Erbsünde - Gianluigi Nuzzi - E-Book
Beschreibung

Gianluigi Nuzzis Enthüllungen zeigen, dass im Vatikan seit Jahrzehnten ein erbitterter Machtkampf tobt. Auf der einen Seite stehen die Würdenträger, die die Kirche reformieren wollen, die für Transparenz kämpfen und zu einer Kirche für die Armen zurückkehren möchten. Ihnen steht auf der anderen Seite ein einflussreicher Machtblock gegenüber, der mit oftmals kriminellen Machenschaften versucht, den Status Quo beizubehalten. Darunter leidet in erster Linie die Glaubwürdigkeit der Kirche. Doch die Auswirkungen sind weit gravierender: Seit Papst Johannes Paul I, der wohl als Erster die Tragweite dieses Machtkampfs erkannte, gelang es keinem reformwilligen Papst, dieses verkrustete System zu durchbrechen. Papst Benedikt XVI nicht, der keinen anderen Ausweg sah, als einen revolutionären Akt zu vollziehen und zurückzutreten. Und auch Papst Franziskus scheint an diesem Machtkrieg zu zerbrechen. "Erbsünde" liest sich wie ein Krimi, nur, dass dieser Krimi echt ist: Akribisch recherchiert und basierend auf brisanten Insiderinformationen führt er uns zu den dunkelsten Geheimnissen des Vatikans.

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Seitenzahl:398

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Gianluigi Nuzzi

Erbsünde

Papst Franziskus einsamer Kampf gegen Korruption, Gewalt und Erpressung

Aus dem Italienischen von Christine Ammann und Walter Kögler

orell füssli Verlag

Die italienische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Peccato Originale. Conti segreti, verità nascoste, ricatti: Il blocco di potere che ostacola la rivoluzione di Francesco« bei Chiarelettere, Mailand.

 

© 2017 by Gianluigi Nuzzi, Published by arrangement with The Italian Literary Agency

 

Orell Füssli Verlag, www.ofv.ch

© 2018 Orell Füssli Sicherheitsdruck AG, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Dadurch begründete Rechte, insbesondere der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf andern Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Vervielfältigungen des Werkes oder von Teilen des Werkes sind auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie sind grundsätzlich vergütungspflichtig.

 

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

 

ISBN 978-3-280-05685-1 (Druckversion)

ISBN 978-3-280-09029-9 (ePub)

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Die Übersetzerin dankt dem Übersetzerhaus Looren für die angenehm ruhige Arbeitsatmosphäre, von der die Übersetzung profitiert hat.

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

Über dieses Buch

 

Papst Franziskus und die sieben Fragen

In Erbsünde gehe ich sieben konkreten Fragen nach, die in meiner nunmehr zehnjährigen Arbeit als investigativer Journalist noch offen geblieben sind, und runde damit eine Recherche ab, deren Ergebnisse ich mit Vatikan AG, Seine Heiligkeit und Alles muss ans Licht schon vorlegen konnte.

Wurde Johannes Paul I. ermordet? Wer hat Emanuela Orlandi entführt? Wenn das Mädchen, wie Papst Franziskus versichert, längst »im Himmel ist«, trägt der Vatikan an ihrer Ermordung zweifellos eine Mitschuld, aber inwiefern? Warum bleiben alle Reformen, mit denen erst Papst Benedikt XVI. und nun Papst Franziskus für eine transparentere Kurie sorgen wollten, unweigerlich auf halbem Wege stecken oder scheitern zur Gänze? Was steht einer Veränderung im Wege? Bestimmen die Händler im Tempel, die beim Rücktritt von Benedikt XVI. eine Rolle spielten, noch immer die Geschicke der katholischen Kirche? Und schließlich die entscheidende Frage: Gibt es außerhalb und innerhalb des Vatikans Personen, die Papst Franziskus nicht wollen, die sein Reformwerk deshalb behindern und die für den aktuellen Reformstillstand verantwortlich sind?

 

Wie der Richter Giovanni Falcone bin ich zur Beantwortung dieser Fragen der Spur des Geldes gefolgt, und bin dabei, wie immer, wenn es um die Ränkespiele der Macht geht, auf Geschichten um Tod und Sex gestoßen. Im Vatikan sind diese drei roten Fäden zu einem dichten Netz aus undurchsichtigen Interessen, Gewalt, Lügen und Erpressung verknüpft, das jede Veränderung im Keim erstickt und die Glaubenskrise – wie Benedikt XVI. es nannte – der katholischen Kirche unweigerlich verstärkt. Das tödliche Spinnennetz hat sich schon während des Pontifikats von Paul VI. ausgebreitet, als die Welt vom Kalten Krieg zerrissen und Italien durch Arbeiterunruhen, Terrorismus und geheime Machtzentren destabilisiert wurde. Letztere konnten sich ausgerechnet im Vatikan machtvoll entfalten. Darum müssen die Nachforschungen genau hier einsetzen und sich vor allem auf den Präsidenten der Vatikanbank IOR, Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, konzentrieren, auf dessen befremdliche Beziehungen zum einen bis in die Papstgemächer hinein und zum anderen zu den Offshore-Oasen Amerikas mit ihren Kartellen, Militärputschen und Kokaingeschäften.

Marcinkus saß an einem Schalthebel der Macht, wie sich heute anhand des unveröffentlichten Archivs der Vatikanbank mit seinen unzähligen bisher unbekannten Akten rekonstruieren lässt. Wie Buchungsunterlagen, Notizen und Zahlungsbelegen zu entnehmen ist, wiesen manche Bankkonten überraschend hohe Einlagen auf: etwa das von Pasquale Macchi, dem berühmten Privatsekretär von Paul VI., oder überraschenderweise das des Schauspielers Eduardo De Filippo oder von Mutter Teresa, die man in den abgelegensten Räumen der Bank ehrfürchtig empfing. Die Unterlagen über die beschämenden Begehrlichkeiten von Priestern und Kardinälen, etwa über den An- und Verkauf von Gold, Dollars und Palladium, erklären auch, warum das Pontifikat von Johannes Paul I. nur dreiunddreißig Tage dauern konnte und warum Marcinkus’ Nachfolger in den neunziger Jahren diese Praxis nahtlos fortführten und die Finanzen des Vatikans damit weiterhin bestimmten. Und zwar bis in die heutige Zeit hinein. Als unter dem Pontifikat von Benedikt XVI. Reformen vorbereitet werden, die damit ein für alle Mal Schluss machen sollen, obliegt deren Umsetzung Geistlichen und Laien, die der Papst selbst ausgewählt hat. Doch über kurz oder lang werden alle unweigerlich »abgeschossen«. Auf den folgenden Seiten werde ich – auf Grundlage von Interviews, die ich mit Schlüsselfiguren geführt habe, und unveröffentlichten Dokumenten – die raffinierte Strategie erläutern, mit der Reformwillige gekündigt, demontiert oder entmachtet werden.

Wann Benedikt XVI. seinen Rücktritt geplant hat

Als Benedikt XVI. sein Pontifikat untergraben sieht, denkt er an Rücktritt. Wie die in diesem Buch erstmals enthüllten Fakten zu den Hintergründen und raffinierten Ränkespielen zeigen, hat der Papst seinen spektakulären Rücktritt vom Februar 2013 bereits im Winter 2011 geplant und detailliert vorbereitet. Und genau in diese Zeit fallen auch die heftigsten Auseinandersetzungen im Vatikan, von denen bislang noch nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist: Konkrete Handlungsanweisungen von Benedikt XVI., mit denen die riesigen Probleme gelöst und dem Nachfolger Steine aus dem Weg geräumt werden sollen, werden von anderen durch ausgefeilte Manöver torpediert, die jede Veränderung vereiteln. Unter Papst Franziskus wiederholt sich dann dasselbe. Die Massen jubeln ihm zu, die Menge auf den Plätzen unterstützt ihn, die Gläubigen in aller Welt sind begeistert. Aber die katholische Kirche wird von der Kurie verwaltet, und obwohl der kleine Stadtstaat Vatikan nur dank der Spenden der Gläubigen existieren kann, weiß man bis heute kaum, wofür das Geld ausgegeben wird.

