Erlebnisse eines freiwilligen bayerischen Jägers im Feldzuge 1870/71 - Oskar Leibig - E-Book

Erlebnisse eines freiwilligen bayerischen Jägers im Feldzuge 1870/71 E-Book

Oskar Leibig

0,0

Beschreibung

Die Gegensätze berührten sich heute; wir hatten eben das Wasser durchwatet und von den Füßen abgeschüttelt, als aus einem vor uns liegenden Dorfe Rauchwolken aufstiegen, aus welchen bald die Flammen herauszüngelten. Unsere Neugierde, den Grund des Brandes kennen zu lernen, sollte befriedigt werden, Denn wir marschierten gerade auf die Brandstelle zu. Es brannte ein stattliches Haus mit seinen Nebengebäuden lichterloh und keinerlei Anstalten zur Rettung waren getroffen. Wohl aber standen Soldaten unseres 5. Regiments mit aufgepflanztem Bajonett im Kreis umher, um jedem Rettenwollenden den Zugang zu wehren; seitab stand lebhaft gestikulierend ein Häufchen Franzosen, welches durch aus den Nachbardörfern Herbeieilende sich langsam vergrößerte. Soviel wir von den Fünfern erfahren konnten, war in diesem Hause einer ihrer Kameraden ermordet worden, weshalb es von ihnen in Brand gesteckt wurde. . .

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 401

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


 

Erlebnisse

eines

freiwilligen bayerischen Jägers

im

Feldzuge 1870/71

 

von

Oskar Leibig

_______

 

 

Erstmals erschienen im:

Verlag C. H. Beck’schen Buchhandlung,

Nördlingen, 1887

__________

Vollständig überarbeitete Ausgabe.

Ungekürzte Fassung.

© 2021 Klarwelt-Verlag

www.klarweltverlag.de

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort.

I. Der Ausbruch des Krieges

II. Der Ausmarsch.

III. Auf dem Marsch und im Quartier.

IV. Sedan.

V. Im Bataillon.

VI. Von Sedan nach Paris.

VII. Der 19. September.

VIII. Die ersten Vorposten vor Paris.

IX. Unsere Standquartiere vor Paris.

X. Bourg la Reine.

XI. Auf Vorposten

XII. Vorpostenleben.

XIII. Im Kantonnement.

XIV. Ausfälle

XV. Angenehme Abwechslung.

XVI. Winter.

XVII. Die Beschießung.

XVIII. Der zwölfte Januar.

XIX. Die Kapitulation von Paris.

XX. Abmarsch von Paris.

XXI. Die Heimkehr.

Vorwort.

_______

Fast möchte es als ein überflüssig Beginnen erscheinen, die große Literatur über den Krieg von 1870/71 um ein Buch zu vermehren, wenn nicht eben insofern noch ein Mangel bestünde, als sie zum größten Teile von Historikern, Offizieren, Ärzten und Berichterstattern herrührt, welche entweder in großen Zügen oder nur in einzelnen, zusammenhangslosen Episoden die Geschehnisse berichten. Was aber der in Reih und Glied stehende Soldat denkt, fühlt, empfindet, was er erlebt und erfährt vom Ausmarsch bis zu seiner glücklichen Heimkehr ins Vaterland — es ist keine Frage, an solchen Schilderungen ist unsre Kriegsliteratur ziemlich arm.

Dieser Gedanke sowie vielfach ausgesprochene Wünsche haben den Verfasser ermutigt, diese Blätter, welche wahrheitsgetreu seine einfachen Erlebnisse schildern, der Öffentlichkeit zu übergeben. Sie sind nicht von Anfang an für sie bestimmt gewesen, sondern nur für die Familie, die Verwandten, Freunde und etliche Kriegskameraden, weshalb auch die erste Hälfte nur als Manuskript gedruckt war; darum die mannigfachen familiären und persönlichen Beziehungen. Es wäre zu mühevoll gewesen, sie alle zu entfernen, ja ein solches Verfahren würde das Büchlein wohl manchen Reizes beraubt haben.

Zum andern ist vielleicht hin und wieder ein kleiner Irrtum mituntergelaufen; mögen die Kundigen, welche ihn als solchen erkennen, seinen Grund in nichts anderem suchen, als in dem engbegrenzten Gesichtskreis, welchen der in Reih und Glied stehende Soldat hat.

Endlich grüße ich die lieben Kriegskameraden hin und her, zumal die vom Bataillon und der 7. Brigade, herzlich und schließe mit dem Wunsche, dass das Büchlein allerorten, wohin es kommt, dazu beitragen darf, die Liebe zu unserm herrlichen Vaterland zu stärken und zu beleben.

 

Pfuhl in Schwaben,

am Tage der Kapitulation von Metz 1886.

 

Der Verfasser.

 

I. Der Ausbruch des Krieges

 

Es war am 21. Juli des Jahres 1870, dass auf einem bekannten Keller in Erlangen eine erhebende patriotische Feier stattfand. In buntem Gemisch bewegten sich die Bürger und Beamten der Stadt, die Lehrer der Universität, die Scharen der Musensöhne. Und noch jemand war anwesend, ja, es schien, als ob sie die Hauptpersonen des Abends sein sollten, so herzlicher Willkomm, so freudiger Zuruf wurde ihnen allerseits zu teil. Das waren die kräftigen Gestalten der in der Stadt liegenden Jäger vom 6. Bataillone. Vollzählig, vom Kommandeur bis zum jüngsten Manne herab, waren sie heute erschienen inmitten der Bürgerschaft, inmitten der Universitätsfamilie, die sich‘s nicht hatten nehmen lassen, noch einen Abend mit ihren Jägern zusammen zu sein, bevor sie dem Feinde die tapfere Brust entgegenwerfen sollten. Der alte böse Nachbar hatte wieder einmal den Fehdehandschuh herübergeworfen über den Rhein, ganz Deutschland von der Nordsee bis zu den Alpen, vom Memel bis an die Vogesen hatte ihn aufgehoben, und in den allernächsten Tagen schon sollte das Bataillon hinübereilen an die Landesmark zum ernsten Waffengang. Darum ließ die Musik so kriegerische Weisen ertönen; darum sangen die Tausende, Jung und Alt, voll Hingebung die „Wacht am Rhein“, das Losungswort für all die deutschen Brüder, welche sich auf dem Kriegspfad begegneten; darum ertönte feierlich und mit unwiderstehlicher Gewalt die Herzen dahinnehmend der deutsche Hochgesang: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“.

Aber auch an edlen Worten fehlte es nicht; einer unsrer gefeiertsten Lehrer gab der in allen Anwesenden lebenden Stimmung trefflichen Ausdruck, woraus auch die Gefeierten erkennen mussten, wie lieb man sie habe, mit welch inniger Teilnahme man sie begleite auf dem Felde der Ehren; ja die glänzenden Augen manches jungen Festgenossen verrieten deutlich des Herzens heißen Wunsch, sogleich mithinaus zu dürfen in den Kampf mit dem gehassten Erbfeind, ein Wunsch, den die kraftvollen Worte, mit welchen der Anführer des Bataillons erwiderte, nur noch erhöhten.

Andern Tags sind die Jäger fort; für manchen unter ihnen ist der beschriebene Festabend der letzte seiner Art geworden. Wenige Wochen nur, dann deckte den Tapferen die im ersten Anlauf wiedergewonnene, mit viel edlem deutschen Blut getränkte elsässische Erde.

