Er ist Tabu, Mann! - Kooky Rooster - E-Book

Er ist Tabu, Mann! E-Book

Kooky Rooster

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Beschreibung

Als Moritz die Wahrheit über Philipp erfährt, flüchtet er Hals über Kopf aus seinem Heimatkaff in die Großstadt. Glücklos oszilliert er zwischen Büro, Fitnesscenter, Gay-Clubs und Therapie hin und her und versucht verzweifelt, mit One-Night-Stands, Alkohol und Sportexzessen seiner Gefühle Herr zu werden. Vergeblich. Philipp ist sein Atem, sein Puls, sein Denken, sein Fühlen. Er ist alles für Moritz. Vor allem aber ist er Tabu. Doch dann erreicht ihn eine schlimme Nachricht von zu Hause und Moritz muss wieder in die Heimat zurück …

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Kooky Rooster

Er ist Tabu, Mann!

Gay Romance

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

1| Liebster Moritz

 

 

 

Liebster Moritz,

heute bin ich wieder im Morgengrauen am Bahnhof aufgewacht. Barfuß. Immerhin hatte ich diesmal meine Jeans an. Es war arschkalt. Acht Grad im Juli! Ich weiß nicht, wie lange ich am Bahnsteig gestanden bin, aber ich hatte davon noch den ganzen Vormittag Gänsehaut. Außerdem hat mein Gesicht gespannt und meine Augen waren geschwollen. Vermutlich habe ich wieder im Schlaf geweint. Seit einigen Tagen fühle ich eine seltsam distanzierte, endgültige Traurigkeit, als stünde ich an einem Grab – meinem Grab. Ich glaube, ich verliere den Verstand. Es ist so verlockend, loszulassen. Wozu soll ich noch kämpfen? Für den Laden? Für Papa? Die Malerei? Auch, wenn das undankbar klingt, mir reicht das nicht. Aber du … Du würdest reichen.

Verzeih mir.

Philipp

 

2| Gelbsträhnchen

 

~ Gegenwart ~

 

Elender, langweiliger Wichser. Du bist in meiner Wohnung, nicht in einem Porno. Genervt vom melodramatischen Gegrunze und Gestöhne trieb sich Moritz rücksichtsloser in den festen Arsch. Nur drei Prozent Körperfett. Fühl mal. Kohlehydrate sind natürlich tabu. Schätzchen, an deinem Hirn nagen Fliegen wie an den Ufern hungriger Kinderaugen. Dein Hirn braucht Zucker. Hundert Gramm pro Tag. Ein Fünftel bis ein Drittel deines Energiebedarfs!

Aber wozu Hirn, solange sich der Gluteus Maximus um den Schwanz zurrte wie die Faust eines Drehers?

Schweißperlen kitzelten an Moritz’ Schläfen. Er unterbrach das rhythmische Stoßen, um sich nach dem Scotch auf dem Nachtkasten zu strecken. Ohne aus … wem auch immer zu gleiten, trank er einen kräftigen Schluck. Der Alkohol versetzte ihm einen Schlag gegen den Kopf wie ein riesiges Daunenkissen. Ein scharfer Rülpser brannte in der Kehle. Obwohl Moritz gerade nichts tat – außer saufen – stöhnte der Kerl unter ihm unbeirrt weiter und wand sich wie eine rollige Katze.

»Yeah. Ah. Oh. Fuck. Yeah. Gibs mir. Fick mich mit deinem fetten Riesenschwanz.«

Scheiß zugedröhntes Arschloch.

Das Glas in der Hand verpasste Moritz dem Kerl einen solchen Stoß, dass die Dreihundert-Liegestütze-pro-Tag-Arme abknickten und er mit der Fresse ins Kissen knallte.

»Yeah. So geil. So geil«, brabbelte der Kerl gedämpft und umfasste, den Hintern hochgereckt, seine eigenen Kniekehlen.

Moritz war drauf und dran, die Sache abzubrechen. Er hängte sich an Kleinigkeiten auf. Wie etwa diesen lächerlichen gelben Strähnchen. Was sollte das? Der Schwanz des Kerls war in Stoppeln aus Teer gebettet, aber er brauchte scheißgelbe Strähnchen. Um jünger auszusehen? So weit Moritz schätzte, war der Typ keinen Tag älter als er selbst, und er war dreiundzwanzig.

Oder diese prollige Solariumbräune. Als der Kerl vorhin mit gespreizten Beinen und angezogenen Knien vor ihm auf dem Rücken gelegen hatte, schwitzend und ergeben – von der analen Dehnung eine fette Gänsehaut –, hatte er ausgesehen wie ein Brathähnchen.

»Stellungswechsel«, hatte Moritz skandiert wie ein müder Feldwebel, und der Kerl hatte sich jauchzend herumgedreht, das filigrane Kreuz seiner goldenen Halskette zwischen den Schulterblättern.

Seit wann fickst du Prolls?

Du fickst doch alles.

Prost.

Um ein Haar musste sich Moritz auf den Drei-Prozent-Körperfett-Rücken übergeben, aber er zwang die Brühe runter. Das Wort Höllenritt geisterte ihm durchs Bewusstsein. Beschrieb das den aktiven oder den passiven Part? Konzentriere dich! Der Schwanz drohte, sich aus dem Kondom zu häuten, das würde eine nervtötende Pfriemelei nach sich ziehen. Wobei der Gedanke, mit den Fingern im Arsch des Kerls herumzustöbern, überraschend anregend war.

Bleib bei dem Bild! Wie viel vertrug Gelbsträhnchen wohl? Während Moritz zustieß, betrachtete er nachdenklich seine Faust.

»Yeah! Geil, so geil«, brabbelte der Kerl ins Kopfkissen. Seine Trizepse spannten sich und das goldene Kreuz verschwand in einer Nackenfalte.

Und dann feuerte irgendein Neurotransmitter in Moritz’ Hirn auf die entscheidende Synapse, und er sah einen See vor sich. Die von Schilf gesäumte Wasseroberfläche spiegelte einen Julihimmel. Neben sich, er konnte es nicht sehen aber spüren: ein Lächeln. Kitzeln im Bauch. Ein Ziehen in der Brust. Noch nichts war geschehen, zu diesem Zeitpunkt, nicht einmal ein Kuss, und doch war dieser Moment mehr Sex als das hier. Mehr Sex, als jeder Fick, den Moritz in den vergangenen fünf Jahren durchexerziert hatte, geduldig und tapfer wie ein Mönch. Selbstgeißelung. Jeder Five-Minute-Stand ein Peitschenhieb.

Doch es gab Schuld, die wurde nie vergeben. Allein, dass er an diesen See dachte, daran, wie er und Philipp nebeneinander nackt im stacheligen Gras gelegen und unter den Wassertropfen auf der Haut gefröstelt hatten. Die Unschuld war von allen Sünden die versauteste. Dabei war sich Moritz damals noch nicht ganz sicher gewesen, was er fühlte. Zugleich hatten die Götter der Sehnsucht bereits an seinem Schwanz geleckt. Nichts war so groß wie eine Möglichkeit, die man kaum ahnte.

Hätte ihm damals jemand erzählt, wie unfassbar banal und langweilig es sein konnte, jemandes Arsch zu ficken, er wäre rot geworden und hätte alleine von der Vorstellung abgespritzt. Er hätte blöd gekichert und gehofft, Philipp bemerkte nicht, wie scheißheftig ihn die reine Vorstellung antörnte. Damals hatte er noch nicht gewusst, dass eine Faust in einen Arsch passte, ein Finger sprengte schon seine keusche Vorstellungskraft. Scheiße, seine Fantasien waren vielleicht naiv gewesen! Und das, obwohl er schon siebzehn gewesen war. Ein waschechtes, frommes Landei, das Pornos freiwillig verpönte. Über viele Wochen hinweg hatte er sich einen Kuss zusammenkomponiert, sich bis ins Detail vorgestellt, wie Philipps Lippen wohl schmeckten, wie weich sie wohl waren, wie warm. Jede Zehntelmillimeterbewegung der Zunge hatte er sich ausgemalt – und damit gewiss eine ganze Badewanne mit Sperma gefüllt.

