Verlag: Loewe Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Erebos E-Book

Ursula Poznanski  

4.88775510204082 (98)

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E-Book-Beschreibung Erebos - Ursula Poznanski

In einer Londoner Schule wird ein Computerspiel herumgereicht - Erebos. Als Raubkopie geht es von Hand zu Hand und wer es spielt, kommt nicht mehr davon los. Dabei sind die Spielregeln äußerst streng: Jeder hat nur eine Chance, Erebos zu spielen. Er darf mit niemandem darüber reden und muss immer allein spielen. Und - wer gegen die Spielregeln verstößt oder seine Aufgaben nicht erfüllt, fliegt raus und kann das Spiel auch nicht mehr starten. Merkwürdig ist aber, dass die Aufgaben, die Erebos stellt, nicht in der Welt von Erebos, sondern in der Wirklichkeit ausgeführt werden müssen. Die Fiktion des Spiels und die Realität verschwimmen auf irritierende Weise. Auch Nick ist süchtig nach Erebos, bis das Spiel ihm befiehlt, einen Menschen umzubringen. Natürlich führt er diesen Auftrag nicht aus und wird prompt vom Spiel ausgeschlossen. Als auch noch sein bester Freund Jamie schwer verunglückt, begreift Nick: Erebos ist weitaus mehr als nur ein harmloses Computerspiel! AUSZEICHNUNGEN: - Deutscher Jugendliteraturpreis 2011 (Jugendjury) - Ulmer Unke 2010 - Buch des Monats März 2010 (Jubu-Crew Göttingen) Die Spiegel-Bestsellerautorin, auch bekannt durch ihre Jugendromane "Saeculum" und "Die Verratenen" sowie durch ihre Thriller für Erwachsene: "Fünf" und "Blinde Vögel", erschienen beim Wunderlich Verlag, widmet sich in ihrem Jugendbuchdebüt dem Thema Online-Rollenspiel. Entstanden ist ein fesselnder und spannender Unterhaltungsroman, sogartig wie das beschriebene Computerspiel und dessen Fantasy-Setting, der sich mit den Gefahren der virtuellen Welten und deren Suchtpotenzial auseinandersetzt. Erebos wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis.

Meinungen über das E-Book Erebos - Ursula Poznanski

E-Book-Leseprobe Erebos - Ursula Poznanski

Es beginnt immer nachts. Nachts füttere ich meine Pläne mit Dunkelheit. Wenn es etwas gibt, worüber ich im Übermaß verfüge, so ist es Dunkelheit. Sie ist der Boden, auf dem gedeihen wird, was ich wachsen lassen möchte.

Schon immer hätte ich, vor die Wahl gestellt, die Nacht dem Tag vorgezogen und den Keller dem Garten. Nur nach Sonnenuntergang wagen sich meine verkrüppelten Ideenwesen aus ihren Bunkern, um eisige Luft zu atmen. Sie warten darauf, dass ich ihren missgestalteten Körpern eine eigene groteske Schönheit verleihe. Ein Köder muss schön sein, damit die Beute den Haken erst bemerkt, wenn er tief im Fleisch sitzt. Meine Beute. Fast möchte ich sie umarmen, ohne sie zu kennen. In gewisser Weise werde ich das tun. Wir werden eins sein, in meinem Geist.

1.

Schon zehn Minuten nach drei und noch keine Spur von Colin. Nick ließ den Basketball auf dem Asphalt aufschlagen, fing ihn einmal mit der rechten, dann mit der linken, dann wieder mit der rechten Hand auf. Ein kurzes, singendes Dröhnen bei jeder Bodenberührung. Er bemühte sich, den Rhythmus zu halten. Noch zwanzig Mal – wenn Colin dann nicht hier war, würde Nick allein zum Training gehen.

Fünf, sechs. Es sah Colin nicht ähnlich, ohne Erklärung wegzubleiben. Er wusste genau, wie schnell man aus Trainer Betthanys Team flog. Colins Handy war auch nicht an, er hatte garantiert wieder vergessen, den Akku zu laden. Zehn, elf. Aber dass er auch Basketball vergaß, seine Kumpels, sein Team? Achtzehn. Neunzehn. Zwanzig. Kein Colin. Nick seufzte und klemmte sich den Ball unter den Arm. Auch gut, dann würden die meisten Körbe heute endlich mal auf sein eigenes Konto gehen.

Das Training war hammerhart und Nick nach zwei Stunden schweißgebadet. Mit schmerzenden Beinen humpelte er unter die Dusche, stellte sich in den heißen Wasserstrahl und schloss die Augen. Colin war nicht mehr aufgetaucht und Betthany war wie erwartet ausgeflippt. Seinen Ärger hatte er zur Gänze an Nick ausgelassen, als sei der schuld an Colins Fernbleiben.

Nick verteilte Shampoo auf seinem Kopf und wusch sein – in Trainer Betthanys Augen – viel zu langes Haar, das er anschließend mit einem ausgeleierten Gummiring zu einem Zopf zusammenband. Er war der Letzte, der die Sporthalle verließ, draußen wurde es bereits dunkel. Während er die Rolltreppe zur U-Bahn hinunterfuhr, holte Nick sein Handy aus der Tasche und drückte die Kurzwahl, unter der er Colins Nummer gespeichert hatte. Nach dem zweiten Läuten sprang die Mailbox an und Nick legte auf, ohne eine Nachricht hinterlassen zu haben.

Mum lag auf der Couch, las eine ihrer Frisuren-Fachzeitschriften und sah gleichzeitig fern.

»Heute gibt’s nur Hotdogs«, erklärte sie, kaum dass Nick die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Ich bin total erledigt. Kannst du mir ein Aspirin aus der Küche bringen?«

Nick ließ seine Sporttasche in die Ecke fallen und warf eine Aspirin plus C-Tablette in ein Glas mit Wasser. Hotdogs, toll. Er war am Verhungern.

»Ist Dad nicht zu Hause?«

»Nein, der kommt später. Ein Kollege hat Geburtstag.«

Ohne viel Hoffnung scannte Nick den Kühlschrank auf etwas Erfreulicheres als Würstchen – die Pizzareste von gestern zum Beispiel –, wurde aber nicht fündig.