Mein erstes Universitätsjahr neigte sich dem Ende zu, da ich als Mitglied einer studentischen Vereinigung, in welcher die Vaterlandsliebe bis zur Stunde eine hohe Stätte hat, jenen Abend mitfeierte. Je und je hatten ihre Glieder für des Vaterlandes Größe gestritten und gelitten, „auf dass es einig sei und frei“; gelitten, wie der Frost die Blumen versengt, die sich zu frühe herauswagen an die noch raue Luft. Jetzt endlich, unter dem Eindruck einer großen Gefahr, war es Frühling geworden in Deutschland, echter, voller Frühling, jetzt durfte es jeder zeigen, wie die Sehnsucht nach einem einigen freien Deutschland ihm die Brust erfüllte. Demgemäß gestaltete sich das Leben unter uns, als die Kriegswetter heraufzogen, als immer deutlicher der Krieg mit Frankreich in Sicht trat. Mit dem Studieren ging‘s nimmer recht, voll Spannung wurde jede neue Nachricht erwartet und das konnte man doch nicht allein auf seinem Zimmer tun. Mehr und mehr bemächtigte sich unser aller ein kriegerischer, kampflustiger Geist, und mächtiger Jubel begrüßte den Bundesbruder, der mit der sichern Botschaft „der Krieg ist erklärt!“ aus dem Lesezimmer der „Harmonie“ herbeigestürzt kam. Wir saßen gerade beim Frühschoppen auf der Straße vor der Kneipe; als die erste Aufregung sich gelegt, ertönte brausend das Lied: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!“, und von allen Seiten eilten die Leute herbei und sangen mit. Wer kann ohne Bewegung seines Herzens zurückdenken an jene Stunden der reinsten heiligsten Begeisterung? In den stillen Sommernächten im Freien sitzend hatten wir voll Kraft und Feuer unsre köstlichen Vaterlands- und Kriegslieder erschallen lassen, niemand hatte sich beschwert oder uns gestört, auch nicht die zunächst wohnende Polizei. Waren ja diese Gesänge nur der Ausdruck dessen, was damals in jedem deutschen Herzen lebte: Kampfesmut, Gottvertrauen, Siegeszuversicht. Jedermann hörte sie gerne und ward gleich uns davon ergriffen.

Eine erhebende Abschiedsfeier unmittelbar vor dem Ergehen der Mobilmachungsordre vereinigte uns nochmal im Dorfe B. bei Erlangen. Der Ernst der Trennung, die Größe der Gefahr, die Sorge, ob wir nach diesem voraussichtlich furchtbaren Ringen auch alle wieder zurückkehren würden, kamen an diesem Abende wohl zu ihrem Recht, aber nichts vermochte unsre glühende Begeisterung, unsre feste Siegeshoffnung niederzudrücken, und Dieser und Jener gab laut seinen Entschluss kund, dem Vaterlande Leib und Leben zu weihen. „Den Burschen reißt es fort mit Sturmeswehen, fürs Vaterland in Kampf und Tod zu geh’n.“

Auch in mir ist an jenem unvergesslichen Abend der Entschluss, in die Reihen der Vaterlandsverteidiger zu treten; zur Reife gediehen. Es hatte nicht mehr viel dazu gehört, denn von Anfang an stand es bei mir fest, dass ich diesen Krieg nicht als müßiger Zuschauer von weitem mitansehen würde, sondern in diesem Alter dem Vaterlande meine Kräfte leihen müsste; am fruchtbringendsten schien mir das zu geschehen, wenn ich ihm mit der Waffe diente. Schon einige Tage vorher hatte einer meiner Freunde, ein Landwehrlieutenant, mir gesagt, dass er derartiges von mir erwarte; wie groß war seine Freude, als ich mich auf dem Marktplatz in Bar le Duc, in nächster Nähe des den meisten deutschen Soldaten bekannt gewordenen Cafès mit den ausländischen Vögeln, bei ihm zur Stelle meldete.

Ich war im Mai vorher bis zum 24. Lebensjahr zurückgestellt worden und hätte, da ich bis dahin voraussichtlich ordiniert war, niemals im Leben nötig gehabt, den Soldatenrock anzuziehen. Wenigstens hat von meinen Bekannten, die in gleichem Fall waren, keiner während des Kriegs einrücken müssen. Nun habe ich mich freiwillig hineingesteckt und bin daher stolz mein Leben lang; und eben der Rock, den ich neun Monate ununterbrochen getragen, ist noch in meinem Besitz, ein alter ehrenvoller Freund trotz seiner Abgeschabtheit an Schultern und Lenden, trotz der Aufschläge aus französischem Billardtuch. Schon in früher Jugend hatte ich eine große Vorliebe für die Jäger und es war mein Vorsatz geworden, wenn ich einmal Soldat werden müsste oder freiwillig würde, so müsste es ein Jäger sein. War’s in jungen Jahren vielleicht mehr der Reiz, einer so schmucken Truppe anzugehören, so zog den Jüngling vor allem der erhöhte Anspruch an, der an die körperliche Gewandtheit und Findigkeit dieser Truppe gemacht zu werden pflegt. War ich doch auf dem Gymnasium in allen körperlichen Übungen, im Turnen, Springen, Klettern, Schwimmen unter meinen Mitschülern der tüchtigste gewesen; dazu kamen auf der Universität noch die Arm und Auge stärkenden und schulenden Fechtübungen.

Nun saß ich ja sozusagen an der Quelle, was war natürlicher, als dass ich in das hier liegende 6. Jägerbataillon eintrat? Es geschah am 26. Juli, nachdem von zu Hause die Einwilligung eingetroffen war und die ärztliche Untersuchung mich als völlig feldtauglich erfunden hatte. Am 3. August leistete ich auf dem Bezirksamt mit noch etlichen Kameraden den Soldateneid, indem wir mangels einer Fahne die Finger an die Säbelklinge eines Unteroffiziers legten. Es war eine harte Bedingung, dass wir nicht anders, denn als Dreijährig-Freiwillige angenommen wurden, da es bei uns nicht wie in Preußen und Baden Freiwillige auf Kriegsdauer gab. Aber unser Patriotismus ließ auch dies Opfer sich auferlegen. Eine gute Anzahl meiner nächsten Freunde tat das Gleiche, während andere je nach ihrer Heimat in die Reihen anderer bayerischer oder deutscher Abteilungen eintraten. Mit 34 Mann hatten wir das Semester geschlossen; als, das neue begann, waren hievon so wenige zu Hause, dass sie kaum als Verbindung sich auftun konnten. Alles war draußen im Felde, der große Hauptteil unter der Waffe, die andern als Ärzte und Krankenpfleger. —

Es war eine liebe prächtige Gesellschaft, die sich nun im Simmerleinshause schlechten Angedenkens an die Überbleibsel des Bataillons ankristallisierte, von Verlangen brennend, ihm als die ersten so bald als möglich ins Feld nachgesandt zu werden. Da traf ich außer acht Freunden je einige Mitglieder der andern in Erlangen bestehenden Vereinigungen, mit welchen allen in kürzester Zeit ein echt kameradschaftliches Verhältnis hergestellt war. Da gab es Rechtspraktikanten, ausstudierte Mathematiker, Pharmazeuten, Studierende aller Fakultäten, alte Knaben mit vielen Mensuren, Füchse mit der ersten und zweiten aus dem Rücken, Absolventen des humanistischen und des Real-Gymnasiums. Auch der Handelsstand war durch einige Kameraden vertreten. Endlich fehlten auch nicht Grafen, Freiherrn und Barone. Einer derselben war Besitzer eines schönen schwarzen Hühnerhundes, welcher auf den Exerzierplatz mitlief und vor der Front herumsprang, bis der Hauptmann seinem Herrn bedeutete, sein Hund habe seine Gastrollen anderswo zu geben. Den eben bezeichneten, etwa 50 an der Zahl, reihten sich einige Erlanger aus dem Handwerkerstand, sowie eine Anzahl Bamberger Gärtnersburschen an, derbe Jungen, die mit den Franzosen nicht viel Umstände machten; unter ihnen ein 17jähriger schneidiger Bursche, von der ganzen Truppe nur „Napoleon“ geheißen, weil er bei seinem Eintritt erklärt hatte, den Napoleon erschießen zu wollen. So sind wir am 17. August 1870 ausmarschiert.

