Erbenscharade - Hans-Jürgen Rusch - E-Book

Erbenscharade E-Book

Hans-Jürgen Rusch

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Beschreibung

Horst Alisch entdeckt Hinweise zur geheimen ›Operation Humboldt‹. Kurz darauf erkrankt er, verschwindet und gilt seither als verschollen. Die Erbenforscherin Michaela Nauroth sucht nach ihm. Ihre Recherchen führen sie auch ins Jahr 1968 zurück, als ihr Verlobter ermordet wurde. Schließlich entdeckt sie Anhaltspunkte für einen Anschlag, den eine rechte Terrorzelle plant. Sie stellt sich der Herausforderung, wird entführt, bedroht, sieht Menschen sterben - kämpft aber unerschrocken weiter.

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Hans-Jürgen Rusch

Erbenscharade

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Carsten Kykal / Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4644-3

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Charaktere

Teil 1: Schatten aus der Vergangenheit

1 – Infiziert

2 – Sorgen um die Mutter

3 – Unerwarteter Besuch

Teil 2: Prager Herbststürme

4 – Gegen die Notstandsgesetze

5 – Drohende Invasion

6 – Einschüchterung

7 – Einmarsch verhindern

8 – Die Wahrheit kommt zu spät

9 – Judaslohn

Teil 3: Zeit zu sterben

10 – Die Zeichnung

11 – Synkes Fragen

12 – Ausfahrt ohne Wiederkehr

13 – Unternehmen Humboldt

14 – Wiedersehen nach 45 Jahren

15 – spurlos verschwunden

16 – Unglücksschiff Möwe

Teil 4: Nachforschungen

17 – Vergeudete Zeit

18 – Unter Druck

19 – Reisefieber

20 – Seerosenwurzeln

21 – Falle Alkohol

22 – Am Strand von Kalifornien

23 – 1,54 Promille

24 – Nächtlicher Streifzug

Teil 5: Eine härtere Gangart

25 – Stellungswechsel

26 – Der Erbin auf der Spur

27 – Tief unten

28 – Spurensuche

29 – Der Lügner

30 – Hilflos

31 – Katzendoktorin

32 – Ausgesetzt

Teil 6: Am Vortag

33 – Tagesanbruch

34 – Gefährlicher Fund

35 – Unerwarteter Geldsegen

36 – Abserviert

37 – Der Krieg geht weiter!

Teil 7: Worten folgen Taten

38 – Zugriff?

39 – Das Schicksal nimmt seinen Lauf

40 – Flucht

41 – Ewige Ruhe

Anmerkung

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Charaktere

Aufgeführt sind die wichtigsten Charaktere mit ihrem Geburtsjahr.

WdA – Verein ›Wider dem Artensterben‹

Alisch, Horst (1953) – Mitarbeiter im WdA; Freund von Finke und Zaiser

Barlow, Heidi (1956) – Altenpflegerin; Mutter von Synke

Barlow, Synke (1978) – Tierpflegerin im Ozeaneum Stralsund

Dünker, Gerhard (1975) – Offizier auf dem Ausflugsschiff Möwe

Ebeling, Karl (1940) – ehem. Geheimdienstoffizier

Finke, Conrad (1953) – Kapitän der Möwe; Freund von Alisch und Zaiser

Ingelhoff, Magda (1950) – Chefin des WdA

Jüttner, Victor (1980) –Mitarbeiter im WdA; Vertrauter von Ingelhoff

Meyers, Dietrich (1949) – vormals Verfassungsschutz; Mitglied im WdA

Naumi; Nauroth, Erbenforscherin aus Bremen

Michaela (1950) –

Nauroth, Felix (1969) – Sohn von Naumi; Inhaber eines Tonstudios

Olbricht, Thomas (1982) – Mitarbeiter im WdA; Vertrauter von Meyers

Querner, Lutz (1977) – Kommissar in StralsundTietje, Rolf (1949) – Fernsehproduzent; Naumis Jugendliebe

Viebegk, Manfred (1943) – Weltkriegs-Auswanderer nach Kalifornien/USA

Zaiser, Edgar (1958) – Versicherungsagent; Freund von Alisch und Finke

Teil 1: Schatten aus der Vergangenheit

29. Juli bis 07. August 2013

1 – Infiziert

Bremerhaven – Montag, der 29.07.2013 – 21.45 Uhr

»Kommen Sie nach Weddewarden; zum Stichkanal hinter Containerterminal IV.« Dietrich Meyers wechselte das Handy in die linke Hand, um mit der anderen das Fernglas an die Augen zu heben. Die beiden Männer, denen er folgte, wanderten seelenruhig auf der Deichkrone nordwärts.

»Jetzt sofort?«, kam die Gegenfrage aus dem Telefon.

»Na klar! Wann sind Sie hier?«

»Eine halbe Stunde wird’s schon dauern.«

Meyers nahm das Fernglas wieder herunter und schaute auf die Uhr. Das wäre Viertel nach zehn – im Schutz der Dämmerung dürfte er dann auch kaum unliebsame Beobachter fürchten. »Okay. Holen Siemich an der nördlichen Einfahrt des Stichkanals ab.«

»Verstanden.«

Zufrieden beendete Meyers das Gespräch und steckte das Handy ein. Die Männer weiter vorn schlenderten noch immer nach Norden. Um sie wirklich im Auge zu behalten, musste er ihnen folgen. Meyers trudelte den Hang zur Straße am Deichfuß hinunter und nahm die Verfolgung auf.

Die Unterhaltung der zwei Männer schien beendet – sie umarmten einander und trennten sich. Der ältere lief zurück in Richtung der Häuser von Bremerhaven-Weddewarden, bog an der nächsten Ecke links ab und verschwand so aus Meyers Blickfeld. Der andere, auf den er es abgesehen hatte, war oben auf dem Deich stehen geblieben. Besser hätte es kaum kommen können. Meyers trat aus seinem Versteck und hastete von der Straße auf die Deichkrone hinauf.

»Na, schnappen Sie nach dem anstrengenden Tag noch ein wenig frische Seeluft?«

Der zurückgebliebene Horst Alisch, vielleicht zehn Meter entfernt, fuhr herum und erstarrte augenblicklich in der Bewegung, als er sein Gegenüber erblickte. Alisch’ blasses Gesicht leuchtete in der Dämmerung wie der Vollmond.

Horst Alisch arbeitete in der Stralsunder Außenstelle des Vereins ›Wider dem Artensterben‹, kurz WdA genannt. Heute war er zu einer Besprechung in die Zentrale nach Bremen gebeten worden. Da für morgen noch ein weiterer Termin angesetzt worden war, hatte Alisch in einem kleinen Hotel unweit des Weserstadions Quartier bezogen. Als er dort gegen sieben weggefahren war, hatte Meyers sich an seine Fersen geheftet und war ihm hierher nach Bremerhaven-Weddewarden gefolgt.

Drei Wochen zuvor, Alisch hatte Unterlagen des Vereins von Bremen nach Stralsund transportiert, war ihm eine vertrauliche E-Mail zur geplanten Operation Humboldt in die Hände gefallen, die ein kritischer Mitarbeiter wie Alisch niemals hätte sehen dürfen. Um die Folgen abschätzen zu können, hatte Meyers den Mann beobachten lassen. Nach dessen heutigem Treffen mit Karl Ebeling war der Zeitpunkt des Handelns gekommen.

»Was ist? Hat’s Ihnen die Sprache verschlagen?«, hakte Meyers nach.

»Nein, nein.« Alisch kam heran und zwang sich ein Lächeln ab. »Ich war nur erschrocken, wie in meinem Rücken jemand hier hochrannte, … und dann stehen Sie vor mir.«

Mit einem Seitenblick bemerkte Meyers die Motorjacht Lucky Star auf der Weser. An Alisch gewandt, erklärte er möglichst gelassen: »Sie haben gerade einen guten alten Bekannten getroffen? Karl Ebeling ist doch ein guter alter Bekannter von Ihnen?«

Alisch traf der zweite Schock – jetzt wohl noch heftiger als vorhin. »Sie kennen ihn?«

»Flüchtig, von früher, als Spionage-Ass des DDR-Regimes«, entgegnete Meyers und führte sofort den nächsten Schlag: »Ich dachte immer, Ebeling lebt in Russland?«

»Ja, das stimmt.« Alisch schien wieder etwas Oberwasser zu bekommen. »Karl verbringt gerade ein paar Tage Urlaub in Deutschland.«

»Und bei der Gelegenheit trifft man sich unter alten Freunden?«

»Äh, ja.«

Nachdem Alisch die verdammte Mail gefunden hatte, hatte er zwei Freunde aufgesucht und mit ihnen gesprochen. Worüber, das hatte Meyers nicht feststellen können; die beiden Kumpel durch die Mangel zu drehen, war nicht infrage gekommen – der Schaden in dieser Affäre wäre nur noch größer geworden. In den folgenden zwei Wochen hatte Alisch sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen, hatte kaum ein Wort geredet und einfach schweigend seine Arbeit erledigt. Jetzt wusste Meyers auch, warum: Der Kerl hatte auf die Begegnung mit Ebeling gewartet. Dass der letzte Chef der DDR-Militäraufklärung hier auftauchte, hatte Meyers heute Abend überrascht. Damit hatte Alisch dem WdA einen dicken Knüppel zwischen die Beine geworfen. Um den Profi-Schnüffler würde Meyers sich in den nächsten Tagen kümmern – heute war erst einmal Alisch an der Reihe.

