EONA - Drachentochter - Alison Goodman - E-Book

EONA - Drachentochter E-Book

Alison Goodman

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Beschreibung

Die Macht eines Drachen, die Seele eines Mädchens, das Herz eines Helden

Seit Jahrhunderten herrschen sie neben dem Kaiser über das Reich: die Drachenaugen, Auserwählte der magischen Drachen und Träger ihrer Macht. Eona träumt davon, eine von ihnen zu sein, schließlich hat sie die seltene Gabe, die Drachen in ihrer wahren Gestalt zu sehen. Aber Mädchen und Frauen ist es unter Todesstrafe verboten, Magie zu wirken. Als Eona sich als Junge verkleidet in die Auswahlzeremonie schmuggelt, geschieht das Unglaubliche: Der lange verschollene Spiegeldrache erwählt sie zu seiner magischen Novizin. Doch ihr Geheimnis blieb nicht unentdeckt …

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DIE AUTORIN

Alison Goodman wurde 1966 geboren und lebt heute, nach vielen Reisen, wieder in ihrer geliebten Heimat Melbourne, wo sie kreatives Schreiben unterrichtet und Jugendbücher schreibt. EONA – Drachentochter, der erste Teil ihrer neuen Fantasy-Saga, wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem begehrten Aurealis Award 2008 für den besten Fantasyroman.

Inhaltsverzeichnis

DIE AUTORINWidmungAus den Schriftrollen von Jion TzuKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24HINWEIS DER VERFASSERINDANKSAGUNGCopyright

Für meine liebe Freundin Karen McKenzie

Büffeldrache

Kompass: Nord Violett Drachenauge: Lord Tyron Hüter der Entschlossenheit

Tigerdrache

Kompass: Nordnordost Grün Drachenauge: Lord Elgon Hüter des Mutes

Hasendrache

Kompass: Ostnordost Rosa Drachenauge: Lord Silvo Hüter des Friedens

Drachendrache (oder Spiegeldrache)

Kompass: Ost Rot Drachenauge: keines – der Spiegeldrache ist seit über fünfhundert Jahren verschwunden Hüter der Wahrheit

Schlangendrache

Kompass: Ostsüdost Kupfer Drachenauge: Lord Chion Hüter der Einsicht

Pferdedrache

Kompass: Südsüdost Orange Drachenauge: Lord Dram Hüter der Leidenschaft

Ziegendrache

Kompass: Süd Silber Drachenauge: Lord Tiro Hüter der Freundlichkeit

Affendrache

Kompass: Südsüdwest Tiefschwarz Drachenauge: Lord Jessam Hüter der Findigkeit

Hahnendrache

Kompass: Westsüdwest Braun Drachenauge: Lord Bano Hüter der Zuversicht

Hundedrache

Kompass: West Elfenbein Drachenauge: Lord Garon Hüter der Ehrlichkeit

Schweinedrache

Kompass: Westnordwest Taubengrau Drachenauge: Lord Meram Hüter der Großzügigkeit

Rattendrache

Kompass: Nordnordwest Blau Drachenauge: Lord Ido Hüter des Ehrgeizes

DER KAISERPALAST

Aus den Schriftrollen von Jion Tzu

Niemand weiß, wie die ersten Drachenaugen ihre gefährliche Abmachung mit den zwölf Energiedrachen des Glücks trafen. Die wenigen Schriftrollen und Gedichte, die die Jahrhunderte überdauert haben, setzen erst weit nach Abschluss dieses Bündnisses ein, das Menschen und Geisttiere zum Schutz unseres Landes eingingen. Allerdings soll es noch immer ein schwarzes Buch geben, das von den grausamen Anfängen der uralten Allianz berichtet und ihr furchtbares Ende voraussagt.

Drachen sind Elementarwesen, die das Hua – die natürliche Energie in allen Dingen – beeinflussen können. Jeder Drache ist mit einem der zwölf Himmelstiere des Kreises der Macht verbunden, der sich seit Anbeginn der Zeit in der ewig gleichen Reihenfolge dreht: Ratte, Büffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein. Jeder Drache ist zudem Wächter einer der zwölf Himmelsrichtungen und Hüter einer der Größeren Tugenden.

An jedem Neujahrstag rückt der Kreis voran – das nächste Tierjahr beginnt, und sein Drache übernimmt die Herrschaft, was seine Macht für die nächsten zwölf Monate verdoppelt. Dieser Drache vereint sich mit einem Lehrling der Drachenmagie, und während der Junge in sein neues Leben eintritt, wird der alte Lehrling zum Drachenauge erhoben. Das neue Drachenauge ersetzt seinen Meister und Vorgänger, der sich – von seiner vierundzwanzigjährigen Vereinigung mit dem Drachen erschöpft und tödlich geschwächt – zurückzieht. Es ist ein brutales Tauschgeschäft, das den Drachenaugen gewaltige Kräfte verleiht – genug, um Monsunstürme umzuleiten, Flüsse zu versetzen und Erdbeben Einhalt zu gebieten. Im Gegenzug für diese Herrschaft über die Natur gibt das Drachenauge sein Hua allmählich an seinen Drachen ab.

Nur die Jungen, die einen Energiedrachen sehen können, dürfen hoffen, einst in den Rang eines Drachenauges erhoben zu werden. Den Drachen seines Geburtsjahrs sehen zu können, ist eine seltene Gabe, aber noch seltener kommt es vor, dass jemand einen anderen Energiedrachen zu sehen vermag. An jedem Neujahrstag treten zwölf Jungen, die zwölf Jahre zuvor geboren wurden, dem neuen Jahresdrachen gegenüber und beten, dass sie mit ihrer Gabe vor dem Tier bestehen können. Einer der Jungen wird erwählt, und im Moment der Vereinigung – und nur in diesem Moment – können alle Menschen den Drachen in seiner ganzen Herrlichkeit schauen.

Für Frauen ist in der Welt der Drachenmagie kein Platz. Man sagt, sie entweihen die Magie und besitzen weder die körperliche Kraft noch die charakterliche Stärke, die zur Zwiesprache mit einem Energiedrachen nötig ist. Es heißt auch, das weibliche Auge sei zu sehr gewöhnt, sich selbst zu betrachten, und könne daher die Energiewelt nicht sehen.

1

Ich ließ die Spitzen meiner beiden Schwerter in den sandigen Boden der Arena sinken. Das war die falsche Bewegung, doch der ziehende Schmerz in meinem Unterleib zwang mich, in die Hocke zu gehen. Ich sah, wie sich die nackten Füße von Schwertmeister Ranne heranschoben und er das Gewicht verlagerte, um mit Schwung auszuholen. Wenn ich mit ihm übte, verkrampften sich meine Eingeweide immer vor Furcht, doch dies hier war anders  – dies waren Blutungsschmerzen. Hatte ich mich bei den Mondtagen verzählt?