»Was sagst du zu der Sache mit Sam Lawrence?«, rief Mum aus dem Wohnzimmer. »Wahnsinn, oder?«

Sam Lawrence? Der Name kam ihm bekannt vor, aber er konnte kein Gesicht damit verbinden. Wenn er so müde war wie heute, gingen ihm die verschlüsselten Nachrichten seiner Mutter gehörig auf die Nerven. Er servierte ihr den gewünschten Anti-Kopfschmerz-Cocktail und überlegte, ob er nicht auch eine Tablette einwerfen sollte.

»Wart ihr dabei, als sie ihn geholt haben? MrsGillinger hat mir die Geschichte heute erzählt, während ich ihr Strähnchen gefärbt habe. Sie arbeitet in der gleichen Firma wie Sams Mutter.«

»Hilf mir auf die Sprünge: Sam Lawrence geht auf meine Schule?«

Mum beäugte ihn missbilligend. »Na sicher! Nur zwei Jahre unter dir. Wurde jetzt vom Unterricht suspendiert. Hast du die ganze Aufregung nicht mitbekommen?«

Nein, das hatte Nick nicht, aber seine Mutter setzte ihn gern und ausführlich ins Bild.

»Sie haben Waffen in seinem Spind gefunden! Waffen! Angeblich waren es eine Pistole und zwei Springmesser. Wo hat ein Fünfzehnjähriger eine Pistole her? Kannst du mir das verraten?«

»Nein«, sagte Nick wahrheitsgemäß. Ihm war der ganze Skandal, wie seine Mutter es nannte, entgangen. Er dachte an die Amokläufe an amerikanischen Schulen und schüttelte sich unwillkürlich. Gab es wirklich so kranke Typen bei ihnen? Es juckte ihn in den Fingern, Colin anzurufen, der wusste vielleicht mehr darüber, aber Colin hob ja nicht ab, der faule Sack. War vielleicht besser, denn wahrscheinlich übertrieb Mum wieder mal gehörig und dieser Sam Lawrence hatte bloß eine Wasserpistole und ein Taschenmesser dabeigehabt.

»Es ist schon schlimm, was alles schiefgehen kann, während die Kinder groß werden«, sagte seine Mutter und sah ihn mit diesem Blick an, der mein Schnuckelhase sagte, mein Kleiner, mein Baby, du würdest so etwas doch nicht tun?

Es war dieser Ausdruck, der Nick immer wieder überlegen ließ, ob er vielleicht doch zu seinem Bruder ziehen sollte.

»Warst du krank gestern? Betthany hat vielleicht geflucht!«

»Nein. Alles okay.« Colins gerötete Augen fixierten die Wand des Schulkorridors neben Nicks Kopf.

»Sicher? Du siehst scheiße aus.«

»Sicher. Hab bloß nicht viel geschlafen letzte Nacht.«

Ganz kurz streifte Colins Blick Nicks Gesicht, um sich dann wieder beharrlich an die Wand zu heften. Nick unterdrückte ein Schnauben. Wenig Schlaf hatte Colin noch nie etwas ausgemacht.

»Warst du unterwegs?«

Colin schüttelte den Kopf, seine Rastalocken schwangen hin und her.

»Gut. Aber falls es dein Dad ist, der mal wieder –«

»Es ist nicht mein Dad, okay?« Colin drückte sich an Nick vorbei und ging ins Klassenzimmer – setzte sich aber nicht an seinen Platz, sondern schlenderte hinüber zu Dan und Alex, die am Fenster standen, total vertieft in ihr Gespräch.

Dan und Alex? Nick blinzelte ungläubig. Die beiden waren so uncool, dass Colin sie immer nur ›die Häkelschwestern‹ nannte. Häkelschwester 1 (Dan) war deutlich zu kurz geraten und man hatte den Eindruck, er versuche das durch seinen besonders fetten Hintern wettzumachen, an dem er sich gern kratzte. Bei Häkelschwester 2 (Alex) wechselte, kaum dass man ihn ansprach, die Gesichtsfarbe in rekordverdächtiger Geschwindigkeit von Stubenhockerweiß zu Stoppschildrot. Jedes Mal.

Hatte Colin vor, sich bei den beiden als Häkelschwester Nummer 3 zu bewerben?

»Das kapier ich nicht«, murmelte Nick.

»Selbstgespräche?« Hinter ihm war Jamie aufgetaucht, patschte ihm mit der Hand auf die Schulter und ließ seine zerfledderte Tasche quer durch den Klassenraum schlittern. Er grinste Nick an und zeigte dabei eine Reihe der schiefsten Zähne, die an der Schule zu finden waren.

 »Selbstgespräche sind ein schlechtes Zeichen. Eines der ersten Anzeichen für Schizophrenie. Hörst du auch schon Stimmen?«

»Quatsch.« Nick versetzte Jamie einen freundschaftlichen Rempler. »Aber Colin verbrüdert sich mit den Häkelschwestern.«

Er sah noch einmal hin und stutzte. Halt. Da war keine Verbrüderung im Gange, sondern eine Unterwerfung. Colin hatte einen noch nie dagewesenen flehenden Gesichtsausdruck aufgesetzt. Unwillkürlich ging Nick ein paar Schritte näher.

»… verstehe nicht, was dabei ist, wenn du mir ein paar Tipps gibst«, hörte er seinen Freund sagen.

»Das geht nicht. Stell dich nicht so an, du weißt es selbst«, sagte Dan und verschränkte die Arme vor seinem Hängebauch. Auf der Krawatte seiner Schuluniform klebte ein Dotterrest vom Frühstücksei.

»Hey, komm – nichts Großartiges. Und ich verpfeif dich auch nicht.«

Während Alex zweifelnd zu Dan blickte, stand diesem die Freude an der Situation deutlich ins Gesicht geschrieben.

»Vergiss es. Bist doch sonst so großkotzig. Sieh selbst zu, wie du da rauskommst.«

»Wenigstens –«

»Nein! Halt endlich die Klappe, Colin!«

Gleich. Gleich würde Colin Dan an den Schultern nehmen und ihn quer über den Gang segeln lassen. Gleich.

Doch Colin senkte nur den Kopf und betrachtete seine Schuhspitzen.

Da war etwas faul. Nick schlenderte Richtung Fenster und gesellte sich zu der Dreiergruppe dazu.