Da hatte er noch nicht gewusst, dass man Koitusejakulat in kleine Gummipäckchen sammelte. Dass man erst mit einem Pömpel in den Krieg ziehen und sich dann mit knallroten Ohren von einem Klempner belehren lassen musste, dass die Krönung der Lust für alle sichtbar in den Mülleimer gehörte.

Der Gedanke war nicht gerade hilfreich, aber das Brathähnchen wühlte weiter mit seinen gelben Strähnen im Kopfkissen herum und lobte stöhnend, wie geil es den steinharten Riesenschwanz fand.

»Genug!« Moritz hielt den Rand des Kondoms fest und zog die Ruine seiner Erektion zwischen den Felsen hervor.

Das Brathähnchen fasste das als Stellungswechsel auf, rollte sich begeistert herum und … sah leicht irritiert zu, wie Moritz aus dem Bett stieg, das Kondom abzog und achtlos auf den Boden warf. Gelbsträhnchens Hirn griff nach der einzig verfügbaren logischen Konsequenz. Lasziv leckte es sich über die Lippen, doch statt eines dicken, fetten Riesenschwanzes in den Mund bekam es sein eigenes Muskelshirt an den Kopf.

»Hau ab!«

»Was?« Gelbsträhnchen befreite sich vom Stoff. Sein Schwanz wippte trotzig und aufgeregt himmelwärts.

Für den Bruchteil einer Sekunde erwog Moritz, sich davon den Arsch aufreißen zu lassen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Nicht, dass er sich generell nicht ficken ließ, aber nicht von so einem Brathähnchen mit Katzenbuckel, dessen Nervenenden zwischen einem steinharten Riesenschwanz und einer Kompostgurke nicht unterscheiden konnten. Wenn Moritz anale Befriedigung suchte, dann musste der Kerl Dominanz ausstrahlen, er musste Moritz zu einem Ding machen, einem Stück, einem willenlosen Etwas, das nur empfing. Und da sich Moritz naturgemäß gegen diese Art von Erniedrigung sperrte, musste so ein Kerl verdammt überzeugend sein. Gelbsträhnchen war es definitiv nicht.

»Ich will, dass du gehst«, erklärte Moritz.

»Wieso? Hab ich was falsch gemacht?« Bestürzt schlüpfte Gelbsträhnchen in sein Muskelshirt, worin es komischerweise nackter aussah als ohne.

»Wo soll ich da anfangen?«

Betroffen klappte Gelbsträhnchen den Mund auf.

Moritz kam der Gedanke, dass der Kerl nicht bloß ein Proll war, der sein Gehirn aus purer Einfallslosigkeit dem Bizeps geopfert hatte, sondern dass er ebenfalls mit seinem Körperkult etwas kompensierte. Vielleicht war er als Kind oder Teenager fett gewesen. Vielleicht hatte er all die Mühe auf sich genommen, um endlich im Bett eines Kerls wie Moritz zu landen. Vielleicht hatte er mithilfe hunderter Pornofilmchen trainiert, wie man sich zu bewegen, wie man zu klingen und was man zu sagen hatte, um als verrucht zu gelten, ohne zu bedenken, dass Wiederholung dessen, was man sich per Mausklick holen konnte, lediglich eine Ode an die Langeweile war.

Sollte ihm das einer sagen?

»Es liegt nicht an dir.« Oh elender Feigling. Das Vaterunser der einstürzenden Erektionen. Und dann, als Moritz mit Gelbsträhnchen beinahe Mitleid hatte, dem vielleicht gemobbten Emporkömmling, der vielleicht pornoversauten Jungfrau, rutschte Gelbsträhnchen an den Rand des Bettes, die Beine gespreizt, das Becken einladend gekippt, und sagte:

»Kannst du mir dann wenigstens einen blasen?«

Moritz hob Brathähnchens String auf und schleuderte ihn ihm ins Gesicht. »Fick dich.«

Während sich Gelbsträhnchen anzog, betete es eine Salve an Aufwänden herunter, die es für diesen frustrierenden Abend auf sich genommen hätte. Denn genau jetzt, so war es sich nicht zu schade zu erwähnen, könnte es mit einem richtigen Mann im Bett sein. Es hätte – und dafür schaute es auf sein Smartphone – ganze fünfundvierzig Minuten vergeudet, und das an einem Samstagabend. Wer brächte ihm die wieder? Für immer dahin waren sie. Es hätte zwar gehört, dass Moritz’ One-Hour-Stands legendär wären: Selten könne man sich von einem Kerl so benutzt fühlen. Aber es hätte das immer auf eine erotische Art aufgefasst, nicht so … gegenständlich. Dabei hätte es Moritz sogar irgendwie nett gefunden. Ob er eigentlich wüsste, dass die halbe Szene auf ihn stehe.

Und so, wie es das betonte, meinte es: dass ich auf dich stehe.

»Nicht mein Problem«, sagte Moritz. Ich weiß, wie es sich anfühlt, jemanden zu lieben, den man nicht haben kann. Also komm mir nicht mit dem Scheiß.

»Du bist der einsamste Kerl, mit dem ich je gefickt habe«, erklärte Gelbsträhnchen trotzig.

»Ach ja? Mit wie vielen Kerlen hast du denn schon gefickt?«

Gelbsträhnchens Gesichtszüge entgleisten. Es schnappte nach Luft und konzentrierte sich darauf, die Füße in die Schuhe zu stopfen. »Genug.«

Wenn Moritz wetten müsste: zwei, höchstens drei. »Ich bin kein Typ für Beziehungen.«

»Um das zu wissen, müsstest du es mal ausprobieren.« Gelbsträhnchen stand auf und streifte Moritz mit einem vorsichtig vorwurfsvollen Blick.

»Mit dir?«

Das Gesicht entflammte für ein Ja, doch Gelbsträhnchen zuckte betont lässig mit den Schultern. »Wem auch immer.«

Moritz griff nach dem Scotch und nahm einen kräftigen Schluck. Das Zeug brannte die Speiseröhre runter und rauf und hüllte sein Hirn in Watte. Melodramatisch betrachtete er das Etikett, sich zu bewusst, dass ihn das in den Augen von Gelbsträhnchen und Konsorten zum erotischen gebrochenen Helden machte, und sagte mit rauchiger Stimme: »Ich bin schon vergeben, Kleiner.« Theatralisch hob er die Flasche. »An Jim, Johnnie und Jack.«

Doch statt sich vor Rührung einen Dolch ins Herz zu rammen, sagte Gelbsträhnchen bloß trocken: »Alkohol macht impotent.« Dann schnappte es sein Smartphone und stakste davon. Noch ehe es aus der Wohnung war, begann es ein Telefonat mit den Worten: »Der totale Reinfall.«

So sehr ihn die Anwesenheit dieses Drei-Prozent-Körperfett-Prollhähnchens genervt hatte, so sehr vermisste Moritz plötzlich seine Nähe. So war es immer. Er ertrug niemanden um sich, aber noch weniger ertrug er niemanden um sich. Moritz trank einen weiteren Schluck aus der Flasche, nur um festzustellen, dass es ein Verbrechen war, Scotch aus einer Flasche zu trinken.

Er rülpste scharf und füllte sorgfältig sein Glas auf dem Nachtkasten. Dann setzte er sich aufs Bett und leerte es in einem Zug – der so schnell wieder hochkam, wie er den Weg in den Magen gefunden hatte. Doch Moritz war bereits auf einem Level, auf dem ihm egal war, dass er sich auf die Knie und Füße kotzte. Wenige Augenblicke faszinierte ihn die abgestreifte Schlangenhaut des Kondoms zwischen seinen Zehen, dann ließ er sich auf den Rücken fallen und sank in einen todesähnlichen Schlaf.