Das Waffenhandwerk wurde nunmehr mit viel Liebe und Eifer betrieben. Unter fröhlichem Gesang besonders der Lieder: „Ach! welche Freude, welche Lust Soldat zu sein!“ und des andern: „Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren, halb rechts, halb links, grad aus, Marsch! Stehen die Mädchen hinter ihrem Laden. Warum? Darum. Warum? Darum. Bloß wegen dem Tschintatarassah!“ zogen wir immer durch Erlangens noch stille Straßen auf den Exerzierplatz. Nach wenigen Tagen Einzelunterricht von tüchtigen Unteroffizieren, die sich dabei in Bier und Zigarren nicht schlecht standen, wurden wir in Züge zusammengestellt, deren Kommando neben Hauptmann N. meist unser geliebter, hochverehrter Oberlieutenant Frhr. von Feilitzsch führte, der es sich zur Ehre und Freude rechnete, so viele gebildete, begeisterte Leute zu kommandieren. Die ersten paar Tage machten wir die Übungen im Zivilanzug mit, bald aber prangten wir in einer schmucken, funkelneuen Uniform, die uns der Bataillonsschneider unter Darannahme unserer Kommissuniform nebst 4 Gulden aus feinerem Tuch nach dem Maß hergestellt hatte; auch feinere Knöpfe waren daran, um welcher willen mancher meiner Kameraden vor Paris Anstand bekam und sie entfernen musste, als die Kanonen schwiegen und die liebenswürdigen Propretätsparaden begannen. Ich habe die meinigen durchgerettet.

Auf großen und kleinen Übungsmärschen in die Umgegend Erlangens mit Marschsicherung und den mannigfachen Arten von Patrouillen wurde der Felddienst geübt und gelernt, aber alles wurde erläutert, erweitert und vervollkommnet in dem gediegenen theoretischen Unterricht unseres Oberlieutenants, in welchem er uns das genaue Bild eines allezeit und in allen Lagen tüchtigen Soldaten, in species eines Jägers gab, und die Erwartung aussprach, dass wir zumal im Patrouillendienst Hervorragendes leisten würden. Und in dieser Erwartung hat er sich nicht getäuscht: Die meisten und gefährlichsten Patrouillen, die von unserm Bataillon vor Paris überhaupt gemacht wurden, haben wir Freiwillige geleistet! Auch guten Gewehrunterricht erhielten wir durch einen Sekondjäger, und bald ging es denn auch vor den Scheibenstand, wo ich zum ersten Mal im Leben unter einiger Aufregung einen Schuss abgab; und siehe da, es war eine Eins, zu der mir der Herr Oberlieutenant gratulierte. Es reihten sich ihr bald noch bessere Treffer an, sogar einige Viere. Unser Gewehr war das abgeänderte Podewilsgewehr. Mit dem Werdergewehr konnten für den Feldzug nur erst fünf Jägerbataillone ausgerüstet werden; sie wurden durch das Los bestimmt. Die Gewehre waren gut, nur das Aufsetzen des in die Papierpatrone eingelassenen Zündhütchens auf den Zündkegel war unschön, machte sich aber auch ganz gut, wenn man einen gewissen Vorteil, bei kräftigem Druck einen drehenden Ruck, alles in Einem Moment heraushatte. In den Gewehren waren wir also zu kurz gekommen, dagegen hatten wir neue, leichte, fast elegante Heime gefasst. Ich erinnere mich hierbei eines hübschen Vorganges in Weißenburg. Wir begegneten vor dessen Toren einer gleichfalls nach Frankreich marschierenden Ersatztruppe des I. Jägerbataillons. Die Leute hatten wahre Kästen von Helmen auf dem Kopf, es müssen die ältesten gewesen sein, die noch aufzutreiben gewesen waren — aber Werdergewehre hatten sie. Wir begrüßten uns mit Hurra und bald ging‘s denn hinüber und herüber: „Gebt uns eure Gewehre, wir geben euch unsere Helme!“ und umgekehrt. Vierzig Schüsse hat jeder von uns auf die Scheibe abgegeben, natürlich auf verschiedene Distanzen. Mit blinden Patronen wurde auf dem Exerzierplatz das Feuern auf Kommando geübt. Eines köstlichen Auftritts beim Exerzieren muss ich noch gedenken. Es war auf dem Exerzierplatz zwischen Erlangen und Bruck, welcher näher bei Bruck von links nach rechts von einem starken, gerade damals sehr wasserreichen Graben durchzogen wird. Als wir eines Tags zwei Züge stark im rückwärtigen Frontmarsch in der Richtung nach Bruck manövrierten, scheint der kommandierende aber weit hinten gebliebene Hauptmann die Existenz dieses Grabens ganz vergessen zu haben.

Immer deutlicher hörten wir des Baches Gemurmel, immer näher blinkte das verdächtige Wasser. Was tun, wenn kein Halt kommt? Die am rechten Flügel traf’s zuerst, die am linken konnten der Entwicklung der Sache mit mehr Ruhe entgegensehen. Von Sekunde zu Sekunde erwartete man das erlösende Halt, aber es erschallte keins. „Nur Ruhe! — Ruhe! und Ruh!“ hörte man aus dem Hintergrunde, aber die Ruhe ward immer schwerer und schwerer zu halten. Kurz, es half nichts: die Vordermänner des rechten Flügels mussten den gefürchteten Schritt tun und standen im Augenblick fast bis an die Lenden im Wasser. Noch sehe ich das verlegene, unbehagliche Gesicht unseres an meiner Seite marschierenden Grafen. Jetzt plötzlich hatte der Hauptmann durch die Füße der Hintermänner hindurch die um so viel niedriger befindlichen Vordermänner erblickt und augenblicklich Halt! Ruht! kommandiert, noch eben im rechten Moment für mich, denn ich war der nächste nach dem Grafen. Sofort machten wir uns an die Bergung der Wassermänner; mit Hand und hingereichtem Gewehr wurde ihnen herausgeholfen. Der herbeigekommene Hauptmann musste selbst herzlich lachen, knüpfte aber daran die Bemerkung: Wo es sich darum handle Deckung zu gewinnen, scheue man auch weder Wasser noch Morast noch tiefsten Schmutz noch Düngerhaufen oder andere schöne Dinge.

Wir lagen, wie schon erwähnt, im sog. Simmerleinshause in der Friedrichsstraße; es war eine herzlich schlechte Kaserne, wie überhaupt die Kasernierungsverhältnisse zu Erlangen damals über allen Begriff waren. Teile des Bataillons lagen im Glückshaus, in der Lilienkaserne, im Redoutenhaus, das wir alltäglich beim Gang auf den Fechtboden passierten und wohin wir jetzt alle Mittage um 1 Uhr zum Befehl mussten, wobei mich der Oberjäger mit Konsequenz L . . ., Oksar verlas. Ja, eine kleine Abteilung lag sogar in dem Tanzsaal eines Wirtshauses vor dem Nürnberger Tor. —

Während der Freistunden des Tags herrschte in unserm Simmerleinshause ein frisches, fröhliches Leben, genährt von dem trefflichen Bier in der Hausmeisterei, und die Abendkneipen dehnten wir immer bis zur letzten möglichen Sekunde aus. Denn vor dem Schlafengehen graute einem halb und halb. Es war nicht sowohl der harte Strohsack und das Strohsäckchen als Unterlage des müden Hauptes; wir waren ja nun Soldaten: der feste Wille, der Reiz der Neuheit, die Kameradschaft halfen darüber hinweg. Am meisten schwer empfanden wir außer dem Mangel an jeglicher Waschgelegenheit die Unreinlichkeit und Ruhelosigkeit, die uns das Ungeziefer verursachte, besonders Wanzen, deren Geschlecht in Erlangen überhaupt in Blüte stehen soll. Mit Humor wurde auch diese Belästigung ertragen, es half sonst nichts darüber hinweg: denn reichlich eingestreuter „Wanzentod“, „Insektentod“ und „kaukasisches Pflanzenpulver“ ließ die Tierchen völlig unberührt; nur etwas breitspurig, im Übrigen wie aus einem Bade tauchten sie aus den gelben Meeren hervor.