»Na, was läuft bei euch?«

»Brauchst du irgendwas?«, fragte Dan angriffslustig.

Nick sah zwischen ihm und den anderen beiden hin und her.

»Nicht von dir«, antwortete er. »Nur von Colin.«

»Bist du blind? Er unterhält sich gerade.«

Nun blieb Nick doch die Luft weg. Wie redete der mit ihm?

»Ach wirklich, Dan?«, sagte er langsam. »Worüber könnte er sich mit dir unterhalten? Über Häkelmuster?«

Colin warf ihm einen hastigen Blick aus seinen schwarzen Augen zu, sagte aber kein Wort. Wäre seine Haut nicht so dunkel gewesen, Nick hätte schwören können, dass er rot angelaufen war.

Das durfte doch nicht wahr sein! Hatte Colin Dreck am Stecken und Dan wusste davon? Erpresste er ihn?

»Colin«, sagte Nick laut, »Jamie und ich treffen uns nach der Schule mit ein paar Leuten am Camden Lock. Bist du dabei?«

Es dauerte lange, bis Colin antwortete.

»Weiß noch nicht«, sagte er, den Blick angestrengt aus dem Fenster gerichtet. »Rechnet besser nicht mit mir.«

Dan und Alex wechselten einen vielsagenden Blick, der Nicks Magengrube nervös kribbeln ließ.

»Worum geht es hier eigentlich?« Er nahm seinen Freund bei der Schulter. »Colin? Hey, was ist los?«

Es war Dan, der lächerliche Klops, der Nicks Hand von Colins Schulter nahm. »Nichts, das dich was angeht. Nichts, wovon du was verstehst.«

Um halb sechs war die Northern Line voll bis auf den letzten Stehplatz. Nick und Jamie, auf dem Weg ins Kino, standen eingequetscht zwischen müden, schwitzenden Menschen. Immerhin ragte Nick über die Massen hinaus und bekam unverbrauchte Luft, während Jamie rettungslos zwischen einem Anzugträger und einer großbusigen Matrone eingekeilt war.

»Und ich sage dir, da stimmt etwas nicht«, beharrte Nick. »Dan hat Colin behandelt wie seinen Laufburschen. Und mich wie ein Kleinkind. Das nächste Mal …« Nick hielt inne. Was würde er das nächste Mal tun? Dan eins auf die Nase hauen? »Das nächste Mal zeige ich ihm, wo es langgeht«, beendete er seinen Satz.

Jamie zuckte mit einer Schulter, für mehr Bewegung war kein Platz. »Ich glaube, du redest dir da was ein«, sagte er gleichmütig. »Vielleicht hofft Colin, dass Dan ihm in Spanisch hilft. Er gibt vielen Leuten Nachhilfe.«

»Nein. Das war es nicht. Du hättest sie hören sollen!«

»Dann heckt er vielleicht etwas aus.« Jamies Grinsen dehnte sich weiter, bis an die Backenzähne. »Er verarscht die beiden, verstehst du? So wie damals, als er Alex eingeredet hat, dass Michelle auf ihn steht. Das war Spaß für Wochen!«

Wider Willen musste Nick lachen. Colin war so überzeugend gewesen, dass Alex die schüchterne Michelle regelrecht verfolgt hatte. Natürlich flog die Sache auf und Alex gelang für ein paar Tage lang der Farbwechsel nicht mehr. Er blieb durchgehend knallrot.

 »Das ist zwei Jahre her, da waren wir gerade mal vierzehn«, sagte Nick. »Und es war kindischer Schwachsinn.«

Die Waggontüren glitten auf, ein paar Leute stiegen aus, ungleich mehr drängten herein. Eine junge Frau mit hohen Absätzen trat Nick mit ihrem vollen Gewicht auf den Fuß und der Schmerz vertrieb für die nächsten Minuten jeden Gedanken an Colins seltsames Verhalten.

Erst später, als sie im dunklen Kinosaal saßen und Werbespots über die riesige Leinwand liefen, hatte Nick wieder das Bild von Colin an der Seite der beiden Freaks vor Augen. Alex’ eifrig leuchtender Blick, Dans überlegenes Grinsen. Colins Verlegenheit.

Da ging es nicht um Nachhilfe, nie im Leben.

Das ganze Wochenende über war von Colin nichts zu sehen und zu hören und auch am Montag sprach er mit Nick nur das Nötigste, immer schien er auf dem Sprung zu sein. In einer der Pausen beobachtete Nick ihn dabei, wie er Jerome etwas zusteckte. Etwas Dünnes aus spiegelndem Plastik. Jerome sah milde interessiert aus, während Colin auf ihn einredete, dabei hektisch gestikulierte und sich dann wieder davonmachte.

»He, Jerome.« Nick ging auf ihn zu, betont gut gelaunt. »Sag mal, was hat Colin dir gerade gegeben?«

Schulterzucken. »Nichts Besonderes.«

»Zeig doch mal her.«

Einen Moment lang sah es aus, als wolle Jerome in seine Jackentasche greifen, bevor er sich eines Besseren besann.

»Wieso interessiert dich das?«

»Nur so. Reine Neugierde.«

»Ist nichts Wichtiges. Und überhaupt, frag doch Colin.« Damit drehte Jerome sich um und gesellte sich zu ein paar Leuten, die eben die aktuellen Fußballergebnisse diskutierten.

Nick holte seine Englischbücher aus dem Spind und schlenderte in die Klasse, wo sein Blick wie immer zuerst an Emily hängen blieb. Sie zeichnete, konzentriert und mit gesenktem Kopf. Ihr dunkles Haar hing bis aufs Papier hinunter.

Er riss sich von dem Anblick los und steuerte auf Colins Pult zu – doch dort thronte Häkelschwester Alex. Er und Colin steckten die Köpfe zusammen und flüsterten.

»Du kannst mich mal«, murmelte Nick düster.

Am nächsten Tag kam Colin nicht zur Schule.