»Was machst du da, Junge?«, fragte er.

Ich sah auf. Ranne hatte seine beiden Schwerter zum eleganten Kreuzstreich erhoben, mit dem er mich hätte enthaupten können. Seine Hände umklammerten den Schwertgriff fester. Ich wusste, dass er die Schule liebend gern von dem Krüppel befreit hätte. Aber das wagte er nicht.

»Bist du schon erschöpft?«, wollte er wissen. »Deine dritte Sequenz war noch schlechter als sonst.«

Ich schüttelte den Kopf und biss die Zähne zusammen, als mich eine neue Welle von Schmerz erfasste.

»Es ist nichts, Schwertmeister.« Ich erhob mich vorsichtig und behielt die Waffen unten.

Ranne ließ die Arme sinken und trat einen Schritt zurück. »Du bist nicht bereit für die morgige Zeremonie. Du wirst nie dafür bereit sein. Du schaffst es nicht einmal, die Angriffssequenz durchzuführen.«

Er drehte sich im Kreis und funkelte die anderen Anwärter an, die am Rand des sandigen Übungsplatzes knieten. »Nur wenn ihr diese Sequenz vollkommen beherrscht, dürft ihr euch den Spiegeln nähern. Verstanden?«

»Ja, Schwertmeister«, riefen elf Stimmen.

»Bitte – wenn Ihr erlaubt, versuche ich es erneut«, sagte ich. Wieder durchfuhr mich der Schmerz, doch ich ließ es mir nicht anmerken.

»Nein, Eon-jah. Tritt zurück in den Kreis.«

Ich konnte sehen, dass sich die übrigen elf Anwärter vor Unbehagen wanden. Ranne hatte meinem Namen ein -jah angefügt, die alte Schutzformel gegen das Böse. Ich verbeugte mich, kreuzte die Schwerter zum Gruß und stellte mir dabei vor, sie ihm in die Brust zu stoßen. Hinter Ranne nahm der riesige Tigerdrache Gestalt an und musterte mich. Er schien stets zu erwachen, wenn ich mich ärgerte. Ich konzentrierte mich auf den Hasendrachen, bis er strahlend vor mir stand, und hoffte, der Hüter des Friedens würde meinen Zorn besänftigen.

Von den Anwärtern blickte sich nur Dillon in der Arena um. Hatte er die Drachen gespürt? Seine Sinne waren feiner als die der anderen Jungen, doch auch er musste stundenlang meditieren, um einen Energiedrachen zu sehen. Ich war der einzige Anwärter, der die Drachen jederzeit herbeirufen konnte – alle, bis auf den Spiegeldrachen natürlich, der vor langer Zeit verloren gegangen war. Es brauchte meine ganze Konzentration, um die Geisttiere aufsteigen zu lassen, und schwächte mich, aber es war das Einzige, was die letzten zwei Jahre harten Trainings erträglich gemacht hatte. Es war auch der einzige Grund, warum ein Krüppel wie ich als Anwärter zugelassen worden war: die reine Drachensicht war selten, allerdings – wie Schwertmeister Ranne nicht müde wurde, mich zu erinnern – keine Garantie auf Erfolg.

»Zurück in den Kreis. Sofort!«, brüllte er nun.

Ich richtete mich auf und trat zurück. Zu schnell. Der Sand unter meinem kaputten Bein sackte weg und schob es nach rechts. Ich schlug hart auf dem Boden auf. Einen Herzschlag lang war ich vor Schreck betäubt. Dann kam der Schmerz in Schulter, Hüfte und Knie. Meine Hüfte! Hatte ich mir die kaputte Hüfte verletzt? Ich tastete durch Haut und Muskeln nach dem verwachsenen Knochen. Nein, er tat nicht weh. Er war ganz geblieben. Und auch die anderen Schmerzen ließen bereits nach.

Dillon schob sich so rasch auf Knien in die Arena, dass Sand aufflog. Seine Augen waren vor Sorge geweitet. Dieser kleine Narr würde die Dinge nur schlimmer machen.

»Eon, bist du …?«

»Im Kreis bleiben!«, herrschte Ranne ihn an. Dann trat er mich. »Steh auf, Eon-jah. Du bist eine Schande für die Zunft der Drachenaugen. Steh auf!«

Ich erhob mich mühsam auf alle viere, bereit, mich abzurollen, falls er wieder zutrat. Doch der Tritt blieb aus. Ich nahm meine Schwerter und stemmte mich auf die Beine, wobei die Krämpfe erneut einsetzten. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern; ich musste zu meinem Meister zurück, ehe die Blutung begann. Seit mein Körper uns vor einem halben Jahr das erste Mal beinahe verraten hätte, hortete mein Meister weiche Tücher und Schwämme in seiner Bibliothek, wo sie vor neugierigen Blicken geschützt waren.

Die Halbstundenglocke hatte gerade geläutet – falls Ranne mich entließ, konnte ich es bis zur vollen Stunde zum Haus meines Meisters und zurück schaffen.

»Schwertmeister, darf ich mich bis zum nächsten Glockenschlag entfernen?«, fragte ich. Dabei hielt ich den Kopf ehrerbietig gesenkt, sah Ranne aber dennoch in seine ebenso stumpfe wie sture Miene. Vermutlich war er in einem Büffeljahr geboren worden. Oder in einem Ziegenjahr.

Ranne zuckte die Achseln. »Gib deine Schwerter in der Waffenkammer ab, Eon-jah, und mach dir nicht die Mühe zurückzukommen. Ein paar Übungsstunden mehr werden deine Chancen morgen nicht erhöhen.« Er wandte mir den Rücken zu, rief seinen Liebling Baret auf und ließ ihn meinen Platz in der Arena einnehmen. Ich war verabschiedet.

Dillon sah besorgt zu mir herüber. Wir zwei waren die schwächsten Anwärter. Er war zwölf, also so alt wie die übrigen Jungen, aber so klein wie ein Achtjähriger; und ich war lahm. Früher wären wir nicht einmal in den Kreis der Anwärter aufgenommen worden, und niemand rechnete damit, dass der Rattendrache einen von uns beiden in der morgigen Zeremonie erwählen würde. Die Wetten auf Dillon standen bei eins zu dreißig, während mir nur eine Chance von eins zu tausend eingeräumt wurde. Zwar sprach alles gegen uns, doch selbst der Drachenrat wusste nicht, wie ein Drache seine Wahl traf. Ich tat, als gähnte ich Rannes Rücken an, und wartete auf Dillons Lächeln. Seine Mundwinkel zuckten aufwärts, doch das Gesicht blieb angespannt.

