Verlag: Arctis Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Epidemie - Asa Ericsdotter

"Die Fett-Epidemie ist eine tickende Zeitbombe. Schweden muss sich von Grund auf verändern, um eine Katastrophe dieses Ausmaßes bewältigen zu können." Die 'Gesundheitspartei' hat unter Führung von Johan Svärd die Macht übernommen. Ihr politisches Programm: Das Volk von der Gefahr der Fettsucht zu befreien. Jeder wird nach Gewicht und Fettindikator klassifiziert. So auch Landon, ein junger Forscher, der sich auf die Suche nach seiner Liebe Helena macht. Und dabei ein rasch verändertes Land und eine Spur aus Gewalt vorfindet. Was geschieht mit all den Übergewichtigen – und was steckt hinter jenen 'Fat Camps', die es geben soll?

Meinungen über das E-Book Epidemie - Asa Ericsdotter

E-Book-Leseprobe Epidemie - Asa Ericsdotter

Asa Ericsdotter

Epidemie

Roman

»Menschen haben häufig weniger Selbstkontrolle, als sie glauben. Ein überhöhter Glaube an eine effektive Kontrolle unterstützt das impulsive Verhalten sogar. Und ein großer Teil der Bevölkerung hat Probleme mit der Selbstkontrolle. Alkoholkonsum, Rauchen und Probleme mit Übergewicht zeigen, dass heutzutage eine große Zeitinkonsistenz vorherrscht. Irrationales Verhalten erfordert staatliche Interventionen.«

 

»Kalorien kosten«

Expertengruppe für Studien der öffentlichen Ökonomie 2011, Schwedisches Finanzministerium

 

 

»Dieting is the most potent political sedative in women’s history; a quietly mad population is a tractable one.«

 

Naomi Wolf, The Beauty Myth

 

 

»My face is numb, but I’m insane in here.«

 

Eve Ensler, The Good Body

 

19_

Es geschieht in Ramstein. C.L. Jackson ist ein amerikanischer Offizier mit einer Vergangenheit in Vietnam, Ulrika eine junge Schwedin, die kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Krankenschwester steht. Sie ist bei einer Freundin zu Besuch, die sie seit der Grundschule nicht mehr gesehen hat. Es ist Frühling, die Kirschbäume blühen. Die kleine Stadt wird von der Air Base der US-Luftwaffe beherrscht. Ulrika geht abends immer lange aus, sie ist hübsch, trägt schulterfreie Tops. Die Amerikaner sind unverblümt, aber ihr gefällt das. Der Mann sieht in seiner Uniform wie ein Riese aus. Hey you. Und sie kann ihn nicht daran hindern, dass er sie gegen eine Wand drückt, die Erektion ist eine Waffe; er hat viele erfolgreiche Angriffe befehligt, aber dies ist sein unehrenhaftester. Sie schreit wie ein Tier.

 

Neun Monate später gibt sie ihren Sohn zur Adoption frei, an ein wohlhabendes Ehepaar aus Kåbo außerhalb von Uppsala. Dr. Bertil und Amber Thomson-Jæger, die Frau ist mager und unfruchtbar. Sie taufen den Jungen auf den Namen Landon: langer Hügel. Bei der Taufe sitzt die Seite der Familie Jæger im Kirchenschiff rechts, die Sonne scheint blau durch die Glasfenster.

Zwanzig Jahre später erhält Landon einen Brief. Er ist gerade in die Skolgatan gezogen, in ein paar Monaten beginnt sein Studium an der Universität von Uppsala. Ulrika entschuldigt sich – oder erleichtert ihr Gewissen, das ist schwer zu sagen. »Dein Vater«, schreibt sie und dann: Vorname, Nachname, geschätztes Alter. Weiter unten fügt sie noch einige Details hinzu, als wären sie ein Teil seines Erbes. Er habe sie vergewaltigt, in dem Jahr habe es in Deutschland viele Schweine gegeben; sie schreibt auch von der höllischen Geburt und den chronischen Schmerzen im Becken.

Als Landon eine Weile später zu ihr Kontakt aufnehmen will, ist sie nicht auffindbar. Auf den Namen des Vaters stößt er im Totenregister.

 

Die Scham hat zwanzig Jahre lang im Verborgenen gelegen und jetzt wird sie ein Teil von ihm. Landon ist hellhäutig, seine Haare sind so rötlich, dass er fast norwegisch aussieht, nicht selten hält man ihn für einen aus dem Nachbarland. Der hochgewachsene Körper. Die blassen Wangen mit Sommersprossen. Monatelang lässt er seinen Bart wachsen.

Er ist zurückhaltender als nötig; es gibt Frauen, die ihn dafür verachten. Nur beim Essen hat er keine Hemmungen. Daneben hat er großes Interesse am Vietnamkrieg, im Regal unter dem Fernseher stehen unzählige DVDs mit Dokumentationen. Durch Zufall stößt er auf das Institut für Nordamerika-Studien und er meldet sich für einen Kurs nach dem anderen an. Irgendwann wird er verstehen oder sich sogar wiedererkennen. »Papa«: eine vage Übelkeit, ein Schwarz-Weiß-Bild aus dem Archiv in Washington, der markante, grobe Kiefer. Aber die Gewalt bleibt etwas Fremdes.

Bis heute.

 

Das ist die ganze Geschichte. Als Landon mit Rita Peters eine Beziehung eingeht, promovieren sie beide gerade. Ein neues Jahrtausend ist angebrochen, Schweden fällt als Wirtschaftsmacht zurück. Die ersten Interviews mit Johan Svärd schießen wie Leuchtraketen aus dem Einheitsbrei der täglichen Nachrichten empor. »Wir sind mit einer grassierenden Fettsucht konfrontiert, die sich zu einer Katastrophe ausbreitet«, sagt er. Oder: »In der kommenden Generation wird jeder dritte Schwede übergewichtig sein.« Die neue Partei will für einen revolutionären Umschwung in der Gesundheit der Bevölkerung sorgen und Schweden wieder schlank machen. Übergreifende Reformen werden versprochen. Subventionierte Magenchirurgie. Landon hört in der scharfen Rhetorik des jungen Parteivorsitzenden die Stimme seiner aufs Gewicht fixierten Mutter und tut ihn als Verrückten ab. Die Gesundheitspartei ist ein schlechter Scherz. Rechtspopulismus in seiner lächerlichsten Form.

Als Landon und Rita sich sieben Jahre später trennen, ist Johan Svärd Ministerpräsident und Rita hat sich auf neunundvierzig Kilo heruntergehungert.

Er gehört zu den Männern, die sich entschuldigen, nachdem sie ejakuliert haben. Eine Kommilitonin hatte diesen Spruch auf einer Party losgelassen und alle hatten gelacht. Das war rücksichtslos, sie kannten ihn ja nicht, und Landon hatte gedacht, was wisst ihr denn schon, doch es verletzte ihn.

Fragt Rita, hatte er sagen wollen.

Rita Peters war auf einem Fest für die neuen Doktoranden in einem gestreiften Pullover erschienen, der über den Brüsten spannte, und mit einer schiefen Stimme, die sie nicht davon abhielt, auf den Tisch zu klettern und eines der traditionellen Studentenlieder zu singen. Erst nach Stunden hatte Landon den Mut gefasst, sie anzusprechen. Sie war Literaturwissenschaftlerin mit einem Faible für Poetry Slam, er ein USA-Kenner, den niemand kannte. Doch etwas an ihm hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt.

Sie hatte all seine Bedenken und seine Ängstlichkeit zerstreut und er hatte seit dem Brief von Ulrika zum ersten Mal etwas, an dem er sich festhalten konnte. Gelegentlich fuhren sie in das kleine Sommerhäuschen der Familie Thomson-Jæger auf Kavarö und setzten sich mit ihren Abhandlungen nebeneinander aufs Sofa – jeder auf seine Seite. Ihre handelte von der Machokultur in der Slam-Poetry, seine von Olof Palme und dessen USA-Kritik. Abends machten sie es sich mit zwei Litern Eiscreme im Bett gemütlich und ärgerten sich, den Tag vergeudet zu haben, ohne einander zu berühren.

Landon sah vom Schreibtisch auf. Er musste aufhören, an sie zu denken. Früher oder später musste er damit aufhören. Es tat weh, wenn er ihr auf einem der Flure der Universität begegnete. Ihr Körper war ausgemergelt, die Haut ganz grau.

Er hatte sie viele Jahre lang geliebt, das letzte Jahr vergeblich. Zum Schluss hatte er seine Sachen in Umzugskartons gepackt und war aus der gemeinsamen Wohnung in der Luthagsesplanaden ausgezogen. Ein zwei Meter hoher Crosstrainer und ein Laufband standen vor dem Fernseher, wo früher das Sofa gewesen war. Überall lagen Hanteln und Pilatesbänder, Trainingspläne und Hochglanzmagazine mit Rezepten für Kohl-Smoothies und den besten Diättipps der Hollywoodstars. Die Küche betrat Rita fast nie und aus dem Badezimmer drang ein aufdringlicher Azetongestank.

Seither waren Monate vergangen. Rita hatte eine Lektorenstelle im literaturwissenschaftlichen Institut übernommen, die ihre Vorgängerin Gloria Öster hatte niederlegen müssen, und Landon hatte seine Postdoktorandenstelle am Institut für Nordamerika-Studien. Doch es war unklar, wie lange er noch bleiben durfte. Bei der letzten Gesundheitskontrolle war er um Haaresbreite einer schriftlichen Verwarnung entgangen. »FMQ 41!«, hatte die Krankenschwester gerufen und missbilligend den Kopf geschüttelt. Das Institut für Ernährung war zu dem Schluss gekommen, dass der BMI, die alte Formel zur Berechnung des Körpergewichts, allzu großzügige Ergebnisse lieferte. Groß gewachsene Menschen schnitten bei diesen Parametern besser ab und kamen ungeschoren davon.

