Er wird dich finden - Margaret Carroll - E-Book

Er wird dich finden E-Book

Margaret Carroll

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Beschreibung

Eine gefährliche Liebe, ein Kampf um Leben und Tod

Auf den ersten Blick sind sie ein perfektes Paar: Caroline Hughes und ihr Mann, der Psychoanalytiker Porter Moross. Doch schon kurz nach der Hochzeit beginnt für Caroline ein Martyrium. In krankhafter Eifersucht bewacht Porter sie auf Schritt und Tritt, verbietet ihr den Kontakt mit der Außenwelt und bestraft sie für jeden noch so kleinen Fehler. So lebt Caroline mitten in Washington D.C. in Angst und Schrecken. Bis sie eines Tages ausbricht: Um 9 Uhr 20 an einem heißen Montagmorgen beginnt Carolines Kampf ums Überleben …

Atemberaubende Spannung trifft prickelnde Leidenschaft – ein Ladythriller vom Feinsten!

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Seitenzahl: 459

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis
 
Zum Buch
Zur Autorin
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
 
Danksagung
Copyright
Zum Buch
Als sie Porter Moross verlässt, hat Caroline nichts mehr bei sich als die Kleider, die sie trägt, und ihren kleinen Hund. Sie ist auf der Flucht vor ihrem unberechenbaren Mann, der ihr das Leben zur Hölle machte. Sie schafft es, Washington unbemerkt zu verlassen und erreicht nach einer abenteuerlichen Reise Storm Pass, einen kleinen Ort in Colorado, wo sie endlich in Sicherheit ist. Hier lernt sie Ken Kincaid kennen und schöpft zum ersten Mal Hoffnung, ein neues Leben beginnen zu können. Ein verhängnisvoller Irrtum, denn ihr krankhaft eifersüchtiger Mann lässt nichts unversucht, Caroline wieder in seine Gewalt zu bringen …
 
