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Ivo Tacht lebt beschaulich in geordneten Verhältnissen auf dem Lande in der Nähe von Leipzig. Ein Brief eines Anwalts aus Malta lässt ihn zu einer Reise ins Ungewisse aufbrechen. Er übernimmt die Führung der AMAS, einer Firma, die sich äußerlich mit Kunsthandel befasst, und taucht in eine ihm bis dahin unbekannte Welt ein, die beherrscht wird von Macht und Intrigen. Bald begreift er, dass in den Archiven der AMAS keine normalen Kunstgegenstände verwahrt werden. Neben wertvollen Artefakten lagern in den Stahlkammern düsterste Geheimnisse der Vergangenheit. Die Mystik Maltas zieht ihn magisch in ihren Bann und setzt in ihm bisher unbekannte geistige Kräfte frei. Gelingt es ihm gemeinsam mit seinen Freunden und Kollegen, die feindliche Übernahme der AMAS zu verhindern? Können sie seine Freundin aus den Fängen geheimnisvoller Entführer befreien? Gibt es das mysteriöse Templerschloss? Sind seine neu entdeckten mentalen Kräfte ein Fluch oder ein Segen?
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Seitenzahl: 746
Veröffentlichungsjahr: 2019
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Epilog
Ingo Kochta
Ingo Kochta
Erbe ohne Todesfall
Ein Wirtschaftsthriller
Das 2012 im Projekte-Verlag Cornelius, Halle unter dem Titel „AMAS Mdina“ erschienene Buch liegt nun in einer leicht überarbeiteten Fassung mit neuem Titel vor.
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
ISBN 978-3-96521-156-8 (E–Book)
ISBN 978-3-96521-155-1 (Buch)
Im Namen unseres verstorbenen Mannes und Vaters möchten wir uns recht herzlich für die sehr gute Zusammenarbeit und liebevolle Unterstützung bei dem Verlag EDITION digital, Frau Gisela Pekrul, bedanken.
Christa Kochta und Tochter
© 2019 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E–Mail: [email protected]
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Es war eine richtige Entscheidung gewesen, den Vorschlag seines Chefs anzunehmen, ein paar Tage freizumachen. Momentan lief bei der Schädlingsbekämpfung nicht viel. Ivo streckte sich und versuchte, wach zu werden. Der Garten hatte ein paar größere kosmetische Eingriffe nötig und im Keller war eine Generalentsorgung erforderlich. Er raffte sich auf und fuhr zum Bäcker. Frische Brötchen, eine Tasse heißen süßen Kaffee und unendlich viel Zeit. Einfach fantastisch. Gerade vom morgendlichen Einkauf zurück, klingelte es. Vor der Tür stand ein Mann mittleren Alters.
„Guten Tag. Sind Sie Herr Ivo Tacht?“
„Ja, was gibt’s?“
„Entschuldigen Sie, aber ich müsste bitte Ihren Ausweis oder Pass sehen!“
„Kommen Sie erst einmal herein, dann sehen wir weiter. Wozu brauchen Sie meinen Ausweis?“
„Das ist eine persönlich zuzustellende Kuriernachricht.“
„Da haben Sie aber Glück, dass ich zu Hause bin.“
„Nun ja, hier steht noch eine weitere Adresse.“
Ivo blieb verdutzt stehen. „Eine zweite Adresse, von mir? Sind Sie sicher, dass es wirklich für mich ist?“
„Sehen Sie selbst. Sind dies Ihr Name und Ihre Anschrift? Entschuldigung, Anschriften?“
„Ja sicher, das ist meine Arbeitsstelle. Na egal. Hier ist mein Ausweis.“
„Danke, Herr Tacht. Bitte hier quittieren. Einen guten Tag noch.“
Er sah sich das unscheinbare Kuvert an. Ein monströser Absender zog sein Interesse auf sich. Anwaltskanzlei Prof. Dr. jur. Dr. hc. mult. Heribert Massler, Dozent für Internationales Recht, an den Universitäten Leipzig – Humboldt-Universität Berlin – Karlsuniversität Prag. Und alles noch einmal in drei weiteren Sprachen. Was zum Teufel wollte diese Anwaltskanzlei mit einer derartigen Aufmachung von ihm? Alles Grübeln brachte nichts, da half nur öffnen.
Sehr geehrter Herr Tacht,
durch einen Kollegen bin ich gebeten worden, Ihnen diverse Schriftstücke zu übergeben. Es macht sich erforderlich, dass wir uns persönlich treffen. Ich schlage vor, Sie rufen mich unverzüglich an, da ich in drei Tagen zu Vorlesungen ins Ausland reise. Meine Handynummer habe ich notiert.
Anfallende Kosten werden selbstverständlich erstattet.
Bitte entschuldigen Sie die Handschrift. Ich bin in Eile.
Erst jetzt fiel Ivo auf, dass der Kopfbogen einer Kanzlei verwendet wurde, der Text aber handschriftlich war. Die Unterschrift war fast unleserlich. Man konnte aber ahnen, dass es Heribert Massler heißen könnte. Was um alles in der Welt konnte das bedeuten? Trotz eines komischen Gefühls war sein Interesse geweckt. Er legte das Kuvert beiseite und frühstückte. Als er sich noch einmal das mysteriöse Schreiben ansehen wollte, klingelte das Telefon. Es war Gabi. Sie hatte sich auch freigenommen und wollte mit ihm etwas unternehmen.
„Bitte, bitte mach mir den schönen Tag noch schöner und lass uns wegfahren.“
Das waren die Tücken der eigenen Geschwätzigkeit. Kurze Zeit später klappte das Gartentor.
„Was, du willst noch frühstücken? Nein, das wird zu spät. Ich dachte, wir fahren schnell zu Tante Olga und dann noch bei Onkel Otto vorbei. Dann sind wir auch gleich in der Nähe des neuen Einkaufscenters, und ich wollte einfach mal nach ein paar neuen Sachen gucken. Ich brauche unbedingt neue Klamotten und jetzt ist vielleicht schon was gesenkt und überhaupt.“
So sehr Ivo Gabriele mochte, so sehr brachten ihn ihre Marotten und Ticks auf die Palme. Er fügte sich in sein Schicksal und machte trotzdem gute Miene zum bösen Spiel.
Inzwischen war es Nachmittag und der Einkauf beendet. Ivo freute sich auf eine Erfrischung und wollte in den Keller. Plötzlich vernahm er ihre kreischende Stimme.
„Was ist denn das? Kein Wort hast du mir gesagt. Na erzähl schon, was will der Typ denn und überhaupt?“
Gabi hatte den Brief gefunden und gelesen. Alles klar.
„Schatz, was meinst du denn …?“
„Na, der Anwalt mit den vielen Titeln? Hast du etwas ausgefressen, oder was geerbt, oder …?“
„Ach das, ich weiß nicht. Ich hab da noch nicht angerufen.“
Ihre Neugierde war ihm lästig, aber sie gab keine Ruhe. Ivo versuchte erst gar keine Gegenwehr. Er wählte, landete aber nur bei der Mailbox. Gabi war enttäuscht. Ein Anruf ihrer Mutter, dass ihre Tochter krank sei, ließ sie sofort aufbrechen.
„Du rufst doch sofort an, wenn du etwas weißt?“
Etwas verwirrt, doch guter Laune fuhr Ivo in Richtung Leipzig. Sein Golf II sang ein Lied von Freiheit und Unabhängigkeit. Es klang in seinen Ohren wie ein guter alter Rocksong. Er rief sich noch einmal das Gespräch mit Dr. Massler in Erinnerung. Sie wollten sich in Leipzig treffen und Ivo wusste noch immer nicht, worum es ging. Die halbe Nacht hatte er versucht, irgendwie Licht in das Dunkel zu bringen. Er war sich sicher, nichts Strafbares begangen zu haben und doch war diese Unsicherheit, ein flaues Gefühl im Magen, da. Warum hatte er dem Treffen überhaupt zugestimmt? Der Anwalt hatte betont, dass er zu nichts verpflichtet sei und auch wenn er nicht käme, ihm keine Nachteile daraus entstehen würden. In seinem Inneren hatte ihn schon der Ort des Treffens, „Auerbachs Keller“, gereizt. Schon früher ein angesagter Ort in Leipzig. Es war mehr als fünfzehn Jahre her, dass er dort gegessen hatte.
Der Verkehr wurde dichter und erforderte seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Er liebte Stadtverkehr nicht sonderlich. Überraschend fand er in der Nähe des Hauptbahnhofs sofort einen Parkplatz.
Noch immer wurde man in „Auerbachs Keller“ platziert. Ein Herr in elegantem Anzug registrierte Krawatte, Jackett und Nichtjeans. Bevor Ivo noch ein Wort sagen konnte, kam ein beflissener Kellner auf ihn zu.
„HerrTacht? Sie werden bereits erwartet.“
„Ja, aber …?“
„Bitte hier, an der Seite.“
Ihm blieb nicht viel Zeit, sich umzusehen. Es war aber fast wie früher, nur authentischer, ein wenig stilvoller und, wie er sich zu erinnern glaubte, weniger gefüllt. Inzwischen waren sie an einem separaten Zweiertisch angelangt und er stand einem etwa Endfünfziger mit weißem halblangem Haar und gepflegtem Äußeren gegenüber. Der Mann hatte sich erhoben und reichte ihm die Hand.
„Herr Tacht, ich bin erfreut, Sie kennenzulernen. Ich bin Heribert Massler, wir haben bereits telefoniert.“
Ivo fühlte sich überrollt. Sein Gesichtsausdruck zeigte ein gewisses Unbehagen. Dr. Massler bot ihm lächelnd einen Platz an.
„Sie sehen etwas verwundert aus, mein Lieber. Ich schlage vor, wir essen erst einmal und kommen dann zum Geschäft. Selbstverständlich sind Sie mein Gast.“
Er gab dem Kellner ein Zeichen und unverzüglich wurde die Karte gebracht.
„Wenn ich etwas empfehlen darf, der Rehrücken ist eine Delikatesse.“
Ivo überlegte noch, ob Fisch oder Wild. Er entschied sich für Wildforelle in Mandelkruste.
„Eine gute Wahl. Wenn Sie Fisch mögen, wird Ihnen das etwaige Reiseziel gefallen.“ Der Anwalt machte einen lockeren, entspannten Eindruck.
