brust hob und senkte sich, er atmete schwer. Blut durchtränkte sein Hemd.

Emmas Blut.

Abigail spannte ihre Bauchmuskeln an, schnellte mit gespreizten Fingern hoch und stach ihm die Finger in die Augen.

Er schlug ihr mit der flachen Hand aufs Ohr, aber sie ließ sich nicht abbringen, rammte ihm immer wieder die Daumen in die Augenhöhlen und spürte schließlich, wie etwas nachgab. Er packte ihre Handgelenke und drückte ihr die Finger weg. Er war zwanzigmal stärker als sie, aber Abigail dachte jetzt nur noch an Emma, an diesen Sekundenbruchteil, als sie ihre Tochter oben gesehen hatte, wie ihr Körper dalag, das T-Shirt über die kleinen Brüste hochgeschoben. Sie war kaum noch zu erkennen, ihr Kopf nur eine blutige Masse. Er hatte ihrer Tochter alles genommen, sogar ihr wunderschönes Gesicht.

»Du Bastard!«, schrie Abigail und hatte das Gefühl, ihre Arme würden brechen, als er ihre Hände von seinen Augen wegdrückte. Sie biss ihm in die Finger, bis sie Knochen spürte. Der Mann schrie, hielt ihre Gelenke aber weiterhin umklammert. Als Abigail nun das Knie anzog, traf sie ihn genau zwischen den Beinen. Der Mann riss die blutigen Augen auf, sein Mund klappte auf, saurer Atem drang heraus. Sein Griff lockerte sich, aber er ließ sie nicht los. Als er auf den Rücken fiel, zog er Abigail mit sich.

Automatisch legten sich ihre Hände um seinen Hals. Sie spürte, wie die Knorpel in seiner Kehle sich bewegten, die Ringe, die die Speiseröhre umgaben wie weiches Plastik. Sein Griff um ihre Handgelenke verstärkte sich, aber ihre Ellbogen waren jetzt gestreckt, Schultern und Hände bildeten eine gerade Linie, als sie mit ihrem ganzen Gewicht auf den Hals des Mannes drückte. Schmerz zuckte wie Blitze durch ihre zitternden Arme und Schultern. Ihre Hände verkrampften sich, als würden tausend winzige Nadeln in ihre Nerven stechen. Sie spürte Vibrationen an ihren Handflächen, als er etwas zu sagen versuchte. Wieder verengte sich ihr Blickfeld. Sie sah rote Punkte seine Augen sprenkeln, seine feuchten Lippen öffneten sich, die Zunge quoll heraus. Sie saß rittlings auf ihm, und sie wurde sich bewusst, dass die Hüftknochen des Mannes sich in ihre Oberschenkel pressten, als er sich hochdrückte und sie abzuwerfen versuchte.

Unvermittelt dachte sie an Paul, an die Nacht, als sie Emma gezeugt hatten– wie sie gewusst, einfach gewusst hatte, dass sie ein Baby machten. So wie jetzt war sie auf ihrem Mann gesessen, wollte jeden Tropfen von ihm in sich haben, damit sie ihr perfektes Kind bekamen.

Und Emma war perfekt– ihr süßes Lächeln, ihr offenes Gesicht. Die Art, wie sie jedem vertraute, den sie traf, gleichgültig, wie oft Paul sie davor gewarnt hatte.

Emma, die jetzt oben lag. Tot. In einer Blutlache. Die Unterwäsche heruntergerissen. Ihr armes Baby. Was hatte sie durchmachen müssen? Was für Demütigungen hatte sie von diesem Mann erleiden müssen?

Abigail spürte eine plötzliche Wärme zwischen ihren Beinen. Der Mann hatte uriniert. Er starrte sie an– sah sie tatsächlich–, und dann wurden seine Augen glasig. Seine Arme sanken seitlich herunter, die Hände fielen auf die mit Scherben übersäten Fliesen. Sein Körper wurde schlaff, der Mund stand offen.