»Da kann alles Mögliche im Busch sein. Hey, normalerweise bin doch ich der Misstrauische von uns beiden!« Jamie knallte wie zur Bekräftigung die Tür seines Spinds zu. »Hast du dir schon überlegt, ob Colin vielleicht verknallt ist? Da fangen die meisten an zu spinnen.« Jamie verdrehte die Augen. »In Gloria zum Beispiel, wer weiß? Oder in Brynne. Nein, die schmachtet ja bloß nach dir, Nick, alter Frauenheld.«

Nick hörte nur mit halbem Ohr hin, denn ein Stück den Gang entlang, vor den Toiletten, standen zwei Jungs aus der Siebten. Dennis und … einer, dessen Name Nick partout nicht einfiel. Jedenfalls redete Dennis hektisch auf den anderen ein, wobei er ihm etwas unter die Nase hielt: ein schmales, quadratisches Päckchen. Der Anblick kam Nick sehr bekannt vor. Der andere grinste und ließ das Ding betont unauffällig in seiner Tasche verschwinden.

»Vielleicht ist Colin auch in die süße Emily Carver verschossen«, mutmaßte Jamie munter weiter. »An der beißt er sich die Zähne aus, da wäre seine Laune kein Wunder. Oder aber in unser aller Liebling: Helen!« Jamie klapste dem fülligen Mädchen, das sich eben an ihm vorbei in die Klasse zwängen wollte, kräftig aufs Hinterteil.

Helen fuhr herum und versetzte ihm einen Stoß, der ihn über den halben Korridor beförderte. »Finger weg, Arschloch«, zischte sie.

Nach der ersten Schrecksekunde hatte Jamie sich schnell wieder im Griff. »Aber ja. Obwohl es mir bei deinem Anblick echt schwerfällt. Ich stehe wie verrückt auf Pickel und Fettschwarten!«

»Lass sie in Ruhe«, sagte Nick. Jamie sah verblüfft aus.

»Was ist denn mit dir los? Bist du seit Neuestem bei Greenpeace? Rettet die Walrosse und so?«

Nick antwortete nicht. Jamies Witze auf Helens Kosten hinterließen bei ihm immer das Gefühl, jemand schösse mit Feuerwerkskörpern auf Benzinkanister.

Im Fernsehen liefen die Simpsons. Nick saß in seiner Jogginghose auf der Couch und löffelte lauwarme Ravioli aus der Dose. Mum war noch nicht da. Sie musste es eilig gehabt und wieder mal schlampig gepackt haben, denn die Hälfte ihrer »Werkzeugkiste« lag verstreut auf dem Wohnzimmerboden. Nick war beim Reinkommen auf einen Lockenwickler getreten und hätte sich fast der Länge nach hingelegt. Chaos-Mum.

Dad schnarchte im Schlafzimmer und hatte das »Bitte nicht stören – schlafe auf Vorrat«-Schild an die Tür gehängt.

Die Raviolidose war leer und Homer fuhr eben sein Auto gegen einen Baum. Nick gähnte. Die Folge kannte er schon, außerdem musste er sowieso gleich zum Basketballtraining. Ohne große Begeisterung packte er seine Sachen zusammen. Vielleicht tauchte wenigstens Colin heute auf, nachdem er schon das letzte Training verpasst hatte. Ihn anzurufen und zu erinnern, konnte jedenfalls nicht schaden. Nick versuchte es dreimal, doch es meldete sich nur die Mailbox und die hörte Colin bekanntermaßen nur alle Schaltjahre ab.

»Wer das Spiel nicht ernst nimmt, hat in der Mannschaft nichts zu suchen!« Betthanys Gebrüll füllte mühelos die Sporthalle. Die Mitglieder des deutlich dezimierten Teams starrten betreten auf ihre Schuhe. Betthany schrie die Falschen an, immerhin waren sie zum Training erschienen. Aber sie waren acht statt siebzehn. Mit acht Spielern konnte man keine zwei Mannschaften bilden, an Spielerwechsel brauchte man nicht einmal zu denken. Colin war natürlich nicht gekommen, aber auch Jerome fehlte. Merkwürdig.

»Was ist los mit diesen Versagern? Sind die alle krank? Grassiert in der Gegend gerade die akute Hirnerweichung?« Bald würde Betthany heiser sein, hoffte Nick.

»Wenn der jetzt immer so mies drauf ist, bleibe ich das nächste Mal auch zu Hause«, murmelte er und durfte zur Belohnung fünfundzwanzig Liegestütze machen.

Auf dem Weg nach Hause rief Nick noch zweimal bei Colin an, ohne Erfolg. Verdammt.

Warum war er eigentlich so unruhig? Nur weil Colin sich bescheuert benahm? Nein, befand er nach kurzem Nachdenken. Bescheuert wäre okay gewesen. Aber wie es aussah, hatte Colin Nick von einem Tag auf den anderen völlig aus seinem Leben gestrichen. Da musste er ihm zumindest erklären, warum.

Zu Hause angelangt, lief er in sein Zimmer und warf sich in den wackeligen Drehstuhl vor dem Schreibtisch. Er fuhr den Computer hoch und öffnete sein Mailprogramm.

Von: Nick Dunmore <nick1803@aon.co.uk>

An: Colin Harris <colin.harris@hotmail.com>

Betreff: Alles okay bei dir?

He, Alter! Bist du krank oder was stimmt nicht? Hab ich dich beleidigt oder so? Wenn ja, war es keine Absicht.

Und sag mal, was ist das zwischen dir und Dan? Der Typ ist echt seltsam, da waren wir uns doch einig …

Bist du morgen wieder in der Schule? Wenn es Probleme gibt, lass uns darüber reden.

CU

Nick

Er klickte auf senden, dann öffnete er seinen Browser und ging in den Chat des Basketballvereins. Aber niemand war da, also surfte er hinüber zu deviantart. Zu Emily. Er sah nach, ob sie einen neuen Manga oder ein Gedicht auf die Website gestellt hatte. Sie war unglaublich begabt.

Heute fand er zwei neue Skizzen, die er auf seiner Festplatte speicherte, und einen kurzen Blogeintrag. Vor dem Lesen zögerte er. Er musste jedes Mal eine unsichtbare Schranke überwinden, denn er wusste, das hier war nicht für ihn bestimmt. Emily hatte sich bemüht, anonym zu bleiben, aber sie hatte geschwätzige Freundinnen.

Er schüttelte den Gedanken ab. Hier, auf dieser Seite, war er ihr nah. Als ob er sie im Dunkeln berühren würde.