Inzwischen waren die ersten Siegesnachrichten von Weißenburg, Wörth und Spicherer Höhen eingetroffen und hatten ganz Deutschland in die freudigste Aufregung versetzt. Auch unsere Brust haben sie geschwellt mit dankbarer Freude ob des Siegesglücks unseres Vaterlandes, ob der Tapferkeit der Brüder aus Süd und Nord. Aber immer ungeduldiger ward unsere Kampfeslust, immer dringender unser Verlangen, es ihnen gleichtun zu dürfen. Denn es ging uns wie weiland dem jungen Alexander bei den Erfolgen seines Vaters Philipp; es beschlich uns die Sorge: ja was bleibt uns noch zu tun, wenn die Tapferkeit unsrer Brüder dergestalt mit den Franzosen aufräumt! Und Freunde und Bekannte nährten diese Sorge, indem sie uns sagten: „Ach, ihr kommt gar nicht mehr hinaus ins Feld!“

Ab und zu gab‘s auch ein freies Stündchen, das man benützte, sein Haus zu bestellen, Schulden zu bezahlen, mit diesem und jenem Freund oder Bekannten einen Abschiedstrunk zu tun, schriftlich und mündlich bei Verwandten und Bekannten sich zu verabschieden. War mir‘s gleich nicht so zu Mute, als ob ich nicht wieder zurückkehren sollte aus dem Kriege, so lag mir doch nichts ferner als leichtsinnig und gedankenlos in denselben zu ziehen; das wäre mir vorgekommen wie eine Entweihung der schönen Sache. Immerhin bei der allgemeinen Annahme, dass dieser Krieg mit einigen Hauptschlachten sein Ende erreicht haben werde, hofften auch wir mit Beginn des nächsten Semesters im November an den Sitz der Musen, zu den Freunden, zu den Studien, in die Arme der teuern Angehörigen zurückkehren zu dürfen.

Die Siege unsrer Brüder bewirkten, dass wir noch in der Heimat die ersten Franzosen zu sehen bekamen. Zahlreiche leicht- und schwerverwundete Franzosen waren in Erlangen angekommen. Sie wurden zum Teil in dem geräumten Lilienhause einlogiert und mit scharfen Patronen bewacht. Als ich eines Tags mit einigen Kameraden sie besuchte, fragten wir einen schönen Mann, wo er verwundet worden und in welchem Regiment er gestanden sei. Im zweiten Zuavenregiment, antwortete er Französisch, langte dabei nach seinen über ihm hängenden Monturstücken, Jäckchen und Pumphose und entfaltete sie vor unsren Augen mit einem Blick, als wollte er sagen: da habt ihr den ganzen Plunder!

 

II. Der Ausmarsch.

 

Da zerstreute endlich der 17. August alle unsere Befürchtungen und brachte uns den ersehnten Ausmarsch. Schon waren wir auch in den letzten Tagen ruhiger geworden: hinauskommen müssten wir unter allen Umständen, sagten wir uns, denn die bei Weißenburg und Wörth gefallenen und verwundeten Mannschaften des Bataillons, 70 — 80 an der Zahl, müssten doch auf jeden Fall ergänzt werden.

Seit dem 14. hatten wir strengste Marschbereitschaft und durften nur auf ganz kurze Zeit die Kaserne verlassen, so dass es gar nicht möglich war, überall, wo man es noch gerne getan hätte, einen Abschiedsbesuch zu machen. In diesen und den vorhergehenden Tagen waren wir auch nach und nach vollständig ausgerüstet worden; es geschah das im Hofe des neuen Schulhauses, den wir dann immer reicher behangen verließen. Es war ein Genuss, unter dieser Masse von Feldflaschen, Gewehren und Büchsen, Brotsäcken, Mänteln, Helmen und wie die großen und kleinen Ausrüstungsgegenstände alle heißen, sich das schönste und passendste herauszuwählen. Besonders imponierte uns der aus einem Stück Zucker und einigen Lot Kaffee bestehende „eiserne Bestand“, in getrennten Säckchen im Tornister zu tragen, und die vorschriftsmäßig in der linken Hosentasche aufzubewahrende leinene Verbandrolle; es hat sie wohl jeder meiner Kameraden mit dem Gedanken da hineingeschoben: Wird‘ ich dich wohl brauchen? Ich habe sie auch getreulich bis ans Ende des Krieges darin getragen.

Es interessiert vielleicht manchen und tut mir selbst wohl, wieder einmal den ganzen Haushalt zu überblicken, welchen man dem Soldaten mit ins Feld gibt. Außer den großen, schon von außen hin sichtbaren Gegenständen, welche Fülle von kleinen verbirgt sich in dem geringen Raum, welchen der Mann mit Tornister, Brotsack und Patrontasche bietet! Da ist alles aufs klügste ausgesonnen, ihn möglichst vor allen Ungelegenheiten zu bewahren und ihn durchaus selbständig zu machen. Denn da diente zum Exempel die Patrontasche nicht nur dazu, um 40 Patronen aufzunehmen, sondern sie war zu der Zeit auch der Aufbewahrungsort eines Schraubenziehers, eines Reservezündkegels, einer Anzahl Zündhütchen, der sog. Ramnadel zum Säubern des Zündkegels, eines Blechbüchschens, dessen eine Hälfte mit Hammerschlag, dessen andere Hälfte mit einem Ölgläschen gefüllt war, beides zum Reinigen und Reinhalten der Waffen. Passiert dem Soldaten etwas an der Montur, so ist er mit Nadel, Faden und Knöpfen wohl ausgestattet, diese Schäden zu heilen; will er Hoffart treiben, so steht ihm ein ganzes Heer von Mitteln zu Gebote, von der Blechbüchse mit Wichse oder Fett bis zum Kamm, seine schlichten Kommisshaare vorschriftsmäßig zu glätten. Das Putzsäckchen speit allein dreierlei Schuh-Bürsten aus, ferner eine Knopfgabel, Hirschhorn und ein Bürstchen zum Putzen der Knöpfe; auch ein Stückchen Seife und ein Spiegel verbergen sich im Tornister. Ebenso die unter gesitteten Menschen gebräuchlichen Gegenstände zum Essen: Messer, Gabel, Löffel werden in einem ledernen Futteral dem Soldaten mitgegeben, letztere besonders wert gehalten, während Messer und Gabeln bald ersetzt wurden von französischen requirierten oder entlehnten. Ein Tellerchen von Blech und eine dito Menageschüssel auf den Tornister geschnallt bereiteten viele Umstände, weshalb sie bald in diesem oder jenem Lokal stehen blieben; mein Tellerchen ist bei der Rast auf dem Schlachtfeld von Wörth zurückgeblieben. Auf dem Marsch mussten die Franzosen Geschirr leihen und vor Paris griffen wir so recht ins Volle, denn sowohl in den leerstehenden Häusern als besonders in einer Porzellanfabrik in Bourg la Reine gab es Geschirr in Hülle und Fülle und in allen Sorten. In vollster Geltung stand der Feldkessel, sowie der zum Weinfassen und -finden, zum Wasserholen und Kochen unentbehrliche Feldbecher. Eine Schirmmütze, die ihren Platz unter dem Tornisterdeckel hatte, war nach dem Marsch eine große Wohltat; nur wurde sie von vielen bald verloren oder vergessen.

