¡Es reicht! - Carmen Boullosa - E-Book

¡Es reicht! E-Book

Carmen Boullosa

0,0
15,99 €

Beschreibung

Seit Jahren lesen wir über die Schrecken, die der Krieg gegen die Drogen in Mexiko mit sich bringt. Das Massaker an 43 Studenten in der Region Guerrero ist nur die letzte Meldung, die internationale Schlagzeilen gemacht hat – die Eskalation der Gewalt hat Ausmaße angenommen, die schon lange nicht mehr tragbar sind. Wann und wie fing dieser absurde Krieg gegen die Drogen an, wer hat ihn begonnen und warum? Wer profitiert dabei und welche fatalen Konsequenzen hat er für eine Gesellschaft? Die renommierten Autoren Carmen Boullosa und Mike Wallace konfrontieren uns in dieser Streitschrift mit den deprimierenden historischen und politischen Fakten: Bevor der Krieg gegen die sich vermeintlich wild verbreitenden Drogen in Gang gesetzt wurde, war Mexiko eines der Länder Lateinamerikas mit der geringsten Kriminalitäts- und Abhängigkeitsrate – heute gilt es als eins der Länder, die die größten Probleme mit der komplexen Verflechtung von Drogen, Kriminalität und Gewalt haben. Doch das Massaker an den 43 Studenten war mehr als ein weiteres Verbrechen – es scheint eine Zäsur in der fatalen Geschichte dieses absurden Krieges zu sein. Große Teile der mexikanischen Gesellschaft protestieren gegen die unzumutbaren Zustände in ihrem Land, gegen die Politik der Prohibition und Repression, die es in einhundert Jahren nicht geschafft hat, die Probleme zu lösen, sondern entscheidend zur Eskalation der Gewalt beigetragen hat. Es reicht! Einhundert Jahre verfehlte Politik sind genug – es ist an der Zeit über eine neue globale Drogenpolitik zu sprechen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 398

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Carmen BoullosaMike Wallace

iES REICHT!

Der Fall Mexiko: Warum wir eineneue globale Drogenpolitik brauchen

Aus dem Englischen vonGabriele Gockel undThomas Wollermann

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

EINLEITUNG Die Dreiundvierzig

EINS 1910–1940

ZWEI 1940–1960

DREI 1960–1980

VIER 1980–1990

FÜNF 1988

SECHS 1990–2000

SIEBEN 2000–2006

ACHT 2006

NEUN 2006–2012

ZEHN 2012

ELF 2012 –

ZWÖLF Aufbruch zu neuen Ufern

Anmerkungen

Dank

Bibliografie

EINLEITUNG

Die Dreiundvierzig

Ayotzinapa ist ein kleines Dorf unweit des Städtchens Tixtla in einer abgelegenen Bergregion von Guerrero, einem Bundesstaat im Süden Mexikos. Von Guerrero kennt man meist nur den Pazifikhafen Acapulco, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts ein mondänes Touristenziel war. Stars wie John Wayne, Elizabeth Taylor, Frank Sinatra und Lana Turner waren dort oft gesehene Gäste. Das Guerrero von heute ist ein armer Bundesstaat, und Ayotzinapa liegt in einer seiner ärmsten Regionen.

Im Zentrum des Dorfes befindet sich ein Lehrerseminar. Es wurde 1933 auf dem Gelände einer ehemaligen Hazienda aus der Kolonialzeit eingerichtet, um der isoliert lebenden, ärmlichen Bevölkerung des ländlichen Mexiko eine Chance auf Bildung zu eröffnen. Die Einrichtung entstand als Teil eines Netzwerks sogenannter »Normalschulen«, die von den Ideen sozialer Gerechtigkeit geprägt waren, welche die Mexikanische Revolution (1910–1920) hervorgebracht hatte. Diese Bildungseinrichtungen setzten es sich zum Ziel, den angehenden Lehrern nicht nur Kenntnisse, sondern auch politisches Bewusstsein zu vermitteln, damit sie einen Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft leisten konnten. Zwei bekannte Bauernführer, Lucio Cabañas Barrientos und Genaro Vázquez Rojas, die in den 1960er und 1970er Jahren Guerillaaufstände der Bauern anführten, hatten dort in den 1950ern ihren Abschluss gemacht. Die Schule ist heute stolz auf diese Tradition. Wandbilder zeigen Karl Marx und Che Guevara, und über dem Eingang steht die Inschrift: »Unseren gefallenen Kameraden, die nicht begraben, sondern als Saat ausgestreut wurden, damit die Freiheit erblühen kann.«