So hatten sie es verkündet. Als ob es sich um eine Straftat handelte.

Der Fett-Muskel-Quotient war zur besten Waffe der Gesundheitspartei geworden. Er entschied über die berufliche Eignung. Mit einem FMQ von über 42 kam man nicht mehr für die Arbeit im öffentlichen Dienst infrage. Als Landon das erste Mal von dem Vorschlag der Regierung hörte, hatte er seinen Ohren kaum getraut. Mittlerweile war er bedeutend weniger naiv, sofern es um die Ziele der Gesundheitspartei ging und wie weit sie bereit war zu gehen. Im Institut für Nordamerika-Studien hatte einer der Dozenten seine Stelle verloren, ebenso wie die beiden neuen Doktoranden. »Das ist nicht unsere persönliche Entscheidung«, hatte der Dekan erklärt, nachdem Landon und seine Kollegen gegen die Kündigungen protestiert hatten. »Sie liegt bei einer höheren Instanz.«

Die Botschaft der neuen Regierung stieß bei den Menschen auf begeisterte Resonanz. Johan Svärd hätte sich nicht besser im politischen Parteiengefüge einordnen können: in der Mitte zwischen dem konservativen Lager und den Sozialdemokraten. Nahm man sich beim Wahlbarometer nicht in Acht, wurde man par défaut als Gesundheitsparteiler eingestuft. Nicht nur alte Liberal-Konservative wie Herr und Frau Thomson-Jæger verfielen dem Charme des jungen Politikers. Landon hatte linke Freunde, die jubelten, sobald der Ministerpräsident eine Rede hielt und die Verstaatlichung vorantrieb.

Die Universität war zu einer Gefahrenzone geworden. Die Gespräche in der Mensa drehten sich nur noch darum, was gegessen wurde und was nicht, oder wie viel man trainieren müsse, um es wieder zu verbrennen. Mittlerweile setzte sich Landon weg von den anderen, um den Gesprächsthemen zu entgehen. Das angeordnete Fitnessprogramm machte die Sache nicht besser. Bis tief in die Nacht sah man die Leute mit verschwitzten T-Shirts und roten Köpfen aus den neu eingerichteten Fitnessräumen der theologischen Fakultät kommen. Sie starrten planlos vor sich hin mit matten, leeren Augen.

Wie Rita, war sein Gedanke und dann dachte er nicht weiter darüber nach.

Er nahm eine der gehefteten Abschlussarbeiten aus dem Bücherkarton, der auf dem Boden stand, und unterschrieb das Vorsatzblatt. Ein neuer Kollege aus Stockholm wollte seine Dissertation lesen und Landon hatte nichts dagegen, das Archiv um einige Gramm zu erleichtern.

Er hatte mehrere Jahre lang nach seinem Vater gesucht. Die Dissertation war ein Vorwand gewesen und nur Rita kannte den wahren Grund. Im Nachhinein bereute er es beinahe, dass er sie eingeweiht hatte. Schwedisch-Amerikanische Beziehungen 1968–1974. Die endgültige Fassung trug den Untertitel Das Problem Palme, ein in sich geschlossener Teil innerhalb seiner Dissertation. Olof Palme kritisierte den Vietnamkrieg, die Amerikaner reagierten gereizt. Es ging sogar so weit, dass Schweden auf dem besten Weg war, bei der Verteilung der Souvenirs vom Mond übergangen zu werden.

Landon hatte im Archiv in Washington drei Wochen damit verbracht, offizielle Dokumente durchzugehen. Fotos und Bildmaterial von der US-amerikanischen Armee. Listen über Truppenstationierungen. Das war im Februar gewesen, draußen war es eiskalt und der Schnee lag zwei Meter hoch. Jeden Abend um Punkt halb sechs hatte er sich in den Bus Richtung Jugendherberge gesetzt, Kaffee aus einem Pappbecher getrunken und ein paar klebrig-süße Biskuits mit Feigenmarmelade verdrückt.

Sein Doktorvater in Uppsala war von seinem Engagement und seinem Eifer begeistert, doch die Entwürfe, die er abends per Mail ablieferte, waren lediglich Ablenkungsmanöver. Nur er und die Bibliothekarin wussten, dass die Recherchen, mit denen er sich den größten Teil des Tages beschäftigte, nicht das Geringste mit dem ermordeten schwedischen Ministerpräsidenten zu tun hatten.

Am Ende hatte er das Foto gefunden. Der Kriegsheld Calen Logan Jackson. Flachsblonder Bürstenhaarschnitt. Orden am Revers.

Das war ein halbes Jahr, bevor er Rita getroffen hatte. Seine Eltern wussten nichts von dem Brief, den Ulrika ihm geschrieben hatte. Es gab niemanden, dem er davon erzählen konnte oder wollte. An diesem Abend war er mit dem Bus den ganzen Weg bis zum Washingtoner Kapitol gefahren und hatte sich dort auf die Stufen gesetzt. Die Straßenlaternen leuchteten schwach im Schneetreiben. Schneepflüge drehten ihre Runden auf dem leeren Platz.

Er erinnerte sich vor allem an die Kälte. Für das andere gab es keinen Platz. Am nächsten Morgen fuhr er zurück ins Archiv und vertiefte sich in die Dokumente. Die Korrespondenz über die radikale Haltung Olof Palmes und die besorgniserregenden Treffen der schwedischen Linken. Der Bericht über den Ersten-Mai-Umzug im Humlegården in Stockholm. Die Dissertation schritt unerwartet schnell voran. Die US-amerikanischen Armeen zogen zielstrebig aus Landons Kopf ab und machten Platz für das Thema, für das er eigentlich hier war.

Sechs Monate später ging er zu der Universitätsfeier und verliebte sich in Rita.

Das Sieb im Abfluss der Duschkabine war rot von Blut. Das heiße Wasser brannte in den Wunden, die die Peitschenhiebe in ihre Haut gerissen hatten. Durch die alte Billardhalle am Sivia-Targ dröhnte die Musik so laut, dass der Boden vibrierte. Die nächste Trainingseinheit hatte schon angefangen.

»Ihr müsst kämpfen! Kääämpfen!«

Das Gebrüll der Frau war bis in die Duschkabine zu hören. Rita Peters hatte einen Vertrag unterzeichnet: auf eigene Verantwortung, für alle eventuellen Verletzungen haftet der Unterzeichner selbst, etc. Ihr war das einerlei. Macht mit mir, was ihr wollt.

Jetzt wurde das Wasser abgestellt. Sie blickte an ihren Schenkeln herab. Ein langer, blutroter Striemen. Als ihr schwarz vor Augen geworden war, hatte sie aufgehört – und sofort war der Peitschenhieb gekommen.

Ausreden gab es nicht.

»UNDEINSUNDZWEI, UNDEINSUNDZWEI …«

Von allen da drinnen war sie die Dickste. Die jungen Frauen, die auf den Laufbändern vor ihr trainiert hatten, bestanden nur noch aus Knochen und heißen, pulsierenden Adern. Rita schämte sich. Sie hatte noch eine Einheit dranhängen wollen, aber es gab keinen freien Platz mehr. Und eine Stunde zu sitzen und zu warten – einfach nur zu sitzen, war für sie unvorstellbar. Sie hatte zu viel Wasser getrunken. Ihr Bauch spannte und drückte und fühlte sich gebläht an. Bald würden die Leute glauben, sie sei schwanger – und wenn es etwas gab, das unwahrscheinlicher war, verdammt …

»UNDLOS, WEIIITER!«

Fight-Or-Die-Bootcamp. In Hollywood machte das jeder. Die Trainer akzeptierten kein Nein. Wer die Fitnessgeräte verließ, erhielt sofort die Quittung.

Rita kaute fieberhaft. Sie hatte schon zwei Packungen zuckerfreies Kaugummi verbraucht, aber ihr Körper schrie nach Nahrung. Die aufgeplatzte Haut schmerzte, als das Wasser wieder zu fließen begann.

»Rita P.?«

Sie zuckte zusammen.

Eine blonde, stark geschminkte Frau schaute in den Duschraum. »Sie haben sich für eine weitere Trainingseinheit eingetragen? Ein Teilnehmer ist nicht erschienen. Wenn Sie wollen, können Sie einspringen.«

Rita blinzelte. Ihr Kopf bewegte sich automatisch auf und ab.

ACESULFAM-K, ASPARTAM, FRUKTOSE, GLUKOSE, HONIG, LAKTOSE, AHORNSIRUP, MAISSIRUP, SACCHARIN, SACCHAROSE, STEVIA, SUCRALOSE.

Helena Andersson nahm die Tabelle und warf sie zusammen mit Mollys anderen Hausaufgaben in den Mülleimer. Hör nicht so genau hin, Kleines. Das ist nur Hokuspokus.

Sie nahm die Nudelpackungen vom Küchenregal und packte sie in eine Papiertüte, die auf dem Fußboden stand. Mehl und Zucker kamen ganz nach oben. Sie blieb eine Weile vor dem Vorratsschrank stehen. Sollte sie auch Kakao mitnehmen? Und Vanillezucker?

Helena stopfte so viele Lebensmittel wie möglich in die Tüte und trug sie hinaus in den Flur. Der notwendigste Hausrat hatte in einem der Bananenkartons Platz gefunden. In der blauen Ikea-Tasche lagen ein paar Handtücher und Laken. Helena warf einen Blick auf die übervolle Flurgarderobe. Das hatte man davon, wenn man niemals Sachen aussortierte.