Das werden ungefähr die Ausrüstungsgeget"1stände sein, mit denen wir ins Feld rückten. Nimmt man hinzu nochmals 40 Patronen im Tornister, ein Hemd, ein paar Unterhosen, ein Paar Stiefel, zwei paar Strümpfe, über dem allem den gerollten Mantel, den Säbel mit Bajonett und endlich das acht Pfund schwere Gewehr, so wird man einsehen, welche Kraft dazu gehört, diese 50 Pfund wochenlang bergauf, bergab, unter Gluthitze und strömendem Regen, unter quälendem Durst und nach durchwachten Nächten in sechs- bis zehnstündigem Marsch zu tragen und dann noch frisch genug zu sein, um nötigenfalls sofort ins Gefecht eingreifen zu können. Ich will auch gerne gestehen, dass mir manchmal, als bei den Proben die Last des gepackten Tornisters immer schwerer wurde, als der Mantel so eng um die Brust sich legte, bange wurde, ob die Kraft meiner Lunge und Glieder groß genug sein würde, dies alles, Gott weiß wie weit und wohin zu tragen. — Und der Mensch hat doch auch noch seine Bedürfnisse, Dinge, die ihm ans Herz gewachsen sind und die er nicht missen kann, als da sind: Pfeife, Zigarren, Schnupftabaksdose, Uhr, Notizbuch, Gebetbüchlein, neues Testament, Mundharmonika, Maultrommel, Schokolade, Opium, Hirschtalg, Heftpflaster, Cervelatwurst, Spielkarten, Briefpapier, Korrespondenzkarten und sonstige hier nicht genannte Gegenstände, die zumeist im Brotsack ihren Platz hatten, weshalb denn Einem dieser auch stets ein lieber Freund war, wenn er gleich manchmal versiegt war und seinen Herrn im Elend sitzen ließ.

Die Mehrzahl meiner Kameraden hatte sich zwei Flanellhemden angeschafft und hat wohl daran getan; mir selbst widerstrebte dies; ich hatte im ganzen Leben nichts Wollenes als nur im strengsten Winter wollene Socken an den Leib gebracht, und nun sollte ich mich mitten im hellen Sommer und in Aussicht auf starke Märsche auf einmal ganz in Wolle stecken! Ich hätte indessen gleichwohl die Belehrungen meiner Freunde angenommen, die ich seitdem als absolut richtig anerkennen gelernt habe, wenn ich auch kein Jägerianer geworden bin, und hätte mir auch ein Flanellhemd gekauft, wenn nicht mein ohnedies kleiner Wechsel durch Anschaffungen und Bereinigung kleiner Schuldpöstchen gar sehr zusammengeschmolzen gewesen wäre. Ich hätte mich vollends entblößen oder das Hemd schuldig bleiben müssen, und der letztere Gedanke war mir höchst störend: soll‘s mein Sterbehemd werden, so soll’s wenigstens bezahlt sein, dachte ich. So nahm ich denn zwei treffliche leinene Hemden mit und bereute es auch nicht; sie sind aber in Frankreich geblieben, nachdem ich es auf drei Flanellhemden, ein gefasstes und zwei nachgeschickte, gebracht hatte.

Während meine Kameraden zum Teil mit reichen Geldmitteln versehen ausmarschierten, betrug meine ganze Barschaft 2 Gulden 30 Kreuzer, sage mit Worten: Zwei Gulden dreißig Kreuzer. Mehr als ich besaß wohl jeder im ersten Halbzuge, aber zur Beruhigung will ich gleich hersetzen, dass ich mit diesen 2 Gulden 30 Kreuzern bis nach Sedan gekommen bin, ohne dass ich mir etwa weniger Erquickungen und Erleichterungen hätte bieten können als die reich ausgestatteten; es gab ja wenig und selten zu kaufen. Von Sedan an hatten wir alle Geld in Hülle und Fülle. Endlich nahmen wir auch alle unser Burschenband mit; es wurde unter dem Rock und später auf dem bloßen Leib getragen.

Und nun fort, hinaus in Gottes Namen!

So freudig und schnell hatten wir niemals unser Lager verlassen als am Mittwoch, den 17. August; so morgenfrisch und schneidig, so allen willkommen hatte niemals das Horn die gemütlichen Töne der Tagreveille durchs Haus erschallen lassen, von uns im Chor begleitet mit dem alten Soldatenvers: „Steht auf ihr faulen Jäger, die Sonne steigt über die Dächer, wird nichts gekocht, wird nichts gekocht!“ — War uns doch am Abend vorher expediert worden, dass wir morgen unter Führung unsres verehrten Oberlieutenants Frhr. v. F. ausmarschieren sollten. Als zweiter Offizier fungierte mein Landsmann, Reservelieutenant W. Kammerer, den wir um seines humanen Wesens willen gleichfalls alle sehr lieb gehabt haben.

Nachdem wir nochmal mit größter Pünktlichkeit die Propretät hergestellt, eine solenne Frühkneipe abgehalten und unsern Nachlass, in Kommissbrot, Hausröcken und alten Stiefeln bestehend, an herbeigekommene Erlanger Arme übermacht hatten, traten wir um 9 Uhr unters Gewehr und marschierten unter Führung unseres Sekondjägers auf den Platz vor dem Redoutenhaus, wo soeben auch der zweite Halbzug angetreten war. Dort war das Offizierskorps versammelt, die beiden mitausmarschierenden Offiziere setzten sich an die Spitze ihrer Halbzüge, Frhr. v. Feilitzsch an die des ersten, Kammerer des zweiten; Dann nahm Hauptmann Neumann die Parade ab, mit befriedigtem Blick unsere erlesene Truppe musternd. Ein Unteroffizier las mit lauter Stimme die Kriegsartikel vor, und nachdem der Hauptmann eine kurze, kräftige Ansprache gehalten, wurde „Zum Gebet“ kommandiert. Ich weiß nicht, was meine Kameraden gebetet haben, aber mir selbst kam das Kommando so überraschend, dass ich nichts Besseres zu beten wusste, als ein recht kräftiges Vaterunser. Noch eine kleine Pause, während welcher unsere beiden Offiziere sich von ihren Herrn Kameraden verabschiedeten, dann erschallte schneidig wie immer aus dem Munde unseres Führers das uns in Bewegung setzende: „Mit Zweien rechtsum! Marsch!“ Mein Platz befand sich im Vorderglied der vorletzten Rotte des ersten Halbzugs.

Umgeben und gefolgt von einer zahlreichen Menge ging unser Marsch durch die Hauptstraße und über den Holzmarkt auf den Bahnhof. Rechts und links öffneten sich die Fenster, mit Händen und Tüchern wurde uns Abschied zugewinkt und mancher meiner Kameraden hat wohl an dies und jenes Fenster nochmal recht herzlich hinaufgesehen. Auf dem Bahnhof hatten uns in kürzester Zeit einige Güterwagen für je 30 Mann, in denen Bänke aufgeschlagen waren, aufgenommen; wir hatten uns darin bald wohnlich eingerichtet, nachdem wir Gewehr, Tornister und Mantel abgelegt und den Helm mit der Mütze vertauscht hatten. Noch brachte der oder jener Bekannte einen Abschiedstrunk, noch brachten wir und die ganze anwesende Menge dem deutschen Vaterlande ein begeistert Hoch: da setzte sich der Zug in Bewegung und entführte uns unter allgemeinem stürmischem Hurra der lieben Musenstadt und ihren freundlichen Bewohnern, aus den letzten Häusern der Stadt noch herzlich begrüßt von bekannten Familien.

