Erlkönig - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Es ist drei Tage vor Halloween und Chicagos bedeutendster Magier hat Probleme mit dem neuen Mitbewohner - seinem vampirischen Halbbruder Thomas. Bald jedoch bekommt Harry Dresden noch viel größere Schwierigkeiten als den mangelnden Ordnungssinn seines Bruders: Eine alte Feindin, die Vampirin Mavra, verlangt von ihm, ihr Kemmlers Wort zu beschaffen, sonst werde sie seiner Freundin, der Polizistin Karrin Murphy, einen Mord in die Schuhe schieben. Als wäre das alles noch nicht genug, tauchen skrupellose Nekromanten in Chicago auf, die auf der Suche nach Kemmlers Wort über Leichen gehen. Einer von ihnen trägt das Buch "Das Lied des Erlkönigs" bei sich und führt Harry so ungewollt auf die richtige Spur. Die Neuankömmlinge sind Schüler Kemmlers, eines Magiers, der sich auf einzigartige Weise zum Meister uralter Geister aufgeschwungen hatte. Dresden wird klar, dass Kemmlers Erben den Erlkönig selbst beschwören wollen ...

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Seitenzahl:764

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Sammlungen



Autor: Jim Butcher

Deutsch von: Dominik Heinrici

Lektorat: Oliver Hoffmann

Korrektorat: Florian Don-Schauen

Art Director: Oliver Graute

Umschlagillustration: Chris McGrath

© Jim Butcher 2005

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2011

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-127-4

Originaltitel: Dead Beat

Erlkönig ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Jim Butcher 2005. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Jim Butcher.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Für meinen Sohn, das Beste, was mir je passiert ist.

Ich liebe dich, Kleiner.

Danksagungen

Wieder einmal schulde ich den üblichen Verdächtigen Dank: den neuen und alten Insassen des Beta-Foo-Irrenhauses, der neuen Lektorin der dunklen Fälle des Harry Dresden, der warmherzigen, liebenswürdigen Anne Sowards – bist du wirklich sicher, dass du in New York lebst, Anne? – und meiner Agentin Jennifer Jackson, die an zehn Fronten gleichzeitig die unterschiedlichsten Verträge abgeschlossen hat, für die ich außerordentlich dankbar bin.

Weiterhin danke ich meiner Familie für ihre unaufhörliche Unterstützung und Liebe. Dank geht an Shannon, weil sie ist, wie sie ist ... ich würde zehnmal, nein, sagen wir dreimal so hart arbeiten, um dich zu überzeugen – na gut, na gut, aber maximal fünfmal. (Für zehnmal bräuchte ich mehr Stunden, als es überhaupt gibt, Schatz, und außerdem – wann sollte ich dann Halo spielen?) Darüber hinaus danke ich meinem Sohn JJ, dessen grenzenlose Energie, Begeisterungsfähigkeit und Liebe mich auf wundervolle Weise einschüchtern.

Oh, und natürlich meinem wilden, wolligen Leibwächter Frost, der meine Karriere fördert, indem er die bösen Jungs verscheucht, lange bevor sie mir nahe genug kommen, um mir wirklich etwas tun zu können, und indem er alles potentiell ablenkende Knabberzeug frisst.

1. Kapitel

Im Großen und Ganzen sind wir eine mörderische Spezies.

Wenn man dem Buch Genesis Glauben schenkt, reichten vier Leute, um die Überbevölkerung der Welt so auf die Spitze zu treiben, dass man nicht einmal mehr stehen konnte, und der erste Mord war ein Brudermord. Laut Genesis drehte das erste Kind menschlicher Eltern, Kain, aus lauter Eifersucht durch und blies einem anderen menschlichen Wesen das metaphorische Lichtlein aus. Dieser Angriff war ein blutiger, brutaler, gewalttätiger und extrem verwerflicher Mord. Kains Bruder Abel hatte höchstwahrscheinlich nicht die geringste Ahnung, was da auf ihn zukam.

Als ich die Tür zu meiner Wohnung öffnete, erfüllte mich ein Gefühl empathischer Anteilnahme und intuitiven Verständnisses.

Für den verdammten Kain.

Meine Wohnung besteht aus einem großen Raum im Keller einer hundert Jahre alten Privatpension in Chicago. In einer Wandnische ist eine Küche eingebaut, fast immer brennt ein Feuer in einem großen Kamin, das Schlafzimmer ist kaum größer als die Ladefläche eines Pick-ups, und im Badezimmer haben Waschbecken, Toilette und Dusche kaum Platz. Ich kann mir teure Möbel einfach nicht leisten, also besteht meine Einrichtung aus gemütlichen Secondhandstücken. Ich habe eine Menge Bücher auf Regalen, eine Menge Teppiche und eine Menge Kerzen. Es ist nicht viel, aber es ist sauber.

Zumindest war es das die längste Zeit gewesen.

Die Teppiche waren völlig durcheinandergeschoben, was mehrere Flecken nackten Steinbodens freilegte. Ein Lehnstuhl war umgefallen, und niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihn wieder aufzurichten. Kissen fehlten auf der Couch, und bei einem niedrigen Fenster war der Vorhang heruntergerissen, wodurch ein breiter Streifen der späten Abendsonne hereinsickerte, um all die Bücher, die von ihren Regalen gepurzelt waren und sich überall im Raum verteilt hatten, in ein besonderes Licht zu rücken. Die Einbände von Taschenbüchern waren geknickt, gebundene Bücher lagen offen umher – kurz, in meiner Primärquelle für unterhaltsamen Müßiggang feierte das reinste Chaos fröhliche Urstände.

Der Kamin war mehr oder weniger das Epizentrum des Chaos-bebens. Dort lagen achtlos weggeworfene Kleidungsstücke, ein paar leere Weinflaschen und ein Teller, der verdächtig sauber aussah – zweifellos eine Säuberungsaktion eines weiteren Bewohners der Wohnung.

Ich wagte einen benommenen Schritt in mein Zuhause. Als ich das tat, sprang mein großer, grauer Kater Mister von seinem angestammten Plätzchen auf einem der Bücherregale herunter, doch statt mir zum Gruß wie immer seine Schulter ins Schienbein zu rammen, zuckte er nur verächtlich mit dem Schwanz und geisterte aus der Haustür.

Ich seufzte, ging zur Kochnische hinüber und sah nach. Die Futter- und die Wasserschüssel der Katze waren beide leer. Kein Wunder, dass Mister beleidigt war.

Ein zotteliger Teil des Küchenbodens wuchtete sich hoch und kam mir in einem verschlafenen, schuldbewussten Trott entgegen. Mein Hund Mouse war einst ein pelziger, kleiner, grauer Welpe gewesen, der in meine Manteltasche passte. Nun, fast ein Jahr später, wünschte ich mir manchmal, ich hätte meinen Mantel zu heiß reinigen lassen. Oder so. Mouse hatte sich vom Flauschball in ein Flauschschlachtschiff verwandelt. Man sah ihm seine genaue Rasse nicht an, aber bei zumindest einem Elternteil musste es sich wohl um ein Wollmammut gehandelt haben. Die Schulter des Hundes reichte mir fast bis zur Taille, und der Tierarzt war davon überzeugt, dass Mouse noch nicht völlig ausgewachsen war. Übersetzt hieß das: ein ganz schöner Haufen Vieh für meine winzige Wohnung.

Oh, und auch Mouses Schüsseln waren leer. Er schnüffelte mit einer Schnauze, die mit etwas verkrustet war, das verdächtig nach Spaghettisoße aussah, an meiner Hand und scharrte mit einer Pfote an seinen Fressnäpfen, die über den Linoleumboden scheuerten.

„Verdammt, Mouse“, knurrte ich wie Kain höchstpersönlich. „Sieht es hier immer noch so aus? Wenn er noch da ist, bringe ich ihn um.“

Mouse stieß ein tiefes Schnaufen aus, der ausführlichste Kommentar, den er je von sich gab, und folgte mir seelenruhig in ein paar Schritt Entfernung, als ich zu der geschlossenen Schlafzimmertür hinübermarschierte. Gerade als ich dort ankam, öffnete sich die Tür, und eine Blondine mit Engelsgesicht erschien, die nichts außer einem Baumwoll-T-Shirt trug. Noch dazu kein besonders langes. Es bedeckte ihren Brustkorb nicht völlig.