In ihrem Blog schrieb Emily, dass ihr Kopf sich leer anfühle. Sie wünschte sich hinaus aufs Land, weg von diesem riesigen Moloch London. Nick empfand ihre Worte wie Stiche. Es war undenkbar, dass Emily seine Stadt und sein Leben verließ. Er las den Eintrag dreimal, bevor er die Seite zuklickte.

Noch mal E-Mails checken. Kein Wort von Colin. Auch kein neuer Tweet, seit Tagen schon nicht. Nick seufzte, knallte die Maus etwas härter als nötig auf den Schreibtisch und fuhr seine Kiste runter.

Chemie war eine Strafe des Schicksals. Mit wachsender Verzweiflung hing Nick über seinem Buch und versuchte, die Aufgabe zu kapieren, die MrsGanter ihnen für diese Stunde aufs Auge gedrückt hatte. Wenn wenigstens ein C am Ende des Jahres genügt hätte. Aber unter einem B ging gar nichts und eigentlich musste es ein A werden. Medizin-Unis nahmen keine Chemienieten auf.

Er blickte hoch. Vor ihm saß Emily, ihr dunkler Zopf fiel ihr über den Rücken. Keiner dieser schmalen Elfenrücken, sondern einer, dem man das Schwimmtraining ansah. Ebenso wie ihren Beinen, die lang waren und sehnig und … Er schüttelte den Kopf, wie um seine Gedanken an den richtigen Platz zurückzuzwingen. Verdammt. Wie viel Mol waren noch mal 19Gramm CH4?

Viel zu schnell läutete es zum Ende der Stunde. Als einer der Letzten gab Nick sein Blatt ab, überzeugt davon, dass MrsGanter nicht erfreut sein würde. Emily war schon gegangen; Nick hielt automatisch nach ihr Ausschau und entdeckte sie tatsächlich nur wenige Meter den Gang entlang. Sie redete mit Rashid, dessen enorme Nase einen schnabelartigen Schatten an die Wand warf. Nick schlenderte ein paar Schritte näher, tat so, als würde er etwas in seiner Mappe suchen.

»Du darfst es keinem sagen, verstehst du?« Rashid hielt Emily etwas entgegen, ein flaches Päckchen, in Zeitungspapier eingeschlagen. Quadratisch, schon wieder. »Das ist wichtig. Du wirst staunen, es ist einfach der Hammer.«

Die Skepsis in Emilys Gesicht sprach Bände. »Ich habe keine Zeit für solche Spinnereien.«

Nick blieb ein Stück abseits stehen und studierte angestrengt die Anschlagtafel des Schachklubs.

»Keine Zeit, so ein Quatsch! Probier es! Hier.«

Ein Seitenblick verriet Nick, dass Rashid Emily sein Zeitungspäckchen entgegenhielt, doch sie nahm es nicht. Sie machte einen Schritt zurück, schüttelte den Kopf und ging. »Schenk es jemand anderem«, rief sie Rashid über die Schulter hinweg zu.

Ja, schenk es mir, dachte Nick. Was war nur los? Wieso sprach keiner über diese Päckchen, die die Runde machten? Und wieso, zum Teufel, hatte er noch keins davon? Er war doch sonst immer auf dem Laufenden!

Nick beobachtete Rashid, der sein Päckchen in der Jackentasche verstaut hatte und den Gang entlangschlurfte. Nun steuerte er auf Brynne zu, die sich eben von einer Freundin verabschiedete, er sprach sie an, er zog das Päckchen aus der Tasche –

»Wohin starrst du denn so verträumt?« Eine Hand patschte kräftig auf Nicks Schulter. Jamie. »Wie war die grauenvolle Chemiestunde?«

»Grauenvoll«, murmelte Nick. »Was dachtest du?«

»Ich wollte es nur aus erster Hand hören.«

Ein paar Leute waren mitten im Korridor stehen geblieben und versperrten die Sicht auf Brynne und Rashid; Nick ging näher, doch da war die Transaktion auch schon gelaufen. Rashid machte sich in seinem typischen schleppenden Gang davon und auch Brynne verschwand um die nächste Ecke.

»Mist«, fluchte Nick.

»Was ist denn los?«

»Ach, irgendetwas ist im Busch. Letztens hat Colin Jerome etwas zugesteckt und sie haben unheimlich geheimnisvoll getan. Eben hat Rashid es bei Emily versucht, die hat ihn abblitzen lassen, also hat er Brynne angequatscht.« Er fuhr sich mit der Hand über das zurückgebundene Haar. »Den Rest hab ich verpasst. Ich wüsste zu gern, worum es da geht.«

»CDs«, sagte Jamie nüchtern. »Irgendwelche Raubkopien, schätze ich. Ich hab heute schon zweimal gesehen, wie jemand einen anderen in die Ecke gezerrt und ihm eine CD aufgeschwatzt hat. Ist doch egal, oder?«

CDs. Das würde auch zu dem Format von Rashids Päckchen passen. Eine Raubkopie, die von Hand zu Hand ging, vielleicht Musik, die auf dem Index stand. Dann wäre es kein Wunder, dass Emily nichts davon hatte wissen wollen. Ja, das war möglich. Der Gedanke besänftigte Nicks Neugier ein wenig, allerdings … wenn es nur eine CD war, warum hörte man nichts darüber? Das letzte Mal, als ein verbotener Film die Runde gemacht hatte, war er Tagesgespräch gewesen. Wer ihn schon gesehen hatte, erging sich in ausschweifenden Schilderungen, während die anderen neiderfüllt lauschten.

Aber jetzt? Als würde stille Post gespielt, als würde eine geheime Parole die Runde machen. Die Eingeweihten schwiegen, flüsterten, sonderten sich ab.

Nachdenklich schlug Nick den Weg zur Englischklasse ein. Die folgende Stunde war ziemlich langweilig, er hing seinen Gedanken nach und so merkte er erst nach zwanzig Minuten Unterricht, dass nicht nur Colin, sondern auch Jerome heute fehlte.

Warmes Herbstlicht fiel auf Nicks Schreibtisch und färbte das Chaos aus Büchern, Heften und zerknitterten Arbeitsblättern golden. Das Englischessay, über dem Nick seit einer halben Stunde brütete, war gerade mal drei Sätze lang, dafür war der Seitenrand übersät mit Kringeln, Blitzen und Wellenlinien. Mist, er konnte sich einfach nicht konzentrieren, ständig gerieten seine Gedanken auf Abwege.