Wieder dieser ziehende Schmerz im Unterleib. Ich hielt die Luft an, wandte mich ab und ging vorsichtig auf die kleine Waffenkammer zu, wobei ich das lahme Bein durch den feinen Sand zog. Dillon hatte allen Grund zur Sorge. Die Anwärter bekämpften sich zwar nicht länger um die Ehre, sich den Spiegeln zu nähern, doch wir mussten unsere Stärke und unser Stehvermögen noch in den zeremoniellen Schwertvorführungen beweisen. Immerhin konnte Dillon die Angriffssequenz vollenden, wenn auch mehr schlecht als recht. Ich dagegen hatte die komplizierten Bewegungsabfolgen des Dritten Spiegeldrachen kein einziges Mal geschafft.

Es hieß, man brauche große körperliche und geistige Kraft, um mit den Energiedrachen zu verhandeln und die Kräfte der Erde zu beeinflussen. Unter den Anwärtern wurde sogar geflüstert, ein Drachenauge übertrage seine Lebenskraft allmählich ganz auf seinen Drachen, um dafür die Energien beherrschen zu können, und dieser Pakt lasse ihn vorzeitig altern. Mein Meister war während des letzten Kreislaufs das Tigerdrachenauge gewesen und nach meiner Einschätzung kaum mehr als vierzig Jahre alt. Dennoch sah er aus wie ein Greis und verhielt sich auch so. Vielleicht stimmte es ja und die Drachenaugen gaben tatsächlich ihre Lebenskraft ab. Vielleicht war mein Meister aber auch nur unter der Last der Armut und des Unglücks gealtert. Und nun riskierte er alles um der bloßen Möglichkeit meines Erfolgs willen.

Ich blickte zurück. Ranne beobachtete, wie Baret die erste Sequenz durchführte. Würde der Rattendrache aus all den starken und gesunden Jungen, die darum buhlten, ihm zu dienen, ausgerechnet mich wählen? Er war der Hüter des Ehrgeizes – möglicherweise würden ihn körperliche Fähigkeiten also nicht beeindrucken. Ich wandte mich nach Nordnordwesten und konzentrierte mich, bis ich den Rattendrachen wie eine Fata Morgana über dem Sand schimmern sah. Als würde er meinen Blick bemerken, bog er den Hals und schüttelte seine dichte Mähne.

Sollte er mich wirklich erwählen, würde ich vierundzwanzig Jahre lang Ansehen und Wohlstand genießen: zunächst als Lehrling des gegenwärtigen Drachenauges und dann, wenn er abdankte, als Gebieter über die Energien meines Drachen. Trotz der zwanzigprozentigen Abgabe an meinen Meister würde ich gewaltige Reichtümer anhäufen. Niemand würde es wagen, mich anzuspucken, sich angewidert von mir abzuwenden oder das Zeichen zur Abwehr des Bösen zu machen.

Sollte mich der Drache nicht erwählen, könnte ich von Glück sagen, wenn mein Meister mich als Diener in seinem Haus behielte. Ich würde wie Chart sein, unser Toilettenjunge, dessen Körper für immer zu einer grausamen Parodie seiner selbst verdreht war. Vor vierzehn Jahren hatte Rilla, eine der unverheirateten Mägde, Chart zur Welt gebracht, und obwohl meinen Meister die Missbildungen des Jungen anwiderten, hatte er ihm erlaubt, in seinem Haus zu wohnen. Chart hatte den Dienstbotentrakt nie verlassen und lebte auf einer Strohmatte neben den Küchenherden. Sollte ich morgen scheitern, konnte ich nur hoffen, dass mein Meister mir dieselbe Gnade erweisen würde. Ehe er mich vor vier Jahren fand, hatte ich in einer Saline gearbeitet. Ich würde mir lieber mit Chart die Strohmatte bei den Küchenherden teilen, als in dieses Elend zurückzukehren.

Ich blieb stehen und dehnte meinen Geist weiter aus, bis meine Energien den Rattendrachen erreichten und ich versuchen konnte, das Bewusstsein des gewaltigen Wesens zu berühren. Ich spürte seine Kraft durch meinen Körper blitzen. Sprich mit mir, bat ich. Sprich mit mir. Erwähle mich morgen. Bitte erwähle mich.

Keine Reaktion.

Ein dumpfer Schmerz in der Schläfe schwoll zu greller Qual. Ich konnte die Drachensicht nicht länger aufrechterhalten. Die Anstrengung war zu groß. Er entglitt meinem geistigen Auge und nahm meine Energie mit. Ich stieß ein Schwert in den Sand, um nicht zu stürzen, und rang nach Luft. Ich Narr! Würde ich es denn nie lernen? Ein Drache sprach einzig und allein mit seinem Drachenauge und dessen Lehrling. Ich holte tief Luft und zog das Schwert aus dem Boden. Warum aber konnte ich dann alle elf Drachen sehen? Schon immer hatte ich meinen Geist auf die Energiewelt richten und die riesigen, halbdurchsichtigen Umrisse der Drachen erkennen können. Warum war mir eine solche Gabe in einem derart hässlichen Körper geschenkt worden?

Ich war erleichtert, den Sand zu verlassen und in den gepflasterten Hof der Waffenkammer zu treten. Die heftigen Krämpfe in meinem Unterleib waren endlich einem leichten Ziehen gewichen. Hian, der alte Waffenmeister, saß auf einer Kiste neben der Tür zur Waffenkammer und polierte einen kleinen, frisch geschmiedeten Dolch.

»Haben sie dich wieder rausgeworfen?«, fragte er, als ich an ihm vorbeiging.

Ich blieb stehen. Hian hatte noch nie mit mir gesprochen.

»Ja, Waffenmeister«, sagte ich und senkte das Kinn, um seinen Hohn über mich hinwegspülen zu lassen.

Er hielt den Dolch vor sich in die Höhe und prüfte die Schneide. »Ich habe den Eindruck, du hast dich ganz gut geschlagen.«

Ich blickte ihm in die Augen; das Weiße erschien gegen die vom Schmiedeofen gerötete Haut fast gelblich.

»Mit deinem Bein wirst du den Dritten Spiegeldrachen nie richtig hinbekommen«, sagte er. »Versuch es stattdessen mit einer anderen Sequenz, mit dem Umgekehrten Zweiten Pferdedrachen. Das haben schon andere vor dir getan. Ranne hätte dir das sagen sollen.«

Ich verzog keine Miene, konnte aber den Funken Hoffnung, der in mir aufkeimte, nicht ganz unterdrücken. War das wahr? Aber warum erzählte er es mir? Vielleicht machte er sich bloß über den Krüppel lustig.

