Erdbeermond - Marian Keyes - E-Book

Erdbeermond E-Book

Marian Keyes

4,5
9,99 €

Beschreibung

Mithilfe ihrer liebenswert-verrückten Familie versucht Anna Walsh, ihr Leben nach einem schweren Schlag wieder in den Griff zu bekommen. Eine erschütternde Enthüllung, zwei Geburten und ein kleines Wunder später ist sie schon fast am Ziel.

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Seitenzahl: 743

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Anybody Out There?bei Michael Joseph, einem Imprint von Penguin Books

Copyright © 2006 by Marian Keyes Copyright © 2006 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH Redaktion: Angelika RauchSatz: Christine Roithner Verlagsservice, BreitenaichISBN 978-3-641-11933-1

V003

www.heyne.de

www.randomhouse.de

PROLOG

Auf dem Umschlag war kein Absender – ein bisschen seltsam, fand ich. Ich war sofort leicht beunruhigt. Und dann noch mehr, als ich meinen Namen und meine Adresse sah …

Eine vernünftige Frau würde so einen Brief nicht aufmachen. Eine vernünftige Frau würde ihn in den Papierkorb werfen und keinen weiteren Gedanken daran verschwenden. Aber wann war ich, abgesehen von einer kurzen Zeit zwischen neunundzwanzig und dreißig, jemals vernünftig gewesen? Also machte ich ihn auf.

Es war eine Karte zum Aufklappen, ein Aquarell mit einer Vase welk wirkender Blumen. Und so dünn, dass ich spürte, dass etwas darin lag. Geld, dachte ich. Aber das war reiner Sarkasmus, ohnehin war niemand da, der mich hören konnte, und ich sagte es nur in meinem Kopf. Aber es stimmte, es war etwas in der Karte: ein Foto. Warum schickte mir jemand ein Foto? Ich hatte doch schon massenhaft. Dann sah ich, dass ich mich irrte. Es war gar nicht von ihm. Und da verstand ich alles.

Teil Eins

EINS

Mum riss die Wohnzimmertür auf und verkündete: »Morgen, Anna, Zeit für deine Tabletten.«

Sie versuchte, mit forschen Schritten durchs Zimmer zu kommen wie die Krankenschwestern, die sie in Krankenhausserien gesehen hatte, aber das Zimmer war so voll gestellt mit Möbeln, dass sie sich dazwischen durchquetschen musste, um zu mir zu gelangen.

Als ich acht Wochen zuvor nach Irland zurückgekommen war, konnte ich wegen meines kaputten Kniegelenks keine Treppen steigen, und deshalb hatten meine Eltern mir unten im Guten Wohnzimmer ein Bett aufgebaut.

Man darf sich nicht täuschen, das ist eine große Ehre: Unter normalen Umständen durften wir das Zimmer nur zu Weihnachten betreten. Die restliche Zeit spielten sich alle familiären Aktivitäten  – fernsehen, Schokolade essen, zanken – in der engen umgebauten Garage ab, die großspurig als Fernsehzimmer bezeichnet wurde. Doch als mein Bett im GWZ installiert wurde, war nirgendwo Platz für die anderen Sachen – Sofas mit Quasten, Sessel mit Quasten. Jetzt sah das Zimmer wie ein Möbellager aus, wo Millionen von Sofas auf engstem Raum zusammengepfercht stehen, sodass man praktisch auf ihnen entlangklettern musste wie auf Felsblöcken am Strand.

»Also gut, mein Fräulein.« Mum guckte auf ein Blatt Papier, auf dem meine medizinische Versorgung genau verzeichnet war – Antibiotika, Entzündungshemmer, Antidepressiva, Schlaftabletten, hochkarätige Vitamintabletten, Schmerzmittel, die ein sehr angenehmes Schwebegefühl hervorriefen, und etwas aus der Valiumfamilie, das sie an einem geheimen Ort versteckt hatte.

Die verschiedenen Packungen und Gläser standen auf einem Tischchen mit reichen Verzierungen – mehrere Porzellanhunde von beispielloser Hässlichkeit waren verbannt worden, um Platz für die Medizin zu machen, und saßen jetzt auf dem Boden, von wo sie mich vorwurfsvoll anstarrten –, und Mum fing an, mit den Dingen zu hantieren, Kapseln aus der Folie zu drücken und Tabletten aus Gläsern zu schütteln.

Freundlicherweise war mein Bett in den Fenstererker gestellt worden, damit ich auf das vorüberziehende Leben draußen blicken konnte. Nur dass das nicht ging, denn vor dem Fenster hing eine Gardine, die so unverrückbar war wie eine Metallwand. Nicht physisch, muss man verstehen, sondern gesellschaftlich unverrückbar: Wenn man in den Vororten Dublins die Stores anhob, um einen Blick auf das »vorüberziehende Leben« zu werfen, war das ein gesellschaftlicher Fauxpas, vergleichbar damit, dass man die Hausfassade schiaparellirosa anmalte. Außerdem gab es kein vorüberziehendes Leben. Außer … durch die Netztrennwand bemerkte ich an den meisten Tagen eine ältere Dame, die immer an unserem Gartentor stehen blieb und ihren Hund an den Pfosten pinkeln ließ. Manchmal sah es so aus, als ob der Hund, ein süßer schwarz-weißer Terrier, gar nicht pinkeln wollte, aber anscheinend bestand die Frau darauf.

»Gut, mein Fräulein.« Mum hatte mich, bevor das alles passierte, nie »Fräulein« genannt. »Jetzt nimmst du die.« Sie schüttete mir eine Hand voll Pillen in den Mund und gab mir ein Glas Wasser. Eigentlich war sie sehr freundlich, obwohl ich vermutete, dass sie nur eine Rolle spielte.

»Herr im Himmel«, sagte eine Stimme. Das war meine Schwester Helen, die gerade von ihrer Nachtarbeit nach Hause kam. Sie stand in der Tür zum Wohnzimmer, ließ den Blick über all die Quasten streifen und sagte: »Wie hältst du das nur aus?«

Helen ist die jüngste von uns fünf Schwestern und wohnt immer noch im Haus unserer Eltern, obwohl sie schon neunundzwanzig ist. Doch warum sollte sie ausziehen, fragt sie oft, wenn sie mietfreie Unterkunft hat, Kabelfernsehen und einen eingebauten Chauffeur (Dad). Das Essen war natürlich, das gab sie zu, ein Problem, aber mit so etwas kann man umgehen.

»Hi, Schatz, da bist du ja«, sagte Mum. »Wie war’s bei der Arbeit?«

Nach verschiedenen Berufswechseln ist Helen – das erfinde ich nicht, ich wünschte, es wäre erfunden – Privatdetektivin. Das klingt natürlich viel gefährlicher und aufregender, als es ist, denn ihre Arbeit beschränkt sich meistens auf den industriellen und den »familiären« Bereich – wo sie Beweise sammeln muss, wenn ein Mann eine Affäre hat. Ich würde das ja entsetzlich deprimierend finden, aber sie sagt, ihr mache das nichts aus, sie habe schon immer gewusst, dass Männer echte Arschgeigen seien.

Sie verbringt eine Menge Zeit damit, mit ihrem Teleobjektiv in feuchtem Gebüsch zu sitzen, um einen fotografischen Beweis davon zu bekommen, wie die Ehebrecher ihr Liebesnest verlassen. Sie könnte in ihrem schönen, warmen, trockenen Auto sitzen bleiben, aber da schläft sie zu oft ein und kriegt nichts mit.

»Mum, ich habe solchen Stress«, sagte sie, »kann ich mal ein Valium haben?«

»Nein.«

»Mein Hals tut wahnsinnig weh. Ganz schlimm. Ich gehe ins Bett.«

Weil Helen so viel im feuchten Gebüsch sitzt, bekommt sie oft Halsschmerzen.

»Ich bringe dir gleich ein Eis, Süße«, erwiderte Mum. »Aber sag mir doch, ich halte es gar nicht mehr aus, hast du den Beweis?«

Mum findet Helens Arbeit ganz toll, fast so toll wie meine, und das will viel heißen. (Anscheinend habe ich den Fantastischsten Job In Der Welt™.) Manchmal, wenn etwas für Helen sehr langweilig oder sehr beängstigend ist, begleitet Mum sie. Da war zum Beispiel der Fall der verschwundenen Frau. Helen musste in der Wohnung der Frau nach Indizien suchen (Flugschein nach Rio und so weiter, als ob …), und Mum ging mit, weil sie sich zu gern die Häuser anderer von innen ansieht. Sie sagt, es sei erstaunlich, wie schmutzig es bei Leuten ist, wenn sie keinen Besuch erwarten. Für sie ist das eine enorme Erleichterung, weil ihr Haus weit davon entfernt ist, ein Schmuckkästchen zu sein. Weil Mum plötzlich ein Leben hatte, das, wenn auch nur sehr vorübergehend, wie ein Krimi verlief, hat sie über die Stränge geschlagen und versucht, die Tür zu der Wohnung der Verschwundenen mit der Schulter einzudrücken – obwohl, und das kann ich gar nicht genug betonen, Helen den Schlüssel hatte. Und obwohl Mum wusste, dass sie ihn hatte. Die Schwester der Verschwundenen hatte ihn ihr gegeben, und Mum hatte nach ihren Bemühungen lediglich eine ziemlich lädierte Schulter.

