Erhöhtes Risiko - Michael Lewis - E-Book

Erhöhtes Risiko E-Book

Michael Lewis

3,0

Beschreibung

Feuer im Maschinenraum der Macht Wir betreten die Flure der US-Ministerien nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA. Es ist ungewöhnlich still. Trumps Mannschaft, ohnehin spärlich vertreten, hat offenbar wenig Plan, was zu tun ist. Es herrscht vorsätzliche Unwissenheit, denn wer die Konsequenzen seines Handelns nicht kennt, dem fällt es leicht, den "Klimawandel" bedenkenlos zum Unwort deklarieren oder etablierte Forschungsprogramme vom Tisch zu fegen. Alarmstufe Trump! Michael Lewis führt uns in den Maschinenraum der Macht. Er zeigt: Für den kurzfristigen Erfolg wird kollektives Wissen zerstört und jahrzehntelange Regierungserfahrung bewusst ignoriert. Für sein Buch hat er auch mit denen gesprochen, deren Kenntnis und Leidenschaft die Maschinen am Laufen halten. Ihr Signal muss gehört werden, denn es betrifft nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt! - Michael Lewis enthüllt Trumps explosiven Cocktail aus vorsätzlicher Ignoranz und Käuflichkeit, der die Zerstörung eines Landes anheizt. - "the fifth risk" jetzt in deutscher Übersetzung

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MICHAEL LEWIS

ERHÖHTES RISIKO

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer

Campus Verlag

Frankfurt /New York

Über das Buch

Feuer im Maschinenraum der Macht – Wir betreten die Flure der US-Ministerien nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA. Es ist ungewöhnlich still. Trumps Mannschaft, ohnehin spärlich vertreten, hat offenbar wenig Plan, was zu tun ist. Es herrscht vorsätzliche Unwissenheit, denn wer die Konsequenzen seines Handelns nicht kennt, dem fällt es leicht, den »Klimawandel« bedenkenlos zum Unwort zu deklarieren oder etablierte Forschungsprogramme vom Tisch zu fegen. Alarmstufe Trump!

Michael Lewis führt uns in den Maschinenraum der Macht. Er zeigt: Für den kurzfristigen Erfolg wird kollektives Wissen zerstört und jahrzehntelange Regierungserfahrung bewusst ignoriert. Für sein Buch hat er auch mit denen gesprochen, deren Kenntnis und Leidenschaft die Maschinen am Laufen halten. Ihr Signal muss gehört werden, denn es betrifft nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt! Michael Lewis enthüllt Trumps explosiven Cocktail aus vorsätzlicher Ignoranz und Käuflichkeit, der die Zerstörung eines Landes anheizt. – The fifth risk jetzt in deutscher Übersetzung.

Vita

Michael Lewis ist New-York-Times-Nr.-1-Bestsellerautor. In seinem ersten Buch Liarʼs Poker verarbeitete er seine Erfahrungen als Investmentbanker. 2003 erschien sein Bestseller Moneyball, 2011 mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt, ein Buch über ein Baseballteam, das seine Spieler nach mathematischen Regeln beurteilt. Es folgten bei Campus unter anderem The Big Short, das auch als Kinofilm Furore machte, Flash Boys und zuletzt Aus der Welt, ein Buch über die Freundschaft zwischen Daniel Kahnemann und Amos Tversky. Lewis lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berkeley, Kalifornien.

Für Tom WolfIn Memoriam

Inhalt

Vorwort — RISKANTE ÜBERGABE

Kapitel 1 — DAS FÜNFTE RISIKO

Kapitel 2 — RISIKO MENSCH

Kapitel 3 — RISIKOKLIMA

DANK

Vorwort

RISKANTE ÜBERGABE

Es begann mit einem Artikel, den Chris Christie in der New York Times las. Im Februar 2016 war der Gouverneur von New Jersey aus dem Vorwahlkampf der Republikaner ausgestiegen und hatte die Präsidentschaftskandidatur von Donald Trump unterstützt. Ende April entdeckte er den Artikel. Der Autor beschrieb eine Einladung von Vertretern der verbleibenden Kandidaten – Trump, John Kasich, Ted Cruz, Hillary Clinton und Bernie Sanders – in das von Barack Obama regierte Weiße Haus. Wer sich zu diesem Zeitpunkt noch Hoffnungen machen durfte, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, musste offenbar allmählich darauf vorbereitet werden, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Der Bubi, den Trump zu diesem Gespräch geschickt hatte, war nach Ansicht von Christie geradezu lächerlich inkompetent. Also griff er zum Telefon und rief Trumps Wahlkampfmanager Corey Lewandowski an, um ihn zu fragen, warum man diese Aufgabe nicht jemandem übertragen habe, der eine gewisse Erfahrung mit der Regierungsarbeit habe.

»Weil wir niemanden haben«, erwiderte Lewandowski.