Er stand auf und stützte sich dabei am Türpfosten ab. »Ich werfe dir dein Misstrauen nicht vor, Junge. Aber frag deinen Meister. Er ist einer der besten Geschichtskenner und wird dir bestätigen, dass ich recht habe.«

»Ja, Waffenmeister. Danke.«

Auf einen Schrei hin drehten wir uns nach den Anwärtern in der Arena um. Baret lag vor Ranne auf den Knien.

»Schwertmeister Louan galt als einer der besten Lehrer, was die Eröffnungszeremonie angeht. Es ist schade, dass er sich zur Ruhe gesetzt hat«, sagte Hian ungerührt. »Hast du Übungsschwerter zu Hause?«

Ich nickte.

»Dann trainiere heute Abend den Umgekehrten Zweiten Pferdedrachen, bevor du mit dem Reinigungsritual beginnst.« Er stieg steif die beiden Treppenstufen hinunter und sah sich noch mal nach mir um. »Und bestell deinem Meister Grüße vom alten Hian.«

Ich sah ihn langsam zum Tor gehen, das zum Schmiedeofen führte. Das ferne Klirren von Hammer und Amboss begleitete seinen Abgang. Wenn er recht hatte und ich den Dritten Spiegeldrachen durch den Umgekehrten Zweiten Pferdedrachen ersetzen konnte, würde ich keine Schwierigkeiten haben, die Angriffssequenz zu beenden.

Ich trat in die kühle, halbdunkle Waffenkammer und wartete, bis meine Augen sich an das schwache Licht gewöhnt hatten. Ich war weniger überzeugt als der Waffenmeister, dass der Drachenrat eine Abwandlung der Zeremonie erlauben würde, besonders in der Spiegeldrachensequenz. Dieser Drache war schließlich das Symbol des Kaisers und der Legende nach stammte die Kaiserliche Familie von Drachen ab und hatte noch immer Drachenblut in den Adern.

Andererseits war der Spiegeldrache seit über fünfhundert Jahren verschwunden. Niemand wusste genau, wie und warum das geschehen war. Eine Geschichte besagte, vor langer Zeit habe ein Kaiser ihn beleidigt; eine andere berichtete, in einem schrecklichen Kampf zwischen den Geisttieren sei es zur Vernichtung des Spiegeldrachen gekommen. Mein Meister sagte, all diese Geschichten seien bloße Hirngespinste, die die Leute sich am Herdfeuer ausgedacht hätten; die Wahrheit dagegen sei zusammen mit allen Aufzeichnungen dem Vergessen anheim und dem Brand der Spiegeldrachenhalle zum Opfer gefallen. Und er musste es wissen, denn er war – wie der Waffenmeister gesagt hatte – ein großer Geschichtskenner. Sollte es eine alte Variante der Angriffssequenz geben, dann würde er es herausfinden.

Aber zunächst musste ich ihm einen Tag vor der Zeremonie sagen, dass ich die Spiegeldrachensequenz nicht vollenden konnte. Ich zitterte bei dem Gedanken an all die Striemen und blauen Flecke, die mir sein letzter Wutausbruch eingebracht hatte. Ich wusste, dass Verzweiflung ihn dazu verleitete, die Hand gegen mich zu erheben  – im letzten Jahrzehnt hatte mein Meister sechs Anwärter ausgebildet und alle waren gescheitert –, doch ich sehnte mich nicht nach seinem Zorn. Ich umklammerte meine Schwerter fester. Ich musste herausfinden, ob der Umgekehrte Zweite Pferdedrachen erlaubt war. Er war meine einzige Chance.

Mein Meister war kein Narr; er würde mich vor der Zeremonie sicher nicht zu hart bestrafen. Zu viel hing davon ab. Und falls seine Schriftrollen bestätigten, was Hian gesagt hatte, blieben mir vor dem Reinigungsritual gut vier Stunden, um die neuen Bewegungen und Übergänge zu trainieren. Das war nicht lange, sollte aber genügen. Ich hob die Schwerter zum über den Kopf geführten Streich, mit dem der Umgekehrte Zweite Pferdedrache begann, und führte das linke Schwert flach nach unten, um nirgendwo anzustoßen.

»He, fuchtele mit den Dingern nicht hier drinnen herum!«, herrschte mich der Wächter an.

Ich trat zu ihm und senkte dabei die Schwerter.

»Verzeihung, Wächter«, sagte ich eilig zu dem bleichen, dünnen Mann, der es liebte, uns Vorträge zu halten. Ich reichte ihm die Griffe mit zu Boden weisenden Klingen und sah, wie seine Faust sich kurz zum Zeichen gegen das Böse ballte, ehe er die Schwerter nahm.

»Irgendwelche Beschädigungen?«, fragte er und hielt eine Waffe flach vor sich hin, um die Klinge zu prüfen.

»Nein, Wächter.«

»Das sind nämlich kostbare Instrumente, keine Spielsachen. Die musst du mit Respekt behandeln, statt drinnen mit ihnen herumzufuhrwerken. Wenn das jeder –«

»Danke, Wächter«, sagte ich und zog mich zurück, ehe er richtig in Fahrt kommen konnte. Er redete noch, als ich die Stufen bereits erklommen hatte.

Der einfachste Weg, um die Schule zu verlassen, führte zurück über die Arena und durchs Haupttor, doch ich wollte nicht noch einmal durch den Sand laufen oder Rannes Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Stattdessen nahm ich den steilen Pfad zum Südtor der Schule hinunter. Meine linke Hüfte schmerzte vom Training und das Ziehen in meinem Unterleib raubte mir den Atem. Als ich das Südtor erreichte und von dem gelangweilten Wächter durchgelassen wurde, schwitzte ich, weil ich mich so anstrengen musste, um nicht laut aufzuschreien.

Die Straße hinter der Schule lag am Rand des Marktes. Gut ein Dutzend Läden befanden sich hier. Der Geruch von brutzelndem Schweinefett und kross gebratener Ente lag schwer in der Luft. Ich lehnte mich an die Schulmauer, ließ die Steine meinen Rücken kühlen und beobachtete, wie sich ein Mädchen in der blauen Schürze einer Küchenmagd durch Trauben plaudernder Marktbesucher drängte und am Tresen des Schweinefleischverkäufers stehen blieb. Sie war etwa sechzehn Jahre alt – also in meinem wahren Alter –, und ihr dunkles Haar war zu jenem einfach gedrehten Zopf aufgesteckt, der sie als unverheiratetes Mädchen auswies. Ich griff nach meinem kurzen schwarzen, auf Anwärterlänge gestutzten Zopf. Sollte ich am nächsten Tag erwählt werden, würde ich mir die Haare bis zur Taille wachsen lassen, um sie zu dem doppelt gedrehten Zopf binden zu können, wie die Drachenaugen ihn trugen.