Sie nahm ein paar Jacken von den Kleiderbügeln. Eine Jacke für mich und eine für Molly, entschied sie, und dann noch Mollys Overall. Mützen und Schals konnten sie einfach mitnehmen. Dabei war es schon fast so kalt, sie zu tragen. Molly konnte ihre Tasche selbst packen, sobald sie von der Schule nach Hause kam. Ihre Tochter würde an nichts anderes denken als an ihre Kuscheltiere und ein paar Donald-Duck-Comics, aber das war kein großes Problem. Molly trug eh immer den Pullover mit dem Katzenkopf.

Sie lächelte traurig. Meine kleine Motte.

Als Helena das erste Mal von der geplanten Schulreform gehört hatte, war es für sie nichts weiter als ein Schreckgespenst und der neue Lehrplan ein größenwahnsinniges Projekt. Die Kernfächer waren radikal reduziert worden. Alle schwedischen Schulkinder hatten nachmittags Sportunterricht und Gesundheitskunde und die Übergewichtigen sollten ganztägig in Sonderklassen unterrichtet werden. Eine vorübergehende Maßnahme, hatte Johan Svärd erklärt, denn »akute Situationen erfordern akute Lösungen«, und so weiter. Sobald die betroffenen Kinder ein akzeptables Gewicht erreicht hätten, dürften sie auch wieder am normalen Schulunterricht teilnehmen.

Allein der Gedanke machte sie wütend. Was bildeten sich diese Menschen eigentlich ein? Neuerdings wurde schon in der Grundschule mit Diäten der Grundstein für spätere Essstörungen gelegt. Molly war acht Jahre alt und hatte bereits Ernährungslehre als Fach. Helena und ein paar andere Eltern hatten bei der Schulleitung protestiert, diese hatte die Verantwortung jedoch zurückgewiesen. Die Schule befolge lediglich nationale Richtlinien, es liege nicht in ihren Händen, bla bla bla.

Als man Molly in die neue Sonderklasse versetzt hatte, war Helena bereits seit einem halben Jahr arbeitslos gewesen. Drei Monate hatten sie ihr gegeben, drei Monate, in denen das kleine bisschen Selbstwertgefühl, das sie in ihrem Erwachsenenleben hatte aufbauen können, vollkommen zerstört worden war. Eine Probezeit. »Begreifen Sie es als Chance, endlich die Folgen Ihres bequemen Lebenswandels zu bekämpfen!«, hatte der Personalchef des medizinischen Versorgungszentrums in Gimo gesagt und dabei vielsagend auf ihren Bauch geblickt.

Sie nahm Mollys Winteroverall vom Haken und zog die Ärmel ein bisschen in die Länge. Sie würde doch wohl nicht noch vor Ende des Winters aus dem Overall herausgewachsen sein? Die rosa Daunenjacke war jetzt schon ein bisschen eng. Gestern hatte sie erzählt, dass sie ein Junge auf dem Schulhof deshalb gehänselt hatte.

Diese verdammte Schule. Letzte Woche war Molly mit einem neuen Buch nach Hause gekommen: »Lily macht Diät«. Auf dem Umschlag war ein in Tränen aufgelöstes Mädchen abgebildet, das vor dem Spiegel ein Speckröllchen betastete. Im Rückseitentext stand, es ginge um die siebenjährige Lily, die es nicht mehr länger ertragen konnte, ständig gemobbt zu werden, weil sie zu dick war. Sie wollte endlich wieder Freunde haben.

Helena hatte mehrere Minuten lang auf das dünne Buch gestarrt. Altersempfehlung: 6–8 Jahre.

Statt ihrem allerersten Impuls nachzugeben und das Buch wegzuwerfen, hatte sie es sich mit Molly zusammen angesehen. In der Schule würde man sie sowieso zwingen, es zu lesen. Die Klassenlehrerin ließ nicht mit sich diskutieren, und je schneller Molly das Buch gelesen hatte, desto besser. Mit Helenas Hilfe hatte Molly Abschnitte des Buchs erkannt, die intolerant und diskriminierend waren. Anschließend durfte Molly sich eine eigene Geschichte mit dem Titel »Wie Lily wieder glücklich wurde« ausdenken, in der die arme Lily lernte, dass es im Leben wichtigere und lustigere Dinge gab, als sich mit Essen und Aussehen zu beschäftigen. Mit einer solchen Art von Hausunterricht beschäftigte sie sich derzeit. Vorbeugende Maßnahmen, die beinahe lächerlich waren. Molly sollte jeden Tag erzählen, wie es in der Schule gewesen war. Sie sorgte dafür, dass eine ordentliche Zwischenmahlzeit auf dem Tisch stand, wenn Molly nach Hause kam, damit sie nicht bis zum Abendbrot hungern musste. Liebe geht nicht nur durch den Magen, dachte sie, aber es war ein Balanceakt. Ganz unbeschadet würde Molly aus dieser Sache nicht hervorgehen.

Sie selbst hatte in ihrer Jugend jahrelang versucht, jene vollen Kurven, die ihr vererbt worden waren, zu besiegen, und diese aussichtslosen Qualen wollte sie Molly am liebsten ersparen. Helena hatte der Schulkrankenschwester vergeblich zu erklären versucht, dass es in ihrem Fall nicht um schlechte Angewohnheiten ging. Alle Frauen in der Familie Andersson hatten breite Hüften und üppige Formen. All die Diäten und Kuren hatten im Endeffekt nur das Gegenteil bewirkt. Sie selbst war diesem Teufelskreis einigermaßen unbeschadet entkommen, aber wie würde es Molly ergehen? Wie lange würde sie gegen sich selbst kämpfen müssen?

Die Voraussetzungen waren mehr als schlecht. Die Schüler der Sonderklasse bekamen statt eines Mittagessens eine kalorienarme Mahlzeit, eigene Lunchpakete waren verboten. Molly und ihre Klassenkameraden durften nicht einmal in der Schulkantine sitzen. Die »normalen Kinder« sollten ihre Mahlzeiten nicht in Gegenwart der Andersartigen essen müssen.

So hatte es die Schule in ihrer Benachrichtigung, dass Molly in diesem Schuljahr die Sonderklasse besuchen würde, nicht formuliert – aber fast.

Wir möchten niemanden stigmatisieren. Molly hatte nur drei Sekunden gebraucht, um zu verstehen, worum es ging – die Kinder waren schließlich acht Jahre alt, nicht acht Monate – und Helena hatte sie nicht anlügen wollen. Sie hatte ihr gesagt, wie es war: dass es ein Experiment sei. Eine Maßnahme, vorgeschrieben von der neuen Regierung.

Du weißt schon. Das ist genauso wie mit meiner Arbeit. Aber es geht vorüber. Bald ist alles wieder so wie früher.

Das war vermutlich eine sehr großzügige Interpretation. Die Partei hatte zwar gesagt, dass es sich lediglich um eine Testphase handele, aber solche Formulierungen hatte Helena schon zur Genüge gehört. Johan Svärds vorübergehende Maßnahmen hatten die Angewohnheit, alles andere als vorübergehend zu sein.

Sie ging zurück in die Küche und nahm die Post vom Eckschrank, um nachzusehen, ob es noch eine Rechnung gab, die sie vor ihrer Abfahrt begleichen musste. Als ihr Blick auf die Broschüre von Mollys Schulkrankenschwester fiel, fühlte sie einen Stich in der Magengegend. Das bunte Papier glänzte im Licht der Küchenlampe. Die Zeichnung auf der Vorderseite stellte ein rosa Schweinchen dar, das mit einem weißen Verband um den Bauch in einem Krankenhausbett lag.

WERSCHÖNSEINWILL, MUSSLEIDEN.

Helena biss sich auf die Lippe. Genau das hatten sie mit Emil gemacht.

Sie wollte es immer noch nicht glauben. Selbst bei Erwachsenen hatten Magenoperationen oft emotionale Folgen. So hatte sie es während ihrer Krankenschwesterausbildung gelernt. Wenn man nie normale Portionen aß, wurden soziale Kontakte so gut wie unmöglich. Ganz zu schweigen davon, nichts mehr essen zu dürfen, wenn man es gewohnt war, dass es einem in bestimmten Lebenssituationen half.

Wie würde sich das alles erst bei einem Kind auswirken? Ein siebenjähriger Junge, dem man nur wenige Prozente seines Magens gelassen hatte.

Helena legte einen von Mollys Schals zusammen. Emils Operation war nicht gut verlaufen. Die Klassenlehrerin hatte es am Elternabend mitgeteilt. Helena hatte mehrere Minuten lang dagesessen, ohne die Worte zu verstehen. Irgendjemand hatte eine Gedenkstunde vorgeschlagen, aber die Lehrerin hatte abgewinkt. Mitten im Schuljahr war für so etwas keine Zeit. Vielleicht könne man das zu einem späteren Zeitpunkt arrangieren. Im Grunde gebe es ja keine Eile.

Helena schauderte. Der Brief, den Molly letzte Woche aus der Schule mit nach Hause gebracht hatte, hatte genauso kühl geklungen. Wir würden es begrüßen, wenn alle Eltern in dieser Angelegenheit mit uns zusammenarbeiteten. Es wird erwartet, dass die Listen mit geeigneten Nahrungsmitteln, Trainingsmethoden etc., die zu Beginn des Schuljahres ausgeteilt wurden, auch nach Ende des Schultages befolgt und eingehalten werden. Trotz dieser Maßnahmen zeigen sich bei Molly nicht die Ergebnisse, die wir uns erhofft haben. Wir fragen uns natürlich, woran das liegen könnte. Bemühen Sie sich in ausreichendem Maße bei der Essenszubereitung zu Hause? Auch zu Ihrem eigenen Besten? Um ein Vorbild zu sein?

Helena hatte innerlich gekocht. Sie musste sich zusammennehmen, um nicht in die Schule zu gehen und der Klassenlehrerin einen Schlag in ihr ausgezehrtes Gesicht zu verpassen.