 

3| Baumkronen

 

~ Gegenwart ~

 

»Sie will, dass ich nach Hause komme.« Moritz warf den Kopf in den Nacken und seufzte. War da eine neue Kerbe an der Decke? Wie kamen wöchentlich neue Kerben an die Decke?

»Ihre Mutter?«, fragte Dr. Pichler, auf seine Unterlagen konzentriert.

»Meine Frau.«

Der Therapeut blickte Moritz über den Rand der Brille hinweg träge an. »Was haben wir in Bezug auf Sarkasmus vereinbart?«

Moritz rollte die Augen. »Meine Mutter.«

»Werden Sie ihrem Wunsch diesmal entsprechen?«

»Natürlich nicht.«

»Natürlich nicht«, wiederholte der Therapeut, blätterte durch seine Unterlagen, fand offensichtlich, was er gesucht hatte und machte eine Notiz. Eine ausschweifende Notiz. Er kritzelte und kritzelte als hätte er vergessen, dass Moritz ihm gegenübersaß. Sein ganzer Oberkörper bebte, so energisch führte er den Kugelschreiber übers Papier. Sehr geehrte Stümper von der Stadtgartenverwaltung. Sagt Ihnen der Begriff »Baumkrone« etwas?

Moritz kontrollierte die Länge seiner Fingernägel, dann starrte er aus dem Fenster – wo das Skelett einer Kastanie den ungehinderten Blick auf den azurblauen Himmel gewährte. Der leicht modrige Geruch von sonnenverbranntem Gras stieg ihm in die Nase, irgendwo in der Nähe quakte eine Ente. Etwas kitzelte sein Ohr. Eine lästige Fliege. Moritz versuchte, sie zu verscheuchen und ertastete einen Halm. Sein Herz machte einen Hüpfer. Noch ehe er sich umdrehte, beschleunigte sich sein Atem und jede Faser seines Körpers begann zu kribbeln. Es war jedes Mal wie Achterbahn fahren, wenn er auftauchte. Ein süßer Schock. Manchmal so heftig, dass Moritz fürchtete, sich in die Hosen zu machen. In Philipps Nähe gehörte ihm sein Körper nicht mehr. Es war, als würde er von einer fremden Kraft gelenkt, die viel größer war als er selbst, die sich in ihn zwängte, sich verdichtete und verdichtete, bis es wehtat. Dann war ihm, als müsste er explodieren und könnte nur Linderung erfahren, wenn er Philipp berührte.

Moritz zog am Halm und als wäre er ein reißfestes Seil, ließ sich Philipp ziehen. Er lächelte scheu, ein wenig unsicher und so … wissend. Den ganzen Tag hatten sie auf diesen Moment gewartet, ihn jede Sekunde herbeigesehnt. Durch die Schaufenster über die Straße hinweg hatten sie sich Blicke zugeworfen. Noch fünf Stunden. Noch drei. Eine. Ihre Lippen hatten seit jenem Augenblick pulsiert, da sie die Arbeit verlassen hatten, und obwohl sie sich so einig waren, obwohl sie sich nur dafür hier draußen trafen, war da wieder dieser Moment der Angst. Er würde nie verschwinden, und so schrecklich er war, so intensiv machte er alles. Sie schluckten, die Augen furchtsam geweitet, machten einen weiteren Schritt aufeinander zu, ein ungeduldiger Atemstoß …

»Herr Kunert!«

Moritz zuckte und fand sich im Praxisraum wieder. Im ungewöhnlich hellen Praxisraum.

»Wo waren Sie gerade?«, wollte Dr. Pichler wissen.

Verlegen wischte sich Moritz über den Mund, die Haare und zuckte mit den Schultern. »Nirgends.«

»Muss ein schönes Nirgends gewesen sein«, stellte der Therapeut fest und schmunzelte. »Ich sehe Sie nicht sehr oft lächeln.«

Hitze schoss in Moritz’ Wangen. Das war unfair. Er war so offen in diesem Moment, so verwundbar. Er hasste das. Rasch schaute er sich um, suchte einen Anker, irgendetwas, das ihn in die Realität zurückholte, das ihm half, die Mauern wieder hochzuziehen.

»Wo auch immer dieses Nirgends ist, dort sollten Sie öfter Zeit verbringen.«

»Oh, ganz gewiss nicht«, sagte Moritz bitter.

»Wollen Sie darüber reden?«

Moritz’ Herz trommelte gegen die Brust. Lass mich raus. Lass mich endlich raus. »Nein.«

Der Therapeut musterte Moritz aufmerksam. »Sicher?«

Nein. »Ganz sicher.«

»Gut.« Dr. Pichler blickte hinab auf seine Unterlagen und tippte mit dem Kugelschreiber darauf. »Sie haben erwähnt, dass Ihre Mutter Sie wieder gebeten hat, nach Hause zu kommen. Möchten Sie darüber reden?«

Der azurblaue Himmel lockte. Philipp lockte, vor allem seine vollen, geschwungenen Lippen, glänzend vom Speichel – nervös von der blassrosa Zungenspitze aufgetragen. Moritz würde überrascht sein, wie unglaublich weich sie waren, weil er jedes Mal überrascht war, obwohl er wusste, wie sie schmeckten, ihren sanften Druck erwartete, sich Tag und Nacht danach verzehrte. Vor Aufregung würde er gar nicht richtig bei sich sein. Ich küsse ihn, würde der Kommentator in seinem Kopf sagen, ich küsse einen Jungen. Ich küsse Philipp. Und die Worte würden so schön sein, so verwegen wie die Berührung selbst.

»Herr Kunert?«

Moritz fuhr herum. »Ja?«

»Soll ich die Jalousien runtermachen? Es ist sehr grell, nicht war?« Ohne eine Antwort abzuwarten, stand Dr. Pichler auf und marschierte zum Fenster. »Sehen Sie sich nur an, was sie mit den Bäumen gemacht haben. Ein Verbrechen.« Mit einem blechernen Ratsch schnellte die Jalousie herunter und es war dunkel. Routiniert pfriemelte der Therapeut an der Einstellung der Lamellen herum und tauchte den Raum in das gewohnte Dämmerlicht, das sonst durch die Baumkronen der Kastanien erzeugt wurde. »Besser, oder?«

Moritz verspürte einen wehmütigen Stich in der Brust. Er nickte.

»Ich habe mir gedacht, wir versuchen heute mal einen neuen Ansatz«, begann Dr. Pichler und setzte sich. »Einverstanden?«

»Sie sind der Therapeut.« Moritz grinste schief.

Dr. Pichler bedachte ihn mit einem seltsam leeren Blick, dann wandte er sich den Unterlagen zu und stapelte sie Kante an Kante. »Also gut. Statt wie üblich aufzurollen, warum Sie niemals in Ihre Heimat zurückkehren wollen« – er lächelte Moritz freundlich an – »ich denke, den Streit mit Ihrem Vater haben wir erschöpfend behandelt – werde ich Sie in Ihrer Entscheidung bekräftigen.«

»Okay?«

»Was ich damit sagen will, ist, dass ich Sie voll und ganz in ihrem Entschluss unterstütze. Ich werde Sie nicht mehr nach Ihren Gründen fragen. Wir werden nicht mehr daran arbeiten. Wie Sie so oft betont haben, ändern unsere Gespräche ohnehin nichts an Ihrer Entscheidung, richtig?«

»Richtig«, sagte Moritz vorsichtig.