Atemberaubende Spannung trifft prickelnde Leidenschaft – ein Nervenkitzel vom Feinsten!
Zur Autorin
Margaret Carroll wurde in New York City geboren, absolvierte ihr Studium an der George Washington University und war viele Jahre als Wirtschaftsjournalistin tätig. Als erfolgreiche Managerin für Öffentlichkeitsarbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet und arbeitete u. a. für British Airways in New York. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in der Nähe von Detroit, Michigan. »Er wird dich finden« ist ihr dritter Roman.
Meiner Mutter und Katie Mae, die an jenem Tag am Strand von Sanibel bei mir waren, als dieses Buch geboren wurde; und wie immer natürlich meinem Ehemann Rand, der all meine Träume, einschließlich diesem, wahr gemacht hat.
1
WASHINGTON, D. C., MONTAG – An einem brütend heißen Morgen im September verließ Caroline Hughes ihren Mann. Bereits um kurz nach neun Uhr morgens flirrte die Luft in den Kopfsteinpflasterstraßen Georgetowns, machte das Atmen schwer und klares Denken geradezu unmöglich.
Caroline trat vor die Tür und blieb stehen, scheinbar von nichts Wichtigerem belastet als der Frage, in welche Richtung sie ihren Hund heute Morgen ausführen sollte. Dabei hatte sie diesen Moment bereits unzählige Male im Kopf durchgespielt.
Porter beobachtete sie aus seinem Arbeitszimmerfenster.
Die Hitze übertrug sich vom heißen Bürgersteig direkt durch die dünnen Sohlen der Keds-Schuhe und die dicke Schicht Geldscheine, mit denen Caroline sie ausgepolstert hatte – vornehmlich Hunderter, einige Zwanziger. Insgesamt waren es viertausend Dollar.
Sie sah nach rechts, dann nach links. Pippin zerrte an seiner Leine und tänzelte auf der heißen Straße.
»Okay, mein Süßer, jetzt oder nie«, sagte Caroline leise zu ihrem Hund. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie beinahe die Leine fallen ließ. Sie schaute sich zum Erdgeschossfenster ihres Stadthauses um. Von seinem Ledersessel aus hatte Porter einen exzellenten Blick auf sie.
Caroline rang sich ein Lächeln ab und nickte kurz. Das war ihr Zeichen, und es bedeutete, dass ihr zwanzig Minuten blieben. Die kurze Strecke bis zur nächsten Kreuzung ging sie bewusst langsam. Dort bog sie nach links in die Wisconsin Avenue, die Hauptdurchgangsstraße von George town. Sobald sie um die Ecke war, beschleunigte sie ihre Schritte, allerdings nicht zu sehr, denn sie wollte auf keinen Fall Aufmerksamkeit erregen.
Der Yorkshireterrier trottete mit aufgerichteten Ohren neben ihr her, selig, endlich draußen zu sein.
Sie griff in die schmale Tasche ihrer Caprihose, aus der sie ihren und Porters Pass sowie die dünnen Innensohlen ihrer Keds herausholte. Nachdem sie alles in einen überfüllten Mülleimer gestopft hatte, lief sie weiter. Wenn ihr Pass weg war, glaubte er vielleicht, sie wäre ins Ausland gereist. Und sie konnte ihn nicht behalten, weil es zu riskant war. Indem sie seinen Pass auch wegwarf, gewann sie zusätzliche Zeit.
Caroline hatte sich soeben selbst verschwinden lassen.
Die Dollarscheine in ihren Leinenschuhen schoben sich beim Gehen unter ihren nackten Fußsohlen zusammen. Ein Stück weiter die Straße hinunter winkte sie ein Taxi heran. Ihr Atem ging in kurzen, unregelmäßigen Stößen. Sie war inzwischen weit genug weg, dass er keine Bremslichter sehen würde, nicht einmal, wenn er auf die Vorderstufen hinausgetreten war. Und dazu hätte er überhaupt keinen Grund gehabt.
Als sie nach der Taxitür griff, rechnete sie beinahe damit, dass Porter sie von hinten packte, ehe sie einsteigen konnte. Ihre verschwitzte Hand rutschte vom Türgriff ab. Sie versuchte es erneut. Inzwischen pochte ihr Herz wie wild, und sie hörte nur noch das Rauschen ihres Blutes. Eilig hob sie Pippin hoch und stieg in den Wagen. Ihre Arme und Beine fühlten sich wie Gummi an. Als das Taxi die Wisconsin entlang zur M-Street und durch Foggy Bottom fuhr, atmete Caroline langsam aus. Denselben kurzen Weg war sie schon oft zu Fuß gegangen. Von jetzt an zählte jede Sekunde.
Caroline beugte den Kopf vor, sodass ihr langes braunes Haar wie ein Vorhang vor ihr Gesicht fiel. Der Fahrer beachtete sie gar nicht, sondern brabbelte in schnellem Farsi auf ein Walkie-Talkie ein, das am Armaturenbrett klemmte.
Neben ihr stand Pippin unsicher auf dem Sitz und winselte leise, als hätte er ebenfalls Angst.
Caroline zog ein kleines, in Alufolie eingeschlagenes Päckchen aus ihrer Tasche und wickelte ein Streichkäsebällchen aus. Darin befand sich eine Tablette vom Tierarzt, ein Beruhigungsmittel, das sie noch vom letzten Jahr übrig behalten hatte, als sie Pippin auf einen Flug mitnahm. Außer dieser Pille hatte sie noch sechs weitere bei sich.
»Keine Angst, mein Süßer«, flüsterte sie. »Wir sind frei.«
Der Yorkie schnupperte kurz an dem Käsebällchen, bevor er es mit einem Bissen verschlang.
Als das Taxi langsamer wurde, angelte Caroline zwei schon leicht feuchte Geldscheine aus ihrem Schuh. Mit gesenktem Haupt reichte sie einen Zwanziger über die Lehne zum Fahrer und steckte den anderen in ihre Gesäßtasche. Sie zählte das Wechselgeld und gab dem Fahrer ein gutes Trinkgeld, wenn auch nicht so hoch, dass er sich später daran erinnern würde.
Draußen steuerte sie den People’s Drugstore an, nahm sich einen Einkaufskorb und ging geradewegs zu den Haarpflegemitteln. Dort packte sie eine Haartönung, eine Schere, einen Kamm und eine kleine Flasche Shampoo in ihren Korb, bevor sie weiterging. Als Nächstes suchte sie sich Zahnpasta und eine Zahnbürste auf dem Weg zu den Saisonartikeln aus. Sie betete, dass die Strandtaschen mit Reißverschluss noch im Angebot waren. Sie waren. Caroline schnappte sich eine, dazu eine extra große Sonnenbrille und einen Schlapphut. Sie ging weiter in die Baby-Abteilung, wo sie eine kleine Schale für Pippins Futter fand. Außerdem besorgte sie eine Packung Hundefutter, eine Flasche Wasser und mehrere Packungen Käse und Cracker, obwohl ihr allein bei dem Gedanken an Essen schlecht wurde.
Sie stellte sich in die Kassenschlange und hoffte, dass die anderen Kunden ihr Herzklopfen nicht hörten. Trotz der glühenden Hitze draußen waren ihre Hände kalt und klamm. Ihr ausgetrockneter Mund machte ihr das Schlucken schwer. Wenn sie nur nicht in Ohnmacht fiel. Wenigstens brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, einen Bekannten zu treffen. Richtige Freunde hatte sie keine in Washington, und Porters Kollegen arbeiteten um diese Zeit.
Aber da irrte sie.
»Ah, hallo, Nachbarin!«
Bei der fröhlichen Begrüßung stockte Caroline der Atem. Die einzige Nachbarin, die Caroline als Freundin bezeichnen würde, kam in diesem Moment in den Drugstore.
»Sieh mich lieber nicht an. Ich bin gerade bei meinem Morgen-Power-Walk und grausam verschwitzt!«, verkündete Lindsay Crowley in ihrem tiefen Südstaatenakzent.
Lindsays Behauptung war so absurd, dass Caroline unweigerlich schmunzeln musste, obwohl sie inmitten der größten Krise ihres Lebens steckte und keine Sekunde Zeit zum Plaudern hatte. Selbst bei über dreißig Grad im Schatten und einer lähmenden Luftfeuchtigkeit saß Lindsays Frisur perfekt. Sie kam aus Houston, wo die Leute es wohl zur Wissenschaft erkoren hatten, sich kräuselndes Haar zu vermeiden. Bei dem Gedanken sah Caroline nervös zur Haartönung in ihrem Korb.
Lindsay schaute ebenfalls in den Einkaufskorb. »Erzähl mir nicht, du bist in dieser Hitze den ganzen Weg hermarschiert, um einzukaufen! Noch dazu mit dem armen süßen Schnuckelchen.« Sie bückte sich, um Pippin zu streicheln, der sich prompt auf den Rücken warf und mit allen vier Beinchen in der Luft strampelte.
Caroline wechselte den Korb in die andere Hand und blickte dabei ängstlich auf ihre Uhr. Sie hatte Lindsay Crowley vor längerer Zeit auf der M-Street kennengelernt, als sie Pippin ausführte. Die ältere, tadellos gestylte Frau war beim Anblick des Yorkies vor Begeisterung fast aus ihren raffinierten Designerpantoletten gekippt.
Caroline hatte sie auf Anhieb sympathisch gefunden.
Aber jetzt durfte sie keine Sekunde verschwenden, und ein Zurück gab es nicht mehr. Sie räusperte sich: »Ähm, wir müssen los.«
Lindsay richtete sich wieder auf und wippte auf den Absätzen ihrer Laufschuhe. »Wenn du eine Minute wartest, hole ich mir schnell ein Wasser, und wir können zusammen zurück.« Sie senkte die Stimme ein wenig und fuhr mit einem belustigten Funkeln in den Augen fort: »Nehmen wir uns ein Taxi. Ich spendiere. Wer will schon bei dieser Hitze laufen?«
Caroline wich einen Schritt zurück. »Danke, aber wir wollen …«, begann sie und verstummte mitten im Satz. Wo in aller Welt sollte sie um diese Zeit mit ihrem Hund hin wollen? Blöd, blöd, dachte sie, zog den Kopf ein und wandte sich halb ab.
Aber Lindsay war entweder zu höflich oder zu durstig, um auf ihrem Angebot zu beharren, denn sie winkte Caroline fröhlich zu, drehte sich um und suchte die Schilder über den Ladengängen ab.
An der Kasse musste Caroline nicht mehr lange warten. Sie legte die Sachen aus ihrem Korb auf den Tresen und reichte der Kassiererin den anderen Zwanziger, wobei sie darauf achtete, jeden Blickkontakt zu vermeiden.
»Na, einen neuen Look ausprobieren?«, fragte die Kassiererin laut und tippte lächelnd auf die Haartönung.
Caroline fuhr zusammen. Sogleich malte sie sich aus, wie Privatdetektive, die sich als Polizisten ausgaben, die Angestellten befragten, ob kürzlich eine junge Frau etwas Auffälliges gekauft hatte. Und was, wenn Lindsay in Hörweite war? Caroline wagte nicht, sich nach ihr umzudrehen. Stattdessen lächelte sie angestrengt und erwiderte: »Die ist nicht für mich. Ich bringe sie einer Freundin mit.« Sie benetzte ihre Lippen und versuchte zu schlucken. Man merkte ihr zweifellos an, dass sie log. »Sie hat sich das Handgelenk gebrochen, und ich helfe ihr, die Ansätze nachzufärben.« Wie normal das klang: Freundin!
»Das ist aber nett von Ihnen«, sagte die Kassiererin und zählte das Wechselgeld ab. »Und sagen Sie ihr bloß, dass sie nicht in die Hitze gehen soll, bevor sie nicht wieder ganz auf der Höhe ist.«
»Ja, klar, mach ich.« Caroline nahm ihre Tüte und verließ das Geschäft. Draußen war es mittlerweile so drückend heiß, dass sie leichte Kopfschmerzen bekam. Sie riss das Preisschild von der Sonnenbrille, setzte sie auf und sah sich um. Fast rechnete sie damit, Porter zu sehen, der auf sie wartete und sie wieder nach Hause bringen wollte. Aber außer ihr war nur noch ein älterer Mann mit Strohhut auf der Straße, der gemächlich die Pennsylvania Avenue hinunterging. Caroline setzte sich den neuen Schlapphut auf, stopfte ihr Haar darunter und packte die restlichen Einkäufe so um, dass in der Tüte noch Platz für den Hund war.
»Tut mir leid, Süßer«, sagte sie, hob ihn hoch und legte ihn in die Tüte.
Dann winkte sie ein Taxi heran.
Der Fahrer drängelte sich quer über zwei Spuren zu ihr hinüber. Caroline stieg hastig ein und sagte, dass sie zur First, Ecke L-Street wollte. Sobald sich das Taxi in westliche Richtung bewegte, sah sie wieder auf ihre Uhr. Dreiundzwanzig Minuten waren vergangen. Dass sie von ihrer Nachbarin entdeckt worden war, hatte sie ein paar Minuten zurückgeworfen, aber daran konnte sie jetzt nichts mehr ändern.
Porter würde jetzt allmählich ungeduldig werden. Aus seinem Arbeitszimmerfenster starren. Sich das Kinn reiben. Zwanzig Minuten noch bis zum Ende der Sitzung mit seinem Patienten. Danach hatte er nur fünfzehn Minuten Pause, bis die nächste Patientin kam.
Caroline versuchte, den Gedanken zu verdrängen, und ließ sich tiefer in den Rücksitz sinken. Sie setzte Pippin auf den Boden, holte die billige Strandtasche aus der Tüte, riss das Preisschild ab und packte ihre restlichen Einkäufe dort hinein. Es blieb noch genügend Platz für Pippin.
Der Yorkie beobachtete sie hechelnd. Allmählich setzte die Wirkung des Beruhigungsmittels ein. Sie war versucht, ihm Wasser zu geben, aber das ließ sie lieber. Im Greyhound war das Mitnehmen von Tieren verboten.
 
