Erebos 2 - Ursula Poznanski - E-Book

Erebos 2 E-Book

Ursula Poznanski

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14,99 €

Beschreibung

Erebos hat geschlafen… Jetzt ist es wieder wach! Wenn du auf deinem Handy eine neue App vorfindest, die du ganz bestimmt nicht selbst installiert hast, könnte das ein Werbegag sein. Doch was, wenn das Programm Kontrolle über dein Leben gewinnt? Es läuft nicht nur auf dem Handy und dem Computer, es ist überall. Es wählt seine Nutzer selbst. Und es lässt dich um alles spielen, was dir wichtig ist: Deinen Job, dein Studium, deine Freundin ... Spiel um dein Leben! Fast 10 Jahre lang hat die Autorin bei Nachfragen zu einer Fortsetzung von Erebos immer abgewunken. Die Geschichte war abgeschlossen, alle Rätsel waren aufgeklärt. Doch seit Erscheinen des Buches hat sich die Technik – und unser Umgang damit – enorm weiterentwickelt. In unserer allseits vernetzten Gegenwart würden dem Spiel nun völlig neue Möglichkeiten offenstehen. Kaum vorstellbar, was es über Facebook, Twitter und Instagram anrichten könnte … Ursula Poznanski fand daher: "Die Zeit ist reif für Erebos 2."

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 622




Inhalt

Teil Eins – Seit ich Bescheid …

Kapitel 1 – Er hatte noch …

Kapitel 2 – Derek stand vor …

Kapitel 3 – Willkommen zurück. Nick …

Kapitel 4 – Derek wartete, und …

Teil Zwei – Es hat begonnen. …

Kapitel 5 – Ein altes Schlachtfeld. …

Kapitel 6 – Am Himmel steht …

Kapitel 7 – Auf dem Heimweg …

Kapitel 8 – Das Abendessen zog …

Teil Drei – Verzerrte Schatten an …

Kapitel 9 – Die District Line …

Kapitel 10 – Nach der Geografiestunde …

Kapitel 11 – Was Victor zum …

Kapitel 12 – Der Ritt auf …

Teil Vier – Unvorhergesehenes beginnt einzutreten. …

Kapitel 13 – Sarius stapft wütend …

Kapitel 14 – Derek kam eine …

Kapitel 15 – »Wir hätten den …

Kapitel 16 – Torqan lässt sich …

Teil Fünf – Mit am schlimmsten …

Kapitel 17 – Nick stand am …

Kapitel 18 – Derek hatte den …

Kapitel 19 – »Lass uns heute …

Kapitel 20 – »Ich könnte nur …

Kapitel 21 – Hi Nick! …

Kapitel 22 – Der Moment, als …

Teil Sechs – Die Zeit ist …

Kapitel 23 – Schon die zweite …

Kapitel 24 – Sie ist an …

Kapitel 25 – »Ungehorsam«, kreischt der …

Kapitel 26 – Es war vier …

Kapitel 27 – »Die Folgen sind …

Kapitel 28 – In einer Mischung …

Kapitel 29 – Sie hatten gesucht …

Kapitel 30 – Derek erwachte von …

Für Leon, der meint, eine richtige

Seit ich Bescheid weiß, habe ich keine Nacht mehr länger als drei Stunden geschlafen. Ich laufe durch die Welt wie ein lebender Toter – genauer gesagt laufe ich nicht. Ich sitze erschöpft da und starre gegen die Wand, während sich vor meinem inneren Auge entsetzliche Dinge abspielen. Oder ich arbeite wie verrückt.

Unser Plan war fehlerlos, wir waren so nahe am Ziel. Jemand muss uns verraten haben, und nun kann ich kaum noch atmen vor lauter Angst. Nicht nur um mich, obwohl ich genau weiß, dass sie nicht zögern werden, mich beiseitezuschaffen, sobald ich einen falschen Ton von mir gebe. Ich würde einen Unfall haben oder einfach verschwinden, davon bin ich überzeugt.

Doch mit dieser Bedrohung kann ich leben. Was mich aber fast den Verstand verlieren lässt, ist die Angst um dich. Also habe ich mich entschlossen, zurückzuschlagen. Auf meine Weise. Auf eine Art, die sie nicht kommen sehen werden, die sie gar nicht kommen sehen können.

Ich habe alles, was ich dafür brauche. Manchmal erweisen sich Spielereien, die man als Fingerübungen begonnen hat, später als lebenswichtig.

Natürlich tut es mir leid, dass ich Unbeteiligte in unsere Angelegenheiten hineinziehen muss, denn ich werde die Folgen nicht mehr in der Hand haben. Ich lasse eine wilde Bestie von der Leine und muss hoffen, dass sie ihre Opfer nur erschreckt, nicht zerfleischt.

Auch das macht mir Angst.

Er hatte noch eine halbe Stunde bis zum vereinbarten Termin, aber wenn der Verkehr weiter so träge vor sich hin rollte, würde er es kaum pünktlich schaffen. Nick drückte auf die Hupe, als ein klappriger Toyota sich vor ihm in die Spur zwängte. Fuhr am Samstagmittag wirklich ganz London aufs Land?

Der Toyota bremste plötzlich und ohne ersichtlichen Grund; Nick bremste auch, es blieb ihm ja nichts anderes übrig. Die Tasche mit seiner Fotoausrüstung wurde von der Rückbank gegen die Lehne des Vordersitzes geschleudert.

Verdammt, hoffentlich war nichts kaputtgegangen. Nick hupte noch einmal, ausdauernd und wütend. Bis nach Froyle Park waren es noch rund fünfzehn Meilen, und die Hochzeitsgesellschaft wartete wahrscheinlich schon. Vor allem die Braut; sie hatte sich Fotos im Vorbereitungszimmer gewünscht: im Kleid vor dem Spiegel, beim Anlegen des Schleiers, Detailaufnahmen der Schuhe, solches Zeug.

Mit den Jobs als Hochzeitsfotograf finanzierte Nick sich sein Studium, er war darauf angewiesen. Als Fotograf zu spät zu erscheinen war schlecht für den Ruf. Wenn es sich herumsprach, dass er unzuverlässig war, konnte ihn das eine ganze Menge Aufträge kosten.

Am besten, er rief an. Die Handynummer der Braut hatte er gespeichert, sein eigenes Smartphone war mit der Freisprecheinrichtung gekoppelt, er musste nur in einem günstigen Moment die richtige Telefonnummer antippen.

Der Moment war zwei Minuten später da, als der Verkehr wieder zum Stillstand kam. Nick griff nach seinem Handy, entsperrte es und wollte die Kontakte öffnen, als etwas ihn innehalten ließ. Das Display sah nicht aus wie gewohnt. Also, im Grunde schon, aber die Apps hatten sich verschoben. Da, wo sonst Instagram lag, war nun Runtastic. Instagram war eine Zeile tiefer gerutscht, merkwürdigerweise. Nick hatte sich die Reihenfolge, in der seine Anwendungen auf dem Handy angeordnet waren, genau überlegt, also wieso …

Dann sah er es. Eine weitere App war hinzugekommen, hatte sich gewissermaßen hineingedrängt, das Icon kam ihm bekannt vor, allerdings –

Hinter ihm lautes Hupen. Er schrak hoch, ließ das Smartphone zurück auf den Beifahrersitz fallen und stieg aufs Gas. Es ging jetzt flüssiger voran, und die Chancen, dass er sein Ziel einigermaßen pünktlich erreichen würde, stiegen, doch nun war er mit dem Kopf nicht mehr richtig bei der Sache. Weder beim Autofahren noch bei seinem heutigen Fotojob.

Er hatte in den letzten Tagen keine Apps installiert, das wusste er. Dass da trotzdem eine neue war, begriff er zwar nicht, aber das alleine wäre bloß ein wenig merkwürdig gewesen und kein Grund für das flaue Gefühl in Nicks Magen.

Es war das Icon, das ihn überlegen ließ, ob er nicht die nächste Ausfahrt nehmen, kurz an den Rand fahren und genauer nachsehen sollte.

Unsinn, sagte er sich selbst. Ich habe versehentlich etwas heruntergeladen und es nicht bemerkt, das kann schnell passieren.

Nur dass man jeden Download bestätigen musste, auch bei Gratissoftware. Er biss sich auf die Lippen. Egal jetzt. Ein hastiger Blick auf sein Navi zeigte ihm, dass er Froyle Park in einunddreißig Minuten erreichen würde, damit war er so gut wie pünktlich. Nick atmete tief durch und drehte den Ton des Radios lauter.

Für den Rest der Fahrt schaffte er es, nicht an die App zu denken, er schaffte es auch zu verdrängen, woran sie ihn erinnerte, an das nämlich, was vor fast zehn Jahren passiert war. Er hatte schon lange nicht mehr daran gedacht, und er konnte auch in Zukunft gerne darauf verzichten.

Bis er Froyle Park erreicht und sein Auto hinter dem Herrenhaus abgestellt hatte, war es ihm beinahe gelungen, sich selbst davon zu überzeugen, dass er sich vorhin geirrt hatte, so gestresst, wie er war. Um sicherzugehen, stieg er nicht sofort aus, sondern griff nach seinem Handy und entsperrte es.

Nein, kein Irrtum. Es gab eine neue Anwendung auf seinem Smartphone – wobei das Wort neu sich falsch anfühlte. Nick kannte dieses Icon. Es war genau das Symbol, das er als Schüler eine Zeit lang auf seinem Desktop gehabt hatte, bevor das dazugehörige Programm sich selbst gelöscht hatte. Diesmal hatte es sich eigenständig installiert.