Im Laufe des Gesprächs fanden sie einige Berührungspunkte. Besonders interessiert war der Anwalt am beruflichen Werdegang Ivos. Das Essen wurde serviert. Die Forelle war zart und zerging regelrecht auf der Zunge. Danach wurden noch einige Belanglosigkeiten ausgetauscht und man merkte es dem Anwalt an, er wollte zum geschäftlichen Teil kommen.
„Nun also, mein Lieber. Sie werden sicher gespannt sein, was der Anlass für unser heutiges, zugegeben ungewöhnliches Treffen ist. Sie können aber beruhigt sein, es ist völlig unverbindlich und ohne eventuelle Nachteile für Sie.“ Er entnahm seiner abgewetzten Ledermappe einen Umschlag. „Ich habe den Auftrag, Ihnen dies zu übergeben. Sie müssen es in meiner Anwesenheit öffnen, indem Sie das unverletzte Siegel zerbrechen und mir die Entgegennahme bestätigen. Ich sehe schon, dass Sie dieses ganze Prozedere als lästig empfinden. Doch so sind nun einmal die Regeln. Ich weise daraufhin, dass Sie die Annahme ablehnen können. Damit wäre für Sie die Sache, was auch immer damit verbunden ist, erledigt. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.“
In Ivos Kopf herrschte das absolute Chaos. Wer konnte etwas von ihm wollen, ausgerechnet von ihm, Ivo Tacht? Was sollte er tun? Am meisten beschäftigte ihn, dass er absolut keine Vorstellung hatte, worum es sich handeln könnte. Seine Mutter starb vor 18 Monaten und sein Vater war schon vor vielen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Alle anderen Verwandten waren entweder verstorben oder es waren Erben da. Strafrechtliche Aspekte schieden, nach Aussage des Anwalts, aus. Was hatte er schon zu verlieren?
„Nun gut, Herr Dr. Massler, ich nehme dieses Schreiben offiziell entgegen.“
„Ich bitte noch, mir den Empfang zu quittieren, und dann kann ich mich eigentlich verabschieden.“
„Moment bitte. Bleiben Sie noch, falls ich Fragen habe.“
„Selbstverständlich, doch entschuldigen Sie mich kurz, die Natur, Sie verstehen.“
Angespannt öffnete er das ominöse Kuvert. Auch hier ein imposanter Briefkopf, der Ivo sofort ins Auge sprang. Dr. Vogelt - Valletta - Malta. Der Hammer. Seine Verwirrung war perfekt. Das war fast am anderen Ende der Welt.
Sehr geehrter Herr Ivo Tacht,
mein Mandant, der momentan noch nicht benannt werden möchte, hat mich beauftragt, Sie zu bitten, unverzüglich nach Malta zu kommen. Sie erfahren hier alle näheren Umstände, die mit diesen für Sie sicherlich ungewöhnlichen Ereignissen der letzten Tage in Zusammenhang stehen und selbstverständlich auch, wer mein Mandant ist.
Mein Freund und Kollege Dr. Massler hat alle Vollmachten, Ihnen anfallende Kosten zu erstatten und Reisegelder auszuhändigen. Auch beantwortet er Ihnen eventuell bestehende Fragen. Er wird uns über den Zeitpunkt Ihrer Ankunft informieren. Für Sie wird hier alles entsprechend vorbereitet.
In der Hoffnung auf eine baldige, persönliche Bekanntschaft verbleibt
Unterschrift – nicht identifizierbar –
Wow! Das war der Hammer, nein, der Megahammer! Ivo fühlte sich wie in einen Actionfilm geraten, mit der Option auf eine der Hauptrollen. Fieberhaft versuchte er, das verworrene Geschehen zu begreifen.
„Sind es erfreuliche oder weniger gute Nachrichten?“
Wortlos schob er dem Anwalt das Schreiben über den Tisch und zuckte nur mit den Schultern.
„Heißt das, ich darf einen Blick in Ihre Post werfen?“
„Ja, natürlich und sagen Sie bitte, was ich davon halten soll.“
Nachdem er das Schreiben in Ruhe gelesen hatte, faltete er es zusammen und dachte einen Moment nach.
„Nun, ich kenne Wolfgang, Dr. Vogelt, seit der Studienzeit. Er hat sich vor Jahren auf Malta niedergelassen und ist mir als äußerst korrekt und integer bekannt. Auch wenn das alles etwas verworren ist, besteht meiner Ansicht nach kein Grund, beunruhigt zu sein.“
„Ich bin nicht ängstlich oder beunruhigt, nur die Umstände sind äußerst verwirrend. Vor allem weil ich nicht weiß, wer oder was mich dort erwartet.“
„Wenn Wolfgang ein derart allgemein gefasstes Schreiben an Sie richtet, wird er seine Gründe haben. Er ist ein äußerst gewissenhafter, schon fast pedantischer Typ. Ich habe einige Sachen für ihn abgewickelt, ohne dass es je Beanstandungen oder gar Unregelmäßigkeiten gegeben hätte.“
„Wenn ich das alles richtig verstehe, soll ich, so schnell wie möglich, nach Malta kommen. Ich müsste also klären, wann ein Termin möglich ist und …“
„Halt, halt lieber Freund. Da ich in groben Zügen vorab informiert wurde, habe ich ein wenig vorgearbeitet.“ Er entnahm seiner Mappe ein eng beschriebenes Blatt. „Sie könnten morgen oder kommenden Dienstag fliegen und sollten mindestens 14 Tage einplanen. Der Verdienstausfall und alle Kosten werden erstattet.“
„Werter Dr. Massler. Wer zahlt mir einen Urlaub und noch den Verdienstausfall, ohne auch nur die geringste Andeutung über seine Identität zu machen?“
„Sie scheinen ein netter und umgänglicher Typ zu sein. Lassen Sie uns zum Du übergehen, da redet es sich besser. Nenn mich einfach Max.“
„Okay, ich bin Ivo.“
„Da du kein normaler Klient bist und wir die nächste Zeit doch öfter miteinander zu tun haben werden, finde ich es so angenehmer. Nun zu deiner Frage. Bei dem Schreiben von Wolfgang Vogelt war ein Orderscheck über 10 000 Dollar, der für die ersten Unkosten gedacht ist.“
„Da es wie bereits gesagt sehr kurzfristig ist, muss ich mit meinem Chef reden. Urlaub oder eine Freistellung ist sicher kein Problem. Sorgen mache ich mir nur, wer sich in der Zeit um mein Grundstück kümmert. Die Pflanzen müssen versorgt werden und man müsste nach dem Rechten sehen.“
„Das ist kein Problem. Ich habe eine gute zuverlässige Sicherheitsfirma an der Hand, die für uns in Leipzig und Umgebung Immobilien und Geschäftsobjekte betreut. Die Juniorin ist ein Blumenfan. Wenn du ihr die Ansprüche der Pfleglinge erklärst, wird sie diese hegen und pflegen. Noch einen Vorschlag: Ich weiß nicht, ob du eine feste Beziehung hast. Wie auch immer, würde ich empfehlen, erst einmal allein nach Malta zu fliegen. Eine Begleitung ist unter Umständen etwas belastend, wenn man den Anlass und Hintergrund einer solchen Reise nicht kennt. Da Geld in diesem Fall keine Rolle spielt, wäre es sinnvoll, wenn du dir bei Bedarf noch einige Sachen zulegst. Eine meiner Kolleginnen könnte mit dir in Leipzig shoppen gehen. Die Damen kennen sich bestens aus und wissen genau, was angesagt ist und wo man die coolsten Klamotten bekommt. Ich bin bis übermorgen hier, sodass wir, wenn alles klappt, uns morgen Nachmittag über Details unterhalten könnten. Das Finanzielle regeln wir dann auch. Du könntest auch deine Einkäufe erledigen. Was immer du erreichst, ruf mich bitte morgen bis dreizehn Uhr an.“
Auf der Rückfahrt erfasste Ivo eine undefinierbare Unruhe, so ein irres Kribbeln.
Die Nacht war lang und der Schlaf wollte sich nicht recht einstellen. Das Telefon hatte er vorsorglich herausgezogen. Das Handy war abgestellt. Auf alles hatte er Bock, nur nicht auf eine Endlosdebatte mit Gabi. Seinen Chef hatte er nicht erreicht, ihm aber eine Nachricht hinterlassen.
Unbarmherzig rasselten seine drei Wecker. Es war sechs Uhr. Gerade wollte er duschen, da wurde die Klingel im Dauerton betätigt. Das konnte doch nur Gabi sein. Auf ihn entlud sich ein Trommelfeuer aus Worten.
„Hör gut zu! Es ist kurz nach sechs, ich habe schlecht geschlafen und du bist in meinem Haus. Also, benimm dich.“
Ein Moment der Stille trat ein.
„Na hör mal. Ich konnte nicht schlafen, ich habe mir fast die Finger wund gewählt und einen Nagel abgebrochen …“
„Nur so viel. Es ist nicht kriminell und es ist auch nicht gefährlich und ich muss verreisen. Allein.“
Gabi schmollte ein wenig. „Ich dachte, du lädst mich ein und würdest mich mitnehmen.“
„Das übersteigt meine finanziellen Möglichkeiten.“
Nun war das Schmollen zu echter Verärgerung geworden.
„Ich muss los, denn ich bin um sieben mit Bernhard verabredet. Wenn du willst, können wir uns heute Nachmittag treffen.“
„Nein, danke!“ Gabi erhob sich, warf die Tür ins Schloss und weg war sie.
Für seinen Chef war die Entscheidung nicht einfach, ob er Ivo sofort beurlauben konnte. Die Firma war nicht groß, doch die Auftragsbücher gut gefüllt. Sie wollten nach Ivos freien Tagen mit der Firmenübergabe beginnen und er hatte vor, seine Frau mit einem Kanadaurlaub zu überraschen. Sie schwärmte seit Jahren vom Land des Ahornsirups und den unermesslichen Weiten. Trotzdem fanden sie schnell eine Lösung.
Als alles klar war, wunderte sich Ivo, wie unkompliziert es ablief. Sie kannten sich fast eine Ewigkeit und verstanden sich, wenn es darauf ankam, blind. Gerade deshalb hatte er den Eindruck, dass Bernhard froh war, die geplante Reise verschieben zu können. Sie hatten die letzten Jahre gut verdient und sein Chef trug sich seit zwei Jahren mit dem Gedanken, die Firma abzugeben. Als er Ivo überraschend in seine Pläne einweihte, hatte er ihm gesagt, dass er gern an ihn übergeben würde.