Ein großer Teil der kämpferischen Energie der 522 Seminaristen (sämtlich männlich, zwischen achtzehn und vierundzwanzig Jahren alt, viele indianischer Herkunft) fließt in den Erhalt der Schule. Viele sind überzeugt, dass die Behörden die Schule schließen wollen, ebenso die anderen sechzehn Lehrerseminare auf dem Land, obwohl ungefähr ein Fünftel der 3,4 Millionen Einwohner von Guerrero nicht lesen und schreiben kann. Die Seminaristen erhalten einen Peso am Tag (ungefähr sieben US-Cent) für ihre persönlichen Ausgaben, dazu Verpflegung und Unterkunft auf sehr bescheidenem Niveau. Sie ziehen ihr eigenes Gemüse, halten Hühner, reparieren die baufälligen Gebäude und schlafen in kahlen Räumen, die weniger Betten als Bewohner haben.

Regelmäßig klappern sie in den umliegenden Ortschaften für ihr Seminar mit der Sammelbüchse. Botear nennen sie das. Außerdem fordern sie auf Demonstrationen mehr finanzielle Unterstützung und mehr Lehrerstellen für die Abgänger. Als 2014 die Zuwendungen sanken, gingen die Seminaristen auf die Barrikaden. »Wenn wir uns nicht bemerkbar machen, bekommen wir gar nichts«, erklärte mir eine neunzehnjährige Studentin. »Man speist uns mit Krümeln ab.«

Gelegentlich »borgen« sie sich auch Busse von Staatsunternehmen – will sagen, sie entführen sie. Der Staat stellt nicht genügend Busse zur Verfügung, und es ist ein weiter Weg zu den Schulen in den abgelegenen Bergdörfern, in denen sie ihre Praktika absolvieren, und in die Städte, in denen sie Geld aufzutreiben versuchen. Manchmal gehen sie auch einen Schritt weiter und benutzen die Busse, um Mautstellen an der Autobahn zu blockieren, die von Acapulco Richtung Norden nach Mexico City führt. Sie skandieren dann ihre Parolen und fordern von den aufgebrachten Autofahrern einen Obulus. Da die Busse (und die Fahrer) immer wohlbehalten zurückkehren, tolerieren die Behörden diese Praxis im Großen und Ganzen – natürlich zum großen Ärger der Busunternehmen.

Am Nachmittag des 26. September 2014, einem Freitag, dem Ende der zweiten Studienwoche, brachen ungefähr hundert Studenten – fast alle Studienanfänger – zu einer Exkursion auf. Viele Einzelheiten über ihre Absichten, den Verlauf der Reise und ihr schreckliches Ende sind noch immer unklar, was angesichts des Aufruhrs, den die Angelegenheit in der heimischen wie internationalen Presse ausgelöst hat, erstaunlich ist. So gut wie jeder Aspekt der Geschehnisse dieses Tags ist umstritten. Das liegt teils am normalen Rashomon-Effekt einander widersprechender Zeugenaussagen, teils ist es die Folge von Inkompetenz, Korruption und Lügen. Es gibt keine allgemein akzeptierte Version, was mit diesen Studenten an jenem Tag geschehen ist – insbesondere mit dreiundvierzig von ihnen. Die folgende Einleitung stützt sich auf die Recherchen zahlreicher unabhängiger Journalisten (darunter John Gibler und Esteban Illades), die Erinnerungen beteiligter Studenten, die Geständnisse mutmaßlicher Täter und die Untersuchungsergebnisse offizieller Stellen. Es ist »eine« Geschichte – nicht »die« Geschichte – dessen, was in diesen 48 Stunden geschah, und sie ist, wie wir sehen werden, nicht unumstritten.

* * *

Am 20. September 2014 wurde bei einer Versammlung von Studenten der Normalschulen beschlossen, dass am Donnerstag, dem 2. Oktober, Seminaristen verschiedener Ausbildungseinrichtungen in Ayotzinapa zusammenkommen und von dort gemeinsam in das ungefähr 400 Kilometer nördlich liegende Mexico City fahren sollten. Sie wollten an einer jährlich stattfindenden Gedenkveranstaltung für die 1968 bei einem Protestmarsch getöteten Studenten teilnehmen. Zu diesem Zweck benötigte man etwa 25 Busse, und die Seminaristen von Ayotzinapa erklärten sich bereit, diese zu »borgen«. Am 22. September brach eine Gruppe Studenten aus der Bergregion auf und fuhr ungefähr 15 Kilometer über die durch ein Tal führende Landstraße Richtung Westen nach Chilpancingo, der Hauptstadt von Guerrero, die an der Autobahn von Acapulco nach Mexico City liegt. Hier bemächtigten sie sich zweier Busse. Doch als sie am folgenden Tag wiederkamen, wurden sie von der Bundespolizei vertrieben. Am 25. September versuchten sie es an einer weniger gut bewachten Stelle und kehrten mit zwei weiteren Bussen zurück. Das war aber bei Weitem nicht genug, und so beschlossen sie, am nächsten Tag deutlich mehr Busse zu organisieren.