Dr. Porter Moross blickte aus seinem Fenster, seine Unruhe wurde von Minute zu Minute stärker. Seiner Frau standen zwanzig Minuten für den Spaziergang mit ihrem Hund zu. Das war die vereinbarte Zeit. Heute war sie zu spät, zehn Minuten bereits. Das kam sonst nie vor. Eine Frau mit langem braunem Haar ging vorbei, und für einen kurzen Augenblick war er erleichtert. Dann jedoch erkannte er, dass es nicht Caroline war. Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, bis er sich wie eine harte Kugel anfühlte. Ihm wurde übel. Natürlich ging dieses Gefühl auf seine Kindheit zurück, aber das zu wissen half Porter auch nicht weiter.
Sein erster Patient lag auf der Couch. Aus den oberen Stockwerken des Stadthauses, das er mit seiner Frau und deren Hund bewohnte, drang kein einziges Geräusch. Caroline war fort. Seine Ehefrau hatte ihn verlassen. Das wusste Porter mit absoluter Sicherheit. Der Knoten in seinem Bauch log nicht.
Als der Mann auf der Couch verstummte, erschrak Porter ob der plötzlichen Stille. Jäh wurde seine Aufmerksamkeit auf die Arbeit zurückgelenkt. Ohne das Fenster aus dem Blick zu lassen, schaute Porter zur Uhr auf seinem Schreibtisch. So etwas war noch nie geschehen. Sie verstand doch sehr gut, was es bedeutete, zu spät zu kommen. Nun müsste er sie bestrafen.
»Also?«, fragte der Mann auf der Couch in einem wehleidigen Tonfall. Er war Senator in seiner zweiten Amtszeit.
Porter runzelte die Stirn.
»Ich weiß, dass es hier nicht um Sie geht oder das, was Sie denken«, sagte der Senator und wedelte dazu mit der Hand. »Aber ich muss Sie einfach fragen.«
Porter hatte keine Ahnung, wovon der Senator redete. Eine Gestalt erschien am Fenster, und Porters Herz klopfte wie das eines kleinen Kindes, das auf seine Mutter wartet. Aber die Frau auf dem Gehweg draußen war wieder nicht Caroline.
Sein Bauch krampfte sich noch fester zusammen. Sie hatte ihn betrogen. Er holte tief Luft, um nicht in Panik zu geraten, packte die Armlehnen seines Sessels und wechselte die Position. »Sie haben recht«, sagte er ausweichend. »Hier geht es nicht um mich.«
Der Senator sah auf seine Uhr.
»Wir haben noch drei Minuten«, erklärte Porter in seinem typischen ruhigen Tonfall. »Aber ich würde das gern vertiefen, und unsere Zeit ist beinahe um. Ich möchte, dass Sie sich diesen Gedanken merken, damit wir morgen an der Stelle weitermachen können.«
Der Senator überlegte kurz, bevor er die Beine von der Couch schwang, sich aufsetzte und sein Jackett überzog.
Porter starrte weiter aus dem Fenster. »Wir sehen uns morgen.« Draußen hielt der Chauffeur seines Patienten, um ihn zurück zum Capitol Hill zu bringen.
Sobald Porter hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel, rannte er die steile Treppe hinauf in den Wohnbereich.
Hastig suchte er sämtliche Zimmer ab, obgleich er wusste, dass sie fort war. Das Herz wurde ihm schwer, während er durch das verlassene Haus ging. All die Antiquitäten, die er über Jahre bei Privatauktionen ersteigert hatte – alles, um sein Heim, ihr Heim, schön zu machen. Die polierten Möbelstücke aus Pekan- und Walnussholz, das Rosshaarsofa, jedes einzelne Teil schien ihn zu verhöhnen. Außer dem Surren der Klimaanlage war alles still. Erst im letzten Jahr hatten sie die Anlage für viel Geld in den Kriechboden oben im Haus einbauen lassen.
Er stampfte mit dem Fuß auf und knurrte vor Zorn. Aber dadurch wurde es nur schlimmer, denn die Laute bestätigten seine Angst noch. Sie war fort und kam nicht zurück. Porter schüttelte den Kopf, was jedoch nichts gegen die Panik auszurichten vermochte, die in ihm aufstieg. Wieder sah er auf seine Uhr. Noch zwölf Minuten, bis die nächste Patientin eintraf.
In der Eingangshalle nahm er das Telefon aus der Station auf dem polierten Mahagonisekretär und drückte die Kurzwahl für ihren privaten Anrufbeantworter. Keine Nachrichten. Dann drückte er die eingespeicherte Nummer der Garage, in der ihr Saab stand.
»Dr. Moross hier. War meine Frau heute bei Ihnen?«
»Ich habe sie nicht gesehen, Dr. Moross. Soll ich ihr den Wagen bringen?«
»Nein«, antwortete Porter rasch. »Es gibt ein Problem mit dem Auto.« Er überlegte kurz. »Ein Sicherheitsproblem.«
»Verstehe, Sir.«
»Ich will meiner Frau keinen Schrecken einjagen. Also, falls sie kommt, um den Wagen zu holen, rufen Sie mich bitte sofort an. Es ist dringend.«
»Ja, Sir.«
»Oder wenn jemand anders mit ihr kommt. Ist das klar? Unter keinen Umständen dürfen Sie ihr den Wagen geben.« Porter hörte, wie angespannt seine Stimme klang, konnte es jedoch nicht ändern.
»Sehr wohl, Sir, wie Sie wünschen. Ich mache einen Vermerk für die Nachmittagsschicht, Sir.«
»Danke. Und rufen Sie mich auf jeden Fall an, wenn sie kommt.«
»Wird gemacht, Doktor.«
Porter legte auf. Carolines Louis-Vuitton-Tasche war im Wohnzimmer. Sie duftete nach ihr, nach Gardenie, vermischt mit dem Minzgeruch von Kaugummi. In der Tasche fand er ihr Portemonnaie, Tampons, eine Haarbürste, Lippenstift, Kaugummi und mehrere krümelnde Hundesnacks. Angewidert rümpfte er die Nase. Wie oft hatte er ihr schon gesagt, dass Hundesnacks das Innenfutter ruinierten! Er schüttete den Inhalt ihrer Brieftasche auf den Boden. Einundsiebzig Dollar in bar fielen heraus, zusammen mit ihrer Scheckkarte und ihren Kreditkarten. Auch ihr Führerschein war da. Es sah alles danach aus, als würde sie lediglich einen langen Spaziergang machen.
Doch das glaubte er nicht. Sie war fort. Er presste ihr Portemonnaie so fest zusammen, dass der Metallriegel sich schmerzhaft in seine Handfläche grub.
Dann lief er die Treppe hinunter vor die Tür. Die Hitze draußen ließ ihm für einen Moment den Atem stocken.
Er sah hinunter zur Wisconsin Avenue, wo sich trotz dieser Temperaturen schon bald die Touristen drängeln würden. Caroline mied größere Menschenansammlungen. Überhaupt hatte sie ihre Gewohnheiten Porters angepasst, wie er erfreut feststellte, und zog es wie er vor, viel Zeit allein zu verbringen, nur sie zwei, ohne die Ablenkung durch andere Leute.
Porter drehte sich um und eilte in die entgegengesetzte Richtung zum Park an der Ecke 29. Straße. Die heiße Luft hing schwer über den makellosen Stadthäusern aus der Zeit Thomas Jeffersons und brannte in Porters Kehle.
Bis auf ein paar Studenten, die im Schatten lagen, war der Park leer. Caroline und ihr Hund waren nirgends in Sicht.
Leise fluchend schaute Porter wieder auf seine Uhr und drehte dann um. Als er wieder bei der Eingangstreppe seines Hauses war, blieb er stehen, einen Fuß auf dem antiken Stiefelputzer aus Messing.
Warum, Caroline, warum?
Ein letztes Mal blinzelte er zur Wisconsin Avenue hinüber. Es war sinnlos. Sie war nicht da. Er schüttelte den Kopf und versuchte, sich zu konzentrieren.
Dann griff er nach dem polierten Messingknauf, der fast glühte, und ging ins Haus.
Seine nächste Patientin saß auf der gedrechselten Holzbank unter der Treppe. »Dr. Moross? Ist alles in Ordnung?« Sie war Amerikanerin, wohlhabend und die zweite Frau eines früheren Stabsmitglieds des persischen Schahs.
Schweißperlen rannen Porter in die Augen. Er nahm seine Metallrandbrille ab und rieb sie weg. »Bestens«, antwortete er. »Gehen Sie schon rein, und machen Sie es sich bequem. Ich bin in einer Minute bei Ihnen.«
Sie zögerte. Ihre Verlustängste waren durch Porters unerwartetes Zuspätkommen zweifellos genährt worden. Porter bestand auf Pünktlichkeit und verlässliches Erscheinen zu den Sitzungen. Beides gehörte für ihn zur Grundlage der Beziehung zwischen Patient und Therapeut, und er weigerte sich, Menschen zu behandeln, die sich nicht an seine Regeln hielten. Zudem übernahm ohnehin keine Krankenkasse die Sitzungen bei ihm. Dennoch stand Porter Moross in dem Ruf, einer der besten Freudianischen Psychoanalytiker im ganzen Land zu sein. Seine Patientenliste las sich wie ein Gesamtverzeichnis der gesellschaftlichen Elite Washingtons.
Die Frau auf der Bank zupfte nervös am Saum ihres Chanel-Kostüms und sah auf den blauen Teppich mit dem goldenen Fleur-de-Lis-Muster. Neben ihren Verlustängsten wies sie noch ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit auf. Sie mochte es, wenn man ihr sagte, was sie tun sollte.
»Ich bin gleich bei Ihnen«, beteuerte Porter nochmals und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Mit einem scheuen Kopfnicken nahm sie ihre Sachen und ging ins Arbeitszimmer.
Porter lief nach oben, wobei er immer zwei Stufen auf einmal nahm. Er eilte geradewegs zu seinem Schreibtisch, öffnete sein BlackBerry und suchte die private Handynummer seines dritten und letzten Patienten für diesen Morgen raus.
Schon beim ersten Klingeln meldete sich der Chefredakteur einer der weltweit größten Tageszeitungen.
Porter sagte den Termin ab und bot ihm einen anderen an.
Der Redakteur, der seit sechs Jahren bei ihm in Behandlung war, bedankte sich bei Porter für den Anruf.
Während des Telefonats tippte Porter einen anderen Namen in das BlackBerry ein, fand die gesuchte Nummer und hinterließ auf dem Anrufbeantworter, dass er um ein Treffen in einer Stunde bei ihm zu Hause bat. Er wusste, dass seine Bitte mit höchster Priorität behandelt würde. Immerhin war Porter Moross ein Stammkunde von Beltway Security Investigations.
 