Es sind die zwei Gesichter ein und derselben Welt: Im Vatikan werden der Papst und seine Reformen von den einen unterstützt und von den anderen boykottiert. »Wenn alles bleiben soll, wie es ist«, schrieb Giuseppe Tomasi di Lampedusa in Der Gattopardo, »muss sich alles ändern.« Nicht zufällig kommt es ausgerechnet jetzt zu Anzeigen und Vorwürfen wegen angeblicher Schikanen und angeblichem sexuellen Missbrauch hinter den Mauern des Vatikans. Von Horrornächten berichten diejenigen, die dabei waren. Zum Schutz der Opfer aber auch des angeblichen Täters habe ich die Namen der Beteiligten geändert und hoffe nun, dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt. Eins der ersten gedruckten Exemplare wurde jedenfalls gleich den Richtern im Vatikan vorgelegt.

Vor allem musste ich bei der Spur des Blutes ansetzen, nämlich bei Emanuela Orlandi, der fünfzehnjährigen Tochter eines Bediensteten im Vatikan, die am 22. Juni 1983 auf rätselhafte Weise in Rom verschwand. Unter Benedikt XVI. wurde der Vermisstenfall auf beklemmende Weise erneut hochaktuell; er ist keine alte Geschichte und auch heute noch nicht abgeschlossen. Emanuela ist und bleibt ein Stachel im Fleisch des Vatikans, eine offene Wunde. Auch unter Papst Franziskus. Der Geist des auf rätselhafte Weise verschwundenen Mädchens geht im Vatikan um, beharrlich auf ein furchtbares Geheimnis verweisend, das für Mitwisser zum Macht- und Erpressungsinstrument geworden ist.

Für dieses Buch konnte ich auf Unterlagen und die Aussagen von Zeugen zurückgreifen, die erstmals aus der Deckung kamen und erzählten, was sie gehört und gesehen haben. Aus meinen Recherchen ergibt sich, dass die Wahrheit über Emanuelas Verschwinden tatsächlich im Vatikan zu finden ist. Die Geschichte muss in ihren geheimsten, skandalösesten Verwicklungen allerdings noch geschrieben werden. Jedenfalls hat der Vermisstenfall Papst Benedikt XVI. so tief beunruhigt, dass er den Heiligen Stuhl in seinen beiden letzten Papstjahren zu »Verhandlungen« mit der römischen Staatsanwaltschaft bewogen hat. Und Papst Franziskus interessiert sich ebenfalls dafür und hat seinen ersten Mitarbeiter, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, gebeten, der Sache nachzugehen. Es besteht also berechtigte Hoffnung, dass diese neuen Erkenntnisse dazu beitragen können, Emanuela, ihren Angehörigen und allen, denen sie am Herzen liegt, endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Papst Franziskus hatte seine Mitarbeiter mehrfach aufgefordert, Licht ins Dunkel all der Geschichten der letzten Jahrzehnte zu bringen, die von Gewalt, Verschwendung, Privilegien und Machtmissbrauch im kleinen Staat hinter den Bernini-Kolonnaden handeln. Dieses Buch hat bei seinem Erscheinen in Italien daher einiges Aufsehen erregt und manchen in Erklärungsnöte gebracht. Plötzlich war eine Reaktion auf die zahlreichen Missstände erforderlich, die auf den folgenden Buchseiten offengelegt werden. Es gab Anzeigen, Staat und Kirche leiteten Ermittlungen ein. Kurzum: Man war gezwungen, den verwickelten Geschichten nachzugehen, über die in Erbsünde berichtet wird.

 

Die Familie der verschwundenen Emanuela Orlandi hat bei der Staatsanwaltschaft des Vatikanstaats Anzeige erstattet, als sie durch dieses Buch von dem Deal zwischen der damaligen römischen Staatsanwaltschaft, die im Fall der Entführung und mutmaßlichen Ermordung des jungen Mädchens ermittelte, und Geistlichen des Vatikans erfuhr. Mutter, Schwestern und Bruder wollen, dass hinsichtlich der Treffen zwischen dem damaligen Chefermittler Giancarlo Capaldo und kirchlichen Würdenträgern ermittelt wird. Die Familie ist davon überzeugt, dass man der Wahrheit damit endlich auf die Spur kommen kann. Und das ist nicht die einzige Anzeige, die nach Erscheinen des Buchs beim Vatikan eingegangen ist. Auch der Ministrant des Papstes, der angibt, im vatikanischen Präseminar St. Pius X. mehrfach missbraucht worden zu sein, hat Anzeige erstattet. Derzeit werden Zeugen und Freunde gerade angehört. Und es gibt neue Zeugenaussagen: Weitere Opfer haben in bekannten italienischen Fernsehsendungen (von Quarto Grado bis zu Le Iene) von sexuellem Missbrauch berichtet – ausgerechnet in den Schlafräumen des Seminars, in dem sich junge Menschen aus ganz Europa darüber klar werden sollen, ob sie sich mit ganzem Herzen dem Weinberg des Herrn verschreiben wollen.

Teil 1   Blut

Der Deal

Das Geheimtreffen

Im Saal »Leonina« der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek schlagen Wissenschaftler und interessierte Laien die verwendeten Bücher zu. Die Angestellten räumen die alten Werke zurück an ihren Platz und schließen die Regalvitrinen zur Sicherheit doppelt ab. Der Präfekt der päpstlichen Bibliothek, Prälat Cesare Pasini, kennt kein Pardon: Die Öffnungszeit endet um 17.15 Uhr, dann darf sich keiner mehr in den Sälen aufhalten. Die Besucher streben dem Ausgang zu und verlassen den prächtigen Palast, der ein wertvolles Erbe verwahrt: 150.000 Handschriften und 1 Million Druckwerke, darunter eine der weltweit wichtigsten Sammlungen antiker Texte und seltener Bücher. Der Ausgang geht auf den Belvederehof, einen zauberhaften Platz an den Vatikanischen Museen und nur zwei Schritte vom Petersdom und Papstpalast entfernt. Das Kalenderblatt in der Portiersloge zeigt einen Tag im Februar 2012.

Unwirkliche Stille senkt sich über den Lesesaal mit seinen Wandteppichen, Stuckarbeiten und alten Möbeln. Anders als sonst wird das Alarmsystem, Raumüberwachung und Einbruchschutz, heute nicht eingeschaltet. Nicht, weil es vergessen wurde. Sondern weil einer der einflussreichsten Männer der Kurie gleich still und heimlich die Bibliothek betreten wird, ein enger Vertrauter von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und dem mächtigen Privatsekretär von Benedikt XVI., Prälat Georg Gänswein. Was hier in Kürze geschieht, hat es in der Geschichte des Vatikans nur selten gegeben. Und bis heute hat noch niemand davon berichtet.

Mit unstetem Blick, die Hände wie immer ineinandergelegt, verabschiedet der Mann seinen Mitarbeiter, der ihn bis an die Tür begleitet hat, und huscht mit schnellen, kleinen Schritten in den Saal. Vermutlich denkt er in diesem Moment an die heimtückische Frage, die ihm der Gast, der gleich hier sein muss, vor wenigen Wochen gestellt hat. Wort für Wort geht er seine Antwort noch einmal durch. Sie ist unabdingbar, wenn »der Deal«, wie er von den wenigen Eingeweihten im Vatikan genannt wird, wirklich zustande kommen soll.

Mit dem »Deal« wurde nach geheimen Verhandlungen eine Vereinbarung zwischen zwei Staaten getroffen: zwischen Italien in Gestalt der römischen Staatsanwaltschaft und dem Vatikan, vertreten durch einen Mitarbeiter des Staatssekretariats. Es geht darin um eine heikle und immer noch ungelöste Angelegenheit: das Verschwinden und die vermutliche Ermordung von Emanuela Orlandi.