Das Mädchen zeigte mit noch immer gesenktem Blick auf eine geräucherte Keule in der Auslage. Der junge Lehrling packte das Fleisch ein und legte es auf die Theke. Erst als er einen Schritt zurückgetreten war, legte das Mädchen die Münze neben das Päckchen und nahm das Fleisch. Keine Unterhaltung, kein Blickkontakt, keine Berührung – es verlief alles sehr sittsam. Und doch spürte ich, dass zwischen den beiden etwas war.

Obwohl ich wusste, dass es sich nicht gehörte, kniff ich die Augen zusammen und konzentrierte mich auf die beiden, wie ich es auch mit den Drachen tat. Erst merkte ich nichts. Dann fühlte ich eine seltsame Veränderung in meinem geistigen Auge, als würde ich näher treten, und dann leuchtete ein Schwall orangefarbener Energie zwischen dem Mädchen und dem Jungen auf und umwirbelte die beiden wie ein kleiner Monsun. Etwas schlug mir auf den Magen und aufs Gemüt. Ich blickte zu Boden, fühlte mich wie ein Eindringling und blinzelte meine Vision weg. Als ich wieder zu den beiden hinsah, wandte sich das Mädchen bereits zum Gehen. Von der Energie, die die beiden eben noch umgeben und deren pulsierendes Licht in meinem Geist ein gleißendes Nachbild hinterlassen hatte, war nichts mehr zu sehen. Warum konnte ich plötzlich derart intime menschliche Energien wahrnehmen? Weder mein Meister noch meine Lehrer hatten je davon gesprochen. Um Gefühle ging es nicht bei der Drachenmagie. Es überlief mich heiß; wieder ein Geheimnis, das es vor der Welt zu verbergen galt. Ich drückte mich von der Wand ab, um mir Bewegung zu verschaffen und den Nachgeschmack von Macht und Scham loszuwerden.

Das Haus meines Meisters lag drei Straßen weit entfernt und der Weg führte ständig bergauf. Das vertraute Ziehen in der Hüfte, wie ich es immer hatte, wenn ich mich zu sehr anstrengte, war stärker geworden und warnte mich. Ich brauchte ein heißes Bad, falls ich die Angriffssequenz noch trainieren wollte. Der Gang neben dem Laden des Fleischverkäufers war eine gute Abkürzung. Sofern er leer war. Ich legte die Hand an die Augen, um das Sonnenlicht abzuschirmen, und musterte die schmale Gasse. Sie schien sicher zu sein, keine Hafenjungen, die sich eine eilige Pfeife teilten oder zum Zeitvertreib einen Humpelnden jagen wollten. Ich machte einen Schritt auf die Gasse zu, zögerte dann aber, weil eine vertraute Bewegung durch die Menge ging: Leute drängten zum Straßenrand und fielen dort auf die Knie und das Gerede verstummte plötzlich.

»Macht Platz für Lady Jila. Platz für Lady Jila.«

Die Stimme war hoch, doch es war ein Mann, der da rief. Eine kunstvoll geschnitzte Sänfte bewegte sich auf den Schultern von acht schwitzenden Männern die Straße hinunter; ihr Passagier war hinter violetten Seidenvorhängen verborgen. Zwölf Wächter in violetten Gewändern und mit gebogenen Schwertern bildeten ein schützendes Viereck um die Sänfte: die Schattenmänner, die Soldaten-Eunuchen des Kaiserhofs. Sie waren stets bereit, Leute, die nicht schnell genug beiseitegesprungen waren oder sich nicht rasch genug verbeugt hatten, niederzuschlagen. Ich ließ mich auf mein gesundes Knie sinken und zog mein lahmes Bein unter mich. Lady Jila? Sie musste sich der besonderen Gunst des Kaisers erfreuen, sonst hätte sie den Palastbezirk nicht verlassen dürfen. Ich senkte den Oberkörper zur höfischen Verbeugung.

Ein stämmiger Mann in Beinlingen und dem Ölzeug eines Seefahrers richtete sich neben mir auf und beobachtete den nahenden Zug. Wenn er sich nicht verneigte, würde er die Aufmerksamkeit der Wächter erregen. Und die achteten nicht weiter darauf, wen sie beim Zuschlagen trafen.

»Das ist eine Hofdame, Sir«, flüsterte ich ihm dringlich zu. »Ihr müsst Euch verbeugen. So wie ich.«

Er warf mir einen Seitenblick zu. »Denkst du, sie verdient unseren Respekt?«, fragte er.

Ich runzelte die Stirn. »Wie meint Ihr das? Sie ist eine Hofdame  – da kommt es nicht darauf an, was sie verdient. Wenn Ihr Euch nicht verbeugt, wird man Euch bestrafen.«

Der Seefahrer lachte. »Du hast eine sehr sachliche Art, das Leben zu sehen. Ich werde deinen Rat annehmen.« Er senkte die Schultern und lächelte dabei noch immer.

Ich hielt den Atem an, als die Sänfte vorbeiglitt, und der aufwirbelnde Staub ließ mich blinzeln. Ein wenig weiter hörte ich ein Schwert auf Haut klatschten: Der voranschreitende Wächter hatte einen Kaufmann, der zu langsam gewesen war, niedergeschlagen. Die Sänfte verschwand hinter der nächsten Ecke und ein allgemeines Aufatmen und Schütteln der Glieder lief durch die Menge. Die Gespräche wurden lauter, als die Menschen sich erhoben und sich den Staub von den Gewändern strichen. Ich stützte die Hände auf den Boden, zog mein Bein hervor und machte mich daran aufzustehen. Plötzlich spürte ich unter jeder Achsel eine große Hand, die mich hochzog.

»Bitte sehr, Junge.«

»Fasst mich nicht an!« Ich sprang mit verschränkten Armen zurück.

»Schon gut«, sagte er und hob beschwichtigend die Hände. »Ich wollte mich bloß für deinen Gefallen revanchieren. Du hast mich vor einem Schwertschlag auf den Rücken bewahrt.«

Er roch nach Tran, altem Schweiß und Seetang. Eine Erinnerung durchzuckte mich: Ich sah mich ein langes Band schwarz schillernden Tangs hochheben und meine Mutter nicken, lächeln, den Tang aufwickeln und ihn in den Korb legen, den sie sich an den schlanken Leib gebunden hatte. Dann war das Bild wieder verschwunden. Wie alle anderen Erinnerungen an die Familie war es so flüchtig aufgetaucht, dass ich es nicht hatte festhalten können.

»Es tut mir leid, Sir, aber Ihr habt mich überrascht«, sagte ich und schlang mir die Arme noch fester um den Leib. »Danke für Eure Hilfe.« Ich verbeugte mich höflich und schritt davon. Noch immer spürte ich seine zupackenden Hände auf meiner Haut.