Die Aufgabe wurde etwa hundert Erstsemestern übertragen, die erst seit zwei Wochen das Lehrerseminar besuchten und gerade einmal Zeit gefunden hatten, sich die Haare scheren zu lassen – das übliche Ritual für Neulinge. Die stoppelhaarige Einsatztruppe sollte von acht erfahrenen Veteranen früherer Beutezüge angeführt werden. In zwei Bussen brach man Richtung Norden nach Iguala (118.000 Einwohner) auf. Bevor sie dort ankamen, beschlossen die Anführer, an deren Spitze Bernardo »El Chiloco« Flores stand, sich zu teilen. Ein Bus bog nach Osten in eine Straße, die zur Stadt Huitzuco (20.000 Einwohner) führte, und hielt dort an einem Restaurant, das ein bekannter Anlaufpunkt für Busse Richtung Iguala war. Der andere Bus setzte die Fahrt Richtung Norden fort und hielt kurz vor der Stadt an einer Autobahn-Mautstelle, wo es den Studenten aus Ayotzinapa gelang, einen Bus zu kapern, der Richtung Iguala unterwegs war. Sie einigten sich mit dem Fahrer, zehn der Studenten kletterten in diesen dritten Bus und fuhren zu einem Busdepot in der Innenstadt, wo sie gegen 20:00 Uhr eintrafen.

Dort erlebten die Jugendlichen zwei unangenehme Überraschungen. Nachdem die Passagiere ausgestiegen waren, entfernte sich der Busfahrer, um sich bei seiner Gesellschaft zu melden, versprach aber wiederzukommen. Nicht nur, dass er fortblieb, er hatte die Studenten auch im Bus eingeschlossen. Die unerfahrenen Jugendlichen bekamen es mit der Angst zu tun und riefen »El Chiloco« an. Der machte sich unverzüglich mit seinem Bus auf den Weg, um ihnen aus der Patsche zu helfen. In der Zwischenzeit hatten die Studenten aber bereits die Scheiben eingeschlagen und sich befreit. Die zweite Überraschung war, dass die städtische Polizei mit gezogenen und entsicherten Waffen anrückte. Im selben Moment traf bereits die Verstärkungstruppe ein, etwa fünfzig Studenten, nur wenig später gefolgt von dreißig weiteren. Zusammen zählten sie nun an die neunzig, und sie hatten sich auf dem Weg mit Steinen eingedeckt. Die Polizei trat den Rückzug an. Aber es war nicht das übliche Spiel. Zwischen der Polizei von Iguala und den radikalen Studenten hatte es schon viele harte Auseinandersetzungen gegeben, doch zum Einsatz von Schusswaffen war es dabei nur sehr selten gekommen. Was die Studenten nicht wussten (es gibt allerdings verschiedene Ansichten darüber, wer was wann wusste), war, dass sich die Polizei in höchster Alarmbereitschaft befand, weil nur wenige Blocks vom Busdepot entfernt der Bürgermeister von Iguala, José Louis Abarca, und seine Frau María de los Ángeles Pineda Villa eine öffentliche Großveranstaltung abhielten.

* * *

Mit dem Bürgermeister und seiner Frau war nicht zu spaßen. Abarca pflegte enge Verbindungen zu einer gefährlichen Drogenbande, den Guerreros Unidos, dem bewaffneten Arm des einstmals mächtigen Cártel de los Beltrán Leyva. Als das Kartell 2009 zerschlagen wurde, machten sich die Guerreros selbstständig und übernahmen die Produktion und Verarbeitung von Rohopium, das sie in Reisebussen versteckt direkt nach Chicago lieferten. Das zweite Standbein der Guerreros Unidos sind Kidnapping und Erpressung. Sie sind dafür bekannt, nachts maskiert in Iguala und ganz Guerrero Leute von der Straße weg zu entführen, denen sie dann eine Stunde Zeit geben, um 1000 Dollar aufzutreiben. Außerdem kommt es im Kampf um die Kontrolle des Drogenhandels in Guerrero immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit Splittergruppen, die aus dem zerfallenen Beltrán-Leyva-Kartell hervorgegangen sind, insbesondere mit einer Drogenbande namens Los Rojos. Ihre häufigen Schießereien, die auf dem Land Massengräber füllten, trugen dazu bei, dass die Mordrate des Bundesstaates auf dreiundsechzig pro Jahr und 100.000 Einwohner anstieg, fast so hoch wie die von Honduras, dem traurigen Weltmeister in dieser Disziplin.