»Lassen wir doch die alten Geschichten.« Meyers fasste seinen Kollegen jovial um die Schulter und zog ihn in Richtung Weser. »Da vorn liegt ein kleines Schiffchen, mit dem wir gemütlich nach Bremen zurückdampfen.«

»Aber mein Auto steht auf dem Parkplatz des Ausflugslokals am Ende des Deichs.«

»Kein Problem, das holt ein Mann vom Wachdienst ab. Nein, wir sollten die Zeit nutzen, um ein wenig zu plaudern. Vielleicht tauschen wir Histörchen über unseren gemeinsamen Kumpel Ebeling aus – wie’s ihm so geht, was er treibt … und so weiter. Ich habe da auch noch eine technische Frage, bei der ich Ihr Know-how als Fischereiexperte benötige.«

»Was wollen Sie da wissen?«

»Erkläre ich Ihnen unterwegs.«

Meyers ließ Alisch’ Schulter los und beide liefen in Richtung Lucky Star, die an einer günstigen Stelle angelandet war. Victor Jüttner, der enge Vertraute der Chefin, leitete die Geschäftsstelle des WdA in Stralsund und war mit Alisch nach Bremen gekommen, half ihnen beim Aufsteigen.

»Wir gehen runter in die Kabine«, erklärte Meyers, schob Alisch weiter und begrüßte kurz den schweigsamen Mann im Ruderstand. An Jüttner gewandt, fragte er: »Alles vorbereitet?«

»Ja. Die Kühlbox steht unten.«

»Die niemand geöffnet hat!«

»Nein. Wir haben uns strikt an alle Anweisungen gehalten. Die Siegel sind unverletzt.«

Meyers beugte den Oberkörper in Richtung Jüttner und flüsterte: »Die Überwachungskamera läuft?«

»Ich schalte sie sofort ein.«

Meyers nickte. »Wir können ablegen.« Er stieg in die Kabine hinunter. Wie ein versetzter Liebhaber stand Alisch in der Mitte des Raumes.

»Bitte setzen Sie sich doch«, schlug Meyers jovial vor. »Ist ja richtig gemütlich hier drinnen. Sogar eine Nasszelle gibt’s. Ich wusste gar nicht, dass der WdA solch eine schmucke Jacht sein Eigen nennt.«

Alisch nahm am kleinen Clubtisch auf der rechten Seite Platz.

Entsprechend der Vorgabe stand die Kühlbox am Kopfende des Bettes, das beinahe die gesamte linke Seite der Kammer einnahm. Meyers befiel eine dumpfe Nervosität. Es kostete ihn eine enorme Kraftanstrengung, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken und der Stimme einen festen Ton zu geben. Er hob die Kühlbox hoch. »Erledigen wir zuerst das Geschäftliche, bevor wir ein Bierchen trinken und über unseren gemeinsamen Freund plaudern.«

Jetzt folgte der gefährlichste Stunt seines Lebens. Leider musste er auf Schutzmaßnahmen verzichten, um Alisch nicht zu beunruhigen. Meyers stellte die Kühlbox neben den Clubtisch und trat einen halben Schritt zurück. Mit einem Sprung zur Seite konnte er notfalls hinter der Plexiglasscheibe Schutz suchen, die eine winzige Küchenzeile vom restlichen Wohnraum abgrenzte.

»Im Meeresmuseum in Stralsund betreuen Sie die Ausstellungsbereiche zu Fischfangtechniken?«, fragte er, Interesse heuchelnd.

Alisch hatte zu DDR-Zeiten als Ingenieur auf der Volkswerft in Stralsund gearbeitet und später in einer eigenen Firma Verarbeitungssysteme für kleinere Fischkutter entwickelt. Im Oktober 2008 war seine Firma Pleite gegangen und er selbst zum Hartz-IV-Fall geworden. Seit Beginn dieses Jahres ging er einem festen Job beim WdA nach, arbeitete in seiner Freizeit aber noch ehrenamtlich für das Museum und restaurierte dort gerade ein altes Fischereifahrzeug.

Alisch schaute erstaunt auf. »Ja. Die Nebentätigkeit hat die Zentrale genehmigt!«

Meyers hob abwehrend die Hände. »Ich weiß! Wir brauchen Ihr diesbezügliches Know-how für ein neues Projekt. Um das vorzubereiten, hoffe ich auf Ihr fachmännisches Urteil.« Nur mit äußerster Willensanstrengung kämpfte Meyers die aufkeimende Panik nieder – würde die unsichtbare Bestie ihn anspringen? »Öffnen Sie bitte die Kühlbox und begutachten die Schlachtqualität der Heringe.«

»Gehen wir in die Fischfangbranche?«, wollte Alisch wissen.

»Nein, aber schauen Sie erst einmal, bevor ich es erkläre.«

»Wenn Sie unbedingt möchten?« Alisch folgte der Anweisung – öffnete die beiden Papiersiegel links und rechts, hob den Deckel ab, schaute kurz in den Behälter, holte einen der Fische heraus und betrachtete ihn.

Die Angst drohte Meyers in die Knie zu zwingen. Reiß dich zusammen, feuerte er sich an, in 60 Sekunden ist alles ausgestanden. »Was meinen Sie, wurde das Ding fachgerecht geschlachtet und ausgenommen?«

»Warum interessiert Sie das? Ich meine, welche Kriterien legen Sie an?«

»Wir wollen uns zukünftig mehr dem Schutz der Meere zuwenden und in einem neuen Projekt gegen deren Überfischung vorgehen. Wir glauben, ein Großteil der Raubfischerei lässt sich über unprofessionelle Verarbeitungstechniken nachweisen.«

»Ein interessanter Gedanke.«

»Wir zählen dabei auf Ihr Engagement.«

»Gern.« Alisch wendete den Hering hin und her. »Der hier scheint ein solch verdächtiges Exemplar zu sein. Wir konnten das früher besser.« Er schaute noch einmal auf den Kadaver. »Viel besser.«

»Danke, das wollte ich wissen. Sie können den Fisch wieder zurücklegen.«

Alisch tat, wie ihm geheißen.

Damit war der entscheidende Schritt getan. Meyers’ Selbstbeherrschung war ohnehin aufgebraucht – jetzt zählte nur noch die Flucht. Zwei ausladende Schritte brachten ihn zum Ausgang der Kabine. Schnell sprang er nach draußen und schlug die Tür hinter sich zu. Durch das Sichtfenster sah er Alisch nach wenigen Augenblicken des Staunens heranstürmen und wild mit den Fäusten gegen das Holz hämmern.

»Was soll das?«, schrie der Gefangene.

»Gas!«, befahl Meyers.

Im nächsten Moment zerplatzte eine kleine Kugel an der Decke der Kabine und weißer Nebel erfüllte den Raum. Alisch hielt in seinem Rebellieren inne, drehte sich um, riss die Hände vor den Mund und stürmte zum Bullauge.

»Da hast du Pech, mein Freund«, murmelte Meyers.

Alisch zerrte am Rahmen des Fensters, allerdings vergeblich. Er ließ vom Bullauge ab und hastete zurück in Richtung Tür, erreichte sie allerdings nicht mehr – er stürzte der Länge nach auf den Boden.

»Der schläft«, stellte Meyers lapidar fest, stieg in den Steuerstand hinauf und wandte sich an Jüttner. »Für heute habt ihr Ruhe. Falls er morgen erneut rebelliert, verpassen Sie ihm noch eine Ladung. Aber nur, wenn er Ärger macht. Ab übermorgen dürfte ihm die Lust zum Rumkrakeelen vergangen sein.«

Jüttner nickte. Seine Gesichtshaut schimmerte grünlich.

»Nun machen Sie sich nicht in die Hosen«, versuchte Meyers ihn zu beruhigen. »Ich war viel dichter dran. Halten Sie sich strikt an die Anweisungen, bleiben alle gesund. Worauf müssenSie achten?«

»Alle Gegenstände, auch die kleinsten, bleiben in der Kabine; ausreichend Verpflegung und Getränke findet Alisch im Kühlschrank. Niemand darf zu ihm hinein.«

»Genau so gehenSie vor«, bestätigte Meyers.

Der Mann am Ruder starrte konzentriert in die Finsternis hinaus. Das, was hier ablief, dürfte ihm weitestgehend verborgen bleiben. Der Bulgare verstand kein Deutsch. Der WdA hatte ihn für einen fürstlichen Lohn angeheuert, die Jacht in den nächsten Tagen an ihr Ziel zu navigieren. Eher aus ärmlichen Verhältnissen kommend, hatte der Chef einer Segelschule am Schwarzen Meer seine Bezahlung eingestrichen und keine Fragen gestellt.

Meyers musterte Jüttner. »Zeigen sich bei Ihnen oder beim Bulgaren auch nur die winzigsten Krankheitsanzeichen, weiß ich, dass etwas schiefgegangen ist. Die Strafe verhängt anschließend Mutter Natur – in dem Fall kann ich nichts mehr für Sie tun!«

»Klar.« Jüttner nickte.