„Oh“, meinte sie gedehnt und lächelte zögerlich und verschlafen. „Entschuldigung. Ich wusste nicht, dass noch jemand hier ist.“ Ohne eine Spur von Sitte und Anstand scharwenzelte sie ins Wohnzimmer und durchwühlte das Durcheinander vor dem Kamin, um ein paar Kleidungsstücke herauszuzerren. An der lässigen, zufriedenen Art, wie sie sich bewegte, konnte ich nur zu leicht ablesen, dass sie erwartete, dass ich sie anstarrte und dass ihr das nicht das Geringste ausmachte.

Früher wäre mir so eine Sache höllisch peinlich gewesen, und wahrscheinlich hätte ich ein paar verstohlene Blicke riskiert. Aber nachdem ich jetzt schon fast ein Jahr mit meinem Halbbruder, dem Inkubus, zusammenwohnte, ärgerte es mich einfach nur. Ich rollte mit den Augen und fragte: „Thomas?“

„Tommy? In der Dusche, glaube ich“, sagte das Mädchen. Sie schlüpfte in Joggingkleidung – Trainingshose, eine dazu passende Jacke, teure Schuhe. „Tun Sie mir einen Gefallen? Sagen Sie ihm, es …“

Ich unterbrach sie ungeduldig. „Es hat zwar eine Menge Spaß gemacht, und Sie werden die Erfahrung für immer wie einen Schatz bewahren, aber es war eine einmalige Geschichte und Sie hoffen sehr, dass er erwachsen wird und ein nettes Mädchen kennenlernt oder Präsident wird oder weiß der Geier was.“

Sie starrte mich an, und ihre blonden Augenbrauen zogen sich ärgerlich zusammen. „Sie müssen nicht gleich so grob werden …“ Dann weiteten sich ihre Augen. „Oh. Oh! Es tut mir leid – oh Gott!“ Sie beugte sich zu mir vor und wisperte mir in einem Unter-uns-Mädels-Flüstern zu: „Ich hätte nie gedacht, dass er mit einem Mann zusammen ist. Wie schafftihr beiden das nur in diesem winzigen Bett?“

Ich blinzelte und sagte: „Moment mal!“

Doch sie ignorierte mich, schlenderte nach draußen und murmelte in ihren nicht vorhandenen Bart. „Er ist so ein schlimmer Junge!“

Ich bedachte ihren Rücken mit mörderischen Blicken. Dann funkelte ich Mouse an.

Seine Zunge schlabberte in einem hündischen Grinsen aus dem Maul hervor, und er wedelte sachte mit dem Schwanz.

„Oh, halt die Fresse“, ließ ich ihn meine Meinung wissen und schloss die Tür. Ich hörte das Rauschen von Wasser, das durch die Rohre in meiner Dusche rann. Ich stellte Futter für Mister und Mouse hin, auf das sich der Hund sofort stürzte. „Er hätte zumindest den verdammten Hund füttern können“, grummelte ich und öffnete den Kühlschrank.

Ich kramte darin herum, fand aber nicht, wonach ich suchte. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Meine Frustration entflammte zu einem Flächenbrand irgendwo in meinen Augäpfeln, und mordlüstern richtete ich mich vom Eisschrank wieder auf.

„He“, sagte Thomas’ Stimme hinter mir. „Uns ist das Bier ausgegangen.“

Ich drehte mich um und warf meinem Halbbruder einen vernichtenden Blick zu.

Thomas war eine Spur über eins achtzig groß, und nun, da ich genügend Zeit gehabt hatte, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, musste ich zugeben, dass er mir ein wenig ähnlich sah: ausgeprägte Wangenknochen, ein langes Gesicht, ein markantes Kinn. Aber welcher Bildhauer auch immer Thomas’ Züge vollendet hatte, hatte die Arbeit an meiner Visage einem seiner Lehrlinge zugeschanzt. Ich bin echt nicht hässlich, aber Thomas sieht aus wie das Gemälde des unbekannten griechischen Gottes der Körperpflege. Sein Haar ist so dunkel, dass es den Anschein macht, selbst das Licht könne ihm nicht entkommen, und selbst jetzt, wo er frisch aus der Dusche kam, begann es, sich zu ringeln. Seine Augen haben die Farbe von Gewitterwolken, und er lässt sich zu keinem einzigen Augenblick körperlicher Ertüchtigung herab, um sich die doch beeindruckenden Wölbungen seiner Muskeln ehrlich zu verdienen. Er trug Jeans und kein Hemd – seine standardmäßige Haushaltsuniform. Ich war einmal Zeuge, wie er in diesem Aufzug die Tür öffnete, nachdem eine Missionarin geklopft hatte. Diese hatte sich dann in einer Wolke aus vergessenen Wachtürmenauf ihn gestürzt. Die Bissspuren, die sie hinterlassen hatte, waren äußerst aufschlussreich gewesen.

Es war nicht die Schuld des Mädchens. Thomas hat das Blut seines Vaters geerbt und ist ein Vampir des Weißen Hofes. Er ist ein psychisches Raubtier, das sich von der puren Lebenskraft menschlicher Wesen ernährt – an die er am einfachsten durch den innigen Kontakt beim Sex herankommt. Dieser Teil von ihm umgibt ihn wie eine Aura, die Leuten den Kopf verdreht, wo immer er sich auch blicken lässt. Wenn Thomas sich einmal Mühe gibt, seinen übernatürlichen Lockruf anzuwerfen, kann keine Frau nein sagen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn er zu trinken beginnt, ist sie nicht einmal mehr imstande, nein sagen zu wollen. Er tötet sie ein kleines bisschen, doch er muss es tun, um nicht den Verstand zu verlieren. Er nährt sich immer nur ein einziges Mal von einem seiner Opfer.

Das wäre im Übrigen kein Problem gewesen. Die, die der Weiße Hof als Beute auserwählte, gerieten so in den Bann der schieren Ekstase, während der Vampir trank, dass sie ihrem blutsaugenden Liebhaber zunehmend verfielen. Doch so weit ließ Thomas es nicht kommen. Er hatte diesen Fehler einmal begangen, und die Frau, die er einst geliebt hatte, schwebte jetzt, gefangen in der tödlichen Euphorie, die seine Berührung verursacht hatte, an einen Rollstuhl gefesselt durchs Leben.

Ich biss die Zähne zusammen und rief mir ins Gedächtnis, dass es für Thomas nicht leicht war. Dann rief ich mir ins Gedächtnis, dass ich mir das jedes Mal aufs Neue einredete, und befahl mir selbst, die Schnauze zu halten. „Ich weiß, dass kein Bier mehr da ist“, brummte ich. „Oder Milch. Oder Cola.“

„Ähm“, entgegnete er.

„Wie ich sehe, hast du auch keine Zeit gehabt, Mister und Mouse zu füttern. Warst du wenigstens mit Mouse Gassi?“

„Na klar“, sagte er. „Ich meine, ähm … ich habe ihn heute Morgen mit rausgenommen, als du zur Arbeit gegangen bist, wie du dich erinnern kannst. Da traf ich auch Angie.“

„Schon wieder eine Joggerin“, sagte ich wieder kainesk. „Du hast gesagt, du würdest nicht mehr dauernd Fremde hier anschleppen, Thomas, und noch dazu in meinem verdammten Bett? Herrjemine, Mann, schau dir doch mal an, wie es hier aussieht.“

Das tat er, und ich sah, wie es ihm langsam dämmerte, als hätte er es zuvor wirklich nicht bemerkt. Er ächzte. „Verdammt. Harry, es tut mir leid. Es war nur … Angie ist wirklich … wirklich heftig, und, uh, ein ziemlich athletisches Mädchen, und ich habe nicht gemerkt, dass …“ Er hielt inne und hob ein Exemplar von Dean Koontz’Brandzeichen auf. Er versuchte, den Knick im Einband auszubügeln. „Wow“, fügte er wenig überzeugend hinzu. „Die Wohnung ist das reinste Schlachtfeld.“

„Ja“, entgegnete ich, „und du warst den ganzen Tag hier. Du hast gemeint, du würdest Mouse zum Tierarzt bringen, ein wenig aufräumen und einkaufen gehen.“

„Ach komm schon“, sagte er. „Was ist daran denn so tragisch?“

„Ich habe kein Bier“, zürnte ich. Ich ließ meinen Blick über das Chaos um mich herum schweifen. „Murphy hat mich heute auf der Arbeit angerufen. Sie hat gemeint, sie würde später hier vorbeischauen.“

Thomas hob eine Braue. „Ach ja? Sei mir bitte nicht böse, Harry, aber ich bezweifle stark, dass sie mit dir ein Rendezvous ausmachen wollte.“

Ich funkelte missvergnügt. „Könntest du endlich damit aufhören?“

„Ich sage dir, du solltest sie einfach fragen, ob sie mit dir ausgehen will, um es hinter dich zu bringen. Sie würde ja sagen.“

Ich knallte die Tür des Eisschranks zu. „Es ist nicht, wie du denkst“, meinte ich.