Das war auch der Grund, warum sie an diesem Morgen so früh aufgestanden war und angefangen hatte, Mollys und ihre Sachen zu packen. Sie würden das Reihenhaus in Gimo verlassen. Die Broschüre von der Schulkrankenschwester war ein schlechtes Zeichen gewesen. Der Brief von der Klassenlehrerin ein noch schlechteres. Bei zwei Jungen aus Mollys Klasse hatte man bereits einen operativen Eingriff empfohlen. Einer von ihnen war tot. Es war Zeit zu verschwinden.

Zumindest vorübergehend.

In der Wohnung in der Skolgatan herrschte das reinste Chaos. Überall Bücher, Pizzakartons und schmutzige Kaffeebecher. Auf dem alten Holztisch, den Landon vor Jahren mithilfe eines Skateboards und eines Seils vom Secondhandladen bis nach Hause geschleppt hatte, lagen ein paar Dutzend Artikel in ungeordneten Stapeln. Er hatte den Auftrag für einen Schulbuchartikel über Schweden und den Vietnamkrieg erhalten. Und damit er ungestört arbeiten konnte, hatte er sich entschieden, zu Hause zu bleiben. Theoretisch eine gute Idee: Keine Studenten, die mit Fragen zur bevorstehenden Prüfung vor der Tür standen, sobald er sich in einen Artikel vertieft hatte. Niemand, der freitagnachmittags um fünfzehn Uhr mit einer verspäteten Semesterarbeit, die korrigiert werden musste, in sein Büro kam. Keine Kollegen, die ihm eine gemeinsame Kaffeepause oder eine kleine Zwischenmahlzeit vorschlugen.

Letzteres war sowieso kaum realistisch – es war Monate her, seit er jemanden gesehen hatte, der sich am Kaffeeautomaten im Institut etwas anderes als einen Becher ungesüßten Zitronentee geholt hatte, und wenn er selbst während der Kaffeepause Schokoladenkekse anbot, sahen die Leute ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Es war auch nicht besonders wahrscheinlich, dass Landon Thomson-Jæger nur konzentriert arbeitete, wenn ihn niemand ablenkte. Aber er brachte es einfach nicht über sich, in die bedrückende Arbeitsatmosphäre des Instituts zurückzukehren.

Das Problem war die Wohnung. Sie war zu groß. Er bekam keinen Überblick.

Nach einer Woche mit mäßigem Arbeitsfortschritt beschloss er, hinaus auf die Insel Kavarö zu fahren. Das elterliche Sommerhaus war in der Zeit, in der er an seiner Dissertation gearbeitet hatte, ein ausgezeichneter Rückzugsort gewesen, zumindest seiner Erinnerung nach, und seit der Scheidung seiner Eltern stand es leer. Bertil, genannt Beppe, war im ganzen letzten Jahr nicht einmal dort gewesen. Ohne Amber ertrug er es dort nicht. Und obwohl Familie Thomson-Jæger gern damit kokettierte, das rustikale Leben zu schätzen (Beppe war immer maßlos stolz auf seinen alten Volvo 240 gewesen), war Landon der Einzige, der sich auf Kavarö wohlfühlte. Das »Häuschen« in Juan-les-Pins wurde viel mehr genutzt. Mittlerweile hatte Amber sich dort häuslich niedergelassen (»Nur als Zweitwohnsitz«, behauptete sie zwar, aber Landon hatte sie seit dem letzten Weihnachtsfest nicht mehr auf schwedischem Boden gesehen), und Beppe saß als frischgebackener Rentner in seinem großen Haus und erging sich in endlosen Grübeleien über die Vergangenheit. Landon fand, dass er ein bisschen wunderlich geworden war. Er erzählte alte Anekdoten und löste Kreuzworträtsel.

Beppe hatte angeboten, dass Landon sich seinen Volvo leihen und im Sommerhaus wohnen könne. Er brauche keines von beiden und keines von beiden brauche ihn. Landon verspürte keine besonders große Lust, zu seinem Vater zu fahren, um die Schlüssel abzuholen. Das vergangene Mal hatten sie zwanzig Minuten lang stumm dagesessen und an Haferkeksen geknabbert, bis Landon einen Anruf auf dem Handy vorgetäuscht hatte und zum Telefonieren in den Garten gegangen war. Als er ins Haus zurückgekehrt war, hatte Beppe angefangen, etwas über den Dollarkurs und die schwedischen Immobilienpreise zu faseln. Vielleicht sollte er auch sein Haus verkaufen und ins Ausland ziehen? Darauf war Landon beim besten Willen keine Antwort eingefallen.

Jetzt sah er sich in der Wohnung um, stellte den Rucksack auf den Tisch und packte seinen Laptop, ein Ladegerät und den höchsten der Artikelstapel hinein. Da es im Sommerhaus keine zuverlässige Internetverbindung gab, musste er sich notgedrungen auf seine Papierausdrucke verlassen.

Lebensmittel, dachte er und begann eine Liste zu schreiben. Toastbrot, Butter, Honig … Schinken. Parmesan. Toilettenpapier? Hoffentlich hatten sich keine Mäuse eingenistet. Das letzte Mal hatten die kleinen Nager in der Zeit, als das Haus unbewohnt gewesen war, ihr Unwesen getrieben.

Als er eine Stunde später seine Einkaufsliste mit Schalotten und Zwiebeln beendet hatte (denn wenn es etwas gab, für das er seine Arbeit gern aufschob, dann Delikatessen), ging er ins Schlafzimmer, um Socken und Unterwäsche einzupacken. Er betrachtete sich im Spiegel. Seine hellen Haare waren so lang, dass sie sich bereits lockten. Vom Bart ganz zu schweigen. Das Grübchen im Kinn, das Rita so gern gemocht hatte, war nicht mehr zu erkennen, und die Lachgrübchen … Er verzog ein wenig den Mund. Schwer zu sagen.

Er hatte immer Pech mit den Frauen gehabt, bis er Rita begegnet war. Und danach war seine Pechsträhne weitergegangen. Er war gerade mal dreißig und dennoch kam es ihm vor, als wäre das Spiel vorbei und seine Zeit abgelaufen. Seine Mutter hatte ihm deswegen Vorwürfe gemacht. Schau dir Rita an. Ganz so, als ob sie ihr Leben auf die Reihe bekommen hätte und als wäre das der Grund für die Trennung gewesen.

Vielleicht war er zu unbeholfen. Er traute sich nicht, die Initiative zu ergreifen. Frauen wollten schließlich jemanden haben, der sie hart anfasste. Das hatte ihm nicht nur Rita deutlich zu verstehen gegeben. Frauen wollten einen Mann, der ihre Namen über die Dächer hinausbrüllte. Oder einen aalglatten Johan Svärd mit etwas Unergründlichem in seinen alles andere als blauen Augen. (Rita war Johan Svärd Hals über Kopf verfallen. Das würde ihm Landon niemals verzeihen.)

Er selbst hatte keine Lust, es zu versuchen, und seine mehr oder weniger ehrgeizigen Versuche, sich zu verstellen, hielt er eh nie lange durch. Und hatte sich Rita nicht gerade in seine sensible Seite verliebt? In sein Talent, genau den schmerzenden Punkt in ihrem Rücken zu finden oder die perfekte Zahl an Umdrehungen mit der Pfeffermühle? Aber mit der Geduld war es so eine Sache. Die Kunst abzuwarten mochte bei einer Tomatensauce oder einem Text Wunder bewirken, aber wenn es um die Liebe ging, waren Leidenschaft und Temperament gefragt.

Landon inspizierte den Kleiderschrank. Die nicht zu kleinen Hemden waren unpraktisch (Ambers Weihnachtsgeschenke waren in neun von zehn Fällen »gut gemeinte« Versuche, ihn dazu zu bringen, ein paar Kilo abzunehmen). Ein paar alte T-Shirts mussten genügen. Sollte er noch eine zusätzliche Jeans einpacken?

Er schob die Tür des Kleiderschranks zu. Saubere Sachen waren überbewertet. Zu dieser Jahreszeit hielt sich fast niemand auf Kavarö auf. Und seine Mutter würde ganz sicher nicht plötzlich von der Riviera eingeflogen kommen und von ihm verlangen, dass er sich anständig kleidete.

Jetzt musste er nur noch die Bücher abholen, die er in der Universitätsbibliothek bestellt hatte. Dann konnte er zu seinem Vater nach Kåbo fahren, den Volvo abholen und eine Weile den trübseligen Geschichten des Rentners zuhören.

Draußen war es kalt und ungemütlich. Landon holte sein Fahrrad, radelte die Skolgatan hinunter, bog auf die Sysslomansgatan ab und überquerte die Sankt Olofsgatan.

Er fuhr am Domplatz vorbei. Vor der Dreifaltigkeitskirche parkte ein Lastwagen. An der Seite stand in großen Lettern SCHWEDISCHEFITNESS. Zwei muskelbepackte Männer luden Kartons ab und trugen sie in die Kirche. Q-RUNNER. STAIRMASTER 4200. GXSUPERSPIN. Die Tür war weit geöffnet, draußen auf der Straße standen einige Holzbänke und ein paar hohe dunkle Gemälde.

Landon hielt am Obelisken an. Sie hörten nicht auf: Über die Hälfte der Kirchen in Uppsala waren im vergangenen Jahr zu Gesundheitszentren umfunktioniert worden. Vor einigen Monaten war er in die Michaelskirche gegangen, um sich das Ergebnis des Wahnsinns anzuschauen. Was würden sie als Nächstes tun? Jesus vom Kreuz holen und stattdessen eine Schautafel mit Stretchübungen aufhängen? Die Kanzel durch eine Hantelbank ersetzen?