Also bot sich Christie an: Er würde für Donald Trump die Leitung des Übergangsteams in die Hand nehmen. »Das ist fast so, als wäre man ein bisschen Präsident«, sagte er zu Freunden. »Man plant die Präsidentschaft.« Er traf sich mit Trump. Der erklärte ihm rundheraus, dass er kein Übergangsteam brauche. Wozu sollte man denn die Übernahme der Regierungsgeschäfte vorbereiten, bevor man gewählt wurde? Weil es das Gesetz so verlangt, erklärte ihm Christie. Trump fragte, woher er das Geld für ein Übergangsteam nehmen solle. Christie erläuterte, das müsse er entweder aus privaten Mitteln oder aus seiner Wahlkampfschatulle finanzieren. Aus eigener Tasche wollte es der Milliardär auf gar keinen Fall bezahlen. Aber aus den Wahlkampfspenden wollte er das Geld auch nicht nehmen. Also gab er Christie widerstrebend den Auftrag, eine eigene Kasse anzulegen, aus der das Übergangsteam bezahlt werden sollte.

»Aber nicht zu viel!«, wies er ihn an.

So begann Christie, sich auf den unwahrscheinlichen Fall vorzubereiten, dass Donald Trump eines Tages zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden sollte. In Trumps Wahlkampfteam waren nicht alle davon begeistert, dass ausgerechnet er diese Aufgabe übernahm. Im Juni erhielt Christie einen Anruf von Trumps Berater Paul Manafort. »Das Bürschchen misstraut Ihnen«, warnte ihn Manafort. »Das Bürschchen« war Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Im Jahr 2005 hatte Christie, damals noch Bundesstaatsanwalt für den Bezirk New Jersey, Kushners Vater Charles wegen Steuerhinterziehung erst vor Gericht, dann hinter Gitter gebracht. Nebenbei hatten die Ermittlungen ergeben, dass Charles Kushner eine Prostituierte bezahlt hatte, um seinen eigenen Schwager zu verführen, von dem er annahm, dass er mit Christie unter einer Decke steckte; Charles hatte das Rendezvous gefilmt und die Aufnahmen seiner Schwester geschickt. So etwas vergisst man nicht so schnell, und Christie musste annehmen, dass bei Jared ein Stachel geblieben war. Trump, den Christie beinahe als eine Art Freund bezeichnet hätte, war das jedoch egal. Er hatte Christie zu seiner Hochzeit mit Melania eingeladen, und nun drängt er ihn, doch auch zur Hochzeit seiner Tochter Ivanka mit Jared Kushner zu kommen.

Das wäre aber peinlich, meinte Christie.

Ich bezahle die Hochzeit, und das ist mir scheißegal, erwiderte Trump.

In Christies Augen war Jared Kushner einer von den Leuten, die meinen, nur weil sie Geld haben, müssen sie automatisch auch intelligent sein. Er glaubte allerdings, eine gewisse Verschlagenheit in dem Bürschchen zu erkennen. So kam es, dass Christie bald alles, was er zur Vorbereitung einer möglichen Trump-Regierung unternahm, einem »Exekutivkomitee« vorlegen musste. Das Komitee bestand aus Jared, den Trump-Kindern Ivanka, Donald Jr. und Eric, Paul Manafort, Steve Mnuchin und Jeff Sessions. »Ich bin so was wie der Küster, der nach der Messe den Klingelbeutel für den Pfarrer nachzählt«, meinte Sessions, der sich in seiner Rolle sichtlich unwohl fühlte. Im Juli 2016 wurde die Aufgabe des Küsters noch komplizierter, als Trump offiziell zum Kandidaten der Republikaner gekürt wurde. Nun zog das Übergangsteam nach Washington, DC, und machte sich auf die Suche nach geeigneten Leuten für die fünfhundert Spitzenjobs in der Regierung. Dazu gehörten natürlich sämtliche Ministerposten, aber auch eine ganze Reihe von anderen Stellen, von deren Existenz man in Trumps Wahlkampfteam noch nie gehört hatte. Den nächsten Außenminister zu finden ist gar nicht so einfach, den nächsten Verkehrsminister zu finden ist schon etwas schwieriger, ganz zu schweigen vom Stiftungsrat der Barry Goldwater Stiftung für Bildung und Bildungsförderung.

Im August bestand das Übergangsteam aus 130 Vollzeitbeschäftigten und einigen Hundert Teilzeitkräften, die jeden Tag im Hauptquartier an der Ecke der 17th Street und Pennsylvania Avenue ein und aus gingen. Das Team erstellte Listen mit möglichen Kandidaten für die fünfhundert Posten sowie andere Listen von halbwegs qualifizierten Leuten, die am Tag nach der Wahl in den verschiedenen Ministerien und Behörden vorstellig werden sollten, um sich in die Aufgaben und Abläufe einführen zu lassen. Ihre Listen füllten sie, indem sie durchs Land reisten und mit Leuten sprachen: Republikaner mit Regierungserfahrung, frühere Amtsinhaber oder Leute aus Trumps Umfeld. Dann klopften sie die Kandidaten auf offenkundige Schwächen, peinliche Geheimnisse und Interessenkonflikte ab. Am Ende jeder Woche übergab Christie seine Mappen an Jared, Donald Jr., Eric und die anderen. »Sie haben sich alles ganz genau angesehen«, sagte ein führender Mitarbeiter des Übergangsteams. »Wer ist das? Woher kommt er oder sie? Aber am Ende haben sie nur eine einzige Person abgelehnt, und das war die Sekretärin von Paul Manafort.«