Fort waren wir also! Das war das erste, was wir, nachdem wir unter uns waren, mit hoher Befriedigung konstatierten; es war uns zu Mute wie einem, der bei zweifelhaftem Wetter sich lange besinnt, ob er einen Ausgang wagen soll oder nicht; hat er aber einmal den Schritt getan, so ist er froh und auch bereit, alle Folgen aus sich zu nehmen. Wir waren fort! Unsere Anzahl betrug 100 Jäger, 5 Unteroffiziere und 2 Hornisten, einen alten und einen jungen.

Unser Weg ging zunächst nicht weit. Vorüber an den bekannten Dörfern zwischen Erlangen und Nürnberg ging‘s bis zur Fürther Kreuzung. Hier gab‘s einen Aufenthalt von einer halben Stunde; so viel ich mich erinnern kann, wurde unser Extrazug um eine bedeutende Anzahl Wagen verlängert, in welchen ein Transport des 14. Infanterieregiments untergebracht war. Wir durften aussteigen, was manche zu einem Stehseidel an einer ganz nahe gelegenen Gartenwirtschaft benützten; mehrere Nürnberger Familien waren hierhergekommen, um ihre Söhne und Brüder nochmals zu sehen.

Nachdem wieder eingestiegen war, ging die Fahrt fast ununterbrochen nach Würzburg, vorüber an Neustadt a. A. und Diespeck, wo ich die Pfingstferien zugebracht hatte, vorüber an den schönen Gegenden von Einersheim und Schwarzenberg, die ich als Gymnasiast schon durchwandert hatte. Ob ich euch nochmals sehen werde? der Gedanke durchflog doch manchmal mein Herz. Im Übrigen herrschte unter uns eine fröhliche Stimmung: es wurde gesungen, zumal beim Passieren von Bahnhöfen, gescherzt, getrunken und geraucht, die mitgenommenen Vorräte einer gegenseitigen Prüfung unterzogen. Und so kamen wir nach Würzburg. ehe wir‘s uns versahen. Daselbst wurde ausgestiegen, angetreten und etwa fünf Minuten weit in die Vorstadt hineinmarschiert. Wir betraten eine Gartenwirtschaft, woselbst eine Reihe Tafeln für uns gedeckt waren und sofort, nachdem wir uns niedergelassen, Suppe. Braten und Salat, Brot und ein Glas Bier antanzten. Ich habe nicht in Erfahrung gebracht, wem wir diesen Genuss verdankten, ob der Militärverwaltung oder einem wohltätigen Verein; aber so viel weiß ich aus Erkundigungen bei Gliedern anderer Abteilungen, dass hier, wie es scheint, alle durchreisenden Truppen, wenigstens bayerische, gespeist wurden. Gesättigt erhoben wir uns und bestiegen sofort wieder den Zug, welcher schon in Erlangen mit einem Transport des 5. Regiments beschwert angekommen war; beim Einsteigen waren wir gar nicht dahinter gekommen.

Bald lag das schöne Würzburg, bald die Grenze unseres engeren Vaterlandes hinter uns, die Fahrt ging unaufhaltsam weiter. Aus einem der Bahnlinie nahe gelegenen Schlosse, es wird Reichenberg gewesen sein, wurden unserem Zuge Abschiedsgrüße nachgewinkt, die von uns lebhaft erwidert wurden. Dann brach der Abend an und mit dem Sinken der Sonne ließ auch allgemach die Spannkraft nach, die uns bisher frisch und munter erhalten hatte; die Aufregung des Tages vom frühesten Morgen an, die Anstrengungen der ununterbrochenen Fahrt, die besonders dadurch erhöht wurden, dass wir uns nicht anlehnen konnten, machten sich immer mehr geltend; und je mehr die Sonne zur Rüste ging, mit dem feurigsten Rot unsere herrliche Heimat bemalend, um so stiller ward‘s bei uns. Die beiden Öffnungen des Wagens, die den ganzen Tag über besetzt waren, wurden verlassen und, als es vollends dunkel war, die Türen bis auf eine kleine Spalte zugeschoben. Es war ein ungemütlicher Zustand in dem engen unbeleuchteten Wagen. Um wenigstens dem Mangel des Sichanlehnenkönnens einigermaßen abzuhelfen, hatte man verabredet, sich bankweise Rücken gegen Rücken zu setzen und sich so gegenseitig zu stützen. Aber der Schlaf wollte gleichwohl nicht sofort kommen, mancher zündete noch eine Zigarre an und gab seinen Gedanken Audienz, die sich nach der Heimat lenkten, wie die Rauchwölkchen nach der Zugluft. Man saß mit den Seinen um den väterlichen Tisch her, hörte ihre Gespräche, sah ihre Beschäftigungen und jetzt — weit weg von ihnen auf gefährlichem Kriegspfad. Wirst du sie wiedersehen? Oder man saß unter den fröhlichen Bundesbrüdern beim schäumenden Glas und hellem Gesang im Vollgenuss der akademischen Freiheit und jetzt — wie war die Freiheit dahingegeben gegen den eisernen Gehorsam des Soldaten, wie war aus dem jungen Studenten ein ernster Kriegsmann geworden! Wie wird‘s kommen, wie wird‘s gehen, wirst du es aushalten? Das waren so Fragen, die in dieser stillen Nacht einen überkamen und fast selbst eine kleine Nacht heraufzurufen suchten. Aber ist‘s nicht auch ein Glück und eine Ehre fürs Vaterland kämpfen und leiden zu dürfen! Und ist‘s beschlossen im Rate Gottes, dass du fällst, du stirbst den schönsten Tod, den es gibt! Und kehrst du siegreich zurück, wie werden alle Leiden vergessen und tausendmal aufgewogen sein von dem herrlichen Bewusstsein: Du hast auch mitgearbeitet, mitgekämpft, mitgelitten für die Größe des Vaterlands; wie es der treue Gott macht, so wird es recht werden, das hast du in deinem kurzen Leben schon oft genug erfahren. Solche Gedanken verdrängten dies erste Mal und alle Zeit die durch jene erzeugte düstere Stimmung und wandelten sie um in die Empfindung eines stillen Glückes darüber, dass es nun so und nicht anders war. Endlich kam doch Müdigkeit und Schlaf über einen wie ein gewappneter Mann; man schlief, nachdem man nochmals den rückwärtigen Stützpunkt fest genommen hatte. Aber ach! was war das für ein Schlafen! Weiß Gott, mit Hilfe welcher Kraft es geschah: der Stützpunkt war immer merkwürdig schnell verloren; bald hing das Gegenüber halb über einen herüber, bald. vermeinte man selbst rechts oder links in einen Abgrund zu stürzen, bald lag einem der Nachbar halb im Schoß, bald — kurz es war ein Schlafen mit Hindernissen, aber es gingen doch einige Stunden herum und Mitternacht wird nicht mehr ferne gewesen sein, als nach einem auffallend langen Pfiff der Lokomotive gehalten wurde. Also bald erscholl das Kommando: Jäger aussteigen und antreten! Sofort wurden wir über etliche Gekeife eines ziemlich bedeutenden, erleuchteten Bahnhofs hinweg auf einen freien Platz geführt, und ehe wir es uns versahen, kamen Männer mit mächtigen Sprengern, aus welchen sie jedem von uns den Feldbecher voll Bier gossen, während ein anderer jedem ein Stück Brot mit Fleisch überreichte. Nachdem das Bier ausgetrunken, wurden die Becher nochmals gefüllt, diesmal mit schwarzem Kaffee, den wir sämtlich in die Feldflasche schütteten. Es war Mosbach in Baden, wo wir also in der Mitternachtsstunde gespeist wurden, und diese Speisung hat uns allen imponiert, nicht sowohl wegen des materiellen Genusses — waren wir doch selbst noch mit Brot und Wurst reichlich versehen — sondern wegen der darin liegenden Anerkennung als vollgültiger Feldsoldaten. Genau zehn Jahre darnach habe ich auf diesem Bahnhof einen kurzen Aufenthalt gehabt und den dazu benützt festzustellen, auf welchem Platz ich wohl damals als Kriegsmann gestanden bin.