Nach schlaflosen Nächten hatte Ivo zugesagt, die Firma weiterzuführen. Das ging ihm durch den Kopf, als er wieder nach Hause fuhr. Er hatte noch tausend Dinge zu erledigen, bis seine Reise ins Ungewisse beginnen konnte. Zuerst musste er Max Bescheid geben. Er könnte in zwei Tagen starten. Für den kommenden Tag verabredeten sie sich in Leipzig. Ivo wurde immer kribbeliger, je näher der magische Tag kam. Zum Glück hatte er genügend zu tun, sodass er kaum Zeit hatte für unnötige Gedanken. Gabi war noch beleidigt. Er nahm sich vor, sie zum Essen einzuladen.
Das Klingeln riss ihn aus seinen melancholischen Gedanken. Eine etwa 35-jährige brünette Frau, in Jeans und T-Shirt, stand ihm gegenüber. Sein erster Gedanke war, nicht schon wieder eine mysteriöse Postsendung.
„Guten Tag. Angela Kleinert von der Security Lipsia. Sie sind Herr Tacht?“
„Ja, ja, bin ich. Kommen Sie bitte herein.“
„Entschuldigen Sie, ich bin etwas zu früh. Falls es Ihnen jetzt nicht passt, komme …“
„Nein, das ist schon okay.“
Ivo bot etwas zu trinken an. Sein Gast entschied sich für einen türkischen Kaffee.
„Ich hoffe, er ist nicht zu stark.“
„Das halte ich für recht unwahrscheinlich. Kaffee stark und süß, der hält die Lebensgeister bei Laune.“
Sie tranken schweigend ein paar Schlucke seines schwarzen Gebräus und Ivo besann sich auf den Zweck des Besuchs.
„Nun also. Sie sind vom Sicherheitsdienst und wollen sich den Job ansehen. Sie wurden mir von Max empfohlen, sorry, von Dr. Massler.“
„Ich weiß, dass er gern Max genannt wird, warum auch immer. Wenn Sie ihn so anreden, müssen Sie ein guter Bekannter sein. Er hat angerufen und darum gebeten, die Betreuung kurzfristig zu übernehmen. Da Sie sich persönlich kennen, ist das so okay. Man weiß nicht immer, an wen man gerät.“
„Ich bin in einer etwas prekären Situation, denn ich muss unerwartet verreisen. Ans Ende der Welt, nach Malta.“
„Oh, wie schön, Malta. Eine Perle des Mittelmeers.“
„Sie kennen Malta?“
„Wirklich kennen wäre zu viel gesagt. Ich war einige Zeit dort, bin aber noch immer von dieser herrlichen Insel und den Menschen begeistert.“
„Wenn ein wenig mehr Zeit wäre, würde ich mich gern mit Ihnen ausgiebiger über Ihre Eindrücke unterhalten. Leider sitzt mir die Zeit höllisch im Nacken. Sorry.“
„Das ist mir schon klar. Ich würde sagen, Sie erklären und zeigen mir alles und wir erstellen dann ein Kostenangebot.“
„Das Kostenangebot ist geschenkt. Ihre Preise sollen moderat sein. Das klärt alles die Kanzlei. Ihre Rechnung geht bitte auch an Dr. Massler.“
Ivo führte Angela Kleinert durch das Anwesen und erklärte ihr die Ansprüche seiner botanischen Lieblinge. Er war erstaunt, dass die „Securitylady“, wie er sie insgeheim nannte, die meisten Pflanzen kannte. Umso besser. Sie versprach, den Vertrag morgen fertig zu haben und gegen Abend noch einmal zu kommen.
Ivo hatte geschlafen wie ein Stein. Nun war er schon wieder fast in Leipzig. Er sah die Stadt auf einmal mit anderen Augen. Leipzig wirkte wärmer und übte ein leicht magisches Flair auf ihn aus. Ihn bedrängte plötzlich der unwiderstehliche Wunsch, die Oper anzufassen. Er kannte dieses Gefühl. Vor Jahren, als er nachts einen Bahnstopp in Magdeburg hatte, überkam ihn das Bedürfnis, den Dom zu berühren. Er war kein religiöser Mensch. Es war mehr das Bedürfnis, Geschichte zu fühlen. Als er dann an dem alten erhabenen Bauwerk stand, seine Hand ausstreckte und behutsam die alten Steine berührte, hatte er das Gefühl, die Zeit von Jahrhunderten würde ihn durchströmen. Er konnte das Erlebnis schon damals nicht in Worte fassen, empfand aber eine tiefe innere Ruhe und anhaltende Ausgeglichenheit. Seine Gefühlsempfindungen waren seiner Meinung nach nicht besonders stark ausgeprägt. Dafür war er in der Lage, bestimmte Situationen sehr intensiv zu erleben, sodass er lange davon zehren konnte. Ähnlich einer spirituellen Erfahrung. Nun war dieser innere Drang, unbedingt etwas zu berühren, wozu er normalerweise keine Beziehung hatte, so stark, dass er diesem Bedürfnis einfach nur nachgab. Da war wieder dieses Gefühl, ein schier unbeschreibliches Gefühl, wofür er keine Worte fand, das er einfach nur in sich aufnehmen wollte. Auf ihn strömten wilde, miteinander verwobene Töne und Klänge ein. Sie vereinten sich zu einem gigantischen Klangerlebnis, das von schier unendlichen Ebenen, übereinander und nebeneinander, auf ihn einströmte. Ihn durchflutete eine mächtige Welle positiver Energie, die ihn aber auch zu erschöpfen schien.
Vorsichtig schaute sich Ivo um, ob dies jemand beobachtet hatte. Um ihn herum pulsierte das Leben. Menschen hetzten vorüber. Mütter mühten sich, ihre Kinder zum Weitergehen zu bewegen und ältere Damen führten ihre kleinen Lieblinge Gassi. Also, alles normal. In Ivo klang die Intensität des soeben Erlebten allmählich ab. Zurück blieb ein Hochgefühl, das noch einmal starke, positive Schwingungen freisetzte.
Sein Timing war nahezu perfekt. Als er die Kanzlei betrat, verklang gerade der zweite Halbstundenschlag der antiken Standuhr, die mitten in dem modernen Büro stand und einen Charme von „Old England“ verbreitete. Im selben Moment kam Angela Kleinert, die Securitylady, aus einem der Büros und steuerte direkt auf ihn zu.
„Hallo. Wie klein die Welt doch ist.“
„Da hätten Sie mich auch gestern gleich mitnehmen können, wenn ich gewusst hätte, dass wir heute den gleichen Weg haben. Übrigens, einen schönen, guten Morgen.“
„Nun ja, wenn Sie als Penner vor der Kanzlei kampieren wollten, hätten wir das so machen können.“
„Bleibt es bei heute Abend?“
Ein kurzes Erröten, mit dem Anflug eines Lächelns, huschte über ihr Gesicht. „Selbstverständlich.“
„Dann bis heute Abend.“ Und schon war sie verschwunden.
Die beiden jungen Damen am Empfang sahen sich vielsagend an und wollten sich gerade nach Ivos Anliegen erkundigen, da erschien Max Massler.
„Schön, dass du da bist, geh schon rein. Gisela, geben Sie dieses Angebot an die Buchhaltung und sorgen Sie dafür, dass unser Herr Noppelt nicht wieder tausend Fragen dazu stellt. Übersetzen Sie ihm unverändert akzeptiert.“
Die vielsagenden Blicke froren beim Erscheinen ihres Chefs ein und beide Damen wuselten beflissen davon.
„Hallo, schön Sie, äh, dich zu sehen.“
„Bitte, nimm Platz. Du könntest zuerst deine Besorgungen machen. Wenn ich gegen dreizehn Uhr vom Gericht zurück bin, erledigen wir die noch offenen Formalitäten.“
„Ja, das klingt gut.“
Es war ein erholsamer Vormittag. Trotz der Großstadthektik empfand er die Shoppingtour als amüsant. Max hatte recht gehabt. Seine Kollegin, die ihn begleitete, kannte sich perfekt aus. Sie fand mit enormer Zielsicherheit die Sachen, die Ivo gefielen. Nun saß er wieder in der Kanzlei und wartete auf Max, der noch nicht zurück war.
„Entschuldige, es ist etwas später geworden. Leider habe ich auf die Richter noch keinen direkten Einfluss. Lass uns in mein Büro gehen und wir besprechen dort alles.“
Er war immer wieder von der angenehmen Art beeindruckt, wie Max mit seinen Kollegen umging. Warum war er eigentlich darüber erstaunt? Er verstand sein Geschäft und hatte einen guten Ruf. Warum sollte er die Leute tyrannisieren?
„Alles erledigt? Schick für die mediterranen Schönheiten?“
„Deine Kollegin weiß schon, wo man gut shoppen geht.“
„Darum habe ich dir den Service angeboren. Wenn ich allein meine Besorgungen erledigen müsste, würde ich nie fertig.“
„Und deine Frau … kann Sie nicht …?“
„Nein, nein, Frau Dr. ist nicht. Meine Ehe ist in der Wendezeit zerbröckelt wie die Mauer. Doch genug davon. Darüber können wir später mal bei einem guten Tropfen reden. Jetzt müssen wir sehen, dass deine Reisepläne in die Gänge kommen. Bist du bereit zum Aufbruch?“
„Natürlich. Alles ist geregelt.“
„Das passt, ausgezeichnet. Kommen wir zum praktischen Teil.“
Ivo erhielt die Flugunterlagen und die notwendigen Infos, wo er abgeholt würde und wie das Hotel heißt. Außerdem händigte ihm der Anwalt 5.000 $ in Schecks von American Express aus.