»Es ist nicht wie im Fernsehen«, klagte sie anschließend und massierte sich das Schultergelenk.

Dann, Anfang des Jahres, versuchte jemand, Helen umzubringen. Insgesamt reagierte die Familie nicht schockiert, weil so etwas Schreckliches passiert war, sondern erstaunt, dass es nicht viel eher passiert war. Dabei handelte es sich eigentlich um gar keinen Mordversuch. Jemand hatte einen Stein durch das Fenster des Fernsehzimmers geworfen, als gerade East Enders lief – wahrscheinlich einer der Teenager aus dem Viertel, der seinem Gefühl jugendlicher Entfremdung Luft machte, aber im nächsten Moment war Mum schon am Telefon und erzählte, jemand wolle Helen »Angst einjagen« und erreichen, dass sie den »Fall niederlege«. Da es sich bei dem »Fall« um einen kleinen Bürobetrug handelte, für dessen Aufklärung Helen von dem Arbeitgeber gebeten wurde, versteckte Kameras aufzustellen, weil er herausbekommen wollte, ob seine Angestellten Druckerpatronen stahlen, schien das eher unwahrscheinlich. Aber warum sollte ich ihnen die Show vermasseln – und nichts anderes hätte ich getan: Die beiden sind so theatralisch, sie fanden es richtig aufregend. Außer Dad, aber das lag daran, dass er die Scherben zusammenfegen und mit Tesafilm eine Plastikplane über das Loch kleben musste, bis der Glaser kam, das war ungefähr sechs Monate später. (Ich vermute, dass Mum und Helen in einer Fantasiewelt leben und denken, dass irgendwann jemand vorbeikommt, der ihr Leben in eine wahnsinnig erfolgreiche Fernsehserie umwandelt, in der sie – das ist ja klar – sich selbst spielen.)

»Ja, ich habe ihn gekriegt. Ding-dong! Gut, ich gehe jetzt ins Bett.« Aber sie streckte sich auf einem der Sofas aus. »Der Mann hat mich im Gebüsch entdeckt, als ich ihn fotografieren wollte.«

Mum schlug die Hand vor den Mund wie jemand im Fernsehen, wenn er Besorgnis ausdrücken will. »Nicht so schlimm«, sagte Helen. »Wir haben uns ein bisschen unterhalten. Er hat nach meiner Telefonnummer gefragt. Mistbock«, fügte sie noch mit beißendem Spott hinzu.

Das muss man Helen lassen: Sie ist schön. Männer, auch die, die sie im Auftrag ihrer Frauen beschattet, sind von ihr eingenommen. Obwohl ich drei Jahre älter bin, sehen wir uns sehr ähnlich: Wir sind klein und haben langes schwarzes Haar, und im Gesicht sehen wir fast gleich aus. Mum verwechselt uns manchmal, besonders, wenn sie ihre Brille nicht aufhat. Aber im Gegensatz zu mir hat Helen eine magische Anziehungskraft. Sie funktioniert auf ihrer ganz eigenen Frequenz, die Männer bannt; vielleicht ist es so wie mit der Trillerpfeife, die nur Hunde hören können. Wenn Männer uns beide kennen lernen, bemerkt man gleich ihre Verwirrung. Man kann sehen, was sie denken: Sie ähneln sich so sehr, aber diese Helen ist verführerisch wie eine Droge, und diese Anna ist einfach so na ja … Das hilft den Männern aber gar nicht. Helen prahlt damit, dass sie nie verliebt gewesen ist, und das glaube ich ihr. Sie hat keine Zeit für Gefühle und nur Spott für alle und jeden.

Sogar Luke, Rachels Freund – jetzt Verlobter. Luke ist ein dunkler Typ und so sexy und männlich, dass ich Angst habe, mit ihm allein zu sein. Ich meine, er ist ein lieber Kerl, richtig lieb, aber, na ja … durch und durch Mann. Ich finde ihn faszinierend und abstoßend zugleich, falls das einen Sinn ergibt, und sogar Mum – ich würde sagen, sogar Dad – findet ihn sexuell attraktiv. Aber nicht Helen.

Plötzlich packte Mum mich am Arm – zum Glück am nicht gebrochenen – und zischte mit vor Aufregung bebender Stimme: »Guck! Da ist Jolly Girl Angela Kilfeather. Mit ihrer Jolly-Girl-Freundin! Sie sind zu Besuch!« Angela Kilfeather war die exotischste Person, die je in unserer Straße lebte. Na, eigentlich stimmt das nicht ganz, meine Familie ist dramatischer, angesichts kaputter Ehen und Selbstmordversuchen und Drogenabhängigkeit und Helen, aber Mum benutzt Angela Kilfeather als obersten Maßstab: So schlimm ihre Töchter auch sein mögen, wenigstens sind sie keine Lesben, die Zungenküsse mit ihren Freundinnen austauschen.

(Helen hat mal mit einem Inder gearbeitet, der das Wort »gay« falsch als »jolly« wiedergab. Das hat sich derart durchgesetzt, dass fast alle, die ich kenne – einschließlich all meiner schwulen Freunde –, jetzt Schwule als »Jolly Boys« bezeichnen. Und immer mit einem indischen Akzent. Da war es nur logisch, dass Lesben zu »Jolly Girls« gemacht wurden, auch das mit einem indischen Akzent gesprochen.)

Mum linste mit einem Auge durch den Gardinenspalt. »Ich kann nichts sehen, gib mir mal dein Fernglas«, befahl sie Helen, die es aus ihrem Rucksack holte – es aber nicht aus der Hand gab. Es kam zu einem kurzen, intensiven Handgemenge. »Gleich ist sie WEG«, sagte Mum inständig. »Lass mich mal sehen.«

»Versprich, mir ein Valium zu geben, und die Gabe der Fernsicht ist dein.«

Mum steckte in der Klemme, aber sie traf die richtige Entscheidung.

»Das geht nicht, das weißt du«, entgegnete sie streng. »Ich bin deine Mutter, es wäre unverantwortlich.«

»Bitte, dann nicht«, sagte Helen, blickte durch das Fernglas und murmelte: »Großer Gott, sieh dir das an!« Dann: »Meine Güte! Ding-dong! Was hast du vor? Eine Jolly-Girl-Mandeloperation?«

ZWEI

Nachdem Mum mich gewaschen hatte, nahm sie den Verband von meinem Gesicht ab wie jeden Tag und hüllte mich in eine Decke. Ich setzte mich in den streichholzschachtelgroßen Garten und sah dem Gras beim Wachsen zu – die Schmerzmittel machten mich träge und heiter – und ließ Luft an meine Wunden.

Der Arzt hatte gesagt, direktes Sonnenlicht sei strengstens verboten, und obwohl die Chance, dass in Irland im April die Sonne scheinen würde, sehr gering war, hatte ich den dummen breitkrempigen Hut auf, den Mum bei der Hochzeit meiner Schwester Claire getragen hatte. Zum Glück war keiner da, der mich sehen konnte. (Notiz an mich – Hier ergibt sich die philosophische Frage nach dem Muster: Wenn im Wald ein Baum umstürzt und es ist niemand da, der es hören könnte, gibt es dann das Geräusch? Und wenn man einen dummen Hut da trägt, wo niemand ihn sehen kann, ist er dann immer noch ein dummer Hut?)

Der Himmel war blau, die Luft ziemlich warm, und alles war sehr angenehm. Ich hörte Helen ab und zu in einem Schlafzimmer im Obergeschoss husten und sah den hübschen Blumen zu, die sich in der leichten Brise nach links neigten, dann nach rechts, dann wieder nach links … Es gab späte Osterglocken und Tulpen und andere rosa Blumen, deren Namen ich nicht wusste. Komisch, dachte ich schwebend, früher hatten wir einen schrecklichen Garten, den schlimmsten in der ganzen Straße, vielleicht sogar den schlimmsten in Blackrock. Jahrelang war er der Müllplatz für rostige Fahrräder (unsere) und leere Johnnie-Walker-Flaschen (auch unsere), und das lag daran, dass wir, im Gegensatz zu anderen anständigeren, arbeitsameren Familien einen Gärtner hatten: Michael, einen schlecht gelaunten, knorrigen alten Mann, der nie etwas tat, außer Mum in die Eiseskälte rauszuholen, wo er ihr erklärte, warum er den Rasen nicht mähen konnte (»Das Ungeziefer kommt durch das gemähte Gras, und dann fällt es tot um.«). Oder warum er die Hecke nicht schneiden konnte (»Die Mauer braucht die Hecke als Stütze, Missus.«). Statt ihn fortzujagen, kaufte Mum ihm die teuersten Kekse, und Dad mähte mitten in der Nacht den Rasen, weil er sich nicht traute, ihn zu beschimpfen. Aber als Dad in den Ruhestand ging, hatten sie einen perfekten Grund, Michael nicht mehr kommen zu lassen. Was er nicht mit Anmut hingenommen hat. Unter großem Gemurmel über Amateure, die den Garten in kürzester Zeit zerstören würden, verließ er uns voller Groll und fand eine neue Beschäftigung bei den O’Mahoneys, wo er unsere Familie verunglimpfte und Mrs. O’Mahoney erzählte, er habe Mum einmal gesehen, wie sie gewaschenen Salat mit einem schmutzigen Geschirrtuch trocknete. Egal, er ist weg, und die Blumen, dank Dads Bemühungen, sind jetzt viel hübscher. Meine einzige Beschwerde ist, dass die Qualität der Kekse stark nachgelassen hat, seit Michael nicht mehr kommt. Aber man kann nicht alles haben, und diese Erkenntnis brachte mich auf ganz andere Gedanken, aber erst als das salzige Wasser meiner Tränen in meine Schnittwunden lief, bemerkte ich, dass ich weinte. Ich wollte wieder nach New York. In den letzten Tagen hatte ich daran gedacht. Ich hatte nicht nur darüber nachgedacht, sondern einen mächtigen Drang verspürt, und mir war plötzlich unverständlich, warum ich nicht schon längst gefahren war. Das Problem war nur, dass Mum und die anderen ausrasten würden, wenn ich es ihnen eröffnete. Ich konnte schon hören, was sie sagen würden – ich müsse in Dublin bleiben, da seien meine Wurzeln, da würde ich geliebt, da würde man »sich um mich kümmern«.