»Ich gehe jetzt an Land. Freitag holenSie mich wie vereinbart wieder ab.«

*

Bremerhaven – Freitag, der 02.08.2013 – 06.00 Uhr

Meyers stand am Fenster und schaute auf die Weser hinaus, die träge im Morgendunst der Nordsee zustrebte. Die vergangenen vier Nächte hatte er kaum ein Auge zugemacht, ständig hatte er in sich hineingehorcht – jedes Zwicken und Zwacken, selbst das unbedeutendste Jucken, hatten ihn beunruhigt. Alle halbe Stunde hatte er seinen Schlafanzug abgestreift und den Körper von oben bis unten eingehend gemustert, zum Glück aber keine Rötungen oder andere Krankheitsanzeichen gefunden. So langsam keimte ein Gefühl der Erleichterung auf, sah er das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels.

Aus Sicherheitsgründen hatte Meyers nach der Aktion am Montagabend sein Quartier hier in dem kleinen Hotel bezogen. Gegenüber dem Besitzerehepaar hatte er den überarbeiteten Manager gemimt und sich im Voraus für seine Zurückgezogenheit entschuldigt. Die Mahlzeiten hatte er im Zimmer eingenommen und ansonsten ferngesehen oder lange Spaziergänge unternommen. Alles in allem war die selbstgewählte Quarantäne perfekt verlaufen.

Allerdings hatten Meyers neben den Sorgen um die eigene Gesundheit die Gedanken an Karl Ebeling gequält. Was unternahm der Ex-Geheimdienstmann? Der war doch nicht nur nach Deutschland gekommen, um den Alisch zu treffen. Die Kollegen aus der WdA-Zentrale, die Ebeling seit vergangenem Montag beobachteten, hatten Meyers’ Sorgen auch nicht vertreiben können – der Mann habe sich in seinem Bremer Hotelzimmer verschanzt und verlasse es nur zu den Mahlzeiten sowie zu einem alltäglichen Spaziergang an der Weser. Wenn dieser Einsatz hier vorüber war, musste Meyers im Fall des Ex-Geheimdienstmannes eine Lösung finden.

Meyers seufzte und schaute auf die Armbanduhr: 06.05 Uhr –Zeit aufzubrechen, in einer guten Stunde erwarteten sie ihn unten an der Weser.

Jüttnerstand an Oberdeck derLucky Star. Bei dessen Anblick beruhigte sich Meyers Herzschlag – der Kollege sah völlig gesund aus.

»Na, alles klar?« Meyers kletterte an Bord, woraufhin die Jacht sofort ablegte. »Besonderheiten?«

Der Alisch habe am Dienstag noch mächtig rumkrakeelt, gegen Nachmittag dann aber seine Proteste eingestellt. Deshalb habe Jüttner auf eine neuerliche Betäubung verzichtet. Mittwoch und Donnerstag seien ruhig verlaufen.

»Und heute?«

Jüttner nickte in Richtung Tür, die die Kajüte versperrte. »Schrecklich. Das müssen Sie sich ansehen.«

Anscheinend zeigte der Test positive Ergebnisse, stellte Meyers befriedigt fest. Er drehte sich um und schaute durch das Sichtfenster. Augenblicklich rebellierte sein Magen und ihn befiel der unbändige Impuls, sich abzuwenden. Aber er kämpfte dagegen an – schloss die Augen, schluckte die Übelkeit herunter und zwang sein inneres Aufbegehren nieder. Er öffnete die Lider nur einen Spalt: Alisch lag mit entblößtem Oberkörper auf dem Bett. Das Laken war von schmutzig-braunroten Blutflecken besudelt. Neben dem Kopf und auf dem Fußboden klebte überall Erbrochenes. Alisch schien bewusstlos zu sein oder zu schlafen.

Meyers hatte genug gesehen. Er wandte sich wieder Jüttner zu. »Was haben Sie Ihrem Begleiter erzählt?«

»Die vereinbarte Legende: Alisch habe am Montag einen russischen Geheimdienstmann getroffen und der muss ihn infiziert haben. Wir hätten davon erfahren und ihn isoliert.«

»Hat der Bulgare das verstanden?«

Jüttner zuckte die Schultern. »Ich denke schon. Ich hab’s ihm mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Englisch beigebracht. Er stellt jedenfalls keine Fragen.«

»Gut.« Meyers sah kurz zur Tür der Kabine. »Spätestens am Sonntag wird er es geschafft haben. Bis dahin handelnSie nach Plan.« Die Lucky Star würde in den kommenden 48 Stunden um Kap Skagen herum in die Ostsee verlegen und den ehemaligen Marinehafen Bug nahe Dranske anlaufen. In der abgeschiedenen Gegend beendete Meyers dann in der Nacht auf Montag diesen Job.

»Haben Sie Informationen zum Wetter?« Jüttner schaute Meyers mit den Augen eines Jungen an, der von seinem Vater Trost und Zuversicht in einer ausweglosen Situation erwartete.

»Mensch, nun reißenSie sich mal zusammen. Sie beide schippern bei herrlichem Sommerwetter um Dänemark herum und wir sehen uns auf Rügen; danach geht’s für Sie in den Urlaub – sieben Tage Karibik, auf Kosten der Firma.«

*

Dranske/Bug auf Rügen – Sonntag, der 04.08.2013 – 19.30 Uhr

Meyers erlebte ein Déjà-vu: Am vergangenen Montag hatte er ebenso die Ankunft der Lucky Star erwartet, wie heute hier in Dranske. Damals hatte diese leidige Aktion noch vor ihm gelegen, samt all der Unwägbarkeiten, die die Operation hätten gefährden können. Aber jetzt, in ein, zwei Stunden, wird er den Job erfolgreich abschließen – die verbleibenden Restpunkte würden mit der gebotenen Cleverness kaum mehr Schwierigkeiten bereiten. Alisch war wohl am Morgen gestorben, so hatte Jüttner per Telefon gemeldet. Genaueres mussten die Aufzeichnungen der Überwachungsanlage und die folgende Obduktion zeigen. Der Kleintransporter für den Abtransport der Leiche wartete hundert Meter weiter hinten. Und die Lucky Star näherte sich mittlerweile auch, wie er deutlich mit bloßen Augen erkennen konnte. Die Reise um die Nordspitze Dänemarks war bei ruhigem Wetter problemlos verlaufen. Die Jacht hatte nirgendwo Aufsehen erregt und ihr war kein anderes Schiff zu nahe gekommen.

»Helfen Sie bitte beim Festmachen.« Bis auf Rufweite herangekommen, steuerte die Lucky Star den Liegeplatz in einem engen Bogen an. Jüttner stand auf dem Vorschiff und hielt eine Leine hoch.

»Werfen Sie rüber!«, rief Meyers leutselig zurück. Da flog ihm auch schon der Tampen entgegen, den er über einen der verrosteten Poller legte. Kurz darauf schrammte das Kajütboot an der Betonkante entlang und stoppte. Jüttner sprang auf die Pier.

Meyers begrüßte ihn. »Danke für Ihren Einsatz. Gab’s Probleme?«

»Probleme nicht direkt. Nur, je schlechter es Alisch ging, umso komischer zeigte sich der Bulgare. Fragen hat er keine gestellt, aber er hätte garantiert gern gewusst, was wirklich passierte.«

Ja, das war zu erwarten gewesen. »Ich regele das«, erklärte Meyers mit einem Blick auf die Lucky Star. »Sie gehen auf den Kahn, schicken mir den Mann und packenIhre Sachen. Ich brauche unbedingt die Aufnahmen von der Überwachungsanlage.«

»Wie sieht mein weiteres Programm aus?«

»Ein Wagen bringt Sie nach Bergen; dort beziehenSie ein Zimmer samt gefüllter Minibar. Übermorgen checkt ein Arzt Ihren Gesundheitszustand und am Mittwoch geht’s ab zum Flughafen in Berlin. Ich wünsch Ihnen schon jetzt einen erholsamen Urlaub. KommenSie ausgeruht zurück, wir haben dann noch einiges vor.«

»Danke.« Jüttner ging an Bord.

Fünf Minuten später tauchte der Bulgare auf, einen schlaffen Seesack auf dem Rücken. Mit ernstem Gesicht sah er Meyers entgegen.

Der tätschelte ihm vertrauensvoll die Schulter. »Sie haben einen prima Job erledigt. Da vorn steht Ihr Auto.« Meyers deutete landeinwärts. »Keine 200 Meter, hinter dem Buschwerk.«

Der Bulgare schaute in die gewiesene Richtung, nickte, als habe er die Worte verstanden, und lief los.

Blitzartig langte Meyers unter seine Jacke, zog eine Pistole heraus, richtete den Lauf auf den Hinterkopf des Mannes und drückte ab. Den tödlichen Schuss begleitete nur ein leises Plopp. Das Opfer sackte in einer schraubenartigen Bewegung in sich zusammen. Meyers steckte die Waffe ein, ging zum Toten und fühlte an dessen Hals nach dem Puls, spürte aber keinen. »Sorry, du hast zu viel gesehen.« Er trat einen Schritt zur Seite, holte ein winziges Walkie-Talkie hervor und befahl: »Seifenkiste zwo zu mir!«

»Hier, die DVDs.« Jüttner stand wieder neben Meyers und reichte ihm eine Box mit den Silberscheiben.