»Prima.« Der Therapeut lehnte sich selbstzufrieden zurück. »Bleiben Sie auf Ihrem Kurs, Herr Kunert. Lassen Sie Ihre Heimat hinter sich. Machen Sie einen sauberen Schnitt. Blicken Sie nicht zurück. Ihr Leben und Ihre Zukunft sind hier. Das muss auch Ihre Mutter akzeptieren. Lassen Sie sich bloß niemals weich kochen, irgendwann wird sie schon einsehen, dass Sie nicht mehr nach Hause zurückkommen. Sie müssen nach vorne schauen.«

Irritiert blickte Moritz Dr. Pichler an. »Verarschen Sie mich?«

»Aber nein.« Der Therapeut richtete sich auf. »Sie sollten wirklich nie wieder nach Hause zurückkehren. Am besten streichen Sie das Vokabular zu Hause für diesen Ort. Ihre Wohnung ist jetzt Ihr Zuhause, diese Stadt Ihre Heimat. Sie sind ein erwachsener Mann und haben Ihre Entscheidung getroffen. Davon sollten Sie sich niemals abbringen lassen. Durch nichts und niemanden. Verstanden?«

Moritz blinzelte verstört. »Verstanden.«

»Am besten festigen wir diesen Entschluss mit einer Visualisierung.«

»Was?«

»Eine Entspannungsübung, bei der wir im Geiste einen Film Ihrer gewünschten Zukunft durchspielen. Sie kennen das ja bereits.«

»Ich dachte, man kann nicht visualisieren, was ma nicht tun möchte, sondern nur, was man …«

»… stattdessen tun will. Richtig.« Der Therapeut lächelte zuversichtlich. »Wir werden auf eine Zukunft fokussieren, in der Sie nie wieder nach Hause zurückkehren.«

Moritz schluckte.

»Das ist doch in Ihrem Sinne, oder?«

Moritz presste die Lippen zu einem Strich.

»Gut, dann fangen wir an. Lehnen Sie sich zurück, atmen Sie tief ein und aus …«

 

Keine Lehrlinge, hatte Vater gesagt, ich bilde keine Lehrlinge aus. Du machst die Handelsakademie. Du studierst Betriebswirtschaft. Erst dann, und nur dann, kriegst du den Laden.

Der Laden hieß Sport Kunert. Ein Familienbetrieb in der dritten Generation – zumindest, falls ihn Moritz eines Tages übernahm. Vom Großvater zusammen mit seinem Sandkastenfreund gegründet. Zwei Kerle, die dem rebellischen Sturm der wilden Sechziger und Siebzigerjahre trotzten. In Zeiten, da Kapitalismus out war und ihre ehemaligen Schulfreunde auf Uni-Katheter kackten und in verrauchten Kellerlokalen darüber debattierten, wie sie die Welt retten konnten – und am Ende eben nur debattierten – gründeten Josef Kunert und Armin Rainer gemeinsam einen Sportartikelladen. Sie wollten jene Skifahrer abzocken, die ihre Almen ruinierten, und trieben – in den Augen der im Ort verbliebenen Rebellen – die Zerstörung der Umwelt voran. War ihnen scheißegal. Den Zwölf-Mann-Demonstrationen zum Trotz, ohne Know-how und ohne Kohle, bauten sie das florierendste Unternehmen der Region auf. Damals noch Rainer und Kunert Sportwaren.

Sie standen über den Dingen und über den regionalen Gepflogenheiten (denen sich irgendwann sogar die Langhaarigen beugten), wonach sie vom Elternhaus direkt in eine Ehe hineindriften und dort möglichst einen Erben und eine Weinkönigin zeugen mussten. Stattdessen zogen sie zusammen in ein Haus, das sie nach ihren eigenen Entwürfen bauen ließen, als reichten ihnen ihre gemeinsamen Sechzehn-Stunden-Schichten im Geschäft nicht aus, und fuhren jeder einen Sportwagen. Zwei Autos in einer Einfahrt – das war damals noch kein üblicher Anblick. Ebenso wenig wie ein englischer Rasen oder ein nackter Steinengel im Garten.

Für Moritz duftete die Sache zehn Kilometer gegen den Wind und über fünf Jahrzehnte hinweg, aber weder sein Vater noch seine Mutter noch sonst irgendjemand hatte je auch nur das Sterbenswörtchen eines Verdachts geäußert. Wozu auch? Die Freundschaft zerbrach an einer Frau. Überraschte niemanden. War der Lauf aller Dinge. Am Ende waren es doch immer die Frauen. Josef Kunert habe, so lautete zumindest die Sage, Armin Rainer die Frau ausgespannt. Ein fahrlässig heikler Punkt in der Geschichtsschreibung, fand Moritz. Ein – für damalige Verhältnisse – steinreicher Junggeselle musste für die Mädels einer vom Feminismus vernachlässigten Region so etwas wie der Olymp der weiblichen Selbstverwirklichung gewesen sein. Somit war es vermutlich Großmutter, die irgendwem irgendjemanden ausgespannt und aus Freunden Erzfeinde gemacht hatte.

Armin verzieh Josef den Verrat nicht. Er trennte sich von seinem langjährigen Geschäftspartner und eröffnete direkt gegenüber Sportartikel Rainer. Augenzeugen zufolge war es eine einwöchige Schlacht gewesen, in der Armin eigenhändig die Hälfte des Sortiments aus Josefs Laden über die Straße in sein Geschäft getragen hatte, was Josef zunächst nach Leibeskräften zu unterbinden versucht hatte, ehe er ihm in einer Art Tobsuchtsanfall sämtliche Lagerbestände nachwarf. Dann riss er das Schild von der Fassade und benannte den Laden um in Sport Kunert.

So die Legende. Ein Jahr später heiratete auch Armin. Das gemeinsame Haus blieb über Jahrzehnte hinweg Gegenstand eines wüsten Rechtsstreits, der erst durch den mysteriösen Tod der beiden Sturköpfe beendet worden war. Sie verschwanden in jenem Winter, in dem Moritz geboren wurde, und wurden im darauffolgenden Sommer nur wenige Meter voneinander entfernt in einer Gletscherspalte gefunden. Obwohl allgemein die Auffassung herrschte, die beiden hätten sich dort oben die Schädel eingeschlagen, hatte Moritz eine grauenhaft traurig-romantische Vorstellung vom wahren Ausgang der Geschichte.

Statt das Kriegsbeil zu begraben, führten ihre Söhne die Feindschaft fort. Im Laufe der Jahre hatten sich tausend Gründe hinzuaddiert, warum die Sippschaft von der anderen Straßenseite aus Halunken, Verrätern, Halsabschneidern – und ja – Mördern bestand. Denn freilich wurde der tragische Unfall (oder – in Moritz’ verklärter Fantasie – romantische Doppelsuizid) zu einem hinterhältigen Mordversuch uminterpretiert, bei dem sich der Mörder, typisch für die Gegenseite, so blöd angestellt hatte, dass er selbst mit in die Schlucht gestürzt war.

Moritz, der seinen Großvater nie kennengelernt hatte, liebte die Idee, mit ihm diese eine brisante Sache gemeinsam zu haben. Und daher gab es für ihn nichts Wichtigeres, als eines Tages seinen Laden zu übernehmen. Schon als Kind hatte er hinter dem Verkaufstresen mit seiner eigenen kleinen Spielzeugkasse Verkäufer gespielt und so manchem Kunden zu seinem üblichen Einkauf noch ein Schweißband oder eine Taschenlampe angedreht. In den Schulferien stand er lieber im Geschäft, statt mit seinen Mitschülern am See abzuhängen, und wem auch immer es wissen wollte, verkündete er, dass er nach dem Pflichtschulabschluss eine Lehre in Vaters Firma machen und mit achtzehn als gleichberechtigter Partner ins Geschäft einsteigen würde. Das war beschlossene Sache. In Stein gemeißelt. Für Moritz so derartig unverrückbar, dass er gar nicht auf die Idee kam, seine Eltern von diesen Plänen zu unterrichten. Wie selbstverständlich ging er davon aus, sie hätten für ihn genau diesen Weg vorgesehen.

