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Dr. Ernst von Bibra wurde am 9. Juni 1806 in Schwebheim geboren. Er verstarb am 5. Juni 1878 in Nürnberg. Als vielseitig interessierter Gelehrter arbeitete er erfolgreich auf ganz unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten, wozu ihm insbesondere die Ergebnisse einer über einjährigen Forschungsreise nach Süd-Amerika reichlich Anregungen brachten. Ganz besonders grundlegend selbst noch für unsere Zeit sind seine Studien über bewußtseinsverändernde Drogen. In seinen späteren Jahren war er belletristisch tätig, brachte seine Erlebnisse aus Süd-Amerika in Abenteuerromane ein und verfaßte daneben zeitgemäße Romane.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2020
„Wenn Euch dies nicht gefällt was ich hier geschrieben, so ist mir dies gleich. Ist auch solches nicht deshalb geschehen, sondern nur damit ich selbst eine Erinnerung bekomme, an das, so in fernern Zeiten geschehen.” (Ernst von Bibra)
Ein Menschenleben (aus „Wackere Frauen“):
„Wennn die Flügelkleider der Jugend abgenützt, und Trödelwaare geworden sind, hängt das Herz mit inniger und anklammernder Liebe an späterer Errungenschaft.
In der Zeit des Strebens und Ringens, und während der Kämpfe, die uns das Leben bringt, liegen uns die Tage der Kindheit, und die des Jünglings-Alters, weit entfernt, aber sie treten uns wieder näher, wenn unser Haupt schneeig wird. Sie treten zu uns, diese Tage der Kindheit, an der Hand des Alters, und hat die Unbill des Lebens unser Herz nicht gänzlich versteinert, so schlägt es dankbar und freudig diesen Erinnerungen entgegen.“
Schwebheim, November 2020
Ernst von Bibra wurde am 9. Juni 1806 in Schwebheim geboren. Sein Vater war Ferdinand Johann Wenzel von Bibra, seine Mutter Lucretia Wilhelmine von Bibra. Ernsts Vater verstarb bereits 1807. Die Vormundschaft über Ernst und damit die Verantwortung für seine Erziehung übernahm Christoph Franz Freiherr von Hutten aus Würzburg.
Nach dem Besuch des Gymnasiums in Neuburg an der Donau studierte Ernst in Würzburg zunächst Jura, später Naturwissenschaften. Schon 1825 wurde er zudem Alleinbesitzer des Familiengutes in Schwebheim. Hierher zog er nach Beendigung seines Studiums zu Beginn der dreißiger Jahre, heiratete dort 1836 Josephine Pickel und richtete sich in seinem Schloß ein Labor für seine naturwissenschaftlichen Forschungen ein, jetzt seine Haupttätigkeit. Erste Veröffentlichungen folgten.
Um für die Erziehung seiner Kinder, die zwei Söhne Reinhold und Wolfgang und die Tochter Lucretia, und wohl auch für seine Forschungen bessere Voraussetzungen zu finden, zog die Familie 1846 unter Aufgabe der alten Adelsrechte nach Nürnberg. Hier setzte von Bibra zunächst seine wissenschaftlichen Arbeiten verstärkt fort, war auch künstlerisch tätig und beteiligte sich an gesellschaftspolitischen Fragen jener unruhigen Jahre um 1848.
Im Jahre 1849 brach er zu einer Forschungsreise nach Südamerika auf, von der er erst nach über einem Jahr mit vielen Exponaten und Funden, aber auch voll von neuen Eindrücken und Ideen zurückkam. Vieles von dem, was er während dieser Reise erfahren hatte, brachte er in den Folgejahren in seine Studien ein. Dabei kam es ganz offensichtlich zu einer Verschiebung seiner Interessen. Mehr und mehr wurde er zusätzlich zu seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen schriftstellerisch tätig, zunächst in Auswertung seiner Südamerika–Erfahrungen mit Reise– und Abenteuergeschichten, später zunehmend mit zeitgenössischen, belletristischen Themen.
Ernst von Bibra wurde ein anerkanntes Mitglied der Nürnberger Gesellschaft, erhielt Besuche von höchsten Würdenträgern und entsprechende Auszeichnungen. Er verstarb im Jahre 1878.
Vorbemerkung
Biographie
Südamerika–Reise
Werke
4.1. Wissenschaftliche Werke
4.2. Romane und Reisebeschreibungen
Auszüge aus seinen Werken
5.1. Reisen in Südamerika
5.2. Die narkotischen Genußmittel und der Mensch
5.3. Erlebtes und Geträumtes
5.3.1. Skizzen aus Chili
5.3.2. Eine diplomatische Sendung
5.4. Ein edles Frauenherz
5.5 Widmung an Lucca
5.6. Erinnerung an frühe Kindheit
5.7. Die Algodon–Bai
5.8. Freimüthige Beleuchtung …
Über Ernst von Bibra
6.1. Eine Skizze zu Ernst von Bibra
6.2. Drei Kritiken seiner Werke
6.2.1. Kritik zu „Tzarogy“
6.2.2. Kritik zu „Reise in Südamerika“
6.2.3. Und noch einmal zu „Reisen…“
6.3. Zu „Die narkotischen Genußmittel und der Mensch”
6.4. Verschiedene
6.5. Zweihundertster Geburtstag
Eine Rede – Post mortem
Wer war dieser Ernst von Bibra?
Schlußbemerkung und Danksagung
Für uns als Kinder war das damals verfallende Schloß in Schwebheim mit seinem großen verwilderten Park ein ziemlich unheimlicher und rätselhafter Ort. Man näherte sich ihm in einer Art ängstlicher Neugier.
Neugier, weil man diesen Ort nicht so einfach betreten konnte und auch durfte und man sich deshalb anders als bei den sonstigen Behausungen im Ort nicht so recht über das Innere im klaren werden konnte. Und so schuf sich die eigene Phantasie, befruchtet von übertreibenden Schilderungen älterer Mitschüler – meist nur Wissen aus zufällig aufgeschnapptem Hören–Sagen – die erforderlichen, durchaus unzuverlässigen aber geheimnisvollen Bilder.
Ängstlichkeit und Bange aber, weil neben vorstellbaren Geistern an diesem Ort auch die damaligen Bewohner selbst auf uns Kinder als solche wirkten. Die „Brone“, wie man sie nannte, stammten für uns aus einer anderen Zeit, alt, unnahbar und nicht sehr gepflegt, wie sie dies jedenfalls für uns waren. Und wenn man ältere Schwebheimer erzählen hörte, die noch persönliche Erfahrungen mit den „Bronen“ gehabt hatten oder von solchen ihrer Vorfahren berichteten, so verspürte man aus deren Schilderungen ein Gemisch geprägt aus Achtung und Ehrfurcht, aus Vorsicht und Untertänigkeit. Stolz über „die Herrschaft“ und das eigene Wissen waren ebenso zu spüren wie Zorn und Aufruhr gegen die jahrhundertelange Ausbeutung und Unterdrückung, beides tief eingebrannt in den Genen und in der Erinnerung.