Genau das hatten sie getan. Anstelle von Pfarrern hatten jetzt begeisternde Motivationsredner das Kommando übernommen. Kostenlose Fitnessstudios und Gesundheitsdienste lockten jede Woche Hunderte an.

Eine Frau kam auf ihn zu und drückte ihm etwas in die Hand. Bevor er begriff, worum es sich handelte, war die Frau schon wieder verschwunden.

Er las den mit der Schreibmaschine getippten Zettel.

 

Laßt euch von niemand auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, daß zuerst der Abfall komme und geoffenbart worden sei der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, welcher widersteht und sich selbst erhöht über alles, was Gott heißt oder ein Gegenstand der Verehrung ist, so daß er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, daß er Gott sei.

(2. Thessalonicher 2:3–4)

 

Am Ende des Blatts, unter einer Zeichnung, die irgendein Tier darstellte, stand ein weiteres Zitat.

 

Der Geist aber sagt ausdrücklich, daß in späteren Zeiten etliche von dem Glauben abfallen werden, indem sie achten auf betrügerische Geister und Lehren von Dämonen, die in Heuchelei Lügen reden und betreffs des eigenen Gewissens wie mit einem Brenneisen gehärtet sind, verbieten zu heiraten, und gebieten, sich von Speisen zu enthalten, welche Gott geschaffen hat zur Annehmung mit Danksagung für die, welche glauben und die Wahrheit erkennen.

(1. Timotheus 4:1–3)

 

Landon drehte den Zettel um, doch die Rückseite war leer. Die Frau war wie vom Erdboden verschluckt. Wenn es sich um die Wort-des-Glaubens-Bewegung oder die Zeugen Jehovas handelte, die ihre Botschaften unters Volk bringen wollten, gab es in der Regel einen Absender. Dieses Flugblatt sah eher selbst gebastelt aus. Er knüllte den Zettel zusammen.

Die beiden Möbelpacker kletterten auf die Ladefläche des Lkws und luden ein paar lange Eisenstangen aus. Der eine hielt sie in die Luft, als würde er trainieren, der andere grinste. Ein älterer Mann mit Bart stand in der Kirchentür und schaute ihnen zu.

Landon wollte zu ihnen hinübergehen und etwas sagen, aber er wusste nicht, was. Seit der Beerdigung von Ritas Vater hatte er keinen Fuß mehr in eine Kirche gesetzt, und er würde sich ganz sicher nicht querstellen, wenn die Partei beschließen sollte, den christlichen Glauben abzuschaffen. Trotzdem spürte er einen Anflug von Nostalgie. Wenn Johan Svärds Gesundheitsfanatismus tatsächlich zur Staatsreligion erklärt wurde, was geschähe dann mit all den wirklich Gläubigen?

Die Gesundheitsideologie war ein Glaube ohne Erlösung. Das Versprechen eines schlankeren und glücklicheren Lebens. Eine oberflächliche Hülle, die so stark glänzte, dass man schnell vergaß, dass nichts dahinter war. Landon spürte, wie das Unbehagen in ihm wuchs, je länger er den beiden Muskelprotzen bei ihrem Spiel mit den Kartons zusah.

Er stieg aufs Fahrrad und fuhr weiter zur Universitätsbibliothek. Es war nicht sein Problem. Nicht mehr.

Sie würden die Scheiße irgendeines fremden Menschen in sie reinspritzen. So hatten sie es in dem Formular, das sie ihr gegeben hatten, natürlich nicht ausgedrückt, aber Rita Peters konnte zwischen den Zeilen lesen. Zuerst bekam man eine starke Antibiotikakur verabreicht, die die Darmbakterien abtötete, dann erfolgte der eigentliche Einlauf, bei dem die Ausscheidungen eines untergewichtigen Menschen in den Darm injiziert wurden. Die neue Darmflora sollte einen besseren Stoffwechsel bewirken und dieser wiederum die Gewichtsabnahme beschleunigen.

»RePOOPulate«, wiederholte die Pharmaforscherin. Sie trug eine cremefarbene Rüschenbluse und hatte die Haare zu einem Zopf geflochten. Ihr amerikanischer Akzent war breit und übertrieben, als hätte sie zu viele Fernsehserien im Originalton gesehen.

»Wie schnell wirkt die Behandlung?«

»In zwei Wochen werden Sie einen positiven Unterschied merken – selbst bei Ihrem niedrigen Gewicht.«

Rita sah die Frau misstrauisch an. Ihr Gewicht war ganz offensichtlich noch nicht so niedrig, dass es – wie Landon immer behauptet hatte – Wahnsinn war.

»Und das tut nicht weh?«

»Natürlich nicht.«

Rita blickte auf das Informationsblatt, auf dem der Magen-Darm-Trakt abgebildet war. Ein sepiafarbenes Mikroskopbild von länglichen, stäbchenförmigen Bakterien. Grundlagenforschung, erste Phase, medizinische Wirkung noch nicht erprobt.

»Das Mittel ist auch in synthetischer Form erhältlich, aber wir arbeiten wie gesagt mit Spendern zusammen.«

Rita blickte vom Blatt hoch. »Ist das auch wirklich … sicher?«

»Wir überprüfen unsere Spender drei Mal.« Die Frau tippte etwas in ihren Computer.

Rita betrachtete sie genauer. Die Bluse hing lose über ihren Brüsten, als hätte sie erst kürzlich abgenommen. Ihre blonden Haare sahen trocken aus, fast schon strohig.

Die Frau reichte ihr ein neues Formular. »Hier. Alle Probanden müssen eine Einverständniserklärung unterschreiben.«

Rita griff nach dem Stift, der vor ihr auf dem Tisch lag. Fünf Minuten später verließ sie das Biomedizinische Zentrum mit einem weiteren Vertrag zur Gewichtsabnahme in der Handtasche. Die Spiegeltüren des Instituts für Pharmazeutische Mikrobiologie glänzten in der Herbstsonne.

Landon blickte hellwach zum abgedunkelten Fenster hinüber. Je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er, dass er sich das Klopfen nur eingebildet hatte. Als er gerade wieder einschlafen wollte, klopfte es wieder. Dieses Mal stand er auf.

Er öffnete die Tür und schaute hinaus. Auf der Vortreppe stand ein kleines Mädchen, das einen Pullover mit einem riesigen Katzenkopf darauf trug. Er blinzelte. Diese Katze konnte man beim besten Willen nicht mehr als süß bezeichnen; Furcht einflößend war da schon eine passendere Umschreibung.

»Hallo!«, begrüßte sie ihn. »Ich heiße Molly!«

Landon konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Hallo, Molly.«

»Und du heißt Thomson«, plapperte sie weiter. »Das steht am Briefkasten.«

»Der gehört meinem Vater … Aber ja.«

»Deinem Vater?«

Landon lachte. So alt sah er also schon aus. Daran war wohl der Bart schuld. »Landon«, sagte er und hielt ihr die Hand hin.

»Du magst wohl gerne Bananen, was?« Sie zeigte auf sein T-Shirt.

Er hatte in seinem alten Velvet-Underground-T-Shirt geschlafen. Die legendäre Warhol-Banane war mindestens genauso auffällig wie Mollys Katzenkopf.

Er nickte und zog seine Hand zurück. Sie hatte auf jeden Fall gelernt, dass man Fremden nicht die Hand geben durfte. »Ich esse jeden Tag mindestens drei Stück.«

»Was?« Molly sah ihn mit großen Augen an.

»Bananenbrei zum Frühstück, Bananenkuchen zum Mittagessen und Bananenpudding zum Abendbrot.«

Sie blickte ihn misstrauisch an. »Du lügst.«

»Nur ein kleines bisschen.«

»Mama sagt, dass man nicht einmal ein kleines bisschen lügen darf. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht …« Molly blickte ihn auffordernd an.

»Kann ich dir irgendwie helfen? Willst du Zeitschriften verkaufen oder …« Er suchte nach irgendetwas, das den Grund für ihr Auftauchen verraten würde. »Kekse?«

»Mama hat gesagt, dass ich dich zum Stückfrüh einladen darf, wenn du nett aussiehst.« Landon schaute sie verwirrt an. »Stückfrüh? Und deine Mutter ist …?« Landon blickte sich suchend um. Kein Auto.

»Wir wohnen doch hier!« Sie sah aus, als würde sie denken, er wäre genauso schwer von Begriff, wie sie es von Leuten in seinem Alter erwartete. »Wir sind deine Nachbarn, oder du bist unser Nachbar. Wir sind gerade erst hergezogen.«

»Du meinst fürs Wochenende?«

»Nein. Mama sagt, dass wir jetzt hier wohnen – also so lange, bis es sich wieder beruhigt hat. Aber das ist okay. Vielleicht bekomme ich eine Katze.«

Landon sah sie neugierig an. Es gab niemanden, der das ganze Jahr über hier draußen wohnte. Abgesehen von dem Bauern auf der anderen Seite des Waldes und dem alten Ehepaar unten am See, vorausgesetzt, sie hatten den Herbst überlebt. In diesem Teil von Kavarö gab es nur Ferienhäuser. Die Leute kamen hierher, um die Fassaden neu zu streichen und Krebse zu essen. Sobald es September wurde, kehrten sie zurück in die Stadt.

»In welchem Haus denn?«, fragte Landon. »In dem gelben bei der Weggabelung?«

»Dem roten«, antwortete Molly.

Sie meinte das Haus auf der anderen Seite des Schotterwegs. Landon war vor ein paar Jahren einmal da gewesen. Damals hatte dort ein alter Mann gewohnt, Edgar … Edwin oder so ähnlich. Beppe kannte ihn näher. Aber das Haus war doch gar nicht winterfest?

Molly hüpfte ungeduldig von einer Treppenstufe auf die nächste. »Kommst du mit?«

»Bist du wirklich sicher, dass …« Er zögerte. Durfte man am frühen Morgen einfach so bei wildfremden Leuten zu Hause aufkreuzen?