Entsprechend groß war die Krise im Hause Kunert, als Moritz mit der Forderung der Eltern konfrontiert wurde, die Handelsakademie besuchen zu sollen. Und dann auch noch zu studieren. Tagelanges Türenschlagen und Schreien. Nass geheulte Kopfkissen. Ein paar zu Brennholz verarbeitete Möbel und ein erster Ausreißversuch, den Moritz nach nur sechzehn Stunden abbrach, weil es wie aus Eimern schüttete. Seine Eltern hätten fünfhundert Jahre alt werden müssen, um all das Unglück zu erleben, das er ihnen in diesen Wochen an den Hals wünschte.

Aber der Vater sagte: keine Lehre. Moritz fügte sich, besuchte die Handelsakademie und arbeitete jetzt vierzig Stunden die Woche im Großraumbüro eines Versicherungsunternehmens.

Danke Papa.

Du Arsch.

Du Arsch.

Du Arsch.

 

Moritz sprang so unvermittelt hoch, dass Dr. Pichler im Reflex ebenfalls aufstand.

»Schluss damit!«, knurrte Moritz.

»Habe ich einen wunden Punkt getroffen?«, fragte der Therapeut ein bisschen zu enthusiastisch.

Ich bin der wunde Punkt. Ich bin ein einziger wunder Punkt. »Das bringt nichts.«

»Sie meinen die Visualisierung?«

»Ich meine alles.«

»Definieren Sie ›Alles‹.«

Mit einem ratlosen Zischen ließ sich Moritz wieder in den Sessel plumpsen. Konnte er Dr. Pichler einen Vorwurf machen, dass er im Trüben fischte? Dass er nicht die allergeringste Ahnung hatte, worum es hier eigentlich ging? Für ihn war Moritz das wandelnde Beispiel eines Vater-Sohn-Konflikts. Er wollte Anerkennung. Die wurde ihm verweigert. Er rebellierte und provozierte, um endlich als Mann respektiert zu werden, und verbaute sich damit genau das. Und weil ihn der Vater nicht als gleichwertigen Geschäftspartner des Familienbetriebs akzeptierte, haute er ab und spielte in der fernen Großstadt beleidigte Leberwurst mit Scotch, Sex und Schadensfällen.

Wenn ihm Dr. Pichler also eine Zukunft fern der Heimat zeichnete, ein Leben ohne Vater, ohne Mutter, ohne Sport Kunert und Sportartikel Rainer, ohne Armin Junior und Melanie, ohne Touristen und Gletscherspalten – war das kein Schrecken. Es ziepte vielleicht ein bisschen. Es drückte ein wenig hier und da. Aber alles in allem war es eine Vision, mit der Moritz zurechtkommen konnte.

Womit er nicht zurechtkam, war das, womit er zurechtkommen musste. Und dieser Schmerz hockte fett und schwarz in seiner Seele wie ein Tumor und fraß ihn innerlich auf. Er jagte ihn nächtens wie hungrige Wölfe, er krallte sich in seine Lungen wie ein Fangeisen, er wisperte ihm Worte falschen Trosts zu, wenn er im Delirium lag, sang von Sehnsucht und Verlangen und verhöhnte ihn ob seiner bitteren Tränen, wenn er begriff, wieder einmal begriff, wie aussichtslos alles war.

Doch Moritz würde den Teufel tun, seinem Therapeuten davon zu erzählen. Er würde den Teufel tun, sich von diesem Schmerz heilen zu lassen. Was Dr. Pichler betraf, existierte Philipp nicht, und hatte nie existiert. Er wusste nicht, wer Moritz’ Ein und Alles war. Sein Um und sein Auf. Die Nacht und der Tag. Der Morgen und der Abend. Das Atmen und der Herzschlag. Die nervösen Finger in der Hand, die weichen Lippen auf dem Mund, das scheue Lächeln am See. Das erregte Atmen, das Zittern, das leise Schmatzen heimlicher Zärtlichkeiten. Philipp war das Gewicht in jedem Schritt, das Seufzen der Träume, das Fühlen im Denken. Er war einfach alles.

Aber für Dr. Pichler existierte er nicht.

Und das war gut so.

Auch wenn die Therapie damit zum Selbstbeschiss wurde. Aber was tat man aus Buße, wenn man nicht bereuen wollte? Was ertrug man bereitwillig, um eine Liebe im Herzen zu bewahren, die nicht sein durfte?

Definieren Sie »Alles«.

Moritz stand auf und ging. Es war der siebte Therapieabbruch in zwei Jahren.

 

4| Scheißdrauf-Mentalität

 

~ Gegenwart ~

 

»Moritz. In. Mein. Büro. Jetzt.«

Moargh! Moritz warf sich mit dem Rücken gegen die Lehne des Drehstuhls, rollte einen Meter rückwärts, pfefferte die Maus so heftig von sich, dass sie auf den Rücken kullerte wie ein Käfer, und stand mit einem betont missmutigen Stöhnen auf.

Die Blicke der Kollegen wanderten vorsichtig von Moritz zum Chef – der abwartend die Stirn runzelte –, dann wieder zu Moritz. Hah, jetzt kriegt ers ab. Gottseidank bin nicht ich dran.

Moritz stakste am Chef vorbei, der ihm die Tür aufhielt, und fläzte sich in den Kundensessel.

»Setzen Sie sich doch«, murmelte der Chef, schloss die Tür und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.

»Was ist?«, fragte Moritz.

Der Chef lehnte sich in seinem bequemen Ledersessel zurück, wippte ein wenig und musterte Moritz herausfordernd.

Die Ellenbogen auf den Armlehnen, die Finger vor dem Bauch verschränkt, erwiderte Moritz den Blick. Mal sehen, wer es länger aushält.

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie schüchtern sind«, sagte der Chef schließlich.

Moritz entkam eine Art grunzendes Glucksen. »Wie bitte?«

»So, wie Sie alle paar Wochen hier hereingeplatzt kommen und sagen: Ab nächsten Monat krieg ich mehr Geld, sonst bin ich hier weg, hätte ich nicht angenommen, dass Sie ihre Mutter vorschicken müssen, um sich eine Woche freizunehmen.«

Moritz konnte richtig spüren, wie seine Gesichtszüge entgleisten. »Was?«

»Wissen Sie, ich mag Ihre provokante Art, erinnert mich ein wenig an mich selbst in Ihrem Alter.« Der Chef begann zu grinsen. »Aber das …«

Moritz fühlte sich fallen. Wie kam seine Mutter verdammt noch mal dazu, hier anzurufen?

»Mich wundert das ein wenig, ehrlich gesagt. Bisher dachte ich bei Ihrer Scheißdrauf-Mentalität wäre Ihnen sogar egal, wenn ich Sie kündigen würde.«

»Nein«, krächzte Moritz und räusperte sich. Scheiße, er war völlig ausgehebelt. Mit Mühe kratzte er ein freches Grinsen zusammen. »Ich würde Sektkorken knallen lassen und hier raus tanzen.«

Der Chef lachte auf. »Sehen Sie, das meine ich. Ihnen ist offensichtlich egal, ob Sie hier arbeiten oder nicht. Deswegen verstehe ich nicht, warum Sie Ihre Mutter vorschicken, um für Sie einen Urlaub zu arrangieren.«

Moritz mahlte mit dem Kiefer, seine Schläfen pochten, er verkeilte die Finger so fest ineinander, dass die Knöchel knackten.

»Wissen Sie, was interessant ist?« Der Chef lehnte sich vor und schlug eine Mappe auf. »Ich habe nach dem Anruf Ihrer Mutter nachgesehen, wann Sie zuletzt Urlaub hatten.«

Moritz rollte die Augen und warf stöhnend den Kopf in den Nacken.