Für all das interessierte sich Donald Trump erst, als er in der Zeitung davon las. Ein Artikel erwähnte, dass das Übergangsteam von Chris Christie mehrere Millionen Dollar an Spenden gesammelt hatte, um seine Mitarbeiter zu bezahlen. Von seinem Büro im 26. Stock des Trump Tower rief er seinen Wahlkampfmanager Steve Bannon an und forderte ihn auf, sich augenblicklich in Trumps Wohnung einige Stockwerke tiefer einzufinden. Als Bannon aus dem Aufzug stieg, sah er den ehemaligen Gouverneur von New Jersey auf einem Sofa sitzen, vor ihm ein tobender Trump. Außer sich brüllte der Milliardär: Du bestiehlst mich! Du stiehlst mir mein scheiß Geld! Was ist das für ein Scheiß? Als Trump Bannon erblickte, fiel er über den her: Warum erlaubst du dem, mein scheiß Geld zu stehlen? Gemeinsam versuchten Bannon und Christie, Trump die Gesetzeslage zu erklären. Sämtliche Kandidaten waren verpflichtet, sich schon Monate vor der Wahl auf die Übernahme der Regierungsgeschäfte vorzubereiten. Dazu stellte ihnen der Staat in der Hauptstadt Büroräume zur Verfügung, mit Computern, Papierkörben und was man eben so braucht. Doch von alledem wollte Trump nichts wissen: Ich scheiß auf das Gesetz. Das ist mir scheißegal. Ich will mein Scheißgeld. Bannon und Christie taten ihr Bestes, um ihm klarzumachen, dass das Büro für das Übergangsteam nun einmal Geld koste.

Dann macht es eben dicht!, brüllte Trump. Weg mit dem Übergangsteam!

An diesem Punkt waren sich Christie und Bannon nicht ganz einig. Keiner der beiden Männer hielt es für klug, das Übergangsteam einfach nach Hause zu schicken, doch jeder hatte dafür seine eigenen Gründe. Christie war der Ansicht, dass Trump als Präsident handlungsunfähig wäre, wenn er den Übergang nicht organisierte. Bannon war sich dagegen sicher, dass Trump sowieso niemals verstehen würde, was es bedeutete, eine Regierung zu führen; er meinte jedoch, dass es nicht gut aussehen würde, wenn sich Trump nicht wenigstens den Anschein gäbe, die Übernahme vorzubereiten. Als er sah, dass Trump Christie nicht zuhörte, warf er ein: »Was meinst du wohl, was die in Morning Joe sagen würden, wenn du das Übergangsteam einfach nach Hause schickst?« Bannon war klar, was die Moderatoren der Fernsehsendung Morning Joe sagen würden: Trump hat sein Übergangsbüro geschlossen, weil er sowieso nicht daran glaubt, dass er jemals zum Präsidenten gewählt wird.

Trump hörte auf zu brüllen. Zum ersten Mal schien er zugehört zu haben.

»Klingt logisch«, erwiderte er.

Und so durfte Christie seine Vorbereitungen für eine Trump-Regierung fortsetzen. Er versuchte, nicht in die Schlagzeilen zu geraten, was gar nicht so einfach war. Hin und wieder kamen Trump in den Zeitungen Meldungen über Christies Spendensammlungen unter und er regte sich wieder auf. Seiner Ansicht nach gehörte das Geld, das für seinen Wahlkampf gespendet wurde, ausschließlich ihm. Planung und Vorbereitung hielt er für überflüssig. Irgendwann sagte er zu Christie: »Wir beide sind doch so schlau, wir gehen einfach zwei Stunden früher von der Siegesfeier nach Hause und machen den Übergang allein.«

Wenn man damals die gesamte Bevölkerung der Vereinigten Staaten in einer Reihe aufgestellt hätte, nicht nach Größe oder Gewicht geordnet, sondern nach ihrem Interesse an der Arbeit des Staates, dann hätte Donald Trump irgendwo am Ende gestanden und Max Stier ziemlich weit vorn.

Im Herbst 2016 gab es vermutlich kaum jemanden, der die staatlichen Abläufe und Mechanismen besser verstand als dieser Max Stier. Für einen Amerikaner seiner Generation und seines gesellschaftlichen Hintergrundes hatte er verblüffend romantische Vorstellungen vom Staatsdienst. Mitte der achtziger Jahre hatte er sich an der Eliteuniversität Yale eingeschrieben und war nach dem Grundstudium an die Stanford University gewechselt, wo er Anfang der Neunziger sein Jurastudium abgeschlossen hatte. Doch Geld und Macht schienen ihn nicht zu locken. Seiner Ansicht nach war der Staatsapparat der Vereinigten Staaten von Amerika die wichtigste und faszinierendste Institution in der Geschichte der Menschheit, und sein einziges Interesse schien darin zu bestehen, diese Einrichtung zu optimieren. Einige Jahre nach Ende seines Studiums lernte Stier einen Investmentbanker namens Sam Heyman kennen, der genauso besorgt war wie er, dass talentierte Hochschulabsolventen kaum Interesse an der Arbeit in Behörden und Ministerien zu haben schienen. Stier überredete Heyman, ihm 25 Millionen Dollar zur Verfügung zu stellen, um eine Organisation zu gründen, die sich dieses Problems annahm.