In der Küche hörte er Mum rumoren und den Radiosender wechseln. Whitney Houston sang I will always love you – womit hatte er das eigentlich verdient?

Er pfefferte seinen Stift auf den Schreibtisch, sprang auf und knallte die Tür zu. So ging es nicht weiter, er bekam einfach diese CDs nicht aus dem Kopf. Wieso hatte er noch keine davon? Und wieso erzählte ihm niemand etwas darüber? Wieder einmal versuchte er, Colin anzurufen, doch der hob – Überraschung! – nicht ab. Nick hinterließ ihm ein paar grobe Worte auf der Mailbox, scrollte weiter bis zu Jeromes Nummer und drückte auf wählen. Das Freizeichen ertönte einmal, zweimal, dreimal – dann wurde die Verbindung weggedrückt.

Verdammt noch mal. Nick atmete tief durch. Das war doch lächerlich. Er setzte zu einer schwungvollen Bewegung an, mit der er sein Handy in den Rucksack schleudern wollte, hielt aber plötzlich inne. Eine Idee kitzelte ihn mit federleichten Flügeln. Er hatte auch Emilys Nummer hier gespeichert.

Bevor ihm zu viele Gründe einfallen konnten, warum er es besser nicht tun sollte, hatte er schon gewählt. Wieder drang das Freizeichen an sein Ohr, einmal, zweimal –

»Hallo?«

»Emily? Äh, ich bin’s, Nick. Ich wollte dich nur etwas fragen … Es geht um heute … in der Schule …« Er kniff die Augen zusammen, atmete durch.

»Wegen der Chemiearbeit?«

»Nein. Äääh … ich habe zufällig gesehen, dass Rashid dir etwas geben wollte. Kannst du mir sagen, was das war?«

Es dauerte einige Sekunden, bis Emily antwortete. »Wieso?«

»Na ja, es ist, weil … Ein paar Leute benehmen sich komisch in letzter Zeit. Es fehlen auch sehr viele in der Schule, ist dir das schon aufgefallen?« Na also, endlich bekam er ganze Sätze heraus. »Und ich glaube, es hat etwas mit diesen Dingern zu tun, die die Runde machen. Darum … Du verstehst schon. Ich würde gern wissen, worum es da geht.«

»Weiß ich selbst nicht.«

»Hat Rashid dir nichts darüber gesagt?«

»Nein, er hat mich ausgefragt, wollte Dinge über meine Familie wissen, die ihn überhaupt nichts angehen. Ob sie mir viele Freiheiten lassen und so.« Sie lachte kurz und freudlos auf. »Und ob ich einen eigenen Computer habe.«

»Aha.« Nick mühte sich vergeblich, aus diesen Informationen schlau zu werden. »Hat er gesagt, wozu du den Computer brauchen würdest?«

»Nein. Er sagte nur, dass er mir etwas ganz Einmaliges geben würde, besser als alles, was mir bisher untergekommen ist, und dass ich es mir allein ansehen soll.« Emilys Tonfall war deutlich zu entnehmen, was sie von der Sache hielt. »Er war ziemlich hektisch und aufdringlich. Aber das hast du ja gesehen.«

Der letzte Satz klang schnippisch. Nick fühlte, wie er errötete. »Hab ich«, sagte er. Eine Pause trat ein.

»Was denkst du, was es ist?«, fragte Emily schließlich.

»Keine Ahnung. Ich werde Colin fragen, wenn er wieder in der Schule ist. Oder … Ich meine, vielleicht hast du eine bessere Idee.« Es blieb still in der Leitung.

»Nein«, sagte Emily dann. »Ehrlich gesagt, ich habe mir darüber noch nicht so viele Gedanken gemacht.«

Vor seinem nächsten Satz holte Nick tief Luft. »Möchtest du es wissen, falls ich etwas herausfinde? Nur, wenn es interessant ist, natürlich.«

»Ja, sicher«, sagte Emily. »Klar. Nur jetzt muss ich aufhören, ich hab noch zu tun.«

Nach dem Gespräch war der Tag für Nick gerettet. Colin konnte ihn mal kreuzweise. Er hatte einen Draht zu Emily gefunden. Und er hatte einen Vorwand, um sich noch mal bei ihr zu melden. Sobald er mehr wusste.

Colin war wieder da. Als wäre nichts gewesen, lehnte er an seinem Spind, grinste Nick ins Gesicht und warf seine Dreadlocks über die Schultern. »Ich hatte die Halsentzündung meines Lebens«, sagte er und deutete auf seinen Schal. »Da war auch nichts mit telefonieren. Totale Heiserkeit.«

Nick suchte nach der Lüge in Colins Gesicht, doch er wurde nicht fündig. »Betthany ist ausgeflippt wie noch nie«, sagte er. »Warum hast du dich nicht krankgemeldet?«

»Och. Mir ging’s echt dreckig. Der Alte soll sich nicht so haben.«

Nick wählte seine nächsten Worte mit Vorsicht. »Muss echt ansteckend sein, deine Krankheit. Vorgestern waren wir nur acht Leute. Ein absoluter Minusrekord.«

Wenn Colin erstaunt war, zeigte er es nicht. »Kann doch vorkommen.«

»Jerome hat auch gefehlt.«

Es war nur ein winziges Zucken seiner Augenlider, das Colins plötzlich gewecktes Interesse verriet. Sofort hakte Nick nach. »Apropos Jerome: Sag mal – was war das, was du ihm letztens gegeben hast?«

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. »Das neue Album von Linkin Park. Sorry, ich weiß, dir soll ich es auch kopieren, kriegst es bis morgen, okay?« Damit knallte er seine Spindtür zu, klemmte sich die Mathebücher unter den Arm und sah Nick auffordernd an. »Na? Können wir?«

Mit einem Ruck schüttelte Nick die Starre ab, in die Colins Erklärung ihn versetzte hatte. Linkin Park! Bildete er sich all den Verschwörungskram nur ein? Was, wenn seine Fantasie ihm einen Streich spielte und eine Grippewelle die Ursache für die fehlenden Schüler war? So viele waren es bei näherer Betrachtung eigentlich gar nicht. Nick zählte schnell durch, als er kurz vor dem Läuten die Klasse betrat. Häkelschwester 2 fehlte, außerdem Jerome, Helen und der stille Greg. Die anderen lümmelten mehr oder minder verschlafen in den Bänken herum.