»In den letzten zwei Jahren hatten Sie – zumindest laut Unterlagen – keinen einzigen Tag Urlaub.« Gespielt ratlos öffnete der Chef die Hände. »Also entweder hat mein Vorgänger vergessen, Ihren Urlaub einzutragen, oder … nun …«

»Wenn Sie mich deswegen feuern wollen – nur zu.«

Der Chef runzelte die Stirn. »Wenn Sie es hier so sehr hassen, warum reizen Sie nicht jede Möglichkeit aus, zu Hause zu bleiben?«

Das geht dich einen Scheiß an! Moritz zuckte mit den Schultern. »Ich bin eben ein fleißiges Kerlchen.«

»Soso …«, der Chef klappte die Personalakte zu und verschränkte die Hände darauf. »Dieses fleißige Kerlchen wird ab sofort Urlaub machen.«

Moritz richtete sich hektisch auf. »Nein. Nein, das können Sie nicht einfach so … bestimmen.«

»Doch, ich kann.« Der Chef begann zu grinsen. »Ich weiß, Sie halten davon nicht viel, aber ich bin Ihr Chef, und ich befehle Ihnen, Urlaub zu machen.« Sein Grinsen wurde breiter. »Wenn es Ihnen leichter fällt, tun Sie einfach so, als hätte ich Sie für einen Monat gekündigt.«

Moritz schluckte. In der Hölle erwachten die ersten Dämonen, blinzelten, gähnten, stupsten einander an und blickten hungrig nach oben.

»Sie können gehen.«

»Bitte …«, Moritz schlug den pragmatischsten Ton an, den er jemals in der Firma angeschlagen hatte. »Können wir nicht noch einmal darüber reden?«

Der Chef schüttelte den Kopf. »Wieso verbringen Sie den Urlaub nicht daheim bei Ihrer Familie? Ihre Mutter hat mir erzählt, dass sie nächste Woche ihren Fünfziger feiert und Sie unbedingt dabei haben möchte. Es klang so, als würde man Sie sehr vermissen.«

 

»Hast du den Verstand verloren?«, schrie Moritz ins Telefon und wischte einen Stapel Werbeprospekte und Rechnungen vom Küchentisch.

»Moizilein, Schatz …«

»Nichts Moizilein! Du kannst nicht bei meinem Chef anrufen und für mich Urlaub aushandeln!« Aufgebracht grapschte Moritz nach einem der gebrauchten Gläser neben der Spüle, roch daran, schraubte mit einer Hand eine halb leere Flasche Scotch auf und schenkte sich ein.

»Aber du hast doch gesagt, das dir der Chef nicht frei …«

»Das ist noch lange kein Grund, ihn einfach anzurufen, Scheißenochmal! Woher hast du überhaupt seine Nummer?« Mit einem herzhaften Schluck kippte Moritz den Inhalt des Glases runter, hustete. Verdammt, das Zeug brannte bis in die Lungen.

»Ich hab mich so lange weiterverbinden lassen …«

»Das war eine rhetorische Frage«, brüllte Moritz. »Ist dir klar, wie ich jetzt vor meinem Chef dastehe?«

»Aber Moizilein, Schatz, mach dir keine Sorgen, er hält große Stücke auf dich …«

»Hör auf …« Raaarrr! Moritz boxte gegen den Türrahmen, lief wie ein Tier in Gefangenschaft im Flur auf und ab. »Ich will nicht, dass du je. Wieder. Bei meinem Chef anrufst. Verstanden?«

»Wenn es dir wichtig ist …«, sagte die Mutter kleinlaut.

»Ja! Es ist mir verdammt wichtig!«

Leises Schniefen am anderen Ende der Verbindung.

Oh nein! Moritz stemmte eine Faust gegen die Wand, presste die Stirn darauf, schloss die Augen und seufzte. »Hey. Nicht … Ich wollte dich nicht anschreien, Mama. Es ist nur … Es war eine Scheißwoche und … ich hätte dich nicht so anfahren dürfen. Okay? Tut mir leid.«

»Du bist nicht der Einzige, der eine Scheißwoche hatte«, piepste die Mutter und schnäuzte sich.

»Ich weiß«, sagte Moritz versöhnlich, drehte sich um, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und lauschte Mutters stockendem Atmen. Mit einem Mal war ihm, als wollte sein Herz platzen vor Heimweh. Seine Nase schwoll zu, sein Blick wurde verschwommen, sein Körper sehnte sich so sehr nach einer mütterlichen Umarmung, dass es wehtat.

»Hör zu, Mama«, krächzte er, stieß sich von der Wand ab, rieb sich übers Gesicht und wischte das Nass aus den Augenwinkeln. »Wie wäre es, wenn du nächste Woche hierherkommst? Wir gehen hübsch essen und in die Oper oder was immer du willst. Wir lassen dich hoch leben, hm?«

»Ach Moizilein, Schatz …«

Moritz drückte die Stirn gegen den Türrahmen. »Sag ja«, bat er und presste die Augen zusammen. Sag ja.

»Ich kann nicht weg hier. Du weißt, ich hab am Freitag das Haus voller Gäste und …« Sie seufzte.

»Die Woche darauf«, schlug Moritz vor und wischte sich rasch mit dem Handrücken über die Wange.

»Moizi …«

»Ich kann nicht kommen«, flüsterte Moritz und schlug mehrmals mit der Stirn gegen den Türrahmen.

»Vielleicht springst du mal über deinen Schatten, hm? Wenn schon nicht meinetwegen, dann für Papa.«

»Papa?« Sollte das ein Witz sein?

»Er könnte deine Hilfe wirklich sehr gut gebrauchen.«

»Könnte er das«, sagte Moritz hart. »Und was ist mit …?« Ein Bild drängte sich in seine Erinnerung: Philipp, der eine Lieferung Sportschuhe einsortierte, ein wenig langsam und umständlich, aber konzentriert. Kurze, erdnussblonde Haare, ein glatter Nacken, in den Moritz so gerne seine Nase presste, schöne, sehnige Hände, die sinnlich die Schachteln berührten und viel später – leicht zitternd aber zielstrebig – Moritz’ nackten Brustkorb.

»Ach, Schatz, es ist so furchtbar«, schlug die Mutter einen jammernden Tonfall an. »Der arme Junge. Wenn wir gewusst hätten, dass er … Papa ist völlig fertig.«

Eine Eisfaust ballte sich in Moritz’ Magen. Seine Schenkel begannen zu zittern, sein Arm war plötzlich kaum in der Lage, das Telefon ans Ohr zu pressen. »Philipp? Was ist mit Philipp?« Moritz schloss die Augen. Bitte, Gott, lass es ihm gut gehen! Lass es ihm gut gehen.

»Er – ich kann es gar nicht aussprechen«, die Mutter schniefte. »Philipp hat sich … er hat sich … hat sich vor den Zug geworfen.«

Moritz’ Herz setzte aus.

Ihm fiel das Telefon aus der Hand – es krachte zu Boden und schlitterte klappernd über die Fliesen.

Dann sackten Moritz die Beine unterm Körper weg. Er plumpste auf die Knie, ohne etwas zu spüren, bekam keine Luft. Krampfartig zog sich sein Brustkorb zusammen, er würgte panisch, biss in die Luft, doch er war innerlich staubtrocken. Verzweifelt hämmerte er gegen den Türrahmen. Luft. Luft. Luft. Philipp! Aus seiner Kehle drang ein würdeloses Knarren – aus seinem weit aufgerissenen Mund lief Speichel. Er war ein Tier. Bloß noch Tier.

Nur am Rande, den Blick verschwommen, registrierte er, dass das Display seines Telefons noch leuchtete, dass aus dessen winzigen Lautsprechern Mutters Stimme drang. Er wollte danach greifen, aber die Dimensionen hatten sich verschoben und er tappte ins Leere.

 

5| Zimtschnecken

 

~ Damals ~

 

Obwohl es so kühl war, dass sich auf den Armen Gänsehaut bildete, versprach es ein heißer Julitag zu werden. Beschwingt marschierte Moritz durch die noch menschenleeren Straßen, hörte nur das Knirschen der Schuhe unter seinen Sohlen und das Klack-Klack-Klack der Sprenkelanlagen in den Gärten. Ab heute würde er für zwei Monate im Laden arbeiten. Keine Schule, keine Lehrer, keine Hausaufgaben und keine Prüfungen bis zum Herbst.