„Ja, gut“, sagte Thomas milde.

„Wirklich nicht. Wir arbeiten zusammen. Wir sind Freunde. Das ist alles.“

„Klar“, stimmte er zu.

„Ich bin nicht daran interessiert, mit Murphy auszugehen“, behauptete ich, „und sie hat nicht das geringste Interesse an mir.“

„Sicher. Ich hab’s verstanden.“ Er rollte mit den Augen und begann, auf den Boden gepurzelte Bücher aufzuheben. „Deshalb willst du ja auch, dass die Wohnung ordentlich aussieht. Damit deine Geschäftspartnerin nichts dagegen hat, etwas länger zu bleiben.“

Ich fletschte die Zähne und zischte: „Bei allen Sternen des Himmels, Thomas, ich bitte dich ja nicht gerade darum, mir den verdammten Mond vom Himmel zu holen. Ich verlange auch keine Miete von dir. Es würde dich nicht umbringen, ein wenig im Haushalt mitzuhelfen, bevor du zur Arbeit gehst.“

„Ja“, erwiderte Thomas, während er sich mit den Fingern durchs Haar fuhr. „Ähm, apropos …“

„Apropos?“, wollte ich wissen. Er hätte eigentlich am Nachmittag verschwinden sollen, damit der Reinigungsdienst für meine Wohnung hereinkonnte. Die Feen würden nicht auftauchen und aufräumen, solange sie jemand dabei beobachten konnte, und sie würden überhaupt nicht wiederkommen, wenn ich jemandem von ihnen erzählte. Fragen Sie mich nicht warum, sie sind einfach so. Vielleicht haben sie eine echt fiese Gewerkschaft oder so.

Thomas zuckte die Achseln und setzte sich auf die Armlehne der Couch, ohne mich anzusehen. „Ich hatte nicht das Geld für den Tierarzt oder die Einkäufe“, sagte er. „Ich bin schon wieder rausgeflogen.“

Ich starrte ihn eine Sekunde lang an und versuchte verzweifelt, die Wut in meinem Bauch am Kochen zu halten, doch sie verpuffte nach und nach. Ich erkannte die Enttäuschung und die Schmach in seiner Stimme. Er spielte mir nichts vor.

„Verdammt“, murmelte ich nur zum Teil an Thomas gerichtet. „Was ist passiert?“

„Das Übliche“, antwortete er. „Die Managerin im Drive-Through ist mir ins Kühlhaus gefolgt und hat sich die Kleider vom Leib gerissen. Genau in diesem Augenblick ist der Besitzer zu einer Inspektion hereingekommen und hat mich auf der Stelle entlassen. Wie er sie angesehen hat, glaube ich fast, sie bekommt eine Beförderung. Ich hasse Geschlechterdiskriminierung.“

„Wenigstens war’s diesmal eine Frau“, sagte ich. „Wir müssen an deiner Selbstkontrolle arbeiten.“

Seine Stimme wurde bitter. „Eine Hälfte meiner Seele ist ein Dämon“, sagte er. „Ich kann sie nicht kontrollieren. Es ist unmöglich.“

„Das kaufe ich dir nicht ab“, antwortete ich.

„Nur weil du Magier bist, heißt das noch lange nicht, dass du auch nur das Geringste davon verstehst“, sagte er. „Ich kann kein Leben führen wie ein Sterblicher. Ich bin dafür einfach nicht geschaffen.“

„Du machst das gut.“

„Gut?“, fragte er, und seine Stimme wurde lauter. „Ich kann jegliche Hemmungen einer Jungfrau auf fünfzig Schritt zerfetzen, aber ich kann nicht einmal für zwei Wochen einen Job behalten, bei dem ich ein dämliches Haarnetz und ein idiotisches Papierhütchen tragen muss. Was daran ist bitte schön gut?“

Er riss die kleine Truhe auf, in der er seine Kleidung aufbewahrte, schnappte sich ein Paar Schuhe und seine Lederjacke, zog beides mit wütender Präzision an und stakste ohne einen Blick zurück in die langsam hereinbrechende Abenddämmerung hinaus.

Genau, und ohne das Durcheinander aufzuräumen, das er angerichtet hat, dachte ich lieblos. Dann schüttelte ich den Kopf und linste zu Mouse hinüber, der sich mit seinem Kinn auf den Pfoten mit traurigen Hundeaugen auf den Boden gelegt hatte.

Thomas ist der einzige Verwandte, den ich je hatte. Aber das änderte nichts an der Wahrheit: Thomas fällt es schwer, sich an das Leben eines normalen Sterblichen zu gewöhnen. Er ist gut darin, Vampir zu sein. Das liegt in seiner Natur. Aber egal, wie sehr er sich bemüht, etwas normaler zu sein, er stolpert von einem Problem ins nächste. Er erwähnt es nie, aber ich spüre, wie Schmerz und Verzweiflung mit jeder verstrichenen Woche in ihm wachsen.

Mouse atmete schwer aus. Es war gerade noch kein Jaulen.

„Ich weiß“, sagte ich zu dem Hund. „Ich mache mir auch Sorgen.“

Ich nahm Mouse auf einen langen Spaziergang mit und kam erst wieder heim, als sich der Himmel über Chicago in der Dämmerung eines späten Oktobertages zunehmend verdunkelte. Ich fischte die Post aus dem Briefkasten und war gerade dabei, die Stufen zu meiner Wohnung hinunterzusteigen, als ein Auto auf den kleinen Schotterparkplatz des Pensionsgebäudes einbog und wenige Schritte von mir entfernt knirschend anhielt. Eine zierliche Blondine in Bluejeans, einem Hemd mit adretter Knopfleiste und einer Windjacke der White Sox aus Satin parkte das Auto, wobei sie jedoch den Motor laufen ließ.

Karrin Murphy sah überhaupt nicht aus wie die Leiterin einer Ermittlungsbehörde, die sich mit allem befasste, was im gesamten Einzugsgebiet von Chicago so durch die Nacht geisterte. Wenn Trolle wieder einmal anfingen, Passanten auszurauben, Vampire ihre Opfer einfach tot oder sterbend auf der Straße liegen ließen oder jemand mit mehr magischer Feuerkraft als gesundem Menschenverstand Amok lief, war es an der Sondereinheit für Spezialermittlungen der Polizei von Chicago, dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Selbstverständlich glaubte niemand ernsthaft an Trolle, Vampire oder böse Hexer, doch wenn etwas Bizarres passierte, war es Aufgabe der Sondereinheit, jedermann zu erklären, es habe sich nur um einen Irren mit Gummimaske gehandelt und es bestehe kein Grund zur Sorge.

Die Sondereinheit hatte einen Scheißjob, aber die Leute, die für diese Abteilung arbeiteten, waren alles andere als dumm. Ihnen war nur allzu bewusst, dass es da draußen in der Finsternis Dinge gab, die sich unsere Schulweisheit nicht erklären konnte, und besonders Murphy war fest entschlossen, den Bullen jeden nur erdenklichen Vorteil im Kampf gegen übernatürliche Bedrohungen zu verschaffen. Ich war dabei eine ihrer besten Waffen. Sie heuerte mich immer dann als Berater an, wenn sich die Sondereinheit mit etwas wirklich Gefährlichem und Fremdartigem anlegte, und die Honorare, die ich dafür einstrich, für die Einheit zu arbeiten, halfen mir dabei, den Löwenanteil meiner Ausgaben zu bestreiten.

Als Mouse Murphy sah, begrüßte er sie mit einem leisen Bellen und trottete mit wedelndem Schwanz zu ihr hinüber. Hätte ich mich zurückgelehnt und die Beine gestreckt, hätte ich über den Schotter skifahren können, aber so oder so ließ mir der große Hund keine andere Wahl als mitzukommen.

Murphy kniete sich hin, um ihre Hände im Fell hinter Mouses Hängeohren zu vergraben um ihn herzhaft zu kratzen. „He, hallo Junge“, sagte sie lächelnd. „Na, wie geht’s dir?“

Mouse schlabberte mehrere Hundeküsse auf ihre Hände.