Schon bald wurde Stier eines klar: Wenn man talentierte junge Menschen für den Staatsdienst gewinnen wollte, dann musste man diesen so gestalten, dass er auch attraktiv für talentierte junge Menschen war. Und genau darin sah er seine Aufgabe. Seine Organisation »Partnership for Public Service« war nicht annähernd so langweilig, wie ihr Name vermuten lässt. Hier bildete er Beamte zu Managern aus, schmiedete neue Beziehungen zwischen verschiedenen staatlichen Bereichen, befragte Regierungsbeamte nach konkreten Führungsschwächen und -stärken und wurde im Kongress aktiv, um tief sitzende Strukturprobleme zu beheben. Diesem Max Stier waren letztlich auch die Gesetze zu verdanken, die es dem Kandidaten Donald Trump so schwer machten, sich vor seinen Hausaufgaben zu drücken.

Für talentierte junge Menschen hatte der Eintritt in den Staatsdienst einen entscheidenden Nachteil: Er hatte keinen Vorteil. Im Vergleich zur Privatwirtschaft zahlte der Staat schlecht. Zudem trat man als Staatsdiener nur dann ins Rampenlicht, wenn man einen Fehler machte – Ruhm, auf den man getrost verzichten konnte. Im Jahr 2002 richtete Max daher ein erstes Gala-Diner aus, auf dem Beamte für außerordentliche Leistungen ausgezeichnet wurden. Jahr für Jahr fanden sich immer prominentere Gäste bei der Verleihung der »Sammys« ein, wie Stier sie zu Ehren des Stifters nannte, und die Presse schenkte den Auszeichnungen immer mehr Aufmerksamkeit. Die Liste der Preisträger ist beeindruckend. Ein Mann namens Frazer Lockhart aus dem Energieministerium hatte die erste erfolgreiche Entseuchung einer ehemaligen Atomwaffenfabrik in Colorado durchgeführt, und zwar sechzig Jahre schneller und 30 Milliarden Dollar billiger als prognostiziert. Eine Frau namens Eileen Harrington aus der Handelskommission hatte das »Nicht-anrufen«-Register ins Leben gerufen, das seither Abermillionen Bürger vor Abermilliarden lästigen Verkaufsanrufen bewahrt. Steven Rosenberg vom Staatlichen Gesundheitsforschungszentrum hatte eine Immuntherapie entwickelt, mit der einst als unheilbar geltende Krebserkrankungen erfolgreich behandelt wurden. Im Staatsdienst ließen sich zahllose fantastische Erfolgsgeschichten dieser Art finden – leider wurden sie nie erzählt.

Stier kannte viele solche Geschichten. Er hatte ein Muster beobachtet: Ein erstaunlich großer Teil seiner Helden sind Migranten der ersten Generation und kommen aus Weltgegenden, in denen es keinen funktionierenden Staat gibt. Menschen, die einen dysfunktionalen Staat erlebt haben, sind eher in der Lage, den Wert eines funktionierenden Apparats zu erkennen. Und Menschen, die nie Erfahrung mit einem dysfunktionalen Staat gemacht haben, sind umgekehrt weniger imstande, die Tugenden eines funktionierenden Gemeinwesens zu erkennen. Das ist möglicherweise die größte Herausforderung für Stier: Wie soll er Menschen in der Mitte der Gesellschaft den Wert seiner Arbeit erklären – Menschen, die den Staat entweder für selbstverständlich halten oder ihn gar als eine bedrohliche Macht begreifen, die sich ihrer Kontrolle entzieht? Also versucht er zu erklären, dass der Staat seinen Bürgern Dienstleistungen zur Verfügung stellt, wie sie die Privatwirtschaft nicht anbieten kann oder will: Krankenversicherungen für Kriegsveteranen, Luftverkehrsaufsicht, Autobahnen oder Lebensmittelkontrolle, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Er beschreibt den Staat als Motor zur Erzeugung von Chancen: Ohne die staatliche Sozialhilfe fiele es beispielsweise Millionen von Kindern schwer, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Und wenn das alles nicht fruchtet, zählt er auf, wie oft der Staat seine Bürger vor Dingen schützt, die sie das Leben kosten könnten. »Die Aufgabe des Staates besteht in erster Linie darin, für unsere Sicherheit zu sorgen«, meint er.