Sein Gast lässt noch einige Minuten auf sich warten, doch schließlich erscheinen seine Begleiter am Eingang. Seine Schutzengel, bewaffnet mit einer Beretta Kaliber 9, folgen ihm überall hin, müssen aber heute vor der Tür stehen bleiben. Man hat ein Gespräch unter vier Augen vereinbart. Das zweite Treffen der Männer wird auch ihr letztes sein, doch an diesem Februartag des Jahres 2012 können sie das weder wissen noch ahnen. Wenige Meter weiter, im Belvederehof, steht ein Grüppchen in schwarzen Kutten zusammen, tuschelt und blickt verstohlen zu dem Mann im blauen Anzug hinüber, der dem Eingang der Bibliothek zustrebt.

Drei Monate zuvor empfängt Oberstaatsanwalt Giancarlo Capaldo in seinem Büro im ersten Stock des römischen Gerichts einen Offizier der Carabinieri, der dringend um einen Gesprächstermin gebeten hat. Die beiden kennen sich gut und halten sich nicht lange mit Vorgeplänkel auf. Der Offizier bringt das Gespräch nach kurzer Begrüßung auf die Ermittlungen im Fall der verschwundenen Emanuela Orlandi, die Capaldo gemeinsam mit den Staatsanwältinnen Ilaria Calò und Simona Maisto leitet.

Mit dem Fall haben sich mittlerweile elf Beamte – Untersuchungsrichter, Staatsanwälte und Oberstaatsanwälte – beschäftigt. Doch alle Ermittlungen liefen ins Leere. Capaldo versucht seit 2008, die Ermittlungen wieder in Gang zu bringen; er hat alte Spuren überprüft und geht neuen nach. Als er merkt, dass es dem Carabiniere um Emanuela Orlandi geht, ist er verständlicherweise sofort neugierig und hellwach. »Der Vatikan wäre an einem Treffen in der Angelegenheit Emanuela interessiert«, flüstert der Mann und bedeutet ihm mit einer Geste, dass es drängt. Capaldo lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, er ist Pragmatiker und bleibt gelassen. Doch er setzt eine gekonnt überraschte Miene auf. Er will denjenigen, der über den Carabiniere seinen Gesprächswunsch übermitteln lässt, nicht enttäuschen. Sicherlich wird dieser seinen Auftraggeber über jede Regung Capaldos informieren. Eigentlich ist Capaldo keineswegs überrascht. Zufrieden, ja, hochzufrieden sogar, aber das zeigt er besser nicht, weil es seinem Gegenüber und vor allem dem, der ihn geschickt hat, nur einen Vorteil verschaffen würde. In knappen Worten erklärt er sich zu einem Treffen bereit. Der Offizier verabschiedet sich hastig. Man werde bald einen Gesprächstermin vorschlagen.

Im November 2011 signalisiert der Vatikan also, dass er gewillt ist, mit der italienischen Staatsanwaltschaft über den Fall Orlandi zu reden, dem – nach dem Tod Johannes Pauls I. – heikelsten Fall in der jüngsten Geschichte des Zwergstaats. Nachdem man fast dreißig Jahre lang beharrlich geschwiegen hatte, und die Ermittlungsbehörden ebenso verheißungsvollen wie zweifelhaften Spuren nachgegangen waren, bekundete man nun also unmissverständlich Gesprächsbereitschaft.

Der Vatikan hat in dem Fall von Anfang an eine rätselhafte Rolle gespielt. So suchte Papst Johannes Paul II. Weihnachten 1983, sechs Monate nach Emanuelas Verschwinden, die Familie Orlandi auf und ließ ihr gegenüber den befremdlichen Satz fallen: »Es gibt einen nationalen Terrorismus und einen internationalen. Bei Emanuela geht es um internationalen Terrorismus.« Die Worte entfalteten auf der Stelle eine explosive Wirkung und befeuerten die verschiedensten Intrigen- und Komplottgerüchte. Auf einmal erschienen Geheimdienste auf der halben Welt, der polnische, der türkische, mit dem KGB im Hintergrund, als die großen Strippenzieher. Die Tragödie wurde zur Farce. Egomanen, Angeber, Scharlatane, berufsmäßige Lügner und anonyme Anrufer schwammen auf der Welle der allgemeinen Angst und versuchten die Ermittlungen in ihrem Sinne zu lenken. Sogar die türkische Terrorgruppe der Grauen Wölfe mit Ali Ağca, der den Anschlag auf Karol Wojtyła verübt hatte, schaltete sich ein und äußerte häppchenweise immer absurdere und fantastischere Hypothesen: Emanuela sei noch am Leben und in einem englischen Krankenhaus eingesperrt, in einem Kloster, in einer Nervenheilanstalt und so weiter. Konkrete Belege wurden keine angeführt. Kurzum: Nichts als Schall und Rauch, der die Sicht auf die Dinge vernebeln sollte.

Das stellte 1997 auch die Untersuchungsrichterin Adele Rando fest, die in ihrem abschließenden Urteil die Spur der internationalen Verschwörung zu den Akten legte, weil sie der »festen Überzeugung (war), dass durch den politisch-terroristischen Hintergrund nur das eigentliche und wohl nicht mehr aufzuklärende Motiv für die Entführung von Emanuela Orlandi verschleiert werden sollte«. Und das eigentliche Motiv führt in die unmittelbare Nähe des Vatikans.

Erschreckende Ermittlungen

Das Gesprächsangebot der Kurie stellt eine Wende dar. Endlich reagiert die Kirche auf die Strategie, die die römische Staatsanwaltschaft schon seit über zwei Jahren verfolgt. Man hat den Ermittlungsdruck unablässig erhöht und unerbittlich psychischen Druck auf die kirchlichen Kreise ausgeübt. Oberstaatsanwalt Capaldo, Staatsanwältin Maisto und Vittorio Rizzi, Leitender Polizeidirektor und Chefermittler, waren durch ihre Ermittlungen nämlich zu zwei Überzeugungen gelangt.

Bei der nochmaligen Durchsicht der über hundert Akten zum Fall Emanuela Orlandi hatten sie zum einen erschüttert festgestellt, dass jede mögliche Aufklärung unter einem alles erstickenden Netz aus – teils gewollten – Ermittlungsfehlern, falschen Spuren, Aktenfälschungen, Einschüchterungen, Zeugen, die nach wichtigen Aussagen plötzlich »verrückt« geworden waren, Erpressungen und lancierten Falschmeldungen begraben worden war. Offenbar sollte verhindert werden, dass irgendjemand erfuhr, was an jenem Sommertag im Jahr 1983 geschehen war. Ein dichtes Gewebe aus irreführenden, aber durchaus glaubhaften Indizien hatte neue Erkenntnisse quasi unmöglich gemacht. Jeder Ermittler würde sich unweigerlich in dem Spinnennetz verfangen, wie die Untersuchungsrichterin Rando schon 1997 festgestellt hatte.

Zudem waren alle drei davon überzeugt, dass es dafür eine skandalöse Erklärung gab: Es sollte mit allen Mitteln verschleiert werden, dass die »Magliana-Bande«, die römische Mafia, das Mädchen im Auftrag eines Prälaten entführt und vermutlich ermordet hatte. Das hatten die Ermittlungen im Anschluss an die Aussage von Sabrina Minardi ergeben, der Geliebten des mutmaßlichen Mafia-Kassenwarts Enrico De Pedis. Minardi hatte in den Mafiakreisen verkehrt, Vertrauliches erfahren und zunächst für sich behalten, aber 2008 erstmals gegenüber den Ermittlungsrichtern ausgesagt, dass Emanuela von der Magliana-Bande im Auftrag von Kurienmitgliedern entführt worden sei.

Die Ermittler sahen nur einen Weg, der aus der Sackgasse führen konnte. Sie mussten der Vatikanspur auf den Grund gehen. Sie mussten dort ermitteln, wo man mehr über das Verschwinden von Emanuela wusste. Doch diesmal wollten sie sich nicht auf Personen konzentrieren, sondern auf Orte und zwar in erster Linie auf die Basilika Sant’Apollinare. Die Musikschule, die das Mädchen besucht hatte, befand sich im vierten Stock eines Gebäudes, das unmittelbar an die Basilika grenzte und mit dieser eine architektonische Einheit bildete. Da das Mädchen dort verschwunden war, musste man mit den Ermittlungen dort beginnen.