Murphy schrie: „Igitt!“, aber sie lachte, während sie sich beschwerte. Sie schob Mouses Schnauze sachte von sich und stand auf. „Abend, Harry. Freut mich, dass ich dich noch erwischt habe.“

„Ich komme gerade von meinem Abendspaziergang zurück“, sagte ich. „Willst du reinkommen?“

Murphy hatte ein niedliches Gesicht und sehr blaue Augen. Ihr goldenes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, und so sah sie um einiges jünger aus als gewöhnlich. Ihr Ausdruck war reserviert, ja vielleicht fühlte sie sich sogar ein wenig unbehaglich. „Tut mir leid, aber ich kann nicht“, antwortete sie. „Ich muss ein Flugzeug kriegen. Ich habe wirklich keine Zeit.“

„Ah“, sagte ich. „Was geht?“

„Ich verlasse die Stadt für ein paar Tage“, sagte sie. „Ich sollte am Montagnachmittag wieder da sein. Ich hatte eigentlich gehofft, dich überreden zu können, meine Blumen zu gießen.“

„Oh“, sagte ich. Sie wollte, dass ich ihre Blumen goss. Wie neckisch. Wie sexy. „Ja, klar. Kann ich machen.“

„Danke“, sagte sie und gab mir einen Schlüssel an einem einfachen Stahlring. „Das ist der Schlüssel für die Hintertür.“

Ich nahm ihn. „Wo fliegst du hin?“

Das Unbehagen in ihrem Gesichtsausdruck vertiefte sich noch. „Einfach aus der Stadt raus, ein kleiner Urlaub.“

Ich blinzelte.

„Ich habe seit Jahren keinen Urlaub mehr gehabt“, sagte sie defensiv. „Es ist mal wieder Zeit.“

„Nun. Klar“, sagte ich. „Ähm. Urlaub. Ganz allein?“

Sie zuckte die Achseln. „Nun. Das ist irgendwie die andere Sache, über die ich mit dir reden wollte. Eigentlich erwarte ich keine Schwierigkeiten, aber ich wollte einfach, dass du weißt, wo ich mich aufhalte, nur für den Fall, dass ich nicht rechtzeitig zurück bin.“

„Klar, klar“, stimmte ich zu. „Es kann nicht schaden, vorsichtig zu sein.“

Sie nickte. „Ich fahre mit Kincaid nach Hawaii.“

„Ähm“, sagte ich. „Sicher rein beruflich, nicht wahr?“

Sie verlagerte ihr Gewicht von einem Bein aufs andere. „Nein. Wir sind jetzt ein paarmal ausgegangen. Es ist nichts Ernsthaftes.“

„Murphy“, protestierte ich. „Bist du völlig wahnsinnig? Der Kerl bedeutet Ärger im ganz großen Stil!“

Sie funkelte mich an. „Wir haben das oft genug besprochen. Ich bin erwachsen, Dresden.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Aber der Typ ist ein Söldner. Ein Killer. Er ist nicht mal vollständig menschlich. Du kannst ihm nicht trauen!“

„Du hast ihm vertraut“, erinnerte sie mich. „Im letzten Jahr gegen Mavra und ihre Geißel.“

Ich schaute düster drein. „Das war etwas anderes.“

„Oh?“, fragte sie.

„Ja. Ich habe ihn damals dafür bezahlt, Dinge umzulegen. Ich wollte mit ihm nicht ins Be… äh, ins Bad, ins Strandbad!“

Murphy zog eine Braue hoch.

„Du wirst in seiner Gegenwart nicht sicher sein“, sagte ich.

„Ich fahre mit ihm nicht weg, um in Sicherheit zu sein“, erwiderte sie. Ihre Wangen röteten sich leicht. „Genau darum geht es doch.“

„Du solltest das nicht tun“, meinte ich.

Sie sah einen Atemzug lang zu mir hoch und runzelte die Stirn.

Dann fragte sie: „Warum?“

„Weil ich einfach nicht mit ansehen möchte, wie dir wehgetan wird“, antwortete ich, „und weil du jemand Besseren als ihn verdienst.“

Sie musterte mein Gesicht einen weiteren Augenblick und atmete dann durch die Nase aus. „Ich brenne jetzt nicht nach Las Vegas durch, um zu heiraten, Dresden. Ich arbeite einfach die ganze Zeit, und das Leben rauscht einfach an mir vorbei. Ich möchte mir nur etwas Zeit nehmen, um zu leben, ehe es zu spät ist.“ Sie zog einen gefalteten Notizzettel aus der Tasche. „Das ist das Hotel, wo ich wohnen werde. Falls du mich erreichen musst.“

Ich sah mit einem finsteren Blick auf den gefalteten Notizzettel hinunter, und irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass mir irgendetwas entgangen war. Ihre Finger strichen über die meinen, aber durch den Handschuh und die Narben konnte ich nichts spüren. „Du bist sicher, dass dir nichts passieren wird?“

Sie nickte. „Ich bin ein großes Mädchen. Ich bin die, die aussucht, wohin wir fahren. Er weiß nicht, wo es hingeht. Ich habe gedacht, so kann er im Vorhinein nichts aushecken, falls er irgendwelche komischen Hintergedanken hat.“ Sie deutete mit einer vagen Geste auf die Handfeuerwaffe, die sie unter der Jacke trug. „Ich werde vorsichtig sein. Ich verspreche es.“

„Ja“, sagte ich. Ich versuchte nicht einmal, sie anzulächeln. „Nur für die Akten: Das ist dumm, Murph. Ich hoffe, du überlebst das.“

Ihre blauen Augen blitzten unter ihrer gerunzelten Stirn auf. „Ich hatte gehofft, du würdest irgendetwas wie ‚hab eine schöne Zeit‘ sagen.“

„Ja“, sagte ich. „Was auch immer. Hab Spaß. Lässt du mich wissen, wenn du sicher angekommen bist?“

„Ja“, entgegnete sie. „Danke, dass du dich um meine Pflanzen kümmerst.“

„Kein Problem“, antwortete ich.

Sie nickte mir zu, hielt dann aber noch einen Augenblick inne. Schließlich kratzte sie Mouse hinter den Ohren, stieg in ihren Wagen und fuhr auf und davon.

Ich blickte ihr nach. Ich machte mir Sorgen und war eifersüchtig.

Richtig, richtig eifersüchtig.

Heilige Scheiße.

Hatte Thomas etwa doch recht?

Mouse winselte und scharrte mit der Pfote an meinem Bein. Ich seufzte, steckte die Hotelinformation ein und führte meinen Hund in die Wohnung hinunter.

Als ich die Tür öffnete, stieg mir der Geruch frischer Fichtennadeln in die Nase – und nicht nur Fichtenaroma, wenn ich das jetzt einmal so sagen darf. Echte, frische Fichte, und keine Nadel, so weit das Auge reichte. Die Feen waren dagewesen, aber schon wieder verschwunden. Die Bücher standen an ihren Plätzen in den Regalen, der Boden war geschrubbt, die Vorhänge repariert, das Geschirr gespült, Sie verstehen, worauf ich hinauswill. Feen mögen bizarre Gesetze haben, aber als Putzdienst führen sie ein ziemlich straffes Regiment.

Ich zündete Kerzen mit Zündhölzern aus einer Schachtel an, die auf dem Couchtisch lag. Als Magier komme ich nicht gut mit neumodischem Kram wie Elektrizität und Computern klar, also mache ich mir nicht einmal die Mühe, meine Wohnung mit Strom zu versorgen. Mein Kühlschrank ist ein uraltes Modell, das mit echtem Eis betrieben wird. Es gibt keinen Wasserkocher, und ich koche auf meinem kleinen Holzofen. Ich heizte ein und wärmte etwas Suppe auf, die das einzige war, was ich noch hatte. Ich setzte mich hin, um zu essen, und begann, meine Post durchzusortieren.

Das Übliche. Die Marketingweisen eines Computerversands hielten unvermindert an ihren Anstrengungen fest, mir den neuesten Laptop, ein Handy oder einen Plasmafernseher anzudrehen, obwohl ich ihnen bereits mündlich und auch schriftlich versichert hatte, dass ich über keine Elektrizität verfügte und es die Mühe einfach nicht wert war. Die Rechnung für meine Autoversicherung war zu früh eingetrudelt. Zwei Schecks waren eingetroffen. Der erste ein minimales Honorar, ausgestellt von der Polizei von Chicago dafür, dass ich Murphy im letzten Monat bei einem Schmuggelfall für eine Stunde unter die Arme gegriffen hatte. Der zweite war um einiges saftiger, von einem Münzsammler, der einen Koffer mit Kohle aus untergegangenen Nationen über die Reling seiner Yacht auf dem Lake Michigan hatte purzeln lassen. Als letzten Ausweg, um ihn ausfindig zu machen, hatte er sich des einzigen Magiers besonnen, der im Telefonbuch von Chicago zu finden war.