Er atmete tief durch. Sein Daumen schwebte unschlüssig über diesem Zeichen, das für ihn so viel Unheil symbolisierte. Dabei sah es vollkommen harmlos aus.

Es war nichts weiter als ein rotes E.

Pochen an die Seitenscheibe des Autos ließ ihn hochschrecken. Eine junge Frau in einem fliederfarbenen Kleid winkte ihn heraus, strahlend und aufgeregt. »Cindy wartet schon auf dich! Komm! Soll ich dir tragen helfen?«

Nick steckte sein Handy in die Hosentasche und folgte der Brautjungfer in das Ankleidezimmer der Braut. In den nächsten Stunden kam er nicht dazu, nachzudenken. Er fotografierte die Braut, die vor Nervosität kaum stillhalten konnte, ihre Freundinnen, ihre Eltern, die Eltern des Bräutigams, die Tischdekorationen, die Gärten von Froyle Park, über denen sich allmählich Wolken zusammenbrauten.

Später fotografierte er die Trauungszeremonie, den Sektempfang, das Brautpaar an verschiedenen malerischen Stellen des Parks, den Trauzeugen bei seiner Rede, die Gäste beim Dinner. Als er sich todmüde und erschöpft in das winzige Zimmer zurückzog, das man im Herrenhaus für ihn bereitgestellt hatte, war es halb drei Uhr nachts, und er hatte das rote E auf seinem Handydisplay völlig vergessen.

Es fiel ihm erst am nächsten Morgen wieder ein, als er beim Frühstück nachsehen wollte, ob Claire ihm eine Nachricht geschickt hatte. Was nicht der Fall war, aber das neue Icon stach ihm sofort wieder ins Auge.

Es war zwar albern, aber er scheute sich davor, die App zu öffnen, solange er noch unter Menschen war. Erst als er sich verabschiedet hatte und im Auto saß, tippte er sie an.

Ein Teil von ihm hatte bis zu diesem Moment geglaubt, dass es einfach nur ein merkwürdiger Zufall war. Dass irgendein Online-Händler das E als Logo gewählt hatte und die App nun heimlich auf die Handys potenzieller Kunden schmuggelte. Doch alle diese Ideen waren sofort wie weggeblasen, als das Programm sich öffnete.

Der Anblick war Nick auf schaurige Art und Weise vertraut: ein Schwarz, das zu pulsieren schien und in dem sich rote Buchstaben formten.

Sei gegrüßt, Nick. Willkommen zurück.

Er hörte sich selbst einen ungläubigen Laut ausstoßen. Mit einem Schlag waren alle Erinnerungen an die Wochen, in denen das Spiel sein Leben bestimmt hatte, wieder da. All die Gefühle, die sein sechzehnjähriges Ich damals durchlebt hatte.

»Scheiße«, flüsterte er.

Die Begrüßung verschwand, und neuer blutroter Text erschien. Mach dich bereit. Wir warten auf dich.

Dann habt ihr Pech gehabt, dachte Nick und schloss die App mit einer schnellen Wischbewegung. Das Telefon vibrierte in seiner Hand, und Nick warf das Gerät auf den Beifahrersitz. Er startete den Wagen und trat dabei so heftig aufs Gas, dass der Motor aufheulte.

Erst als er ein paar Meilen auf dem Weg nach Hause zurückgelegt hatte, beruhigte er sich allmählich. Es gab keinen Grund, sich aufzuregen. Wahrscheinlich war das nur ein dummer Scherz von einem der früheren Mitspieler. Und selbst wenn nicht, selbst wenn irgendein Verrückter das Spiel wieder zum Laufen gebracht haben sollte – Nick war kein Schüler mehr. Er würde sich nicht noch mal einfangen lassen.

Den Rest des Wegs ignorierte er sein Smartphone, so gut es ging. Drei Mal hörte er es neben sich vibrieren, beim zweiten Mal warf er einen schnellen Blick zur Seite und glaubte, etwas Gelbes auf dem Display leuchten zu sehen. Von da an konzentrierte er sich ausschließlich auf den Verkehr. Drehte das Autoradio laut auf und sang bei allen Titeln mit, die er kannte. Allmählich schaffte er es, das unbehagliche Gefühl in seinem Inneren abzuschütteln.

Er hatte keine Angst, das war doch lächerlich. Sobald er zu Hause war, würde er die App einfach von seinem Handy löschen. Er war älter als damals und nicht mehr so leicht zu beeindrucken, zudem wusste er heute, was sich hinter dem ominösen E verbarg.

Falls es denn wirklich das gleiche Spiel war.

Wirklich Erebos.

Zu Hause fuhr er als Erstes den Computer hoch und hängte die Kamera an die Schnittstelle. Er würde gleich heute damit beginnen, die schönsten Hochzeitsfotos herauszusuchen und eine Zusammenstellung an das Brautpaar schicken, damit die beiden ihre Wahl treffen konnten. Vierzig bearbeitete Bilder waren im Preis inbegriffen, für jedes weitere würden sie sechs Pfund bezahlen müssen.

Während die Fotos hochgeladen wurden, tappte Nick in die Küche und schaltete den Wasserkessel an. Der Kaffee war fast aufgebraucht, er musste einkaufen gehen. Außerdem war es höchste Zeit, wieder einmal gründlich aufzuräumen. Im Becken stapelte sich flüchtig abgespültes Geschirr, im Wohnraum sah es aus wie nach einer Schlacht.

Er hatte einfach zu wenig Platz für seine Sachen. Das Appartement war winzig, aber mehr konnte er sich beim besten Willen nicht leisten, nicht bei den Londoner Wohnungspreisen.

Während das Wasser langsam heiß wurde, spülte er ein paar Teller, trocknete sie ab und räumte sie in den Schrank. So. Das war immerhin ein kleiner Fortschritt. Jetzt Kaffee aufgießen, das Wasser durch die Filtertüte laufen lassen und mit der Arbeit beginnen.

In Nicks Hosentasche vibrierte das Handy.

Ach ja, und die App löschen. Er zog das Telefon hervor und fand das rote E sofort. Ein kräftiger Druck mit dem Daumen, bis alle Icons zu zittern begannen, dann berührte er das kleine Kreuz in der Ecke des unwillkommenen Neuzugangs.

Und schon war er weg. Erleichterung durchflutete Nick, das war einfach gewesen. Wahrscheinlich verdarb er dadurch jemandem den Spaß, aber das war nicht zu ändern. Bei Gelegenheit würde er sich umhören, ob einem seiner früheren Freunde auch ein solch düsteres Déjà-vu beschert worden war. Über Facebook hatte er zu einigen noch Kontakt. Und heute Abend traf er Jamie, aber der war sicher verschont geblieben. Er war ja schon damals keiner von den Spielern gewesen.

Mit seinem Kaffee kehrte Nick ins Wohnzimmer zurück, überlegte kurz, ob er die Sachen von der Couch räumen sollte, damit es ordentlicher aussah, entschied sich aber dagegen. Er hatte Wichtigeres zu tun und erwartete heute keinen Besuch. Claire hatte sich immer noch nicht gemeldet.

Dafür war der Computer fast mit dem Upload fertig. Nick hatte insgesamt eintausendsiebenhundert Fotos geschossen; in einem ersten Schritt würde er alle die löschen, die misslungen waren. Dann kam die langwierigere Arbeit: Die guten Bilder von den besseren trennen, darauf achten, dass in der Auswahl jeder Gast mindestens einmal mit drauf war, und am Ende etwa zweihundert wirklich sehenswerte Fotos an Braut und Bräutigam schicken.

Nick ließ sich auf seinen Bürostuhl fallen, die Kaffeetasse in seiner Hand war heiß, und er suchte auf dem vollgeräumten Computertisch nach einem Platz, wo er sie abstellen konnte. Während er einen Stapel Papiere zur Seite schob, sah er aus dem Augenwinkel, wie sich auf dem Bildschirm eines der Fotos öffnete.

Das hieß, der Upload war beendet und er würde nun den ganzen Fotoordner präsentiert bekommen, aber offenbar in falscher Reihenfolge, denn das Bild, das er sah, konnte nicht das erste der Serie sein. Er hatte es erst nach der Zeremonie geschossen – es gehörte zu den Bildern, die Cindy und Max erstmals als Ehepaar zeigten.

Sie standen eng umschlungen unter einem zierlichen weißen Pavillon; dahinter verloren sich die Gärten von Froyle Park.

Das Foto war wundervoll geworden, beide sahen schön und glücklich aus, Licht und Farben waren perfekt. Nick würde kaum etwas daran retuschieren müssen.

Er griff nach der Maus, um das Bild zu schließen, weil er mit der Begutachtung der Fotos lieber am Anfang der Serie beginnen wollte, aber der Mauszeiger bewegte sich keinen Millimeter.

Stattdessen begann die Aufnahme, sich zu verändern. Das Gesicht der Braut verzog sich zu einer hässlichen Grimasse, aus ihren Augen quoll Blut, lief über ihr Gesicht und tropfte auf das weiße Kleid. Ihre Hände krümmten sich zu Klauen mit langen, spitzen Nägeln.