»Danke. Und jetzt hauen Sie ab. Ich erledige den Rest allein. Ihr Wagen steht 200 Meter weiter, hinter den Büschen.«

Jüttner verabschiedete sich und lief landeinwärts – auffällig darum bemüht, nicht auf die Leiche seines Kameraden der vergangenen Tage blicken zu müssen. Aus dem Dickicht am Rande des Liegeplatzes rollte währenddessen ein Lieferwagen heran, der an der Pierkante hielt. Ihm entstiegen vier Gestalten, die Astronauten auf dem Weg zur Startrampe ähnelten. Drei von ihnen steuerten auf die Lucky Star zu, während einer bei Meyers stehen blieb und das Glasvisier seines Helms öffnete.

»Können wir anfangen«, fragte er beinahe gelangweilt, »oder wollen Sie die Kabine persönlich in Augenschein nehmen? Wir haben einen Schutzanzug für Sie im Auto.«

Der Anblick vom vergangenen Freitag reichte Meyers noch immer und unter solch einer Dunstglocke würde er sich die Gedärme aus dem Leib kotzen. Nein, nein, das sollten die Spezis mal allein machen. Wie zur Entschuldigung wies er die DVD-Box vor. »Ich habe alles als Liveaufzeichnung.« Er nickte in Richtung der Lucky Star. »Was macht ihr mit dem Kahn?«

»Die Leiche von Alisch bringen wir ins Institut – dort erfolgt die Obduktion. Die Motorjacht schleppen wir auf See und lassen sie kontrolliert ausbrennen.«

»Das bedeutet?«

»Die Aufbauten erhalten einen Mantel aus Stahlplatten und anschließend legen wir in der Kajüte einen Brand – so dringt kein Feuerschein nach außen. Am Ende geht das Wrack auf Grund.«

Meyers deutete auf den Toten am Boden. »Der hat den Kahn hergebracht, schickt ihn mit auf dessen letzte Reise.«

2 – Sorgen um die Mutter

Bergen/Rügen – Montag, der 05.08.2013 – 17.40 Uhr

Hoffentlich ist Mama nichts passiert! Übernervös und fahrig fingerte Synke Barlow den Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür bei ihrer Mutter Heidi Barlow. Zwei Stunden zuvor hatte sie versucht, hier anzurufen, aber lediglich das Besetztzeichen im Hörer vernommen; selbst am Handy hatte Synke nur die Mailbox erreicht. Mit jedem neuen Versuch waren ihre Sorgen gewachsen – Heidi litt an Diabetes und hatte nicht erst einmal sehr spät auf Anzeichen einer Unterzuckerung reagiert. Also war Synke im Rennfahrertempo die 20 Kilometer von Stralsund nach Bergen gefahren.

»Mama?« Synke rannte ins Wohnzimmer, das sie verlassen vorfand. »Mama?« Sie hastete in die Küche. Dort saß die Mutter auf einem Stuhl und starrte teilnahmslos geradeaus. »Was hast du? Unterzuckerung?«

Heidi schüttelte den Kopf und deutete vor sich auf den Tisch, wo ein kleines Stückchen Folie lag – die Verpackung des Traubenzuckerplättchens, das sie bei akuter Unterzuckerung einnahm.

»Ich wollte dich anrufen. Da war die ganze Zeit besetzt«, schimpfte Synke.

Die Mutter hob das Mobilteil ihres Telefons hoch, das sie im Schoß hielt. »Oh, ich habe nicht aufgelegt.«

Heidi versuchte ein Lächeln, strich ihre schulterlangen dunkelblonden Haare zurück, die ungeachtet ihrer 57 Lebensjahre noch kräftig und voll waren, und stand auf. »Aber schön, dass du mal wieder gekommen bist. Ich mache uns einen Kaffee.«

Im Frühjahr 2003 war Heidi völlig überraschend von Stralsund nach Bergen auf Rügen gezogen. Synke hatte sich strikt geweigert mitzugehen. Genau in jenem Jahr war es ihr endlich gelungen, als Tierpflegerin vom städtischen Tierpark ins Meeresmuseum zu wechseln. Sie hatte hart um diese Chance gekämpft und wollte sie für eine Laune der Mutter keinesfalls aufgeben. Zumal Heidi den Grund für ihren Umzug bis heute beharrlich verschwieg.

»Wie geht es dir, Kind?«, wollte Heidi wissen, während sie an der Kaffeemaschine herumhantierte. »Du lässt dich auch kaum mehr blicken.«

»Ich war erst im Juni da gewesen«, protestierte Synke, etwas zu heftig – das schlechte Gewissen plagte. Es stimmte schon, sie könnte der Mutter öfter einen Besuch abstatten. Aber selbst an ihren freien Tagen, die ihre Schichtarbeitmit sich brachten, hielt der innere Schweinehund sie immer wieder davon ab, ins Auto zu steigen. Synke wollte das Thema wechseln; sie schielte zum Telefon, das auf dem Tisch lag. »Mit wem hast du eigentlich vorhin telefoniert, dass du …«

»Was geht’s dich an? Muss ich dir neuerdings über alles Rechenschaft ablegen?« Heidis Stimme überschlug sich und in ihren Augen schimmerten Tränen.

So aggressiv hatte Synke ihre Mutter höchst selten erlebt. »Entschuldige bitte, wenn ich frage.«

Heidi fuhr mit dem Handrücken über ihre Augen. »Schaust du bitte mal auf deinem Handy nach, wann morgen früh ein Zug nach Stralsund fährt? Dann kann ich mir den Weg zum Bahnhof sparen.«

»Wa…« Synke verstummte – wagte nicht, den Wunsch zu hinterfragen. »Ich nehme dich im Auto mit und du übernachtest …«

Heidi schüttelte den Kopf. »Such mir einfach eine Verbindung raus. Gegen sieben möchte ich da sein. Ich hole mir nur eben Brille und Zettel.« Sie verließ die Küche.

Synke zog ihr Smartphone aus der Tasche, während sie zu Mutters Handheld schielte. Schnell langte sie danach und kontrollierte die Wahlwiederholung. Das letzte Telefonat hatte Heidi innerhalb von Bergen geführt – gestern. Das konnte es also nicht gewesen sein. In der Eingangsliste stand ein Anruf, registriert um 15.19 Uhr; die Nummer begann mit +7967. Wer rief Mama aus dem Ausland an? Oder von einem ausländischen Handy aus? Welches Land steckte hinter +79?

Auf dem Korridor tappten Schritte. Synke schaltete das Telefon der Mutter zurück auf das Hauptmenü, legte es an seinen alten Platz auf dem Tisch und fummelte an ihrem Smartphone herum.

»Hast du eine Verbindung?« Heidi kam herein, setzte sich und schaute die Tochter erwartungsvoll an.

»Hier. 06.29 Uhr geht ein Regionalexpress, mit dem bist du genau um 06.57 Uhr in Stralsund.«

»Prima.« Die Mutter notierte die Zeiten.

Die Uhr ging mittlerweile auf zehn. Synke saß zu Hause an ihrem PC und starrte auf die Ländervorwahlliste, die sie im Internet herausgesucht hatte. Die Vorwahl +7 kennzeichnete Russland und die nachfolgenden Ziffern 9xx wurden dortzulande für den Mobilfunk vergeben – also hatte ihre Mama einen Anruf von einem russischen Handy bekommen. Aber von wem? Immerhin hatte sie das Telefonat völlig aus der Fassung gebracht. Da neuerliche Fragen wenig helfen würden, musste Synke der Sache direkt auf den Grund gehen. Morgen stand ein freier Tag an, sodass sie problemlos um sieben am Bahnhof sein konnte, um sich heimlich der Mutter an die Fersen zu heften.

*

Stralsund – Dienstag, der 06.08.2013 – 06.57 Uhr

Am folgenden Morgen traf Heidis Zug pünktlich in Stralsund ein. Dem Bus, den ihre Mutter vom Bahnhof aus benutzte, folgte Synke in ihrem Auto. Am Theater stieg Heidi aus und wandte sich in Richtung Sundpromenade. Zu dieser Morgenstunde hatte Synke Glück und konnte auf dem Randstreifen am Olof-Palme-Platz ihren Wagen abstellen. So behielt sie Heidi die gesamte Zeit im Auge. Am Ende der Sarnowstraße bog die Mutter rechts ab und lief zielstrebig weiter zum Sundufer hinunter. Linkerhand am Ende des Wegs, gut 50 Meter neben dem Restaurant ›Ventspils‹, stand eine alte Weide, unter der sie stehen blieb. Synke schlich auf den vorgelagerten Parkplatz und fand hinter einem abgestellten Auto Deckung. Gerade fünf Schritte weiter vorn schaute Heidi unentwegt in die Runde – schien auf jemanden zu warten.

Ihre zur Schau gestellte Gelassenheit fiel mit einem Mal von der Mutter ab. Aus Richtung Nordmole kam ein älterer Mann auf sie zu. Synke schätzte ihn auf Mitte 60 bis Anfang 70; er mochte vielleicht 1,80 Meter groß sein und seine Erscheinung wirkte erhaben. Er trug einen eleganten Mantel. Zielstrebig lief der Fremde auf Heidi zu; den schmalen Mund umspielte ein zaghaftes Lächeln.