Über viele Jahre waren diese Bibras mit ihrem Schloß dann für mich kein Thema mehr. Erst als ich viele, viele Jahre später im Nachlaß meines verstorbenen Schwiegervaters Fritz Wagner Unterlagen zu den Bibras in Schwebheim entdeckte, machten mich Hinweise zu Ernst von Bibra neugierig. Ein alter Lebenslauf des Ernst von Bibra, ein Originalbericht von ihm über die Algodonbai in Südamerika waren erste Belege über einen bemerkenswerten Menschen, über den man unbedingt mehr erfahren mußte. In einem Neudruck erschien dann einige Zeit später Bibras Werk „Die narkotischen Genußmittel und der Mensch“, das diesen angesichts heutiger Zustände als einen mutigen und fortschrittlichen Wissenschaftler zeigte. Auf dem Büchermarkt waren seine Bücher kaum zu bekommen. Doch konnte man über Bibliotheken Werke beziehen und lesen. Inzwischen folgten weitere Neudrucke und das Internet entwickelte sich zu einer Fundgrube zu Detailinformationen. All dies führte dazu, daß ich mich entschloß, mit einem Buch das Faszinosum Ernst von Bibra zu beleuchten, festzuhalten und weiterzugeben.
Diese nunmehr vorliegende Zusammenstellung verfolgt das Ziel, Person, Leben und Werk des vor über 200 Jahren in Schwebheim geborenen Dr. Ernst von Bibra in Erinnerung zu bringen.
Ernst von Bibra war ein Universalgelehrter. Er konnte dies sein in einer Zeit, wo ein Forscher nicht nur in die Tiefe eines Fachgebietes vordrang, sondern wo man viel stärker als unter der Spezialisierung unserer Tage die Verknüpfung mit anderen Wissensgebieten suchte und fand. Wie viele, bekanntere, seiner Zeitgenossen – zu nennen wären hier Schwergewichte wie etwa Alexander[1] und Wilhelm von Humboldt oder Goethe, der ja nicht nur begnadeter Dichter sondern auch ein umfassender Wissenschaftler und ein pragmatischer Minister war – war auch von Bibra in vielen Fachgebieten zu Hause.
Aus dem weiten Spektrum seiner Forschungen sind insbesondere zu nennen Tier– und Pflanzenkunde, Geologie und Mineralogie, aber auch Physik und Chemie. Er schrieb über sozio–historische Gegebenheiten ebenso wie über – heute würden wir sagen – Arbeitswissenschaft und Arbeitsmedizin. Diesem Thema widmete er sich – erstaunlich für die Zeit des Frühkapitalismus und für ihn als einen Mann der höheren Stände – unter dem Aspekt der krankmachenden industriellen Arbeitsbedingungen seiner Zeit und mit konkreten Konsequenzen und Maßnahmen für die Praxis. Nicht zu vergessen seine Forschung über die Wirkung des Schwefeläthers, mit der er zur Entwicklung der Anästhesie beitrug. Und schließlich ist sein großes Werk über die bewußtseinsverändernden Drogen noch heute ein weltweit anerkannter Klassiker.
Erstaunlich nicht nur die Menge seiner Romane und Reisebeschreibungen, sondern auch die Anschaulichkeit seiner Formulierungen, seiner Landschafts– und Charakterbeschreibungen, die er oft mit einem guten Schuß Humor verbindet. Er erzählt natürlich im Stil seiner Zeit und versetzt damit uns heutige Leser zurück in das neunzehnte Jahrhundert. In seinem umfangreichen belletristischen Werk kann er durchaus mit bekannteren Autoren, von der Art eines Karl May etwa, verglichen werden.
Für seine Zeit und ganz besonders für seinen Stand war Ernst von Bibra wohl sehr liberal und aufgeklärt gewesen.
Davon zeugen so manche Passagen in seinen Werken, wo er bei brisanten Themen oft und klar Stellung bezieht, beispielsweise wenn er über die Sklaverei in Süd–Amerika berichtet und urteilt oder über die dortige Ausbeutung durch europäische oder nordamerikanische Handelsgesellschaften. Davon zeugt ganz eindeutig eine Schrift, in der er sich sehr kundig und interessiert mit politischen und gesellschaftlichen Fragen seiner Zeit (Rolle des Adels, Ablösung alter Feudalrechte und Verfassungsfragen) befaßt. Darauf weisen aber auch persönliche Entscheidungen hin. So trennte er sich frühzeitig von seinem Gut in Schwebheim nebst althergebrachten Rechten, z.B. dem Patronatsrecht. So heiratete er wenig standesgemäß eine Bürgerliche. Mit seinen ihm nachgesagten politisch–liberalen Einstellungen war er in der Tat kein sogenannter Krautjunker des Vormärz, wie damals viele seiner Adelsgenossen verächtlich genannt wurden. Es gibt überdies Anzeichen, daß er sich zu weit in die Revolutionsgeschehnisse von 1848 einmischte und auch aus diesem Grund Deutschland für einige Zeit verlassen mußte (Südamerika–Reise).
Man sollte aber über von Bibra nicht nur schreiben. Man muß ihn unbedingt selbst zu Wort kommen lassen, um ihn näher kennenzulernen. Die ausgewählten Textbeispiele mögen dazu verhelfen. Sie sind deshalb auch zum Hauptbestandteil dieser Schrift geworden. Um Bibra und sein umfangreiches Werk zu „greifen“, reichen kurz zitierte Texte eben nicht aus. Es galt zum einen, aus den verschiedenen Gebieten seiner Arbeiten zu berichten, um die Breite seiner Interessen zu sehen, und es galt zum andern, Texte in ihrer Gesamtheit vorzustellen, um Umfeld, Handlungsaufbau, Logik und Argumentationsfluß zu erkennen. Da Originalschriften selten und nur schwer zu bekommen sind, bietet die vorliegende Schrift somit einen schnellen und umfassenden Einstieg an einen zu Unrecht Vergessenen. Auch wenn es inzwischen eine ganze Reihe von Nachdrucken gibt und wenn das Internet mittlerweile zunehmend Informationen bietet, so ist ist dieser begnadete Forscher, Wissenschaftler und Erzähler – so scheint es – dennoch selbst in seinem Heimatraum nicht mehr allzu bekannt. Dem etwas abzuhelfen ist die Intention dieses Buches.
Als einem schriftstellerischen Laien möge man mir „Druckfehler“ nachsehen. Die Orthographie der Originaltexte wurde nicht verändert.