Okay, dachte Nick. Dann habe ich mir das eben alles eingebildet. Kein großes Geheimnis – nur Linkin Park. Er grinste über sich selbst und drehte sich zu Colin, um ihm Betthanys gestrigen Wutanfall zu schildern. Doch Colin beachtete ihn nicht, er sah konzentriert zu Dan hinüber, der an seinem Stammplatz beim Fenster stand. Dan hielt, halb von seinem Bauch verdeckt, vier Finger hoch. Colin hob anerkennend die Augenbrauen und streckte drei Finger aus.

Nicks Blick schoss zwischen den beiden hin und her, doch bevor sich eine Möglichkeit ergab, Colin zu fragen, was hinter diesen Fingerzeichen steckte, betrat MrFornary die Klasse. Er schlug ihnen eine Stunde lang derart heftige mathematische Probleme um die Ohren, dass Nick am Ende keine Zeit mehr hatte, an so simple Dinge wie drei oder vier ausgestreckte Finger zu denken.

2.

Auf dem Küchentisch lagen Geld und ein Einkaufszettel von sagenhafter Länge. Mum hatte Dauerwellen-Großeinsatz. Als hätte der Herbst in Londons Frauen ein Bedürfnis nach frisch gelocktem Haar geweckt. Mit gerunzelter Stirn studierte Nick die Liste. Tiefkühlpizza ohne Ende, außerdem Lasagne, Fischstäbchen und Fertignudelgerichte. Das sah nicht so aus, als hätte Mum für die nächste Zeit geplant, selbst zu kochen. Er seufzte, griff sich drei von den großen Einkaufstaschen und machte sich auf den Weg zum Supermarkt. Dabei fielen ihm Dans Handzeichen wieder ein und Colins stumme Antwort darauf. Sah er Gespenster? Dieser Meinung war nämlich Jamie. »Dir ist langweilig, Großer«, hatte er festgestellt. »Du brauchst ein Hobby oder eine Freundin. Soll ich dir ein Date mit Emily klarmachen?«

Nick schnappte sich einen Einkaufswagen und schüttelte alle Gedanken an die Schule ab. Jamie hatte recht, es war besser, sich um reale Probleme zu kümmern. Zum Beispiel um die Frage, wie um alles in der Welt er die von Mum notierten zwanzig Flaschen Wasser heimschleppen sollte.

Als er am nächsten Tag die Schule betrat, sirrte die Luft vor Aufregung. In der Eingangshalle waren viel mehr Schüler versammelt als sonst, meist standen sie in kleinen Grüppchen. Sie flüsterten, raunten, ihre Gespräche verschmolzen zu einem Klangteppich, aus dem Nick keine einzelnen Worte heraushören konnte. Die allgemeine Aufmerksamkeit galt zwei Polizisten, die zielstrebig auf den Korridor zugingen, der zur Direktion führte.

In einer Ecke, nicht weit von der Treppe entfernt, entdeckte Nick Jamie, in eine intensive Unterhaltung mit Häkelschwester Alex, Rashid und einem Jungen verwickelt, dessen Name Nick nicht gleich einfiel. Doch, Adrian hieß er, war dreizehn und hing normalerweise nicht mit älteren Schülern herum. Aber Nick erkannte ihn, weil seine Familiengeschichte die Runde gemacht hatte, als er vor zwei Jahren an die Schule gekommen war: Angeblich hatte sich Adrians Vater erhängt.

»Hey!« Mit einer weit ausholenden Geste winkte Jamie Nick heran. »Heute geht’s rund!«

»Was machen die Bullen in der Schule?«

Jamie bleckte die Zähne. »Es gibt Verbrecher hier. Halunken. Diebsgesindel. Neun Computer sind geklaut worden, nagelneue Notebooks, alles Anschaffungen für den EDV-Unterricht. Sie checken jetzt den Computerraum auf Spuren.«

Adrian nickte. »Dabei war er verschlossen«, warf er schüchtern ein. »Das hat MrGarth den Polizisten erzählt, ich hab es genau gehö–«

»Halt die Klappe, Kleiner«, dröhnte Alex. Seine Pickel leuchteten – wahrscheinlich vor Aufregung, mutmaßte Nick.

Er hatte plötzlich das Bedürfnis, diesem Idioten eine reinzuhauen. Um ihn nicht mehr ansehen zu müssen, wandte er sich Adrian zu. »Ist die Tür aufgebrochen worden?«

»Nein, das ist es ja«, sagte der eifrig. »Sie wurde aufgeschlossen. Jemand muss den Schlüssel geklaut haben, aber MrGarth sagt, das ist unmöglich, alle drei sind an ihrem Platz, einen davon trägt er sogar mit sich herum –«

»Nick?« Eine leise Stimme unterbrach Adrians Redeschwall, eine Hand mit durchsichtig lackierten Fingernägeln legte sich leicht auf Nicks Schulter. Emily, dachte Nick einen winzigen Moment lang, korrigierte sich jedoch sofort. Emily trug nicht drei Ringe an jedem Finger und sie roch nicht so … orientalisch.

Er drehte den Kopf und blickte in Brynnes hellblaue Augen. Wie Wasserpfützen.

»Nickylein, kannst du … Ich meine, könnten wir – nur ganz kurz, ohne Zuhörer …«

Alex feixte und leckte sich mit der Zunge über die Lippen, was Nick innerlich die Fäuste ballen ließ.

»Okay«, sagte er zu Brynne. »Aber nur ein paar Minuten.«

Sein genervter Tonfall störte sie offenbar nicht und wenn doch, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie war hübsch, ohne Zweifel, aber vor allem war sie geschwätzig und, wie er fand, strohdumm. Nun stöckelte sie hüftschwingend vor ihm her und lotste ihn zu der Treppe, die hinunter zu den Turnsälen führte. Hier war es um diese Uhrzeit noch menschenleer.

»Also, Nick«, flüsterte sie. »Ich möchte dir gern etwas geben. Es ist wahnsinnig cool, ehrlich.« Sie griff in ihre Umhängetasche, hielt inne, zog die Hand wieder heraus.