Die Fahrt ging weiter. Mit dem Schlafen war‘s nicht mehr viel: immer mehr Kameraden steckten die Morgenpfeife oder Zigarre an, die Unterhaltung kam wieder auf den Damm, bald wurden mit Gesang die anderen Wagen angerufen. Von Heidelberg war gar nichts zu sehen, so finster war‘s noch; aber bis wir nach Mannheim kamen, war es ziemlich helle geworden. Auf dem dortigen prächtigen Bahnhof empfing wer da wollte von einem Wohltätigkeitskomiteeherrn ein Glas Wein, Wurst und Brot. Wie viel Opfer an Zeit, Geld und Nachtruhe haben doch auch diese Männer und Frauen dem Vaterlande gebracht! Den Vater Rhein begrüßten wir mit donnerndem Hurra, aber es wird wohl mancher, als er dem Gesicht entschwunden war, mit mir gedacht haben: so, drüben bist du, nun sieh‘ zu, wie du wieder glücklich herüber kommst.

Hinein ging‘s in die sonnige Pfalz, das Vorland der feindlichen Grenze. Es entflammte uns der Gedanke an die Schandtaten der Franzosen in diesem herrlichen Land mit heiligem Zorn. Wie sie so dalag, von leuchtender Morgensonne übergossen, war es ein hoher Genuss, sie zu durchfahren und ein erhebender Gedanke, dass den Raubgelüsten der Franzosen durch die bisher gewonnenen Schlachten ein gewaltiger Riegel vorgeschoben war. Auf dem Bahnhof in Mutterstadt wurde der Erlanger Praterwirt, der als Landwehrmann hier Dienst hatte, mit Hurra begrüßt. Noch sehe ich Neustadt, dieses Schmuckkästchen mit dem gewaltigen Hambacher Schlosse über sich, noch das liebliche Edenkoben mit der hellglänzenden Ludwigshöhe. Es ging auf Mittag, als wir Winden, die letzte bayerische Station, passierten. Der Bahnhof erschien wie gesperrt von der Masse Eisenbahnmaterials, das hier stand, und öfters wurde gehalten, so dass wir alle Augenblicke das Kommando zum Aussteigen erwarteten, um die Strecke nach Weißenburg vollends zu Fuß zurückzulegen.

Mit großem Interesse beobachteten wir jetzt alles und als wir nach Übersetzung der windungsreichen Lauter französischen Boden unter uns hatten, erscholl ein kräftiges Hurra. Da und dort ein frisch aufgeworfener Hügel erinnerte lebhaft an den ersten für die deutschen Waffen siegreichen Kampf. Noch eine Ecke und vor uns lagen die Bahnhofsgebäude von Weißenburg, durch Schussscharten und eingeschlagene Kugeln die Spuren des Kampfes aufweisend. Hier verließen wir unsere Wagen nach sechsundzwanzigstündiger Fahrt mit müdem Kopf und ziemlich kreuzlahm marschierten bis vor die Stadt hin, setzten auf einer schönen Straße und gerade gegenüber einem Hause, in welches eine Granate ein furchtbares Loch gerissen hatte, die Gewehre zusammen, legten ab und blieben zunächst hier, während unser Führer in die Stadt ging, um uns anzumelden und Menage für uns auszumachen. So standen wir also im Angesicht der ersten französischen Stadt — mit deutschem Namen, deutschem Aussehen und bereits wieder in deutschen Händen.

Nach reichlich einer Stunde, welche viele von uns dazu benützten, die erste Feldpostkarte nach Hause zu jagen und während welcher wir auch vorüberziehende Ersatztruppen“ des 1. Jäger-Bataillons begrüßt hatten, erschien unser Führer wieder. Wir marschierten stramm weiter der Stadt zu, die nach kurzer Zeit sich zeigte und in ihrem Kranz von Festungsmauern und Laufgräben an Forchheim mich erinnert hat. Das Tor, durch welches wir einzogen, war von unserer bayerischen Artillerie nach einigen Schüssen eingelegt worden, wie mir die Leute unseres Bataillons erzählten, welche in der Nähe postiert gewesen waren.

Die Straßen der Stadt hatten nach meiner Erinnerung ganz das Aussehen derjenigen kleiner deutscher Städte; nur hin und wieder ein französisches Schild erinnerte daran, dass wir auf französischem Boden standen. So weit sich Bewohner zeigten, trugen ihre Gesichter einen verbissenen Ausdruck, wie auch einzelne Häuser noch deutliche Spuren des Straßenkampfs aufwiesen, an welchem auch die Bewohner teilgenommen hatten. Sonst habe ich an Weißenburg keine Erinnerungen mehr. Es hat keinen guten und schönen Eindruck auf mich gemacht. In einem Anwesen war inzwischen für uns Menage gekocht worden, bestehend aus angebranntem Reis und Rindfleisch. In einem Gasthaus verzehrten wir sie; einer meiner Kameraden hatte sich dabei als Sitz das Büffet ausersehen, worüber der Besitzer in großen Zorn geriet. Nach der Menage verließen wir leichten Herzens die Stadt, kehrten auf unsern alten Platz zurück und nach kurzer Zeit — es mag vier Uhr gewesen sein — brachen wir auf — „ins Frankreich hinein.“ —

 

III. Auf dem Marsch und im Quartier.

 

Unter fröhlichem Gesang marschierten wir auf herrlicher Straße dahin, bis in den Weg sich legende Höhenzüge, Ausläufer der Vogesen, es ratsam machten, mit der Lunge haushälterischer umzugehen. Wir kamen allmählich in den Wald, aber in diesem herrschte eine glühende Augustschwüle, so dass wir bald von Schweiß troffen. Dazu kam, dass im lebhaften Tempo marschiert wurde und dass die Straße fast ununterbrochen stieg. Nach jeder erstiegenen Anhöhe tat sich nach kurzer Talsohle eine höhere vor uns auf. Wer in Lembach — das hatten wir heute noch zu erreichen — gewesen ist, wird sich des Ortes als eines sehr hoch gelegenen erinnern. Der Marsch ward uns sauer: die Brust hatte schwer zu arbeiten unter der Last des Gepäcks, die Fußsohlen fingen an zu brennen. Der Weg war wie ausgestorben, ich könnte mich nicht erinnern, dass uns eine Seele begegnet wäre: ein einziges Mal passierten wir eine Ortschaft, wahrscheinlich Klimbach. Manchmal wurde noch ein Lied gesungen aber es wollte nicht mehr recht heraus, nicht zum wenigsten wegen des brennenden Durstes, an dem die Mehrzahl der Truppe litt; man war anfangs nicht recht sparsam mit der Feldflasche umgegangen, weil man sich einer solchen Leistung für heute nicht mehr versehen hatte. Mancher Seufzer rang sich los, die halblaute Frage: ist’s denn noch nicht bald aus? ward gar manchmal getan. Aber unverdrossen schritt unser Führer voraus, mit einem Schritt zwei der meinigen zurücklegend. Mir speziell ist es auf diesem ersten Marsche nicht schlechter ergangen als meinen Kameraden auch; auch die besten Marschierer — und wir hatten treffliche unter uns — hatten an diesem Tage genug. Die Abenddämmerung war stark hereingebrochen, als wir endlich das heiß ersehnte Marschziel ganz nahe vor uns auftauchen sahen. In der Mitte des Dorfes angekommen, wurde die Wachmannschaft bestimmt, wir andern erhielten den Befehl, uns truppweise ohne weiteres in die umliegenden Häuser zu begeben, hierhin 10, dorthin 5, 8, 4, 2 Mann, je nach der Größe und Ansehnlichkeit des Hauses. Nach der Erklärung, dass morgen um ½ 6 Uhr das erste und in viertelstündigen Pausen das zweite und dritte Signal gegeben und dann abmarschiert werde, verteilten wir uns in die Quartiere. Ich kam mit sieben Mann in ein stattliches Anwesen, dessen Bewohner sehr unangenehm berührt bald am Fenster erschienen. Bevor noch das Haus geöffnet wurde, erbaten wir uns einen Krug Wasser, um unseren brennenden Durst zu löschen. Nachdem wir eingetreten, erklärten sich die Leute bereit, uns noch Kaffee kochen zu wollen, was wir sehr gerne annahmen. Nach aufgehobenem Kaffee ging in der Scheuer, welche gut mit Stroh belegt war, unter Laternenlicht die Pflege der Füße an; ach sie brannten mir wie helles Feuer, ohne dass ich Blasen gehabt hätte. Hirschtalg brachte große Linderung, aber mich beschlich die Sorge, wenn das so 14 Tage fortgeht, wirst du’s, werden es deine Fußsohlen leisten können? Um Körper und Brust brauchte es mir nicht bange zu sein, aber in den Füßen saß der Schaden. Nach ganz kurzer Unterhaltung schliefen alle den Schlaf des Gerechten auf dem harten Pfühl des Tornisters, bis die Morgenreveille uns schnell und flink vom Lager aufstehen hieß.