Hans Schwinger
November 2020
(1) Als „Nürnbergs Alexander von Humboldt” wurde von Bibra in den „Nürnberger Nachrichten” in einem 1934 erschienen Artikel von Dr. Hans Kirste bezeichnet.
Ernst, der Sohn des Ferdinand Johann Wenzel und der Lucretia Wilhelmine Caroline v. Bibra[3] , wurde am 9. Juni 1806[4] geboren. Sein Vater starb bereits 1807 am Nervenfieber[5]. Ernst war gerade 1¼ Jahre alt. Da seine Onkels zum großen Teil auswärts lebten, übernahm Christoph Franz Freiherr von Hutten[6], großherzoglicher Würzburger Kammerherr und Kommandeur des St. Josephs– Ordens, die Vormundschaft über Ernst und bald nachher auch dessen Erziehung[7]. In seinem Hause zu Würzburg wurde schon in dem Knaben durch den Anblick einer kleinen Sammlung von Gemälden jener Sinn für das Schöne hervorgerufen, welchen er, zum Manne gereift, bewahrt und in seinen eigenen Räumlichkeiten zur Geltung gebracht hat.
Seine Gymnasialstudien machte er in dem zu Neuburg an der Donau befindlichen Institute und bezog nach bestandener Prüfung im Herbst 1826 die Universität Würzburg, nachdem er schon 1825 infolge Ablebens seines Onkels Wolfgang Carl Georg Alleinbesitzer des Lehens Schwebheim geworden war. Zu Würzburg vertauschte er gar bald das anfangs gewählte Studium der Rechtswissenschaft mit jenem der Naturwissenschaften. Die Vorlesung über Chemie zog ihn dort am meisten an; gar bald sollte dieselbe seine Hauptbeschäftigung werden, obwohl noch eine geraume Zeit verstrich, bis er sich ihr ganz zuwendete.
Ernst war nämlich von zu Hause aus eine heiter angelegte Natur und mit viel Humor begabt; ein flotter Student, mit Mitteln reich ausgestattet, in der Vollkraft eines üppigen Musensohnes, genoß er seine Studien in vollstem Maße und erfreute sich als langjähriges Mitglied der Frankonia in Studentenkreisen stets eines hohen Ansehens. Noch in seinen älteren Jahren gab er, wenn er mit guten Freunden und Bekannten abends zusammensaß – Bibra war ein vollendeter Erzähler, gewandt im Ausdruck, dabei eine gewisse Kolorierung der Tatsachen nicht verschmähend –, manch heitereA-nekdote aus seiner früheren Studentenzeit zum Besten, wie oft er insbesondere und auf wievielerlei Art die ehrsamen Bürger der alten Musenstadt Würzburg durch allerlei Unfug in ihrer Nachtruhe gestört und die alten Polizeidiener gefoppt habe; auch seine zahlreichen Duelle[8] spielten bei diesen Erzählungen keine kleine Rolle. Sein Vortrag war dabei so hinreißend, daß seine Zuhörer das nämliche lustige Abenteuer aus seinem Munde gerne auch ein zweites Mal anhörten[9].
Abb.1: Schloß zu Schwebheim
So stürmisch die Jugend Bibras hienach nicht selten gewesen, das Streben, etwas zu leisten, blieb nicht aus, ein zeitweise ernstes Studium tauchte nicht selten auf. Es bedurfte indes noch vieler Jahre bis er es, nachdem er die Universität Würzburg verlassen hatte, für angemessen hielt, die Frucht seiner Studien literarisch zu verwerten.
Zu Anfang der dreißiger Jahre nahm er seinen Aufenthalt dauernd in Schwebheim[10] und verehelichte sich am 17. Mai 1836 in Gaibach mit Josephine Pickel aus Würzburg, geboren am 23. Oktober 1807.[11] Er richtete sich in seinem Schlosse ein Laboratorium ein und machte von da an, nicht selten monatelang, von Fachgenossen besucht, unausgesetzt chemische Versuche und Präparate.[12] Von ihm erschienen „Chemische Untersuchungen verschiedener Eiterarten“ (Berlin, 1842), „Chemische Untersuchungen über die Knochen und Zähne der Menschen und Wirbeltiere“ (Schweinfurt, 1844), „Hilfstabellen zur Erkennung zoo–chemischer Substanzen“ (Erlangen,1846).
Die Sorge für eine ausreichende Erziehung seiner Kinder, der Wunsch, in einer größeren Stadt mit Fachgenossen leichter in Verkehr zu treten, bestimmten ihn, im Mai 1846 nach Nürnberg umzuziehen[13], wo er sich seiner gewohnten Beschäftigung mit erneuter Liebe hingab. Dort erschienen von ihm in Gemeinschaft mit L. Geist „Untersuchungen über die Krankheiten der Arbeiter in den Phosphorzündholzfabriken, insbesondere das Leiden der Kieferknochen durch Phosphordämpfe“ (Erlangen, 1847). Die erwähnte Bearbeitung zog die Aufmerksamkeit der französischen Akademie der Wissenschaften auf sich und wurde von derselben für so gediegen anerkannt, daß Dr. Ernst von Bibra durch den Prix Montyon zu 1.000 frs ausgezeichnet wurde[14]. Im nämlichen Jahr veröffentlichte er gemeinsam mit Emil Harleß[15] „Ergebnisse über die Versuche über die Wirkung des Schwefeläthers“ (Erlangen, 1847). Nebenbei wendete aber Bibra seine Aufmerksamkeit der Kunst und der Kunstwissenschaft zu, übte sich im Radieren und im Glasmalen; dabei bot ihm sein Aufenthalt in Nürnberg Gelegenheit, manchen Kunstschatz zu erwerben und damit den Anfang zu seiner später umfassenden Sammlung zu legen.