„Sag mal, bin ich ein VIP? Was hat dieser ganze Aufwand zu bedeuten?“
„Ich weiß auch nicht mehr. Halte dich einfach an die Absprachen. Noch etwas. Nimm unbedingt deinen Pass mit.“
„Mein Pass ist noch gültig.“
„Okay, wir haben alles geklärt. Melde dich innerhalb der ersten drei Tage, wenn du in Malta angekommen bist. Ich lege eine Karte der Kanzlei in die Unterlagen. Gib uns eine Telefonnummer, unter der wir dich erreichen.“
„Bist du der Meinung, dass an der Sache etwas faul ist?“
„Nein, das auf keinen Fall. Doch sicher ist sicher.“
„Ich muss noch die Auslagen für meine Shoppingtour begleichen. Ich wäre zwar sparsamer gewesen, doch deine Kollegin hat immer darauf gedrungen, nur das Beste zu kaufen.“
„Die Auslagen sind im Voraus beglichen.“
Ivo war wieder zu Hause und ging noch einmal alles durch, was erledigt war und was noch erledigt werden musste. Richtig darauf konzentrieren konnte er sich nicht, denn es hatte einen mörderischen Krach mit Gabi gegeben, der ihn noch immer beschäftigte. Sie hatte ihrer Freundin Linda von dem Brief erzählt und dazu die wildesten Spekulationen entwickelt. Bei Ivo hatten sich Leute gemeldet, die von der angeblich großen Erbschaft profitieren wollten. Welches Gefühl war stärker? Die Zuneigung zu Gabi oder der Frust über ihre Schwatzhaftigkeit und Wichtigtuerei? Egal. Jetzt war erst einmal die Sache mit dem Grundstück dringender. Sie saßen wieder in seinem Garten. Er fand Angela Kleinert sehr attraktiv und sympathisch. Der Abend war mild und Ivo hatte das Gefühl, auch sie fühlte sich bei ihm wohl.
„So, nun ist es Zeit für mich. Bitte rufen Sie mich an, sobald Sie angekommen sind. Max hat nochmals betont, dass alles sehr plötzlich ist und die Rückkehr noch recht vage. Ich gebe Ihnen meine Handynummer, auf der ich immer zu erreichen bin. Verstehen Sie …“
„Mein Charme muss ja unwiderstehlich sein“, versuchte Ivo zu scherzen.
Sie lief kurz rot an. „Es ist nicht meine Art, Kunden anzumachen. Sollte etwas sein, rede ich lieber mit dem Kunden selber. Vielleicht, wenn Sie zurück sind und kein Kunde mehr sind …? Ich habe mich lange nicht mehr so gut unterhalten.“
„Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Ich fand es auch sehr nett. Ich melde mich, versprochen.“
Beide schauten sich etwas verlegen an. Sie nahm ihre Tasche. Er begleitete sie zum Tor. Schon im Gehen drehte sie sich noch einmal um, umarmte Ivo und hauchte ganz leise „Danke“. Verwirrt und beschwingt blieb er zurück und blickte den davonrollenden Rückleuchten nach.
In Gedanken versunken räumte er auf und fragte sich immer wieder, ob das soeben Erlebte wirklich passiert war. Beide waren keine Teenies mehr und doch war da eine gewisse Hemmschwelle und ein kleines, aber spürbares Glücksgefühl. Dieses lang vergessene Kribbeln, auch wenn es nur ganz kurz zu spüren war, hinterließ eine angenehme Wärme. Er wusste nicht viel über Angela, doch die Chemie schien zu stimmen.
Da war auch noch Gabi. Welche Stellung nahm sie wirklich in seinem Leben ein?
Der ICE stürmte durch den Norden Sachsen-Anhalts, Richtung Berlin. Kiefern bestimmten zunehmend das Bild. Ivo ließ die beruhigenden Impressionen auf sich wirken. Die immense Anspannung der letzten Tage saß noch immer tief in ihm. Er hatte gehofft, dass es nachlassen würde, wenn alles auf der Reihe war. Doch der Abstand war noch zu kurz. Es gab kein großes Abschiednehmen. Nur Max und zu seiner Überraschung auch Angela waren da. Den letzten Abend verbrachten sie zusammen in Leipzig und er hatte bei Max übernachtet. Der Zug fuhr sehr zeitig. Enttäuscht war er von Gabi. Nicht einmal seine Einladung zum Essen hatte sie angenommen.
Im Vorbeifahren tauchten die Außenbezirke Berlins auf. Es wurde Zeit, sich zum Aussteigen fertig zu machen. Einchecken, Abfertigung, das übliche Ritual. Der öffentliche Bereich lag hinter ihm. Das Ganze war recht stressfrei verlaufen. Die Enge und der Trubel des Airports hatten Ivo veranlasst, sehr früh in den Sicherheitsbereich zu wechseln.
Die Maschine befand sich im Steigflug und Berlin lag unter ihm. Er erkannte die ehemaligen Wahrzeichen Ostberlins und war fasziniert von der einmaligen Perspektive. Der Flieger zog eine weite Schleife und nahm Kurs Richtung Süden. Die Route führte über Süddeutschland und die Alpen. Von oben erschienen die idyllischen Bergdörfer noch unberührter.
Seine Mutter, eine begnadete Konzertpianistin, hatte ihm von den unvergleichlichen Eindrücken ihrer Flugreisen erzählt. Immer wieder schwärmte sie davon, wie herrlich es über den Wolken sei. Sie wollten später zusammen Reisen unternehmen. Doch die Zeit und ihre angegriffene Gesundheit ließen diese Träume Träume bleiben. Die Auslandsgastspiele seiner Mutter dauerten mitunter mehrere Wochen. Wenn sie länger als eine Woche unterwegs war, packte Ivo seinen großen Koffer und reiste für diese Zeit in den Harz. Dort gab es ein Internat, wo die Kinder privilegierter Eltern bei deren Abwesenheit untergebracht wurden und zur Schule gingen. Ivo liebte diese Harzreisen. Verwandte, bei denen er hätte bleiben können, hatten die Tachts nicht und sein Vater lebte nicht mehr. Ivo glaubte, sich zu erinnern, dass seine Mutter auch schon auf Malta war. Doch genau wusste er es nicht. Er bewunderte ihre Musikalität sehr. Ihre Auftritte im Ausland hatten bald das Besondere für ihn verloren. Es reichte ihm, stolz auf das zu sein, was seine Mutter mit ihrer Musik bei vielen Menschen bewirkte. Er besaß diese Gabe nicht. Als Ivo im Teenageralter war, versuchte sie noch einmal, sein Herz für klassische Musik zu öffnen. Bald sah sie ein, dass Led Zeppelin, Deep Purple und einheimische Rockgruppen auch Musik machten. Es war lange her, dass er sich so intensiv an Details erinnerte. Ein wenig Wehmut machte sich Platz in seinem Herzen.
Die Beziehung zu seinem Vater war ein schwieriges Problem. Als Chemieanlagenmonteur war er viel unterwegs. Eigentlich war er Sachverständiger. Aber so genau konnte sich Ivo nicht erinnern, da es schon viele Jahre her war, dass sein Vater verunglückte. Wenn er da war, versuchten sie, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Durch die Erziehung seiner Mutter, die musisch veranlagt war, hatte er als Junge wenig Interesse an handwerklichen Sachen, Basteln oder Angeln. Als er älter wurde, stellte er fest, dass kleine Reparaturen nicht nur Geld sparten, sondern auch Spaß machten. Nun verstand er seinen Vater besser. Oft hatte es Streit gegeben, wenn er da war. Schlimm wurde es, als seine Mutter erkrankte und es fraglich war, ob sie je wieder Klavier spielen könnte. Zu dieser Zeit wurde ein neues Heilverfahren für derartige Leiden in der damaligen CSSR erprobt. Als anerkannte Pianistin erhielt sie die Möglichkeit, eine der Ersten zu sein, die behandelt wurden. Das Verfahren war so erfolgreich, dass die Gelenkerkrankung völlig geheilt werden konnte …
Ein Gong entriss Ivo seinen Erinnerungen. Die Hälfte des Fluges lag hinter ihm und er genoss einen Kaffee. Wieder befiel ihn diese Ungewissheit, was ihn auf Malta erwarten würde. Er hatte sein verstaubtes Englisch aufgefrischt und für alle Fälle sein altes Schulwörterbuch mitgenommen. Es lag noch gut eine Stunde Flug vor ihm. Ivo döste ein.
„In wenigen Minuten erreichen wir unser Reiseziel Malta.“
Er legte den Gurt an und nahm noch einen Kaugummi, um den Druck auf die Ohren zu lindern. Obwohl noch früh am Morgen, schlug ihm beim Verlassen des Flugzeuges die Hitze wie eine glühende Faust entgegen. Ivo sog alles wie ein Schwamm auf und war vom ersten Moment an begeistert. Schon beim Anflug auf Malta hatte er ein Gefühl der Geborgenheit empfunden, ohne zu wissen, wieso. Unter ihm die Silhouette Vallettas. Die im rechten Winkel verlaufenden Straßen und die flimmernde Luft über der ausgetrockneten Erde kamen ihm vertraut vor. War es überhaupt möglich, etwas zu mögen, was man noch nie gesehen hatte und nicht kannte? Es war mysteriös und faszinierte ihn gleichzeitig.
Das Flughafengebäude war neu, modern und gut klimatisiert. Die Abfertigung lief in mediterraner Gelassenheit ab. Ivo hoffte inständig, dass der Transfer klappte. Als er sein Gepäck hatte und den Abfertigungsbereich verließ, stand er einer Menschentraube gegenüber. Er versuchte erst einmal, einen Überblick zu bekommen. Unter den vielen Schildern mit Namen, die hochgehalten wurden, suchte er seinen. Ein Herr trat an ihn heran und stellte sich als sein Fahrer vor. Der mittelgroße, untersetzte Mann nahm das Gepäck und strebte einem Seitenausgang zu. Er verstaute alles und weiter ging es ins Ungewisse. Abgesehen von der linken Straßenseite war der Verkehr chaotisch bis anarchistisch. Hupe, Bremse, Gas und viel Theater bestimmten das Geschehen. Ivo genoss das Panorama und ließ sich von der bizarren Schönheit Maltas noch mehr gefangen nehmen. Der Fahrer redete und redete. Ivo hörte kaum hin. Ein gelber, zweigeschossiger Bau erhob sich vor ihnen. „Sundown Court“, eine schicke Hotelanlage.
„Wir am Ziel.“ Das Gepäck wurde bereits hereingetragen.