Aber meine Familie »kümmert« sich nicht um einen wie andere, normalere Familien. In meiner Familie glaubt man, die Lösung für jedes Problem sei Schokolade.

Als ich mir vorstellte, wie lang und laut sie protestieren würden, spürte ich einen Anflug von Panik: Ich musste wieder nach New York. Ich musste zu meiner Arbeit zurück. Zu meinen Freunden. Und obwohl ich das niemandem erzählen konnte, weil sie mir dann die Männer in den weißen Kitteln geschickt hätten, musste ich auch wieder zu Aidan.

Ich machte die Augen zu und driftete davon, doch plötzlich, wie mit dem Knirschen einer Kupplung, stürzte ich in eine Erinnerung aus Lärm und Schmerz und Dunkelheit. Ich machte die Augen auf: Die Blumen waren immer noch hübsch, das Gras war noch grün, aber mein Herz klopfte heftig, und ich rang nach Atem.

Das hatte in den letzten paar Tagen angefangen: Die Schmerzmittel wirkten nicht mehr gut so wie am Anfang. Sie ließen schneller nach, und in der weichen, warmen Decke, die sie über mich legten, entstanden scharfe Risse, und das Entsetzen flutete zurück wie Wasser durch einen geborstenen Damm.

Ich erhob mich mühsam und ging ins Haus, wo ich Home and Away ansah, etwas zu Mittag aß (einen halben Käse-Scone, fünf Stückchen Satsuma, zwei Malteser und acht Tabletten), dann legte Mum mir wieder den Verband an, bevor ich zu meinem Spaziergang aufbrach. Das gefiel ihr am besten, wenn sie mit der Medizinerschere schnipselte und Watte und Pflaster zuschnitt, wie der Arzt es ihr gezeigt hatte. Schwester Walsh versorgt die Kranken. Oberschwester Walsh sogar. Ich schloss die Augen. Ihre Fingerspitzen auf meiner Stirn taten mir gut.

»Die kleineren auf meiner Stirn fangen an zu jucken. Das ist doch ein gutes Zeichen, oder?«

»Lass mal sehen.« Sie hob meinen Pony an, um besser sehen zu können. »Ja, die heilen gut«, sagte sie, als wüsste sie, wovon sie sprach. »Ich glaube, wir können den Verband da weglassen. Und von der am Kinn auch.« (Ein kreisrundes Stück Fleisch mitten auf meinem Kinn fehlte seit der Kathastrophe. Das würde sich als günstig erweisen, sollte ich mal Kirk Douglas nachmachen wollen.) »Aber nicht kratzen, Fräulein! Gesichtswunden werden heute so wunderbar versorgt«, sagte sie kenntnisreich und wiederholte, was der Arzt uns erklärt hatte. »Diese Klemmen sind viel besser als Stiche. Nur diese hier«, sagte sie und strich Desinfektionssalbe auf den tiefen, zackigen Schnitt, der über meine ganze rechte Wange lief, dann hielt sie inne, damit ich vor Schmerz zusammenzucken konnte. Diese Wunde wurde nicht mit Klemmen zusammengehalten, sondern mit dramatischen frankensteinartigen Stichen, die aussahen, als hätte jemand mit einer Stopfnadel genäht. Von allen Wunden auf meinem Gesicht war das die einzige, die nicht ganz weggehen würde.

»Dafür gibt es ja plastische Chirurgie«, sagte ich und wiederholte ebenfalls das, was der Arzt gesagt hatte.

»Genau«, stimmte Mum mir zu. Ihre Stimme klang weit entfernt und irgendwie gequetscht. Ich machte schnell die Augen auf. Sie war in sich zusammengesunken und murmelte so etwas wie: »Dein armes kleines Gesicht.«

»Mum, nicht weinen!«

»Ich weine nicht.«

»Gut.«

»Da kommt, glaube ich, Margaret.« Sie wischte sich das Gesicht mit einem Papiertuch ab und ging raus, um über Maggies neues Auto zu lachen.

 

Maggie war gekommen, um mit mir meinen täglichen Spaziergang zu machen. Maggie, die zweitälteste von uns fünfen, war der Sonderling in der Familie Walsh, unser schlimmes Geheimnis, unser weißes Schaf. Die anderen (sogar Mum, wenn sie sich nicht im Zaum hatte) nannten sie eine Arschkriecherin, ein Wort, das mir nicht gefiel, weil es so gemein war, aber zugegebenermaßen passte es gut. Maggie hatte »rebelliert«, indem sie ein ruhiges, geordnetes Leben mit einem ruhigen, geordneten Mann namens Garv führte, den meine Familie viele Jahre lang gehasst hatte. Sie mochte seine Verlässlichkeit nicht, seinen Anstand und vor allem nicht seine Pullover (zu sehr wie die von Dad, war die einhellige Meinung). Aber in den letzten Jahren haben sich die Beziehungen etwas entspannt, besonders seit die Kinder da sind: JJ ist jetzt drei, und Holly ist fünf Monate alt.

Ich muss zugeben, dass ich selbst auch ein paar pulloverbegründete Vorurteile gehabt habe, deren ich mich jetzt schäme, denn vor ungefähr vier Jahren hat Garv mir geholfen, mein Leben umzukrempeln. Ich war an einer ziemlich üblen Wegkreuzung angelangt (mehr darüber später), und Garv war unendlich und unglaublich freundlich zu mir. Er hatte mir sogar eine Stelle in der Steuerkanzlei verschafft, in der er arbeitete, ursprünglich in der Poststelle, aber ich wurde zum Empfang befördert. Dann hat er mich ermutigt, eine Ausbildung anzufangen, und ich habe ein Diplom in Public Relations gemacht. Ich weiß, das ist nicht so beeindruckend wie ein Master in Astrophysik, und eigentlich klingt es ein bisschen wie ein Diplom in Fernsehen oder Süßigkeitenessen, aber wenn ich es nicht bekommen hätte, hätte ich auch meinen derzeitigen Job nicht bekommen, den Fantastischsten Job In Der Welt™. Und ich hätte Aidan nie kennen gelernt.

 

Ich humpelte zur Haustür. Maggie lud die Kinder aus ihrem neuen Auto, einem breiten Kahn, von dem Mum behauptete, er sehe aus, als hätte er Elefantiasis.

Dad war auch draußen und bemühte sich, Mums Verachtung abzumildern, was er zeigte, indem er um das Auto rumging und alle vier Reifen mit einem Tritt prüfte.

»Sieh dir diese Qualität an«, erklärte er und trat noch einmal gegen den Reifen, um seine Aussage zu bekräftigen.

»Sieh dir doch die kleinen Schweinsaugen an!«

»Das sind keine Augen, Mum, das sind die Scheinwerfer«, sagte Maggie, löste einen Gurt und kam mit der kleinen Holly unterm Arm wieder hervor.

»Hättet ihr nicht einen Porsche kaufen können?«, fragte Mum.

»Zu sehr achtziger Jahre.«

»Einen Maserati?«

»Nicht schnell genug.«

Mum hatte – und ich dachte, sie würde sich langweilen – spät im Leben plötzlich ein Verlangen nach schnellen Autos mit Sexappeal entwickelt. Sie guckte Top Gear und wusste (ein wenig) über Lamborghinis und Aston Martins Bescheid.

Maggies Oberkörper verschwand wieder im Auto, und nachdem sie nochmal ein paar Gurte gelöst hatte, kam sie wieder hervor, diesmal mit dem dreijährigen JJ.

Wie Claire (die Schwester, die älter ist als sie) und Rachel (die jünger ist als sie) war Maggie groß und kräftig. Die drei waren offensichtlich aus dem gleichen Genpool wie Mum. Helen und ich sind kurz geraten und sehen erstaunlich anders aus, und ich weiß nicht, woher das kommt. Dad ist nicht besonders klein, er kommt einem nur so vor, weil er so sanftmütig ist.