Nachdem er „Chemische Fragmente über die Leber und die Galle“ (Braunschweig, 1849) herausgegeben hatte, unternahm er, zumal die politische Entwicklung Deutschlands in jener Zeit seiner Anschauung nicht entsprach, eine größere Reise nach Brasilien. Im April 1849 reiste er von Nürnberg nach Bremen ab und stach von dort aus am 28. April 1849 auf der Brigg „Reform“, Kapitän Hettendorf, in die Nordsee. Am 2. Mai passierte er den Kanal, am 2./3. Juni den Äquator, am 17. Juni kam die Küste von Brasilien in Sicht, am 22. Juni lief das Schiff im Hafen von Rio de Janeiro ein. Die freie Zeit bis zu der am 1. Juli erfolgenden Abreise benützt Bibra zu Ausflügen, die nächste Umgebung der brasilianischen Hauptstadt kennenzulernen. Am 28. Juli kommt die „Reform“ an die südliche Spitze von Feuerland. Am 31. Juli ist das Cap Horn in Sicht, die Fahrt um dasselbe erfolgt am 1. August, unter hartem Sturm. Am 12. August läuft das Schiff im Hafen von Valparaiso ein. Bibra verweilte bis zum Januar 1850 in Chile und verwendete seine Zeit zu vielfachen, interessanten, wenn auch mühevollen Ausflügen, vor allem nach Santiago[16] und nach den Cordilleren. Zurückgekehrt reiste er im Januar 1850 nach Valdivia im Gebiet der Araukanen[17]. Nach kurzem Aufenthalt blieb er nochmals einige Tage in Valparaiso. Am 24. Januar 1850 kam er nach Cobija in Bolivien und wandte namentlich der Algodon–Bai daselbst bis Ende Februar seine Aufmerksamkeit zu. Am 4. März 1850 lief er im Hafen von Callao (Peru) ein und begab sich sofort nach Lima. Am 14. März 1850 trat er aus dem Hafen von Callao auf dem „Dockenhuden“[18] die Rückfahrt an. Am 15. Mai 1850 ist die Felseninsel Juan Fernandez in Sicht, am 18. Mai wird Cap Horn passiert, am 22./23. Mai die Äquatorlinie, endlich kommen am 6. Juli 1850 die Leuchtfeuer von Helgoland zum Vorschein. Am 7. Juli 1850 erfolgte nach einer Fahrt von 116 Tagen die Landung in Hamburg, wo Bibra die ersten Briefe seiner Familie nach zwölfmonatiger Trennung vorfand. Am 12. Juli ist derselbige wieder in Nürnberg. Einen ziemlich umständlichen Bericht über diese Reise legte er in seiner „Reise nach Süd–Amerika“ in zwei Bänden (Mannheim, 1854) nieder. Schon 1853 erschien ein Aufsatz von ihm über Chile in den Denkschriften der kaiserlich österreichischen Akademie zu Wien.
Abb.2: Kap Horn (Ernst von Bibra)
Seine Sammlung war auf diese Weise so angewachsen, daß er sich 1854 entschloß, in Nürnberg ein eigenes Haus zu erwerben, zumal er sich klar geworden war, daß er infolge der politischen Verhältnisse, wie sich solche nach und nach auf dem flachen Lande ausgebildet hatten, auf seinem Gute in Schwebheim keinen dauernden Aufenthalt mehr nehmen werde. Das von ihm in der Bergstraße zu Nürnberg angekaufte Haus ließ er alsbald unter möglichster Beibehaltung der alten Einteilung für seine Zwecke herrichten. Bald waren darin seine reichhaltigen Sammlungen aufgestellt, und zwar in einer Weise, daß sich überall der Kunstgeschmack ihres Besitzers offenbarte.
Auf dem Vorplatze waren Fayencen und Delfter Gut in reicher Fülle staffelförmig aufgestellt. An den Wänden begrüßten uns Männer und Frauen in der kleidsamen Tracht vergangener Jahrhunderte. Dazwischen standen Skulpturen, Madonnenbilder, Wappenschilder und dgl., zu deren eingehender Betrachtung reichgeschnitzte Stühle aufforderten. Nur langsam, oft angezogen durch wertvolle Kunstgegenstände, rückte man durch manche Räume endlich in das Arbeitszimmer des Hausherren vor. Dieses Zimmer, zwar nicht gar groß, war einzig in seiner Art. Sein braunes Getäfel, die alten, wohlerhaltenen Möbel, die gemalten Fensterscheiben, durch welche man einen Blick in das im saftigen Grün des üppigen Farrenkrautes prangende Gärtchen hatte, das stimmte alles so prächtig zusammen, daß wir schon hieraus die Gabe Bibras, alte Gelasse und trauliche Räume anziehend zu schildern, kennen lernen, an welche wir uns später auch in seinen Romanen so oft erfreuen.
Abb. 3: Haus in der Bergstraße zu Nürnberg
Aus dem Arbeitszimmer ging es in den prächtigen Prunksaal mit dem herrlichen Tafelwerk, wo ein Büffet mit Pokalen deutscher Goldschmiedekunst und Gläsern aus den alten Venetianer und böhmischen Glashütten aufgestellt war, dann die große Halle, welche, was Originalität der Aufstellung und Auswahl betrifft, ihresgleichen suchte. An den Wänden der Halle befand sich altes Rüstzeug jeglicher Art, neben längst verblaßten Totenschildern, in den Ecken standen gothische Truhen, reich beschlagen, auf den Tischen lagen Gewehre und Pulverhörner, überhaupt Waffen und Instrumente aller Art und aller Jahrhunderte.
Chevaleresk in seinem Umgange, ein wahrer Freiherr, gestattete Bibra Fremden gerne die Besichtigung seiner Sammlung, allerdings nur insoweit dies unbeschadet seiner der Arbeit gewidmeten Zeit geschehen konnte. Vor 11 Uhr vormittags war Bibra nie zu sprechen, und eine Inschrift an seiner Türe: „Um 12 Uhr esse ich“ belehrte jedermann, daß er sich zu dieser Zeit wieder zu entfernen habe. König Maximilian II. von Bayern hat im Juli 1855 seine Sammlungen besichtigt, kurz nachher auch die Königin Maria mit dem Kronprinzen Ludwig[19] und dem Prinzen Otto, desgleichen 1866 der Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg–Schwerin, am 30. August 1877 der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen[20].
Bibra wendet auch nach seiner Rückkehr von Süd–Amerika einen Teil seiner Zeit chemischen Untersuchungen und der Bearbeitung mancher in sein Fach einschlagender Tagesfragen zu. Er hatte sich zu diesem Zwecke in den oberen Räumlichkeiten seines Hauses ein großes Laboratorium eingerichtet. So erschienen „Vergleichende Untersuchungen über das Gehirn des Menschen und der Wirbeltiere“ (Mannheim, 1854), ferner „Die narkotischen Genußmittel und der Mensch“ (Nürnberg, 1855). Als Mitglied der k.k. Akademie zu Wien hat er in deren Sitzungsberichten verschiedene Abhandlungen niedergelegt, so „Die Algodon–Bai in Bolivien“ (Wien, 1852)[21] und „Beiträge zur Naturgeschichte von Chile“ (Wien, 1853). Weiter schrieb er „Der Kaffee und seine Surrogate“ (München, 1858) und „Die Getreidearten und das Brot“ (Nürnberg, 1860)[22]. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen hat schon zu Anfang der fünfziger Jahre seine Tätigkeit durch Verleihung der großen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaften anerkannt. Die bayerische Akademie zu München hat ihn 1862 zu ihrem korrespondierenden Mitglied ernannt. Noch sind zwei seiner Untersuchungen, „Die Bronze– und Kupferlegierungen der alten und ältesten Völker“ (Erlangen, 1869, Erlangen) und „Über alte Eisen– und Silberfunde“ (Nürnberg, 1873) anzuführen, welche bei allen Fachmännern vollste Anerkennung fanden.