Der letzte Umschlag war eines dieser großen, braunen Ungetüme, und mir zuckte ein kurzes Aufflackern von ekelhafter Kälte durch die Magengrube, als mir die Handschrift darauf ins Auge stach. Sie war in anonymen Buchstaben verfasst, die so tadellos geschrieben waren wie auf einem Kindergartenposter und so eintönig wie das Vorlesungsskript eines Englischprofessors.

Mein Name.

Meine Adresse.

Sonst nichts.

Es gab zwar keinen vernünftigen Grund dafür, aber die Handschrift jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich war nicht sicher, was meine Instinkte geweckt hatte, außer dem auffallenden Fehlen von etwas Bemerkenswertem oder Unvollkommenem. Einen Augenblick lang dachte ich, ich hätte mich völlig grundlos aufgeregt und es handle sich einfach um irgendeine gedruckte Schrift, aber im letzten Buchstaben des Namens „Dresden“ war ein Schwung zu finden, der bei allen anderen Ns fehlte. Auch dieser Schwung sah vollkommen aus – und mit voller Absicht ausgeführt. Er war einzig und allein dazu da, mich wissen zu lassen, dass es sich um eine nichtmenschliche Handschrift handelte und nicht um einen Laserdruck aus dem nächsten Wal-Mart.

Ich legte den Umschlag flach auf den Couchtisch und starrte ihn an. Er war dünn und nicht von irgendeinem Inhalt verformt, was bedeutete, dass er nur einige wenige Bögen Papier enthielt, wenn überhaupt. Was wiederum bedeutete, dass es sich nicht um eine Bombe handelte. Oder genauer gesagt, nicht um eine Hightech-Bombe, die ohnehin eine ziemlich nutzlose Waffe gegen einen Magier dargestellt hätte. Ein technisch primitiver Zünd-mechanismus hätte wahrscheinlich prima funktioniert, doch der wäre nicht so klein gewesen.

Natürlich konnte ich somit mystische Angriffsmöglichkeiten nicht ausschließen. Ich hielt meine linke Hand über den Umschlag und tastete ihn magisch ab, doch irgendwie konnte ich mich nicht richtig konzentrieren. Mit einer Grimasse schälte ich den Lederhandschuh von meiner Hand, was meine narbenbedeckten, verkrüppelten Finger freilegte. Im vorigen Jahr hatte ich an der Hand so schwere Verbrennungen erlitten, dass mir die meisten Ärzte sofort eine Amputation empfohlen hatten. Ich hatte nicht zugelassen, dass sie mir die Hand nahmen. Hauptsächlich aus dem Grund, warum ich noch immer den gleichen, zerbeulten VW Käfer fuhr – weil sie mir gehörte, zum Donner.

Aber meine Finger waren ziemlich schlimm anzusehen, genau wie der Rest meiner linken Hand. Ich konnte sie kaum bewegen, aber ich spreizte sie, so gut ich konnte, und ließ einmal mehr meine Sinne schweifen, um magische Energien ausfindig zu machen, die unter Umständen um den Umschlag kreisten.

Ich hätte den Handschuh genauso gut anlassen können. Nichts Seltsames umgab den Umschlag. Also keine arkanen Tretminen.

Na gut. Keine weiteren Verzögerungen. Ich hob den Umschlag mit meiner schwachen linken Hand auf und riss ihn auf, dann kippte ich den Inhalt auf den Couchtisch.

Drei Dinge waren in dem Umschlag.

Das erste war ein Foto von 20x25 cm. Es zeigte Karrin Murphy, Leiterin der Sonderermittlungsabteilung der Polizei von Chicago. Sie trug keine Uniform, noch nicht mal einen geschäftlichen Aufzug. Stattdessen hatte sie eine Rotkreuzjacke und eine Baseballkappe an und hielt eine abgesägte Schrotflinte in Händen, ein streng verbotenes Modell. Die Schrotflinte spie Flammen. Auf dem Bild erkannte man auch einen Mann, der wenige Meter entfernt stand und von der Taille abwärts mit Blut bedeckt war. Eine lange, schwarze Stahlstange ragte aus seiner Brust, als sei er damit aufgespießt worden. Sein Oberkörper und sein Schädel waren ein verschwommenes Durcheinander aus dunklen Linien und roten Flecken. Die Schrotflinte wies genau in Richtung dieses Durcheinanders.

Das zweite war ein weiteres Foto. Es zeigte Murphy, die die Kappe abgenommen hatte und über der Leiche des Mannes stand. Ich war auf dem Bild ebenfalls zu sehen, im Profil. Der Mann war ein Renfield gewesen, eine dämonische, psychotische Kreatur, die man nur im weitesten Sinne als Menschen bezeichnen konnte – doch die Kamera war eine unbestechliche Zeugin eines Mordes gewesen.

Murphy, ein Söldner namens Kincaid und ich hatten damals ein Vampirnest des Schwarzen Hofes ausgehoben, das die tödliche Vampirin Mavra angeführt hatte. Ihre Häscher hatten unermüdlich versucht, uns das Ganze auf handfeste Weise auszureden. Ich hatte mir die Hand schrecklich verbrannt, als Mavra selbst das Schlachtfeld gegen uns betreten hatte, und mich glücklich schätzen können, vergleichsweise glimpflich davongekommen zu sein. Am Ende hatten wir Geiseln gerettet, ein paar Vampire in ihre Einzelteile zerlegt und Mavra erledigt. Zumindest hatten wir jemanden vernichtet, von dem wir denken sollten, es sei Mavra. Im Nachhinein betrachtet war es schon etwas seltsam, dass uns eine Vampirin, die dafür bekannt war, sich fast völlig unauffindbar zu halten, aus dem Rauch heraus angesprungen hatte, nur um sich von uns enthaupten zu lassen. Aber es war ein ziemlich anstrengender Tag gewesen, und so hatte ich in gutem Glauben darauf vertraut.

Wir hatten versucht, während des Angriffes so vorsichtig wie möglich zu sein. So hatten wir einige Leben mehr retten können, als wenn wir Hals über Kopf hineingestürmt wären, doch dieser Renfield war knapp davor gewesen, mir den Kopf abzureißen. Murphy hatte ihn deswegen getötet, und sie war dabei fotografiert worden.

Ich starrte auf die Bilder.

Sie waren aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen. Das bedeutete, dass noch jemand im Raum gewesen war, um zu fotografieren.

Jemand, den wir nicht gesehen hatten.

Der dritte Gegenstand, der auf den Kaffeetisch fiel, war ein Bogen Schreibmaschinenpapier, das mit derselben Handschrift bedeckt war, in der auch die Adresse verfasst worden war. Ich las:

Dresden,

ich will ein Treffen mit Ihnen, biete einen Waffenstillstand für dessen Dauer und verbürge mich mit meinem Ehrenwort für seine Einhaltung. Treffen Sie mich heute Abend um neunzehn Uhr an Ihrem Grab auf dem Graceland-Friedhof, sonst werde ich Dinge tun, die für Sie und Ihre Verbündeten bei der Polizei ziemlich unerfreulich wären.

Mavra

Auf das letzte Drittel des Briefes war mit einem Klebestreifen eine Locke goldenen Haares befestigt. Ich hielt das Foto neben den Brief.

Es war Murphys Haar.

Mavra hatte sie in der Hand. Mit Bildern, die sie beim Begehen einer Straftat (und mich bei der Beihilfe dazu) zeigten, konnte Mavra sie innerhalb weniger Stunden aus der Polizei und hinter Gitter befördern. Schlimmer noch war jedoch die Locke. Mavra war eine begabte Hexe, die vielleicht so stark war wie ein vollwertiger Magier. Mit einer Locke von Murphy konnte sie Murph fast alles antun, wonach ihr gerade der Sinn stand, und niemand konnte auch nur das Geringste dagegen tun. Mavra konnte sie umlegen. Mavra konnte viel Schlimmeres tun, als sie zu töten.

Ich brauchte nicht lange, um mich zu entscheiden. In übernatürlichen Kreisen ist ein Waffenstillstand, für den man mit seinem Ehrenwort bürgt, eine Institution – besonders bei Typen aus der Alten Welt wie Mavra. Wenn sie mir einen Waffenstillstand anbot, um zu reden, dann meinte sie es auch so. Sie wollte ein Geschäft.

Ich starrte auf die Fotos.