Maggie hatte sich mit Leidenschaft auf das Muttersein geworfen  – nicht nur, was die Rolle betrifft, sondern auch das Aussehen. Sie sagte immer, das Beste an den Kindern sei für sie, dass sie keine Zeit habe, sich um ihr Aussehen zu kümmern, und sie prahlte, dass sie gar nicht mehr einkaufen gehe. Vergangene Woche hatte sie mir erzählt, dass sie zu Beginn der Frühjahrs- und Herbstsaison zu Marks & Spencer gehe und sich sechs gleiche Röcke, zwei Paar Schuhe – eins mit flachen, eins mit hohen Absätzen – und eine Reihe von Oberteilen kaufe.

»In einer Dreiviertelstunde bin ich wieder draußen«, sagte sie und strahlte. Offenbar hatte sie vergessen, worum es eigentlich ging. Abgesehen von ihrem Haar, das schulterlang und von einem schönen Kastanienbraun war (künstlich, also hatte sie doch noch nicht alles aufgegeben), sah sie noch mehr nach Mama aus als Mum.

»Sieh dir doch ihren langweiligen alten Rock an«, murmelte Mum. »Die Leute denken noch, wir seien Schwestern.«

»Das habe ich gehört«, rief Maggie, »und es ist mir egal.«

»Dein Auto sieht aus wie ein Rhinozeros«, parierte Mum.

»Eben war es noch ein Elefant. Dad, kannst du bitte mal den Buggy aufklappen?«

Dann entdeckte JJ mich und geriet vor Freude ganz aus dem Häuschen. Vielleicht der Reiz des Neuen, aber ich war zurzeit seine Lieblingstante. Er entwand sich Maggies Armen und sauste schnell wie eine Kanonenkugel die Auffahrt hoch. Er warf sich immer gegen mich, und obwohl er vor drei Tagen versehentlich mit seinem Kopf an mein kaputtes Knie gestoßen war, das gerade aus dem Gips gekommen war, und ich mich vor Schmerz übergeben musste, hatte ich ihm verziehen.

Ich hätte ihm alles verziehen, er war ein absoluter Schatz. Wenn er da war, hob das eindeutig meine Stimmung, aber ich versuchte, das nicht zu sehr zu zeigen, weil die anderen sich dann Sorgen gemacht hätten, dass er mir zu lieb wurde, und sie hatten schon genug Sorgen mit mir. Vielleicht hätten sie auch mit den wohlmeinenden Reden angefangen – ich sei ja noch jung, ich könnte noch ein Kind bekommen und so weiter und so weiter –, und ich war mir ziemlich sicher, dass ich mir das nicht anhören wollte.

Ich ging mit JJ ins Haus, um seinen »Spazierhut« zu holen. Als Mum einen breitkrempigen, die Sonne abwehrenden Hut für mich gesucht hatte, war sie auf eine ganze Sammlung schrecklicher Hüte gestoßen, die sie im Lauf der Jahre bei Hochzeiten getragen hatte. Es war fast so schlimm, als hätte sie ein Massengrab aufgemacht. Es waren massenhaft Hüte, einer grotesker als der andere, und JJ hatte sich aus irgendeinem Grund in einen flachen, lackierten Strohhut mit einer Hand voll Kirschen, die von der Krempe baumelten, verliebt. JJ behauptete, es sei ein Cowboy-Hut, aber nichts war weiter von der Wahrheit entfernt. Schon jetzt, im zarten Alter von drei Jahren, zeigte er erfreuliche Ansätze von Exzentrizität – wo sich mit Sicherheit ein rezessives Gen durchsetzte, denn das hatte er nicht von seinen Eltern.

Als wir alle so weit waren, bewegte sich die Kavalkade vorwärts: Ich stützte mich mit meinem heilen Arm auf Dad, Maggie schob Holly im Wagen, und JJ, der Marschall, führte uns an.

Mum machte bei unserem täglichen Ausgang nicht mit und sagte zur Begründung, wir wären dann zu viele und »die Leute würden gucken«. Und tatsächlich verursachten wir einiges Aufsehen: JJ mit seinem Hut und ich mit meinen Verletzungen zogen die Blicke auf uns, und die Jugendlichen aus der Gegend dachten, ein Zirkus sei in der Stadt. Als wir uns der Anlage näherten – es war gar nicht weit, aber mein Knie tat mir so weh, dass sogar JJ mit seinen drei Jahren schneller war als ich –, bemerkte uns einer der Jungs und pfiff vier oder fünf seiner Kumpel herbei. Eine fast sichtbare Erregung ging durch sie hindurch, und sie gaben ihr Vorhaben, zu dem sie Zeitungen und Streichhölzer benutzten, auf und kamen, um uns zu begrüßen.

»Hallo, Frankenstein«, rief Alec, als wir in Hörweite waren.

»Hallo«, erwiderte ich würdevoll.

Das erste Mal, als sie mich so begrüßten, hatte es mich empört. Besonders deshalb, weil sie mir Geld angeboten hatten, wenn ich meinen Verband abnähme und sie meine Verletzungen betrachten ließe. Es war ein bisschen so, als würden sie mich bitten, mein T-Shirt hochzuziehen und ihnen meine Brüste zu zeigen, nur schlimmer. Damals waren mir die Tränen in die Augen geschossen, so schockiert war ich angesichts der Grausamkeit der Menschen, und ich drehte mich um und wollte geradewegs nach Hause gehen. Dann hörte ich, wie Maggie fragte: »Wie viel? Wie viel bezahlt ihr für die schlimmste Wunde?«

Es kam zu einer kurzen Besprechung. »Einen Euro.«

»Gib her«, sagte Maggie bestimmend. Der älteste – er behauptete, dass sein Name Hedwig sei, aber das war ja nicht möglich – gab ihr das Geld und sah sie nervös an.

Maggie prüfte die Münze, indem sie draufbiss, dann sagte sie zu mir: »Zehn Prozent für mich, der Rest ist für dich. Gut, zeig sie ihnen.«

Und ich habe sie ihnen gezeigt – natürlich nicht wegen des Geldes, sondern weil mir klar wurde, dass ich keinen Grund hatte, mich zu schämen. Was mir passiert war, konnte jedem passieren. Danach nannten sie mich immer Frankenstein, aber es war nicht – ich weiß, das klingt seltsam – unfreundlich gemeint.

Diesmal fiel ihnen auf, dass Mum einige Verbände weggelassen hatte. »Die Wunden verheilen ja.« Sie klangen enttäuscht. »Die auf deiner Stirn sind fast alle weg. Jetzt hast du nur noch eine gute auf deiner Wange. Und du kannst wieder schneller gehen, jetzt bist du fast so schnell wie JJ.«

 

Ungefähr anderthalb Stunden lang saßen wir auf der Bank und genossen die frische Luft. Wir machten das seit einigen Wochen, und in der Zeit war das Wetter unirisch trocken gewesen, wenigstens tagsüber. Anscheinend regnete es nur an den Abenden, wenn Helen mit ihrem Teleobjektiv im Gebüsch saß.

Die kleine Träumerei endete, als Holly zu schreien anfing, und Maggie feststellte, sie müsse gewickelt werden, also machten wir uns auf den Rückweg, wo Maggie versuchte, jedoch erfolglos, Mum und dann Dad dazu zu bringen, Holly zu wickeln. Mich fragte sie nicht. Manchmal ist es toll, einen gebrochenen Arm zu haben.

Als sie mit Wischtüchern und Windeltasche beschäftigt war, fischte JJ sich einen rostroten Konturenstift aus meinem (sehr großen) Make-up-Beutel, hielt ihn sich ans Gesicht und sagte: »Wie du.«

»Was meinst du, wie ich?«

»Wie du«, sagte er wieder, berührte meine Schnittwunden und zeigte dann mit dem Stift auf sein Gesicht.

Ach so! Er wollte Narben auf sein Gesicht gemalt haben.

»Aber nur ein paar.« Ich war mir nicht sicher, ob das erlaubt war, deshalb malte ich ihm nur ein paar kleine Schnitte auf die Stirn. »Guck«, sagte ich und hielt ihm den Handspiegel hin. Er gefiel sich so gut, dass er rief: »Mehr!«

»Nur noch eine.«

Er sah sich immer wieder im Spiegel an und verlangte immer neue Verletzungen, dann kam Maggie ins Zimmer, und als ich ihren Gesichtsausdruck bemerkte, bekam ich richtig Angst. »Oh Gott, Maggie, es tut mir Leid. Ich konnte nicht mehr aufhören.«

Doch dann erkannte ich, dass sie nicht böse war, weil JJ wie ein Patchwork-Kissen aussah, sondern sie hatte diesen Flackerblick, weil sie meinen Make-up-Beutel entdeckt hatte. Alle guckten so, aber von ihr hätte ich es nicht erwartet.