Aber genau das hatte dieses kleine fremde Menschenkind ja gerade getan.

»Es gibt belegte Brote mit Fleischklößchen«, verkündete Molly.

Landon lächelte. »Zum Frühstück?«

»Ja! Logisch. Aber Mama hat gesagt, dass wir um Punkt neun frühstücken.«

Landon drehte sich um und warf einen Blick auf die Uhr, die an der Wand hing. Also genau jetzt. Er wandte sich wieder Molly zu. Welcher Mensch, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, würde auf die Idee kommen, seiner Tochter einen so irren Pullover zu kaufen? »Okay«, sagte er. »Ich zieh mir nur schnell was an.«

Die Pyjamahosen behielt er an, die Banane bedeckte er mit einem dicken Strickpulli. Dann schlüpfte er in die alten Holzpantinen, die an der Tür standen und seinem Vater gehörten, und lief Molly, die schon vorausgeflitzt war, über den Kiesweg nach.

 

»Mama! Mama!« Molly rannte die Treppe hoch und riss die Tür zum Sommerhäuschen auf. »Mama, er ist mitgekommen! Ich hab’s doch gesagt!«

Landon blieb in der Tür stehen. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie er aussah. Pyjamahosen und ein mottenzerfressener Pullover. Hier wohnte schließlich immer noch eine Frau. »Weißt du was, Molly. Ich sollte vielleicht nach Hause gehen und …«

Da sah er sie. Sie war deutlich jünger, als er erwartet hatte, und trug eine weiße Bluse, über die sie eine Schürze gebunden hatte. Die langen braunen Haare waren zu einem losen Zopf geflochten. Sie war ziemlich mollig, aber die Kurven standen ihr gut.

Landon spürte, wie er gegen seinen Willen rot wurde. »Ich …«, stammelte er. »Es tut mir leid, falls ich mich aufdränge.«

»Ach Unsinn, wir bekommen gerne Besuch. Und wie ich meine Tochter kenne, war wahrscheinlich eher sie diejenige, die sich aufgedrängt hat? Molly quengelt schon seit sechs Uhr früh, dass sie dich kennenlernen will. Oder eigentlich schon, seit sie gestern Abend den Volvo entdeckt hat. Ich konnte sie nicht länger aufhalten.« Sie betrachtete Landons unorthodoxen Aufzug. »Sie hat dich doch wohl hoffentlich nicht geweckt?«

»Nein, hat sie nicht.«

Ihr Lächeln verriet, dass sie ihm nicht glaubte. Sie hielt ihm die Hand hin. »Helena.«

Er nahm ihre Hand. »Landon.«

»Banane«, korrigierte Molly.

Helena sah sie ermahnend an.

»Das ist okay«, beschwichtigte Landon. »Wir haben schon darüber geredet.«

»Obwohl er gelogen hat«, sagte Molly.

Helena blickte erst ihre Tochter und dann Landon verwundert an.

Er schüttelte den Kopf. »Frag nicht.«

 

Die alte Küche sah genauso aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Die Einrichtung war einfach: ein alter Kiefernholztisch, zwei Küchenstühle und ein Flickenteppich. Vor dem Fenster stand eine altmodische Küchenbank. Seine Großmutter hatte auch so eine gehabt. Sie hatte Gesellschaftsspiele darin aufbewahrt. In den Regalen leisteten Kaffeedosen aus Blech, Glasschalen und Kräuter einander Gesellschaft. Weiße Tüllgardinen von der Art, in die sich in den Sommermonaten gern Wespen verirrten, und ein karierter Flickenteppich, der unter einem der Tischbeine verschoben war. In der Ecke an der Tür standen übereinandergestapelte Bananenkisten, die noch niemand ausgepackt hatte. Helena holte ein Backblech mit goldbraunen Brötchen aus dem Ofen. Es duftete herrlich.

Landon warf einen Blick auf die Arbeitsplatte. Über der Spüle hing ein abgeschnittener grüner Gartenschlauch.

Helena trocknete sich die Hände an der Schürze ab. »Das ist nicht gerade eine Luxusvilla«, sagte sie.

»Was?« Er fühlte sich ertappt. »Habt ihr kein warmes Wasser?«

»Doch, im Badezimmer. Aber weiter bin ich noch nicht gekommen.«

»Ich glaube, ich war früher schon einmal hier. Aber damals hat hier ein älterer Mann gewohnt …« Er zögerte. »Edgar?«

»Edvard!« Helena strahlte. »Du hast meinen Vater kennengelernt!«

»Dein Vater. Also darum wohnst du … wohnt ihr …«

»Er kann sich nicht länger um das Haus kümmern.« Sie machte eine resignierte Geste. »Alzheimer.«

»Das tut mir leid.«

»Und du? Was machst du um diese Jahreszeit hier?«

»Das Gleiche. Also auch im Sommerhaus meines Vaters wohnen. Ich bin hier, um zu schreiben.«

»Bist du Autor?«

»Wissenschaftler. Nordamerika-Studien.«

»In Uppsala?«

»Ja, genau.«

Helena stellte einen Korb auf den Tisch, legte ein paar Brötchen hinein und schenkte Kaffee ein. Butter, Marmelade und Käse standen schon auf dem Tisch. »Zucker?«

»Gerne.«

Er schaute auf die Packung. Der Warnhinweis prangte ganz unten in unübersehbarem Schwarz. »Man sollte sich einen Vorrat anschaffen«, sagte er. »Gestern haben sie in den Nachrichten gebracht, dass die Zuckersteuer ab dem ersten Januar um zehn Prozent erhöht werden soll. Als habe alles nicht schon genügend Wirkung gezeigt.«

»Wenn es nach Johan Svärd geht, kann es niemals weit genug gehen. Die Gesundheitspartei wird erst zufrieden sein, wenn Zucker offiziell als Droge gilt.«

»Schlimmer. Koks macht schließlich dünn.«

Helena lächelte. »Wahrscheinlich bekommt man es bald gratis.«

Sie nahm die Teller von der Arbeitsplatte und setzte sich auf die Küchenbank. »Greif zu!«

»Sieht toll aus.«

»Ach, das sind doch nur ein paar Brötchen.«

Helena schnitt eins der Brötchen auf und legte es ihrer Tochter auf den Teller. Molly platzierte vier Fleischklößchen auf einer Brötchenhälfte und hielt sie mit den Händen fest. Dann legte sie ihre Kreation wieder hin.

»Ich kann die Fleischklößchen auch in Scheiben schneiden, Kleines. Dann kannst du das Brötchen leichter essen.«

Molly schüttelte den Kopf. Helena wirkte plötzlich besorgt.

Landon sah sie an. »Danke für die Einladung«, sagte er. Er wollte sie gern aufmuntern. »Ich hatte mit einer Woche Isolierhaft und trocken Brot gerechnet.«

Sie lächelte. »Komm einfach vorbei.«

 

Als er nach Hause ging, war es Nachmittag. Er hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war. Erst hatte er zum Dank für das Frühstück darauf bestanden, Helena zu helfen, ein paar Kartons in die obere Etage zu tragen. Dann hatten sie am Küchentisch gesessen und stundenlang Kaffee getrunken.

Sie hatte ihn für morgen wieder eingeladen. Sie wollte die Fensterlaibung vor dem ersten Kälteeinbruch abdichten. Landon wusste nicht einmal, was eine Fensterlaibung war (er wollte den Begriff sofort zu Hause nachschlagen), aber um nicht wie ein Volltrottel dazustehen, hatte er zugesagt. Es konnte schließlich nicht schaden, ein bisschen Nachbarschaftshilfe zu leisten.

Der Fernseharzt zeichnete mit schwarzem Filzstift Markierungen auf die blasse Bauchhaut, blähte das Abdomen mit Kohlendioxidgas auf und führte das Endoskop mit aufgesetzter Kamera in die Bauchhöhle ein. Dann nahm er das Skalpell in die Hand. Fünf schnelle Schnitte durch Haut- und Fettschichten. Nachdem er den weißen Silikonring korrekt angelegt hatte, war der obere Teil des Magens nicht größer als ein Ei. Er betrachtete das Ergebnis auf dem Monitor. »Perfekt.«

Das Mädchen auf dem Operationstisch war zwölf Jahre alt, und Rita fühlte, wie der Neid in ihr wuchs. Erst Fettabsaugung, dann Magenband. Sie hätte liebend gern eine solche Radikalkur bei sich vornehmen lassen.

Sie selbst hatte sich bei der medizinischen Versorgungszentrale mit einer Dosis Purify zufriedengeben müssen, dem Impfstoff gegen Fettleibigkeit, der auf Geheiß der Gesundheitspartei kostenlos war. Seitdem plagte sie ein Juckreiz im Analbereich, aber die Krankenschwester hatte ihr versichert, dass sich die Nebenwirkungen mit der Zeit geben würden. Der Magen würde sich wieder stabilisieren. Es ist wie mit der Sonne. Am Anfang des Sommers hält man es kaum eine halbe Stunde in der Sonne aus, aber Ende August kann man sich den ganzen Tag draußen aufhalten, ohne dass es der Haut etwas ausmacht. Bei Doktor Sten hatten sie gesagt, dass Purify eine Entgiftungskur für den Körper war, bei der die Toxine auf natürliche Weise vom Körper ausgeschwemmt wurden. Eine Frau im Publikum hatte gefragt, ob es wahr sei, dass es sich bei dem Medikament um einen Bandwurm handelte. Rita war vor Ekel ganz übel geworden. Aber sie hatten nur gelacht. Purify sei tatsächlich ein Parasit, hatte Doktor Sten erklärt, aber ein gutartiger. »Das Einzige, was er isst, ist Fett.«

Was sollte man glauben? Es war unwahrscheinlich, dass die Regierung Milliarden dafür ausgab, die Bevölkerung zu vergiften. (Landon würde eine solche Verschwörungstheorie vermutlich sogar glauben. Rita erinnerte sich daran, wie wütend er geworden war, als der schwedische Fernsehsender SVT seinen Namen zu GTV geändert hatte. Er hatte die Tageszeitung zusammengeknüllt und den Rest des Morgens vor sich hin geflucht. Verdammtes Faschistenpack. Es war fast lustig gewesen.)