Nick starrte auf die Tasche. Ihm dämmerte, worum es gehen würde, und beinahe hätte er Brynne angelächelt.

»Aber vorher muss ich dich noch etwas fragen.« Sie strich sich betont langsam eine Haarsträhne aus der Stirn.

Wenn du dir einen Gefallen tun willst, frag mich nicht, wie ich dich finde.

»Leg los.«

»Hast du einen Computer? Einen eigenen, das ist wichtig. In deinem Zimmer.«

Das war es, endlich! »Ja, habe ich.«

Sie nickte zufrieden.

»Äh, und stöbern deine Eltern oft in deinen Sachen herum?«

»Meine Eltern sind keine Freaks.«

»Oh. Gut.« Sie überlegte, die Stirn angestrengt in Falten gelegt. »Warte, da war noch etwas. Genau.« Sie kam einen weiteren Schritt näher, hob ihm ihr Gesicht entgegen. Ihr Kaugummiatem und das Harems-Parfum bildeten eine bizarre Mischung. »Du darfst es niemandem zeigen. Sonst funktioniert es nicht. Du musst es gleich einstecken und sag keinem, dass ich es dir gegeben habe. Versprochen?«

Das war ja albern. Er verzog das Gesicht. »Wieso?«

»Das sind die Regeln«, sagte Brynne eindringlich. »Wenn du es nicht versprichst, kann ich es dir nicht geben.«

Nick seufzte laut und demonstrativ gereizt. »Meinetwegen. Versprochen.«

»Aber denk dran, ja? Sonst kriege ich Probleme.« Sie streckte ihm die Hand hin, er ergriff sie. Fühlte, wie heiß sie war. Heiß und ein wenig feucht.

»Gut«, wisperte Brynne. »Ich verlasse mich auf dich.« Sie warf ihm einen Blick zu, der, wie Nick befürchtete, verführerisch sein sollte, dann zog sie eine schmale, quadratische Kunststoffhülle aus der Tasche und drückte sie ihm in die Hand.

»Viel Spaß«, hauchte sie und ging.

Er sah ihr nicht nach. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Gegenstand in seiner Hand, einem DVD-Rohling mit unbeschrifteter Hülle. Nick klappte sie auf, voller Neugier.

Von wegen Linkin Park.

Es war dämmrig hier unten und er drehte die DVD ins Licht, um besser erkennen zu können, was in Brynnes verspielter Handschrift darauf geschrieben stand.

Es war nur ein einziges Wort, das Nick gänzlich unbekannt war: Erebos.

Den restlichen Tag zog Jamie ihn mit Brynne auf – das war typisch Jamie und nicht schlimm. Schlimmer war der Kampf gegen die Versuchung, die DVD aus seiner Jackentasche zu ziehen und sie seinem Freund zu zeigen. Doch jedes Mal entschied er sich dagegen. Erst würde er sich alleine ansehen, was das war und weswegen alle so mysteriös taten. Aber keinesfalls würde er sich dieser Geheimniskrämerei anschließen, die ihm selbst so auf die Nerven gegangen war.

Der Schultag zog sich quälend in die Länge. Nick schaffte es kaum, sich zu konzentrieren, seine Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zu dem unscheinbaren Gegenstand in seiner Jacke zurück. Er konnte ihn durch drei Schichten Stoff spüren. Sein Gewicht. Seine Kanten.

»Ist dir schlecht?«, fragte ihn Jamie, kurz bevor es zur letzten Stunde läutete.

»Nein, wieso?«

»Weil du so ein merkwürdiges Gesicht machst.«

»Ich denke nur nach.«

Um Jamies Mundwinkel zuckte es spöttisch. »Lass mich raten. Über Brynne? Hast du mit ihr ein Date vereinbart?«

Nie würde Nick begreifen, wie Jamie glauben konnte, dass er auf jemanden wie Brynne stand. Doch heute fehlte ihm die Lust auf Widerspruch.

»Und wenn?«, gab er zurück und ignorierte Jamies Ich-wusste-es-doch-Gesichtsausdruck.

»Dann erfahre ich hoffentlich morgen Details.«

»Ja. Das heißt, ich weiß nicht. Vielleicht.«

3.

Die Wohnung war leer und eiskalt, als Nick heimkam. Mum musste wieder in Eile gewesen sein und vergessen haben, die Fenster zu schließen. Er ließ seine Jacke an, machte alle Luken dicht und drehte den Heizkörper in seinem Zimmer so weit auf wie möglich. Dann erst fischte er das Cover aus der Tasche und öffnete es: Erebos.

Nick zog eine Grimasse. Erebos klang ähnlich wie Eros. Vielleicht war es ein Verkupplungsprogramm? Das würde zu Brynne passen und das konnte sie sich gleich wieder abschminken.

Er startete den Computer und holte sich, während das Gerät hochfuhr, aus dem Wohnzimmer eine Wolldecke, die er sich um die Schultern legte.

Mindestens vier störungsfreie Stunden lagen vor ihm. Mehr aus Gewohnheit, aber auch um die Spannung noch ein wenig zu erhöhen, rief er erst seine Mails ab (dreimal Werbung, viermal Spam und eine verbitterte Nachricht von Betthany, der allen, die noch einmal das Training schwänzten, furchtbare Konsequenzen androhte).

In dem Moment, als er seine Facebook-Seite öffnen wollte, meldete sich Finn per ICQ.

»Hallo, Bruderherz! Alles in Ordnung?«

Nick lächelte unwillkürlich.

»Ja, alles bestens.«

»Wie geht’s Mum?«

»Sie hat viel zu tun, aber sie ist okay. Wie steht’s bei dir?«

»Dito. Die Geschäfte laufen wie geölt.«

»Cool.« Nick verkniff es sich, genauer nachzufragen.

»Nicky, hör mal. Das Shirt, das ich dir versprochen habe … Du weißt, welches, oder?«

Und ob Nick das wusste. Ein Shirt von Hell Froze Over, der besten Band der Welt, wenn man Finn fragte.

»Was ist damit?«

»Ich krieg es nicht in deiner Größe. Nicht in den nächsten vier Wochen. Du bist einfach zu lang, Brüderchen. Die im Fanshop haben es bestellt, aber es wird dauern. Ist das okay?«

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