Nick ließ die Maus los, fuhr zurück und umklammerte unwillkürlich die Armlehnen seines Bürostuhls, nicht fähig, den Blick vom Monitor abzuwenden. Mit ihren dolchartigen Fingernägeln grub die Braut tiefe Furchen in die Wangen ihres Mannes, doch aus denen quoll statt Blut eine Unzahl schwarz glänzender Würmer, die auf Nick zuzukriechen schienen, bis sie den Bildschirm zur Gänze ausfüllten. Eine dunkle, pulsierende Fläche, aus der sich rote Buchstaben schälten.

Willkommen zurück, Nick Dunmore.

Derek stand vor dem Spind und durchwühlte ihn auf der Suche nach seiner Physik-Hausarbeit. Er hatte sie schon vor zwei Tagen fertig geschrieben und in der Schule deponiert; in der nächsten Stunde sollte er seine Präsentation abhalten, aber die Arbeit war nirgendwo zu finden.

Er wusste genau, er hatte die Blätter in eine leuchtend gelbe Mappe geheftet, die eigentlich aus dem ganzen Schulkram im Spind herausstechen musste. Doch da war nichts Gelbes.

Tief durchatmen. Keinen Wutanfall bekommen. Dereks Vater würde nicht erfreut sein, wenn man ihn wieder in die Schule zitierte. Um über Strategien zur besseren Impulskontrolle bei seinem Sohn zu sprechen, wie Direktor Lewis es formuliert hatte.

Wenn er wieder etwas demolierte, würden sie es diesmal nicht bei einer Verwarnung lassen, da halfen alle seine guten Noten nichts. Also war es die deutlich klügere Entscheidung, nicht gegen die Spindtür zu treten, bis sie sich verbog. So verlockend sich der Gedanke auch anfühlte.

Noch einmal wühlte er sich durch die Stapel von Büchern, Heften und Mappen. Nichts. Was genau genommen keine Katastrophe war, er hatte Mr.Henley die Arbeit per Mail zukommen lassen, der Physiklehrer wusste also, dass sie fertig war. Aber Derek brauchte den Ausdruck als Gedächtnisstütze für die Präsentation.

In seiner Hosentasche vibrierte das Handy. Derek zog es in einer so hastigen Bewegung heraus, dass er es beinahe fallen ließ. Hatte ihm jemand eine WhatsApp-Nachricht geschickt?

Nein, offensichtlich nicht. Auch keine SMS und keine DM über Instagram. Er wollte das Handy schon wieder wegstecken, als sein Blick an etwas hängen blieb, das da nicht hingehörte. Es war eine neue App, eine, die er nicht kannte, zwischen den Symbolen für Google und Candy Crush.

Er würde mit Rosie ein paar klare Worte reden müssen, wenn er wieder zu Hause war. Seine Schwester machte so etwas nicht zum ersten Mal, sie manipulierte immer wieder an seinem Smartphone herum, wenn sie es zwischen die Finger bekam. Rosie war knapp zwei Jahre jünger und einen Kopf kleiner als er, trotzdem schaffte sie es mühelos, ihn auszutricksen, wenn sie es darauf anlegte. Auf wundersame Weise merkte sie sich jeden seiner Entsperrungscodes, sobald sie Derek auch nur einmal bei der Eingabe beobachtet hatte. Und dann entfolgte sie in seinem Namen Leuten auf Twitter, die sie nicht mochte. Zweimal hatte sie bereits Programme installiert, von denen sie dachte, sie würden ihm gefallen. Dieses neue hier war vermutlich das dritte.

Er tippte auf das Icon. Das Display verdunkelte sich, und einen Atemzug später erschien rote Schrift auf dem Schwarz.

Nicht jetzt.

Nicht hier.

Geduld, Derek.

Was war das? Eine Meditations-App? Geduld, ja klar. Wahrscheinlich stand das E für Emotion, Rosie hatte ein paar für ihn typische Charaktereigenschaften einprogrammiert, und die App spuckte jetzt Verhaltenstipps aus.

Er widerstand dem Impuls, das Smartphone gegen die Wand zu pfeffern.

Nicht jetzt. Nicht hier. Aber heute Abend konnte seine Schwester sich etwas anhören.

Schon als er den Physikraum betrat, wurde klar, was mit seinen Unterlagen passiert war. Morton und Riley grinsten ihm entgegen, und etwas Gelbes blitzte unter Mortons Physikbuch hervor. Sechs perfekt gefaltete Origamischwäne standen vor Riley aufgereiht; Derek war überrascht, dass sie eine künstlerische Ader zu besitzen schien. So wie sie sich schminkte, hatte er sie eher für farbenblind gehalten.

Seine Wut brodelte wieder bis knapp unter die Erträglichkeitsgrenze, aber er beschloss, diesmal cool zu bleiben. Sich nichts anmerken zu lassen. Ihnen den Spaß zu verderben und demnächst ein neues Vorhängeschloss für seinen Spind zu besorgen.

Die Arbeit hatte MrHenley ihm vor der Stunde noch einmal ausgedruckt, seufzend und mit dem freundlichen Hinweis, dass Derek mit seinen sechzehn Jahren seine Sachen allmählich in Ordnung halten könnte.

Er setzte sich in die zweite Reihe, wo Syed einen Platz für ihn frei gehalten hatte. »Hey. Schon nervös?«

Derek schüttelte den Kopf. »Nein. Nur ziemlich geladen. Rate mal, wer in meinem Spind rumgestöbert und meine Physikarbeit geklaut hat.«

Syed runzelte die Stirn. »Welcher Idiot klaut eine Physikarbeit?«

»Plural. Idioten.«

Seinem Freund ging sofort ein Licht auf. »Tatsache? Sag bloß, Rileys Schwäne haben deine Schalenstruktur der Atome unter ihren Flügeln?«

Unwillkürlich ballte Derek die Hände zu Fäusten. Vor seinem inneren Auge lief ein verlockender Film ab: Wie er Morton an den Haaren nahm und sein Gesicht dreimal gegen die Tischplatte knallen ließ. Wie er Rileys langes mausbraunes Haar anzündete … nein. Bloß abschnitt. So kurz und schief er konnte.

Es würde sich so gut anfühlen. So unbeschreiblich gut.

»Du solltest Henley einen Tipp geben«, hörte er Syed neben sich sagen. »Ihn fragen, ob er nicht vielleicht einen der Schwäne auffalten möchte.«

»Kommt nicht infrage.« Derek atmete tief durch. »Ich habe ja jetzt mein Zeug, und die laufen mit ihrer Schwachsinnsaktion ins Leere.« Es hörte sich gut an. So vernünftig. So richtig. Leider änderte das nichts an der Wut, die in seinem Inneren tobte.

Doch die erwies sich schließlich als perfekte Basis für seinen Vortrag; sie trug ihn wie auf einer Welle über jedes Lampenfieber und jede Unsicherheit hinweg. Er referierte über die Schalenstruktur der Atome, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, und Henley zeigte sich entsprechend beeindruckt. »Das war ausgezeichnet, Derek. Ein glattes A.«

Es war ein guter Moment, und die frustrierten Gesichter von Morton und Riley machten ihn noch besser. Das Tüpfelchen auf dem i war allerdings, dass Maia ihn anlächelte und anerkennend die dunklen Brauen hob. Dass auch das anschließende Essen in der Cafeteria heute genießbar war, fand Derek schon beinahe unheimlich. Maia saß zwei Tische weiter, mit Sarah und Alison; er konnte kaum den Blick abwenden. Ihre Haut hatte die Farbe von dunklem Holz, die beiden anderen Mädchen sahen neben ihr fast kränklich aus. Ihr krauses schwarzes Haar kringelte sich bis auf die Schultern und bildete einen wunderschönen Kontrast zu dem weinroten Schulsweater. Wenn sie lachte, klang es nicht albern, nicht ziegenhaft, sondern einfach nur schön. Aber der Moment von vorhin wiederholte sich nicht. Sie lächelte nicht noch einmal in seine Richtung.

Er war der Erste, der nach Hause kam. Mit seinen Eltern konnte er bis sieben Uhr kaum rechnen, und Rosie war wohl den ganzen Nachmittag über im Tanzstudio. Sie tanzte Ballett, Jazz und Stepp, nahm nebenbei Gesangsunterricht und wollte unbedingt zum Musical. Am besten gleich, aber Papa sagte Nein.

Mit Schwung warf Derek seine Tasche in die Ecke und sich selbst aufs Bett. Er war angenehm müde, und es standen keine dringenden Hausaufgaben mehr an. Zwei Kapitel aus »Wer die Nachtigall stört« lesen, das war alles. Aber die konnte er auch morgen auf dem Schulweg noch überfliegen.

Er zog sein Handy aus der Hosentasche und sah, dass Syed ihm ein Meme über WhatsApp geschickt hatte. Etwas mit Schwänen, leider war der Witz nicht der Rede wert. Trotzdem schickte Derek drei Tränen lachende Smileys zurück, bevor er sich die neue Anwendung vornahm.

Im Grunde erwartete er sich nicht viel. Wenn das Programm nur Sinnsprüche oder Verhaltenstipps zu bieten hatte, würde er es heute noch löschen. Obwohl der Hinweis mit der Geduld gut gewesen war.

Er tippte auf das rote E. Schwärze breitete sich auf dem Display aus. Merkwürdig lange, beim letzten Mal war sofort Schrift erschienen. Lahmte das WLAN schon wieder?

Derek betrachtete das Schwarz, das in sich seltsam lebendig wirkte. Als würde sich darunter etwas bewegen. Als würde es atmen. Dann bildete sich in der linken oberen Ecke des Displays ein roter Punkt, nein, eher ein Tropfen, und wanderte über den Bildschirm des Smartphones. Ließ Buchstaben, Worte, Sätze erscheinen, als würde jemand sie mit einer unsichtbaren Feder schreiben.