Sie wollte ein Geschäft und würde mit mir aus einer Position der Stärke heraus verhandeln. Was in diesem Fall Erpressung bedeutete, und falls ich nicht spurte, war Murphy so gut wie tot.

2. Kapitel

Der Hund und ich gingen zu meinem Grab.

Der Graceland-Friedhof ist berühmt. Man kann ihn in fast jedem Touristenführer über Chicago nachschlagen – und, weiß Gott, vielleicht sogar im Internet. Er ist der größte Friedhof der Stadt und einer der ältesten. Hier gibt es Mauern, und ich meine damit wirklich dicke Mauern, die den Friedhof komplett umgeben. Um den Gottesacker ranken sich unzählige Geistergeschichten mitsamt den dazugehörigen Gespenstern. Die Gräber im Inneren reichen von einfachen Parzellen mit schlichten Grabsteinen bis zu lebensgroßen Repliken griechischer Tempel, ägyptischen Obelisken und gewaltigen Monumenten – ja selbst einer Pyramide. Er ist das Las Vegas der Begräbnisstätten, und mein Grab befindet sich dort.

Nach Einbruch der Dunkelheit ist der Friedhof geschlossen. Wie die meisten anderen auch, und das aus gutem Grund. Jeder kennt diesen Grund, aber niemand redet darüber. Es geht nicht darum, dass sich Tote im Inneren befinden. Es geht vielmehr um die nicht so ganz Toten dort. Geister und Schatten verweilen auf Friedhöfen viel eher als an anderen Orten, vor allem in den älteren Städten des Landes, in denen sich die größten und ältesten Friedhöfe mitten im Stadtzentrum befinden. Das ist auch der Grund, warum Leute eine Mauer um die letzte Ruhestatt der Toten bauen, und sei sie nur einen Meter hoch – nicht um Menschen draußen, sondern um Dinge drinnen zu halten. In der Welt der Gespenster kann Mauern eine gewisse Macht innewohnen. In die Mauern um Friedhöfe hat man so gut wie immer den unausgesprochenen Vorsatz fließen lassen, die Lebenden und die Toten auf zwei verschiedenen Seiten der gemeinschaftlichen Festtafel zu halten.

Die Tore waren verschlossen, und daneben befand sich ein kleines Gebäude, das zu massiv war, um als Schuppen bezeichnet zu werden, jedoch zu winzig, um es irgendwie anders zu nennen. Ich war jedoch schon das ein oder andere Mal hier gewesen und kannte verschiedene Wege, nach Anbruch der Dunkelheit in den Friedhof zu gelangen, falls ich sie einmal brauchen würde. Es gab einen Abschnitt in der nordöstlichen Ecke der Umgrenzung, wo ein Trupp Straßenarbeiter einen riesigen Haufen Schotter deponiert hatte, der sich gerade hoch genug an der Mauer auftürmte, dass ein Mann mit nur einer gesunden Hand und ein großer, unbeholfener Hund die Mauerkrone erreichen konnten.

Wir betraten den Friedhof, Mouse und ich. Mouse mochte groß gewesen sein, dennoch war er wenig mehr als ein Welpe und hatte immer noch Pfoten, die viel zu groß für seinen hageren Körper waren. Irgendjemand hatte den Hund von der Größe her wie die Statuen vor chinesischen Restaurants entworfen – mit einem breiten Brustkorb und kräftig, und die Kiefer waren mit derselben gewaltigen Stärke ausgestattet. Sein Fell war dunkel und fast einheitlich grau, mit pechschwarzen Flecken an den Ohrspitzen, am Schwanz und in dem Bereich der Beine um die Pfoten herum. Im Moment sah er noch ein wenig tollpatschig und schlaksig aus, aber wenn er über die kommenden Monate noch weiter Muskeln zulegte, würde er zu einem wahrhaftigen Ungeheuer heranwachsen, und ich wollte verdammt sein, wenn mir die Begleitung meines persönlichen Monsters etwas ausmachte, wo ich drauf und dran war, mich mit einer Vampirin an meinem eigenen Grab zu treffen.

Es war nicht weit vom recht berühmten Grabmal eines kleinen Mädchens namens Inez, das seit über hundert Jahren tot war, entfernt. Auf dem Grab des Mädchens prangte eine Statue. Ich hatte sie schon oft gesehen, sie sah der ursprünglichen Alice von Lewis Carroll sehr ähnlich – ein Engelchen in einem pedantisch sauberen, schicklichen viktorianischen Kleidchen. Angeblich belebte der Geist des Kindes hie und da die Statue, um zwischen den Gräbern und den Stadtvierteln in der Nähe des Friedhofs herumzutollen und zu spielen. Ich hatte das noch nie mit eigenen Augen gesehen.

Aber he! Die Statue war nicht da.

Mein Grab ist eines der bescheideneren vor Ort, und es ist nach wie vor offen. Die adlige Vampirin, die es für mich gekauft hatte, wollte es so. Sie hatte mir auch einen Sarg besorgt, der rund um die Uhr auf mich wartete. Irgendwie wie Air Force One für den Präsidenten. Dead Force One.

Mein Grabstein ist aus einfachem, weißem Marmor. Eine senkrechte Steinplatte, auf der fett gravierte Buchstaben prangen, die mit Gold ausgelegt sind: HARRY DRESDEN. Dann die Einlege-arbeit eines goldenen Pentagramms. Ein fünfzackiger Stern in einem Kreis – das Symbol der Kräfte der Magie, umfasst vom menschlichen Geist. Darunter befanden sich weitere Buchstaben: ER STARB, ALS ER DAS RICHTIGE TAT.

Irgendwie ist es immer wieder ziemlich desillusionierend, diesen Ort aufzusuchen.

Ich meine, wir werden alle sterben. Auf einer intellektuellen Ebene ist uns das bewusst. Es wird uns klar, wenn wir noch ziemlich jung sind, und es jagt uns einen Höllenschrecken ein, also reden wir uns danach mehr als zehn Jahre lang ein, eigentlich unsterblich zu sein.

Der Tod ist nicht das, worüber man gerne nachdenkt, aber wie man es auch dreht und wendet, man entkommt ihm nicht. Egal, was auch immer man anstellt, wie verbissen man sich in Form hält, wie fanatisch man Diät hält, wie sehr man meditiert, betet oder wie viel Geld auch immer man der Kirche spendet, am Ende bleibt dennoch nur diese einzige, kalte Gewissheit, der sich jeder auf Erden stellen muss: Eines Tages ist alles aus. Eines Tages wird die Sonne aufgehen, die Welt wird sich weiterdrehen, die Leute werden ihrem täglichen Trott nachgehen – aber man selbst wird nicht mehr dabei sein. Man wird ganz still und leise und kalt sein.

Trotz aller möglichen Religionen, trotz aller Berichte von Leuten, die Nahtoderfahrungen hatten, und der Vorstellungskraft von Geschichtenerzählern im gesamten Verlauf der Geschichte bleibt der Tod das letzte Mysterium. Niemand weiß mit unerschütterlicher Sicherheit, was danach passiert, und das setzt schon voraus, dass es ein Danach gibt. Wir taumeln alle blind auf das zu, was im Dunkel jenseits der Schwelle auf uns wartet.

Der Tod.

Man kann ihm nicht entkommen.

Man.

Wird.

Sterben.

Das ist eine verdammt bittere, grässlich greifbare Tatsache, die man erst einmal ertragen muss – und glauben Sie mir, Sie bekommen eine ganz neue Palette an Farben und Texturen mitgeliefert, wenn Sie sich dieser Tatsache stellen, während Sie an Ihrem eigenen, offenen Grab stehen.

Ich hielt zwischen all den stillen Grabsteinen und Gedenkstätten, die von nüchtern bis bizarr reichten, inne, und der Endoktobermond schien auf mich herab. Es war zu kalt für Grillen, aber der Verkehrslärm, Sirenen, Alarmanlagen, Flugzeuge hoch über mir, weit entfernte, laute Musik, kurz, der Puls Chicagos leistete mir Gesellschaft. Nebel war wie in so vielen Nächten aus dem Lake Michigan hervorgekrochen, Schwaden waberten zwischen den Gräbern und um die Gedenksteine. In der Luft lag eine stille, fast elektrische Spannung, eine Art gedämpfte Energie, wie man sie im Spätherbst so oft spürt. Halloween war fast da, und die Grenzen zwischen Chicago und der Geisterwelt, dem Niemalsland, waren so schwach wie zu keiner anderen Zeit. Ich spürte die ruhelosen Gespenster des Friedhofs, die sich im wallenden Nebel regten und die energiegeladene Luft kosteten, die meisten viel zu schwach, um sich vor den Augen Sterblicher zu manifestieren.