Auf Bundesebene beschäftigt der amerikanische Staat zwei Millionen Menschen, davon 70 Prozent im weitesten Sinne im Bereich der Sicherheit. Er übernimmt Risiken, die keine Einzelperson und kein Privatunternehmen tragen könnte. Einige dieser Risiken liegen auf der Hand: Finanzkrisen, Wirbelstürme oder Terroranschläge. Andere sind weniger offensichtlich: etwa die Gefahr, dass ein verschreibungspflichtiges Medikament süchtig macht oder Jahr für Jahr mehr Menschenleben kostet als der Vietnamkrieg. Viele der Risiken, die der Staat übernimmt, mögen auf den ersten Blick sehr unwahrscheinlich sein: So trifft er beispielsweise Vorkehrungen gegen Cyberangriffe, die im halben Land das Stromnetz abschalten könnten; er wappnet sich gegen Virenepidemien, die Millionen Todesopfer fordern könnten; oder er versucht, die wirtschaftliche Ungleichheit im Rahmen zu halten, um keine sozialen Unruhen oder Revolutionen aufkommen zu lassen. Am wenigsten sichtbar ist vielleicht das Risiko, dass etwas nicht geleistet wird, was ein besser funktionierendes Gemeinwesen hätte zuwege bringen können: eine neue Form der Krebstherapie etwa.

An diesem Punkt kommen die Vorbereitungen zur Übergabe der Regierungsgeschäfte an den nächsten Präsidenten ins Spiel. Verläuft diese Übergabe schlecht, wird es wahrscheinlicher, dass in diesem gesamten Risikoportfolio – dem größten, das je eine Institution in der Geschichte der Menschheit zu verwalten hatte – negative Ereignisse mit größerer Wahrscheinlichkeit eintreten als positive. Schon bevor Stier seine Organisation zur Optimierung des Staatsdienstes gründete, bereitete ihm die planlose Übergabe der Regierungsgeschäfte schlaflose Nächte. »Unsere Regierungsführung hat mit der Welt, in der wir leben, nicht Schritt gehalten, und daran sind vor allem die Störungen durch die schlechte Übergabe von Amtsgeschäften schuld«, meint er. »Die Leute kapieren nicht, dass aus einer verbockten Übergabe eine verbockte Präsidentschaft wird.« Die Angehörigen der neuen Regierung sind bestenfalls bruchstückhaft informiert und oft extrem misstrauisch gegenüber allem, was ihre Vorgänger gemacht haben. Bis sie die Aufgaben, vor denen sie stehen, endlich vollends verstanden haben, ist ihre Zeit schon wieder um. »Und täglich grüßt das Murmeltier«, seufzt Stier. »Die neuen Leute kommen rein und meinen, ihre Vorgänger und die Beamten seien alle dumm und faul. Dann lernen sie den Laden kennen, den sie leiten sollen. Und wenn sie gehen, sagen sie: ›Das war eine verdammt schwere Aufgabe, und das hier sind die besten Leute, mit denen ich jemals zusammengearbeitet habe.‹ So geht das wieder und wieder.«

Die meisten Probleme innerhalb des Staatsapparats sind praktischer Natur und haben rein gar nichts mit politischen Positionen zu tun. Ein banales, aber wichtiges Beispiel ist die Auswahl neuer Mitarbeiter einer Behörde. In einigen Behörden musste jede Neueinstellung an sechzig Schreibtischen abgezeichnet werden. Diesen konkreten Missstand hatte die Regierung von George Bush Jr. angepackt, doch die Regierung von Barack Obama hatte den Faden nicht etwa aufgegriffen, sondern wieder von vorn angefangen.

Max Stiers Organisation Partnership for Public Service hatte dazu beigetragen, drei Gesetze zur Regelung der Übergabe von Regierungsgeschäften auf den Weg zu bringen. Im Jahr 2010 verabschiedete der Kongress ein Gesetz, nach dem Präsidentschaftskandidaten der beiden großen Parteien unmittelbar nach den Nominierungsparteitagen Büros in Washington, DC, erhalten sollten. »Wahlkampfteams haben sich nicht auf eine Übergabe vorbereitet, um sich nicht politisch zu schaden: Es sollte ja nicht so aussehen, als würden sie quasi schon die Möbel bestellen«, so Stier. »Das Gesetz soll den Parteien den Rücken frei halten, damit sie ihre Arbeit machen können.« Um dem Präsidenten eine schnellere Besetzung der Ämter zu ermöglichen, verringerte ein 2012 verabschiedetes Gesetz die Zahl der Ernennungen, die vom Kongress abgesegnet werden müssen, von etwa 1 400 auf 1 200 – nach Ansicht von Stier sind das immer noch tausend zu viel, aber damit ist immerhin ein Anfang gemacht. Und 2015 verabschiedete der Kongress schließlich Gesetze, die den amtierenden Präsidenten verpflichten, die Übergabe der Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger vorzubereiten. Jemand, der die Prüfung bereits bestanden hat, soll nun anderen helfen, die sich möglicherweise nicht darauf vorbereitet haben.