Die ersten Ermittlungsakten schilderten den Hergang genau:

Emanuela Orlandi, 15 Jahre alt, vatikanische Staatsbürgerin, Tochter von Ercole Orlandi, Bediensteter im Apostolischen Palast, verließ das Elternhaus in der Via S. Egidio, Vatikanstadt, am 22. Juni 1983 gegen 16.30 Uhr, um zum Flötenunterricht am Musikinstitut »Ludovico da Vittoria« in der Piazza Sant’Apollinare zu gehen. Dort kam sie auch an […]. Und dort verliert sich ihre Spur. Sie traf nicht wieder zu Hause ein und hinterließ keinerlei Nachricht.[1]

Nur wenige Schritte von dem Eingangsportal entfernt, durch das Emanuela an jenem Tag das letzte Mal zur Musikschule ging, liegt die Basilika. Und dort, in der Krypta unter dem Hauptaltar, befindet sich das Grab von De Pedis, genannt Renatino, der am 2. Februar 1990 bei einem Schusswechsel starb. Eine höchst ungewöhnliche Bestattung: In der Geschichte der Kirche ist es seit über zwei Jahrhunderten die zweite überhaupt[2] und sie widerspricht eigentlich dem Kirchenrecht. Die Witwe von De Pedis, Carla Di Giovanni, hat denn auch stets versucht, diese Tatsache sowie die Verantwortung des damaligen Rektors der Basilika, Piero Vergari, herunterzuspielen. Sie schilderte den ungewöhnlichen Vorgang so:

Enrico […] wurde in unserem Familiengrab auf dem Friedhof Verano beerdigt. Erst danach sagte mir Monsignore Vergari, was Enrico ihm gegenüber geäußert habe. Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber sinngemäß meinte er, Enrico wäre gern in Sant’Apollinare beerdigt worden. Ich sagte daraufhin, dass das ja aber nicht möglich sei, doch er erwiderte, dass die Kirche nicht zum Vatikan gehöre und man dazu nur eine Genehmigung des Kardinalvikars von Rom brauche, damals Kardinal Poletti. Er fügte noch hinzu, dass dies eine gute Gelegenheit sei, die Krypta zu sanieren, die, wie ich mich erinnere, baufällig, dunkel und sehr feucht war. Monsignore übernahm es dann, zwei Briefe an Kardinal Poletti aufzusetzen, wobei er in dem einen auf die guten Werke verwies, die Enrico in seinem Leben getan hatte, und in dem anderen darauf, dass wir die Krypta sanieren lassen würden. Gemeinsam mit Monsignore Vergari suchten mein Cousin Marco und ich dann Kardinal Poletti auf. Nach einigen Tagen erhielten wir die Genehmigung zur Bestattung, und am 24. April 1990 wurde Enricos Leichnam von Verano nach Sant’Apollinare überführt. Die Restaurierung der Räume, in denen sich das Grab befindet, erfolgte durch Mitarbeiter des Vatikans.[3]

Es wird also ein Dreieck erkennbar, auf das sich die Ermittler nun konzentrieren: Da ist einmal der mutmaßlich große Mafioso Renatino De Pedis, der unverurteilt noch vor den aufsehenerregenden Prozessen um Emanuelas Verschwinden stirbt, und dann der Rektor von Sant’Apollinare, Piero Vergari, der das Amt bis 1991 innehatte. Beide verbindet eine jahrelange enge Freundschaft.

Nach Aussage von De Pedis’ Witwe nahm die Freundschaft ihren Anfang, als ihr Mann in Regina Coeli einsaß. Obwohl kein Gefängniskaplan, besuchte Piero Vergari die Gefangenen, betreute sie seelsorgerisch und segnete sie. Nach den Gefängnisbesuchen sprach er dann gewöhnlich auch mit den Angehörigen von De Pedis. Die Dritte im Dreieck war schließlich die arme Emanuela. Sie war nach Ansicht der Ermittler das Opfer gefährlicher Liebschaften geworden, die, wenn sich die Vermutung bewahrheiten sollte, am Heiligen Stuhl und in der ganzen Welt ein Erdbeben auslösen würden.

Betrachtete man die Akten, die sich mittlerweile auf dem Schreibtisch der Ermittler angesammelt hatten – mit Indizien, abgehörten Telefongesprächen, kleinen Ermittlungserfolgen und Zeugenaussagen, angefangen bei denen verschiedener Kronzeugen –, dann war es tatsächlich nicht unwahrscheinlich, dass zwischen dem Begräbnis des Mafioso und der Entführung und Ermordung von Emanuela Orlandi ein Zusammenhang bestand. Vieles deutete darauf hin, dass die Ermittler die richtige Spur verfolgten: Sabrina Minardis Anschuldigungen ebenso wie das ungewöhnliche Grab von De Pedis, das man durchaus als Dank für die Lösung eines unangenehmen Problems verstehen konnte. Hinzu kamen noch die Aussagen von anderen wichtigen Zeugen wie Emanuelas Freunden. In den Männern, die Emanuela kurz vor ihrem Verschwinden verfolgt hatten, hatten sie Mafiosi der Magliana-Bande wiedererkannt. Nach Meinung der Ermittler waren an der Entführung, Ermordung und anschließenden Beseitigung der Leiche des Mädchens Mitglieder der römischen Mafia um De Pedis beteiligt, gegen die man seit März 2010 auch ermittelte.[4]

Die Ermittler verfolgen also auch die geringste Spur, die mit der Kirche zusammenhängt, wie die Beziehung zwischen De Pedis und Vergari. Laut Aussage der Witwe waren beide erst ab 1985 befreundet, also nach dem Verschwinden des Mädchens, doch der Geistliche gab zu Protokoll, er habe De Pedis schon 1978/1979 kennengelernt. Piero Vergari hat sich über zwanzig Jahre um die Seelen der Gefangenen in Regina Coeli gekümmert und den Insassen in dieser Zeit manchen Gefallen getan, etwa Botschaften nach draußen geschmuggelt, auch Botschaften von Renatino an seine Brüder und seinen Vater. Als De Pedis entlassen wurde, machten sich die kleinen Gefälligkeiten für Vergari vermutlich bezahlt. Jedenfalls verband die beiden eine enge Beziehung. Der Geistliche erinnert sich bestimmt auch noch an die Hochzeitsfeier von Renatino und Carla in dem berühmten Dolce-Vita-Lokal »Jackie O« nahe der Via Veneto. Dort sprach er nicht nur den Segen, sondern amüsierte sich auch köstlich bei Champagner, Trinksprüchen und Leckereien. Als De Pedis umgebracht wurde, trauerte er jedenfalls zutiefst und zog sich zum Gebet zurück. Und er bemühte sich umgehend, den Freund mit einem unvergesslichen Begräbnis zu würdigen. Er ließ sich nicht davon entmutigen, dass der Kardinalvikar eine Messe in Sant’Apollinare verbot, sondern hielt die Beerdigungsfeierlichkeiten stattdessen in der Basilika San Lorenzo in Lucina ab. Die übrigens an demselben Platz liegt wie die Privatwohnung des damaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, der dort, Hausnummer 26, vierter Stock, die Großen der Welt wie Arafat oder Mutter Teresa empfing.