Die Gasse auf der anderen Straßenseite war nun nicht mehr leer. Ein paar Hafenjungen hatten sich am anderen Ende versammelt und sich zu einem Würfelspiel niedergehockt. Ich würde den längeren Weg nehmen müssen. Wie aus Protest wurde mein Hüftschmerz stärker.

Der Seefahrer trat erneut neben mich. »Vielleicht hilfst du mir noch ein zweites Mal«, sagte er höflich. »Kannst du mir sagen, wie ich zum Tor der Beamten komme?«

Er sah mich fragend an, seine Miene war frei von Argwohn. Ich schaute erneut zu den Hafenjungen hinüber, dann wieder zu dem Seefahrer. Er war nicht übermäßig groß, hatte aber einen kräftigen Brustkorb und starke Schultern, und in seinem gebräunten Gesicht standen ernste Falten. Ich vergewisserte mich mit einem raschen Blick, ob er bewaffnet war: Er trug ein Messer am Gürtel. Das würde reichen.

»Ich bin in die gleiche Richtung unterwegs, Sir«, sagte ich und wies in die Gasse auf der anderen Straßenseite. Es war nicht genau die Richtung, in die er wollte, dieser Weg würde ihn aber immer noch schneller zu seinem Ziel führen, als wenn er die Hauptstraßen nähme. Er lächelte und folgte mir.

»Ich bin Tozay, der Meisterfischer von Kan Po«, sagte er und blieb am Eingang der Gasse stehen. Er faltete die Hände und nickte, wie Erwachsene es Kindern gegenüber gern tun.

Aufgrund meiner Beschäftigung mit Kraftlinien wusste ich, dass Kan Po an der Küste lag und einen der herrlichsten Häfen des Reichs besaß. Er war wie eine Geldbörse geformt und von sieben Hügeln umgeben, die das Glück festhielten, sodass es das Schicksal von jeher gut mit der Stadt meinte. Von Kan Po aus gelangte man überdies zu den Inseln und noch weiter.

»Ich bin Eon, Anwärter für das Drachenauge.« Ich verbeugte mich erneut.

Er starrte auf mich herunter. »Eon? Der lahme Anwärter?«

»Ja«, sagte ich ungerührt.

»Na, wenn das nichts ist.« Er machte die Verbeugung der »Ehrerbietung beim ersten Kennenlernen«.

Ich nickte verlegen, denn darauf war ich nicht gefasst.

»Wir haben vom Nachrichtenboten alles über Euch erfahren«, sagte Meister Tozay. »Er ist vor ein paar Monaten durch unser Städtchen gekommen und hat uns erzählt, der Drachenrat habe beschlossen, dass Ihr Euch den Spiegeln nähern dürft. Meinem Sohn hat es sehr gutgetan, das zu hören. Er ist ein Jahr jünger als Ihr und gerade elf geworden. Eigentlich hätte er mit mir zum Fischen aufs Meer fahren und sein Handwerk lernen sollen, doch er hat im letzten Winter bei einem Unfall mit dem Netz einen Arm verloren.« Kummer trat in das runde Gesicht von Meister Tozay.

»Das muss sehr schwer für ihn sein«, sagte ich.

Ich sah auf mein verdrehtes Bein hinunter – wenigstens tat es noch seinen Dienst. Ich wusste kaum noch etwas von dem Unfall, bei dem meine linke Hüfte zerschmettert worden war, doch ich erinnerte mich genau daran, wie der Arzt eine rostige Säge über mich hielt und überlegte, wo er amputieren sollte. Er wollte das ganze Bein abnehmen, aber mein Meister ging dazwischen und rief den Knochenrichter. In manchen Momenten konnte ich immer noch den Gestank nach Blut und faulendem Fleisch riechen, den die krummen Zähne des Sägeblatts verströmten.

Wir gingen wieder weiter. Ich schielte verstohlen zum anderen Ende der Gasse hinüber. Die Hafenjungen hatten bereits eine Reihe gebildet und beobachteten mich aufmerksam. Meister Tozay neben mir straffte sich, als er die herumlungernde Bande sah.

»Es ist hart für ihn. Und für die Familie auch«, sagte er und strich mit den Fingern über das Heft seines Messers. »Wartet. Ich habe einen Stein im Schuh«, sagte er laut und blieb stehen.

Ich drehte mich um und sah zu, wie er sich bückte und einen Finger in seinen ramponierten Stiefel schob.

»Ihr seid gewitzt, nicht wahr?«, fragte er leise. »Also gut, wenn Ihr einen Leibwächter wollt, solltet Ihr besser auf meiner anderen Seite gehen.« Sein Blick verwandelte seine freundlichen Worte in einen Befehl, doch er wirkte nicht verärgert. Ich nickte und glitt links neben ihn.

»Ich hoffe bloß, Ihr führt mich nicht zu weit von meinem Ziel fort«, sagte er, als er sich wieder aufrichtete, ohne die Jungen aus den Augen zu lassen.

»Das ist wirklich eine Abkürzung«, gab ich zurück.

Er warf mir einen raschen Seitenblick zu. »Aber eher für Euch als für mich, was?«

»Für uns beide. Aber vielleicht etwas mehr für mich.«

Er brummte amüsiert und legte mir die Hand auf die Schulter. »Bleibt dicht bei mir.«

Wir gingen auf die Gruppe zu, wobei Meister Tozay kleinere Schritte machte, um sich meinem langsamen Tempo anzupassen. Der größte Junge – ein gedrungener Kerl mit der dunklen Haut und stiernackigen Kraft der Insulaner – kickte uns lässig einen Stein in den Weg. Er hüpfte übers Pflaster und verfehlte meinen Fuß nur knapp. Seine drei Freunde lachten. Es waren Stadtjungen, schlank, gerissen und von jenem Wagemut erfüllt, der kein Ziel hat und daher stets einen Anführer braucht. Der Inseljunge hob einen großen Stein auf und rieb mit dem Daumen darüber.

»Tag, Jungs«, sagte Meister Tozay.

Der Insulaner spuckte zerkaute Tanninblätter aus und das faserige Knäuel landete vor unseren Füßen. Dabei glitt ein an einer dünnen Lederschnur befestigter Anhänger aus seiner Kleidung, eine bleiche Muschelschnitzerei, die Bambusstangen in einem Kreis darstellte. Auch Meister Tozay sah sie, hielt inne, legte mir die Hand auf den Arm, schob mich hinter sich und wandte sich dem Inseljungen zu. Die anderen Jungen stupsten sich gegenseitig näher und waren gespannt, was da kommen würde.

»Du bist aus dem Süden, ja?«, fragte Meister Tozay. »Von den fernen Inseln.«

Die Schultern des Jungen strafften sich. »Ich bin aus Trang Dein«, sagte er und hob das Kinn.