Es ist wirklich komisch – trotz des Schreckens und des Kummers der letzten Zeit hat sich fast jeden Tag einer aus meiner Familie an mein Bett gesetzt und gefragt, ob er sich den Inhalt meines Make-up-Beutels ansehen dürfte. Sie waren alle geblendet von meinem fantastischen Job und gaben sich keine Mühe, ihr Erstaunen zu verbergen, dass ausgerechnet ich den Job bekommen hatte. Maggie kam auf meinen Make-up-Beutel zu, als wandele sie im Schlaf. Ihre Hand war ausgestreckt. »Darf ich mal?«

»Bitte, gern. Und da drüben auf dem Boden liegt mein Waschbeutel. Da sind auch ein paar gute Sachen drin, wenn Mum und Helen sie nicht alle rausgenommen haben. Nimm, was du möchtest.«

Wie in Trance nahm Maggie einen Lippstift nach dem anderen aus meinem Kosmetikbeutel. Ich hatte ungefähr sechzehn. Einfach, weil ich das darf.

»Einige sind noch nicht mal aufgemacht worden«, sagte sie. »Wieso haben Helen und Mum sie noch nicht gestohlen?«

»Weil sie die schon haben. Bevor … du weißt schon … bevor das alles passiert ist, hatte ich ein Paket mit den neuen Sommerprodukten geschickt. Deswegen haben sie die meisten schon.«

Zwei Tage nach meiner Ankunft hatten Helen und Mum auf meinem Bett gesessen, waren systematisch durch meine Kosmetika gegangen und hatten fast alles zur Seite gelegt. »Porn Star? Kannst du haben. Multiple Orgasm? Kannst du haben. Dirty Grrrl? Kannst du haben.«

»Von den neuen Sachen haben sie mir gar nichts erzählt«, sagte Maggie traurig. »Dabei wohne ich doch ganz in der Nähe.«

»Oh. Vielleicht haben sie gedacht, dass du wegen deines neuen praktischen Looks nicht an Make-up interessiert bist. Es tut mir Leid, aber wenn ich wieder in New York bin, sorge ich dafür, dass die Sachen persönlich an dich geschickt werden.«

»Wirklich? Danke.« Dann folgte ein scharfer Blick. »Du gehst zurück? Wann? Sei doch vernünftig. Du kannst da nicht wieder hin. Du brauchst die Sicherheit deiner Familie …« Aber sie wurde von einem Lippenstift abgelenkt. »Kann ich den mal probieren? Er ist genau meine Farbe.«

Sie trug ihn auf, presste die Lippen zusammen, bewunderte sich in dem Handspiegel, dann überkamen sie Gewissensbisse. »Entschuldige, Anna. Ich habe versucht, nicht darum zu bitten, die schönen Sachen anzusehen, ich meine, unter den Umständen … Und ich bin entsetzt über die anderen. Wie die Geier! Aber sieh mich an! Ich bin genau so schlimm wie sie.«

»Sei nicht so streng mit dir, Maggie. Wir können alle nichts dafür. Es ist größer als wir.«

»Meinst du? Na gut. Danke.« Sie nahm weiter einen nach dem anderen heraus, schraubte ihn auf, testete die Farbe auf dem Handrücken und schraubte den Stift dann ordentlich wieder zu. Als sie alles ausprobiert hatte, seufzte sie. »Jetzt kann ich mir auch noch die Sachen in deinem Waschbeutel ansehen.«

»Tu das. Da ist ein tolles Vetiver-Duschgel drin.« Ich dachte einen Moment lang nach. »Nein, warte, ich glaube, das hat Dad genommen.«

Sie untersuchte alle Duschgels und Peelings und Bodylotions, schraubte Verschlüsse auf, roch, rieb sich damit ein und sagte: »Du hast wirklich den besten Job der Welt.«

 

 

Mein Job

Ich arbeite in New York als Beauty-PR. Ich bin die Assistentin der Pressefrau von Candy Grrrl – mit die heißeste Marke auf dem ganzen Planeten. (Den Namen kennen Sie bestimmt, und wenn nicht, dann heißt das, dass jemand irgendwo seine Arbeit nicht richtig macht. Ich hoffe, das bin nicht ich.) Ich kann mich an einer schwindelerregenden Palette von Gratisprodukten bedienen. Ich meine schwindelerregend ganz wörtlich: Kurz nachdem ich in dem Job angefangen hatte, kam meine Schwester Rachel, die seit Jahren in New York lebt, eines Abends, nachdem alle nach Hause gegangen waren, in mein Büro, um sich zu überzeugen, dass ich nicht übertrieben hatte. Und als ich den Schrank aufschloss und ihr die vielen, vielen Fächer mit ordentlich aufgereihten Candy Grrrl Gesichtscremes und Porenverkleinerern und Abdeckcremes und Duftkerzen und Duschgels und Grundierung und Rouge zeigte, guckte sie eine sehr lange Zeit und sagte dann: »Ich habe schwarze Punkte vor meinen Augen, das ist kein Witz, Anna, ich glaube, ich werde ohnmächtig.« Das meine ich damit – schwindelerregend  – und das war, bevor ich ihr gesagt habe, sie könne sich etwas aussuchen.

Es wird alles noch um ein Vielfaches toller, weil ich nicht nur die Sachen von Candy Grrrl bekomme. Die Agentur, für die ich arbeite, McArthur on the Park (gegründet und noch immer im Besitz von Ariella McArthur), vertritt dreizehn andere Beauty-Marken, eine köstlicher als die andere, und einmal im Monat haben wir einen Basar im Konferenzzimmer und tauschen offen und ehrlich aus. (Allerdings ist das nicht die offizielle Politik, und wir machen es nie, wenn Ariella da ist, deshalb wäre es mir lieber, es würde nicht darüber gesprochen.)

Abgesehen von den Gratisprodukten gibt es auch andere Vergünstigungen. Weil Perry K ein Kunde von McArthur ist, lasse ich mir bei Perry K die Haare umsonst schneiden und färben. Natürlich nicht von Perry K persönlich, sondern von einem seiner treuen Mitarbeiter. Perry K ist normalerweise gerade in einem Privatjet unterwegs und wird von einem Filmstudio nach Nordkorea oder nach Vanuatu geflogen, wo er einem Filmstar die Haare schneiden soll.

(Nur nebenbei: Friseurbesuch umsonst hört sich toll an, aber auch wenn es undankbar klingt, manchmal habe ich das Gefühl, es ist ein bisschen wie die regelmäßige Gesundheitsprüfung bei Prostituierten: Es scheint freundlich, aber es ist nur eine Versicherung, dass man arbeitstauglich ist. So geht es mir auch, ich habe keine Wahl, was das Haareschneiden angeht. Ich muss dahin, und ich darf nicht bestimmen. Was immer auf dem Catwalk angesagt ist, das kriege ich auch verpasst. Normalerweise pflegeintensive, fedrige Schnitte, was mir das Herz bricht. McArthur hat meine Seele, und das ist schon schlimm, aber auch noch meine Haare …)

Jedenfalls, nach ihrem Besuch hat Rachel sich ans Telefon gehängt und allen zu Hause von dem Schrank mit den Produkten erzählt. Darauf folgte eine ganze Lawine von Anrufen aus Irland. Nahm Rachel wieder Drogen? Oder stimmte es, dass ich ihr all die Kosmetika geschenkt hatte? Und wenn es stimmte, könnten sie auch welche haben? Ich packte sofort eine unanständige Menge von Sachen zusammen und schickte sie nach Irland – zugegeben, ich wollte angeben und beweisen, was für eine Überfliegerin ich war.

Es ist nicht etwa so, dass ich Candy-Grrrl-Produkte tragen darf, ich muss sie sogar tragen. Wir alle müssen die Persönlichkeit der Produkte annehmen, die wir vertreten. Sie müssen es leben, Anna, sagte Ariella eindringlich, als ich den Job bekam. Du musst es leben. Du bist ein Candy Grrrl, jeden Tag, sieben Tage in der Woche, du bist immer dran.

Wenn man Sachen verschickt, ist man angehalten, sie »auszutragen«  – jede Wimpernzange, jeden Lippenbalsam. Aber wenn man sagt, sie sind für den Nebraska Star, zum Beispiel, und in Wirklichkeit schickst du sie an deine Mammy in Dublin, dann prüft das wahrscheinlich keiner nach: Ich bin eine vertrauenswürdige Angestellte.

DREI

Wie ich meinen Job bekommen habe

Nachdem ich mein PR-Diplom hatte, fand ich im Dubliner Pressebüro einer Firma für Billigkosmetika eine Stelle; der Lohn war mies, die Arbeit tierisch – die meiste Zeit musste ich Werbematerial in Umschläge eintüten, und da unsere Taschen jeden Abend durchsucht wurden, hatte ich nicht einmal eine Entschädigung in Form von Gratis-Make-up. Aber ich hatte eine Vorstellung, wie PR sein könnte, dass es Spaß machen und kreativ sein könnte, wenn man am richtigen Ort wäre, und ich hatte schon immer Lust auf New York …

Da ich nicht allein gehen wollte, musste ich nur meine beste Freundin Jacqui davon überzeugen, dass sie auch Lust auf New York hatte.