Abigail kauerte sich auf die Hacken und schaute den leblosen Mann vor ihr an.

Sie hatte ihn getötet.

Erster Tag

1. Kapitel

Will Trent starrte zum Autofenster hinaus, während seine Chefin in ihr Handy schrie. Allerdings erhob Amanda Wagner nie wirklich die Stimme, aber ihr Ton hatte eine gewisse Schärfe, der schon mehr als einen ihrer Agenten dazu gebracht hatte, in Tränen auszubrechen und aus einer laufenden Ermittlung auszusteigen– keine schlechte Leistung, wenn man bedachte, dass die Mehrheit ihrer Untergebenen im GBI, dem Georgia Bureau of Investigation, Männer waren.

»Wir sind«– sie reckte den Hals und schaute das Straßenschild an– »an der Kreuzung Prado und Seventeenth.« Amanda machte eine kurze Pause. »Vielleicht könnten Sie die Information in Ihrem Computer nachschauen?« Sie schüttelte den Kopf, offensichtlich gefiel ihr die Antwort nicht, die sie bekommen hatte.

Will versuchte es mit: »Vielleicht sollten wir weiter herumfahren. Vielleicht finden wir ja…«

Amanda legte die Hand über die Augen. Sie flüsterte ins Telefon: »Wie lange dauert es, bis der Server wieder funktioniert?« Die Antwort entlockte ihr ein tiefes, unmissverständliches Seufzen.

Will deutete auf den Monitor, der die Mitte des holzverkleideten Armaturenbretts dominierte. Der Lexus hatte mehr Schnickschnack als ein Weihnachtsbaum. »Haben Sie denn kein GPS?«

Sie ließ die Hand sinken, dachte kurz über diese Frage nach und fing dann an, mit den Knöpfen auf dem Armaturenbrett zu spielen. Der Bildschirm veränderte sich nicht, aber die Klimaanlage surrte stärker. Will kicherte, doch sie brachte ihn mit einem bösen Blick zum Verstummen und fragte: »Vielleicht könnten Sie, während wir darauf warten, dass Caroline eine Straßenkarte findet, die Betriebsanleitung aus dem Armaturenbrett fischen und mir die Anweisungen vorlesen.«

Will zog an dem Hebel, aber das Fach war verschlossen. Er dachte, dass das eine gute Charakterisierung seines Verhältnisses zu Amanda Wagner war. Sie schickte ihn oft vor verschlossene Türen und erwartete, dass er dennoch einen Weg hineinfand. Will mochte ein gutes Rätsel so gern wie jeder andere, aber nur dieses eine Mal wäre es nett gewesen, wenn Amanda ihm den Schlüssel gegeben hätte.

Vielleicht aber auch nicht. Jemanden um Hilfe zu fragen, war noch nie Wills Stärke gewesen– vor allem nicht jemanden wie Amanda, die beständig eine Liste mit Leuten im Kopf zu haben schien, die ihr noch einen Gefallen schuldeten.

Er schaute zum Fenster hinaus, während sie mit ihrer Sekretärin schimpfte, weil sie nicht ständig eine Straßenkarte bei der Hand hatte. Will war in Atlanta geboren und aufgewachsen, aber in Ansley Park hielt er sich selten auf. Er wusste, dass es eines der ältesten und wohlhabendsten Viertel der Stadt war, wo vor über einem Jahrhundert Anwälte, Ärzte und Bankiers ihre beneidenswerten Anwesen erbaut hatten, damit zukünftige Anwälte, Ärzte und Banker so leben konnten, wie sie es getan hatten– in klösterlicher Sicherheit inmitten einer der gewalttätigsten Großstädte auf dieser Seite der Mason-Dixon-Linie. Das Einzige, was sich im Lauf der Jahre verändert hatte, war die Tatsache, dass die schwarzen Frauen, die weiße Babys in Kinderwagen über die Bürgersteige schoben, besser bezahlt wurden.