Eine Woche später bekam sie die berühmte Gratisimpfung der Gesundheitspartei zu spüren. Rita hatte seit vier Tagen nicht auf die Toilette gehen können; ihr Magen war aufgebläht wie ein Ballon. Sie presste das Kissen hart auf ihr Zwerchfell. Wie die Sonne. Wenn das mal nicht die Untertreibung des Jahres gewesen war. Morgen sollte sie noch einmal ins Biomedizinische Institut kommen und sich die Antibiotika abholen. Sie würden ganz sicher nicht begeistert sein, dass sie zweigleisig experimentierte.

Sie sah auf die Uhr. Zehn vor. Ihr Blick fiel auf den Bücherstapel auf dem Fernseher. Ganz oben lag ein Flyer, der heute in der Post gewesen war.

 

VERGISSDIEKALORIENTABELLEN: JETZTZURBESTFORMMITUNSEREREINFACHENSWAP-METHODE!

UPPSALAFITNESS-EXPERTEN: WIRVERWANDELNDICHINEINEFATBURNING-MACHINE.

UPPSALA-LIPOSUKTION: SCHLANKINFÜNFZEHNMINUTEN.

 

Die Subventionen der Regierung hatten dazu geführt, dass sich jeder zweite Bürger als Start-up-Unternehmer versuchte. In der Luthagsesplanaden türmten sich die Reklamesendungen, die tagtäglich durch den Briefschlitz in die Wohnung flatterten, schon beinahe zu einem kleinen Berg.

Sie sah wieder auf die Uhr. Der Tee wurde kalt, sie durfte ihn aber erst um Punkt sechzehn Uhr trinken.

Genauso war es auf dem Laufband: Sie durfte nicht mit dem Laufen aufhören, bevor im Display gerade Zahlen angezeigt wurden: 01:00:00. 44:44:44. Sie starrte mit leerem Blick auf den Fernseher. Sie fühlte sich, als ob ihr Gehirn keine Verbindung herstellte. Gott sei Dank würde in diesem Semester einer der Doktoranden ihren Kurs übernehmen. Sie war sechs Wochen lang für Forschungszwecke freigestellt. Bislang hatte sie noch nicht ein einziges Mal den Computer benutzt.

Es war schon merkwürdig. Sie hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich den Doktortitel in ihrem Namen zu tragen. Jetzt machte ihr die Arbeit an der Universität nicht einmal mehr Spaß. Sie wusste ganz genau, dass sie eigentlich froh und dankbar sein sollte, dass sie die Nachfolge von Gloria Öster hatte antreten dürfen, und trotzdem fühlte es sich sinnlos an. Die Literaturstudenten waren lustlos und unmotiviert. Oder vielleicht war es ihre eigene schlechte Laune, die auf die Studenten abfärbte.

Rita spielte nervös mit der Fernbedienung. Gerade lief eine Sendung über Trainingslager für übergewichtige Kinder. Die Kamera schwenkte über das herbstliche Gelände. Im Hintergrund lief das Lied »A Letter from Camp« des schwedisch-niederländischen Liedermachers Cornelis Vreeswjk. Ungefähr zwanzig mollige Sechsjährige drehten unablässig ihre Runden um einen Kiesplatz. Ein Trainer tobte und brüllte. In der nächsten Einstellung wurde ein rundlicher Junge gezeigt, der in der Kantine einen Apfel schälte. Mit zarter Kinderstimme und rosigen Wangen erklärte er dem Reporter, dass die Kalorien in der Schale saßen. Kalojien, sagte er. Die Kalojien.

Rita kniff die Augen zusammen. Die Leute sollten sich keine Kinder anschaffen. Nicht, wenn sie sich nicht um sie kümmerten. Wie ihr Vater. Du bist alles, was ich habe, Rita. Rita, ich habe doch niemanden außer dir, ach Rita, ach verdammte Scheiße. Scheiiiiße. Und immer war sie es gewesen, die angerufen hatte. Obwohl er ihr schon seit zehn Jahren nicht mehr zum Geburtstag gratuliert hatte.

Drei Tage hatte er tot auf dem Boden zwischen Sofa und Couchtisch gelegen. Der rote Ikea-Teppich und ein Dutzend leere Flaschen. Ein Kollege schlug Alarm, nachdem Lennart am Montag nicht zur Arbeit gekommen war. Am Dienstag brachen sie die Wohnungstür auf und fanden ihn. In der rechten Hand hielt er das Telefon, Ritas Nummer war die letzte, die er gewählt hatte.

Sie war nicht ans Telefon gegangen. Sie hatte nicht die Kraft gehabt.

Du konntest es nicht wissen, Rita. Du darfst dir keine Vorwürfe machen.

Sie schaltete um. Auf GTV2 lief gerade Werbung für eine Dokumentation mit dem Titel »Extreme Diets«. Beim Anblick der Frau im Bild stieg Ekel in ihr auf, und sie musste unweigerlich an Gloria denken. Ohne die staatliche Reform der Arbeitsmarktpolitik hätte Rita die Stelle im Institut niemals bekommen. Dank Glorias ausgebliebener Gewichtsabnahme – falls sie überhaupt den Versuch unternommen hatte, abzunehmen – war Rita die Lektorenstelle von einem Tag auf den anderen angeboten worden. Natürlich »vorübergehend«, aber wie wahrscheinlich war es, dass eine hundert Kilo leichtere Gloria Öster zur Tür des literaturwissenschaftlichen Instituts hereinspazieren und ihre Stelle zurückfordern würde?

Arme Gloria. Sie war deutlich engagierter gewesen, als Rita es derzeit war. Kein Wunder, dass die Studenten die Motivation verloren. Sie hatte ihre Arbeit in der letzten Zeit ziemlich vernachlässigt. In der Mensa hatte einer der Doktoranden auf Ritas Salat gezeigt und sie darüber belehrt, dass Dosenmais neben Avocados das kalorienreichste Gemüse sei, das man überhaupt in sich hineinstopfen könne. Wie purer Zucker. Ein paar Maiskörner hatte sie auf der Toilette wieder herauswürgen können, aber es war zu spät. In der Zeitung hatte gestanden: Selbst wenn man das, was man zu sich genommen hatte, gleich wieder erbrach, hatte der Körper die Hälfte der Kalorien schon aufgenommen. Wenn man abnehmen wollte, dann half nur Fasten. Keine Tricks.

An dem Nachmittag hatte sie fast drei Stunden lang trainiert. Das schlechte Gewissen, aus diesem Grund nicht zur Arbeit zu gehen, hatte sie in der letzten Stunde angetrieben. Das Institut hatte ihre »Magen-Darm-Grippe« nicht infrage gestellt und es bei einer halbherzigen Ermahnung belassen; sie solle beim nächsten Mal bitte frühzeitig Bescheid geben. Aber Rita spürte, dass es erst der Anfang von etwas Unaufhaltsamen war. Wenn sie jetzt auch noch die Arbeit aufgab, alles andere hatte sie schon längst aufgegeben …

Die Digitaluhr am Fernseher zeigte sechzehn Uhr an.

Rita griff gierig nach dem Silbertee. Ein Teelöffel null-Komma-einsprozentige Milch. Ein Teelöffel Stevia. Dennoch schmeckte der Tee nur nach Wasser. Heißem Wasser. Sie schluckte mühevoll. Sollte sie sich lieber ein paar gefrorene Weintrauben holen? Bevor sie aufstehen konnte, kam wieder ein Arzt im weißen Kittel ins Bild. Sein breites Lächeln schien den ganzen Bildschirm einzunehmen.

»Hallo an alle Zuschauer zu Hause vor den Fernsehgeräten! Heute sprechen wir über die neue Five-A-Day-Diät. Was man essen soll, wie man essen soll und wann man essen soll.«

»Molly ist mit einer Broschüre von der Schulkrankenschwester nach Hause gekommen, in der verschiedene operative Eingriffe zur Magenverkleinerung aufgeführt sind: Magenband, gastrischer Bypass. Das Übliche.«

»Aber diesen Mist machen sie doch wohl nicht bei Kindern?«

»Oh doch, sogar ganz besonders gerne! Sie empfehlen es.«

»Das ist doch vollkommenen krank.«

»Was glaubst du, weshalb ich mit Molly hergezogen bin?«

Landon schüttelte den Kopf. Eigentlich war er gekommen, um Helena mit den Fenstern zu helfen, sie waren aber bislang übers Kaffeetrinken nicht hinausgekommen.

»Ein Klassenkamerad von Molly hat den Eingriff nicht überlebt. Und als sie mir mitgeteilt haben, dass eine Operation bei Molly der nächste Schritt sei, wenn sie weiterhin keine ›Ergebnisse zeigen‹ würde …« Helena zuckte hilflos mit den Schultern. »Da habe ich mich entschieden.«

»Ich wusste, dass sie davon geredet haben, die Altersgrenze zu senken, aber Achtjährige?«

»Ich weiß nicht, warum die Ärzte das mitmachen. Sie bekommen bestimmt Fördergelder von Svärd. Das Institut für Ernährung besitzt ja mittlerweile halb Schweden.«

»Ich glaub es einfach nicht.«

»Hast du ihm nicht zugehört? Werde magersüchtig oder stirb.«

Landon biss sich auf die Lippe. Rita. Doch er wollte nicht über sie sprechen.