Eigentlich machte ich mir keine großen Hoffnungen. Jacqui war seit Jahren so wie ich – ganz und gar ohne Berufspläne. Die meiste Zeit hatte sie im Hotelgewerbe gearbeitet, wo sie alles von der Bar bis zur Rezeption gemacht hatte, bis sie eines Tages ohne ihr eigenes Zutun eine gute Stelle bekam: Sie wurde VIP-Concierge in einem Fünf-Sterne-Hotel in Dublin. Wenn Leute aus dem Showbusiness in der Stadt waren, stand sie ihnen zur Verfügung: Wonach sie auch fragten – Bonos Telefonnummer, jemand, mit dem sie nach Ladenschluss einkaufen gehen konnten, einen Doppelgänger, um die Presse abzuschütteln –, Jacqui musste es organisieren. Niemand, besonders Jacqui nicht, konnte begreifen, wie es dazu gekommen war, schließlich hatte sie keine Qualifikationen, aber was sie auszeichnete, war ihre Persönlichkeit, denn sie war umgänglich, praktisch und ließ sich von Mistkerlen nicht beeindrucken, auch von berühmten nicht. (Sie sagt, die meisten berühmten Leute seien entweder Zwerge oder Ekel oder beides.)

Ihr Aussehen könnte zu ihrem Erfolg beigetragen haben. Sie beschreibt sich selbst als einen blonden Weberknecht, und sie war zugegebenermaßen sehr schlaksig. Sie war so groß und dünn, dass alle ihre Gelenke – Knie, Hüften, Ellbogen, Schultern – aussahen, als wären sie mit einem Schraubenschlüssel gelockert worden, und fast konnte man glauben, dass ein unsichtbarer Marionettenführer sie an Fäden tanzen ließ. Deshalb fühlten Frauen sich von ihr nicht bedroht. Aber weil sie so aufgeschlossen war und eine dreckige Lache hatte und ein unglaubliches Durchhaltevermögen, wenn sie lange aufbleiben und feiern musste, fühlten sich Männer mit ihr wohl.

Die Berühmtheiten, die nach Dublin kamen, kauften ihr oft teure Geschenke. Am besten war es, erzählte sie, wenn sie mit einem von ihnen einen Einkaufsbummel machte, denn wer erst haufenweise Zeug für sich gekauft hatte, bekam Gewissensbisse und kaufte ihr auch etwas. Meistens süße kleine Designer-Klamotten, in denen sie fantastisch aussah.

Sie war ein echter Profi und ließ sich nie – oder wenigstens selten  – mit einer männlichen Berühmtheit ein (und nur dann, wenn derjenige sich gerade von seiner Frau getrennt hatte und »trostbedürftig« war), aber manchmal ließ sie sich mit einem aus der Entourage ein. Die waren normalerweise schrecklich, aber das schien ihr zuzusagen. Ich glaube, ich habe nicht einen ihrer Partner gemocht.

An dem Abend, als wir uns trafen und ich ihr meinen Vorschlag unterbreiten wollte, erschien sie, fröhlich, strahlend und so schlaksig wie eh und je, in einem Versace-Mantel, in irgendwas von Dior und irgendwas anderem von Chloé, und mein Mut verließ mich. Warum sollte sie diese Arbeit aufgeben? Aber da sieht man mal wieder.

Bevor ich dazu kam, New York zu erwähnen, gestand sie, dass sie die überbezahlten Stars und ihre dummen Ansprüche leid sei. Ein Schauspieler, der Oscarpreisträger war, machte ihr gerade das Leben schwer, weil er behauptete, ein Eichhörnchen starre zum Hotelfenster hinein und verfolge jede seiner Bewegungen. Was Jacqui daran auszusetzen hatte, war nicht die kleingeistige Einstellung, etwas dagegen zu haben, dass ein Eichhörnchen ihm zuguckte, sondern dass das Zimmer im fünften Stock war – da gab es kein Eichhörnchen. Sie hatte die Nase voll von Berühmtheiten, sagte sie. Sie wollte was ganz anderes machen, wieder ganz von vorn anfangen, den Armen und Kranken dienen, möglichst in einer Leprakolonie.

Das waren ausgezeichnete, wenn auch überraschende Neuigkeiten, und es war der perfekte Zeitpunkt, die Anträge auf Arbeitserlaubnis in den USA aus der Tasche zu ziehen. Zwei Monate später winkten wir Irland zum Abschied zu.

Nach unserer Ankunft in New York wohnten wir ein paar Tage bei Rachel und Luke, doch das erwies sich als weniger gute Idee: Jedes Mal wenn Jacqui Luke sah, brach ihr der Schweiß aus, und zwar so stark, dass sie an Austrocknung litt.

Weil Luke so fantastisch aussieht, benehmen sich die Leute in seiner Gegenwart etwas merkwürdig. Sie glauben, dass an ihm irgendwie mehr sein müsste, als tatsächlich da ist. Aber im Grunde genommen ist er einfach ein normaler, anständiger Kerl, der das Leben hat, das er sich wünscht, mit der Frau, die er sich wünscht. Er hat eine Gruppe von Freunden, die so ähnlich aussehen wie er, obwohl keiner so umwerfend ist, und unter dem Sammelbegriff »die Echten Männer« bekannt sind. Sie sind der Auffassung, dass die letzte gute Platte 1975 rauskam (Physical Graffiti von Led Zeppelin) und alles andere seither kompletter Schwachsinn war. Für sie besteht ein unterhaltsamer Abend darin, dass sie zu einem Luftgitarren-Wettbewerb gehen – so etwas gibt es, ehrlich –, und obwohl alle gute Amateure sind, hat nur einer, Shake, wirkliches Talent und es damit bis zum Regionalfinale gebracht.

Jacqui und ich machten uns auf Arbeitssuche, aber Jacqui hatte das Pech, dass keine Leprakolonie Leute einstellen wollte. Innerhalb einer Woche hatte sie einen Job in einem Fünf-Sterne-Hotel in Manhattan, wo sie die gleiche Arbeit tat wie in Dublin.

Wie das Leben so spielt, traf sie den Eichhörnchen-Mann wieder, der sich nicht mehr an sie erinnerte und ihr wieder die Geschichte von dem Eichhörnchen, das ihm nachspionierte, auftischte. Nur dass es diesmal nicht im fünften, sondern im siebenundzwanzigsten Stock war.

»Ich wollte etwas ganz anderes machen«, sagte sie zu Rachel, Luke und mir, als sie nach dem ersten Arbeitstag nach Hause kam. »Ich weiß nicht, wie das passiert ist.«

Eigentlich lag es auf der Hand: Sie war offenbar mehr von der glitzernden Glamour-Welt fasziniert, als sie es sich eingestehen wollte. Doch das konnte man ihr nicht sagen. Jacqui hatte keine Zeit für Reflektion, die Dinge waren so, wie sie waren. Was als Lebensphilosophie auch seine Vorzüge hat – zwar liebe ich Rachel sehr, aber manchmal habe ich das Gefühl, ich kann mich nicht mal am Kinn kratzen, ohne dass sie darin eine versteckte Bedeutung sieht. Andererseits hat es keinen Zweck, Jacqui zu erzählen, dass man deprimiert ist, denn dann sagt sie jedes Mal: »Nein! Was ist denn passiert?« Aber meistens ist gar nichts passiert, man ist einfach nur deprimiert. Und wenn man versucht, ihr das zu erklären, erwidert sie: »Aber worüber bist du denn deprimiert?« Und dann sagt sie: »Lass uns ausgehen und irgendwo ein Glas Champagner trinken. Wozu sollen wir hier rumsitzen und Trübsal blasen?«

Jacqui ist der einzige Mensch, der noch nie Antidepressiva genommen hat oder bei einem Therapeuten war; sie glaubt kaum daran, dass es PMS gibt.

Noch gerade rechtzeitig, bevor Jacqui Muskelkrämpfe kriegte, wegen Mineralmangel, weil sie Luke so viel angestarrt hatte, fanden wir eine Wohnung. Ein Studio (das heißt ein Zimmer) in einem baufälligen Block in der Lower East Side. Es war winzig klein und extrem teuer, und die Dusche war in der Küchennische, aber wenigstens waren wir in Manhattan. Wir hatten auch nicht vor, viel Zeit da zu verbringen, aber so hatten wir einen Schlafplatz und eine Adresse – einen Fuß in der Tür, in dieser nackten Stadt. Zum Glück verstanden Jacqui und ich uns gut und hielten es miteinander in dieser Enge aus, obwohl Jacqui manchmal in Bars Männer aufriss, nur damit sie mal wieder in einer normalen Wohnung schlafen konnte.

 

Ich meldete mich sofort bei mehreren vornehmen Arbeitsvermittlungen an und legte meinen eindrucksvollen, nur wenig ausgeschmückten Lebenslauf vor. Ich ging zu ein paar Vorstellungsgesprächen, bekam aber kein Angebot und wollte schon anfangen, mir Sorgen zu machen, als ich eines Dienstagmorgens einen Anruf bekam, ich solle mich umgehend bei McArthur on the Park vorstellen. Anscheinend musste die vorige Inhaberin des Jobs in aller Eile »nach Arizona« (NYC-Jargon für »zur Entziehungskur»), und sie brauchten dringend jemanden auf Zeit, weil eine wichtige Präsentation bevorstand.