Das Taxi setzte Caroline in einer schmuddeligen Gegend der Stadt ab, einen Block vom Greyhound-Busbahnhof entfernt. Pippin wimmerte leise, als sie sich die Tasche über die Schulter hängte. Ihr nächstes Ziel war ein Fast-Food-Restau rant, das sie im Zuge der Vorbereitungen auf den heutigen Tag mehrmals aufgesucht hatte. Noch hatte der Mittagsbetrieb nicht eingesetzt, und die Angestellten hinterm Tresen blickten nicht einmal auf, als Caroline hereinkam. Sie ging direkt zu den Waschräumen.
Hier stank es nach Zigaretten und Schweiß; der Ort war ideal für Carolines Zwecke. Zum Glück war außer ihr niemand da. Mit klopfendem Herzen eilte sie auf die geräumige Behindertenkabine am anderen Ende zu. Nachdem sie die Tür hinter sich verriegelt hatte, stellte sie ihre Tasche ab. Pippin steckte kurz die Nase heraus, schnüffelte und gähnte. Dann rollte er sich wieder zusammen und schlief weiter.
Caroline holte Schere und Kamm heraus, sah in den Spiegel, atmete tief durch und begann zu schneiden. Wie die Blätter eines sterbenden Baumes schwebte ihr dichtes braunes Haar ins Waschbecken.
Sie schnitt es zunächst auf Kinnlänge, zog anschließend einzelne Strähnen nach oben und vollführte mehrere kleine Schnitte, wie sie es bei ihrem Friseur gesehen hatte. Das Ergebnis war recht passabel.
Das abgeschnittene Haar raffte sie zusammen und spülte es in der Toilette herunter. Als Nächstes öffnete sie die Tube mit der Haartönung und rührte sie im Waschbecken an. Sie wusste genau, was sie zu tun hatte. Vor mehreren Wochen hatte sie schon einmal so ein Mittel gekauft und die Anleitung studiert, bevor sie es auf dem Nachhauseweg in eine öffentliche Mülltonne warf.
Porter hielt nichts von Frauen, die sich ihr Haar färbten.
Sie stopfte sich Papierhandtücher in den Kragen ihres T-Shirts, zog sich die Einmalhandschuhe an und trug die Blondierung auf, beginnend an den Wurzeln bis in die Spitzen. Dabei achtete sie sorgsam darauf, nichts auf ihr T-Shirt zu kleckern.
Nun musste sie zwanzig Minuten warten. Das Ammoniak brannte ihr in Nase und Augen. Ihre Schulter- und Nackenmuskeln schmerzten. Die letzte Nacht hatte sie im Bad eingeschlossen verbracht, auf einem Badelaken, das sie auf dem kalten Fliesenboden ausgebreitet hatte. Geschlafen hatte sie nicht, weil sie viel zu große Angst gehabt hatte, dass Porter versuchen könnte, die Tür aufzubrechen. Sie hatte sogar überlegt, aus dem Fenster in den schmalen Luftschacht zu klettern, der ihr Haus vom benachbarten trennte. Aber das hätte Porter vielleicht gehört, deshalb ließ sie es bleiben. Heute aber war es so weit. Jetzt passierte es.
Tränen stiegen ihr in die Augen, als ihr das Ausmaß dessen bewusst wurde, was sie tat. Sie konnte nie wieder zurück.
Er würde sie umbringen, sollte er ihr je wieder begegnen.
Sofort verdrängte Caroline den Gedanken. Sie durfte nicht die Nerven verlieren.
Als die Tür zur Damentoilette aufging, schrak Caroline zusammen. Sie betete, dass niemand in diese Kabine musste, und das Glück war auf ihrer Seite. Minuten vergingen, während sie den Geräuschen aus einer anderen Kabine lauschte und dabei versuchte, nicht zu denken.
Nachdem zwanzig Minuten vergangen waren, stand sie auf, spülte sich das Haar am Waschbecken aus und trocknete es mit den Papiertüchern, so gut sie konnte. Dann ging sie mit dem Kamm durch die neuen kurzen Locken und betrachtete das Resultat.
Eine Fremde sah ihr aus dem Spiegel entgegen. Kurzes blondes Haar, der Hals entblößt und schutzlos. Ihre Augen wirkten stumpf und gehetzt. Der Anblick war ihr unerträglich. Rasch setzte sie die übergroße Sonnenbrille wieder auf und blinzelte, um die Augen schneller an das gedämpfte Licht zu gewöhnen.
Zum tausendsten Mal blickte sie auf ihre Uhr. Sie lag noch im Zeitplan.
Inzwischen wusste er es.
Bei dem Gedanken überkam sie eine entsetzliche Angst, die sie wie ein Stromschlag durchfuhr, ihr den Atem raubte und das Gefühl gab, die Kabine um sie herum drehte sich. Sie kniff die Augen zu, streckte eine Hand aus und hielt sich am Porzellanwaschbecken fest. Angestrengt atmete sie ein, benetzte ihre Lippen und versuchte zu schlucken. Aber sie war vor lauter Furcht wie gelähmt, denn so sicher, wie sie hier stand, wusste sie, dass seine Suche nach ihr bereits begonnen hatte.
Sie öffnete die Augen und griff mit zitternden Händen nach der Tasche, in der sich ihr ganzer irdischer Besitz befand. Dann blickte sie ein letztes Mal die verängstigte Fremde im Spiegel an.
»Alice Stevens«, flüsterte sie. »Viel Glück.«
2
Trotz der rhythmischen Bewegungen des Busses nickte Caroline nicht ein. Der Greyhound fuhr nach Nordwesten. Der Motor hatte einiges zu leisten, vor allem als sie die Interstate verließen und die kurvigen Teerstraßen durch die Berge West Virginias fuhren, gegen Abend dann durch die Ohios. Sie befanden sich am Rand der Great Plains, und Caroline war so nervös, dass ihr nicht einmal übel wurde, was sonst bei längeren Fahrten leicht passierte.
Heute jedoch dachte sie einzig daran, dass der Bus bitte weiter und weiter fahren möge. Eigentlich hätte sich jeder Kilometer, den er zurücklegte, wie ein kleiner Sieg anfühlen müssen, doch so empfand Caroline nicht. Sie war schlicht dankbar, dass sie hinten in dem Bus hockte und durch eine Zeit und einen Raum rumpelte, in denen Porter nicht vorkam. Ihre Welt schrumpfte auf das Innere des Greyhound-Busses zusammen, und das war ihr recht so.
Passagiere stiegen ein und aus. Ein Baby schrie. Kinder stritten sich um ein elektronisches Spielzeug. Eine korpulente Frau bewegte stumm die Lippen, während sie über eine zerlesene Bibel gebeugt war. Aus den Kopfhörern eines jungen Mannes, der sich über zwei Sitze ausgestreckt hatte, wehten blecherne Hardrock-Klänge herüber.
Jedes Mal, wenn der Bus den Highway verließ, legte sich eine bleierne Decke aus Furcht über Caroline und machte ihr das Atmen schwer. Sie sah die Menschen genau an, die an der Haltestelle warteten, suchte nach … wonach? Wen würde er schicken? Sie wusste es nicht. Dann die Erleichterung, wenn sie Mütter mit Kindern sah, alte rauchende Männer, ein junges deutsches Paar mit Rucksäcken.