„Moment bitte, Sie werden sofort bezahlt.“
„No, no alles okay. No money, alles okay.“
„Aber ich …“
„Alles okay – Order from Major.“
„Ich verstehe nicht?“
„Major sagt, letter an Rezeption. Goodbye - good day.“
Verwundert sah Ivo zu, wie das Auto langsam davonfuhr. Er schaute sich noch etwas um, als ein Hotelangestellter auf ihn zukam und ihn freundlich begrüßte. Der Manager führte ihn persönlich durch die Anlage und sie plauderten bei einem Tee.
„Sie sprechen sehr gut deutsch.“
„Ja, ich habe in Dresden Gastronomie studiert und dann anschließend zwei Jahre in Interhotels gearbeitet.“
„Begrüßen Sie alle Gäste persönlich?“
„Nein, sicherlich nicht. Sie sind ein spezieller Gast. Der Major hat Sie avisiert.“
„Wer ist der Major? Ich höre den Namen zum zweiten Mal.“
„Sie kennen sich nicht?“
„Nein, ich habe keine Ahnung.“
„Nun gut. Für Sie sind Briefe an der Rezeption, die Ihnen sicherlich Aufklärung bringen. Ich kann nur so viel sagen, dass der Major eine bekannte Person auf Malta ist. Wenn er für einen Gast buchen lässt, was bei uns erstmals der Fall war, bekommt der Gast den entsprechenden Service.“
„Was macht dieser Major?“
„Mr. McMahon, der Major, unterhält eine bekannte Kanzlei. Sein Leumund ist tadellos. Mir ist nicht bekannt, dass es je Skandale oder Probleme gegeben hätte.“
„Ich bedanke mich für die Auskunft. Ich werde erst einmal sehen, was für mich hinterlegt wurde.“
„Kein Problem. Sie sind natürlich mein persönlicher Gast. Ihre Getränke gehen aufs Haus.“
Erfrischt und ein kühles Getränk vor sich, öffnete Ivo die hinterlegten Nachrichten. Die Kanzlei Vogelt bat um eine unverzügliche Kontaktaufnahme, vom Hotelmanager lag ein persönliches Begrüßungsschreiben vor und ein Kuvert von Mr. Jack McMahon. Der Inhalt bestand aus einer Visitenkarte mit einer handschriftlichen Notiz. „Sobald Sie gut angekommen sind, würde ich gern einen Whisky mit Ihnen genießen.“
Was er davon halten sollte, wusste er nicht. Wer ist dieser Mr. Jack McMahon? Er hatte aber keine Lust, schon wieder zu grübeln und genoss lieber sein Wasser und das angenehme Umfeld. Oberhalb der großzügigen zweiteiligen Poolanlage, mit direktem Blick auf die gegenüberliegenden Gebäude der Universität von Valletta, entspannte er sich. Eine leichte Trägheit bemächtigte sich Ivo und veranlasste ihn, sich nur treiben zu lassen. Doch es war Zeit, erste Telefonate zu führen. In der Kanzlei bekam er für morgen einen Termin. Mit dem mysteriösen Mr. McMahon hatte sich Ivo für den frühen Abend auf einen Drink verabredet.
In einer halben Stunde wurde er abgeholt. Er wollte die verbleibende Zeit für erste Eindrücke von Land und Leuten nutzen. Unterhalb der Altstadt Vallettas ließ er sich absetzen und stieg den steilen Weg zur Stadt hinauf. Für eine vermeintlich flache Insel schon kurios. Gebannt betrachtete Ivo die steilen Häuserzeilen, die Valletta wie eine Schlucht erscheinen lassen. Die Straßen fielen zum Teil so steil ab, dass die Autos mit zum Bordstein eingeschlagenen Rädern geparkt wurden. Die Fußwege sind Treppen. Es war faszinierend, wie in den engen Straßen unerwartet bizarre Lichteffekte spielten. In den Seitenstraßen, die alle im rechten Winkel zueinander liegen, waren kleine Läden für jeden Bedarf. An jeder Ecke Madonnen und Heilige. Tradition und Moderne eng beieinander. Man glaubt, jeden Moment tritt ein Ritter, mittelalterlicher Händler oder gar Pirat aus einer der kunstvoll gearbeiteten Haustüren. Ivo genoss den Esprit Vallettas.
Der Schlag der Kirchglocken brachte ihn in die Gegenwart zurück. Es war Zeit, sich nach dem Ort seiner Verabredung umzusehen. Viele Schirme überdachten auf dem Boulevard eine riesige Freifläche, auf der Tische und Stühle eines Cafés zum Verweilen einluden. Ivo schlenderte durch die Reihen und suchte einen Tisch, wo eine „Bild“ und eine „Times“ lagen. Das war das ausgemachte Erkennungszeichen. Einige Tische vor ihm erhob sich ein Herr, etwa sechzig, modisch, elegant gekleidet und mit sportlichem Aussehen.
„Hallo Mr. Tacht, wie ich annehme? Ich bin Jack McMahon. Ich begrüße Sie recht herzlich auf Malta.“
„Ja, ich bin Ivo Tacht. Woher wissen Sie, wer ich bin? Aber trotzdem danke ich für die freundliche Begrüßung.“
„Bitte nehmen Sie Platz. Möchten Sie etwas trinken?“
„Bitte eine Cola.“
„Jessica, please one Coke and for me, you know … okay.“
Ivo war erstaunt, wieso McMahon ihn sofort zweifelsfrei erkannt hatte. Das Bestellte kam und sie begannen eine zwanglose Plauderei. Man konnte denken, alte Freunde saßen beieinander. Mr. McMahon sprach ein exzellentes Deutsch. Ivo war etwas verlegen, da seine Sprachkenntnisse dagegen bescheiden waren. Er war aber froh, so wenige Probleme mit der Verständigung zu haben. Ivo wurde unruhig. Noch immer kannte er nicht den Grund für diese Reise.
„Mr. McMahon. Halten Sie mich bitte nicht für unhöflich, doch erklären Sie mir den Grund für meine Anwesenheit.“
„Eine durchaus berechtigte Frage. Ich werde versuchen, Ihnen die Angelegenheit verständlich zu machen. Ich würde vorschlagen, bevor ich beginne, nehmen Sie einen Brandy oder Whisky. Für alle Fälle!“
„Ich verstehe zwar nicht ganz, doch einen guten Whisky schlage ich nicht aus.“
Auf ein Zeichen brachte die Bedienung das Gewünschte.
„Darf ich Sie trotzdem bitten, sich mit Ihrem Pass oder deutschen Personalausweis auszuweisen. Man kann nie wissen.“
Ivo legte etwas verwundert seinen Ausweis auf den Tisch und McMahon prüfte, ob auch alles seine Richtigkeit hatte.
„Da Sie der sind, der Sie von Beginn an schienen, will ich versuchen, Ihren Wissensdurst zu stillen.“
Die Bedienung brachte McMahon noch einen Brandy.
„Thank you, Jessica. You are a pearl.“
Lächelnd, mit einer leichten Verbeugung, bedankte sie sich. „Thank you, Major.“
„Major?“
„Nur ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Es hat sich über all die Jahre erhalten. Aber nun möchte ich mich Ihnen kurz vorstellen, damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Ich bin Inhaber einer Steuer- und Finanzkanzlei auf Malta. Hier ist die Drehscheibe für den Ost-West- sowie Nord- und Südhandel. Wir beraten die Regierung Maltas zu bestimmten rechtlichen Fragen. Ich lege größten Wert darauf, dass Sie mich und unser Unternehmen als absolut vertrauenswürdig akzeptieren.“
„Nun gut, aber worum geht es eigentlich?“
Er nahm einen Schluck Brandy und stopfte sich eine Pfeife. „Ich habe Sie hierher gebeten, um Ihnen die Position eines Geschäftsführers anzubieten. Es …“
„Eine Tätigkeit als was?“
„Als Geschäftsführer einer hier ansässigen Firma. Es geht um die ‚Antiquity and Modern Art Service Ltd.‘, kurz AMAS, mit Sitz in Mdina. D…“
„Verstehe ich richtig, dass es sich um eine Kunstfirma handelt? Ich bin Kammerjäger, auch noch Landwirt, aber kein Kunstfuzzi …“
„Nun, junger Freund. Ich darf Sie doch so nennen?“
„Sie können Ivo zu mir sagen, das bin ich gewöhnt.“
„Okay, dann Ivo. Lassen Sie mich bitte erklären. Die genauen Umstände erfahren Sie morgen in der Kanzlei Vogelt. Ich bin der wirtschaftliche Berater der Firma und beauftragt, Sie über die Sie erwartende Situation zu informieren. Ich habe mit Absicht diese Lokalität gewählt, um das Ambiente etwas lockerer zu gestalten. Es ist ein Unternehmen, das sich mit der Sichtung, der Begutachtung, dem Transport sowie dem Schutz von Kunstgut aller Art befasst.“
„Was heißt ‚aller Art’?“ Ivo brauchte jetzt einen Schluck Whisky und zündete sich eine Zigarette an.
„Aller Art heißt: Dokumente, seltene wertvolle Bücher, Grabfunde und wenn nötig Pyramiden und Paläste. Aber auch Gemälde und Artefakte aller Epochen bis heute.“
Ivo verstand die Welt nicht mehr. Er war hierher gereist, um die Leitung einer Kunstfirma zu übernehmen?! Was sollte das? Warum ein solcher Aufwand und wieso ausgerechnet er? Er sah sich außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Ivo nippte an seinem Glas und versuchte, das Gehörte in geordnete Bahnen zu bringen.
„Ich sehe, Sie überrascht dieses Angebot. Ich kann Ihnen versichern, dass alles integer und völlig legal ist. Die gesetzlichen und wirtschaftlichen Aspekte werden morgen durch Rechtsanwalt Dr. Vogelt genau erläutert.“
Ivo vernahm die Worte McMahons wie durch einen dicken Vorhang, ohne deren Sinn auch nur annähernd zu verstehen.
„Lassen Sie uns etwas essen gehen. Nicht weit von hier ist ein hervorragendes Restaurant.“
Ivo begann, sich allmählich von dem Schock zu erholen. Er folgte interessiert den Erläuterungen seines Begleiters zu den Örtlichkeiten, die sie passierten. Sie betraten einen rustikalen Gastraum, in dem es nach vielen leckeren Sachen roch. Ivo schaute sich neugierig um und genoss die typisch mediterrane Atmosphäre. Ein Ober steuerte zielstrebig auf sie zu. Wieder stellte er fest, dass sein Gastgeber im wahrsten Sinne des Wortes „bekannt war wie ein bunter Hund“. Von dem englisch-maltesischen Gespräch, das McMahon und der Ober führten, verstand er nur wenig. Es war unverkennbar, dass er auch hier ein privilegierter Gast war. Sie wurden sofort an einen Tisch auf einer schattigen Freifläche geführt. Der Ober erkundigte sich mehrmals, ob der Platz auch recht sei.