Ich hatte schon von Ariella McArthur gehört, weil sie – wie alle anderen auch – eine PR-Legende ist: um die fünfzig, aufgedonnert, mit Schulterpolstern, herrschsüchtig, ungeduldig. Es ging das Gerücht, dass sie nachts nur vier Stunden schlief (später stellte sich jedoch heraus, dass sie das Gerücht selbst in die Welt gesetzt hatte).

Ich zog also mein Kostüm an, machte mich auf den Weg und entdeckte, dass das Büro tatsächlich am Central Park liegt (achtunddreißigster Stock, und der Blick von Ariellas Büro ist berauschend, aber da man nur in ihr Allerheiligstes vorgelassen wird, um sich zurechtstutzen zu lassen, kann man ihn nicht richtig genießen).

Alle rannten hysterisch durch die Gegend, niemand sprach mit mir, jeder kreischte Befehle, dass ich etwas kopieren und etwas anderes zusammenkleben solle, und trotz dieser schäbigen Behandlung war ich geblendet von den Marken, die McArthur vertrat, und den hochkalibrigen Kampagnen, die sie lancierten, und ich dachte: Ich würde alles darum geben, hier zu arbeiten.

Anscheinend hatte ich die richtigen Dinge zusammengeklebt, denn man sagte mir, ich solle am nächsten Tag wiederkommen, am Tag der Präsentation selbst, als alle noch überdrehter waren.

Um drei Uhr nachmittags nahmen Ariella und ihre nächsten Mitarbeiter ihre Positionen an dem Tisch im Konferenzzimmer ein. Ich war auch da, aber nur, falls jemand etwas dringend brauchte  – Wasser, Kaffee, die Stirn gewischt. Ich hatte Anweisungen, nicht zu sprechen. Ich durfte Blickkontakt aufnehmen, aber ich durfte nicht sprechen.

Während wir warteten, hörte ich, wie Ariella mit gedämpfter, aber eindringlicher Stimme zu Franklin, ihrem Stellvertreter, sagte: »Wenn ich diesen Kunden nicht kriege, werde ich zur Mörderin.«

Für diejenigen, die die Candy-Grrrl-Geschichte nicht kennen  – und weil ich seit so langer Zeit damit lebe, vergesse ich manchmal, dass es Leute gibt, die sie nicht kennen –, Candy Grrrl nahm seinen Anfang mit einer Maskenbildnerin namens Candace Biggly. Sie fing an, ihre eigenen Produkte herzustellen, wenn sie die gewünschte Farbe und Beschaffenheit nicht kriegen konnte, und das machte sie bald so gut, dass die Models, die sie schminkte, ganz scharf darauf waren. Langsam sickerte von den Fabelhaften an der Spitze durch, dass Candace Bigglys Zeug etwas Besonderes war – der Hype hatte begonnen.

Dann kam der Name. Zahllose Leute, einschließlich meiner eigenen Mutter, erzählten, dass »Candy Grrrl« der Spitzname war, den Kate Moss sich für Candace ausgedacht hatte. Es tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber das stimmt nicht. Candace und ihr Ehemann George (ein Schleimer) beauftragten eine teure Werbeagentur, die den Namen (wie auch das Logo mit dem schmollenden Mädchen) erfand, aber die Kate-Story ist in die Volksmythologie eingegangen, und warum soll sie da nicht bleiben.

Langsam schlich sich der Name in die Beauty-Seiten der Zeitschriften ein. Dann wurde ein kleines Geschäft in der Lower East Side eröffnet, und Frauen, die sich zuvor niemals südlicher als die 44ste Straße gewagt hatten, pilgerten nach Downtown. Dann wurde ein weiteres Geschäft eröffnet, diesmal in L. A., dann eins in London und eins in Tokio, und dann passierte das Unvermeidbare: Candy Grrrl wurde von der Devereaux Corporation gekauft, für eine nicht veröffentlichte achtstellige Summe. (Elf Komma fünf Millionen, falls es Sie interessiert, ich fand das letzten Sommer in irgendwelchen Unterlagen. Nicht dass ich danach gesucht hätte, ich stieß zufällig darauf. Ehrlich.) Plötzlich gehörte Candy Grrrl zum Mainstream und war in den Kosmetikabteilungen von Saks, Bloomingdale’s, Nordstrom zu finden – in allen großen Kaufhäusern. Jedoch waren Candace und George mit den PR-Leuten von Devereaux nicht zufrieden, weshalb sie einige der größten Agenturen in New York einluden, sich für die PR zu bewerben.

»Sie kommen zu spät«, sagte Franklin und spielte nervös mit einer kleinen Perlmutt-Pillendose. Am Morgen hatte ich gesehen, wie er, nicht besonders diskret, ein halbes Xanax eingeworfen hatte, und ich vermutete, dass er die zweite Hälfte nehmen wollte.

Dann hatte Candace, überraschend unauffällig, ihren Auftritt und sah überhaupt nicht wie Candace aus – braune Haare ohne Schnitt, schwarze Leggings und, was besonders seltsam war, ohne einen Klecks Make-up. George hingegen konnte als gut aussehend und charismatisch durchgehen – jedenfalls hielt er sich dafür.

Ariella begann mit einer höflichen Begrüßung, aber George schnitt ihr das Wort ab und verlangte »Ideen«.

»Wenn Candy Grrrl Ihr Kunde wäre, was würden Sie machen?« Er zeigte mit dem Finger auf Franklin.

Franklin stammelte etwas von Präsenz von Berühmtheiten in der Öffentlichkeit, aber bevor er ausgeredet hatte, ging George schon zum Nächsten über. »Und Sie, was würden Sie machen?«

Er ging von einem zum anderen am Tisch und bekam die üblichen standardmäßigen PR-Vorschläge zu hören: Präsenz in der Öffentlichkeit, redaktionelle Beiträge, Einladung an alle Beauty-Redakteurinnen an eine fantastische Location – zum Beispiel auf den Mars.

Als er zu mir kam, versuchte Ariella ihm verzweifelt zu verstehen zu geben, dass ich ein Nichts sei, ein Niemand, ein besserer Roboter, aber George bestand darauf. »Sie arbeitet für Sie, oder? Wie heißen Sie? Anna? Was für Ideen haben Sie?«

Ariella war entsetzt. Und noch entsetzter, als ich sagte: »Ich habe am Wochenende in einem Geschäft in Soho so große Wecker gesehen.«

Dies hier war eine Präsentation, um einen Millionen-Dollarstarken Kunden zu gewinnen, und ich redete von meinem Einkaufsbummel am Wochenende. Ariella hob die Hand an die Kehle, wie eine viktorianische Dame, die im Begriff ist, in Ohnmacht zu fallen.

»Es waren spiegelverkehrte Wecker«, erklärte ich. »Alle Zahlen waren spiegelverkehrt auf dem Zifferblatt, und die Zeiger gingen in die falsche Richtung, liefen also rückwärts. Das heißt, wenn man die Zeit wissen will, muss man sich den Wecker im Spiegel ansehen. Ich stelle mir vor, dass es die perfekte Methode wäre, um für Ihre Time-Reversal Day Cream zu werben. Wir könnten einen Slogan haben wie: ›Sehen Sie in den Spiegel, wir drehen die Zeit zurück.‹ Je nach der Kalkulation, könnten wir ein Kundengeschenk an der Einkaufstheke haben.« (Nebenbei bemerkt für diejenige, die vorankommen möchte: Man sage nie »Kosten«, sondern immer »Kalkulation«. Warum, weiß ich nicht, aber wenn man »Kosten« sagt, wird man nicht ernst genommen, während die breit gestreute Verwendung von »Kalkulation« einem bei den Wichtigen in der Branche Tür und Tor öffnet.)

»Wow«, sagte George. Er setzte sich und blickte in die Runde. »Wow. Das ist fantastisch. Die originellste Idee, die ich hier heute gehört habe. Einfach, aber … sehr wow! Sehr Candy Grrrl.« Er und Candace wechselten Blicke.

Die Anspannung am Tisch veränderte sich: Einige entspannten sich, andere wurden noch angespannter. (Ich sage »andere«, aber ich meine Lauryn.) Dabei muss ich sagen: Ich hatte nicht geplant, eine tolle Idee zu haben, es war nicht meine Schuld, es kam einfach so raus. Ich gebe allerdings zu, dass ich am Abend zuvor bei Saks reingegangen war und eine CG-Broschüre mitgenommen hatte, um mich über ihre Produkte zu informieren.

»Sie könnten sogar überlegen, den Namen zu Time-Reversal Morning Cream zu ändern«, schlug ich vor. Aber ein kleines, heftiges

VIER

Das Abendessen bei der Familie Walsh bestand aus einem indischen Take-away, und ich habe gut gegessen: einen halben Zwiebel-Bhaji, eine Garnele, ein Stück Hühnchen, zwei Okras (eigentlich sind die recht groß), ungefähr fünfunddreißig Reiskörner, und anschließend neun Pillen und zwei Rolos.