Ich beugte mich nach rechts, um ihn besser sehen zu können. Im Vorjahr hatte der Kaiser sein Heer auf eine Strafexpedition nach Trang Dein geschickt, um die Unabhängigkeitsbestrebungen der Bewohner im Keim zu ersticken. In den Tavernen der Stadt flüsterte man, alle männlichen Gefangenen aus Trang seien wie Tiere kastriert und dazu gezwungen worden, auf den kaiserlichen Schiffen zu dienen. Dieser Junge war erst ungefähr fünfzehn Jahre alt, aber groß genug, um als Mann zu gelten. Gehörte er zu den Verschnittenen von Trang? Ich ließ den Blick nach unten wandern, doch er trug das lockere Gewand und die Hose der Hafenarbeiter. Ich konnte es ihm also nicht ansehen.

Oder doch? Die Energie eines Kastrierten wäre eine andere als die eines unversehrten Mannes, oder nicht? Vielleicht würde sich meine neue Gedankensicht bei ihm genauso bewähren wie bei der Küchenmagd und dem Lehrling. Die Erinnerung daran, wie ich ihrer mentalen Vereinigung in einem grellen Monsun beigewohnt hatte, ließ mich vor Scham frösteln, aber ich konzentrierte mich dennoch auf die Energiewelt. Erneut hatte ich den seltsamen Eindruck, einen Schritt nach vorn zu machen, und dann war es so blendend hell, dass meine Augen zu tränen begannen. Ich konnte die Energien der einzelnen Menschen nicht unterscheiden; es war ein wirbelndes Durcheinander aus Rot, Gelb und Blau. Dann tauchte wie ein flimmernder Wolkenschatten eine fremde Wesenheit auf. Und ein tiefer Schmerz im Unterleib, zehnmal schlimmer als meine Monatsschmerzen: als würden mir Stacheln durch die Eingeweide gezogen. Nur eine Macht, die von bösen Geistern herrührte, konnte mit solcher Qual einhergehen. Dann verzerrten sich die Wahrnehmungen meines inneren Auges. Zitternd atmete ich ein, als die Gasse wieder in mein Blickfeld zurückkippte. Der Schmerz verschwand. Nie wieder würde ich es wagen, mich derart ungezähmten Energien auszuliefern.

Neben mir hörte ich Meister Tozay sagen: »Ich fische an der Küste vor Kan Po. Ein paar von deinen Landsleuten haben auf meinen Booten gearbeitet. Das war natürlich vor der Strafexpedition. Sie waren alle gute Arbeiter.«

Der Inseljunge nickte misstrauisch.

»Auf den Inseln ist inzwischen wieder Ruhe eingekehrt«, fuhr Meister Tozay leise fort. »Es sind nicht mehr so viele Soldaten in Ryoka. Einige Vermisste machen sich zurück auf den Weg nach Hause.«

Der Junge ließ den Stein fallen und tastete nach der Muschelschnitzerei. Er umklammerte sie wie einen Talisman, sah erst die anderen Jungen, dann Meister Tozay an und zog die Schultern hoch, als wollte er mit seinen Kameraden plötzlich nichts mehr zu tun haben.

»Ist das ein Angebot?«, stammelte er.

»Vielleicht hab ich eine Stelle für dich«, sagte Meister Tozay. »Wenn du ehrliche Arbeit suchst, komm morgen zum Pier Grauer Marlin. Ich warte bis zur Mittagsglocke.«

Er wandte sich ab und schob mich weiter. Als wir die Gasse verließen und auf die belebte Straße der Süßwarenverkäufer kamen, drehte ich mich nach dem Inseljungen um. Er starrte uns gedankenverloren nach und hielt den Anhänger noch immer umklammert.

»Was trägt er um den Hals?«, fragte ich Meister Tozay, als wir die Straße überquerten. »Ein Glückssymbol?« Doch mir war klar, dass der Anhänger mehr als das sein musste.

Mein Begleiter schnaubte. »Nein, mit Glück hat es nichts zu tun.« Er musterte mich durchdringend. »Ihr habt das Gesicht eines Politikers, Eon. Ich wette, Ihr wisst viel mehr als das, was Ihr die Welt sehen lasst. Wie also würdet ihr die Veränderungen in unserem Land beschreiben?«

Mehr Bettler, mehr Überfälle, mehr Verhaftungen, mehr Schimpftiraden gegen den Kaiserhof. Ich hatte meinen Meister überdies in Gesprächen mit anderen seines Ranges flüstern hören: Der Kaiser ist krank, der Thronfolger ist zu unerfahren, und die Treue des Hofstaats gilt nicht einem, sondern vielen.

»Mir ist aufgefallen, dass es sicherer ist, die Miene eines Politikers und die Zunge eines Stummen zu haben«, erwiderte ich trocken.

Meister Tozay lachte. »Eine wohlüberlegte Antwort.« Er sah sich um und zog mich dann in einen schmalen Gang zwischen zwei Geschäften. »Bei dem Anhänger des Jungen handelt es sich um ein Totem der Insulaner, das langes Leben und Mut verleihen soll«, sagte er mir leise ins Ohr. »Und es ist ein Symbol des Widerstands.«

»Gegen den Kaiser?«, flüsterte ich zurück, obwohl ich wusste, wie gefährlich meine Worte waren.

»Nein, Kind. Gegen die wirkliche Macht im Reich der Himmlischen Drachen – gegen Großlord Sethon.«

Sethon war der Bruder des Kaisers, der Sohn einer Konkubine. Die alten Sitten hätten verlangt, dass der Kaiser nach der Thronbesteigung seinen Bruder Sethon und alle anderen männlichen Nachkommen, die sein Vater mit Konkubinen gezeugt hatte, töten ließ. Doch unser Kaiser war ein aufgeklärter Mann, ein gebildeter Mann. Er verschonte das Leben seiner acht jüngeren Brüder. Er machte sie zu seinen Generälen und ernannte Sethon – den Ältesten  – sogar zum Oberbefehlshaber. Unser Kaiser war auch ein vertrauensseliger Mann.

»Aber Großlord Sethon führt die Armeen an. Was können Insulaner gegen solche Macht ausrichten?«, fragte ich.

Meister Tozay zuckte die Achseln. »Nicht viel. Aber es gibt andere, Mächtigere, die dem Kaiser und seinem Sohn immer noch treu ergeben sind.« Er hielt inne, als eine alte Frau an der Ladenluke neben uns stehen blieb und die feilgebotenen Hefekuchen prüfte. »Kommt, dies ist nicht der richtige Ort für dieses Gespräch«, sagte er leise. »Wenn es überhaupt einen richtigen Ort dafür gibt.« Er richtete sich auf. »Ich habe Lust auf einen Krapfen. Und Ihr?«

Ich hätte ihn gern gefragt, wer sich gegen Großlord Sethon erhob, doch das Thema war eindeutig beendet. Und ich hatte sehr lange keinen Krapfen mehr gegessen – für solche Ausschweifungen gab es im Haushalt meines Meisters kein Geld.