Die Ermittler versuchen herauszufinden, welche Schüler damals noch die Musikschule besucht haben, und welche Seminaristen von Sant’Apollinare Emanuelas Wege gekreuzt haben könnten. Mit jeder neuen Tür, die sich öffnet, kommt – wie wir im nächsten Kapitel sehen werden – eine düstere, erschreckende Wahrheit zum Vorschein. Vielleicht ist Sant’Apollinare nicht irgendeine Kirche, denken die Ermittler schließlich. Und der Rektor Piero Vergari nicht irgendein Priester. Die große, ehrfurchterregende Basilika, in der Papst Pius X. zum Bischof geweiht wurde, mit ihrem stillen Kirchenschiff, den unterirdischen Gräbern, den sechs Seitenkapellen, Fresken und Madonnenbildern scheint immer undurchsichtiger. Ein dichtes Geflecht aus Elend, Perversion und Verbrechertum hat die Basilika in einen Hort der Heimlichkeiten und Rätsel verwandelt. Wenn man, wie ich öfter in den letzten Jahren, den halb im Licht, halb im Schatten liegenden Innenraum der Basilika betritt, in die Krypta hinabsteigt, durch die unterirdischen Gänge wandert und die unscheinbaren Türen öffnet, hinter denen nirgends verzeichnete Räume und Korridore liegen, kann man diese Stimmung spüren. Wenn die Tür der Basilika hinter einem zufällt, ist man in einer anderen Welt, in einer Welt voller Geheimnisse, die noch entschlüsselt werden wollen.

Ein skandalöser Vertrag

Als Oberstaatsanwalt Capaldo erkennt, dass er auf der richtigen Spur ist, gibt er Gas und konzentriert sich auf mögliche Indizien in der Basilika. Die Zeitungen wissen aus unbekannter Quelle zu berichten, dass die Öffnung von De Pedis’ Grab oder die Suche nach Emanuelas Skelett in der Basilika unmittelbar bevorständen. Im Vatikan sorgen solche Meldungen für Unruhe und Aufregung, die Anspannung wächst. Und genau jetzt erscheint der Carabiniere mit der ungewöhnlichen Bitte um ein Gespräch und will einen ersten Termin vereinbaren.

Das Treffen findet schließlich in einem Raum der Staatsanwaltschaft statt, der regelmäßig auf »Wanzen«, die klassische Abhörtechnik, überprüft wird. Ein freundlicher, junger Geistlicher in ziviler Kleidung stellt sich Capaldo vor. Nach einigen einleitenden Floskeln zeigt er sich von der zunehmenden medialen »Aufregung« um das Grab von De Pedis besorgt. Doch noch handelt es sich nur um ein erstes vermittelndes Treffen, zum gegenseitigen Abtasten. Es ist Anfang November 2011, man verabredet sich zu einem weiteren Gespräch in einigen Wochen.

Dem jungen Geistlichen wird von hohen Würdenträgern im Vatikan geraten, sich bei den nächsten Treffen freundlich und zuvorkommend zu verhalten, um in Vorbereitung auf den entscheidenden Schritt eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Beim nächsten Gespräch im Dezember bringt er seinen »Schmerz« über Emanuelas Verschwinden zum Ausdruck, vor allem aber sein »Unbehagen« angesichts der »Verdächtigungen« und der »üblen Nachrede« durch Personen, die die Angelegenheit instrumentalisieren, um der »Kirche Schaden zuzufügen«. Insbesondere kommt er mehrfach auf die wiederholten Indiskretionen und Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Grab von De Pedis in der Krypta und dem 1990 von Kardinal Ugo Poletti unterzeichneten Vertrag zu sprechen, der eine überraschende Nähe des Vatikans zu einer berühmten Mafiafamilie erkennen lässt und erschreckende Fragen aufwirft.

»Entschuldigung, aber warum betten Sie den Leichnam nicht einfach um?«, fällt ihm Capaldo provokant ins Wort. Der Geistliche blickt ihm direkt in die Augen: »Sie ahnen ja nicht, wie oft wir das erwogen haben. Die offene Wunde könnte so natürlich heilen und die bösen Zungen würden endlich schweigen. Aber das geht leider nicht: Der Vertrag mit der Familie wurde von Kardinal Poletti unterzeichnet, es ist ein offizieller Vertrag. Wir können doch nicht die Unterschrift eines Kardinals zurücknehmen!« Capaldo rümpft beinah unmerklich die Nase. Aus seinen Akten geht hervor, dass der Vatikan dafür mehr als 500 Millionen Lire erhalten hat. Eine erkleckliche Summe, die erheblich über den 37 Millionen Lire liegt, die von De Pedis’ Witwe genannt wurden.[5]

Capaldo hört zu und zeigt sich verständnisvoll. Er wartet ab und drängt nicht, und dafür schätzt man ihn in der Kurie. Der Geistliche fühlt sich schon bald rundum wohl, und als er schließlich vom zweiten Treffen zurückkehrt, fasst er sich ein Herz und eilt zum Papstpalast, ins Büro des Staatssekretariats, um seinen Oberen von der vertrauensvollen Beziehung zu erzählen, die er zu dem Oberstaatsanwalt aufbauen konnte. Im Vatikan hält man nunmehr den Moment für gekommen, zu verhandeln und einen Deal anzubieten.

Die Wende erfolgt nach den Weihnachtsferien 2011. Als das Auto mit den getönten Scheiben durch den Hauptausgang des Vatikans, Porta Sant’Anna, rollt und zum nächsten Treffen im Gericht am Piazzale Clodio fährt, sitzt auf der Rückbank ein anderer Gesprächspartner. Im ersten Stock der Staatsanwaltschaft erscheint diesmal ein älterer Herr, ein hochrangiger Prälat aus dem Staatssekretariat, ein Vertrauter von Kardinal Bertone.

Das Gespräch unter vier Augen, von dem bis heute nur wenige wissen, dauert nicht einmal eine halbe Stunde. Aber das reicht, um die beiden entscheidenden Punkte des Deals auszuhandeln, die wir hier endlich öffentlich machen wollen. Der erste Punkt ist keine Überraschung: Um Ruhe in den Fall De Pedis zu bringen, bittet der Vatikan die Staatsanwaltschaft, alles Nötige in die Wege zu leiten, damit der Leichnam von De Pedis auf den städtischen Friedhof Verano umgebettet werden kann. Zu lange schon regt sich Unmut in der Öffentlichkeit, die es bis heute kaum fassen kann, dass ein Mafioso zwischen Heiligen und Seligen bestattet wird. Der Prälat erläutert noch einmal, was schon der jüngere Geistliche gesagt hat: Der Heilige Stuhl habe keine Wahl und könne von sich aus keine Umbettung beschließen, weil man so der Entscheidung des römischen Kardinalvikars widersprechen würde, was unweigerlich Kritik und Protest hervorrufen würde.

Doch der zweite Punkt des Deals kommt überraschend und unerwartet, wie ein Sprung ins Ungewisse. Der Prälat holt tief Luft, schaut in die Ferne und wählt jedes Wort mit Bedacht. Was die Staatsanwaltschaft denn als Gegenleistung verlange, will er wissen, der Heilige Stuhl sei bereit, jede, wirklich jede Bitte sorgfältig zu prüfen.

Capaldo kann seine Überraschung kaum verbergen, ist aber dennoch nicht um eine Antwort verlegen. Als Gegenleistung verlangt er zuverlässige, konkrete Informationen, die zum Leichnam von Emanuela Orlandi oder zumindest zu dem Grab führen, wo sie gelegen hat. Der Prälat weist sein Ansinnen keineswegs zurück oder geht auf Distanz. Er schweigt einen Moment. »In diesem Fall muss ich erst mit meinem Vorgesetzten sprechen, dem Staatssekretär«, sagt er dann und verabschiedet sich mit den Worten: »Ich gebe Ihnen Bescheid.«

Nachdem die Ermittler im Fall Orlandi jahrzehntelang im Dunkeln getappt und irreführenden Spuren gefolgt sind, haben sie zum ersten Mal das Gefühl, die Lösung könne zum Greifen nah sein. Doch nichts von diesen Unterredungen darf an die Öffentlichkeit dringen, dann wäre das Gespräch mit dem Vatikan sofort beendet. Und die Zeitungen vermelden in den nächsten Tagen tatsächlich nichts darüber. Jetzt heißt es, auf den nächsten Gesprächstermin zu warten. Die Verhandlungen haben begonnen.