Synkes Mutter blieb beharrlich an ihrem Platz stehen, ging dem Mann keinen Zentimeter entgegen, sah ihn lediglich an. Ihre Körperhaltung versteifte sich regelrecht, als treffe sie auf ihren ärgsten Feind.

»Schön, dich mal wieder zu sehen.« Der Mann reichte Heidi zur Begrüßung die Hand. Seine Aussprache färbte keinerlei Akzent, wie Synke es von einem Russen erwartet hätte. Die beiden standen so nahe an ihrem Versteck, dass sie jedes Wort gut verstehen konnte.

»Meine Freude hält sich in Grenzen.« Heidi erwiderte flüchtig die Geste des Mannes und vergrub ihre Hände sofort wieder in den Manteltaschen.

»Laufen wir ein Stück?«, schlug er vor.

Heidi schaute zu der Bank in ihrem Rücken. »Lass uns hier bleiben.« Sie setzte sich.

»Aber bei einem kleinen Spaziergang redet es sich besser.«

»Bitte, Karl. Du wolltest mich sprechen, ich bin gekommen und nun sollten wir so schnell wie möglich fertig werden.«

Die Eiseskälte, die den Worten der Mutter innewohnte, erschreckte Synke.

»Falls du extra meinetwegen aus Russland hergekommen bist«, fuhr Heidi fort, »dürfte dich das reuen.«

»Mach dir keine Sorgen.« Karl nahm in gebührendem Abstand von ihr auf der Bank Platz. »Ich befinde mich auf einer Dienstreise und …«

»Dienstreise? Dass ich nicht lache. Welch niederträchtigen Plan ersinnen denn die alten Genossen, dass du herkommen musst?«

Dieser Karl zuckte regelrecht zusammen. »Du hast dir deine Feindseligkeit über all die Jahre bewahrt.«

»Wundert dich das?« Heidi schlug den Kragen ihres Mantels hoch. »Was willst du?«

»Endlich wiedergutmachen, an …«

»Vergiss es!«

Synke hielt es vor Aufregung kaum mehr in ihrem Versteck aus. Sosehr sie auch grübelte, Mutter hatte in den zurückliegenden Jahren niemals einen Karl aus Russland erwähnt.

Heidi sandte dem Mann einen feindseligen Blick zu. »Warum willst du wiedergutmachen? Ich war es doch damals, die unsere Beziehung beendete, die sich weigerte, dir nach Berlin zu folgen. Du bist deinen Weg gegangen. Ich den meinen.«

»Ich habe mir ein stattliches Vermögen angespart …«

»Schön für dich«, unterbrach Heidi den Mann barsch. Sie blickte starr auf den Sund hinaus. »Aber verschon mich damit. Ich brauche kein Geld von dir.«

»Warum? Warum verweigerst du dich? Ich verlange keinerlei Gegenleistungen.« In Karls Stimme klang zögerliches Aufbegehren.

»Du hast es nach all den Jahren immer noch nicht kapiert. Weißt du, weshalb ich damals in Stralsund geblieben bin?«

»Weil du deine Eltern und Freunde nicht zurücklassen wolltest.«

»Das habe ich dir erzählt, ja. Der wahre Grund war allerdings meine Enttäuschung gewesen – meine Enttäuschung über deine Lügen.« Heidi machte eine Pause, schien auf eine Erwiderung zu warten. Karl schwieg aber. »Ich hatte gedacht, meine Liebe galt einem Marineoffizier, der sein Herz der Seefahrt verschrieben hatte. Wie einer dummen Pute hast du mir drei Jahre lang eine heile Welt vorgegaukelt. Erst deine Versetzung nach Berlin brachte die Wahrheit des Stasi-Spitzels ans Tageslicht.«

»Ich war nicht bei der Stasi.«

»Ja, ich weiß. Der Herr hat beim Militärgeheimdienst geschnüffelt. Für mich ist das derselbe Verein. Warum hast du mir was vorgemacht, wenn du einer ehrbaren Arbeit nachgegangen bist? Warum?«

»Ich war zu strengster Verschwiegenheit verpflichtet.«

»Du musst damals ein richtig großes Tier gewesen sein«, polterte Heidi weiter, ohne auf seinen Einwand einzugehen. »Immerhin hatten dich die Genossen direkt aus der Provinz in die Zentrale nach Berlin beordert und sofort zum Abteilungsleiter gemacht.« Als hätte eine Eingebung ihren Gefühlsausbruch unterbrochen, verstummte Heidi plötzlich. Sie schwieg und behielt ihren Blick auf den Strelasund hinaus gerichtet. Erst Sekunden später setzte Heidi ihre Gedanken fort, als spreche sie zu einem Fremden dort draußen. »Als ich die ganzen Scheußlichkeiten über die Stasi erfahren habe, während der Wende 89/90, ich habe mich für dich geschämt, Karl.« Sie sah ihn an. »Ich hatte dich wirklich geliebt. Aber mit deinem Gewerbe hätte ich mich niemals anfreunden können. Würde ich heute Geld von dir nehmen, käme ich mir wie eine Nutte vor.« Sie schluckte heftig. »All die Jahre, die ich mir den Schmerz um unsere Liebe habe aus der Seele reißen müssen, wären umsonst gewesen.« Sie stand auf und steckte die Händein ihre Manteltaschen. »Lebe wohl … und bitte, rufe mich nie wieder an.« Heidi ging bis vor an die Uferlinie der Sundpromenade.

Dieser Karl erhob sich jetzt ebenfalls von der Bank und folgte der Mutter. Beide standen so weit entfernt, dass Synke kein Wort mehr verstehen konnte. Karl schien Heidi flehentlich etwas zu fragen, während sie unwirsch antwortete. Das neuerliche Gespräch dauerte kaum mehr als eine Minute, bevor Heidi sich abwandte und den Weg zurücklief, den sie gekommen war. Synke konnte gerade so um ihr Versteck herumhuschen, um nicht entdeckt zu werden.

Erst Minuten später wagte sie einen vorsichtigen Blick hinter ihrem Versteck hervor – Karl war ebenfalls verschwunden. Synke überlegte: Wer war der Fremde aus Russland? Offensichtlich hatte ihn und Heidi zu DDR-Zeiten eine Liebe verbunden. Eigentlich blieb nur Synkes Vater, der ihre Fragen möglicherweise beantworten würde. Sie wählte dessen Nummer auf ihrem Handy. Edgar bedauerte, im Moment in der Zentrale seiner Versicherung in Berlin zu tun zu haben; aber morgen, am späten Nachmittag, sei er zurück und nehme sich dann Zeit für sie.

3 – Unerwarteter Besuch

Bremen – Mittwoch, der 07.08.2013 – 09.30 Uhr

Uneins mit sich und dem Fall da auf dem Bildschirm verließ Michaela Nauroth ihren Schreibtisch, holte einen Kaffee aus der Maschine und kehrte an den PC zurück. Um die Erbensache Klapproth zu klären, kam sie um die Reise nach Philadelphia nicht herum – das stand mittlerweile fest. Doch lohnte der Aufwand? Maximal 35.000 Euro konnte sie als Honorar erwarten. Wahrlich kein Trinkgeld, aber deswegen um die halbe Welt fliegen? Immer wieder hatte sie den Kauf des Tickets verschoben. Selbst jetzt, nachdem sie sich die Unterlagen zum vierten oder fünften Mal vorgenommen hatte, blieben die Zweifel. Unzufrieden ob ihres Wankelmuts nahm Naumi, wie Freunde und Bekannte Michaela Nauroth seit der Schulzeit riefen, einen großen Schluck aus ihrer Tasse, schloss den sperrigen Vorgang Klapproth und öffnete die Datenbank ungeklärter Erbschaften – vielleicht fand sie einen anderen Auftrag mit weniger Aufwand.

Nach einem kurzen Klopfen kam Claudia, Naumis Sekretärin, ins Zimmer. »Da will dich jemand sprechen«, erklärte sie geheimnisvoll.

»Ein Kunde?«

Claudia zuckte die Schultern und trat an den Schreibtisch heran. »Er hat mir lediglich das hier gegeben.« Sie reichte Naumi ein Kärtchen. »Du wüsstest dann schon.«

Auf der Visitenkarte stand nur ein Name: Karl Ebeling. Vor Naumis Augen kreisten Sterne und ihre Glieder wurden schwer wie nach einer großen Kraftanstrengung.

»Ist dir was?«

»Nein, nein.« Naumi atmete tief durch. »Bitte lass Herrn Ebeling herein. Und solange wir miteinander sprechen, keine Störung.«

»Okay.«

Claudia ging hinaus, kurz darauf stand er in der Tür. Auch wenn ihm der Zahn der Zeit einige Falten ins Gesicht gezaubert und die Haare hatte ergrauen lassen, strahlte der Mann eine große Selbstkontrolle aus. So hatte Naumi sich Jürgens Vorgesetzten vor 40 Jahren vorgestellt – nur eben entsprechend jünger.