Ich könnte nicht sagen, dass ich recht gestärkt und erfrischt dem Rufe des Hornes gefolgt bin: die Glieder taten weh von dem harten Lager und kaum stand ich auf den Füßen, als ich sie schon recht deutlich „spürte“. Nach einer ganz oberflächlichen Waschung im Hofe wurde eiligst zusammengerafft, was man abgelegt oder etwa ausgepackt hatte, Schuhe und Lederzeug mit der Bürste, das Gewehr mit einem Lappen überfahren; unter gegenseitigem Beistand wurden die Mäntel, in die man sich zum Schlafen eingewickelt hatte, gerollt und alles parat gestellt, um auf das dritte Zeichen nur noch umhängen und auf den Alarmplatz eilen zu können. Ja, es hieß sich alle Morgen tüchtig tummeln, denn die Pausen zwischen den Signalen waren oft verwegen kurz, so dass der von den Quartiergebern oder von einem Kameraden bereitete Kaffee manchmal siedend heiß hineingeschüttet werden musste. Manchmal brachte man es auch gar nicht zu einem solchen, denn mit dem Fassen stand es sehr schlecht, und lange nicht alle Quartiergeber waren freundlich genug, uns morgens Kaffee zu bieten. So marschierte man oft ab mit einem Trunk Wassers in der Feldflasche und einigen Bissen trockenen Brotes. Sich mit letzterem zu versehen, auch Wein und Cognac zu kaufen, dazu bot sich beim Durchmarsch durch die Städte und Städtchen, in deren Nähe häufig die Rast verlegt wurde, leicht Gelegenheit. So es möglich war — es war freilich nicht oft der Fall — wurde uns von deutschen Verpflegsstationen und Etappenkommandos, wo oft hübsche Vorräte lagen, Brot und Fleisch verabfolgt. Zudem ging das Obst der Reife entgegen .und musste auch manchmal gegen den Hunger helfen. Einmal des Tags bekamen wir doch stets warm zu essen; in der Regel bestand die Mahlzeit aus geräuchertem Schweinefleisch, von dessen Brühe dann eine Suppe angerichtet wurde, welche an Dünnheit nichts zu wünschen übrig ließ; selten war ein Gläschen Wein dabei. — Nimmt man hinzu, dass wir privatim auch ganz gelinde requirierten, einen uns in die Hände gefallenen Brotlaib tüchtig zusammensäbelten, ein Hühnchen oder auch Eier, Kaffee, Zucker mitgehen ließen, wo und wie sich gerade Gelegenheit bot, so wird man einsehen, dass sich die Ernährungsfrage .leicht und glücklich löste. So war es wenigstens bis Bar le Duc, auch noch bis Clermont; von da an aber wurde die Sache oft kritisch: Verpflegsstationen waren noch nicht errichtet und die Gegend war von den Tausenden von Deutschen und Franzosen, welche vor uns durchmarschiert waren, wie ausgefressen, was sich je näher auf Sedan zu, desto mehr steigerte. Eine glänzende Ausnahme brachte Varennes, wie ich berichten werde. Die meiste Zeit über waren wir hungrig, wenn wir auch so viel erlangten, als wir bedurften, um bestehen zu können. —

Unsere Lembacher Franzosen, welche deutsch sprachen und uns von vielen tausend Bayern erzählten, die vor der Wörther Schlacht ihren Ort passiert hatten, waren so freundlich gewesen, uns wieder Koffer zu machen. Kaum waren wir damit fertig, als der Generalmarsch uns auf den Sammelplatz zusammenrief. Der Marsch begann und führte bald in ein ziemlich enges Tal herab, welches ein Bach, wohl der Sulzbach, durchfloss; die bald sehr kräftig scheinende Sonne setzte uns hart zu. Aus einem Seitental heraus waren die mit uns gekommenen Abteilungen des 5. und 14. Regiments getreten und wir marschierten nun zusammen, die Jäger an der Spitze. Aber dies geschah unsrerseits in so raschem Tempo, dass von Regimentswegen bald erklärt wurde: Wenn die Jäger so schnell marschieren, ist kein Zusammengehen mit ihnen möglich. Der Verband löste sich denn auch, wir gingen unsere Wege und bis wir auf dem Wörther Schlachtfeld ankamen und nach halbstündiger Rast die Fröschweiler Höhe hinanstiegen, sahen wir von den roten Krügen und Aufschlägen keine Spur mehr.

Die Gegend, je näher auf Wörth zu zeigte immer mehr den Charakter der großen Katastrophe, die kurz vorher da stattgefunden hatte. Kein Mensch war weit und breit zu sehen, die Felder, soweit sie in ihrer Zerstampftheit noch den Namen verdienten, lagen verlassen, die anliegenden Wälder schienen ohne Leben, kein Vogel rührte sich. Es ging wohl allen meinen Kameraden wie mir, denn im Zuge ward es immer stiller. Es legt sich einem aufs Gemüt, über ein Schlachtfeld zu marschieren; eigentümliche Gedanken und Gefühle durchrieseln wie Geisterschauer den Betrachtenden. Nicht dass noch Tote oder Verwundete dagelegen wären, oder die ganze Fülle der abgelegten und erbeuteten Waffen. Das alles war geborgen und an seinem Ort. Aber was zu sehen war, war gerade noch genug, um die ganze Schrecklichkeit eines solchen Ringens erkennen zu lassen. Offenbar war von Waffen nur das noch taugliche aufgelesen; denn zerbrochene und verbogene Gewehre und Pistolen, Säbelscheiden und Klingen lagen zahlreich umher; dazwischen hinein zerstreut Uniformteile, Helme, Mützen, Patrontaschen, Tornister, halbe Trommeln, Papierfetzen in Fülle. Da und dort eine zerstückte Lafette, Geschützrohre, Räder und die verschiedensten Trümmer der verschiedensten Wagen. Hier gähnte ein von Granaten gerissenes Loch; dort fristete ein zerschmetterter Baum sein kümmerlich Leben. Hecken und Verhaue waren bis zur Unkenntlichkeit zusammengestampft und -gefahren. Einzelgräber und die schwarzen Hügel von zahlreichen Massengräbern erinnerten an die überreiche Ernte, die der Tod da jüngst gehalten. Ein preußischer Stabsoffizier, welcher mit einer Dame am Arme uns hier begegnete, sprach uns an: Da haben eure bayerischen Brüder mit großer Tapferkeit gekämpft! Wir werden das auch tun, kommt‘s an uns, tönte es ihm aus unseren Reihen entgegen.