Als der Wahltag im November 2016 näher rückte, war Stier zuversichtlich, dass die Regierungsgeschäfte der Vereinigten Staaten mit einem Minimum an Dummheiten von einem Amtsinhaber an den nächsten weitergegeben werden könnten. Seine Stiftung arbeitete mit den Übergangsteams von Hillary Clinton und Donald Trump zusammen. »Sie haben gute Arbeit geleistet«, sagte er. Von Barack Obama war er ein bisschen enttäuscht. Nach seiner Amtseinführung hatte der Präsident einige Zeit gebraucht, um sich mit der Beamtenschaft abzustimmen. In einigen Behörden hatte er die Führungspositionen mit Leuten besetzt, die nicht dazu qualifiziert waren. Dass die Krankenversicherung so grandios scheiterte, sei kein Zufall gewesen, meint Stier, sondern eine Frage der schlechten Führung. Doch an den Vorbereitungen zur Übergabe der Amtsgeschäfte hatte Stier nicht das Geringste auszusetzen: Die Obama-Regierung hatte einen optimalen Einführungskurs für die mächtigste Institution der Welt auf die Beine gestellt. Was konnte da schon schiefgehen?

Als die Endergebnisse aus Pennsylvania eintrafen, saß Chris Christie neben Donald Trump auf dem Sofa. Es war halb 2 Uhr morgens, doch das war nicht der einzige Grund, weshalb eine merkwürdige Stimmung im Raum herrschte. Mike Pence ging auf seine Frau Karen zu, um sie zu küssen, doch die wendete sich ab. »Du hast erreicht, was du wolltest«, sagte sie. »Jetzt lass mich in Ruhe.« Den Wahlsieger würdigte sie keines Blicks. Der wiederum starrte schweigend auf den Bildschirm, wie ein Pokerspieler mit einem Pärchen Zweier, dessen Bluff gerade aufgeflogen ist. Sein Wahlkampfteam hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, eine Siegesrede vorzubereiten. Es war nachvollziehbar, dass Trump keinerlei Interesse daran hatte, sich auf die Regierungsübernahme vorzubereiten: Warum soll man sich auf eine Prüfung vorbereiten, die man gar nicht ablegen will? Warum sollte man sich der Gefahr aussetzen, zu erkennen, dass man trotz aller Anstrengungen bestenfalls ein mittelmäßiger Schüler ist? Aber genau das bedeutete für ihn die Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Und, so dachte Christie, genau das wurde Trump gerade bewusst und machte ihm eine Heidenangst.

Kurz nachdem die Fernsehsprecher verkündet hatten, dass Trump nun auch den Bundesstaat Pennsylvania gewonnen hatte, kam Jared Kushner nervös auf Christie zu und sagte: »Wir müssen für morgen früh das Übergangsteam einberufen!« Noch vor diesem Treffen musste Christie sicherstellen, dass Trump das Protokoll für Telefonate mit ausländischen Staats- und Regierungschefs kannte. Das Übergangsteam hatte ein Dokument zusammengestellt, um ihn darüber zu informieren, wie diese Gespräche abzulaufen hatten. Die ersten Anrufe waren noch relativ einfach – der erste Gratulant ist traditionell der britische Premier –, aber nach zwei Dutzend Gesprächen war dann wahrscheinlich irgendein Kleptokrat in der Leitung, und man musste um sensible Sicherheitsthemen herumreden. Aber ehe es noch losging, hatte der ägyptische Präsident die Vermittlung im Trump Tower angerufen und es irgendwie geschafft, Trump an den Hörer zu bekommen. Einer der Berater, der die Szene miterlebte, erinnert sich: »Und dann sagt Trump, ›Ich liebe die Bangles! Kennen Sie das Lied Walk Like an Egyptian?‹«

Zum ersten Mal ahnte Christie, dass die Sache etwas komplizierter werden könnte. Er fragte Jared Kushner, was das sollte, doch der antwortete nur: Donald hat einen unkonventionellen Wahlkampf geführt und er wird jetzt nicht anfangen, sich ans Protokoll zu halten. Der nächste Hinweis, dass die Übergabe nicht ganz so verlaufen könnte wie geplant, kam von Mike Pence, der – so unwahrscheinlich das klang – nun der gewählte Vize-Präsident war. Am Tag nach der Wahl traf sich Christie mit Pence, um die Liste der Leute durchzugehen, die für die verschiedenen Ämter in Frage kamen. Die Sitzung begann mit einem Gebet, dann stellte Pence seine erste ominöse Frage: Warum steht denn der Puzder nicht auf der Liste der Kandidaten für das Amt des Arbeitsministers? Andrew Puzder, Chef von CKE Restaurants, der Holding von Schnellrestaurantketten wie Hardeeʼs oder Carlʼs, hatte Ansprüche auf das Arbeitsministerium angemeldet. Christie erklärte, Puzders Exfrau habe ihm Missbrauch vorgeworfen, und die Mitarbeiter seiner Hamburgerbratereien klagten über schlechte Behandlung. Selbst wenn er ein guter Kandidat für das Amt wäre, würde er die Anhörungen im Senat nicht überstehen. (Trump wischte Christies Rat beiseite und nominierte Puzder. In der folgenden Auseinandersetzung fiel Puzder nicht nur durch die Anhörung, sondern musste auch von seinem Posten bei der Fast-Food-Holding zurücktreten.)