»Vielen Dank, dass Sie mich, ungeachtet meines Überfalls, empfangen.« Ebeling kam heran und begrüßte sie mit einem kräftigen Händedruck. Naumi schenkte dem Gast ein Lächeln und bat ihn, in der Sitzgruppe neben dem Fenster Platz zu nehmen.

»Was führt Sie nach so langer Zeit zu mir?« Naumi wollte möglichst schnell den Grund des Besuchs erfahren. »Ein später Wunsch, mich doch noch kennenzulernen, wohl kaum.«

»Als Erbenforscherin braucht man bestimmt eine gute Menschenkenntnis.« Ebeling lächelte und lehnte den Oberkörper zurück. »Ich komme als Mandant zu Ihnen und würde Sie gern beauftragen, nach meiner Tochter zu suchen.«

»Normalerweise erhalte ich erst einen Auftrag, nachdem der Erbfall eingetreten ist. Sie können Ihre Tochter auch dann im Testament begünstigen, wenn Ihnen deren Aufenthaltsort unbekannt ist.«

»Ich weiß. Aber ich möchte vor meinem Ableben wissen, wo und wie sie lebt.«

»Da wäre vermutlich ein Detektiv hilfreicher.«

Ebeling schüttelte den Kopf. »Was mich betrifft, kann der Erbfall jederzeit eintreten.« Er sei an einem Aneurysma erkrankt, das in unmittelbarer Nähe des Herzens liege – jeder konsultierte Arzt habe ihm von einer Operation abgeraten. »Am kommenden Samstag werde ich mein Testament bei einem befreundeten Notar errichten lassen.«

»Und bis dahin soll ich Ihre Tochter finden?«

»Nein, nein! Ich möchte nur endlich die Suche in Auftrag geben.«

Naumi überlegte kurz, wie sie fortfahren sollte. »Die Mutter Ihrer Tochter, die lebt nicht mehr?«

»Doch.« Aber sie verweigere ihm jegliche Auskunft, habe nur angedeutet, dass die Tochter verheiratet sei und mit ihrer Familie in Süddeutschland lebe. »Um einem möglichen Krieg vorzubeugen, werde ich den Namen meiner ehemaligen Partnerin für mich behalten. Erfährt sie von meinem Plan, würde sie unsere Tochter höchstwahrscheinlich um ihr Erbe bringen.«

»Aus Rache an Ihnen?«

Ebeling nickte bedeutungsvoll.

»Und wie heißt die zukünftige Erbin?«

»Synke. Den jetzigen Nachnamen weiß ich nicht.«

»Der Mädchenname würde mir auch helfen.«

»Ja, gewiss, damit Sie leichter die Mutter aufspüren. Nein, den werde ich keinesfalls nennen.«

Langsam reichte Naumi das Versteckspiel. »Sie sollten selbst die Erbin suchen. Bei Ihrem früheren Beruf dürften Sie schnell zum Erfolg kommen.«

Ebeling schüttelte neuerlich den Kopf. »Mich führt eine andere wichtige Angelegenheit nach Deutschland, die mir keine Zeit für private Nachforschungen lassen wird. Möglicherweise muss ich zwischenzeitlich nach Russland zurückkehren.«

»Sie leben in Russland?«

»Ja, seit mehr als zwanzig Jahren. Als Admiral eines kommunistischen Geheimdienstes hätte ich im vereinten Vaterland von den Almosen des Staates leben müssen, den ich jahrzehntelang bekämpft habe. Das wollte ich den bundesdeutschen Behörden und mir ersparen. In Moskau hatte ich die Möglichkeit, mein Berufsleben fortzusetzen.«

Im KGB?, lag Naumi auf der Zunge; sie schluckte ihre Frage aber hinunter. Plötzlich erschreckte Naumi ein anderer Gedanke: Dieser Karl Ebeling, der da vor ihr saß, hatte Jürgen seinerzeit mit einer tödlichen Mission betraut. Sollte sie die alte Geschichte ansprechen? Würde der Mann ihr all die Fragen beantworten, die sie seit vier Jahrzehntenquälten? Naumi schaute ihm offen ins Gesicht – forschte in seinen Zügen nach einer Antwort.

Ebeling hielt den Blicken stand; wie in Zeitlupe beugte er den Oberkörper vor. »Helfen Sie mir? Übernehmen Sie den Auftrag?«

Naumi schob ihre Gedanken beiseite. Warum sollte sie sich auf den Job einlassen? Bei Lichte betrachtet, trug genau dieser Mann die Schuld am größten Schmerz, der ihr je zugefügt worden war. Und ihn jetzt unterstützen? Aber Ebeling einfach so abweisen?

»Ohne jeglichen Anhaltspunkt steigt mein Honorar«, hörte Naumi sich sagen. »Immerhin verschweigen Sie mir wesentliche Informationen.«

»Welche Summe schwebt Ihnen vor?«

Als eine geldgierige Schreckschraube wollte Naumi auch nicht dastehen und so nannte sie eine hohe, aber vertretbare Forderung. »20 Prozent vom Erbe.«

Ohne ein Zeichen des Erschreckens nickte Ebeling kaum wahrnehmbar. »Verstehe ich das richtig? Der Stand eines speziellen Kontos, um das es mir geht, beläuft sich auf 1.624.500 Euro. Meine Tochter soll die Hälfte bekommen und davon berechnen Sie gut 160.000 Euro als Honorar?«

Für einen solchen Betrag konnte sie den Fall Klapproth getrost zur Seite schieben. »Ja, das wären die Konditionen.«

Erneut nickte Ebeling. »Warum so bescheiden?« Er verschränkte die Finger beider Hände auf dem Tisch. »Sie sollen 400.000 bekommen.«

»400.000 Euro? Verraten Sie mir den Grund Ihrer Freigibigkeit?«

»Um genau zu sein: 412.250. Das Geld steht Ihnen zu – Ihnen und Ihrem Sohn.«

»Aber nur, weil Jürgen mein Verlobter und der Vater von Felix war?«

»Wenn Sie es so ausdrücken, ja.«

Das Schwindelgefühl, das der Name Ebeling ihr vorhin beschert hatte, überfiel Naumi neuerlich. Sie stand auf, trat ans Fenster und öffnete es. Genüsslich atmete sie die kühle Luft ein. Was steckte hinter dem Angebot? Warum sollte sie jetzt, nach all den Jahren, diese Summe erhalten? Doch wohl kaum für die Suche nach der vermissten Tochter? Ein alter, in Hunderten von Schlachten gereifter Geheimdienstmann führte immer etwas im Schilde. Was, das musste sie herausfinden; sie musste versuchen, dem Besucher hinter die Stirn zu blicken. Und wie ging das besser als mit Fragen zu seiner Vergangenheit, zu einer Vergangenheit, die ebenso die ihre war.

»Was überlegen Sie?«, fragte Ebeling in Naumis Rücken. »Glauben Sie, ich bluffe? Sie erhalten besagtes Honorar auf jeden Fall, auch wenn Sie meine Tochter nicht finden sollten.«

Naumis Entschluss stand fest. Sie drehte sich um. »Ich helfe Ihnen! Vorausgesetzt, Sie erzählen mir Jürgens Geschichte.«

Ein Lächeln huschte über Ebelings Gesicht. »Eine gute Idee. Doch Sie müssen ebenso Ihren Teil beisteuern. Ich weiß zwar vieles, aber nicht alles.«

»Sie meinen, jeder beschreibt seine Version und wir fügen die Vergangenheit wie zwei Hälften eines zerbrochenen Amuletts zusammen?«

»So stelle ich mir das vor.«

»Einverstanden.« Naumi lief in Richtung Bürotür. »Da wir einige Zeit beschäftigt sein werden, lasse ich uns Kaffee kochen. Oder mögen Sie lieber Tee?«

»Nein, nein, Kaffee wäre mir recht. Bitte mit Milch und Zucker.«

Teil 2: Prager Herbststürme

Mai bis Oktober 1968

4 – Gegen die Notstandsgesetze

Oyter See – Freitag, der 10. Mai 1968 – 19.10 Uhr

Eine halbe Stunde hatte Naumi bis hier heraus gebraucht. Eigentlich hatte sie nicht kommen wollen, aber Rolf konnte sie unmöglich so vor den Kopf stoßen. Sie würde ihn anhören und schnellstmöglich wieder verschwinden; morgen früh um vier ging der Bus nach Bonn. Sie stieg vom Fahrrad, versteckte es in den Büschen und schlüpfte durch das Loch im Maschendrahtzaun, das sie immer benutzte.

Im Südosten von Bremen, nahe dem Ort Oyten, war ein künstlicher See entstanden. Im Zuge der Verlängerung der Autobahn A 1 in Richtung Osnabrück und dem Ausbau der A 27 nach Süden wurde auf diesem Gelände der Kies für das Bremer Kreuz gewonnen. Jetzt, gut fünf Jahre nach Beginn der Arbeiten, war der Abbau längst eingestellt worden, dennoch umzog das Areal ein stabiler Zaun. Die ehemalige Kiesgrube bildete inzwischen einen malerisch gelegenen See, den nicht nur Draufgänger besuchten. Das wilde Baden, gegen das die Behörden bereits während der Baggerarbeiten angekämpft hatten, war beinahe zur Selbstverständlichkeit geworden. Mittlerweile reisten die Erholungssuchenden sogar mit Wohnwagen an, obwohl Toiletten und jegliche Versorgung fehlten. In dieser Umgebung hatte Rolf Ende März ein idyllisches Plätzchen ausgemacht, an dem sie sich ab und zu trafen.