Planmäßig legten sie eine Essenspause ein, als die Sonne an einem unglaublich flachen Horizont verschwand. Die Berge hatten sie inzwischen hinter sich gelassen und fuhren nun über ebenes Farmland, die Art Landschaft, die den Hintergrund zu Grant Woods Bild American Gothic hätte liefern können. Als Caroline zum ersten Mal ihren Platz verließ, schlug ihr der satte Geruch von Erde entgegen. Ihre Beine waren steif und verspannt. Die Luft draußen war heiß, feucht und vom Verkehrsbrummen auf der Interstate erfüllt.
»Weiterfahrt in fünfundzwanzig Minuten«, rief der Fahrer.
Caroline folgte den anderen nicht in die Raststätte, deren Werbeplakate Duschen, einen Münzwaschsalon und ein durchgehend geöffnetes Restaurant versprachen. Sie konnte nicht riskieren, dass sich jemand an eine junge Frau mit Hund erinnerte, ganz zu schweigen davon, dass sie dann nicht wieder in den Bus gelassen würde. Noch war sie nicht weit genug gekommen.
Auf wackligen Beinen ging sie zum anderen Ende des Parkplatzes in den tiefen Schatten einer kleinen Baumgruppe. Pippin hüpfte aus der Tasche und schüttelte sich. Er schnüffelte im Gras, schlabberte ein bisschen Wasser und verschlang den Käsewürfel, den sie ihm anbot. Darin steckte eine weitere Tablette.
Caroline trank den Rest aus der Wasserflasche in einem Zug und zwang sich, den übrigen Käse zu essen. Ihr Magen rumorte laut. Die letzte Mahlzeit hatte sie am frühen Morgen zu sich genommen, am kleinen runden Eichentisch vor der offenen Küche ihres Stadthauses. Sie hatte die irische Hafergrütze gekocht, die Porter gern aß, und sie mit braunem Zucker und Bananenscheiben serviert, so wie er es mochte. Sich selbst hatte sie gezwungen, schnell zu kauen, als wäre sie hungrig, obwohl sie vor Angst kaum noch Speichel im Mund gehabt hatte. Die Hafergrütze klebte wie Leim an ihrem Gaumen.
Porter hatte sie über den Rand seiner Tasse hinweg angesehen, als er an seinem Kaffee nippte. Er schluckte, kniff den Mund zu einer schmalen Linie zusammen und schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, wie du nach dem, was du getan hast, essen kannst.«
Caroline hatte schweigend genickt. Sie hatte sich entschuldigt, doch ihre Entschuldigung war nicht angenommen worden. Trotzdem wagte sie nicht, das Frühstück zu verweigern. Er sollte nicht bemerken, wie nervös sie war.
Er tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und warf sie danach auf den Tisch. Dann sah er auf seine Uhr und schüttelte wieder den Kopf. »Wir müssen uns darüber unterhalten«, hatte er verärgert gesagt. »Aber jetzt habe ich keine Zeit. Mein erster Patient kommt jede Minute. Wir sprechen heute Abend. Ich denke, du solltest dir einmal überlegen, woher dein Verhalten rührt. Was ist los mit dir, Caroline? Ich meine, du müsstest dich mal sehen.« Mit diesen Worten hatte er ihr einen solch heftigen seitlichen Fausthieb versetzt, dass ihr Kopf gegen die Wand schlug und daran abprallte. Dann spreizte und schüttelte er seine Hand ein paarmal, schob seinen Stuhl zurück und seufzte laut beim Aufstehen. »Wir reden später, Caroline.«
Das war vor dreizehn Stunden gewesen. Sie atmete den Geruch der Maisfelder tief ein und hielt ihn so lange fest, wie sie nur konnte. Als könnte die Luft ihr Halt geben, ihre zitternden Gliedmaßen beruhigen. Das tat sie aber nicht.
Caroline nahm Pippin in die Arme. »Tut mir leid, mein Kleiner«, murmelte sie, drückte ihm einen Kuss auf das seidige Fell und steckte ihn zurück in die Tasche. Dann ging sie zum Damenwaschraum in der Raststätte, benutzte die Toilette und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Es war angenehm kühl auf ihrer geschundenen Haut.
Anschließend stieg sie wieder in den Bus und setzte sich auf ihren Platz, in ihren Kokon. Hinten am Horizont verblassten die letzten Streifen Tageslicht, als der Bus an Tempo zulegte und sich in den Verkehr auf der Interstate einfädelte.
Über den Gang wehte der Geruch von Pommes zu Caroline. Die Frau hatte ihre Bibel beiseitegelegt und widmete sich jetzt ihrem Abendessen. Noch kauend, hielt sie Caroline ihre Schale hin. »Bedienen Sie sich, meine Liebe«, sagte sie. Ihr Akzent klang, als käme sie aus den Bergen.
Caroline lehnte stumm und mit einem matten Lächeln ab, wovon sich die Frau jedoch nicht beirren ließ. Sie beugte sich ein Stück zu ihr.
Sofort regte Pippin sich in der Tasche.
»Sie sehen aus, als hätten Sie einige Abendessen ausfallen lassen und Frühstück und Mittag gleich mit.« Die Frau grinste.
Pippin wimmerte leise, und Caroline legte beruhigend eine Hand auf die Stelle, an der Pippins kleiner Körper die Tasche ausbeulte.
Eines der Kinder vor ihr linste nach hinten und beäugte Caroline neugierig.
Um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen, nahm Caroline ein schlaffes Pommes-Stäbchen und biss davon ab.
Die Frau lächelte zufrieden.
Caroline wartete, bis die Frau wegsah, und steckte das restliche Stück schnell in die Tasche. Pippin schnappte es sich und leckte ihr genüsslich die Finger ab.
Die Frau blickte wieder zu ihr. »So ist’s gut, Mädchen. Sie sind viel zu dünn! Nehmen Sie noch ein paar.« Erneut streckte sie Caroline die Styroporschale hin.
Caroline nahm noch eins und zwang sich, zu kauen und zu schlucken. Das Fett klebte an ihrem Gaumen und an ihren Lippen, was Übelkeit in ihr aufstiegen ließ.
»Wohin fahren Sie?« Die Frau änderte ihre Sitzposition, um Caroline besser ansehen zu können.
Noch ein Kind guckte um die Sitze vor ihr herum und kicherte. Für die beiden war das jetzt ein Spiel.
In Gedanken überlegte sie fieberhaft, was sie der Frau in einer Sprache sagen könnte, welche diese ganz sicher nicht verstand. Von ihrem Auslandssemester in St. Petersburg erinnerte sie sich nur noch an wenige Worte. Leise genug, dass die Kinder sie nicht hörten, sagte sie nun auf Russisch: »Frohe Ostern.«
Die Frau machte große Augen.
»Frohe Ostern«, wiederholte Caroline auf Russisch. »Christus ist auferstanden.«
»Verstehe«, sagte die Frau auf der anderen Seite des Gangs lächelnd und fügte langsam und lauter hinzu: »Sie sind hier also in Ferien. Na, dann amüsieren Sie sich noch gut.« Sie streckte noch einmal ihre Styroporschale in Carolines Richtung, ehe sie sich wieder ihrem Essen zuwandte.
Kilometer für Kilometer ließen sie hinter sich, und der Bus trug sie immer weiter westwärts in die Nacht.
 