Sei gegrüßt, Derek. Du bist auserwählt.

Er lachte auf. Was war das für ein esoterischer Quatsch? Aber zumindest schmeichelhaft esoterisch. Er tippte auf das Display, und das Rot bildete neue Worte.

Eine neue Welt wartet auf dich. Ein neues Leben.

Wir warten auf dich.

Er schüttelte den Kopf, halb amüsiert, halb ärgerlich. Was war das? Eine Werbeaktion? Egal, es war jedenfalls nichts für ihn. Er schloss die App mit einem schnellen Wischen und nahm im gleichen Moment aus den Augenwinkeln ein Aufleuchten wahr.

Sein Notebook. Es stand aufgeklappt auf dem Schreibtisch, und der Bildschirm warf rotes Licht ins dämmrige Zimmer. Sekunden später verdunkelte er sich. Das Rot hatte sich auf drei Worte reduziert.

Komm zu mir.

Derek blinzelte irritiert. Blickte von seinem Handy zum Computer und wieder zurück. Auf einmal wirkte dieses Programm nicht mehr wie etwas, womit Rosie ihn gegen seinen Willen beglücken würde.

Langsam stand er auf und setzte sich auf den Drehstuhl vor dem Schreibtisch. Die rote Schrift bebte, dann verschwand sie, nur um kurz darauf wieder neue Worte zu bilden.

Wir werden miteinander spielen. Wenn du gut bist, gewinnen wir beide. Wenn nicht, gewinne nur ich.

Derek lachte ungläubig auf. »Netter Witz. Und wenn ich nicht spielen will?«

Die Schrift veränderte erneut ihre Form.

Dann verlierst du sofort. Von nun an jeden weiteren Tag.

Alles, was dir wichtig ist.

Okay, das kam unerwartet. Nicht nur die kaum verkappte Drohung, sondern auch die Tatsache, dass diese Software, die so gerne mit ihm spielen wollte, ihn gehört und verstanden hatte. Und nun antwortete.

Aber klar war das technisch möglich. Es gab schließlich auch Siri und diverse Konsolen, denen man gesprochene Befehle erteilen konnte. »Spiel Weihnachtsmusik« oder »Bestelle Waschmittel« oder »Suche einen Zahnarzt in der Nähe«.

Keine Hexerei, nichts Ungewöhnliches dabei. Allerdings erlebte Derek zum ersten Mal, dass so etwas auch über normale Computersoftware möglich war. Noch dazu über eine, die plötzlich aus dem Nichts auftauchte.

Unbekanntes Zeug auf dem Rechner zu haben war nie gut. Und er hatte es nicht bloß da, sondern auch auf dem Handy. Aber vielleicht ließ sich ja mehr darüber erfahren. Wenn das Programm schon sprach …

»Bist du ein Virus?«

Nein.

»Aha. Irgendeine andere Art von Schadsoftware?«

Nein.

Derek biss sich auf die Unterlippe. Natürlich würde ein Virus nicht zugeben, dass es eines war. Andererseits, konnte diese Art von Programmen lügen? Vielleicht. Wahrscheinlich. Er wusste es nicht. »Was bist du dann?«

Einige Herzschläge lang geschah nichts, der Bildschirm blieb schwarz. Dann formten sich neue Buchstaben, in einem tieferen, dunkleren Rot.

Dies ist Erebos.

Erebos. Der Name sagte ihm nichts, aber er erklärte immerhin das E, das er auf seinem Handy vorgefunden hatte. Er würde es googeln, und dann würde er sich überlegen, ob er ein Spiel wagen wollte.

Er griff nach der Maus, um das offene Fenster zu verkleinern, doch da rührte sich nichts. Na toll. Aber egal, er hatte ja schließlich auch noch ein Smartphone.

Damit klappte es problemlos. Derek öffnete Google auf dem Handy, gab Erebos ein und tippte auf die Lupe, doch er bekam keine Ergebnisse angezeigt. Das Display flackerte nur einmal kurz, und danach stand ein anderer Text im Suchfeld.

Tu das nicht.

Oh Shit. Das war übel. Wenn diese neue App nach Lust und Laune die Bedienung der restlichen Anwendungen verhindern konnte, war Derek aufgeschmissen. Dann konnte er dieses Handy genauso gut wegwerfen. Bloß dass er nicht genug Geld hatte, um sich ein neues zu kaufen, und auf seine Eltern konnte er in der Hinsicht nicht zählen.

Er sah wieder hoch zum Bildschirm des Notebooks. Dies ist Erebos, stand immer noch da, in blutroten Buchstaben, die pulsierten und glänzten wie dicke Adern.

»Na gut«, sagte er. »Dann lass uns spielen.«

Der Bildschirm wurde schwarz.

Willkommen zurück. Nick fühlte den Puls in seinen Schläfen pochen. »Das ist nicht wahr«, flüsterte er.

Die Begrüßung zerfloss zu roten Wellen, bevor neuer Text erschien.

Da irrst du dich. Es beginnt eine neue Runde, Nick. Mit neuem Einsatz. Diesmal geht es um alles.

Spracherkennung, das verdammte Spiel verfügte jetzt über Spracherkennung. Nick schloss kurz die Augen. Er würde versuchen müssen, mit Adrian in Kontakt zu kommen. Außerdem mit Victor und vielleicht sogar mit Colin. Sie waren sicher auf Facebook, und zumindest Victors Mailadresse sollte er noch haben, jedenfalls hatte der ihm vor drei Jahren zu Weihnachten eine Happy-Holidays-Mail geschrieben. Oder war es schon fünf Jahre her?

Aber vielleicht musste er auch niemanden von seinen alten Freunden belästigen, er konnte erst einmal versuchen, das Problem selbst zu lösen. Als Erstes würde er den Rechner zurücksetzen und neu installieren.

Wir warten, Nick.

Die Schrift hatte sich wieder gewandelt. Er wehrte sich gegen das Gefühl der Hilflosigkeit, das in ihm aufstieg. »Ich werde nicht mitmachen. Mir hat das letzte Mal wirklich gereicht. Tut mir leid, ich habe keine Lust.«

Du hast keine Wahl.

Na, das würden sie noch sehen. »Und ob ich die habe«, murmelte Nick und zog das USB-Kabel, an dem die Kamera hing, aus der Computerschnittstelle. Er würde die Fotos notfalls auf den alten Computer überspielen, den er auf dem Boden neben der Couch stehen hatte. Der war zwar langsamer, aber funktionstüchtig. »Ich bin kein Schüler mehr, so wie damals. Ich falle nicht wieder auf die Tricks herein, mit denen Erebos mich rumgekriegt hat, ich kenne das System. Und ich weiß zwar nicht, was diesmal dahintersteckt, aber es ist sicher nichts Gutes.«

Wie du meinst.

Die Schrift verschwand. Das Schwarz löste sich auf. Dahinter kam Nicks Desktophintergrund zum Vorschein. Alle Programme waren noch vorhanden, aber nirgendwo entdeckte Nick das unheilverkündende rote E.

Was leider ebenfalls fehlte, war der Ordner mit den Hochzeitsfotos, die er gerade überspielt hatte, aber das sollte kein Problem sein, sie waren ja auf der Speicherkarte der Kamera gesichert.

Dachte er. Doch als er den Ansichtsmodus des Fotoapparats anwählte, zeigte der Zähler null Aufnahmen. Mit einem Gefühl, als würde sich sein Brustkorb mit heißem Beton füllen, schaltete Nick die Kamera aus. Schickte ein Stoßgebet zum Himmel und schaltete sie wieder ein.

Die Daten auf der Speicherkarte waren gelöscht. Von den eintausendsiebenhundert Fotos war kein einziges mehr übrig.

Nick gab nicht sofort auf, obwohl er schon ahnte, dass seine Versuche vergeblich sein würden, schließlich erinnerte er sich noch gut daran, wie es beim letzten Mal gewesen war. Wenn das Spiel jemanden bestrafen wollte, dann tat es das, ohne Rücksicht. Trotzdem startete er den Rechner neu, suchte den Bilderordner im Papierkorb und in der Cloud, holte die Speicherkarte aus der Kamera und steckte sie in eine andere – nichts davon brachte auch nur den geringsten Erfolg.

Er würde Cindy und Max sagen müssen, dass es keine Fotos von ihrer Hochzeit gab. Nur die, die ein paar beschwipste Gäste geschossen hatten; vermutlich waren siebzig Prozent davon Selfies.

Ihm war zum Heulen zumute. Wieso drängte dieses Drecksspiel sich ein zweites Mal in sein Leben? Oder halt, Moment – das Spiel selbst tat wahrscheinlich gar nichts, jemand musste es neu zum Laufen gebracht und wieder auf die Menschheit losgelassen haben. Es war ja auch beim letzten Mal nicht einfach aus dem Nichts gekommen. Aber darüber konnte er sich später Gedanken machen. Im Moment war etwas anderes wichtiger.

Das Smartphone wog schwer in Nicks Hand. Sollte er das Brautpaar gleich anrufen und den beiden die schlechte Nachricht überbringen? Oder …

Einen Rettungsversuch wagen. Einen einzigen.