Dem italienischen Staat und seiner Staatsanwaltschaft sind solche Verhandlungen nicht fremd. Nicht zum ersten Mal kommt es im Zuge schwieriger Ermittlungen zu einem Deal. Von der Entführung Aldo Moros über den Fall Ciro Cirillo und die »Achille Lauro« oder die Entführungen der ’Ndrangheta, bei denen Lösegelder gezahlt und auf die geheimen Geldtöpfe des damaligen Geheimdienstes Sisde zurückgegriffen wurde, bis hin zu den aktuellen Entführungen von internationalen Mitarbeitern in Kriegsgebieten wusste man geheime Verhandlungen zu nutzen, um den Ermittlungen die entscheidende Wende zu geben.[6] Doch noch nie hatte der Vatikan den ersten Schritt getan, um einen Deal über Interessen zu erreichen, die bislang unvereinbar schienen: auf der einen Seite die Interessen des Vatikans, der ein Ende der Negativschlagzeilen über das Verhalten von Kirchenvertretern wünschte, und auf der anderen die der italienischen Justiz, die sich Aufschluss über die an einem Entführungs- und Mordfall Beteiligten erhoffte.

Selbst nach dem Zusammenbruch der Banco Ambrosiano und der vereitelten Festnahme des Präsidenten der Vatikanbank, Paul Casimir Marcinkus, hatte sich der Vatikan der Zusammenarbeit mit der italienischen Justiz verweigert. Jede Aufforderung dazu, jede Bitte um Kooperation war wie gegen die Wand gesprochen. So hatte man etwa auf das Rechtshilfeersuchen, also die Bitte um juristische Unterstützung, hinsichtlich der riesigen Bestechungssummen des Unternehmens Enimont, die in der Vatikanbank gewaschen wurden, nur nichtssagend und irreführend geantwortet. Auf die Fragen zum Mord an dem Bankier Roberto Calvi hatte man ebenso wenig reagiert wie auf die nach dem Verschwinden von Emanuela Orlandi. Und wenn doch eine Antwort gekommen war, dann waren die Ermittlungen jedes Mal ins Stocken und schließlich in eine Sackgasse geraten. Da man nur seine Zeit damit vergeudete, fragte die Staatsanwaltschaft mittlerweile gar nicht mehr beim Vatikan nach. Doch jetzt begann offenbar eine neue Epoche. Das Verhandlungsangebot ließ bei dem heiklen und schwierigen Fall hoffen.

Das nächste, entscheidende Treffen, das ich am Anfang des Kapitels schon erwähnt habe, findet nicht mehr in der Staatsanwaltschaft, sondern am Heiligen Stuhl statt. Der Prälat geht gemächlich im hinteren Teil des ersten Saals der Vatikanischen Bibliothek auf und ab, als sein Gast angekündigt wird. Er wendet ihm bewusst noch einen Moment lang den Rücken zu, dann dreht er sich leicht zur Seite, die Silhouette, mit gesenktem Kopf, lässt ein angedeutetes Lächeln erkennen. Sein Gast ist angespannt, das sieht er. Capaldo ist ein wenig außer Atem, als er auf den Prälat zugeht, instinktiv rückt er den Krawattenknoten zurecht. Seit einigen Wochen leitet er die römische Staatsanwaltschaft, da der Leitende Oberstaatsanwalt Antonio Ferrara gerade in Pension gegangen und der oberste Richterrat noch keinen Nachfolger ernannt hat. Er befindet sich in einer schwierigen, völlig neuen Lage, als er nun auf die Antwort wartet, die endlich die Wende für die Ermittlungen bringen könnte.

Man begrüßt sich, es sind die gängigen Floskeln, dann Schweigen. Die beiden Männer stehen sich in einem Raum gegenüber, der Ehrwürdigkeit ausstrahlt, der ideale Ort für ein Geheimtreffen, wie sie glauben. Der Prälat spricht als Erster, aber sagt zunächst nicht, auf was sein Gegenüber so brennend wartet. Stattdessen holt er zu einer längeren Einleitung aus, in der er durchblicken lässt, dass die hohen Prälaten der Kurie eingehend über die Sache nachgedacht haben. Doch schließlich fährt er mit einer für den Vatikan völlig neuen Offenheit fort: »Wir nehmen das Angebot an, wie letztes Mal besprochen. Sie bekommen, was Sie möchten … zuverlässige Beweise für das, wonach sie suchen.« 

Da war sie endlich, die Absprache. Das war der »Deal«: für die eine Seite die aufsehenerregende, allerdings unvollständige Wahrheit über Emanuela Orlandi – keine Täternamen, wohl aber Informationen, die zur Leiche führen würden – und für die andere Seite endlich Ruhe im Fall De Pedis, der dem Heiligen Stuhl großes Unbehagen bereitete. Der Leichnam würde auf Initiative der römischen Justiz umgebettet werden. Man besiegelt den Deal mit einem Handschlag, der mindestens so viel wert ist wie eine Unterschrift, und verabschiedet sich in der festen Überzeugung, sich aus einer für beide Seiten inakzeptablen, festgefahrenen Situation befreit und das Bestmögliche für sich herausgeholt zu haben.

Schon bald sollte der Optimismus der beiden Männer allerdings durch neue Ereignisse unterminiert werden. Sie kannten die Risiken eines solchen Deals sehr wohl, aber was nur wenige Wochen später geschehen sollte, konnten sie nicht ahnen.

Was sich in der Basilika verbirgt

Der per Handschlag besiegelte Deal bestätigt für die Ermittler vieles, was sie bisher nur vermutet haben, zudem gewinnen sie ein paar neue Erkenntnisse. Die Absprache beweist, dass der Schlüssel zum Verschwinden und mutmaßlichen Mord an Emanuela Orlandi im Vatikan liegt. Der Heilige Stuhl verfügt offenbar über entscheidende Informationen, die die Ermittler noch nicht kennen, und scheint auf einmal gewillt, das jahrzehntelang gut gehütete Geheimnis zu lüften. Hier drängt sich natürlich eine Frage auf: Wieso ist man in der Kurie plötzlich bereit, konkrete Informationen weiterzugeben, sofern nur der Leichnam von De Pedis umgebettet wird? Die Ermittler hegen den Verdacht, dass den Vatikan eigentlich nicht so sehr das skandalträchtige Begräbnis von De Pedis in der Krypta von Sant’Apollinare beunruhigt, sondern dass noch ein ganz anderes Geheimnis der Basilika wie ein Damoklesschwert über dem Vatikan schwebt. Hinter der Sorge wegen der peinlichen Bestattung verbirgt sich augenscheinlich eine noch viel größere, schlimmere Sorge. Der Medienskandal, den das Begräbnis ausgelöst hat, scheint beinah nur ein Vorwand, um einen weitaus größeren Skandal zu verhindern. Davon sind die Ermittler überzeugt. Wenn der Vatikan bereit ist, den hohen Preis der Überführung auf sich zu nehmen, dann, so denken sie, verbergen sich in der Basilika vielleicht noch ganz andere Geheimnisse.

Unterdessen führt die Nachricht über die Durchsuchung der Basilika und der Krypta, die vonseiten der Staatsanwaltschaft an die Presse gelangt ist, in jenen Märzwochen 2012 zu hitzigen Diskussionen. Mancherorts wird behauptet, die Basilika gehöre zum Vatikan und dürfe von der italienischen Polizei gar nicht durchsucht werden. Keine unerhebliche Frage. Sollte die Kirche nämlich wirklich auf vatikanischem Staatsgebiet liegen oder außerhalb davon zum vatikanischen Hoheitsgebiet gehören, dürfte die italienische Polizei sie weder durchsuchen noch das Grab von De Pedis öffnen oder dort graben. Diese Ansicht wird selbst von bedeutenden Regierungsmitgliedern vertreten. So sagt etwa die damalige Innenministerin Annamaria Cancellieri, also ausgerechnet die oberste Polizeichefin, »die Basilika von Sant’Apollinare liegt auf vatikanischem Boden und somit außerhalb des italienischen Staatsgebiets«. Das entspricht allerdings nicht den Tatsachen. Die Basilika Sant’Apollinare und ihr Nachbargebäude, in dem sich die Schule befindet, stehen nicht auf vatikanischem Boden, sondern sind Eigentum der katholischen Kirche und unterliegen in rechtlicher Hinsicht den Lateranverträgen.[7] Hatte sich die Ministerin also einfach geirrt? Wenn ja, dann war es jedenfalls ein befremdlicher Irrtum. Man sollte doch meinen, dass die Nummer eins der italienischen Sicherheitsbehörden wusste, dass Sant’Apollinare lediglich von Steuererleichterungen profitierte.