Naumi umrundete eine Ecke des Sees und steuerte auf die winzige Steilküste zu, die knapp vier Meter über die Wasseroberfläche hinausragte. In das feste Erdreich hatte Rolf eine Höhle gegraben, die vom angrenzenden Gelände nicht einzusehen war. Naumi trat an den Rand des abfallenden Hangs und hopste die eingeprägten Stufen zur Höhle hinunter.

»Endlich«, empfing Rolf sie erleichtert und schenkte ihr einen innigen Kuss.

Naumi machte sich frei. »Was gibt’s noch zu besprechen? Du bleibst hier und ich fahre auf alle Fälle.«

»Das darfst du nicht!«

»Wer sagt das?«

»Der Sternmarsch wird in einen Bürgerkrieg ausarten.« Rolf holte einen Zeitungsfetzen hervor. ›Sonderzug aus Ostberlin‹, lautete eine Überschrift. »Die Kommunisten schleusen Hunderte von ostzonalen Schlägern ein.«

»Du glaubst die Panikmache dieses Schmierenblattes.« Naumi entriss Rolf den Papierfetzen. Sah sie nur das rote Quadrat samt den weißen Buchstaben darin, krampfte sich ihr der Magen vor Wut zusammen.

»Die Polizei ist in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Vater fährt auch hin.«

Rolfs Vater war Chef der Kriminalpolizei in Bremen. Er agierte mit harter Hand gegen Verbrecher jeglicher Couleur und genoss dadurch hohes Ansehen in der Bevölkerung des Stadtstaates. Soweit Naumi das einschätzen konnte, Rolf hatte ab und zu einige diesbezügliche Bemerkungen durchblicken lassen, wollte Tietje senior seine Popularität nutzen, um den Sprung in die große Politik zu schaffen. Diesen Intensionen war wohl auch dessen Ausflug nach Bonn zuzuschreiben.

»Hat dein Vater nicht genug in Bremen zu tun?«, monierte Naumi. »Sind ihm die Kriminellen ausgegangen?«

»Vater wird als Beobachter und Berater eingesetzt.« Rolf kam auf sie zu. »Bleib hier!«, flehte er.

Naumi wich zurück. »Nein!«

»Die Regierung setzt die Notstandsgesetze mit allen Mitteln durch.«

»Und wir verteidigen die Demokratie – ein gewaltiger Sternmarsch ist da genau das richtige Mittel. Nächstes Jahr fängt mein Jurastudium an; meinst du, ich will später in einem Polizeistaat die Opfer einer wild gewordenen Exekutive vor Gericht vertreten?«

»Du siehst Gespenster, wir leben in einem Rechtsstaat.«

»Ach ja? War das dein Rechtsstaat, der da vergangenen Sommer in Berlin beim Schah-Besuch die Studenten zusammenknüppeln ließ? Benno Ohnesorg starb wohl durch einen Verkehrsunfall?« Jetzt trat Naumi an Rolf heran und sah ihm offen in die Augen. »Eine Polizeikugel tötete ihn. Und wo war dein scheiß Rechtsstaat, als die Blöd-Zeitung gegen Rudi hetzte, bis ihn so ein Chaot niederschoss?«

Rolf strich ihr übers Gesicht und küsste sie zaghaft auf den Mund. »Ich will das doch auch nicht.«

»Ach nein? Aber du kuschst vor deinem Herrn Papa.«

»Ich muss; er wird mein Studium finanzieren.«

Naumi schüttelte Rolfs Hände von ihren Schultern und stieß ihn zurück. »Am besten, du vergräbst dich hier.« Ohne sich noch einmal umzusehen, stieg sie zum Rundweg des Sees hinauf und lief durch den Wald zu ihrem Fahrrad.

*

Bonn – Samstag, der 11. Mai 1968 – 11.10 Uhr

Über den Köpfen kreiste ein Grenzschutzhubschrauber, während sich ein Meer roter Fahnen auf den Bahnhofsvorplatz ergoss – der Sonderzug aus Berlin musste eingetroffen sein. Wie Naumi mittlerweile erfahren hatte, war der tatsächlich am Ostberliner Bahnhof Friedrichstraße losgefahren. Aber alle Züge aus Berlin nahmen dort ihren Anfang – sie gehörten der ostdeutschen Reichsbahn. Nicht DDR-Kompanien von Marodeuren strömten da auf den Vorplatz, sondern die Westberliner Teilnehmer des Sternmarsches. Mit deren Eintreffen kam Bewegung in die Masse und unter dem Teppich der roten Fahnen formierte sich das Marschband.

Naumi hielt die Augen offen und beobachtete pausenlos die Umgebung. Nirgends tauchte ein Polizist auf. Aber die Demonstranten gaben der Staatsmacht auch keinen Anlass einzuschreiten; niemand tanzte aus der Reihe oder fing gar an zu randalieren. Ein Demonstrationszug, der vor einer Viertelstunde losgezogen war, hatte Disziplin gezeigt: An einer Kreuzung hatten die Massen gestoppt, als die Ampel auf Rot gesprungen war, und erst bei Grün waren sie weitergezogen – Ho-ho-ho-Chi-Minh skandierend. Sogar das Empfangskomitee für die Berliner Delegation hatte vorhin ordnungsgemäß Bahnsteigkarten gekauft, um die Genossen direkt am Zug begrüßen zu können.

Naumi reihte sich ein; ein wenig vom Neid geplagt. Während sie in ihren zivilen Klamotten eher einer spießigen Spaziergängerin ähnelte, bevölkerten olivgrüne Windjacken und Lederkleidung die Straße, schwebten Schutzhelme in Bonbonfarben und verwegene Mützen über den Köpfen, prägten prächtige Bärte die Szenerie. Naumi schritt tapfer inmitten der anderen aus und stimmte immer häufiger in die kraftvollen Schlachtrufe ein. Mit Sprüchen wie: »Bonner, holt die Kinder rein, jeder Linke ist ein Schwein« oder »Mädchen, schnell in eure Stuben, hier unten komm’ die roten Buben« verspotteten die Demonstranten jene Angstparolen, die die Konservativen gegen den Sternmarsch ausgegeben hatten. Aber auch Rufe »Wer hat uns verraten – die Sozialdemokraten« oder »Wer ist noch schlimmer – Nazi-Kiesinger« heizten die Stimmung an. Man schloss die Reihen und hakte einander unter. Beinahe mochte Naumi an einen Rosenmontagsumzug denken. Erst als sich Männer in Buchenwald-Anzügen an die Spitze des Menschenbandes setzten, erwuchs eine latente Spannung. Hasserfüllte Gesichter starrten aus den Häusern entlang der Straße. Naumi zog vorsichtig den Arm unter dem ihres Nachbarn heraus und schlug den Jackenkragen hoch.

»Die hätte man damals gleich vergasen sollen!«, brüllte ein Jugendlicher von einem Balkon herunter. Obwohl er offensichtlich die KZ-Männer meinte, traf Naumi der Ruf wie ein Schlag. Eskalierte die Situation doch noch? Unwillkürlich trat sie an den Rand, wich auf den Gehweg aus und verlangsamte den Schritt.

Auf dem Hofgarten versammelten sich die Kolonnen. Naumi, inzwischen beinahe ans Ende ihres Demonstrationsbandes durchgereicht, fasste wieder Mut. Sie schob die Umstehenden beiseite und drängte in Richtung Tribüne. Vom Inhalt der Notstandsgesetze, dem Anlass der Kundgebung, sprachen nur wenige. Worte wie ›Gewaltstaat‹ und ›Knüppelpolizei‹ und ›Nazifizierung‹ machten die Runde.

Auf einmal hörte Naumi das Klacken einer Kamera. Ein älterer Herr, elegant in einen dunklen Mantel gekleidet, einen Borsalino auf dem Kopf, schien sie zu fotografieren. Verwundert schaute sie sich um. Unmittelbar hinter ihr schwebte ein Plakat über den Demonstranten; es zeigte Rudi Dutschke, der wie Jesus Christus ans Kreuz geschlagen war. Der Kerl will mich mit dem Transparent in Verbindung bringen, wurde ihr auf einmal klar. Im nächsten Moment ließ der Fotograf seine Kamera sinken, grinste und verschwand inmitten der Menge. Panik befiel Naumi. Sie tat hier nichts Unrechtes. Aber warum fotografierte der Schweinehund sie? Wollte der ihr das Studium versauen? Offensichtlich kannte der Kerl sie, so gezielt, wie er vorgegangen war. War es angehenden Jurastudenten verboten, für die demokratischen Grundrechte auf die Straße zu gehen?

Es half ihr keinen Deut weiter, sich den Kopf zu zerbrechen – sie musste den Mistkerl zur Rede stellen. Beinahe unbedrängt huschte sie durch die Umstehenden und fand den Gesuchten schließlich am Rande des Menschenauflaufs, in ein Gespräch mit einem Polizisten vertieft. Sie wartete, bis der Uniformierte wegging, und trat dann auf den Borsalino-Träger zu.