Der Vater war schon weg gewesen, als Moritz aufgestanden war. Vermutlich hatte er vergessen, dass Moritz mit ihm mitfahren wollte. Seit einigen Wochen wirkte er ein wenig zerstreut und gestresst. Ein Grund mehr, warum sich Moritz auf den Job freute. Er würde seinem Vater tatkräftig unter die Arme greifen und vielleicht, wenn er sich geschickt anstellte, könnte er ihm sogar zu ein paar Tagen Urlaub verhelfen. Die Idee, alleine für den Laden verantwortlich zu sein, alle Entscheidungen zu treffen, mit Kunden zu plaudern, mit Lieferanten zu verhandeln, die Kasse zu machen, … ließ Moritz ein paar Zentimeter wachsen. Er könnte beweisen, dass er es draufhatte, dass sich sein Vater voll und ganz auf ihn verlassen konnte. Vielleicht begriff dieser dann endlich, dass ein Studium gar nicht nötig war. Vielleicht war er so angetan von Moritz’ Einsatz, dass er ihm erlaubte, direkt nach der Reifeprüfung im Laden einzusteigen.

Vor der Bäckerei hielt Moritz an, kramte in den Hosentaschen und wurde fündig. Zwei Euro, siebzig Cent. Er würde Vater eine Freude machen und ihm eine Zimtschnecke kaufen. Immerhin hatte er kein Frühstück gehabt, und er liebte Zimtschnecken. Für sich selbst kaufte Moritz auch eine. Sie würden sie zusammen im Büro verspeisen und bei einer Tasse Kaffee den Tag besprechen. Scheiße, Moritz wollte platzen vor Glück.

Die Papiertüte mit dem Gebäck in der Hand eilte Moritz die Straße hoch. Die Morgensonne ließ das Schild mit dem blau-roten Schriftzug Sport Kunert golden leuchten. Direkt gegenüber, dieselben Farben, fast der gleiche Schriftzug, aber verloren im Schatten: Sportartikel Rainer. Während Vater auch privat mit dem weißen Kastenwagen mit der Firmenaufschrift unterwegs war, traf man Armin Rainer Junior nur mit seinem Sportwagen an, den er stets prominent vor dem Laden parkte, damit die Kunden wussten, wann der Chef höchstpersönlich anwesend war. Vater war immer im Laden, aber er protzte nicht damit.

Moritz drückte gegen die Eingangstür. Verschlossen. Mit der Hand schirmte er den Blick von der Sonne ab und schaute durch die Glastür in den Verkaufsraum. Keiner da. Wahrscheinlich war der Vater im Büro. Moritz hämmerte gegen die Tür. Eigentlich sollte er einen Schlüssel bekommen, es war doch oberpeinlich, dass der Sohn des Besitzers wie ein Idiot vor dem Geschäft herumstand und nicht reinkonnte. Melanie Rainer hatte einen Schlüssel für den Laden ihres Vaters, dabei arbeitete sie noch nicht einmal dort. Ein kleiner, schmerzhafter Stachel.

Ein Kerl in Moritz’ Alter tauchte im Verkaufsraum auf. Erdnussblond. Volle Lippen. Langer Hals. Er starrte Moritz erschrocken an, dann drehte er sich um und verschwand wieder.

Wer war das?

Wenige Augenblicke später kam der Vater, erkannte Moritz, nickte ihm zu und eilte zur Eingangstür, um ihm aufzuschließen.

»Was machst du hier? Um diese Zeit?«, fragte der Vater ehrlich überrascht. »Solltest du nicht längst in der Schule sein?«

»Ich habe Ferien, schon vergessen?« Entschlossen marschierte Moritz an ihm vorbei in den Laden, als gehörte er ihm ganz allein, und sog den Duft von Kunststoff und Leder ein. »Ich hab Frühstück mitgebracht.« Er wedelte mit der Papiertüte, stakste durch den Verkaufsraum und schaute sich um. Neugierig reckte er den Hals Richtung Flur, der zum Lager und zum Büro führte, sowie zur Küche und den Toiletten. »Hast du Besuch?«

Der Vater schloss die Eingangstür ab und schob einen Kleiderständer zurecht. »Du willst also in deinen Ferien hier herumhängen, ja?«

Moritz’ gute Laune bekam einen Dämpfer. »Ich hänge hier nicht rum, ich helfe dir! Ich arbeite hier.« Und dann, in einem jammernden Tonfall, für den er sich hinterher hasste: »Du hast es versprochen.«

»Natürlich. Natürlich … Ich wusste nur nicht, dass schon Ferien sind.«

Du hast vor drei Tagen mein Zeugnis gelobt, dachte Moritz gekränkt. »Ich mach uns Kaffee.« Die Faust um die Papiertüte geballt eilte er Richtung Küche.

»Warte!«, rief der Vater, aber Moritz hatte keinen Bock zu warten. Er hatte geglaubt, Vater würde sich über seine Anwesenheit freuen, aber er tat geradewegs so, als wäre Moritz ein lästiges Kind. Dabei wusste er sehr wohl, welche Hilfe er ihm sein konnte. Immerhin hätte er die stressigen Wochen zu Ostern und in den Weihnachtsferien nie ohne seine Hilfe durchgestanden. Hatte er selbst gesagt. Mehrmals. Sogar zwei Hunderter extra hatte er Moritz in die Hand gedrückt aus Dankbarkeit.

Moritz eilte am Büro vorbei, hielt inne, machte einen Schritt zurück. Da stand er. Der Kerl von vorhin. Die Schultern etwas hochgezogen, die Fäuste in den Taschen des Kapuzenpullis geballt. Er presste die Lippen zu einem Strich, was vermutlich ein Lächeln sein sollte.

»Hallo?«, sagte Moritz in einem sarkastischen Was-zur-Hölle-tun-Sie-da-Ton. Platzhirschverhalten.

Der Kerl war ziemlich blass, seine Wimpern deutlich dunkler als die Haare, seine Augen dafür ungewöhnlich hell – vermutlich grau, so genau konnte Moritz das auf die Entfernung nicht feststellen. Der Hals wirkte so lang, weil sein Shirt einen für Kerle unüblich tiefen Ausschnitt hatte. In Kombination mit dem ausgeprägten Adamsapfel und seinem verschreckten Blick wirkte er irgendwie gläsern, verletzlich. Statt zu antworten, schaute er über Moritz’ Schulter hinweg.

Da drängte sich schon der Vater an ihm vorbei ins Büro und berührte den Kerl am Oberarm. Er wirkte ein wenig gehetzt, als hätte sein Sohn etwas entdeckt, was er nicht hätte entdecken dürfen. »Moritz? Das ist Philipp.« Zu Philipp sagte er: »Das ist mein Sohn. Ich hab dir schon von ihm erzählt.«

Philipp nickte, seine Mundwinkel zuckten schief. Lächeln hatte er definitiv nicht drauf. Höflichkeiten auch nicht. Unverändert hielt er die Fäuste in den Taschen geballt.

»Okay?«, sagte Moritz abwartend. Eine seltsam aggressive Energie trieb seinen Rücken hoch. Ohne Philipp aus den Augen zu lassen, fragte er seinen Vater: »Und … wer ist das? Was macht er hier in deinem Büro?«

»Ja … also …« Der Vater kratzte sich verlegen am Hinterkopf. »Er arbeitet hier.«

»Was?« Moritz fühlte sich, als hätte er soeben eine Ohrfeige bekommen. Seine Wangen brannten, sein Herz hämmerte. »Wieso … wieso stellst du jemanden ein, wenn du weißt, dass ich …?« Scheiße. Er benötigte alle Kraft, um halbwegs cool zu bleiben. Vor diesem Philipp wollte er auf keinen Fall wie ein winselndes Weichei wirken.

»Genau genommen …« Der Vater setzte ein sehr schiefes, sehr schuldbewusstes Lächeln auf. »Ist Philipp mein Lehrling.«

Bamm.