Und die Ermittler wundern sich noch über einen anderen verblüffenden Zufall. Nur acht Monate nach dem ungewöhnlichen Begräbnis von De Pedis am 18. Dezember 1990 hatte der Vatikan beschlossen, die Basilika aufzugeben und an die Prälatur des Opus-Dei-Ordens zu vermieten. Kardinal Giovanni Lajolo, heute Präsident des Verwaltungsrats der römischen Privatuniversität Lumsa (Libera Università Maria Santissima Assunta), hatte den Vertrag mit dem Opus Dei unterzeichnet und gesegnet. Und der mächtige Opus-Dei-Orden, der unter Papst Johannes Paul II. erheblich an Einfluss gewonnen hatte, wusste scheinbar genau, was er mit der Basilika wollte. Schon nach einem Monat wurden größere »Sanierungsmaßnahmen« angekündigt.[8] Und Rektor Vergari? Wurde sofort gekündigt. Am 26. August 1991 sprach Kardinal Camillo Ruini die »Kündigung« aus, mit einer Frist von fünf Tagen.[9] Die Gebäude wurden im Zuge der angekündigten Maßnahmen umfassend restauriert und saniert. »Von den Umbaumaßnahmen war die gesamte Basilika betroffen«, erklärte mir der neue Rektor Don Pedro Huidobro, mit dem ich im Winter 2012 in der Basilika sprach, »davon ausgenommen war nur der kleine Raum, in dem Enrico De Pedis begraben lag.«[10] Die Ermittler hegen den Verdacht, dass durch die Restaurierungsmaßnahmen die Spuren einer furchtbaren Vergangenheit beseitigt wurden.[11]

Der Deal platzt

Der neue Chef der römischen Staatsanwaltschaft, Giuseppe Pignatone, tritt sein Amt am 19. März 2012, um elf Uhr, an. Er kommt aus Kalabrien und bringt reichlich Erfahrung mit Mafiafällen mit. Die ersten Tage vergehen wie im Flug, mit zahlreichen neuen Kollegen, die er kennenlernen, zivilen Behörden, bei denen er sich vorstellen, und einem Büro, das er in Besitz nehmen muss. Pignatone interessiert sich nicht übermäßig für den Fall Orlandi; er weiß, dass dieser bei Oberstaatsanwalt Capaldo und Staatsanwältin Maisto in erfahrenen Händen ist. Zwei Wochen später wird sich das allerdings schlagartig ändern. Am 2. April sickern aus der Ermittlungsbehörde Informationen durch, die klingen, als richteten sie sich direkt an den Vatikan. Die Meldung wird von den Presseagenturen umgehend verbreitet, versehen mit Sternchen: besonders wichtig. Die erste Meldung scheint noch unverfänglich. Die Agentur Ansa schreibt klar und deutlich: »Orlandi. Staatsanwaltschaft Rom: Wir werden das Grab von De Pedis nicht öffnen. Wie von den Ermittlern im Fall Emanuela Orlandi verlautet, gibt es keine Planungen, das Grab von Enrico De Pedis zu öffnen.«

Doch die zweite Meldung erregt großes Aufsehen: »Laut der Ermittler wissen einige im Vatikan, wer für das Verschwinden von Emanuela Orlandi verantwortlich ist.« Der Leiter des Presseamts des Heiligen Stuhls, Federico Lombardi, lässt die Ansa-Meldungen sofort ins Staatssekretariat schicken. Dort werden die Mienen ernst. Einerseits meint man zwar überwiegend, die Staatsanwaltschaft wolle damit lediglich ihre Unentschiedenheit zum Ausdruck bringen: Wir wissen nicht, wie wir weiter vorgehen sollen, aber wenn nötig, werden wir das Grab natürlich öffnen. Andererseits sieht man darin auch einen überraschenden Schachzug der Ermittler, mit dem öffentlich gesagt wird, dass die Wahrheit in dem Fall Orlandi im Vatikan zu suchen sei. Eine schwere Anschuldigung, die ungeahnte Folgen nach sich zieht und die, zumindest offiziell, drastische Reaktionen auslöst. Der Opus-Dei-Rektor Huidobro, der sich reinwaschen will, lässt die Presse umgehend wissen, dass die Ermittler das Grab jederzeit, auch morgen schon, gern öffnen könnten.[12]

Beim römischen Gericht fällt die Reaktion noch drastischer aus. Nicht einmal 24 Stunden später reißt der neue Chef der Staatsanwaltschaft Pignatone die Ermittlungen entrüstet an sich – ohne sich mit seinen Ermittlern abzusprechen oder sie auch nur um eine Erklärung für die Indiskretionen zu bitten. Ab jetzt koordiniert er die Ermittlungsarbeiten. Und nicht nur das. Er gibt auch eine Pressemitteilung heraus, in der sich die Behörde offiziell von den Indiskretionen distanziert: »Erklärungen und Bewertungen zum Verfahren im Fall Orlandi, die von manchen Presseorganen nicht näher bezeichneten Ermittlern der römischen Staatsanwaltschaft zugeschrieben werden, entsprechen nicht der Meinung der Behörde.« In der Staatsanwaltschaft steuert man unversehens auf eine unvermeidliche Kehrtwende zu. Aber es kommt noch schlimmer.

Einige Tage später, am 24. April, erklärt Pignatone in einer weiteren Pressemitteilung, die auch diesmal nicht mit seiner rechten Hand Capaldo oder mit Simona Maisto abgestimmt ist, dass man das Grab von De Pedis öffnen werde. Am 14. Mai beginnt man mit der polizeilichen Durchsuchung der Basilika, und nur einen Monat später, am 18. Juni, wird der Leichnam umgebettet. Die bisherigen Ermittler sind in erster Linie verwundert. Angesichts der vom Vatikan signalisierten Informationsbereitschaft erscheint ihnen die Umbettung des Leichnams ohne entsprechende Gegenleistung wie ein Geschenk an den Vatikan. Sie befürchten, zu Recht, wie sich dann zeigen wird, dass der Vatikan sich nun bedeckt halten und seine entscheidenden Pflichten aus dem geheimen Deal nicht mehr erfüllen werde. Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft wirkt auf die Ermittler wie die Rücknahme der Strategie, die zu der Geheimabsprache geführt hatte.

Was war passiert? Ganz einfach: Der Vatikan ist groß, und in ihm leben sehr unterschiedliche Seelen. Als sich im Fall Orlandi eine konkrete Wende ankündigte, wurde ein Plan entwickelt, um den Deal platzen zu lassen. Bedeutende Kurienmitglieder, die auch sonst keine Gelegenheit ungenutzt ließen, instrumentalisierten die Indiskretionen in der Presse und den Personalwechsel in der Staatsanwaltschaft, um der drohenden Offenheit des Vatikans einen Riegel vorzuschieben.

Die Ermittler um Capaldo fragen sich nun, wie ehrlich der Deal vonseiten des Vatikans überhaupt gemeint war. Sie gehen die einzelnen Schritte, die zum Deal geführt hatten, noch einmal durch, kommen aber am Ende zweifelsfrei zu dem Schluss: Die Kurie war ernsthaft an einer Zusammenarbeit interessiert. Die Bitte um ein Treffen kam direkt aus dem Vatikan und das Verhandlungsangebot von einem ranghohen Kurienmitglied, das im Grunde genommen sagte: »De Pedis muss unbedingt umgebettet werden. Was verlangt ihr dafür, das in die Wege zu leiten?« Schwer vorstellbar, dass die beiden Prälaten ein doppeltes Spiel spielten und die Ermittler täuschen wollten, eher ist plötzlich jemand auf den Plan getreten, der den Deal zum Scheitern bringen wollte. Aber wer? Ein Rätsel. Ein bedeutsamer Aspekt in diesem Zusammenhang ist allerdings unzweifelhaft.