»Haben Sie mich vorhin fotografiert?«

Zwei eiskalte Augen, in strenger Distanz erstarrt, lugten unter der Hutkrempe hervor. Die schmalen Lippen des feinen Pinkels blieben zusammengepresst, als müsse er sich zum Schweigen zwingen.

»Was soll das? Warum fotografieren Sie mich?«

Der Fremde beachtete sie kaum, ließ sie wie ein dummes Mädchen stehen.

Naumi umrundete den Mann, stellte ihn erneut: »Kennen wir uns?«

»Falls Sie mich nicht kennen – ich kenne Sie und das reicht mir.«

Die Worte machten Naumi Angst. Als der Mann weitergehen wollte, langte sie nach seiner Kamera. Blitzschnell schoss er herum. Sie zerrte am Trageriemen des Fotoapparats, aber der verfing sich unter der Schulterlasche seines Mantels. Auf einmal packte er ihr Handgelenk und verdrehte ihren Arm.

»Au!« In Naumi kochte die Wut. Sie trat ihrem Widersacher vors Schienbein. Schmerzverzerrt krümmte er den Oberkörper und umklammerte sein Bein, wo ein Dreckfleck das feine Tuch zierte. Naumi nutzte die Gelegenheit, riss die Kamera mit Gewalt von seiner Schulter, presste das Ding an ihren Körper und stürmte davon. Wie eine Slalomläuferin im Stangenwald schlängelte sie sich durch die Menschenmassen.

Außer Atem blieb sie schließlich stehen. Der einsetzende Regen kühlte angenehm das Gesicht. Den Widersacher schien sie abgeschüttelt zu haben. Sie klappte die Lederhülle des Fotoapparats auf und drehte ihn hin und her – wo ging das Ding nur auf, sie musste den Film rausnehmen. Plötzlich senkte sich eine schwere Männerhand auf die Kamera. Erschrocken blickte Naumi hoch. Vor ihr stand ein uniformierter Polizist.

»Her damit! Ihr Diebesgut ist beschlagnahmt.«

»Haben Sie nichts anderes zu tun?«, erwiderte Naumi und sah in die Runde auf die umstehende Menschenmenge.

»Taschendiebe wie Sie ziehen wir umgehend aus dem Verkehr.« Die kräftigen Finger des Beamten öffneten Naumis Hände und entwanden ihr das Streitobjekt. Er hängte den Trageriemen über seine Schulter und fasste Naumi beim linken Oberarm.

»Kommen Sie!«

»Wohin?«

Anstatt einer Antwort schob der Gesetzeshüter Naumi zur anderen Straßenseite hinüber und verfrachtete sie kurz darauf in einen grünen Kleinbus mit vergitterten Fenstern.

Ganz allein hockte sie auf der harten Bank, die rechts an der Fahrzeugwand montiert war. Nur langsam kehrten die klaren Gedanken zurück. Was hatte sie da angestellt? Die aufsteigende Angst ließ ihren Körper zittern. Sehnsüchtig blickte Naumi nach draußen. Zwei Schritte vom Polizeiauto entfernt standen uniformierte Beamte, die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt, und beobachteten das friedliche Treiben auf dem Demonstrationsplatz. Unwillkürlich tauchten die Fragen ob der eigenen Zukunft wieder auf. Naumi wandte sich herum und kroch in die hinterste Ecke ihres Gefängnisses. Am liebsten würde sie nichts mehr sehen und hören und fühlen.

»Fräulein Nauroth?«

Verwundert hob Naumi den Kopf. Wie lange hatte sie halb betäubt dagesessen? »Ja?«

»Kommen Sie bitte.« Ein junger Mann in Zivil stieß die Tür des Fahrzeugs auf und winkte ihr herauszusteigen. Er besaß ein jugendliches Gesicht, das ausdruckslos, aber keineswegs feindlich auf sie schaute. »Kommen Sie.«

Jetzt holen sie mich zur Vernehmung. Der Fotograf hatte Anzeige erstattet und den Beamten wohl ihren Namen verraten. Naumi stand auf und tappte ans Ende des Wagens. Der junge Mann reichte ihr helfend die Hand und sie sprang von der Pritsche.

»Folgen Sie mir bitte.«

Zu ihrer Überraschung gab der Fremde ihr Handgelenk wieder frei, wandte sich der Straße zu und ging los. Wie angewurzelt blieb Naumi stehen. Nach zwei Schritten verhielt der junge Mann und schaute sie herausfordernd an. »Kommen Sie.«

Seine Stimme wirkte beruhigend. Was hätte sie auch tun sollen? Wegrennen und die Sache noch schlimmer machen? Zögernd folgte sie ihrem Bewacher. Das vom Regen getränkte Kopfsteinpflaster patschte unter ihren Schuhen, als laufe sie über eine moorastige Wiese.

»Naumi!«

Rolf stand da auf einmal. Er kam auf sie zugestürmt, warf seine Arme um ihre Schultern und drückte sie. Das Gefühl der Erleichterung blieb aus. Naumi entwand sich der Umklammerung und blickte verwundert in die Runde – von ihrem Bewacher fehlte jede Spur.

5 – Drohende Invasion

Südpolen – Sonntag, der 12. Mai 1968 – 05.25 Uhr

Der Oberst der Roten Armee klopfte mit dem Zeigestock zweimal deutlich hörbar auf den Fußboden und verschaffte sich so die Aufmerksamkeit der umstehenden Offiziere. Ihre Uniformen verrieten die Herkunft aus nahezu allen Armeen des Warschauer Vertrags – lediglich Abgesandte der tschechischen Streitkräfte fehlten und das steingraue Tuch der Nationalen Volksarmee, der NVA der DDR, war nur einmal vertreten.

»Nach dem Szenario der Kommandostabsübung Šumava«, begann der Oberst seinen Vortrag und trat an die Karte, die hinter ihm beinahe die gesamte Wand einnahm, »überschreitet die Gruppierung Blau von Westen her in breiter Front die Grenze. Die Hauptstoßrichtungen werden in diesen Räumen erwartet.« Er deutete mit dem Zeigestock auf vier verschiedene Stellen im westlichen Teil der ČSSR.

Karl Ebeling musste schlucken. Ungeachtet der frühen Morgenstunde, die Uhr zeigte halb sechs, war er hellwach. Der Schweiß rann ihm in den Kragen des Uniformhemdes und die Krawatte drohte ihm die Luft abzuschnüren. Ereilte ihn hier der Befehl für einen Fronteinsatz?

Erst im Februar dieses Jahres hatte er den Dienst an der Botschaft in Prag angetreten. Offiziell trug die Nationale Volksarmee mit Ebelings Versetzung den dramatischen Veränderungen im Nachbarland Rechnung, die eine personelle Verstärkung des Botschaftspersonals unumgänglich machten. Selbstverständlich unterstützte er die Arbeit des Militärattachés; seine eigentliche Aufgabe bestand aber darin, als Führungsoffizier den Einsatz des Aufklärers Jürgen Pelzer zu betreuen. Die Kommandierung hierher zur Kommandostabsübung in Südpolen hatte Ebeling überrascht. Aber ihm war keine Wahl geblieben, er hatte die Reise antreten müssen, um seine Legende aufrechtzuerhalten – für das Ministerium in Berlin war er eben ein Stabsoffizier in Diensten der Prager Botschaft. Dennoch fühlte Ebeling sich völlig deplatziert, da er als einziger NVA-Teilnehmer der Übung beiwohnte, wie ihm gestern nach der Ankunft klar geworden war.

»Die Kräfte Blau dringen in den ersten Tagen bis zu einer Tiefe von 90 Kilometern auf das Territorium der ČSSR vor.« Der Oberst deutete die Linie auf der Karte an. »Im Verlauf der Abwehrkämpfe kann die Tschechoslowakische Volksarmee den übermächtigen Angreifern nicht mehr standhalten. Die Seite Rot führt zwei neue Armeen als Schlaggruppierung der Zentralfront zu.«

Eine Gänsehaut überzog Ebelings Arme. Zu der Schlaggruppierung würden auch Einheiten der NVA gehören.

»Am Tag drei der blauen Invasion geht die Seite Rot zur Gegenoffensive über, drängt die gegnerischen Truppen auf das Territorium der Bundesrepublik zurück. Nach einem Schlagabtausch mittels Kernwaffen«, der Oberst hüstelte, »so der Übungsablauf, wird die Streitmacht Blau in Richtung Nürnberg und weiter bis an die Ruhr abgedrängt. Damit schafft Rot wichtige Voraussetzungen zum Forcieren des strategischen Rheinabschnitts. Hier endet das Manöver.« Der Oberst sah noch einmal auf die Karte, als wolle er das Gesagte überprüfen. Dann wandte er sich erneut den Zuhörern zu. »Terminiert ist die Übung auf Ende Juni. Das genaue Datum bestimmen allerdings die Gastgeber.« Ein gestrenger Rundblick über die Köpfe der Anwesenden beendete den Vortrag. »Danke, Genossen!«

Die knappe Abschlussformel, die einem Befehl gleichkam, schloss jegliche Fragen aus. Die Türen des Saals öffneten sich und der Oberst verließ das Schlachtfeld