John Crowley blickte konzentriert auf den Schwarz-Weiß-Fernseher in der Küche, in dem immer CNN eingestellt war. Lou Dobbs interviewte gerade einen Regierungssprecher zu dem jüngsten Versuch, das Sicherheitssystem an einem der Flughäfen des Landes zu überlisten.
»Das hat der junge Mann doch gut gemacht«, bemerkte Johns Frau, als der Beitrag zu Ende war.
John nickte zufrieden. Er hatte die Erklärung für die Sendung von Lou Dobbs persönlich abgezeichnet und dafür gesorgt, dass der Sprecher genaueste Anweisungen erhielt. John Crowley hatte seinen Posten als CEO bei einer Fluglinie in Texas nach dem 11. September aufgegeben, um die Leitung einer brandneuen Behörde zu übernehmen, der die Flughafensicherung unterstand. Crowley wandte seine Aufmerksamkeit dem fett- und cholesterinarmen Abendessen zu, das seine Frau gekocht hatte. Gegrillte Hühnchenbrust mit Kräutern, ohne Fett und Haut, gedämpftes Gemüse, brauner Reis und dazu Sesamcracker. Er nahm sich einen Cracker und biss betont laut hinein.
Lindsay Crowley klimperte leicht mit den Wimpern. »Also, so schlimm ist das nun auch wieder nicht. Wir bringen das Cholesterin schon noch auf anständige Werte runter. Du wirst sehen.«
Das meinte sie vollkommen ernst. Und hatte seine Frau sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt, nun, dann war sie nicht mehr aufzuhalten. John aß von dem Hühnchen und lächelte, um ihr zu zeigen, dass er sehr wohl zu schätzen wusste, wie sehr sie sich um seine gesunde Ernährung bemühte.
Lindsay erwiderte sein Lächeln.
Die Crowleys waren seit über dreißig Jahren verheiratet und ihre Ehe in jeder Hinsicht ein voller Erfolg.
»Wie ich schon sagte, ich habe heute die kleine Caroline getroffen.«
»Mmmm.« John sah auf seinen Teller. Sein mageres Fleisch und den Reis hatte er vertilgt. Übrig blieben gedämpfter Broccoli und Juliennestreifen von etwas, das er nicht erkannte. Resigniert tauchte er die Gabel hinein.
»Findest du das nicht auch komisch?« Seine Frau sah ihn fragend über den winzigen runden Glastisch an. Es war ein antikes Stück, von dem der Innenarchitekt meinte, sie müssten es unbedingt kaufen, nachdem die Kinder aus dem Haus waren. John begriff zwar nicht, was an dem alten Tisch verkehrt gewesen war, aber Lindsay war begeistert von diesem, und das war die Hauptsache.
»Ich meine, nicht dass es gesetzlich verboten wäre, im People’s in Foggy Bottom einzukaufen«, plapperte Lindsay weiter. »Aber wieso frühmorgens dahinlaufen, wenn es gleich hier die Straße runter auch eines gibt? Noch dazu bei dieser Hitze.«
»Ja, das ist komisch«, bestätigte John, der aus langjähriger Erfahrung wusste, dass es am besten war, Lindsay so lange über etwas laut nachdenken zu lassen, bis sie von selbst zu einer Lösung gekommen war.
Als sie das amüsierte Funkeln in seinen Augen bemerkte, zog sie eine Grimasse. »Na ja, was genau mir komisch vorkommt, kann ich gar nicht so sagen«, erklärte sie. »Aber irgendwas stimmt mit diesem Mädchen und ihrem Mann nicht.«
Ihr neuer Nachbar war ein seltsamer Kauz, keine Frage. Einer von diesen hageren New Yorker Intellektuellen, die sich von oben bis unten in Schwarz kleideten. Außerdem interessierte er sich entschieden zu sehr für die Kunstwerke, die Lindsay mit ihrem schwulen Innenarchitekten ausgesucht hatte. Aber John Crowley hatte nichts für Klatsch und Tratsch übrig. In diesem einen Punkt waren Lindsay und er vollkommen gegensätzlich, denn sie war ein durch und durch soziales Wesen. Nun räusperte er sich und signalisierte ihr damit, dass das Gespräch für ihn beendet war.
Er wusste, dass Lindsay sich liebend gern noch ausführlicher über das merkwürdige Paar unterhalten hätte, das in eines der Reihenhäuser gegenüber gezogen war. Aber sie begann stattdessen, die Teller abzuräumen. Seine Frau spürte, wann sie ein Thema fallen lassen sollte, und diesen Zug mochte er immer mehr an ihr, je länger er mit ihr zusammenlebte. Allerdings besaß sie noch eine andere Eigenschaft, die er mit den Jahren zu fürchten gelernt hatte: Selbst kleinere Angriffe auf ihre Person parierte Lindsay Crowley sofort.
Das tat sie auch heute. Bevor sie in die Küche ging, warf sie ihm ein reizendes Lächeln zu und sagte: »Turnschuhe anziehen, Liebling. Es ist Zeit für deinen Fitnesslauf.«
3
Das Verschwinden seiner Frau löste bei Porter eine solch heftige Panikattacke aus, dass er nicht sicher war, ob er sie überlebte. Und die war nur ein Vorgeschmack des Schmerzes, der noch folgen sollte. Die schreckliche Hitze machte alles noch schlimmer. Sie verstärkte die Aura des Surrealen, die sich über sein Leben legte. Er watete gleichsam mit langsamen, schwerfälligen Bewegungen durch eine Luft, die heiß und zäh wie Autoabgase war. Seine Muskeln sträubten sich bei jeder Regung, Stimmen klangen blechern wie alte Plattenaufnahmen, und das Sprechen kostete ihn enorme Anstrengung. Aus seiner medizinischen Ausbildung wusste er, dass dies die klassischen Symptome eines Schocks waren.
Der Schockzustand wäre irgendwann vorbei, abgelöst von einem unsagbar tiefen Kummer, der neue Konturen in Porters Gesicht schnitzen, seine Augenhöhlen deutlicher definieren und sich in die Falten um seinen Mund graben würde.
An jenem ersten Morgen, nachdem die Frau des iranischen Kabinettsministers endlich wieder gegangen war, ergriff Porter sofort die Initiative. Er wusste, dass er keine Zeit zu verlieren hatte. Zunächst sagte er sämtliche Sitzungen für den Rest des Tages sowie den darauffolgenden ab. Ihm war klar, dass sich seine Patienten rächen würden, indem sie etwa zu den nächsten Stunden verspätet kamen, einen Streit mit ihm vom Zaun brachen oder schlicht gar nicht erschienen – unentschuldigt, versteht sich.
Der Ermittler von Beltway Security Investigations kam pünktlich wie immer. Zur verabredeten Zeit wartete er bereits vor der Praxis.
Er begrüßte Porter mit einem knappen Kopfnicken und folgte ihm ins Haus. Wohlwollend schaute er sich im Raum um, wobei sein Blick zuerst auf der Couch, dann längere Zeit auf den gerahmten Diplomen der Eliteuniversitäten an der Wand verharrte. Ihre vorherigen Treffen hatten in den Beltway-Büros nahe dem McPherson Square oder in einem Coffeeshop gleich gegenüber stattgefunden, auf der anderen Seite der Keystone Bridge in Virginia. Beides waren Orte, an die Caroline niemals käme.
Der Privatdetektiv setzte sich auf einen Stuhl, schlug sein Notizbuch auf und wartete.
»Meine Frau hat mich verlassen.« Porters Nasenflügel bebten. Seine Lippen verhärteten sich zu schmalen Linien.
»Wann?«
»Vor fast zwei Stunden.« Porter ignorierte das Stirnrunzeln des Ermittlers.
»Vielleicht ist sie einkaufen gegangen.«
Porter bemerkte, dass er dem Mann höchst unsympathisch war. Er schüttelte den Kopf, rieb sich das Kinn, bis sich die drahtigen grauen Haare tief in die zarte weiße Haut bohrten, die sich prompt rötete. Porter litt ohnehin schon unter chronisch entzündlicher Haut, was durch das Cortisol, das körpereigene Stresshormon, noch verschlimmert wurde. Folglich fühlte sich sein Gesicht an, als wäre er eben von einem ganzen Schwarm aufgebrachter Bienen attackiert worden. Er räusperte sich. »Das würde sie nicht tun, ohne mir vorher Bescheid zu sagen.«
Der Privatdetektiv zog die Brauen noch ein Stück höher, sagte jedoch nichts, sondern blickte ungerührt auf seine Uhr. »Dann ist sie also um neun weggegangen?«
Porter nickte. »Zum Morgenspaziergang mit ihrem Hund.« Seit zwei Jahren beschäftigte Porter Beltway Security Investigations, von denen er bereits eine vollständige Akte, einschließlich Fotos, über die täglichen Abläufe in Carolines Leben anlegen ließ.
»Haben Sie versucht, sie auf ihrem Handy zu erreichen?«
»Das hat sie hiergelassen, wie auch alles andere, sogar ihre Hausschlüssel.« Wieder schüttelte Porter den Kopf, langsam, enttäuscht. Seine Schultern sackten merklich herab.
Der Detektiv machte sich Notizen. »Was ist mit ihrer Brieftasche? Bargeld? Kreditkarten? Hat sie in letzter Zeit größere Geldbeträge vom Konto abgehoben?«
Porter verneinte. »Das habe ich schon überprüft. Nichts.« Er hatte sich während der letzten Patientensitzung mit seinem Eames-Sessel hinter den Schreibtisch gesetzt, um online in die Bankkonten zu sehen. Das war noch so ein Routinebruch gewesen, der eine nervöse Reaktion bei der Gattin des iranischen Politikers hervorrief. Sie war unruhig geworden, von einem Thema zum nächsten gesprungen und musste sich wiederholt von Porter bestätigen lassen, dass alles in Ordnung war. Natürlich hatte sie ihn nicht direkt gefragt, was Porter wiederum auf die Jahre zurückführte, die er bereits mit dieser Patientin arbeitete. Zweifellos belegte es, wie gut es ihm gelungen war, ein Vertrauensverhältnis zu ihr aufzubauen. Diesbezüglich hatte er in seiner eigenen Ehe versagt. Ihm wurde schlecht, und er musste beinahe würgen.
»Was ist mit ihrem Schmuck? Ihrem Reisepass?«
Ein eisiger Schauer lief Porter über den Rücken. Er hatte nicht daran gedacht, in den Safe zu sehen. Caroline konnte ihn nicht öffnen. Doch die Art, wie sich seine Nackenhaare aufstellten – von dem selbstzufriedenen Ausdruck des Detektivs ganz zu schweigen -, sagte ihm, dass alles möglich war.