„Gefällt Ihnen der Ausblick auf die Altstadt Vallettas?“
„Es ist fantastisch, ich bin begeistert.“
„Darf ich Ihnen die Spezialität des Hauses, ‚Poseidons Leibgericht‘ empfehlen? So würde ich die gemischte Platte mit Köstlichkeiten des Meeres frei übersetzen. Oh, ich vergaß zu fragen, mögen Sie überhaupt Fisch?“
Ein Anruf unterbrach kurz ihr Gespräch.
„Ich kann durchaus nachvollziehen, dass all dies äußerst verwirrend ist. Doch ich versichere Ihnen nochmals, dass alles äußerst korrekt ist und für Sie keinerlei Probleme, egal welcher Art, entstehen werden. Eines möchte ich zu der Firma AMAS noch sagen. Neben den umrissenen Tätigkeiten befasst sich die AMAS im Auftrag diverser Einrichtungen und der UNESCO mit der satellitengestützten Sicherung von Kunstschätzen. Das Verfahren ist weltweit patentrechtlich geschützt und wird über russische Satelliten gesteuert. Derzeit sind 23 Teams auf allen Kontinenten unterwegs. Der Bedarf steigt sprunghaft an. Ich erwähne dies, um die Seriosität der Firma nochmals zu unterstreichen.“
Bevor Ivo etwas erwidern konnte, erschienen zwei Köche mit riesigen Silberplatten. Sie deckten den Tisch mit dem „Leibgericht Poseidons“. Das Essen war hervorragend.
„Es hat mir ganz vorzüglich geschmeckt, doch ich bin satt. Ich bekomme keinen Bissen mehr herunter.“
„Es freut mich, dass Ihnen unsere bescheidene maltesische Küche derart zusagt. Der Chefkoch wird begeistert sein.“
„Entschuldigen Sie bitte, Mr. McMahon.“
„Nennen Sie mich bitte Jack oder einfach Major. Förmlich werde ich den ganzen Tag angesprochen.“
„Okay, Major. Wer finanziert diese Reise, die Unterbringung, die teuren Restaurants und alles hier?“
„Da ich Sie eingeladen habe, sind Sie auch mein Gast. Ihr Aufenthalt wird von der Firma bezahlt, die Sie unbedingt als Geschäftsführer gewinnen möchte.“
„Und wenn ich den Job nicht annehme? Muss ich dann …?“
„Dann wird Ihr Rückflugticket bezahlt und Sie hatten einen hoffentlich angenehmen Urlaub. Sie können mir glauben, das würde die AMAS nicht ruinieren.“
„Ich kann das alles nicht verstehen …“
„Seien Sie unbesorgt. Sie werden morgen mehr erfahren und auch die Zusammenhänge besser verstehen. Ich muss mich leider verabschieden. Es gibt ein kleines Zollproblem. Die maltesischen Mühlen.“ Er griff in seine Jackentasche und holte ein Handy hervor. „Dies ist für Sie, damit Sie sich freier bewegen können. Ich erkläre kurz, welche Nummern gespeichert sind und wozu Sie diese benötigen.“
Der Major verabschiedete sich, nachdem er dem Oberkellner ein sicherlich reichliches Trinkgeld gegeben hatte.
„Bitte bleiben Sie und genießen Sie die Aussicht. Die Rechnung geht an meine Kanzlei. Bis morgen und noch einen angenehmen Tag.“
Wieder schwirrten ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Er hatte das Gefühl, im Kreis geführt zu werden, ohne wirklich Antworten auf die für ihn wichtigen Fragen zu bekommen. Wer steckt hinter allem und warum ich?
Es hielt ihn nicht mehr auf dem bequemen Stuhl. Er brauchte unbedingt Bewegung und Menschen um sich. Das Straßenbild hatte sich gewandelt. Die Geschäftsleute waren verschwunden und Jugendliche, Touristen und ältere flanierende Malteser prägten jetzt die Prachtstraße. Er folgte der St. Dominic Street und genoss die vielen Eindrücke. Eine leichte Brise wehte von Süden her und mit ihr kam der typische Geruch von Hafen, Fisch und Meer.
Ein Droschkenkutscher wollte ihn als Fahrgast chartern. Ivo versuchte gar nicht erst, sich zu wehren. Er ging einfach weiter. Die Straße wurde abschüssig. Er sah weit oben die Siegesglocke und kam an einem der Passagierkais heraus. Er lief weiter am Hafen entlang. Nach einem steilen Anstieg befand er sich in einem Park am Rande Vallettas. Er setzte sich auf eine Bank und sah nun von oben auf das Schiff, neben dem er vor unendlichen Schweißtropfen noch gestanden hatte. Von hier sah es aus wie ein Modell.
Wieder drehten sich seine Gedanken nur um die eine Frage. Ivo entschloss sich, den morgigen Tag abzuwarten. Dann würde sich der Nebel wohl lichten. Er hatte das Bedürfnis, sich zu unterhalten. Allein in der Fremde war das nicht einfach. Sollte er Gabi anrufen oder Bernhard? Lieber würde er versuchen, Angela zu erreichen. Sie müsste nach 22 Uhr zu Hause sein.
Beschwingt von seinem Entschluss lief er durch die Straßen. Unvermittelt stand er auf einem riesigen Platz, der voller Busse war, die einer früheren Epoche entstammten. Sie fuhren ab und kamen an, entließen Menschen aus ihren Bäuchen und sogen andere auf. Sie waren gelb-rot-weiß lackiert. Einige wie neu, andere etwas schäbig und mindestens 30 Jahre und älter. Aber alle hatten tolle Hupen. Ivo spürte große Lust einzusteigen. Er verzichtete darauf, da er die landestypischen Gepflogenheiten nicht kannte und sich unsicher war, wo er eventuell ankam. Es war spät und die Anstrengungen des Tages machten sich bemerkbar. Er nahm sein Handy und rief Josef, seinen neuen Fahrer, an. Im Hotel lud er ihn zu einer Erfrischung ein.
„Wie ist das so als Fahrer des Majors? Kommen Sie gut miteinander klar?“
Josef nippte von seiner Coke und schien sich seine Antwort genau zu überlegen. „Na ja, eigentlich bin ich kein Fahrer.“
„Was bedeutet ‚kein Fahrer‘? Alles scheint hier anders zu sein als zu Hause.“
„Außerordentliche Situationen erfordern außerordentliche Maßnahmen. Da diese Situation wirklich außergewöhnlich ist, waren Jack und ich der Meinung, dass ich Sie fahre und mich die erste Zeit um Sie kümmere.“
„Wenn Sie kein Fahrer sind, was machen Sie dann?“
„Ich bin Jacks Partner und für die juristischen Abläufe in der Kanzlei zuständig.“
„Nein, das ist ein Witz, oder?“
„Nein, nein. Es entwickelte sich so rasant, dass keine Zeit blieb, einen guten Fahrer zu suchen. Ab morgen wird sich alles überschaubarer regeln. Bis dahin geht es so. Oder fühlen Sie sich nicht gut betreut?“
„Doch, doch. Nur ist alles hier für mich verwirrend. Keiner beantwortet meine Fragen. Niemand erklärt mir, was ich hier überhaupt soll, und mein Fahrer ist kein Fahrer. Dann müssten Sie ja eigentlich wissen, warum ich hier bin und was ich hier wirklich soll?“
„Warten Sie bitte bis morgen. Wie ich bereits sagte, bin ich Jurist und somit an meine Schweigepflicht gebunden.“
„Haben Sie so wenig zu tun, dass Sie sich auf Abruf um einen Touristen kümmern können?“
„Sie verkennen die Situation, Mr. Tacht. Sie sind weder ein Touri noch sind Sie unbedeutend. Weder Jack noch ich würden uns um irgendwelche Touris kümmern. Dazu haben wir erstens zu wenig Zeit und verdienen zweitens zu gern Geld. Falls es Ihnen bisher entgangen sein sollte, werden Sie hier äußerst höflich und zuvorkommend behandelt. In Ihrer Heimat wird das sicher auch nicht unbedeutenden Touristen widerfahren. Ihre Sicherheit und Zufriedenheit haben oberste Priorität. Die kurze Zeit geht das schon einmal. Wir haben für 34 Leute die Verantwortung. Wir schlagen täglich erhebliche Waren und Gelder um und jeder Fehler kostet Geld. Unser Geld.“
„Entschuldigen Sie, so habe ich das nicht gemeint. Ich bin nur genervt, weil ich absolut keinen Plan habe, was hier mit mir passiert.“
„Ich bitte Sie nochmals, sich bis morgen zu gedulden, dann werden Sie Klarheit erhalten. Sie sind ein ganz besonderer Klient. Ihnen wird die Führung der AMAS angetragen. Einer Firma, die mehrstellige Millionenumsätze macht und weiter expandiert. Das alles ohne große Risiken. Für einen solchen Kunden ist der Aufwand gerechtfertigt und außerdem sind wir und der Inhaber eng befreundet. Das wollte ich nicht so krass ausdrücken, doch so erhalten Sie einen Einblick.“
Ivo fingerte in seiner Tasche nach einer Zigarette. Bevor er sein Feuerzeug fand, stand schon ein Kellner neben ihm und reichte ein brennendes Streichholz. Er schob Josef die Schachtel zu, doch der lehnte dankend ab.
„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.“ Nach einer kurzen Pause begann er, etwas stockend. „Entschuldigen Sie nochmals meine Unduldsamkeit. Ich hoffe, ich bin Ihnen nicht zu nahe getreten.“
„Nein, nein, das ist schon in Ordnung. Dr. Massler hat Sie intelligent und geradeheraus, so sagt man wohl, genannt. Ich sehe, er hatte wieder einmal recht.“
„Sie kennen Max, ich meine Dr. Massler?“
„Selbstverständlich. Er ist unser wichtigster Kontakt in Ostdeutschland und Berlin. Wenn es sich so weiterentwickelt, wird er in einem Jahr die Gesamtvertretung für Deutschland übernehmen. Wir müssen uns dann nicht mehr mit dieser sturen Kanzlei in Frankfurt/Main herumschlagen.“
Ivo bekam allmählich wieder Boden unter den Füßen und versuchte gar nicht erst, alles zu verstehen.