Von dem Jahre 1861 an beschäftigte sich indes Bibra vorzugsweise mit belletristischen Arbeiten, novellistisch gehaltenen Reiseskizzen und kulturhistorischen Schilderungen. Bald entwickelte er auf diesem Gebiet eine ganz staunenswerte, fast überreiche Fruchtbarkeit. Leicht und oft reizend weiß er zu erzählen, mit vielem Verständnis führt er dem Leser seine handelnden Personen vor, insbesondere schildert er da und dort das Innere alter Schlösser und Gebäude mit viel Geschick. Geradezu klassisch sind seine Naturschilderungen, hierin steht er dem Altmeister Humboldt nahezu ebenbürtig zur Seite. Dabei hat ihm allerdings ein nicht selten auftauchender frivoler Ton nicht wenige Gegner zugeführt. Seine letzte Arbeit dürfte „Von Brasilien nach Chile um Cap Horn“ (?, 1878) gewesen sein.
Die Verdienste Bibras wurden, auch abgesehen von seiner Aufnahme in gelehrte Gesellschaften, 1854 durch Verleihung des k. preuß. roten Adlerordens IV. und 1869 des k. preuß. Kronordens III. Klasse anerkannt. In Nürnberg war er von 1858 – 1870 Mitglied der dortigen katholischen Kirchenverwaltung.
Derselbe bewahrte dem 1853 in Nürnberg von einer Versammlung hervorragender deutscher Geschichts– und Altertumsforscher gegründeten Germanischen Museum stets ein reges Interesse. Mit dessen Gründer und langjährigen Vorstand Hans Freiherrn von Aufseß eng befreundet, sah er dieses Institut entstehen und sich rasch unter seinem jetzigen Vorstand Dr. Essenwein zu wahrhaft ungeahnter Größe entfalten. Die archäologische Gesellschaft zu Nürnberg traf ihn und seine literarischen Freunde allwöchentlich im „Hopfenstöckl“ im heitersten Gespräch versammelt.
Dr. Ernst von Bibra ist am 5. Juni 1878 in voller Geistesfrische in einem Alter von nahezu 72 Jahren in Nürnberg gestorben und daselbst beigesetzt. Es sei nur noch beigefügt, daß er das von seiner Großmutter Sophia, geb. Treusch von Butlar, herrührende Gut in Willershausen in Kurhessen, nach vorausgegangenen sehr namhaften Abfindungen an die Anwärter und Mitbesitzer[23] im Jahre 1850 an den Landgrafen Carl August von Hessen veräußert hat.
Aus seiner Ehe stammen seine Tochter Lucretia, geboren am 19. September 1839[24] , ferner drei Söhne: Franz Carl (geboren und gestorben im April 1837), Reinhold[25] (geb. 7. Februar 1838, gestorben 25. Dezember 1887) und Wolfgang (geb. 13. Februar 1841, gestorben 26. Mai 1901)[26].
(2) Dieses Kapitel stammt fast wörtlich aus „Beiträge zur Familiengeschichte der Reichsfreiherren von Bibra. Auf Grund urkundlicher Nachrichten bearbeitet von Wilhelm Freiherr von Bibra, k. Oberlandesgerichtsrath, als Manuskript gedruckt, München. Christian Kaiser 1880.
(3) Ein eigenartiges Verhältnis, das man damals zur Ehe schmiedete, wohl um die Linie nicht aussterben zu lassen: Lucretia ist nämlich die Tochter von Franz Carl Anton von Bibra, einem Bruder des Ferdinand Johann Wenzel. Sie ist somit zugleich auch die Nichte von Johannes Wenzel, aber auch Mutter und Tante von Ernst.
(4) In Schwebheim bei Schweinfurt
(5) Ebenfalls 1807 verstarb eine Schwester von Ernst, Lucretia, ein halbes Jahr alt.
(6) Gestorben 1830
(7) Welche Rolle spielte hier eigentlich seine Mutter Lucretia? Nahm man ihr den Sohn einfach weg? Oder verzichtete sie, seine Erziehung zu gestalten? Oder war es einfach damaliges Recht? Oder folgte man der für die Zukunft des Ernst optimalen Lösung? Es findet sich jedenfalls kein Hinweis mehr über Lukretia. Sie starb übrigens erst 1857, im Alter von 79 Jahren.
(8) Es sollen 49 gewesen sein
(9) So mancher Schwebheimer wird hierbei an den späteren Schloßherrn Armin Wagner, einen Urenkel des Ernst v. Bibra, erinnert.
(10) Schwebheim hatte damals um 600 Einwohner.
(11) Sie war die Tochter seines Lehrers, des Würzburger Professors Johann Georg Pickel (1751 – 1838). Josephine war geboren am 3. Oktober 1807 und starb am 25. Oktober 1903 hochbetagt in Schwebheim.
(12) Der Ortschronik des Schwebheimer Lehrers Friedrich Wagner ist zu entnehmen, daß Ernst von Bibra 1837 und in den Folgejahren in der Schwebheimer Gemarkung Hünengräber öffnete und mehrere Urnen aus Ton und verschiedene Grabbeigaben fand.
(13) Dort bewohnte er zunächst in der Burgstraße (alte) das Haus Nr. 614 (Fembo–Haus). 1854 erwarb er in der Bergstraße das Haus Nr. 418.
(14) Aus der Stiftung des 1820 zu Paris verstorbenen Baron de Montyon.
(15) Seit 1857 Professor der Physiologie in München
(16) Er machte dort viele Einkäufe für eine ethnographische Sammlung
(17) Indianergebiet
(18) Eigentum des Hamburger Hauses Godeffroy, Kapitän Meyer
(19) Der spätere bayerische Märchenkönig
(20) Wohl der spätere Kaiser Friedrich III, der nur kurze Zeit regierte und dann an einer schweren Krankheit starb. Ihm folgte als Kaiser Wilhelm II.
(21) Abgedruckt in Westermann’s Jahrbuch der illustrierten Monatshefte, 1873, Bd. 35, S.152 ff.
(22) Kaiser Alexander II. von Rußland ließ ihm deshalb einen sehr wertvollen Brillantring zustellen.
(23) Anwärter war ein Herr von Kutzleben, Miteigentümer infolge Abstammung von Johann Philipp Ignatz von Bibra, und die Familien Redwitz und Schneider, Mohr und Lochner v. Hütenbach.
(24) Verheiratet seit 1867 mit dem k. Landgerichtsarzte Dr. med. Franz Riegel zu Kempten, lange Zeit prakt. Arzt zu Münnerstadt.
(25) Er wurde später Schloßherr in Schwebheim.
(26) Aus einer vorehelichen Beziehung zu Catharina Anna Barbara Jakobin aus Schwebheim gibt es einen weiteren Sohn, Heinrich, geb. 1832 und gest. 1909 zu Schwebheim. Zeitzeugen bestätigen, daß sich Ernst sowohl um Heinrich und dessen Kinder angemessen sorgte als auch Catharina mit reichlichen Grundstücksüberlassungen in Schwebheim bedachte.