Nur wenige Wochen vor Pignatones Entscheidung lässt der Kommandant der vatikanischen Gendarmerie, Domenico Giani, eine umfangreiche Verteidigungsschrift zum Fall Orlandi in die Papstwohnung im Apostolischen Palast schicken. Georg Gänswein, Privatsekretär von Papst Benedikt XVI., liest sie mit Interesse, erwähnt sie gegenüber dem Papst und legt sie schließlich im Geheimarchiv ab. Der geheime Bericht spricht die Kurie von jeder Verantwortung frei, nennt aber gleichzeitig einige mittlerweile verstorbene Personen, die in die Entführung verwickelt gewesen seien. Es ist unglaublich: In dem Bericht des Vatikans werden mehrere Personen namentlich aufgeführt, die in die Entführung der jungen Emanuela involviert waren. Vielleicht erklärt das auch, warum Johannes Paul II. – auf den schlechten Rat von Leuten hin, denen an einer Vertuschung lag – sofort eine internationale Spur angedeutet hatte, die sich später als haltlos erwies. Unter den Mitarbeitern des Papstes herrscht dennoch der Verdacht, dass das Dokument, das im kleinen Kreis zirkulierte, nur der bereinigte Teil eines umfangreichen Geheimberichts war, der im Archiv des Staatssekretariats lagerte.

Die Staatsanwaltschaft hatte schon Ende 2010 erstmals von einem Bericht im Fall Orlandi gehört: durch den betagten Kurienbischof Francesco Salerno. Salerno, von Paul VI. zum Überzähligen Geheimkämmerer Seiner Heiligkeit ernannt, hatte es später zum Staatsrat sowie zum Sekretär der Präfektur für die ökonomischen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls gebracht und wusste über alles in der Kurie bestens Bescheid. In seinen letzten Lebensjahren, er starb im Januar 2017, war er unermüdlich auf der Suche nach der Wahrheit und pflegte daher Kontakte zu verschiedenen Ermittlern der römischen Staatsanwaltschaft. Darum wusste man dort auch, dass der Vatikan den Behörden Unterlagen vorenthielt und diese vermutlich in zwei Versionen existierten: Während eine bereinigte Version nur einem kleinen Kreis bekannt war, war eine andere, umfangreichere möglicherweise in den Händen derjenigen Person, die jetzt nicht wollte, dass der per Handschlag besiegelte Deal umgesetzt wurde.

Es konnte sein, dass die bereinigte Version, die man in die Papstwohnung schickte, dazu diente, auf geschickte Weise zuzugeben, dass im Vatikan einige Bescheid wussten. Da der dort namentlich genannte Kardinal mittlerweile tot war, würde das Dokument auf jeden Fall in eine Sackgasse führen. Es wurde mit anderen Worten deutlich gemacht, dass dem heutigen Vatikan keine Schuld zuzuschreiben sei. Damit schlug der Vatikan eine dem Deal exakt entgegengesetzte Richtung ein, denn so würde die Schuldfrage wohl zu den Akten gelegt werden, ohne dass es den Vatikan irgendetwas kostete. Allerdings war die Verteidigungsschrift nur ein Teil der Wahrheit und zudem manipuliert. Obwohl die Staatsanwaltschaft schon lange davon wusste, hatte sie diese daher zu keinem Zeitpunkt als Gegenleistung in dem Deal verlangt.

Das Kloster hinter der Petersdomkuppel

Zweifellos muss man den Deal im Fall Orlandi auch vor dem Hintergrund der damaligen Umstände sehen. Benedikt XVI. würde in Kürze seinen Rücktritt ankündigen. Offiziell unternahm er den außergewöhnlichen Schritt zwar erst im Februar 2013, aber den Entschluss dazu hatte er, wie wir nachweisen können, schon Monate zuvor gefasst. Wann genau, wissen wir nicht, aber ehe der deutsche Papst damit vor die Weltöffentlichkeit treten würde, wollte er die Kirche, wie man annehmen muss, auf den schwierigen Moment vorbereiten. Und dazu gehörte zweifellos auch der Versuch, besonders heikle Probleme der Kirche bis dahin zu lösen. Es kann kein Zufall sein, dass das Verhandlungsangebot im Fall Orlandi und die plötzliche Dringlichkeit, über das Grab von De Pedis zu entscheiden, ausgerechnet in die schwierige Zeit vor der Rücktrittsankündigung des Papstes fallen. Dafür spricht auch, dass der Privatsekretär des Papstes, Prälat Gänswein, über die Verhandlungen mit der römischen Staatsanwaltschaft mit Sicherheit Bescheid wusste und einen Bericht darüber erhielt. Er hat den Deal zwar nicht genehmigt, aber die monatelangen Gespräche zwischen den Parteien, die diesem vorangegangen waren, befürwortet und begünstigt. Ob aus persönlicher Überzeugung oder mit dem Segen von Benedikt XVI., wissen wir nicht, aber es scheint doch eher unwahrscheinlich, dass der Privatsekretär des Papstes den Dialog zwischen Staatsanwaltschaft und Heiligem Stuhl unterstützt, ohne den Papst darüber zu informieren und dessen Einverständnis einzuholen. Angesichts des Fingerspitzengefühls, das Gänsweins Führungsposition verlangt, kann man das wohl ausschließen. Wie anders ließe sich auch der Eifer erklären, mit dem das Umfeld von Benedikt XVI. in dieser Angelegenheit vorging? Der Papst wollte ein für alle Mal einen Schlussstrich unter diese hässliche Geschichte ziehen.

Ein bislang unbekanntes Ereignis, über das hier erstmals berichtet wird, deutet in jedem Fall darauf hin, dass Benedikt XVI. seine Rücktrittsentscheidung nicht erst auf seiner Mexiko- und Kubareise im März 2012 traf, wie vom Vatikan angegeben, sondern schon Monate zuvor. Die Salesianerinnen, die turnusmäßig im römischen Kloster Mater Ecclesiae zu Gast waren, erhielten nämlich bereits im Winter 2011/2012, also zeitgleich mit dem Verhandlungsangebot vonseiten des Vatikans, eine ebenso überraschende wie erschreckende Nachricht. In dem 1992 unter Johannes Paul II. errichteten Kloster in unmittelbarer Nähe des Petersdoms beteten verschiedene Schwesternorden im Wechsel für den Papst. Doch auf einmal sollten die Salesianerinnen die zwölf Zellen und den heiß geliebten Garten, in dem sie mit großer Leidenschaft biologischen Anbau betrieben, vorzeitig verlassen. Verständlicherweise zeigten sie sich darüber nicht wenig erstaunt, woraufhin man ihnen erklärte, leider sei eine Renovierung der gesamten Anlage nunmehr unumgänglich. Dabei war das Gebäude noch keine zwanzig Jahre alt, und die Nonnen, die dort beteten, studierten und den Garten pflegten, hatten auch keinerlei Anlass zur Beschwerde gesehen. Doch selbstverständlich wehrten sie sich nicht, sondern zogen sich lieber zum Gebet zurück. Laut dem Statut von Mater Ecclesiae, das ab 1994 einen jeweils fünfjährigen Aufenthalt verschiedener Schwesternorden vorsah, hätten sie dort eigentlich bis Ende 2014 in Klausur leben sollen. Die Klarissinnen waren als Erste bis Ende 1999 dort gewesen, dann die Unbeschuhten Karmeliterinnen und danach die Benediktinerinnen. Die Salesianerinnen, vom Orden von der Heimsuchung Mariens, waren Ende 2009 gekommen. Doch plötzlich sollte alles anders sein. Die Nonnen sollten Mater Ecclesiae verlassen und in andere Klöster des Ordens auf der ganzen Welt umziehen. Die Renovierungsarbeiten sollten schon im November beginnen, und Anordnungen von oben war unbedingt Folge zu leisten.