Mit seinen gewundenen Straßen und den Kreisverkehren schien Ansley Park extra angelegt zu sein, um Besucher zu verwirren, wenn nicht abzuschrecken. Die meisten Straßen waren von Bäumen gesäumt, breite Avenuen mit den Häusern hoch oben auf Hügeln, damit man einen besseren Blick auf die Welt hatte. Überall gab es dicht bewaldete Parks mit Fußwegen und Spielplätzen. Einige Bürgersteige bestanden noch immer aus den originalen Pflastersteinen. Obwohl alle Häuser architektonisch verschieden waren, zeigten sie doch eine gewisse Uniformität in ihren immer frisch gestrichenen Fassaden und den professionell gepflegten Rasenflächen. Will nahm an, dass das so war, weil sogar ein Karriereeinsteiger in diesen Kreisen nicht unter einer Million pro Jahr anfing. Im Gegensatz zu seinem Viertel Poncey-Highland, das weniger als sechs Meilen entfernt war, gab es in Ansley keine regenbogenfarbenen Häuser und keine Drogenkliniken.

Auf der Straße sah Will eine Joggerin, die stehen geblieben war, um sich zu strecken und Amandas Lexus immer wieder einen prüfenden Blick zuzuwerfen. Aus den Morgennachrichten wusste er, dass eine Smogwarnung der höchsten Stufe ausgerufen worden war und den Leuten geraten wurde, im Freien nicht übermäßig zu atmen, außer es war unbedingt notwendig. Keiner schien sich das zu Herzen zu nehmen, auch jetzt nicht, da sich die Temperatur der 40-Grad-Marke näherte. Seit ihrem Eintreffen in Ansley Park hatte Will mindestens fünf Joggerinnen gesehen. Bis jetzt passten alle perfekt in das Klischee der selbstbewussten, unbeschäftigten Ehefrauen mit Pilates-gestärkten Körpern und wippenden Pferdeschwänzen.

Der Lexus stand am Fuß eines anscheinend sehr beliebten Hügels, die Straße hinter ihnen war von hohen Eichen gesäumt, die Schatten auf den Asphalt warfen. Alle Läuferinnen waren langsamer geworden, um das Auto anzuschauen. Das war kein Viertel, in dem eine Frau und ein Mann lange in einem geparkten Auto sitzen konnten, ohne dass jemand die Polizei rief. Natürlich war das auch kein Viertel, in dem junge Mädchen in ihrem eigenen Heim brutal vergewaltigt und ermordet wurden.

Er schaute zu Amanda hinüber, die sich ihr Handy so krampfhaft ans Ohr drückte, dass es aussah, als würde das Plastikgehäuse gleich zerbrechen. Sie war eine attraktive Frau, wenn man sie nicht reden hörte oder mit ihr arbeiten oder eine gewisse Zeit in einem Auto sitzen musste. Sie war Anfang sechzig. Als Will vor über zehn Jahren beim GBI angefangen hatte, waren Amandas Haare noch grau gesprenkelt gewesen, aber das hatte sich in den letzten Monaten drastisch verändert. Er wusste nicht, ob etwas in ihrem Privatleben der Grund dafür war oder ob sie einfach keine Zeit hatte, sich einen Termin bei ihrem Friseur zu besorgen, aber seit einiger Zeit sah man Amanda ihr Alter an.

Amanda hatte wieder angefangen, mit den Knöpfen auf ihrem Armaturenbrett herumzuspielen, offensichtlich versuchte sie, das GPS zum Laufen zu bringen. Das Radio sprang an, und sie schaltete es schnell wieder aus, doch Will bekam noch ein paar Takte einer Swing-Band mit. Sie murmelte etwas und drückte auf einen anderen Knopf, wodurch Wills Fenster heruntergelassen wurde. Er spürte einen Schwall heißer Luft, als hätte jemand eine Backofenklappe geöffnet. Im Außenspiegel sah er eine Joggerin oben auf dem Hügel und die Blätter der Hartriegel, die sich in einer Brise bewegten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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