April 1849 Von Nürnberg nach Bremen
28. 04. 1849 Abfahrt ab Bremen mit der Brigg „Reform”
02. 05. Channel
17. 06. Äquator
22. 06. Rio de Janeiro
01. 07. Weiterfahrt mit „Reform”
28. 07. Südspitze von Feuerland
31. 07. Fahrt um Cap Horn (starker Sturm)
12. 08. Valparaiso
Bis Januar 1850 in Chile, Santiago, Kordilleren
Jan. 1850 Nach Valdivia ins Gebiet der Araukanen.
24. 01. 1850 Cobija (Bolivien) und Algodon–Bay
Weiterfahrt nach Callao (Peru) und Ankunft hier am 4.3.
14. 03. Von Callao Rückfahrt nach Europa auf der „Dockenhuden”
15. 05. Felseninsel Juan Fernandez
18. 05. Cap Horn
22. 05. Äquator
07. 07. Ankunft in Hamburg
12. 07. 1850 Nürnberg
Abb. 4: Stationen der Südamerika–Reise Ernst von Bibras
Nr.
Titel
Bd.Jahr
Ort
1
Chemische Untersuchungen verschiedener Eiterarten
1
1842
Berlin
2
Chemische Untersuchungen über die Knochen und Zähne der Menschen und Wirbeltiere
1
1844
Schweinfurt
3
Kunstdenkmäler in Deutschland
1
1845
Schweinfurt
4
Hilfstabellen zur Erken- nung zoo–chemischer Substanzen
1
1846
Erlangen
5
Über einige pathologische Produkte von Vögeln und Säugethieren
2
1847
Bratislava/ Bonn/Breslau
6
Die Wirkung des Schwefe- läthers in chemischer und physiologischer Beziehung
1
1847
Erlangen
7
Die Krankheiten der Arbei- ter in den Phosphorzündholzfabriken, insbesondere das Leiden der Kieferknochen durch Phosphordämpfe
1
1847
Erlangen
8
Freimüthige Beleuchtung der gegenwärtigen Verhältniße des Adels zu Fürst, Bürger und Bauer
1
1848
Nürnberg
9
Chemische Fragmente über die Leber und die Galle
1
1849
Braun-schweig
10
Untersuchung von Seewas- ser des Stillen Meeres und des Atlantischen Oceans
1
1852
Nürnberg
11
Beiträge zur Naturge- schichte von Chile
1
1853
Wien
12
Vergleichende Untersu- chungen über das Gehirn der Menschen und der Wirbelthiere
1
1854
Mannheim
13
Das narkotische Genußmit- tel Hanf und der Mensch
1
1855
Nürnberg
14
Die narkotischen Genuß- mittel und der Mensch
1
1855 1981 1983 1996
Nürnberg Leipzig Wiesbaden Holzminden
15
Der Kaffee und seine Surrogate
1
1858
München
16
Über den Atakamit
1
1858
Nürnberg
17
Die Getreidearten und das Brod
1
1860
Nürnberg
18
Die Bronze– und Kupferle- gierungen der alten und ältesten Völker
1
1869
Erlangen
19
Über alte Eisen– und Silberfunde
1
1873
Nürnberg/ Leipzig
Nr.
Titel
Bd.
Jahr
Ort
1
Die Algodon–Bai in Bolivien
1
1852
Wien
2
Reise in Süd–Amerika
2
1854
Mannheim
3
Erinnerungen aus Süd– Amerika
3
1861
Leipzig
4
Die Fahrt um das Cap Horn
1
1861
Nürnberg
5
Die hohe Cordillere
?
?
?
6
Aus Chili, Peru und Brasilien
3
1862
Leipzig
7
Ein Juwel
3
1863
Leipzig
8
Hoffnungen in Peru
3
1864
Jena/Leipzig
9
Reiseskizzen und Novellen
4
1864
Jena/Leipzig
10
Tzarogy
3
1865
Jena/Leipzig
11
Ein edles Frauenherz
3
1866
Jena/Leipzig
12
Erlebtes und Geträumtes
3
1867
Jena
13
Die Schatzgräber
3
1867
Jena
14
Aus jungen und alten Tagen
3
1868
Jena
15
Graf Ellern
3
1869
Leipzig
16
El paso de las animas
2
1870
Leipzig
17
Die Abenteuer eines jungen Peruaners in Deutschland
3
1870
Jena
18
Die ersten Glieder einer langen Kette
3
1871
Nürnberg
19
Erb– und Liebeshändel
3
1871
Wien/Pest/Leipzig
20
Die Kinder der Gauner
3
1872
Nürnberg/Leipzig
21
Hieronymus Skottus: Ein Zeitbild aus dem 16. und 17. Jahrhundert
2
1873
Wien
22
Die neun Stationen des Herren von Scherenberg
2
1873
Jena
23
Brautstand und Verehe- lichung, ein geheimnisvoller Weg
1
1874
?
24
In Süd–Amerika und Europa
2
1874
?
25
Bilder aus Lima
?
1874
?
26
Wackere Frauen
3
1876
Jena
27
Von Brasilien nach Chile um Cap Horn
1
1878
?
28
Eine alte Schuld
1
1879
Stuttgart
29
Hoffnungen in Peru
3
?
Jena/Leipzig
Anfang April verläßt Ernst v. Bibra Nürnberg, um Ende April 1849 mit der Brigg „Reform” von Bremen nach Südamerika zu fahren. Über seinen Abschied von Nürnberg und Familie bemerkt er:
„Schwer und hart war der Abschied von den Meinen. Hatte doch mein ältester Junge lange Zeit vor meiner Abreise halbe Nächte durchweint in Gedanken an meine Fahrt, und bei Tage sich heiter geberdet um mich nicht zu betrüben. Das war der Typus meines Abschieds überhaupt.
So ging ich aus dem Hause, hinaus in einen kalten und unheimlichen Morgen und vom alten, ehemals weltberühmten Fembo’schen Landkartenhause an, um die halbe Welt bis wieder zurück nach Hamburg, hat mich die Idee nicht verlassen, daß ich die Kinder nicht mehr lebend anträfe.”
Schon zu Beginn der Seereise hat er wiederholt Gelegenheit, seine umfassenden Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. So schreibt er:
„Man bewunderte meine Gelehrsamkeit und einige Stunden darauf eben so die Virtuosität, welche ich in der Konsumtion von Portwein an den Tag legte. Zu jener anfänglichen Zeit der Reise[28] bestand zwischen dem Kapitain und den Reisenden noch ein freundliches Vernehmen, und ersterer hatte mehrere von uns eingeladen mit ihm ein Glas Wein in seiner Kajüte zu trinken. Es blieb nicht bei einem Glase, und mancher wurde todtenähnlich vom Schlachtfeld gebracht. Dort habe ich Süddeutschland glänzend vertreten.”