Nach dem Gespräch mit Pence sollte Christie mit den Trump-Kindern, Jared Kushner und anderen Angehörigen aus dem Vertrautenkreis von Trump zusammentreffen. Zu seiner Überraschung traf er dort auch auf Michael Flynn, einen pensionierten Generalleutnant der Armee. Flynn war auf Postensuche, und das Übergangsteam hatte gute Gründe gefunden, ihm mit Misstrauen zu begegnen. Ausgerechnet dieser Mann machte nun Ansprüche auf den Posten als Nationaler Sicherheitsberater geltend – auf den vielleicht wichtigsten Posten im gesamten Verteidigungsapparat. Die Sicherheitsexperten des Übergangsteams – ehemalige Offiziere der Streitkräfte und der Geheimdienste – waren entschieden dagegen. Flynns Name stand nicht einmal auf der Liste. Aber aus unerfindlichen Gründen war er dabei, als darüber entschieden werden sollte, wer in der neuen Regierung welche Aufgabe übernehmen sollte. Verblüfft hörte Christie, wie Ivanka ihn fragte, welches Amt er denn gerne hätte.

Ehe Christie einschreiten konnte, packte ihn Steve Bannon an der Schulter und bat ihn um ein Gespräch unter vier Augen. Ungeduldig folgte Christie Bannon in sein Büro.

Wir haben nicht viel Zeit, sagte er.

Das geht ganz schnell, erwiderte Bannon. Du bist raus.

Warum? fragte Christie wie vor den Kopf gestoßen.

Wir nehmen eine Veränderung vor.

Okay, welche Veränderung?

Dich.

Warum?

Das ist egal.

Diese Hinrichtungsmethode ist nicht überraschend: Donald Trump vermeidet es, Menschen persönlich zu entlassen. Der Mann, der im Fernsehen »Youʼre fired!« schrie, geht im wirklichen Leben persönlichen Konfrontationen aus dem Weg. Das Erstaunliche war, dass es ausgerechnet in dem Moment passierte, in dem die Arbeit des Übergangsteams in die entscheidende Phase ging. Erst als Christie drohte, er werde den Reportern sagen, dass Bannon ihn rausgeworfen hatte, gab dieser zu: »Es war Jared.«

In den Tagen nach der Wahl sollten die Mitarbeiter des Übergangsteams eigentlich vom Gebäude an der Ecke von 17th Street und Pennsylvania Avenue in ein anderes Gebäude in Washington umziehen, eine Art Vorraum zum Weißen Haus. Doch sie mussten bald feststellen, dass sich niemand für ihre Listen mit möglichen Kandidaten für Regierungsämter interessierte. Wichtiger wurde dagegen die Liste von Leuten, die das neue Gebäude betreten durften, doch auf dieser Liste fehlten die meisten ihrer Namen.

»Die Leute wollten in ihre neuen Büros, aber die Geheimdienstler am Eingang haben gesagt: ›Tut mir leid, ihr steht nicht auf der Liste‹«, so ein Beamter, der in dem Gebäude arbeitete.

Nicht nur Chris Christie war gefeuert worden, sondern fast sein gesamtes Übergangsteam – ohne dass ihnen das irgendjemand mitgeteilt hätte. Wie Nancy Cook später in der Zeitschrift Politico schilderte, kam Bannon wenige Tage nach der Entlassung von Christie in das neue Hauptquartier, um die gesamte Arbeit, die das Übergangsteam für Trump gemacht hatte, mit großem Tamtam in den Müll zu werfen. Trump werde die Übergabe mehr oder weniger eigenhändig erledigen. Aber nicht einmal Steve Bannon hielt das für eine gute Idee.

»Ich war scheiß nervös«, gestand er Freunden später. »Ich habe nur gedacht, heilige Scheiße, dieser Typ [Trump] hat von nichts eine Ahnung. Und das ist ihm scheißegal.«

Kapitel 1

DAS FÜNFTE RISIKO

Am 9. November 2016, dem Morgen nach der Präsidentschaftswahl, kamen die Mitarbeiter des Energieministeriums in ihre Büros und warteten. Sie hatten dreißig Schreibtische bereitgestellt und dreißig Parkplätze freigemacht. Sie wussten zwar nicht genau, mit wie vielen Personen sie an diesem Tag rechnen sollten, doch sie waren sich sicher, dass der Wahlsieger eine kleine Armee in dieses und in alle anderen Ministerien entsenden würde. Barack Obama hatte nach seinem Wahlsieg acht Jahre zuvor jedenfalls an die dreißig Leute ins Energieministerium geschickt. Die Mitarbeiter des Ministeriums hatten sich darauf vorbereitet, den Leuten von Clinton denselben Vortrag zu halten und dieselben 15 Zentimeter dicken und mit Ministeriumssiegel verzierten Ringordner zu überreichen wie den Leuten von Trump. »Im Grunde hatte sich ja nichts geändert«, so ein Beamter. »Wir sind einfach davon ausgegangen, dass die Arbeit weitergeht, egal wer gewinnt.«

Bis zum Nachmittag war das Schweigen ohrenbetäubend geworden. »Am ersten Tag hieß es, wir sind so weit«, erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter des Weißen Hauses. »Am zweiten Tag haben wir uns gefragt, ob uns vielleicht mal jemand anruft.«