»Gib die Fotos zurück«, flüsterte er. »Jetzt gleich. Dann spiele ich mit dir.«

Er hatte erwartet, dass der Bildschirm sich sofort verdunkeln würde, doch es tat sich nicht das Geringste. Nicks Kehle wurde trocken. Was, wenn sich das Spiel in der ihm eigenen Konsequenz wirklich schon gelöscht hatte? Unwiderruflich? Vom Handy hatte er es selbst entfernt, also hatte Erebos seinen Vorschlag wohl gar nicht gehört.

Er fühlte leichte Übelkeit in sich aufsteigen. Cindy und Max würden traurig und sauer sein, zu Recht, so etwas durfte einfach nicht passieren. Wenn sie andere Leute davor warnten, ihn zu engagieren, konnte er ihnen das noch nicht einmal übel nehmen.

»Ich brauche die Fotos«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Bitte.«

Dunkelheit legte sich über den Bildschirm, und diesmal sah Nick es mit Erleichterung.

Du erinnerst dich noch an die Regeln?

Ja, und ob. Sie hatten dazu geführt, dass die Leute in seiner Schule kaum noch normal miteinander gesprochen hatten, aus Angst davor, dass das Spiel sie ausschließen würde. »Niemandem etwas erzählen, niemandem etwas zeigen«, fasste er missmutig zusammen. »Auch nichts im Internet posten. Den Namen des Spielcharakters geheim halten. Nur spielen, wenn keiner dabei ist. Und möglichst nicht sterben, denn dann ist das Spiel vorbei.«

Gut. Das alles gilt nach wie vor. Was sich geändert hat, sind die Konsequenzen, die du tragen musst, wenn du dich nicht daran hältst. Oder stirbst.

Er hatte es befürchtet. Ein Rauswurf, so wie früher, wäre ja absolut in seinem Sinn. Er könnte ein paar Minuten lang spielen und dann in die erste Schlucht springen oder mit Anlauf in ein feindliches Schwert rennen. Doch so einfach würde Erebos ihn nicht davonkommen lassen. Sekunden später bestätigte das Spiel seine Vermutung.

Du wirst diesmal nicht verbannt. Du wirst bestraft.

Die Frage nach dem Wie lag ihm kurz auf der Zunge, aber sie war im Grunde überflüssig. Er hatte bereits eine Kostprobe erhalten, die gesamte Arbeit des letzten Tages war verschwunden. Ob er sie zurückbekam, hing vom guten Willen des Spiels ab. »Alles klar«, knurrte er. »Und? Können wir dann anfangen? Ich habe heute noch etwas anderes zu tun.«

Die Schrift verschwand, der Bildschirm blieb dunkel. Nick trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte; das dauerte alles viel zu lange. Wahrscheinlich, begriff er, war das eine Reaktion auf seine Ungeduld. Er hatte noch etwas anderes zu tun? Tja, Pech.

Nichts passierte. Nichts. Das Spiel wollte ihn ganz offensichtlich auf die Probe stellen. Nick vergrub das Gesicht in den Händen. Vor seinem inneren Auge tauchten Bilder auf, an die er seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. Die Arena. Das unterirdische Labyrinth, in dem es von riesigen Skorpionen wimmelte. Eine Weide voller Schafe mit rasiermesserscharfen Zähnen und blutig verschmierten Mäulern …

Als er wieder hochblickte, war der Monitor immer noch dunkel. Es war nichts zu sehen, aber vielleicht etwas zu hören? Die Kopfhörer waren in den Rechner eingesteckt, Nick griff zögernd danach. Noch eine Erinnerung war plötzlich wieder da, in aller Deutlichkeit: die an das schmerzhafte Geräusch, wenn man im Spiel verletzt wurde. Ein hoher kreischend-quietschender Ton, als würde jemand mit einer Gabel über eine Schultafel kratzen.

Er setzte sich die Kopfhörer auf, und sofort wurde klar, dass das Spiel noch aktiv war. Tocktock. Entferntes Klopfen wie von einem Herzen, einem, das tief unter der Erde schlug. Auch das hörte Nick nicht zum ersten Mal, und nun mischte sich in seinen Unwillen etwas wie … nervöse Vorfreude. Was natürlich vollkommener Quatsch war, aber er konnte nichts dagegen tun. Er würde noch einmal einen Blick in diese Welt werfen können, die ihn damals so fasziniert hatte und aus der er so plötzlich und brutal geworfen worden war, dass er es kaum ertragen hatte.

Wie hatten die anderen Spieler geheißen? Xohoo hatte es gegeben. Blackspell. Lelant. Ach, und Hemera, doch mit ihr hatte er nie gespielt, denn das war …

Willkommen zurück.

Tritt ein.

Dies ist Erebos.

Nick hob die Hand, die bereits auf der Maus gelegen hatte. Etwas fehlte hier, nämlich das Angebot, umzukehren. Das damals niemand ernsthaft in Betracht gezogen hatte, aber immerhin war die Möglichkeit da gewesen. Diesmal schien es nur einen Weg zu geben: den nach vorne, hinein in die Welt des Spiels.

Er seufzte. Klickte auf Tritt ein.

Trübes Licht erhellte den Bildschirm. Nick beugte sich vor und lachte unwillkürlich auf. Die Gestalt, die in einer Wiese mit kniehohem Gras stand und gegen die tief stehende Sonne blinzelte, kannte er nicht nur, er hatte sie selbst geschaffen. Ihr Anblick war ihm auch nach all der vergangenen Zeit noch in jedem Detail vertraut. Sein Dunkelelf. Hellblondes Haar, das stachelig vom Kopf abstand. Spitze Ohren, grüne Augen und ein verwegener Zug um den Mund.

»Sarius«, flüsterte Nick, und als hätte er damit ein Zeichen gegeben, hallte der Name vielstimmig in seinen Kopfhörern wider.

Sarius. Saarius. Sa-ri-us. Willkommen zurück, Sarius.

Der Elf wandte sich Nick zu. Lächelte und beugte grüßend den Kopf. Einen winzigen Moment lang war Nick versucht, zurückzugrüßen, bremste sich aber schnell wieder. Es war nichts weiter als eine verquere Form von Nostalgie, die ihn gerade zu packen drohte.

Das Gras bog sich unter einem leichten Windstoß, und Nick führte Sarius in den Schatten eines nahen Wäldchens, das freundlich wirkte. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, denn Sarius war bei Weitem nicht mehr so gut ausgerüstet wie vor knapp zehn Jahren. Er trug zwar einen ledernen Brustpanzer und ein Schwert, aber er besaß weder Helm noch Schild. Beim letzten Mal, bevor geflügelte Dämonen ihn getötet hatten, war Sarius im Besitz ganz anderer Gegenstände gewesen. Er hatte fantastische Ausdauer- und Verteidigungswerte gehabt und eine Angsteinflößende Waffe, er war kurz davor gewesen, in den Inneren Kreis aufgenommen zu werden …

Nun war seine Kondition ein Witz. Nick ließ Sarius in das Wäldchen hineinlaufen, ein wenig springen, über ein paar große Steine klettern und sah zu, wie der blaue Balken der Ausdaueranzeige immer kürzer wurde.

Er musste gewissermaßen wieder bei null beginnen. Nick warf einen Blick auf die Uhr. Gleich halb drei, mit jeder Minute, die verstrich, verminderte sich die Chance, dass er dem Brautpaar heute noch eine kleine Auswahl von Bildern schicken konnte. Wenn er sie überhaupt wiederbekam; es war zum Aus-der-Haut-Fahren. Morgen war nicht so viel Zeit, er musste in die Uni, außerdem sollte er lernen …

Als Nick wieder hochblickte, hatte sich in dem Wald rund um Sarius etwas verändert. Er wusste nicht sofort, woran es lag – vielleicht war es noch dunkler geworden. Stiller.

Ja, tatsächlich hatten die Vögel zu singen aufgehört, und nun drang über Nicks Kopfhörer etwas wie entferntes Donnergrollen. Als würde ein Unwetter aufziehen. In einiger Entfernung, zwischen den Baumstämmen, leuchtete etwas Helles auf, war aber sofort wieder verschwunden.

Ein Signal? Nick ließ seinen Dunkelelf auf die Beine kommen und steuerte ihn langsam auf die Stelle zu. Die Bäume standen hier dichter, zweimal verfing Sarius’ Wams sich in dornigen Ästen, bis Nick ihn sein Schwert ziehen und sich den Weg freihacken ließ.

Er erinnerte sich noch genau, was beim letzten Mal am Beginn des Spiels gestanden hatte: eine Begegnung mit dem Toten Mann, der jeden der Neuankömmlinge begrüßt hatte. Begrüßt und gewarnt. Nick hatte die Warnung ebenso in den Wind geschlagen, wie die anderen Spieler. Ein großer Fehler wie sich später herausstellte, denn der Mann hatte besser als jeder andere gewusst, wovor er warnte.

Würde er wieder hier sein? War das überhaupt denkbar?

Der Wind legte sich. Nun herrschte völlige Stille in der Welt von Erebos, nur Sarius’ Schritte waren noch zu hören. Nick bewegte ihn langsam vorwärts, ließ ihn vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen, in dem Bewusstsein, dass überall Fallen lauern konnten.

Alles, was ihn umgab, war gleichzeitig vertraut und neu; es wirkte noch lebensechter als beim ersten Mal, noch detailreicher. Das Spiel war mit der Zeit gegangen.

Und dann sah Nick zwei fahlgelb schimmernde Schlitze im Dunkel zwischen den Bäumen. Im nächsten Augenblick trat eine Gestalt aus dem Dickicht, größer als in seiner Erinnerung. Furchterregender.