Nach Seekrankheit und Äquatortaufe landete das Schiff am 22.6. in Rio de Janeiro. Hier nimmt er Stellung zu verschiedenen Auffälligkeiten, u.a. der Sklaverei:
„Vielleicht ist hier, da ich doch einmal begonnen, von politischen Dingen zu sprechen der passende Ort, der Sklaverei zu gedenken. Die Sklaverei ist in Brasilien zwar nicht aufgehoben, indessen insofern beschränkt, daß keine neuen von Afrika aus eingeführt werden sollen. Das heißt, es existiert ein Gesetz[29], welches dies verbietet; nichts desto weniger kommen indessen fortwährend Ladungen dieser schwarzen Waare an die Küste, werden heimlich ausgeladen, in die Pflanzungen geschafft und dann endlich nach und nach in die Städte gebracht, wenn man ihrer bedarf.
Man braucht nicht zu sagen, daß die Behandlung der Sklaven eine schlechte sei, es reicht hin zu bedenken, daß sie eine willkürliche ist.
Wenn aber ein Individuum der Willkür eines andern, und wie hier, kaum mit dem Schatten eines Gesetzes geschützt, überlassen ist, kann man die Folge wohl errathen. Selbst bei bessern Gemüthern liegt es leider oft nahe, Aerger und üble Laune an der Umgebung auszulassen. Es ist klar, daß gemeine und boshafte Naturen jede üble Disposition den unbeschützten Schwarzen spüren lassen. Ein verfehltes Handelsgeschäft trägt dem Schwarzen Prügel ein von seinem Herrn, und die Frau, der etwa ein Liebeshandel entdeckt oder vereitelt worden, peinigt ihre Sklavin bis auf’s Blut, wie die Damen überhaupt mit eigentlichem methodischen Quälen in jeder Beziehung besser umzugehen wissen, als Männer, welche einmal derb dareinschlagen, physisch oder moralisch, und dann Ruhe geben, wenigstens auf einige Zeit.
Was mich am meisten empört hat, ist das Mißhandeln der Mütter in Gegenwart ihrer Kinder und umgekehrt. Ich habe zehnmal und öfter vielleicht in einem Morgen gesehen, wie die Herrin in der Küche der dort beschäftigten Sklavin im Vorübergehen einige Hiebe versetzte, je nach Bequemlichkeit auf Kopf oder Rücken, und mit dem Gegenstande, den sie eben gerade in der Hand hatte, während ihre Gehülfin das Kind der Negerin mit einem Fußtritte aus der Küche schleuderte.
Die Sklaverei ist allerdings etwas Schändliches und das Empörende derselben ist noch augenfälliger für den, der nicht von erster Jugend an diesen Anblick gewöhnt ist, und für den – welcher keinen Vortheil davon hat.
Man hat eingewendet, daß man von den frühesten historischen Zeiten an Sklaven gehabt, und sie behandelt, wie man es gegenwärtig tut; man hat gesagt, daß im Vaterland der Neger selbst die Sklaverei zu Hause: das ist Alles richtig, ja es ist sogar wahr, daß man bei sehr vielen Negerstämmen nicht selten einen wohlgenährten Sklaven, welcher ein zartes Fleisch zu liefern verspricht, aufspeist.
Aber giebt das frommen und gläubigen Christen, oder den aufgeklärten freien Republikanern ein Recht, solche heidnische und barbarische Gebräuche beizubehalten? Oder hat es Grund, daß die Fortschritte des Menschengschlechts vorzugsweise repräsentirt werden durch Dampfmaschinen und Schnellpressen, durch Kleider ohne Naht und Streichfeuerzeuge, durch vulkanisirten Kautschuck, Missionsgesellschaften und die Anwendung der Galvanoplastik?[30]
Eine traurige Thatsache ist, daß unter den Tropen weiße Männer kaum oder gar nicht Feldarbeit verrichten können und daß der dort geborene Indianer nie zu gedungener Arbeit zu bringen ist, so daß afrikanische Arbeiter unvermeidlich erscheinen, wenn Weiße jene Länder überhaupt benützen und bewohnen wollen. Die ganze Welt weiß, daß diese Wahrheit eine der wichtigsten Lebensfragen für die Einigkeit wenigstens der nordamerikanischen Freistaaten ist.[31]
Der Preis eines Sklaven ist sehr verschieden, 200 Thaler (à 2 fl. 30 kr.) für ein männliches Individuum, was halbweg rüstig ist, ist wohl das Minimum, aber diese Preise steigen mit der Kunstfertigkeit des Negers bedeutend, 800, 1000 Thaler und auch höher, wie man mir sagte. Weiber sind im Verhältnisse billiger, indessen bestimmen auch hier körperliche Vorzüge und Geschick den Preis.
Wer sich kürzere Zeit in Brasilien aufhält, kann sich Sklaven miethen und hier sind die Preise ebenfalls wieder bedingt durch die Fähigkeiten derselben, durchschnittlich 20 – 30 Thaler per Monat. Ja, man kann sich in Rio de Janeiro aller Orten Sklaven auf Tag und Stunde miethen, indem es dort eine häufige Spekulation ist, die Schwarzen beiderlei Geschlechts des Morgens hinauszuschicken, um eine gewisse Summe zu verdienen. Der Mehr–Verdienst gehört den Sklaven, was beim Weniger geschieht, braucht kaum erwähnt zu werden.”
In Rio hält man sich ca. 1 Woche auf, dann wird mit der „Reform” weitergefahren in Richtung Feuerland. Vom 31.7. zum 1.8. umfahren sie bei starkem Sturm Cap Horn. Am 12.8. erreicht man Valparaiso. Hier einige Ausführungen zu den wirtschaftlichen Grundlagen im damaligen Chile:
„Der Import ist ohne Zweifel in Chile der bedeutendste Handelszweig. Dies wird vollständig klar werden, sobald ich weiter unten die gewerbliche Thätigkeit Chiles erwähne.
Dieser Handel ist durchgängig in den Händen von Europäern: Deutschen, Engländern und Franzosen, und durch sie werden die Erzeugnisse ihrer Länder nach Chile gebracht. Handelshäuser in Europa haben dort, meist in den Häfen und vorzugsweise in Valparaiso, ihre Agenten, diesen werden die verlangten und gangbaren Waaren zugeschickt und von ihnen in größeren Parthieen an die Handelsleute verkauft, welche sogenannte offene Geschäfte, d.h. Läden haben. Nicht blos alle Eisen–, Stahl– und Messingwaaren, sondern auch Gläser, Papier, Linnen, Kattune, Seidenzeug und tausend Artikel, die unter dem Namen der kurzen Waaren begriffen sind, werden auf diese Weise eingeführt.