Die Mahlzeiten waren stumme Kämpfe, bei denen Mum und Dad mich mit gezwungener Fröhlichkeit ermunterten, noch eine Gabel Reis, noch ein Stück Schokolade, noch eine Vitamin-E-Kapsel (anscheinend verhindert das die Narbenbildung) zu nehmen.

Von der Madras-Schlacht erschöpft, zog ich mich in mein Zimmer zurück. Etwas in mir arbeitete sich an die Oberfläche: Ich musste mit Aidan sprechen.

Ich sprach mit ihm in meinen Fantasien, aber jetzt musste es mehr sein, ich musste seine Stimme hören. Warum war das bisher nicht geschehen? Weil ich verletzt und im Schockzustand war? Oder weil ich von den Schmerzmitteln lahm gelegt war? Ich sah bei Mum, Dad und Helen rein, die ganz vertieft in einen Fernsehkrimi waren – einen von der Art, den sie sich von ihrem eigenen Leben gedreht wünschen. Sie winkten mich herein und fingen an, auf dem Sofa zusammenzurutschen, damit ich Platz haben würde, aber ich sagte: »Nein, mir geht’s gut, ich wollte nur …«

»Wunderbar! Toll!«

Ich hätte alles Mögliche sagen können: »Ich stecke jetzt das Haus in Brand«, oder: »Ich gehe mal zu den Kilfeathers auf einen flotten Dreier mit Angela und ihrer Freundin«, und sie hätten das Gleiche erwidert. Sie waren in einem völlig unerreichbaren Zustand, ähnlich wie in Trance, und da würden sie ungefähr die nächste Stunde auch bleiben. Ich machte die Tür fest zu, nahm das Telefon von der Basisstation im Flur und ging in mein Zimmer.

Ich starrte das kleine Gerät an: Telefone waren mir immer irgendwie magisch vorgekommen, weil sie die unwahrscheinlichsten und geografisch entferntesten Verbindungen herstellen. Ich weiß, dass es gute Erklärungen dafür gibt, wie es funktioniert, aber es hat mich immer erstaunt, wie es möglich ist, dass Menschen auf verschiedenen Seiten des Atlantiks miteinander sprechen können.

Mein Herz klopfte heftig in meiner Brust, und ich war voller Erwartung – Erregung sogar. Wo sollte ich versuchen, ihn zu erreichen? Nicht bei der Arbeit, da könnte jemand anders drangehen. Sein Handy war die beste Möglichkeit. Ich wusste nicht, was damit war, vielleicht hatte er es ausgestellt, aber als ich die Nummer eingetippt hatte, wie tausendmal zuvor, gab es ein Klicken, und dann kam seine Stimme. Nicht seine Stimme in echt, sondern seine Ansage, aber das reichte, um mir den Atem zu verschlagen.

»Hi, Aidan hier, ich kann den Anruf leider nicht entgegennehmen, aber wenn Sie mir auf Band sprechen, rufe ich so bald wie möglich zurück.«

»Aidan«, hörte ich mich sagen. Meine Stimme klang wacklig. »Ich bin’s. Geht es dir gut? Rufst du mich bitte wirklich an, sobald es geht? Bitte.« Was noch? »Ich liebe dich, Schatz. Ich hoffe, das weißt du.«

Ich beendete die Verbindung und fühlte mich zittrig, schwindlig, ohne festen Grund unter den Füßen. Ich hatte seine Stimme gehört. Doch nach wenigen Sekunden war ich am Boden zerstört. Eine Nachricht auf seine Mailbox zu sprechen, war nicht genug.

Ich könnte eine Mail schicken. Aber das wäre auch nicht genug. Ich musste wieder nach New York und ihn dort finden. Es bestand die Möglichkeit, dass er nicht da war, aber ich musste es versuchen, denn eins war sicher: Hier war er nicht.

FÜNF

Wie ich Aidan kennen lernte

Vorletzten August bereitete Candy Grrrl den Start einer neuen Hautpflegeserie vor, die Future Face heißen sollte (die Augencreme hieß Future Eye, der Lippenbalsam hieß Future Lip, man kann sich schon ein Bild machen …). Da ich immer auf der Suche war nach neuen und innovativen Methoden, Beauty-Redakteurinnen zu umschmeicheln, hatte ich mitten in der Nacht eine Eingebung: Ich dachte nämlich, ich würde jeder Redakteurin eine »Zukunft« kaufen, die zu dem Zukunftsthema der Produktpalette passte. Die offensichtliche »Zukunft« wäre ein persönliches Horoskop, doch die Idee hatte es schon bei unserem »Sehen-Sie-sich-in-zehn-Jahren-Serum« gegeben, dem gegen die Zeit arbeitenden Serum, und es hatte mit Tränen geendet, als die Redaktionsassistentin von Britta in ihrem Horoskop las, dass sie ihren Job verlieren und ihr Hund in den nächsten vier Wochen weglaufen würde. (Es zeigte sich dann, dass der Hund bei ihr blieb, aber dass sie ihren Job tatsächlich verlor, worauf sie sich beruflich völlig umorientierte, und jetzt arbeitet sie an der Rezeption im Plaza.)

Ich beschloss also stattdessen, diese Investment-Dinger zu kaufen, die »Futures« heißen. Ich hatte keine Ahnung, was das wirklich war, außer dass ich gehört hatte, dass Leute von der Wall Street Millionen von Dollar damit machten. Es war jedoch aussichtslos, einen Termin bei einem Wall Street Futures Analysten zu bekommen, selbst wenn ich bereit gewesen wäre, tausend Dollar für jede Sekunde seiner Zeit zu bezahlen. Ich probierte es bei mehreren und bekam jedes Mal eine Abfuhr. Inzwischen bedauerte ich, dass ich die Idee gehabt hatte, aber ich hatte Lauryn gegenüber damit geprahlt, und ihr gefiel der Einfall, sodass ich gezwungen war, mich durch alle minder berühmten Banken durchzuarbeiten, bis ich endlich einen Stockbroker in einer Bank in Midtown fand, der bereit war, mich zu empfangen, nachdem ich Nita, seiner Assistentin, tonnenweise Gratisproben geschickt und mehr versprochen hatte, wenn sie mir einen Termin verschaffte.

Also machte ich mich auf den Weg, nicht ohne die seltene Gelegenheit zu nutzen, so viele verrückte Accessoires wie möglich abzulegen.

Ich will das erklären: Alle Pressefrauen bei McArthur müssen die Persönlichkeit der Marke, die sie vertreten, annehmen. Die Mädels, die für EarthSource arbeiten, zum Beispiel, waren alle ein bisschen jutemäßig und naturbelassen, während die vom Bergdorf-Team wie Carolyn-Bessett-Kennedy-Klone waren, so bleichgesichtig, blondhaarig und superfein und irgendwie nicht von dieser Welt. Da das Candy-Grrrl-Profil eher ein wenig wild und ausgeflippt war, ein bisschen verrückt, musste ich mich entsprechend kleiden, aber ich hatte das sehr schnell sehr satt. Ausgeflipptheit ist was für junge Frauen, und ich war einunddreißig und hatte keine Lust mehr, Pink mit Orange zu kombinieren.

Ich nutzte also begeistert die Chance, vernünftig angezogen zu gehen; mein Haar war von allen albernen Spangen und Schleifchen befreit, und ich trug einen dunkelblauen Rock (zugegeben, er war mit Silbersternchen besprenkelt, aber er war das Konservativste, was ich besaß) und klapperte auf dem Flur im achtzehnten Stockwerk entlang, wo mir ordentlich gekleidete und tüchtig wirkende Menschen entgegenkamen, und ich wünschte mir, in Schneiderkostümen zur Arbeit gehen zu können, als ich um eine Ecke kam und verschiedene Dinge auf einmal passierten.

Da war plötzlich ein Mann, und ich stieß mit solcher Wucht mit ihm zusammen, dass meine Tasche mir aus der Hand fiel und der gesamte peinliche Inhalt sich über den Fußboden verstreute (einschließlich meiner Brille mit Fensterglas, die ich dabeihatte, weil ich intelligent aussehen wollte, und meiner Geldbörse mit der Aufschrift »Jeder Wechsel kommt von innen«).

Wir bückten uns schnell, um die Dinge wieder einzusammeln, griffen gleichzeitig nach der Brille, und unsere Köpfe prallten mit einem mittleren bis lauten Krachen aneinander. Wir riefen beide »Entschuldigung!«, er wollte mir die geprellte Stirn reiben, wobei er mir den brühend heißen Kaffee aus dem Becher, den er hielt, über den Handrücken schüttete. Selbstverständlich konnte ich nicht laut aufschreien, schließlich war dies ein öffentlicher Ort. Also wedelte ich meine Hand hin und her, damit der Schmerz aufhörte, und während ich das tat und mich wunderte, dass der Kaffee keinen größeren Schaden angerichtet hatte, merkten wir beide, dass die Vorderseite meiner weißen Bluse wie ein Gemälde von Jackson Pollock aussah. »Wissen Sie was?«, sagte er. »Wenn wir ein bisschen üben, könnte das eine schöne kleine Nummer werden.«

Wir richteten uns auf, und obwohl er mir die Hand verbrüht und die Bluse verdorben hatte, mochte ich, wie er aussah.