Moritz’ Bauchmuskeln verkrampften so spontan, als hätte er einen Hieb in den Magen bekommen. »Nein … Nein.« Er begann, verkorkst zu lachen. Ein bitteres Ha-Ha-Ha. »Nein, das hast du nicht …« In seinem Inneren detonierte eine Bombe aus Wut und Fassungslosigkeit. Hatte sein Scheißvater, dieser elende Verräter, nicht tausend Mal gesagt, er bilde keine Lehrlinge aus? Hatte er Moritz nicht deswegen zu dieser scheißbeschissenen Handelsakademie geschickt? Das Herz hämmerte Moritz bis zum Hals – er konnte nicht sagen, ob vor Hass oder Schmach. Als ihm die Augen zu brennen begannen, stürzte er aus dem Büro Richtung Verkaufsraum. Vor diesem stummen, blöden … Lehrling wollte er auf keinen Fall in Tränen ausbrechen.

Während Moritz daheim problemlos toben konnte und durchaus Möbel zu Kleinholz verarbeiten, waren ihm die Waren im Laden heilig. Also boxte und trat er in die Luft und drehte sich dabei um die eigene Achse.

Der Vater kam in den Verkaufsraum gestürmt und schaute sich um, als erwartete er, dass bereits alles in Schutt und Asche lag. Er atmete erleichtert auf, dann sagte er beruhigend, und immerhin marginal schuldbewusst: »Moritz …«

Mit einer Sekunde Verspätung tauchte Philipp auf. Er wirkte überfordert. Sein Blick huschte zwischen Boden, Vater und Moritz hin und her.

Aus irgendeinem Grund konnte Moritz vor ihm nicht austicken. Er schnaubte, ballte die Fäuste, mahlte mit dem Kiefer, mimte den aufgebrachten Sohn des Chefs, den Kerl, mit dem man sich nicht anlegen sollte. Aber er mimte es eben nur, dosiert, im Hinterkopf diesen bescheuerten Anspruch, vor Philipp nicht wie ein Primitivling zu wirken, sondern mehr wie ein zurecht aufgebrachter Geschäftspartner. Und diese bescheuerte Selbstkontrolle, woher auch immer sie plötzlich kam – denn typisch war sie beileibe nicht für ihn – sorgte dafür, dass seine Wut irgendwie … nun, nicht verpuffte, aber niedergedrückt wurde.

»Wie…« Moritz schnaubte, fuhr sich durchs Haar, marschierte ungehalten auf und ab. Scheiße, er fühlte sich so … so fremd im eigenen Körper. So durcheinander. So voll und leer zugleich. Vor allem aber fühlte er sich beobachtet. »Ich … ich muss hier raus.« Wie ein Schauspieler in einer schlechten Soap, peinlich melodramatisch, stürzte er zur Eingangstür und versuchte vergeblich, sie aufzureißen. Abgeschlossen. Verdammt. Hektisch pfriemelte er am Schlüssel herum – ihm schien, als benötigte das scheiß Schloss tausend Umdrehungen – dann empfing ihn endlich die kühle Morgenluft.

 

6| Klingeln im Wald

 

~ Gegenwart ~

 

Moritz stieg aufs Gas. Häuser flitzten an ihm vorbei, Strommasten, Bäume, Felder. Von all dem bekam er jedoch nichts mit. Die Fäuste ums Lenkrad geballt raste er erstmals seit fünf Jahren wieder Richtung Heimat. Gelegentlich wischte er sich aufkommende Tränen aus den Augenwinkeln. Gelegentlich musste er rechts ranfahren, wenn es ihn überkam. Dann prügelte er aufs Lenkrad ein, schluchzte, mahnte sich, sich zu beherrschen, atmete tief durch, marschierte eine Runde ums Auto, ratlos, überfordert, stieg wieder ein und fuhr weiter.

Er musste daran denken, wie er damals abgehauen war. Wie er entschlossen durchs Haus gestampft war und halb blind vor Tränen alles, was seine Finger zu fassen bekommen hatten, in seinen Rucksack gestopft hatte. Hinter ihm, auf Schritt und Tritt, jammernd, heulend: seine Mutter. Wo willst du hin? Was ist passiert? Wann kommst du wieder? In ihrer Verzweiflung wurde sie sogar handgreiflich, packte ihn, zerrte an ihm, wollte ihn festhalten, doch er riss sich immer wieder los, wandte ihr den Rücken zu, wich ihr aus. Er wusste nicht, wer mehr heulte, er oder sie, nur dass ihm der Rotz bis übers Kinn lief. »Frag Papa«, schrie er, ehe er nach drei Fehlstarts mit quietschenden Reifen davonbrauste. Kaum hatte er das Ortsschild passiert, läutete sein Handy. Ohne nachzusehen, wer ihn anrief, schleuderte er es in hohem Bogen aus dem Fenster, wo es in einem Waldstück landete und vermutlich noch den ganzen Tag mit seinem Geklingel Wildtiere verschreckte.

Jetzt lag sein Handy griffbereit auf dem Beifahrersitz. Er wünschte sich einen Anruf. Er wünschte sich …

Oh, wie sehr hatte er sich selbst belogen. Nie wiedersehen? Das war eine scheißromantische, idiotische, sture Nummer, solange es einen Weg zurück gab, solange es bloß eine Entscheidung war, weil es etwas zu entscheiden gab. Solange es Optionen gab. Aber wie scheiß endgültig, wie scheiß unfreiwillig, wie scheiß sauweh tat es, wenn einem diese Entscheidung aufgezwungen wurde. Wenn es keine Option mehr war, sondern … ein Fakt.

Moritz hatte immer gedacht, er wüsste nur zu gut, wie sich Schmerz und Angst anfühlten.

Er hatte sich geirrt.

 

7| Ein Idiot

 

~ Damals ~

 

Nachdem sich Moritz von dem Schock über den Lehrling erholt hatte, schmiedete er einen Plan. Er würde beweisen, dass er fähiger war als Philipp. Er würde Philipp überflüssig machen, schlimmer, er würde seinem Vater klarmachen, dass Philipp ein Vollpfosten war und für die Arbeit im Laden völlig ungeeignet.

Der Plan erforderte nicht viel Raffinesse. Philipp war ein Vollpfosten, er war völlig ungeeignet für den Job. Wann immer Kunden den Laden betraten, war er eine Wolke. Drei Viertel des Tages verbrachte er im Lager, wo er weiß Gott was trieb. Erwischte ihn doch mal ein Kunde, schaute er sich hektisch um, stockstarr, nur Flucht im Blick. Nicht nur einmal musste ihm Moritz zur Hilfe eilen, was er anfangs auch mit vollem Einsatz machte, weil er dachte, er müsste Philipp aktiv als Deppen hinstellen. Aber Philipp war ein Depp. Wenn Kunden das Geschäft betraten, warf er Moritz einen panischen Blick zu und flitzte ins Lager, wo er abwartete, bis die Luft wieder rein war.

Der Vater schien davon nichts mitzukriegen. Dabei bemühte sich Moritz redlich, das Philipp-flüchtet-vor-Kunden-Spiel publikumswirksam zu inszenieren, indem er etwa lautstark sagte: »Wo ist er denn jetzt schon wieder hin?« Oder: »Hat jemand Philipp gesehen?« Oder: »Philipp, Kundschaft!«, nur um seinem Vater kopfschüttelnd zu zeigen, wie rasch Philipp aus dem Verkaufsraum verschwinden konnte.

Den Volltreffer erntete Moritz aber, als er eines Tages im Lager herumschnüffelte. Denn was zum Henker trieb Philipp hier hinten die ganze Zeit? Unter einem Schuhkarton fand er ein Buch. Zunächst vermutete er, es gehörte seinem Vater. Der Gedanke, dass sich Philipp im Lager verstecken könnte, um zu lesen, kam Moritz äußerst abwegig vor.

Doch dann erwischte er ihn.