Mouse saß neben mir, die Ohren aufmerksam nach vorn gerichtet. Er ließ seinen Blick in regelmäßigen Abständen schweifen, die Augen ganz klar auf ein Ziel gerichtet. Irgendetwas hatte so deutlich seine Aufmerksamkeit erregt, dass ich beinahe der Meinung war, er könne die Dinge, die ich nur ganz vage fühlte, tatsächlich sehen. Aber was auch immer sich da draußen befand, schien ihm keine Sorgen zu bereiten. Er saß ganz ruhig neben mir und war vollauf damit zufrieden, seinen Kopf unter meiner behandschuhten Hand zu lassen.

Ich trug meinen langen Staubmantel aus Leder, dessen Pelerine mir fast bis zu den Ellbogen fiel, und darunter eine schwarze Arbeitshose, einen Pulli und alte Springerstiefel. Ich hielt meinen Magierstab in meiner rechten Hand, einen langen Stock aus solidem Eichenholz, in den ich eigenhändig von einem Ende zum anderen fließende Runen und Sigillen geschnitzt hatte. Das Silberpentagramm meiner Mutter hing an einer Kette um meinen Hals. Durch die Narben auf meiner Haut spürte ich das silberne, mit winzigen Schilden behangene Armband kaum, das an meinem linken Handgelenk baumelte, aber es war da. Einige Knoblauchzehen, die ich zusammengebunden hatte, ruhten in einer Tasche meines Staubmantels und streiften mein Bein, als ich mein Gewicht verlagerte. Die Ansammlung seltsamer Gegenstände hätte bei einem ahnungslosen Betrachter wahrscheinlich keinen Argwohn erregt, stellte aber ein ziemliches magisches Arsenal dar, das mich schon aus so mancher haarigen Situation befreit hatte.

Mavra hatte mir ihr Ehrenwort gegeben, doch hatte ich genug andere Feinde, die mir nur zu gern eins auswischen wollten. Ich hatte nicht im Geringsten vor, ein leichtes Ziel abzugeben. Aber im Dunkeln auf einem Friedhof herumzustehen, auf dem es spukte, machte mir rasch Angst.

„Komm schon“, brummte ich nach ein paar Minuten. „Was braucht sie denn so lange?“

Mouse stieß ein Knurren aus, das so tief und leise war, dass ich es kaum hörte – aber ich spürte die plötzliche Anspannung und Wachsamkeit meines Hundes, die meinen Arm von meiner verstümmelten Hand bis zum Ellbogen hinauf zum Erbeben brachte.

Ich umfasste meinen Stab fester und sah mich um. Mouse folgte meinem Beispiel, bis seine dunklen Augen etwas folgten, das ich nicht sah. Was auch immer es war, wenn ich nach Mouses Blick ging, kam es näher. Dann hörte ich einen leisen, raschelnden Laut, und Mouse kauerte sich mit gefletschten Zähnen hin, wobei seine Schnauze auf mein offenes Grab gerichtet war.

Ich trat näher an mein Grab. Nebelschwaden waberten vom grünen Rasen hinein. Ich murmelte halblaut ein paar Worte, nahm mein Amulett ab und ließ einen Teil meines Willens in den fünfzackigen Stern fließen, wodurch er in einem gedämpften, blauen Licht aufstrahlte. Ich legte das Amulett über die Finger meiner linken Hand, während ich mit meiner Rechten den Stab umklammerte und ins Grab hinuntersah.

Der Nebel darin sammelte sich plötzlich, verdichtete sich und bildete die Gestalt einer dürren Leiche – die einer Frau, ausgemergelt und ausgetrocknet, als hätte sie Jahre in der Erde gelegen. Die Leiche trug ein Kleid und darüber eine Tunika, wie sie im Mittelalter wohl Brauch waren. Ersteres war grün, zweitere schwarz. Der Stoff war aus einfacher Baumwolle – also moderne Fabrikate und kein tatsächlich historisches Gewand.

Mouses Knurren schwoll zu einem deutlich hörbaren Grollen an. Die Leiche setzte sich auf, öffnete milchig weiße Augen und musterte mich unverwandt. Sie hob eine Hand, in der sie eine weiße Lilie hielt, die sie mir hinhielt. Dann sprach die Leiche mit einer Stimme, die kaum mehr war als ein kratziges Flüstern.

„Magier Dresden. Eine Blume für Ihr Grab.“

„Mavra“, sagte ich. „Sie kommen spät.“

„Es gab Gegenwind“, entgegnete die Vampirin. Sie zuckte mit dem Handgelenk, und die Lilie kam im hohen Bogen herausgesegelt und landete auf meinem Grabstein. Sie folgte der Blume mit einer ähnlichen, grauenhaft grazilen Bewegung, die mich an die unheimliche Grazie einer Spinne erinnerte. Ich bemerkte, dass sie ein Schwert und einen Dolch an einem Waffengurt um die Hüfte trug. Beide sahen alt und gebraucht aus, und ich hätte einen Batzen Geld darauf verwettet, dass beide uralt waren. Sie hielt inne und musterte mich von der anderen Seite meines Grabes aus. Ihr Gesicht hatte sie ganz leicht von dem blauen Licht meines Amuletts abgewandt, wobei sie ihre milchigen Augen jedoch die ganze Zeit auf Mouse gerichtet hatte. „Sie haben Ihre Hand behalten? Nach den Verbrennungen hätte ich angenommen, Sie hätten sie amputieren lassen.“

„Sie gehört mir“, sagte ich, „und geht Sie nicht das Geringste an. Sie verschwenden meine Zeit.“

Die Lippen der Vampirleiche verzogen sich zu einem Lächeln. Tote Hautschuppen rieselten aus ihren Mundwinkeln. Sprödes Haar wie trockenes Stroh war großteils in Fingerlänge abgebrochen, doch hie und da strich noch eine Strähne von der Farbe schimmligen Brotes über die Schultern ihres Kleides. „Sie gestatten Ihrer Sterblichkeit, Sie ungeduldig zu machen. Sicher wollen Sie die Gelegenheit ergreifen, den Angriff auf meine Geißel zu erörtern?“

„Nein.“ Ich legte mein Amulett wieder an und legte meine Hand auf Mouses Kopf. „Ich bin nicht hier, um zu plaudern. Sie haben Dreck über Murphy ausgegraben und wollen etwas von mir. Also raus damit.“

Ihr Gekicher war voller Spinnweben und Sandpapier. „Ich vergesse immer, wie jung Sie sind, bis Sie wieder vor mir stehen“, antwortete sie. „Das Leben verrinnt so schnell. Wenn Sie darauf bestehen, das Ihre zu behalten, sollten Sie es genießen.“

„Irgendwie habe ich nicht gerade viel Spaß dabei, wenn ein egomanischer Superzombie und ich einander Beleidigungen an den Kopf werfen“, brummte ich. Mouse unterstrich den Satz noch mit einem weiteren, dumpfen Grollen. Ich wandte mich ab. „Wenn das alles ist, was Sie zu bieten haben, verschwinde ich.“

Ihr Lachen wurde lauter, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Es war wirklich teuflisch unheimlich. Vielleicht war es die Atmosphäre, aber irgendetwas lag in dem Geräusch, vielleicht war es auch nur die vollkommene Abwesenheit von Dingen, die jemanden normalerweise zum Lachen bringen … es fehlte jegliche Spur von Wärme, von Menschlichkeit, von Freundlichkeit und Freude. Es war wie Mavra selbst – äußerlich in eine vertrocknete menschliche Hülle gekleidet, unter der etwas lauerte, das den schlimmsten Angstträumen entsprungen war.

„Nun gut“, zischelte Mavra. „Dann werden wir uns wohl kurz fassen.“

Ich sah sie misstrauisch an. Irgendetwas an ihrem Verhalten hatte sich geändert, und in meinem Kopf schrillten alle Alarmglocken.

„Finden Sie Kemmlers Wort“, sagte sie. Dann wandte sie sich mit rauschenden dunklen Röcken ab, eine Hand entspannt auf dem Heft ihres Schwertes, als sie Anstalten machte, sich zu entfernen.

„He!“, würgte ich hervor. „Das ist alles?“

„Das ist alles“, antwortete sie, ohne sich umzudrehen.

„Warten Sie mal!“, sagte ich.

Sie blieb stehen.

„Was zur Hölle ist Kemmlers Wort?“

„Eine Spur.“

„Die wo hinführt?“, fragte ich.