Kaum braucht bemerkt zu werden, von welcher Wichtigkeit für die europäische Industrie diese Verhältnisse sind, wenn man bedenkt, daß die stets wachsende Bevölkerung von Chile, ja fast der ganzen Westküste, diese Produkte unseres Fleißes von uns zu beziehen genöthigt ist, indem keine Fabrik in jenen Ländern existirt, und wohl nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge auch Manufaktur– und Fabrikwesen so bald keine festen Wurzeln dort fassen dürfte. Ohne unseren dortigen europäischen Landsleuten irgendwie zu nahe treten zu wollen, läßt sich doch von vorne herein denken, daß dieselben sicher der Errichtung und dem Aufblühen einer Fabrik mit allen Kräften entgegentreten werden, denn der Absatz europäischer Waare würde stocken, und mithin ebenfalls ihr Verdienst.[32]
Auf der andern Seite glaube ich nicht, daß die Chilenen selbst gute Arbeiter für solche Geschäfte abgeben würden; sie haben wenig Sinn für sitzende Lebensart und überhaupt ist das Land, welches allenthalben noch Feld genug bietet zum Ackerbau, nicht bestimmt, seine Kinder in dem Baumwollstaube einer Spinnerei verkümmern oder in einer Farbfabrik chronisch vergiftet zu sehen[33]. Endlich aber wird wohl schwerlich die chilenische Regierung selbst besonders lebhaft sich für die Errichtung von Fabriken interessiren. Einestheils hat sie wohl eingesehen, daß dauernder Wohlstand in Chile vorzugsweise nur durch Acker– und Bergbau begründet werden kann.
Auf der andern Seite aber würde durch das Aufhören des Imports fremder Waaren ein unersetzlicher Ausfall in den öffentlichen Finanzen entstehen, denn es ist der Eingangszoll, welcher vorzugsweise die Ausgaben des Staates decken muß.”
Und die Handwerker in Lima? Nicht anders als die in Deutschland und sonstwo, damals wie heute.
„Die Gewerbe, welche die zum Leben unentbehrlichen Dinge liefern, werden meist von eingebornen Chilenen betrieben, so z.B. sind Maurer und Zimmerleute meistens Landeskinder. Ich habe da die Bemerkung gemacht, daß gewisse Handthierungen vollständig den Unterschied der Nationen aufzuheben scheinen. Der chilenische Maurer z.B. ist das lebendige Ebenbild seines deutschen Collegen. Hier ist alle spanische Grandezza, alles Feuer des Südamerikaners verschwunden. Er ist Maurer mit Herz und Seele. Er nimmt aus einer großen Dose, die sich knarrend öffnet, seine Prise, und bedient sich mit Geräusch eines blauen Taschentuches. Er bedarf die dreifache Zeit, welche jeder andere Mensch bedarf, um von einer Stelle des Baues zur andern zu gehen und streicht den Mörtel so langsam und bedächtig auf, als wolle er dessen Erhärten abwarten. Mit dem ersten Schlage der Feierstunde aber läßt er die Kelle aus der Hand fallen und geht unerwartet raschen Schrittes von dannen.
Auch der chilenische Tüncher braucht, wie der deutsche, stets zwei Tage länger als er versprochen hat zur Arbeit, und beschmutzt nach Kräften alle benachbarten Gegenstände.
So umschlingt ein großes gemeinschaftliches Band alle Menschen als Brüder!”
Neben vielfachen Forschungsarbeiten auch im Landesinnern bis zu den Kordilleren (Tiere, Pflanzen, Mineralien) folgt auch eine Reise über Valdivia ins Gebiet der Araukanen. Dazu die folgenden Ausführungen:
„Ich habe schon der Indianer erwähnt, und hoffe, daß es dem Leser nicht unangenehm sein wird, etwas über diesen höchst merkwürdigen Volksstamm zu erfahren, welcher ungleich seinen Stammverwandten sich Jahrhunderte lang unverändert in nächster Nähe der weißen Männer erhalten hat und welchen man nicht cultiviren und ausrotten konnte, wie es fast allenthalben geschehen ist, mögen nun die fremden Eindringlinge von Europa Grundsätze zur Schau getragen haben, welche sie wollten.[34]
Ich spreche hier nicht von den Cuncos–Indianern. Diese letzteren haben sich infolge von Streitigkeiten mit anderen Stämmen zu Ende des vorigen Jahrhunderts von ihren Landsleuten getrennt und leben zerstreut allenthalben in Valdivia unter den Chilenen, doch sind sie denselben noch jetzt an Zahl überlegen. Fast alle sind getauft. Aber ihre Zahl scheint abzunehmen, je mehr sie europäische Sitten sich aneignen, ist auch ihr Äußeres dem der unbezwungenen Indianer sehr ähnlich.
Die unbezwungenen, freien Indianer aber, die Araukaner, leben unter ganz anderen Verhältnissen.
Sie bewohnen den Landstrich zwischen Conception und Valdivia, der unter 38° und 39° südlicher Breite quer durch das chilenische Land von der Andenkette herab bis an’s Meer zieht.
Von der ersten Entdeckung ihres Gebiets durch die Spanier, bis auf den heutigen Tag, hat diese Nation ihre Selbständigkeit nie verloren und ist auch in den blutigsten Kämpfen stets Sieger geblieben. Sie hat ihr Gebiet mit einer Energie und zugleich mit einer Intelligenz vertheidigt, von welcher sich bei keinem andern Indianer–Volke ein Beispiel findet, aber nie hat sie dasselbe zu erweitern versucht.
Es scheint ein lang festgehaltener Grundsatz der Araukaner zu sein, von fremder Sitte und Cultur nur soviel anzunehmen, als ihnen eben zweckmäßig scheint, und als nöthig ist, nach und nach ihre Umstände zu verbessern, aber alles entfernt zu halten, was ihr ursprünglichen Gebräuche bedrohen könnte.
Die Geschichte der Missionen in Araukanien giebt hiervon den deutlichsten Beweis. Es sind hie und da wie es scheint, die Lehren der frommen Völker auf fruchtbaren Boden gefallen, und es ließen sich einzelne Indianer taufen: aber diese Getauften wurden von ihren Nachbarn nicht etwa gehaßt oder verfolgt, sondern es wurde die sogenannte Bekehrung als etwas vollkommen Gleichgültiges betrachtet.
Es will behauptet werden, als habe sich der einmal Getaufte noch öfter taufen lassen, kam gerade ein anderer Priester in die Nähe. Man müsse den Europäern ihre Freude nicht verderben, sollen dann solche perfide neue Christen gesagt haben. Ebenso soll vorgekommen sein, daß ein Indianer sich bei verschiedenen Geistlichen sich verschiedene Frauen antrauen ließ, doch relato refero.[35]