„Sagen Sie, Josef. Entschuldigung, wenn ich Sie so nenne. Wie kann ich Sie denn anreden? Einen Mann in Ihrer Position so einfach Josef zu nennen, ist mir peinlich.“
„Ich würde sagen, wir lassen es so, wie es ist. Nicht die Position macht den Menschen aus, sondern das Charisma.“
„Okay, ich bin Ivo. Und danke für Ihr Entgegenkommen.“
„Ich denke, wir werden schon miteinander klarkommen. Etwas noch. Falls Sie es noch nicht wissen sollten, Max Massler kommt morgen nach Malta. Sollten sonst Probleme oder Fragen auftreten, kommen Sie bitte direkt zu mir oder rufen Sie mich an. Das Handy behalten Sie ohnehin.“
Die Sonne war lange verschwunden und er betrachtete die Silhouette der Uni. Die Umgebung hatte im Licht des Mondes und in dem gedämpften Schein der Laternen das Flair von „Tausend und einer Nacht“. So hatte er es sich vorgestellt, wenn seine Mutter ihm als Kind von Karawanen, Räubern und dem Kleinen Muck vorgelesen oder erzählt hatte. Er mochte diese südländische Atmosphäre, die trotz ihrer Hektik beruhigend auf ihn wirkte.
Im Nebenraum lief ein Fernseher, wo eine Uhr eingeblendet wurde. Es war 22.30 Uhr. Jetzt musste er sich beeilen, wenn er Angela erreichen wollte. Es klingelte und klingelte, plötzlich ein kurzes „Ja“.
„Hallo Angela, hier ist Ivo Tacht. Ich hoffe, ich störe nicht und mein Anruf kommt dir nicht ungelegen. Sorry, ich stehe etwas neben mir.“
„Schön, von dir zu hören. Ich würde sagen, wir können ruhig beim Du bleiben, wenn es dich nicht stört.“
„Nein, nein, das ist schon okay. Es war mir so rausgerutscht, denn hier läuft alles etwas chaotisch.“
„Ich war über die Nummer verwundert und bin dann immer vorsichtig. Ich habe schon auf deinen Anruf gewartet.“
„Das finde ich nett. Auch ich wollte deine Stimme hören.“
Ivo erzählte Angela, was ihm bisher widerfahren war. Er hatte das Gefühl, die ganze Anspannung löste sich langsam.
„Das ist alles sehr interessant, doch das muss ein Vermögen kosten, wenn wir so lange telefonieren.“
„Mach dir da keine Gedanken. Geld scheint hier keine Rolle zu spielen. Es tut so gut, mit dir zu reden.“ Sie fühlten sich einfach wohl.
„Übrigens, morgen kommt Max …“
„Ich weiß. Man hat es mir vorhin so anbei mitgeteilt. Was soll’s, er wird seine Gründe haben. Es wäre viel schöner, wenn du kommen würdest.“
„Aber HerrTacht! Sie sind ein Geschäftskunde …“
„Nicht ganz. Eigentlich ist Max der Kunde, denn er zahlt.“
„Oh, schon so spät. Ich bin in Eile. Heute habe ich noch einen ganz speziellen Auftrag erhalten. Ich darf auf keinen Fall zu spät kommen. Übrigens, Max bringt eine Kleinigkeit für dich mit. Ich hoffe, du freust dich darüber.“
„Wie komme ich zu dieser Ehre?“
„Unser cooler Anwalt preist deine Vorzüge in den höchsten Tönen. Er hat mir erklärt, es würde endlich Zeit, dass er auf meiner Hochzeit tanzt. Da kann ich ihn nicht enttäuschen. Außerdem bin ich ein wenig verrückt. Man merkt es ja an meinem Umgang.“
„Vor ein paar Tagen warst du aber nicht so frech.“
„Vor ein paar Tagen habe ich jemanden kennengelernt, der nett ist, der auch frech ist und der mir eventuell gefallen könnte. Außerdem ist es am Telefon viel leichter, so etwas zu sagen, denn da sieht niemand, wie ich rot werde … So, und nun muss ich los.“
„Aber du kannst doch jetzt nicht …“
„Lieber Ivo, ich muss. Wie sagt man so schön? Man sieht sich. Ich hauche dir einen ganz lieben Gruß zu.“
Bevor Ivo etwas erwidern konnte, war die Leitung tot.
Was war das? Er hatte das Gefühl, sich in einer Umgebung der absoluten Leere zu befinden. Alles verlangsamte sich und er hatte das Empfinden, jeden Moment aufzuwachen, in seinem Bett oder anderswo zu Hause. Es war das Telefon, was seine Trance störte. Ungläubig schaute er auf die Nummer. Ivo nahm einfach ab.
„Ja.“
„Danke für die nette Begrüßung.“
„Dr. Massler? Entschuldige Max … wie, was?“
„Man hat dir schon gesagt, dass ich komme? Nun gut, dann weißt du es jetzt. Man hat mir per Kurier heute Nachmittag Unterlagen der BoV, der Bank of Valletta, zugestellt, die dich betreffen. Die dazugehörigen Schriftstücke verfügen die persönliche Übergabe. Der einzige Flug geht morgen von München.“
„Aber wolltest du nicht zu Vorlesungen ins Ausland?“
„Das übernimmt meine Assistentin von der Uni. Sie steht bestens im Stoff. In Prag kommt sie schon ohne mich klar. Nun gut, dann bis später. Wir sehen uns morgen.“
Ivo bestellte sich einen doppelten Whisky, trank diesen ganz genüsslich und war völlig entspannt. Er sagte sich immer wieder, nein, das ist ein Traum, gleich wachst du auf.
Ivo hatte gut geschlafen, gefrühstückt und war unterwegs zur Ordnance Street 13. Ihn begleitete wieder das mulmige Gefühl, was ihn wohl erwarte.
Ein prächtiges Gebäude, das so um 1900 errichtet sein könnte, mit typisch mediterran-englischen Details und Schlenkern, erhob sich vor ihm. Ein schlichtes poliertes Messingschild zeigte, dass er hier richtig war. Er atmete kräftig durch und betrat die große Eingangshalle, die mit Marmor und Skulpturen geschmackvoll gestaltet war. Ivo schaute sich um und sah zu seiner Rechten wieder das Messingschild. Als er den Türklopfer in Gestalt eines Löwenkopfes betätigen wollte, schwang die hohe Tür wie von Geisterhand auf. Eine Frau um die Fünfzig, schick gekleidet, begrüßte ihn in bestem Hochdeutsch.
„Sehr erfreut, Sie zu sehen, Herr Tacht!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, führte sie ihn weiter. „Dr. Vogelt lässt sich noch für einen Moment entschuldigen. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Saft, Wasser oder Kaffee?“
„Bitte einen Kaffee. Wenn es keine Umstände macht.“
„Herr Tacht, ich bitte Sie.“
Ivo befand sich in einem großen Raum. Auch hier alles sehr dezent und geschmackvoll arrangiert. Er setzte sich in einen der Sessel und versuchte, locker zu bleiben.
„Ich sehe, Sie haben es sich schon bequem gemacht.“
Etwas überrascht wollte Ivo aufstehen.
„Behalten Sie ruhig Platz, Herr Tacht. Nur keine Umstände. Vogelt mein Name, Wolfgang Vogelt.“
„Ivo Tacht, sehr angenehm.“
„Sie scheinen etwas verwundert zu sein, Herr Tacht.“
„Nun ja, es ist schon sonderbar. Jeder kennt mich, nur ich weiß meist nicht, mit wem ich es zu tun habe.“
„Das ist so, wenn man einen gewissen Bekanntheitsgrad hat.“
„Bekanntheitsgrad? Das soll wohl ein Scherz sein?“
„Ich bin sicher, Sie werden mich noch verstehen. Könnte ich bitte Ihren Pass sehen?“
Da Ivo dies schon kannte, reichte er ihm den Reisepass.
„Es ist nur eine Formalität, doch Ordnung muss sein. Außerdem ist die Ähnlichkeit unverkennbar.“
Ivo versuchte gar nicht erst, diese Äußerung zu verstehen. Ohne dass er es bemerkt hatte, waren der Major und Josef sowie ein junger Mann ins Zimmer gekommen. Man begrüßte ihn freundlich. Der Hausherr ergriff das Wort.
„Werte Kollegen, sehr geehrter HerrTacht! Dr. Massler wird sich um etwa eine Stunde verspäten. Auf dem Airport hat ein Stromausfall die Abfertigung zum Erliegen gebracht. Doch wir werden wie geplant beginnen. Ich denke, wir können in einer etwas lockereren Atmosphäre verfahren. Wir sitzen hier nicht bei Gericht.“
Er gab noch einige Anweisungen und schloss die Tür.
„So, nun zu Ihnen, Herr Tacht. Wie Sie wissen, wird Ihnen die Position des Geschäftsführers der AMAS angeboten. Die wirtschaftlichen Details der Firma werden durch meine verehrten Kollegen im Anschluss dargelegt.“
Es folgten juristische Ausführungen, die Ivo zwar grob verstand, die aber an ihm vorbeirauschten wie ein ICE. Er wartete einzig und allein auf die Erklärung, warum er …
„Sollten Sie das Angebot nicht annehmen, ist verfügt, dass Sie den Aufenthalt hier bis Ende des Monats auf Kosten Ihres Gastgebers verlängern können. Es entstehen Ihnen daraus keine Verpflichtungen. Konnten Sie mir bisher folgen?“
„Ja, ich denke, dass ich alles verstanden habe. Was mich aber besonders interessiert …“
„Selbstverständlich, Herr Tacht, dazu komme ich sofort. Bis hier ist soweit alles klar?! Gut. Also …“
Ein leises Klopfen unterbrach Dr. Vogelt. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet und eine Angestellte trat ein. Als sie die Störung erklären wollte, betrat Dr. Massler abgehetzt und schwitzend den Raum.
„Thank you Miss, all is okay.“
„Hallo, Max. Wie immer aufs Stichwort. Begrüßen wir unseren Freund und fahren dann mit vereinten Kräften fort.“
Ivo saß wie auf glühenden Kohlen. Er wollte endlich Licht in dieses mysteriöse Dunkel bekommen.