Helena seufzte. »Ich bin auf jeden Fall froh, dass du hier bist, Landon aus Uppsala. Es ist lange her, dass ich mit jemandem geredet habe, der etwas anderes im Kopf hat als Kalorientabellen.« Sie stellte ihre Tasse auf den Tisch. »Was meinst du, sollen wir mal die Fensterlaibung in Angriff nehmen?«

»Ich hab das Gefühl, dass ich nicht viel mehr tun kann, als dumm danebenzustehen.«

»Unsinn. Du bist jedenfalls eine größere Hilfe als Molly. Sie lässt mich meistens schon nach fünf Minuten für einen Donald-Duck-Comic im Stich.«

»Ach, habt ihr hier welche?« Landon sah sich suchend um.

Helena lächelte und stand vom Tisch auf. »Könntest du noch mehr Glasfaserwolle holen? Im Keller liegt eine ganze Rolle.«

»Klar.«

»Warte.« Sie gab ihm ein Paar Handschuhe, das auf der Fensterbank lag. »Hier. Pass auf deine Hände auf.«

 

Schon auf der Kellertreppe schlug ihm feuchte, muffige Luft entgegen. Als er unten ankam, rümpfte Landon die Nase. Lag irgendwo eine verweste Maus?

Er blinzelte ein paar Mal, damit sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Von der Decke baumelte eine einsame Glühbirne. Werkzeuge hingen an Haken an der Wand, in einer Ecke stand eine alte, abgenutzte Tischlerbank. In den Regalen türmten sich Lacke, Ölfarben und Pinsel.

In der hintersten Ecke entdeckte er die gelbe Rolle. Landon zog die Handschuhe über und wollte die Rolle gerade hochheben, als sein Blick auf einen grauen Hochschrank fiel. War das ein Waffenschrank? Verwundert sah er auf die geschlossene Eisentür. War Helenas Vater Jäger gewesen? Oder …

Na klar.

Molly hatte ja schließlich auch irgendwo einen Vater.

Auf dem Weg nach oben entschloss er sich, nach Hause zu gehen und zu schreiben.

»Da bist du ja!«, rief Helena, als er die Rolle in die Küche trug. »Ich hab schon geglaubt, unser Hausgeist hätte dich bei lebendigem Leib aufgefressen.«

Da war es wieder. Dieses Lächeln.

Vielleicht konnte er doch noch ein paar Minuten länger bleiben.

»Wir haben uns einen harten Kampf geliefert, aber zum Schluss hab ich ihn übermannt.«

Sie kicherte. »Dein Glück.«

»Der Keller ist ja das reinste Warenlager … Ist dein Vater Tischler?«

»Er war Tischler. Er hat in der alten Tischlerei in Harg gearbeitet. In den Sommerferien habe ich da auch immer gejobbt.«

»Ich dachte, du bist Krankenschwester.«

»Zunächst habe ich als Tischlerin gearbeitet. Mein Vater hat mir alles beigebracht. Ich glaube, dass er eigentlich lieber einen Sohn gehabt hätte, aber …« Sie zuckte mit den Schultern.

»Warum hast du nicht weitergemacht?«

»Das ist eine lange Geschichte. Ich erzähl sie dir bei einer anderen Gelegenheit. Gibst du mir mal den Winkelhaken?«

Er schaute sich verwirrt in der Küche um. »Den Winkelhaken …«

Sie sah ihn belustigt an. »Du bist wirklich ein waschechter Akademiker.«

»Und du bist ein Bauernmädchen«, erwiderte Landon.

»Pass bloß auf. Vergiss nicht, wer den Hammer hat.«

Landon stellte den Computer aus. Noch eine leere Seite. Der Vormittag bei Helena hatte ihn erschöpft. Vielleicht war er soziale Kontakte einfach nicht mehr gewohnt. In Uppsala war er in den vergangenen Jahren nur wenig mit anderen zusammen gewesen. Wer nicht seinen Job verloren hatte, weil er zu dick war, hatte aufgehört, nett zu sein, weil er zu wenig aß. Johan Svärds hungerndes Schweden war verbitterter als jemals zuvor, dabei war die allgemeine Stimmung schon früher nicht gerade euphorisch gewesen. Keine Spur von der skandinavischen Leichtigkeit, von der in Reiseführern die Rede war.

Er dachte an Rita. Das erste Jahr ihrer Beziehung war magisch gewesen. Sie war so schön und hingebungsvoll, dass er sein Glück gar nicht fassen konnte. Es kam vor, dass er nachts aufwachte und sie einfach nur ansah. Doch nachdem ihr Vater gestorben war, hatte sich alles verändert. Nach und nach verkroch sie sich in eine harte Schale aus Haut, und jede Berührung schien ihr wehzutun. Wenn er im Bett die Hand nach ihr ausstreckte, rollte sie sich zur Seite, als hätte er eine ansteckende Krankheit.

Landon wollte nicht mehr daran denken. Er flüchtete aufs Sofa und stellte den Fernseher an. Mittlerweile lief nur noch Mist, aber zum Lesen fehlte ihm die Energie. Über weite Phasen hatten ihn nur seine Schwedisch-Amerikanischen Beziehungen interessiert, aber nach der Universitätsreform hatte diese Besessenheit nachgelassen. Die Ein-Themen-Politik der Gesundheitspartei hatte alle politischen Debatten ausgehöhlt. Wieso sollte man die Vergangenheit thematisieren, wenn das einzige Thema auf der politischen Agenda vom Aussehen der Bevölkerung handelte?

Es kam immer noch vor, dass er sich in einer Dokumentation über den Vietnamkrieg verlor, oder in einem neuen Anti-Kriegsroman, den ihm ein Postdoktoranden-Kollege aus den USA geschickt hatte. Aber es war sowieso nur noch eine Frage der Zeit, wann sie ihn rauswerfen würden. Immer weniger Forschungsmittel wurden bewilligt. Das halbe Kollegium hatte ein Kündigungsschreiben erhalten. Er hatte jedes Mal Bauchschmerzen, wenn er im Institut an sein Postfach ging.

Auf GTV1 liefen Nachrichten. Der Sprecher vermeldete die Nachricht vom nationalen Gewichtsregister, das Johan Svärd gerade eingeführt hatte. Der Sprecher der Gesundheitspartei verkündete, das Register solle zu kosteneffektiven Lösungen beitragen und das regionale Engagement steigern. Als der Reporter nachhakte, ob es nicht als kränkend empfunden werden könne, entgegnete der Regierungssprecher, dass von Zwang keine Rede sei. »Es ist zum Wohl der Bevölkerung, und für diejenigen, die sich dieser Neuerung entziehen wollen, wird es auf Dauer teuer.«

Landon wollte gerade umschalten, als der Reporter ans Studio übergab und Johan Svärds Visage im Bild erschien.

Die Fettepidemie ist eine tickende Zeitbombe. Schweden muss sich von Grund auf verändern, um eine Katastrophe dieses Ausmaßes bewältigen zu können. Das mag drastisch klingen, aber ich begreife es als natürliche Verteidigungsmaßnahme. Als Reaktion auf eine Bedrohung, für die wir zu neuen Waffen greifen müssen, um sie abzuwehren.«

Die Kamera schwenkte auf den Moderator. »Sie reden so, als würden wir vor einem Krieg stehen.«

»Ich denke, dass wir einen Kampf führen und wir uns ihm auf dieselbe Weise stellen müssen, wie wir uns auch einer Kriegssituation stellen würden. Die Fettepidemie ist alles andere als eine gewöhnliche Krankheit. Sie ist eine umfassende Bedrohung. Sie bedroht die physische und psychische Gesundheit eines jeden Einzelnen von uns. Für die schwedische Gesellschaft ist die Bedrohung in erster Linie wirtschaftlicher Natur. Ein krankes Land kann sich nicht auf die gleiche Weise im internationalen Wettbewerb behaupten wie ein gesundes Land. Ein krankes Land ist nicht produktionsfähig. Es ist ganz einfach: Ein bettlägeriges Schweden mit Hunderttausenden übergewichtigen Bürgern in seiner Mitte ist ein handlungsunfähiges Land, ein Land, das sich in den eigenen Schwanz beißt. Wir können unsere Produktionskapazitäten nicht aufrechterhalten, die Steuergelder landen direkt in den Taschen der Kranken, und als Konsequenz haben die Gesunden keine Gesellschaft mehr, der sie vertrauen und auf die sie sich verlassen können. Der Arbeitsmarkt leidet. Wir verlieren unsere Kaufkraft. Ich male hier nicht das schlimmstmögliche Szenario an die Wand, ich rede über Dinge, die bereits in unserem Land geschehen.«

»Sie bezeichnen die Fettepidemie als Krankheit. Viele übergewichtige Menschen würden sich selbst nicht als krank beschreiben. Was sagen Sie hierzu?«

»Massives Übergewicht ist eine Krankheit. Jedes überflüssige Kilo, das der Körper tragen muss, ist eine Krankheit. Eine Krankheit, die lebenswichtige Körperfunktionen beeinträchtigt. Eine Krankheit, unter deren Auswirkungen unsere Nation zu leiden hat. Wir alle kennen die ellenlangen Listen mit nicht enden wollenden Krankheiten. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass Fettleibigkeit ein akutes medizinisches Problem ist. Wir haben eine ganze Generation von Fünfzig- und Sechzigjährigen, die Jahrzehnte zu früh sterben. Fünfjährige leiden an Diabetes, Fünfzehnjährige haben mit Herz- und Gefäßerkrankungen zu kämpfen. Völlig gesunde Menschen, die sich bewusst krankessen.«

»Sie betrachten es als eine bewusste Entscheidung?«