»Die Leute sind rumgelaufen und haben gefragt: ›Haben sie sich bei Ihnen gemeldet?‹«, erinnert sich ein anderer, der die Übergabe vorbereitet hatte. »›Haben Sie was gehört? Ich habe nichts gehört.‹«

Elizabeth Sherwood-Randall, damals stellvertretende Energieministerin, berichtet: »Es kam der Wahltag, und er hat gewonnen. Und dann war Funkstille. Nichts ist passiert.« Trumps Leute zeigten sich in keinem Ministerium und in keiner Behörde. An den wenigen Orten, an denen sie sich blicken ließen, wirkten sie verwirrt und unvorbereitet. Im Außenministerium tauchte ein Grüppchen zu einem Briefing auf, nur um zu erfahren, dass die Informationen, die sie erhalten sollten, der Geheimhaltung unterlagen. Aber keiner von Trumps Leuten hatte sich der nötigen Sicherheitsüberprüfung unterzogen, und außenpolitische Erfahrung brachte ohnehin keiner mit. So entging ihnen die Gelegenheit, etwas zu lernen. Jared Kushner war bei seinen Besuchen im Weißen Haus kurz nach der Wahl erstaunt, wie viele Mitarbeiter ihre Sachen zusammenpackten. »Offenbar hatte er angenommen, dass es sich um eine Art Unternehmensübernahme handelte«, meint einer von Obamas Mitarbeitern. »Er hatte anscheinend gedacht, dass die Leute alle bleiben.«

Selbst unter normalen Umständen kommt es vor, dass Politiker, die in den Vereinigten Staaten die Regierungsgeschäfte übernehmen, erstaunlich wenig Vorwissen mitbringen. Ein langjähriger Beamter, der miterlebt hat, wie vier Regierungen Einzug hielten und versuchten, die Leitung über das Energieministerium zu übernehmen, beschreibt es so: »Es kommt immer wieder vor, dass sie keine Ahnung haben, wofür das Ministerium eigentlich zuständig ist.« Um dem zuvorzukommen, hatte Obama ein Jahr vor der Wahl Experten der verschiedenen Ministerien angewiesen, sämtliche Informationen zusammenzustellen, die ein Nachfolger benötigte, um zu verstehen, was er oder sie da übernehmen würde. Im Energieministerium waren allein fünfzig Mitarbeiter für diese Aufgabe abgestellt worden. Die Bush-Regierung war genauso vorgegangen, und Obama war ihr dankbar dafür gewesen. Seinen Mitarbeitern gab er das Ziel vor, die Übergabe noch reibungsloser zu gestalten, als es die Bush-Leute geschafft hatten.

Es war eine gewaltige Aufgabe. Tausende Regierungsmitarbeiter waren ein knappes Jahr lang damit beschäftigt gewesen, der neuen Regierung das Leben zu erleichtern. Der Staatsapparat der Vereinigten Staaten ist möglicherweise die komplizierteste Organisation der Erde. Ihre zwei Millionen Beamten unterstehen viertausend von der Politik ernannten Entscheidungsträgern. Fehler sind hier geradezu ins System eingebaut: Die Mitarbeiter wissen, dass ihre Vorgesetzten alle vier oder acht Jahre ausgetauscht werden und dass jedes Vorhaben von einem Tag auf den anderen eine völlig neue Wende nehmen kann – sei es durch eine Wahl, einen Krieg oder irgendein anderes politisches Ereignis. Doch die Probleme, mit denen die Ministerien und Behörden konfrontiert werden, haben meist wenig mit Ideologie zu tun, weshalb die Mitarbeiter der Obama-Regierung ihre politische Agenda aus den Briefings heraushielten. Wie ein ehemaliger führender Mitarbeiter des Weißen Hauses zu den Beamten sagte: »Mit Politik haben Sie nichts zu tun. Sie müssen nur wissen, wie wir an diesen und jenen Punkt gekommen sind. Zum Beispiel die Zika-Epidemie. Vielleicht gefällt es Ihnen nicht, wie wir damit umgehen. Es muss Ihnen nicht gefallen. Sie müssen nur verstehen, warum wir so und nicht anders mit ihr umgehen.«

Wie man ein Virus aufhält, wie man eine Volkszählung durchführt, wie man erkennt, ob eine andere Nation versucht, in den Besitz von Atomwaffen zu kommen, oder ob Nordkorea mit seinen Raketen Kansas City erreichen kann – das sind technische Probleme. Die Leute, die vom neuen Präsidenten mit der Lösung dieser Probleme betraut werden, haben etwa 75 Tage Zeit, um sich von ihren Vorgängern einarbeiten zu lassen. Nach der Amtseinführung des neuen Präsidenten werden viele hervorragend qualifizierte Mitarbeiter in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut und dürfen dann laut Gesetz keinen Kontakt mehr zu ihren Nachfolgern haben. Die Zeit zwischen der Wahl und der Amtseinführung fühlt sich an wie ein Chemiekurs, zu dem die Hälfte der Studenten erst gegen Ende des Semesters erscheint und dann gezwungen ist, in aller Eile die Notizen der anderen abzuschreiben, um sich noch schnell auf die Prüfung vorzubereiten.