»Sarius.« Die Stimme klang, als würde man Steine aneinanderreiben. »Du bist zurückgekehrt.«

Früher hatte Nick seine Antworten an den Boten tippen müssen, und auch umgekehrt waren dessen Anweisungen meist schriftlich erfolgt. Diesmal gab es kein Eingabefeld, keinen blinkenden Cursor. Sie sprachen miteinander.

»Das bin ich«, antwortete Nick also. »Wenn auch nicht freiwillig.«

Die hagere Gestalt näherte sich ein weiteres Stück. Mattes Licht fiel auf den kahlen Schädel, die graue Kutte und die überlangen Knochenfinger, die aus den Ärmeln ragten. Der Bote mit den gelben Augen, der Nick noch Monate nach dem Ende des Spiels in seinen Träumen verfolgt hatte.

»Freiwillig oder nicht, das spielt keine Rolle«, erwiderte er. »Du bist hier, und du wirst bleiben, solange du nützlich bist.«

Nick runzelte die Stirn. »Was bedeutet das im Klartext? Beim letzten Mal hieß es, ich könne das Spiel jederzeit beenden.«

Im Gesicht des Boten rührte sich kein Muskel. »Das war damals. Diesmal gehörst du uns, bis wir keine Verwendung mehr für dich haben.« Er griff in seine Tasche und zog etwas hervor, das wie eine Schriftrolle aussah. »Das hier ist, was du suchst, nicht wahr?« Er rollte das Papier auf, zeigte Nick, was darauf abgebildet war.

Cindy, in dem Moment, als eine ihrer Freundinnen ihr den Schleier im Haar festmachte. Es war eines von Nicks Fotos, eines von tausendsiebenhundert.

»Es gibt nicht weit entfernt von hier einen Hügel, auf dem einst eine große Schlacht geschlagen wurde«, fuhr der Bote fort. »Das wäre ein guter Ort, um deine Suche zu beginnen.«

Ein amüsierter Zug umspielte seine schmalen Lippen, als er die Hand hob, sich umdrehte und in den Schatten des Waldes verschwand.

Derek wartete, und mit jeder Sekunde wuchs in ihm die Befürchtung, dass etwas mit seinem Computer nicht stimmte. Der Monitor blieb jetzt schon viel zu lange dunkel, wahrscheinlich war der Rechner abgestürzt.

Einen Reset hatte Derek schon versucht, aber das hatte nicht geklappt. Die letzte Option war es, die Stromversorgung zu kappen; buchstäblich den Stecker zu ziehen, doch das würde er nur im Notfall tun.

Ohne es gleich zu bemerken, hatte er begonnen, an seinem Daumennagel herumzuknabbern. Blöde Angewohnheit. Und blödes Spiel, falls es denn wirklich eines war. Er würde …

Auf dem Bildschirm rührte sich etwas. Derek beugte sich vor.

Eine blasse Hand mit dunklen, spitzen Fingernägeln reckte sich in sein Sichtfeld. Jede Hautfalte, jede Ader war genau zu erkennen. Dann schob sich der Besitzer der Hand ins Bild; eine Art Zwerg oder Gnom, mit kahlem Kopf und langer, gebogener Nase. Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Derek prüfend von oben bis unten. »Man hat mich geschickt, um dich in Empfang zu nehmen.« Es wirkte nicht, als wäre das eine Aufgabe gewesen, die dem Gnom besondere Freude bereitete.

»Aha.«

»Du bist auserwählt.«

Das nun wieder. »Ja, das habt ihr schon gesagt«, antwortete er und hörte, wie gereizt seine Stimme klang. Der Gnom fletschte die Zähne.

»Nimm das nicht auf die leichte Schulter, Junge«, zischte er. »Es sind nur wenige auserwählt, sie tragen Verantwortung, und wäre es nach mir gegangen, hättest du keine Chance gehabt.« Er rülpste, und eine blassgrüne Made kroch aus seinem Mund. »Aber mich fragt ja keiner.«

Derek lachte nervös auf. Er hatte eigentlich kein Interesse an dem Spiel gehabt, und er wusste weniger denn je, was er davon halten sollte, aber dieses Gespräch hier faszinierte ihn. Der hässliche Typ war genauso schlecht gelaunt wie Derek selbst.

»Ich habe nicht darum gebeten, auserwählt zu werden«, gab er zurück. »Also lass mich in Ruhe oder lass uns endlich loslegen. Kommt da überhaupt noch irgendetwas?«

Die Augen des Gnoms verengten sich zu Schlitzen. »Oh ja«, flüsterte er. »Und ob da noch etwas kommt. Du wirst staunen.«

Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Der Monitor färbte sich schwarz, dann rot, wieder schwarz und schließlich nachtblau. In grauen und silbrigen Schattierungen zeichneten sich die Umrisse einer verfallenen Burg unter einem fahlen Vollmond ab.

Davor stand eine Gestalt, die sich auf einen langen Stab stützte. Sie trug eine geflickte Jacke, eine Hose, die zu groß wirkte, und löchrige Schuhe.

Derek begriff sofort. Das hier war die Figur, mit der er spielen sollte; anfangs ein totaler Loser, wie so oft, bis er ihn nach und nach zu einem stahlgepanzerten Killer hochentwickelt haben würde.

»Originell ist anders«, murmelte er und griff nach der Maus, im selben Moment raschelte es neben seinem Spielcharakter im Gras. Er hatte nicht bemerkt, dass dort jemand lag. Erst jetzt, als die Gestalt sich aufrichtete, begriff er, dass er beinahe auf ihr gestanden haben musste.

Es war ein Mädchen. Kränklich blass, mit strähnigem, braunen Haar, das ihr bis auf den Rücken reichte. Die Augen standen zu nah zusammen, die Ohren waren spitz, standen aber ab. Eine Elfe vermutlich, oder eine Fee?

»Sei gegrüßt«, hauchte die junge Frau.

»Du auch.«

Sie blickte ihn aus großen, blaugrünen Augen verständnislos an. Dann bedeckte sie erst die Ohren mit den Händen und strich sich danach vom Ohr bis zum Mundwinkel. Wiederholte die Geste. Zweimal, dreimal, bis Derek verstand.

»Ich soll mir mein Headset aufsetzen, ja? Warum sagst du das nicht einfach?«

Sie neigte den Kopf, lächelnd. Legte eine Hand auf den Mund.

»Ist ja auch egal.« Derek stülpte sich seine Kopfhörer über die Ohren und aktivierte die Bluetooth-Verbindung.

Der Unterschied zu vorher war enorm. Er hörte einen entfernten Bach plätschern und ein Käuzchen schreien. Das Rauschen des Windes war so realistisch, dass Derek beinahe erwartete, ihn auch auf der Haut zu spüren.

Die Feenfrau nickte zufrieden. »So ist es gut. Jetzt wird er dich nicht mehr lange warten lassen.«

»Er?«

»Der Bote«, flüsterte sie. »Er wird dir alles erklären, was du wissen musst.«

»Ein Bote? Du meinst, so etwas wie ein Herold? Einer der Nachrichten überbringt? Von wem?«

Sie hatte sich schon halb abgewandt.

»Geduld. Es dauert nicht mehr lange.«

Geduld. Schon wieder. Vage und aus weiter Entfernung hörte Derek ein Geräusch wie von Hufschlägen.

»Er wird dich finden«, fuhr das Mädchen fort. »Keine Sorge. Du erkennst ihn an seinen gelben Augen.«

Er war von Kopf bis Fuß gepanzert, genau wie sein Pferd. Eine schwarze Rüstung, die an manchen Stellen rot schimmerte, wie von frischem Blut. Gelbe Augen in einem blassen Gesicht, dessen Haut so straff um den Schädel gespannt war, dass sich die Knochen darunter deutlich abzeichneten.

»Derek«, sagte er; es klang rau, als rieben die Stimmbänder trocken aneinander. »Mach dich bereit.«

Derek blinzelte. Dieser Bote wandte sich direkt an ihn, nicht an seine Spielfigur, die ein wenig verloren danebenstand. Die gelben Augen suchten Blickkontakt und hielten ihn, auch als das Pferd schnaubte und unruhig zu tänzeln begann.

»Bereit wofür?« Dereks Stimme klang heiser, er räusperte sich. Der gelbäugige Bote wandte keine Sekunde lang den Blick von ihm ab, verfolgte jede seiner Bewegungen. Es fühlte sich unbehaglich an. Als würde er ihn tatsächlich sehen können.

»Für das erste Ritual«, antwortete er und deutete auf die zerlumpte Gestalt, die sich auf ihren langen Stab stützte, zwischen dem Boten und Derek hin- und herschaute und ein wenig ratlos wirkte. »Du bist ein Namenloser und damit nutzlos für Erebos. Das erste Ritual ist der erste Schritt in dein neues Leben.«

Neues Leben hörte sich nun besser an als vorhin. Ein Leben, in dem Riley und Morton keine Rolle spielen würden? In dem Dad ihn nicht insgeheim ständig mit seinem anderen Sohn vergleichen würde, dem, über den nie gesprochen wurde? Ein Leben, in dem er es wagen würde, Maia um ein Date zu bitten oder sie zumindest einmal anzulächeln?

Nein, darum ging es nicht, das war schon klar. Es ging um ein virtuelles Leben, eines, das ihn von seinem realen Dasein ablenken würde. Immerhin. Besser als nichts.

»Was muss ich tun bei diesem Ritual?«, fragte Derek.