„Zur Macht.“

„Ach, und Sie wollen es haben.“

„Ja.“

„Deshalb soll ich es finden.“

„Ja. Allein. Erzählen Sie niemandem von unserer Vereinbarung oder davon, was Sie tun.“

Ich atmete langsam ein. „Was, wenn ich Ihnen rate, zur Hölle zu fahren?“

Mavra hob den Arm. Ein Foto blitzte zwischen zwei ihrer welken Finger auf, doch selbst im Mondlicht konnte ich erkennen, dass Murphy darauf abgebildet war.

„Ich werde Sie aufhalten“, stieß ich hervor, „und selbst wenn mir das nicht gelingt, werde ich hinter Ihnen her sein. Wenn Sie ihr nur ein Haar krümmen, werde ich Sie so heftig beseitigen, dass Ihre zehn letzten Opfer auf wundersame Weise wieder auferstehen!“

„Ich muss nicht einmal Hand an sie legen“, sagte sie. „Ich werde der Polizei die Beweise zukommen lassen. Die Behörden der Sterblichen werden sie bestrafen.“

„Das dürfen Sie nicht“, sagte ich. „Auch wenn Magier und Vampire im Krieg liegen, lassen wir die Sterblichen außen vor. Wenn Sie die Behörden der Sterblichen in die Angelegenheit hineinziehen, wird das der Rat ebenfalls tun, und dann werden die Roten dem Beispiel folgen. Sie könnten die ganze Angelegenheit zu einem kompletten, weltweiten Chaos eskalieren lassen.“

„Wenn ich vorhätte, die Behörden der Sterblichen gegen Sie einzusetzen, möglicherweise“, gab Mavra zu. „Sie gehören dem Weißen Rat an.“

Mein Magen verkrampfte sich, als es mir dämmerte. Ich war Mitglied des Weißen Rates, ein bekannter Bewohner der über-natürlichen Welt.

Aber Murphy nicht.

„Die Beschützerin des Volkes“, brummte Mavra. „Die Gesetzes-hüterin wird als Mörderin überführt werden, und ihre einzige Rechtfertigung wird klingen wie das Gestammel einer Wahnsinnigen. Sie ist bereit, im Gefecht zu sterben, Magier. Aber ich werde sie nicht bloß ermorden. Ich werde sie komplett vernichten. Ich werde ihr Lebenswerk und ihr Herz auslöschen.“

„Du Schlampe“, grollte ich.

„Aber gewiss.“ Sie sah mich über ihre Schulter hinweg an. „Wenn Sie nicht bereit sind, die Zivilisation der Sterblichen zu beseitigen – oder zumindest genug davon, um ihr Ihren Willen aufzuzwingen –, können Sie überhaupt nichts tun, um mich aufzuhalten.“

Zorn explodierte irgendwo in meiner Brust und wogte wie rotes Feuer durch meinen Körper und meine Gedanken. Mouse walzte vorwärts auf Mavra zu, und der Nebel erzitterte unter seinem anschwellenden Knurren. Am Anfang war mir nicht klar, dass er meiner Führung folgte. „Das wollen wir erst mal sehen“, fauchte ich. „Falls ich mich nicht auf einen Waffenstillstand mit dir eingelassen hätte, würde ich …“

Mavras leichengelbe Zähne blitzten in einem gespenstischen Lächeln auf. „… mich an Ort und Stelle vernichten, Magier. Aber das würde Ihnen nichts nützen. Wenn ich es nicht verhindere, werden die Fotos und andere Beweisstücke an die Polizei gesandt werden, und ich werde es nur verhindern, wenn Sie mir Kemmlers Wort beschafft haben. Finden Sie es. Bringen Sie es mir bis zur Mitternacht in drei Tagen, und ich werde Ihnen die Beweise aushändigen. Sie haben mein Wort.“

Sie ließ das Foto Murphys fallen, und eine Art ekelerregendes, violettes Licht umspielte es, während es zu Boden glitt. Der durchdringende Geruch verbrannter Chemikalien stieg mir in die Nase.

Als ich meinen Blick wieder zu Mavra wandte, war sie fort.

Ich stapfte langsam zu dem heruntergefallenen Foto Murphys, wobei ich mich anstrengte, meinen Zorn niederzukämpfen und meine übernatürlichen Sinne schweifen zu lassen. Ich fühlte nicht die geringste Spur von Mavras Präsenz in meiner Nähe, und in den nächsten Sekunden verebbte auch das Knurren meines Hundes zu einem leisen, argwöhnischen Laut der Unsicherheit – der schließlich ebenfalls verstummte. Auch wenn mir nicht alle Einzelheiten bekannt waren, war Mouse kein gewöhnlicher Hund, und wenn Mouse keine Bösewichte mehr wittern konnte, die sich im Schatten herumdrückten, dann weil sich eben keine Bösewichte im Schatten herumdrückten.

Die Vampirin war nicht mehr da.

Ich hob das Bild auf. Murphys Gesicht war verunstaltet worden. Die dunkle Energie hatte Spuren in Form von Zahlen darauf hinterlassen. Eine Telefonnummer. Niedlich.

Mein gerechter Zorn verpuffte langsam, und er ging mir jetzt bereits ab. Wenn er verschwunden war, würden an seiner Stelle nur krankhafte Sorge und Furcht auf mich warten.

Falls ich nicht für eine der schlimmsten Kreaturen, mit der ich es jemals zu tun gehabt hatte, arbeitete, würde sie Murphy in der Kälte zum Trocknen aufhängen lassen.

Besagte Kreatur war hinter Macht her – und ihr blieb dazu nur eine bestimmte Frist. Falls Mavra etwas so eilig benötigte, bedeutete das, dass irgendwo ein Machtkampf schwelte, und Mitternacht in drei Tagen hieß Halloween. Außer dass es mir den Geburtstag gründlich versauen würde, bedeutete das auch, dass früher oder später schwarze Magie ins Spiel kommen würde, und zu dieser Jahreszeit konnte das nur eines bedeuten.

Nekromantie.

Da stand ich nun auf dem Friedhof, starrte in mein eigenes Grab hinab und begann zu zittern. Aber nur teilweise, weil mir kalt war.

Ich fühlte mich allein.

Mouse stieß einen Ton aus, der gerade noch kein besorgtes Winseln war, und lehnte sich an mich.

„Komm schon, alter Knabe“, sagte ich zu ihm. „Lass uns heimgehen. Es hat keinen Sinn, wenn mehr als einer von uns in diese verzwickte Angelegenheit hineingerät.“

3. Kapitel

Ich brauchte Antworten.

Höchste Zeit, das Labor aufzusuchen.

Mouse und ich kehrten im Blauen Käfer, meinem getreuen Rappen in Gestalt eines zerbeulten Volkswagens, wieder zu meinem Appartement zurück. Verschiedene Türen und Karosserieteile des Autos waren roten, weißen und grünen Ersatzteilen gewichen: Mein Mechaniker Mike hatte es sogar geschafft, die Kühlerhaube zumindest ansatzweise in ihren Urzustand zurückzuhämmern, die ein amoklaufender böser Bube ziemlich außer Form geprügelt hatte. Ich hatte kein Geld für eine Lackierung, also hatte sich Grundierungsgrau zum Gesamtensemble hinzugesellt.

Mouse war zu schnell gewachsen, als dass er es einigermaßen elegant aus dem Auto geschafft hätte. Er nahm einen Großteil des Rücksitzes in Beschlag, und wenn er von dort aus nach vorne und aus der Fahrertür kraxelte, erinnerte er mich an eine Doku, die ich gesehen hatte, in der ein neuseeländischer Seeelefant über einen Parkplatz gewatschelt war. Er hüpfte nichtsdestotrotz fröhlich aus dem Auto, hechelte und wedelte zufrieden mit dem Schwanz. Mouse liebt es autozufahren. Dass das Fahrziel ein geheimes Treffen auf einem Friedhof gewesen war, schien ihm den Spaß nicht im mindesten zu verderben. Der Weg war das Ziel. Mouse war schon eine ganz schöne Zen-Seele.

Mister war noch nicht wieder zurück, und Thomas ebenso wenig. Ich bemühte mich, mir darüber nicht zu sehr den Kopf zu zerbrechen. Mister hatte sich allein ganz gut durchgeschlagen, ehe ich ihn gefunden hatte, und begab sich gerne mal auf ausgedehnte Streifzüge. Er konnte auf sich aufpassen. Bis auf die letzten Monate hatte auch Thomas es passabel geschafft, ohne mich zu existieren. Er konnte auch auf sich aufpassen.

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