»Ich sollte nicht trödeln … «, begann ich.

»Kommt, das dauert nicht lange. Wir essen sie im Gehen. Könnt Ihr mir einen Verkäufer empfehlen?«

Ich nickte. Einen Krapfen zu essen, würde tatsächlich nicht lange dauern. Ich entdeckte eine Lücke in der langsam gehenden Menge und führte Meister Tozay zur Ecke des Wolkenmarkts. Dort ging es geschäftiger zu als sonst, denn die Nachmittagssonne trieb die Leute in den Schatten der großen weißen Seidensegel, die zwischen geschnitzten Stangen aufgespannt waren. Wir kamen an Ari dem Fremden vorbei, der an seinem Kaffeestand einige Kaufleute bediente; der schwere Duft des exotischen schwarzen Getränks hing in der Luft. Ari hatte mir einmal eine Schale davon zu trinken gegeben, und ich hatte den kräftigen, bitteren Geschmack und das leichte Schwirren gemocht, das er in meinem Kopf verursachte. Ich berührte Meister Tozay am Arm und zeigte auf den Kuchenstand links von uns, an dessen Tresen sich die Kunden drängten.

»Die mit den roten Sojabohnen sollen hier sehr gut sein«, sagte ich und stellte mich dabei auf die Zehenspitzen, um die Tabletts mit den säuberlich aufgereihten Krapfen sehen zu können.

Der nussartige Geruch von Sojapaste und süßem Teig breitete sich in einem heißen Schwall in alle Richtungen aus. Gieriger Hunger gesellte sich zu meinen Bauchschmerzen. Meister Tozay nickte und schaffte es, sich mit höflicher Verbeugung vor eine Frau zu schieben, die sich nicht entscheiden konnte. Als ich seinen breiten Rücken und den sonnengebräunten Nacken betrachtete, stieg eine weitere Erinnerung in mir auf: daran, wie ich auf den Schultern eines großen Mannes getragen wurde und die salzige Wärme seiner von der Sonne gegerbten Haut an der Wange gespürt hatte. Doch erneut gelang es mir nicht, das flüchtige Bild festzuhalten. War es eine Erinnerung an meinen Vater gewesen? Ich hatte keine klare Vorstellung mehr davon, wie er ausgesehen hatte. Im nächsten Moment drehte Meister Tozay sich um und hielt in jeder Hand einen in rotes Papier gewickelten Krapfen.

»Bitte schön«, sagte er. »Aber passt auf. Der Verkäufer hat gesagt, sie seien eben erst aus dem heißen Fett gekommen.«

»Danke, Sir.« Der Krapfen war sehr heiß, und es wäre wohl das Beste gewesen abzuwarten, bis er abgekühlt war, doch sein Duft war einfach zu verlockend. Ich biss hinein und schob das heiße Gebäck hektisch im Mund herum.

»Schmackhaft«, sagte Meister Tozay und fächelte sich den Mund.

Ich nickte und konnte kein Wort hervorbringen, während die heiße, sämige und unvermutet süße Füllung mir Gaumen und Zunge verbrannte, mich zugleich aber tief beglückte.

Er wies mit seinem Krapfen nach vorn. »Ist das die Richtung zum Tor?«

Ich schluckte und atmete gierig ein. »Ja, Ihr folgt den weißen Segeln bis ans Ende …« – dabei wies ich auf das seidene Zeltdach  – »… und wendet Euch dann nach rechts. Geht einfach weiter, bis Ihr zum Tor der Beamten kommt.«

Meister Tozay lächelte. »Ihr seid ein guter Junge. Solltet Ihr je an die Küste nach Kan Po reisen, müsst Ihr mir einen Besuch abstatten. Ihr werdet stets willkommen sein.« Er zögerte und legte mir dann die Hand auf die Schulter. »Wenn dieser Drache morgen auch nur einen Funken Verstand hat, wird er Euch wählen«, sagte er und schüttelte mich sanft.

Ich lächelte. »Danke, Sir. Und gute Reise.«

Er nickte, hob grüßend sein Gebäck und schloss sich dem Strom von Menschen in der Mitte des Gehwegs an. Als seine kräftige Gestalt in den Umrissen und Farben der Menge verschwand, hatte ich den Eindruck, er nehme meine Mutter und meinen Vater mit  – zwei halbe, schon verblassende Erinnerungen, die mir nur mehr in der Ahnung eines mir ähnlichen Lächelns und im Geruch sonnengewärmter Haut gegenwärtig waren.

2

Die Stundenglocke läutete, als ich endlich den Riegel des Tors hob, das in die Küche meines Meisters führte. Irsa, eine der Sklavenmägde, stand mit dem Knecht des Müllers bei dem Lieferanteneingang. Sie lachte und stützte die Hände in die Hüften, um deren Pracht zu betonen, während der junge Mann sich einen großen Sack auf die Schulter wuchtete. Dann sah sie mich, trat rasch unter die Tür zurück und kicherte nicht mehr kokett, sondern schlug die tieferen, zischenden Untertöne des Klatsches an. Der Knecht des Müllers drehte sich um, musterte mich und schlug dabei mit den Fingern ein Zeichen zur Abwehr des Bösen. Ich sah weg und ging mit ausladenden Bewegungen daran, das Tor zu schließen, denn ich wollte warten, bis er Irsa in die Lagerräume gefolgt war.

Kaum waren die beiden verschwunden, ging ich langsam Richtung Küche. Lon, der Gärtner, reparierte kniend den niedrigen Bambuszaun, der den Sonnengarten umschloss. Ich nickte ihm im Vorbeigehen zu und er winkte mit schmutziger Hand. Lon blieb meist für sich, grüßte mich aber stets freundlich und höflich und hatte selbst für Chart, den Toilettenjungen, ein Lächeln übrig. Doch so nett wie er waren nur die wenigsten Dienstboten meines Meisters. Unser kleiner Haushalt war deutlich zweigeteilt in die, die der Meinung waren, auch ein Krüppel könne Drachenauge werden, und in die, die das nicht so sahen. Alle Diener meines Meisters wussten, dass seine Reichtümer beinahe erschöpft waren; es gab keine Mittel mehr, um einen weiteren Anwärter auszubilden. Würde es mir am nächsten Tag nicht gelingen, ihm die Lehrlingsprämie und die zwanzig Prozent Abgaben zu sichern, war mein Meister ruiniert.

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