„Sie, Herr Tacht, interessiert besonders, wieso Ihnen diese Position angeboten wird. Ich verlese nun die persönliche Verfügung des Inhabers der Antiquity and Modern Arts Service Ltd., kurz AMAS. Sie tritt für den Todesfall oder die langfristige Verhinderung zur Wahrnehmung der Führung des Unternehmens in Kraft.“
Ivo war derart angespannt, dass er zwar die Worte hörte, aber Probleme hatte, den Sinn zu erfassen.
„Somit verfüge ich, der Unterzeichnende, dass im Falle meines Todes oder beim Eintreten von Umständen, die es mir über einen längeren Zeitraum nicht ermöglichen, die oben benannte Firma selbst zu führen, unverzüglich Mr. Jack McMahon als Geschäftsführer eingesetzt wird. Die Kanzlei Dr. Vogelt wird beauftragt, umgehend, aber spätestens innerhalb von 30 Kalendertagen ab Eintritt der benannten Umstände Herrn Ivo Tracht die Geschäftsleitung, immer vorausgesetzt, er ist dazu bereit, zu übergeben. Sollte er das Angebot ablehnen, was passieren kann, ist eine Geschäftsführung nach Anlage 1 zu bilden. Alle Verfügungen sind beglaubigt und die Siegel unangetastet. Somit …“
Ivo war wieder völlig auf der Höhe des Geschehens. „Entschuldigung, doch wer ist der Unterzeichnende?“
Plötzlich trat absolute Ruhe ein. Man hätte eine Nadel zu Boden fallen hören. Dr. Vogelt holte umständlich Luft und wollte gerade Ivos Frage beantworten, als Max Massler ihm zunickte. Ivo hatte den Eindruck, dem ansonsten so toughen Anwalt fiel eine Steinlawine vom Herzen.
„Nun, Ivo, es ist so, der Unterzeichnende ist … dein Vater.“
Ivo glaubte, die Worte würden tausendmal verstärkt von den Wänden widerhallen … dein Vater, dein Vater.
„Nein, das ist ein schlechter Scherz. Das kann nicht sein, mein Vater ist doch …?“
„… bei einem Verkehrsunfall verunglückt, wolltest du sagen“, ergänzte Max Massler.
In Ivo lösten sich Schmerz und Freude im Sekundentakt ab. Er wusste absolut nicht, was er denken, noch was er sagen sollte. In ihm tobten Gefühlstaifune unvorstellbaren Ausmaßes. Sein Vater nicht verunglückt? Aber er war doch auf der Beerdigung. Und Mutter?
„Wir legen jetzt eine kurze Pause ein. Nur so viel, Ihr Vater ist nicht verstorben. Während der Sichtung antiker Gräber in der Sahara verunglückte er und befindet sich in einem komatischen Zustand. Da er im Auftrag der Regierung von Marokko arbeitete, hat man ihn sofort in ein dortiges Regierungsklinikum verlegt. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Ich habe heute noch einmal mit der Botschaft gesprochen. Man versicherte mir, wenn sein Zustand stabil bleibt, kann die Verlegung nach Malta in den nächsten Tagen erfolgen.“
„Was ist denn eigentlich passiert und wann …?“
„Der Unfall hat sich vor 12 Tagen ereignet. Soweit wir wissen, sind die inneren Grabkammern mit Gasen angereichert gewesen. Aber wir wissen nichts Genaues. Fakt ist, Ihr Vater hat nie in Lebensgefahr geschwebt, liegt aber aus bisher ungeklärten Umständen im Koma.“
Max kam zu ihm. „Komm, wir gehen hinaus in den Garten.“
Entlang der hohen Begrenzungsmauer waren uralt anmutende Rosen gepflanzt, die in voller Blütenpracht standen. Der Duft und die Farbenpracht lenkten Ivo etwas ab.
„Wie um alles in der Welt hängt das hier zusammen? Wie kann mein Vater im Beisein seiner Familie von hochrangigen Leuten des Ministeriums und seines Betriebs beerdigt werden und Jahre später wieder am anderen Ende der Welt auftauchen? Sind wir bei James Bond oder Mission Impossible? Ich versteh das einfach nicht. Meine Mutter, wusste sie?“
„Es tut mir von Herzen leid, dass du es so erfahren musstest. Aber die Zeit drängte.“
Ivo wollte zuerst einmal die Zusammenhänge begreifen. Dazu benötigte er Zeit und mehr Informationen. Sie kehrten in den Konferenzraum zurück.
„Nun, Herr Tacht, sind Sie zu einer Antwort in der Lage?“
„Ich habe folgende Entscheidung getroffen. Wenn ich alles richtig verstanden habe, wird die Firma meines Vaters zurzeit von Mr. McMahon geführt.“
„Yes, so ist es“, bestätigte McMahon.
„Gibt es zwingende Gründe, die Regelung sofort zu ändern?“
Dr. Vogelt blickte in die Runde. „Nein, ich denke nicht.“
„Gut. Dann schlage ich Folgendes vor. Ich bin momentan nicht in der Lage, Ja oder Nein zu sagen. Ich sehe mir alle Unterlagen in Ruhe an. Wir arbeiten in dem Zeitlimit, das mir noch 14 Tage zur endgültigen Entscheidung lässt.“
„Okay. Mit dieser Variante können wir leben. Jack führt die Geschäfte vorerst weiter. Josef verfügt bis Ablauf der Frist über die Prokura. Betreffs der Dokumente sollte alles, was die Firma und brisante Familienunterlagen betrifft, hier im Safe bleiben. Wenn Sie es wünschen, Herr Tacht, können wir für die nächsten Tage zwei Räume mit einem eigenen Safe zur Verfügung stellen.“
„Gut, wenn die Möglichkeit besteht, würde ich gern hier im Haus bleiben.“
„Mich überrascht, wie gefasst Sie dies alles aufnehmen. Mir wurde gesagt, Sie seien Ihrem Vater sehr ähnlich. Sie sind fast sein Ebenbild. Umso weniger verstehe ich, warum er Sie so lange im Unklaren über sich und Ihre Mutter ließ.“
„Wie meinen Sie das, über sich und meine Mutter?“
„Ihre Mutter war regelmäßig hier. Sie liebte zwei der Rosenstöcke im Garten ganz besonders.“
„Deshalb dauerten ihre Konzertreisen in den letzten Jahren immer länger und sie war so verrückt auf Kurorte.“
„Das ist wohl möglich.“ Dr. Vogelt führte seinen Gast in den linken Seitenflügel, wo die Arbeitszimmer lagen. Man brachte einen mit Akten und Kartons bepackten Wagen.
„Wenn ich es recht verstanden habe, ist ein Plan hinterlegt, nachdem Schritt für Schritt die nahtlose Firmenübernahme erfolgen soll.“
„Aber Sie müssten doch über alles Bescheid wissen? Sie haben die ganzen Unterlagen verwahrt.“
„Das ist richtig. Mit Ausnahme von drei Dokumenten, die ich beglaubigt habe, ist mir alles verschlossen und versiegelt zur Aufbewahrung und Aushändigung übergeben worden.“
„Dann muss ich mich wohl selbst durch das Papier kämpfen?“
Er machte sich unverzüglich daran, die Videokassetten und DVDs auszupacken. Ivo legte das erste Videoband ein. Seine Hände zitterten ein wenig. Zu seiner Überraschung waren die Eltern gemeinsam zu sehen. Dem Datum nach war es kurz vor Mutters Tod aufgenommen.
„Lieber Ivo. Wenn du dies siehst, ist etwas Gravierendes in unserem Leben passiert. Dies ist für den äußersten Notfall. Wir wollen versuchen, dir unser Handeln zu erklären. Bitte nimm dir die Zeit und höre uns an. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Es tut mir leid, euch zurückzulassen, ohne zu wissen, ob und wie diese Odyssee zu Ende geht. Es war mein Wunsch, nachdem wir uns vor Jahren wiedergefunden hatten, dir nichts davon zu sagen. Ich hatte und habe große Angst, dass Konsequenzen entstehen, die wir nicht überschauen können. Ich weiß, dass dein Vater meine Meinung nicht teilt, aber sie akzeptiert. Dafür bin ich ihm sehr, sehr dankbar.“ –
„Ich hatte ein Fernstudium aufgenommen. Nach einem Jahr wechselte ich in eine Sonderstudienform. Dabei wurde außer Ökonomie, Wirtschaft, internationalem Recht und Diplomatie verstärkt Ökonomie des Kapitalismus gelehrt. Wir glaubten, dass sich so bessere Perspektiven für die Zukunft ergeben könnten. Jennys Gesundheit verschlechterte sich zusehends. Ihre künstlerischen Leistungen und meine Beziehungen machten den Aufenthalt in der CSSR möglich. Deine Mutter wurde völlig geheilt. Ich erhielt ein Angebot, im Ausland zu arbeiten, lehnte es damals aber ab. Es hätte mich schon gereizt, doch ihr wart wichtiger. Auch wenn ich es nicht so zeigen konnte.“ –
„Ich war so froh, wieder spielen zu können, dass ich ganz einfach Angst hatte, wenn wir irgendwo landen, würde man mich vergessen. Aber ich liebte es so, in vollen Häusern zu spielen und unsere großen Sänger zu Schubert, Haydn oder Vivaldi zu begleiten. Musik war mein Leben.“ –
„Jedenfalls schloss ich mein Studium ab und kam ins Archiv der Firma. Ich musste die Reklamationen der letzten zehn Jahre dokumentieren. Jenny begann wieder zu spielen und mir machte man klar, wer nicht will wie wir, der leitet halt ein Archiv mit sich selbst als einzigem Angestellten. Das ging eine ganze Zeit so. Wir stritten nur noch und hatten uns ansonsten nicht mehr viel zu sagen. Irgendwann im Sommer rief mich mein Mentor von der Hochschule an und bat mich, unverzüglich zu ihm zu kommen. Es ginge um meine Diplomarbeit ‚Erwirtschaftung von Devisen auf dem kapitalistischen Markt‘. Man wollte wissen, ob mein theoretisches Modell funktioniert. Ich bekam 14 Tage Zeit, ein Konzept zur Umsetzung vorzulegen.“