Der Bote wies auf das Burgtor hinter der Spielfigur, das sich nun knirschend öffnete. »Du musst wählen.«

Er war grußlos in die Nacht davongeritten, nachdem er noch einmal nachdrücklich auf das offene Tor gewiesen hatte. Derek zögerte. Einerseits hatte ihn nun die Neugier gepackt, andererseits traute er der Sache nicht. Das Spiel war wie von selbst aufgetaucht, aus dem Nichts, und dafür sah es einfach zu gut aus. Wenn man solche Spiele downloadete, zahlte man dafür gut vierzig oder fünfzig Pfund. Für manche auch mehr.

Aber – vielleicht war es ja ein Testlauf? Und er war unter den zufällig ausgewählten Personen, die Probe spielen sollten?

Allerdings war er dafür nicht gerade die perfekte Wahl. Allein unter seinen Mitschülern fielen ihm auf Anhieb fünf ein, die deutlich mehr spielten als er. Und wenn er wirklich einer von einer Handvoll Auserwählten war …

Ach, war doch egal. Das Spiel war da, also konnte er es ebenso gut ausprobieren. »Der erste Schritt in ein neues Leben«, murmelte er, während er seine Spielfigur – seinen Namenlosen, wie der Bote ihn genannt hatte – zum Burgtor marschieren ließ.

Es öffnete sich von selbst, kaum dass der Namenlose die Hand nach dem rostigen Türring ausgestreckt hatte. Was dahinterlag, war kaum zu erkennen, das Mondlicht erhellte nur ein Stück brüchige Mauerwand und ein paar Zentimeter grauen Steinboden. Zögernd ließ Derek seinen Spielcharakter einen Schritt hineingehen. Dann noch einen.

RUMS. Hinter ihm war die Tür zugefallen, und nun herrschte undurchdringliche Finsternis. Wenn jetzt gleich ein Angriff kam, hatte der Namenlose keine Chance. Derek lauschte, aber es war hier ebenso ruhig, wie es dunkel war. Das Einzige, was er hörte, waren die Schritte der Spielfigur, wenn er sie vorsichtig weiterbewegte. Und, nach einiger Zeit, das Geräusch von Tropfen, die auf Stein fielen. Nicht oft und nicht regelmäßig, aber immer wieder.

War das ein Zeichen? Sollte er dem Geräusch folgen? Er drehte den Namenlosen um die eigene Achse, in der Hoffnung, doch irgendwo einen Lichtschein zu entdecken oder etwas anderes, woran er sich orientieren konnte. Aber da war absolut nichts.

»Scheiße«, murmelte Derek.

»Shhhhhh«, drang es im nächsten Moment durch die Kopfhörer. »Geduld.«

Nicht schon wieder, langsam wurde es wirklich ärgerlich. »Geduld ist nicht meine Stärke«, gab er schroff zurück.

»Du wirst sie lernen«, flüsterte die Stimme ihm ins Ohr, und beinahe hätte er die Kopfhörer abgenommen – er ließ sich doch nicht von einem Computerspiel bevormunden –, als an der Wand vor ihm eine Feuerscheibe erschien und den Raum erleuchtete. Sie drehte sich und wurde dabei immer langsamer, bis sie zum Stillstand kam. Rotgelbes Licht fiel auf die groben Steinblöcke der Burgmauer.

Dann verformte sich das Feuer zu brennenden Buchstaben.

Willkommen, Derek. Willkommen in der Welt von Erebos. Wenn du spielen möchtest, mache dich mit den Regeln vertraut.

Und wenn ich nicht spielen möchte?, dachte er trotzig, wusste aber bereits, dass er jetzt noch nicht aussteigen wollte. Erst würde er herausfinden, was es mit dem Spiel auf sich hatte, und danach konnte er es immer noch abbrechen.

»Es ist wichtig, dass du die Regeln genau behältst«, raunte ihm eine samtige Stimme ins Ohr. »Wenn du sie brichst, bleibt das nicht ohne Folgen. Okay?«

»Was denn für Folgen?« Er fragte mehr amüsiert als besorgt; angedrohte Konsequenzen nahm er höchstens ernst, wenn sie von seinen Lehrern kamen. Andererseits, falls Erebos doch eher ein Virus als ein Spiel war, konnte es seinen Computer lahmlegen. Danach hörte sich auch die Antwort an.

»Unerfreuliche Folgen, Derek. Keine, die du erleben möchtest.«

Er unterdrückte ein Seufzen. »Alles klar. Also, welche Regeln sind das?«

Das Feuer an der Wand formte einen Totenschädel.

»Die erste Regel: Du hast nur eine Chance, Erebos zu spielen. Wenn du sie vertust, ist es vorbei. Wenn deine Figur stirbt, ist es vorbei. Wenn du gegen die Regeln verstößt, ist es vorbei. Okay?«

»Okay.« Regelbruch bedeutete also nichts weiter als Rausflug aus dem Spiel, so viel zu den unerfreulichen Folgen. Möglicherweise würde er das schade finden, kam darauf an, aber es war ein Gratisspiel. Er würde den Verlust verschmerzen können.

Der Schädel zerfloss zu brennenden Tropfen, die die Wand hinunterliefen, als würde sie Feuer weinen.

»Die zweite Regel: Wenn du spielst, achte darauf, allein zu sein. Erwähne niemals im Spiel deinen richtigen Namen. Erwähne niemals außerhalb des Spiels den Namen deines Spielcharakters.«

Ah, große Geheimnistuerei. Derek grinste schief. »Meinetwegen.«

Die flammenden Tränen zischten, sammelten sich in der Mitte der Wand und formten ein Gesicht, dessen Mund zu einem Schrei aufgerissen war.

»Die dritte Regel: Der Inhalt des Spieles ist geheim. Sprich mit keinem darüber. Besonders nicht mit Unregistrierten. Mit Spielern kannst du dich, während du spielst, an den Feuern austauschen. Verbreite keine Informationen in deinem Freundeskreis oder deiner Familie. Verbreite keine Informationen im Internet.«

Das wurde ja immer besser. Das Spiel tat, als würde es ihn in einen Geheimbund aufnehmen, wahrscheinlich musste er gleich noch Blut auf die Computertastatur tropfen lassen, um den Pakt zu besiegeln. Das wäre ein echt origineller Einfall gewesen. »Einverstanden.«

»Wir werden dich beim Wort nehmen.«

Die Fackeln, die mit Eisenringen an der Wand angebracht waren, entzündeten sich wie von selbst und erleuchteten einen niedrigen Mauergang, dessen Ende ein Tor aus schweren Balken bildete.

Ohne dass Derek etwas dazu beigetragen hätte, wandte der Namenlose sich ihm zu. Hob langsam die Hand, führte sie an sein Gesicht und zog es vom Kopf, hinterließ nichts als eine glatte Fläche ohne Mund, Nase oder Augen. Trotzdem hatte Derek das widersinnige Gefühl, die Figur würde ihn mustern. Auf eine Reaktion lauern.

»Krank«, murmelte er und lotste seinen gesichtslosen Spielcharakter auf die Tür zu. Ein leichter Druck gegen das Holz, und sie öffnete sich. Der Namenlose trat hindurch.

Treppen, die nach unten führen. Eine weitere Tür, mit glänzenden Beschlägen. Und dahinter – eine Schatzkammer. Truhen, große Säcke, vermodernde Kisten. An den Wänden entdeckt er Kupfertafeln, die das einfordern, was der Bote bereits angekündigt hat: Er muss wählen.

Wähle ein Geschlecht, verlangt die erste Tafel, und schon hier beginnt er zu zögern. Nirgendwo sind die jeweiligen Vor- und Nachteile beschrieben, also entscheidet er sich am Ende dafür, ein Mann zu bleiben, das fühlt sich logischer an.

Die zweite Tafel. Wähle ein Volk.

Noch schwieriger. Sein erster Impuls ist es, den Werwolf zu nehmen, mit seinen langen Fangzähnen und den messerscharfen Klauen, doch der Barbar überragt ihn um gut einen halben Kopf und sieht schon ohne jede Ausrüstung unbesiegbar aus.

Der Dunkelelf kommt nicht infrage, ebenso wenig wie Echsen- oder Katzenmensch … aber Vampir? Er schlüpft probeweise in dessen Haut und ist begeistert von den blitzschnellen, eleganten Bewegungen, zu denen sein Charakter plötzlich fähig ist. Mit seinen dunklen Haaren und der blassen Haut wirkt er wie eine verbesserte Version von Derek. Wie jemand, der er irgendwann vielleicht einmal werden könnte.

Doch so schnell will er seine Entscheidung nicht treffen, auswählen macht schließlich Spaß. Zum Beispiel stehen Zwerge zur Wahl, doch für die hat er noch nie etwas übriggehabt, die kann er leichten Herzens ignorieren. Das Gleiche gilt für die Menschen, die sind ohnehin immer sein Volk, ob ihm das gefällt oder nicht.

Dafür sieht die letzte Option umso spannender aus. Ein Geschöpf, das er so noch nicht kennt: Es nennt sich Harpyie und wirkt majestätisch. Ein Menschenkörper mit Greifvogelklauen statt Füßen, Federn anstelle von Haar und vor allem – Schwingen, die sich ausbreiten lassen. Sie sind nicht sehr lang, aber ein bisschen würde man damit sicher fliegen können. Und wahrscheinlich würden sie im Lauf der Zeit wachsen …

Es ist verlockend. Derek betrachtet das Flügelwesen von allen Seiten und versucht, probeweise Harpyien-Gestalt anzunehmen, aber eigenartigerweise klappt das nicht. Dafür entrollt sich ein Pergament an der Wand, direkt neben der zweiten Tafel.