Er nahm die goldgerahmte Karte Georgetowns aus der Kolonialzeit von der Wand hinter seinem Schreibtisch, und der Wandsafe kam zum Vorschein. Hastig drehte er an dem Rädchen. Die Zahlenkombination war ihr Hochzeitsdatum.
Die dicke Stahltür sprang auf. Im Inneren befanden sich mehrere braune Umschläge und ein Schmuckkästchen. Porter öffnete es als Erstes, sah hinein und erstarrte. Die Platin-Diamant-Ohrringe, die er ihr in der Hochzeitsnacht geschenkt hatte, waren fort. Ebenso fehlten die Mikimoto-Perlen, die sie von ihm, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, bekam, und das dicke 18-karätige Panther-Armband, das er ihr zum ersten Hochzeitstag gekauft hatte. Alles fort. Andere, kostbarere Stücke sowie eine Brosche, die das Einzige war, was Porter von seiner Mutter geblieben war, lagerten in einem Bankschließfach, zu dem ausschließlich er selbst Zugang hatte.
Eine entsetzliche Furcht überkam ihn, finsterer und beklemmender als alles, was er bisher kannte. Zugleich verspürte er den Drang, nach dem Revolver zu greifen, den er für Notfälle im Haus hatte, und sich das Gehirn wegzupusten. Natürlich war das ausgeschlossen, denn Porter spürte, dass der Privatdetektiv ihn genauestens beobachtete, also nahm er den Umschlag mit ihren Reisepässen aus dem Safe. Noch ehe er es am Gewicht erkennen konnte, wusste er bereits, dass der Umschlag leer sein würde. Und er hatte recht.
Porter schleuderte den Umschlag zurück in den Safe und knallte die Tür zu. Wieder fuhr er sich mit der Hand durch den Bart. Er hatte große Mühe, beherrscht zu bleiben, und als er sprach, klang seine Stimme selbst in seinen eigenen Ohren brüchig. »Beide Pässe fehlen. Ihr Schmuck auch.«
Der Ermittler nickte. Sein zerfurchtes Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos, als hätte er das alles schon unzählige Male gehört. Porter fragte sich, ob Frauen so etwas wohl andauernd taten, aber vor dem Privatdetektiv würde er sich nicht die Blöße geben, diese Frage laut zu stellen. Also setzte er sich, versuchte, das Brummen in seinem Kopf zu ignorieren, und ließ den Mann seine Arbeit tun. Der notierte sich den ungefähren Wert der Schmuckstücke in dem zerfledderten Notizbuch, das er in einer Hand balancierte.
Porters Gedanken überschlugen sich. Caroline nahm ihren Reisepass, damit sie weit weg konnte, seinen, damit er ihr unmöglich folgen könnte. Ein Bild erschien in seinem Kopf. Caroline, deren Hand fest in seiner leicht verschwitzten lag, an einem Morgen in Knightsbridge, wo die Straßen nach Diesel rochen. »Hier könnte ich leben«, flüsterte sie und beugte sich weit zu ihm. Das war am zweiten Tag ihrer Flitterwochen gewesen. Damals war ihm das Herz weit geworden vor Zärtlichkeit. Eines Tages würden sie es tun, das hatte er geschworen.
Porter spielte die wahrscheinlichsten Szenarien durch. Die Safekombination hätte sie ohne Weiteres erraten können. Dass er ihr Hochzeitsdatum wählte, war offensichtlich ein Fehler seinerseits gewesen. Allerdings war dieses Zimmer gewöhnlich verschlossen. Sie hätte seinen Schlüssel nachmachen lassen können, was ihr jedoch immer noch nicht ermöglichte, den Raum einfach zu betreten. Das Stadthaus war mit dem modernsten Sicherheitssystem ausgestattet, in Zonen unterteilt, und ließ sich nur über die Eingabe bestimmter Codes an unterschiedlichen Stellen des Hauses deaktivieren. Caroline kannte die Codes für den Haupteingang, den Wohnbereich und die Tür in den winzigen Garten, nicht aber den für die Praxis.
Den wusste bloß die Reinigungskraft.
Porter schloss die Augen. Akua, seit zehn Jahren seine Putzfrau, hatte vor zwei Wochen unvermittelt gekündigt. Angefangen hatte sie in seiner kleinen Einzimmerwohnung in Foggy Bottom und war bei ihm geblieben, als er die luxuriöse Eigentumswohnung am Dupont Circle kaufte. Akua, deren Gesicht so breit und offen war wie die afrikanische Steppe, aus der sie stammte, hatte sich Porters Vertrauen verdient, und er belohnte sie mit einem großzügigen Bonus jedes Jahr an Weihnachten. Einmal fiel er hoch genug aus, dass sie ein Flugticket für ihren Mann kaufen konnte, von dem Porter annahm, dass er sich illegal hier aufhielt.
Er erhöhte Akuas Lohn, nachdem Caroline mit ihrem Hund eingezogen war, und verdoppelte ihn fast, als sie in das Stadthaus in Georgetown zogen. Sogar einen Fahrdienst hatte er für sie angeheuert, der sie nach Hause brachte, wenn sie abends länger blieb, um seine Praxis zu putzen. In letzter Zeit aber hatte sich etwas verändert. Akua plauderte nach wie vor über das Wetter, lachte über Porters gelegentliche Scherze. Doch die Wärme in ihren Augen war fort, ihr Gesicht ihm gegenüber verschlossen. Und dann kündigte sie. Sie sagte, sie müsse zur Beerdigung ihrer Schwester nach Tansania. Jetzt wurde Porter klar, dass es gar keine Beerdigung in Tansania gegeben hatte.
Der Ermittler tippte mit seinem Stift auf das Notizbuch. »Besteht die Möglichkeit, dass jemand anders außer Ihrer Frau an den Safe konnte?«
Sie beide kannten die Antwort.
Porter schüttelte den Kopf.
Der Privatdetektiv atmete bedächtig aus. »Den Schätzungen nach würde ich sagen, wenn Ihre Frau die Sachen verpfändet hat, muss sie um die viereinhalbtausend Dollar bekommen haben. Es könnten auch ein paar Hundert mehr, aber auch ein paar Hundert weniger sein.«
Nicht einmal ein Viertel des eigentlichen Wertes.
Mehr als genug jedoch, um Akua für den Zugangscode zum Arbeitszimmer zu bezahlen.
Porters Verzweiflung wurde zu kochender Wut, und ihm wurde noch übler. »Entschuldigen Sie mich«, murmelte er und eilte in das kleine Bad, das sonst nur seine Patienten benutzten.
Als Porter einige Minuten später erschöpft und ausgehöhlt zurückkam, beendete der Privatdetektiv gerade ein Telefonat.
»Wir sind dran«, sagte er. »Ich erkläre Ihnen kurz, wie wir von jetzt an vorgehen werden. Später faxe ich Ihnen noch ein Papier, das Sie unterschreiben müssten.«
Porter nickte stumm.
»Wir werden zunächst Ihre Konten auf ungewöhnliche Vorgänge hin beobachten.«
Wieder nickte Porter.
»Wir postieren Leute an der Union Station, dem Ronald Reagan Airport und dem Greyhound-Busbahnhof. Fotos haben wir genügend in der Akte. Ich kann jemanden abstellen, der das Haus im Auge behält, falls sie versuchen sollte, sich wieder Zugang zu verschaffen.«
Porter erinnerte sich daran, wie Caroline neben ihm an der Themse entlang zum Eingang der Tate ging. »Irgendwann sollten wir eine Wohnung hier mieten und einen ganzen Monat bleiben«, hatte sie gesagt. Da war sie glücklich gewesen, hatte hoffnungsvoll in die Zukunft geblickt. Und so endete es nun. Er saß hier und fügte Informationsbrocken mit einem Mann zusammen, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, im Müll anderer Leute zu wühlen. Porter war fassungslos. »Wir müssen die internationalen Flüge überwachen«, sagte er matt.
»Das geht nicht.« Der Ermittler schüttelte den Kopf. »Nicht mehr seit dem 11. September.«
Porter überlegte. Es musste doch einen Weg geben, an die internationalen Passagierlisten zu kommen. Manchmal war es verblüffend einfach für ihn, das zu bekommen, was er wollte, ebenso einfach, wie zuzulassen, dass das Schweigen einen ganzen Raum ausfüllte, wie jetzt.
Einen Moment später klappte der Privatdetektiv sein Notizbuch zu. »Wenn Sie nicht zufällig jemanden bei der TSA kennen …« Achselzuckend lehnte er sich in dem Stuhl zurück. Seine Körpersprache signalisierte, dass er drauf und dran war, loszugehen und Porters Geld zu verschwenden.
In Washington musste die Überwachungsbranche boomen, dachte Porter. Er befeuchtete seine Lippen, während er versuchte, sich auf seine Möglichkeiten zu konzentrieren. Genau genommen kannte er jemanden, der an die Daten kommerzieller Flüge herankam. Ob er den Mann jedoch überreden könnte, seiner Bitte nachzukommen, war eine andere Frage, die er nicht mit dem Privatdetektiv zu erörtern gedachte. »Okay«, stimmte Porter dem zu, was er augenblicklich für das beste Vorgehen hielt. »Dann postieren Sie Ihre Leute an den Stellen, die Sie eben genannt haben.«
»Das wird teuer. Sechzig pro Mann und Stunde.«
Porter zuckte nicht einmal mit der Wimper. Beltways Mitarbeiter waren ehemalige CIA-Leute und Forensikstudenten von der örtlichen Uni. »Tun Sie es.«
»Okay.« Der Mann stand auf. »Und rufen Sie mich bitte sofort an, wenn sie zurückkommt.«
Der Kerl begriff immer noch nicht! Caroline war fort. Verärgert presste Porter die Lippen aufeinander, nickte knapp und reichte ihm die Hand.
Der Ermittler schüttelte Porters Hand, ließ sie allerdings zu schnell wieder los. »Nach vierundzwanzig Stunden können Sie Ihre Frau offiziell als vermisst melden.« Er wandte den Blick ab, als wüsste er genau, dass Porter das niemals tun würde.
Tief im Inneren war Porter sich der Sinnlosigkeit dieser ganzen Aktion bewusst. Caroline war längst weg, weit weg, außer Reichweite. Im Grunde wusste er es, so wie er immer gewusst hatte, dass sie ihn verlassen würde. Nein, vielleicht nicht immer, korrigierte er sich, aber doch schon sehr bald, nachdem sie sich kennengelernt hatten. Er hatte seine Angst auf die einzige ihm mögliche Art bewältigt, indem er sein Bestes tat, um ihr gemeinsames Leben zu kontrollieren. Vergebens. Die stets erahnte Unvermeidlichkeit dessen, was jetzt geschehen war, brannte wie heiße Kohlen in seinem Gedärm.
 
In den kommenden Tagen beschäftigte er sich damit, Zug-, Bus- und Flugpläne nach Verbindungen zu sämtlichen Orten zu durchsuchen, an die sie gereist sein könnte. Doch die Liste war endlos. Er durchwühlte ihre Sachen, suchte nach Hinweisen und fand nichts.
Sein Verstand widersetzte sich der Vorstellung, wie sein Leben von nun an aussehen sollte. Dr. Porter Moross war ein Realist. Jedenfalls sah er sich gern selbst so, und er bildete sich einiges darauf ein, dass er sein Leben der Aufgabe widmete, anderen Menschen dabei zu helfen, ihre Wirklichkeit so anzunehmen, wie sie war. Jetzt aber begriff er, warum sich die meisten Patienten einer Psychotherapie verweigerten.
Die Realität war nämlich zum Kotzen.
Er widerstand der Versuchung, sich vorzustellen, dass seine Frau wiederkommen könnte, verheult und zerknirscht, und ihn anflehte, es noch einmal zu versuchen. Dr. Porter Moross lehnte jedwede Form emotionalen Daumenlutschens ab. Im Stillen ließ er sich ganz und gar in die Trauer um seine verlorene Ehefrau fallen. Nach außen hin konnte er problemlos die meisten Optionen offenhalten. Er brauchte nur sämtliche Gespräche über seine Frau zu vermeiden, ausgenommen in solchen Fällen, in denen er meinte, dass sie vorteilhaft für ihn sein könnten.
Die erste Gelegenheit ergab sich am Abend des Tages, an dem Caroline verschwand, während einer zufälligen Begegnung mit den Nachbarn. Lindsay Crowley war eine laute, schrille Texanerin, die von dem tief verwurzelten Wunsch beseelt war, ständig im Mittelpunkt zu stehen. Porter hatte sie auf Anhieb nicht leiden können, und er war enttäuscht gewesen, dass Caroline sie nicht als das erkannte, was sie war.
Nun jedoch hoffte er inständig, dass seine Gefühle für Lindsay Crowley nicht auf Gegenseitigkeit beruhten.
An jenem ersten Abend drohte ihm die Decke auf den Kopf zu fallen, weshalb Porter hinaus in die Hitze stolperte, die so gewaltig war, dass die Teerkanten am Gehwegrand schmolzen. Was Porter allerdings nicht bemerkte. Der Schmerz überlagerte sein gesamtes Denken, umfing ihn wie ein säureschwerer Nebel, wischte alle Farben aus seiner Welt, bis sie nur noch grau war.
Seine Frau hatte ihn verlassen.
Er trug sein Handy am Gürtelclip und hatte seinen Computer programmiert, bei eingehenden E-Mails von Beltway Security Investigations seine Handynummer anzuwählen. Zusätzlich hatte er seinen Pager bei sich. Vor dem Haus wandte er sich Richtung Park an der 29. Straße, was er nicht bewusst entschieden hatte, sondern eher automatisch tat, um die Lichter und den Lärm auf der Wisconsin Avenue zu meiden.
Schon das simple Gehen erforderte seine gesamte Konzentration, und so schlurfte er gesenkten Hauptes dahin, während er gegen die Panik ankämpfte, die ihn bei lebendigem Leib zu verschlingen drohte.
»Hallihallo, Fremder!«
Geistesabwesend, wie er war, erkannte er die Stimme nicht gleich, obschon er sofort die negative Konnotation wahrnahm, die sie für ihn trug. Er zog die Schultern höher, was natürlich zwecklos war. Man hatte ihn entdeckt.
»Siehst du, John. Ich habe doch gesagt, wir sind nicht verrückt, heute Abend zu walken. Porter ist auch draußen, und er ist Arzt!«
John. Schlagartig begriff Porter, welche Chance sich ihm bot, und hob den Kopf. Er bemühte sich, die Verärgerung zu verbergen, die Lindsay Crowley und ihr Dauergeschwätz in ihm auslöste. »Hi, Lindsay, John.«
Sie blieben vor ihm stehen, oder vielmehr blieb John Crowley stehen, während Lindsay auf und ab und hin und her hüpfte wie ein Jogger, der an der Ampel auf Grün wartete. Enervierend!
»Wo ist Caroline? Erzähl mir nicht, du hast sie zu Hause gelassen, damit sie ganz allein das Geschirr spült.«
Porter wusste, dass ihnen nichts entging, angefangen von seinem maßgeschneiderten Hemd und seiner langen Hose trotz der erstickenden Hitze bis hin zu dem Elend, das man seinem Gesicht ansehen musste. Folglich traf er eine rasche Entscheidung, seine Gefühle nicht zu verbergen. »Nein«, antwortete er. »Caroline ist nicht da.«
Lindsay hörte auf zu hüpfen und sah ihn verwundert an. »Wo ist sie denn?«
Immerhin lenkte sie das Gespräch schon in die richtige Richtung, stellte Porter zufrieden fest, atmete betont tief durch und sagte: »Wenn ich das wüsste.« Dann schob er langsam die Hände in die Hosentaschen und blickte die Straße hinunter. »Nach dem letzten Mal …« Er schüttelte bedächtig den Kopf.
»Geht es ihr nicht gut?« Die Texanerin betonte die einzelnen Wörter merkwürdig und zog sie in die Länge, sodass es sich wie »gu-huuut« anhörte.
Was wiederum ein Zeichen dafür war, dass Lindsay bereits vermutete, Caroline ginge es wohl eher nicht »gu-huuut«, und das musste Porter zu seinem Vorteil nutzen. »Nein, tut es nicht. Sie hat aufgehört, ihre Medikamente zu nehmen. Das hat sie schon mal gemacht.« Porter blickte die beiden traurig an. »Die Leute denken, weil ich Psychoanalytiker bin, habe ich so etwas im Griff. Aber auch meine Möglichkeiten sind leider begrenzt.«
Lindsay Crowley machte große Augen. Offenbar gingen ihr mehrere Fragen durch den Kopf, von denen sie zunächst die simpelste wählte – wahrscheinlich, um sich die anderen für später aufzusparen. »Dann ist sie einfach auf und davon?«
Porter nickte. »Sie kann überall und nirgends sein.« Er zog die Hände wieder aus den Taschen und vollführte mit langsamen Bewegungen eine hilflose Geste. »Ihr Reisepass ist weg.«
Alle drei schwiegen einen Moment, während jeder für sich nachdachte.
Porter wartete kurz, bevor er seine Chance ergriff. »Jetzt können wir nur noch abwarten und hoffen.« Er warf einen Seitenblick zu John Crowley, der stirnrunzelnd in die Dunkelheit starrte.
Crowley räusperte sich, was Porter als gutes Zeichen auffasste. Er wagte kaum zu atmen und sah den Mann mit einem stummen Flehen an.
Doch es war Lindsay, die etwas sagte. »Wann ist sie denn weg?«