Zum Volk der Harpyien hast du keinen Zugang. Wähle ein anderes.

Na toll, wieso stehen sie dann hier zur Auswahl? Derek versucht es noch einmal, vielleicht ist die Meldung auf der Schriftrolle ja bloß ein Irrtum.

Ein Geräusch lässt ihn herumfahren. Die Tür hat sich knarrend geöffnet, und ein Gnom schlurft herein, der dem vom Anfang ähnelt. Er blickt sich um und lacht meckernd. »Sieh an. Ein neuer Kämpfer. Leider einer, der nicht lesen kann.«

»Natürlich kann ich lesen«, erwidert Derek. Die Anwesenheit des Gnoms stört ihn, nicht nur, weil er schauderhaft hässlich ist. Bläuliche Haut mit roten Flecken, krumme Beine und riesige Ohren, die fast bis zum Boden hängen. »Aber ich verstehe nicht, warum ich mir die Harpyien nicht als Volk aussuchen kann, wenn es sie doch gibt.«

»Weil du nicht zu ihnen gehörst«, antwortet der Gnom schroff. »Alles andere steht dir offen. Du würdest dich sicher bei den Werwölfen wohlfühlen, die sind alle so dämlich.«

Er spürt die vertraute Wut in seinen Eingeweiden rumoren und schiebt sie weg, so gut es geht. Den Gnom würdigt er keiner Antwort mehr, sondern entscheidet sich kurzerhand für den Vampir, mit dem Gefühl, dabei nichts falsch machen zu können.

»Langzahn«, sagt der Gnom verächtlich und versetzt der nächstliegenden Truhe einen Tritt. »So lange herumüberlegt und dann so schlecht gewählt.«

Nicht verunsichern lassen. Und nicht provozieren. Ein Blick auf seinen neu geschaffenen Spielcharakter genügt, und Derek weiß, dass er sich richtig entschieden hat.

Wähle dein Äußeres, lautet die Aufforderung auf der dritten Tafel. Das findet er einfacher. Er gibt seinem Charakter schmale, dunkle Augen mit rötlichem Schimmer; helle Haut und schwarzes Haar, das ihm bis über die Schultern fällt. Ein schlankes Gesicht, kräftige Lippen, die beim kleinsten Lächeln die Fangzähne freigeben. Eine gebogene Nase, schräg nach oben gezogene Augenbrauen. Zufrieden und gleichzeitig wehmütig betrachtet er sein Werk. So gut würde er auch gerne aussehen. Aber egal. Weiter.

Wähle eine Berufung.

Auch hier ist die Auswahl riesig. Assassine, Gladiator, Heiler, Krieger, Beschwörer, Ritter, Späher, Dieb, … es nimmt kein Ende. Doch wenn er seinem Vampir ins Gesicht blickt, ist klar, dass Ritter oder Heiler für ihn nicht infrage kommen.

Assassine hingegen … warum nicht auch einmal die erste Option auf der Liste nehmen?

Die fünfte Tafel. Wähle …

»Assassine, haha!« Der Gnom zieht an seinen Ohren, wahrscheinlich sind sie deshalb so lang. »Stiefelputzer wäre passender gewesen.«

»Meine Angelegenheit«, sagt Derek und wendet sich wieder der Tafel zu.

Wähle deine Fähigkeiten.

Es ist eine endlos scheinende Liste voll mit verführerischen Möglichkeiten, doch er kann sich kaum darauf konzentrieren, weil der verdammte Gnom begonnen hat, eine der Truhen auszuräumen und den Inhalt durch die Kammer zu werfen. »Spielt keine Rolle, was du dir aussuchst«, kräht er dabei. »Versagen wirst du in jedem Fall.«

»Lass mich in Ruhe.« Er zögert kurz, dann wählt er Tarnung, Nachtsicht und Sprungkraft.

Jede seiner Entscheidungen lässt eine oder mehrere der verbliebenen Optionen erlöschen. Eisenhaut ist verschwunden, ebenso Langer Atem und Waffenkunde. Macht nichts, dadurch wird die Auswahl einfacher. Er wählt Klettern, Lautlosigkeit und Schlagkraft, während der Gnom einen Totenschädel zu seinen Füßen detonieren lässt. »Du hast auf Selbstheilung verzichtet, du Narr«, ruft er. »Du hast Listigkeit verschmäht! Du bist dumm, Langzahn, und die Dummen überleben hier nicht lange.«

Er wählt Zielgenauigkeit, greift sich einen rostigen Kelch vom Boden und wirft ihn dem hässlichen Störenfried an den Kopf. Treffer. Grünes Blut läuft dem Gnom übers Gesicht. »Doch nicht so schlecht gewählt, oder?«, sagt er lachend.

Der Gnom streckt ihm drei gekrümmte Finger entgegen, als wolle er ihn verfluchen. »Lach nur«, zischt er. »Wenn dir das Lachen vergeht, werde ich da sein.«

Damit wendet er sich um und verlässt die Schatzkammer, hinterlässt nur eine Spur klebriger grüner Tropfen auf dem Boden.

Besser so. Die sechste Tafel. Wähle deine Waffen.

Aus der Truhe, die unterhalb dieser Aufforderung platziert ist, ragt spitzes und scharf geschliffenes Metall in allen denkbaren Formen. Gezackte Dolche, Äxte, breite Kurzschwerter, ein Morgenstern mit schauderhaft langen Stacheln.

Er lässt sich Zeit, nimmt eine Waffe nach der anderen zur Hand, überprüft, ob sie ihn in seiner Wendigkeit beeinträchtigt. Zu guter Letzt entscheidet er sich für ein leichtes Schwert mit langer, schmaler Klinge, das silbrige Bögen in die Luft malt, wenn er es schwingt. Dazu einen dreieckigen Schild und einen Helm, der zwar ein bisschen verbeult wirkt, aber besser ist als nichts. Dann findet er noch eine Art Schmuckstück, einen bronzefarbenen Halsring, vorne offen und an den Enden mit Schlangenköpfen besetzt, deren Augen rubinrot glitzern. Es sieht perfekt aus, als wäre das Stück eigens für ihn gemacht worden.

Fast fertig. Es ist nur noch eine Tafel übrig. Wähle deinen Namen.

Keine einfache Aufgabe. Er möchte etwas, das zu seinem düsteren Aussehen passt. Nichts Banales, vor allem auch nichts aus Büchern oder Filmen Geklautes. Schon gar keine Anspielungen auf Dracula oder andere Vampirgeschichten.

Nachdenklich betrachtet er die Tafel. Neben ihr hängt an einer Kette ein schlichter Holzstab an der Wand. Wenn er damit gegen das Kupfer schlägt, erhält er dann Vorschläge?

Er versucht es. Vergebens. Also muss er selbst weitergrübeln.

Ein Wortspiel mit beißen oder Zähnen oder Blut? Nein, das findet er nicht nur langweilig, sondern lächerlich. Aber …

Für diese Art Halsring, den er eben gefunden hat, gibt es einen speziellen Namen. Es ist ein Schmuckstück, das keltische Krieger früher getragen haben, er hat es einmal im Museum betrachtet, wie hieß das noch –

Dann hat er es. Torque. Genau. Damit ist seine Entscheidung gefallen. Er wird sich Torqan nennen, und sollte jemand ihn fragen, kann er seine Wahl sogar begründen.

»Ich habe einen Namen gefunden«, sagt er.

Das Feuer der Fackeln im Raum verfärbt sich blau; die Schrift auf der siebten Tafel erlischt, gleichzeitig schlagen helle Flammen aus der Spitze des Holzstabs.

Es dauert einen Moment, bis klar ist, was er nun tun soll. Er nimmt den Stab und brennt damit seinen Namen in die Tafel.

Torqan, wispert, raunt und flüstert es durch die nächtliche Burg. Tor-qan. Sei willkommen, Torqan.

Er hört sich selbst auflachen. Hinter ihm öffnet sich knarrend die Tür. Torqan wendet sich um und macht sich auf den Weg nach draußen.

Es hat begonnen. Ich bin erschrocken und fasziniert zugleich, wie mühelos sich eines ins andere fügt. Es ist erstaunlich, wie schnell sich jedermanns Wünsche und Geheimnisse ergründen lassen, wenn man das richtige Werkzeug besitzt.

Natürlich ist es nicht fair, was ich tue, aber das ist im Moment die geringste meiner Sorgen. Ich habe einen Gegner, der keine Skrupel kennt und ein Heer von Helfershelfern auf seiner Seite hat. Wissende und Unwissende.

Also muss es auch mir erlaubt sein, meine eigenen Leute um mich zu scharen. Sie weben bereits das Netz, graben die Fallgrube, knüpfen die Schlinge. Sie jagen, noch ohne zu wissen, wie gefährlich das Tier ist, auf das wir es abgesehen haben. Es darf erst begreifen, dass es zur Beute werden soll, wenn es zu spät ist.

Dass sie nicht wissen, in welche Schlacht ich sie schicke, bereitet mir Sorge, doch es geht um so viel. Für mich, für dich, für andere.

An jedem Morgen, an dem ich die Augen aufschlage, frage ich mich, ob ich das zum letzten Mal tue. Ob ich gerade meinen Todestag beginne. Sollte das so sein, hoffe ich, dass ich gut genug gearbeitet habe, um meinen Gegner nicht ungeschoren davonkommen zu lassen.

Die Zeit wird knapp.