Abarcas Verbindung zu den Guerreros kam vor allem durch seine Frau zustande. Pineda stammte aus einer Familie von Drogendealern – ihr Vater und ihre drei Brüder hatten für das Beltrán-Leyva-Kartell gearbeitet, als dieses auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, und wurden dann Guerreros (zwei Brüder fanden 2009 im Bandenkrieg den Tod). Die mexikanische Bundespolizei eröffnete 2010 auch gegen Pineda ein Verfahren wegen »delitos contra la salud« (Straftaten im Zusammenhang mit Drogenhandel), das jedoch aus unbekannten Gründen eingestellt wurde.

Abarca begann seine Karriere als Sandalenhändler, bevor er einen kometenhaften Aufstieg nahm. Mit Geldmitteln aus dubiosen Quellen wurde er zu einem bedeutenden Immobilienbesitzer, kaufte Häuser, Juweliergeschäfte, baute ein Einkaufszentrum (auf einem Grundstück, das kostenlos vom Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellt wurde, nachdem Regierungsvertreter des Bundesstaates Guerrero intensive Lobbyarbeit für ihn betrieben hatten). 2012 konnte er sich das Bürgermeisteramt unter den Nagel reißen, obwohl vor der Wahl gewarnt worden war, dass die Stadt damit dem organisierten Verbrechen anheimfallen werde. (Einer der Mahner wurde wenige Wochen nach Abarcas Amtsantritt tot aufgefunden.) Der neue Bürgermeister setzte elf Familienmitglieder auf die Gehaltsliste der Stadt. Sein Neffe Felipe Flores wurde Polizeichef, und es war ein offenes Geheimnis, dass die Polizei nun de facto eine Abteilung der Guerreros Unidos war, die nicht nur die Bevölkerung erpressten, sondern Iguala auch zu einer Basis für ihren Drogenhandel machten. Bei Bedarf unterstützten sie den Bürgermeister auch mit bewaffneten Einsätzen.

Im Mai 2013 hatte Abarca diese Leute auf den Aktivisten Arturo Hernández Cardona losgelassen, der in Iguala eine Demonstration von unzufriedenen Bauern und Bergarbeitern angeführt hatte. Zeugenaussagen zufolge arrangierte Abarca die Entführung und Folterung von Hernández Cardona und erschien persönlich, um dem Opfer zu sagen: »Du hast mich angepisst, daher werde ich mir das Vergnügen gönnen, dich zu töten«, worauf er ihn eigenhändig erschossen haben soll. Die Studenten aus Ayotzinapa, die Hernández Cardona nahestanden, demonstrierten vor dem Rathaus. Raul Vera, der ortsansässige Bischof, forderte eine Untersuchung der Morde. Er wandte sich sogar an Menschenrechtsorganisationen in den USA – aber die Behörden erklärten, der Bürgermeister genieße Immunität, und nichts geschah. Die Stadt war ein rechtsfreier Raum geworden. »Schlächter sind an der Macht«, sagte Bischof Vera. Tatsächlich war kaum noch eine Grenze zwischen Politikern und Kriminellen erkennbar.

Noch deutlicher wurde dies im Fall der Frau des Bürgermeisters. Als sie und ihr Mann im Jahr 2012 das Stadtregiment übernahmen, wurde Pineda nach Aussage eines Drogenbosses zur »Schlüsselfigur« der dunklen Seite der Stadt. In der Öffentlichkeit gefiel sich Pineda in der Rolle der großzügigen Bürgermeistersgattin und ließ sich gern als Wohltäterin im Kreise ihrer Schützlinge fotografieren. Am 26. September 2014 sollte sie den jährlichen Bericht der örtlichen Vertretung des Sistema Nacional para el Desarrollo Integral de la Familia, kurz DIF genannt, vorstellen, einer staatlich finanzierten Sozialeinrichtung zur Familienförderung. Nach Aussage zahlreicher Beobachter wollte sie die Gelegenheit auch dazu nutzen, öffentlich ihre Kandidatur als Nachfolgerin ihres Mannes anzukündigen. Nach der Zeremonie auf dem zentralen Platz der Stadt war eine Party unter freiem Himmel geplant. Zur Sicherstellung einer eindrucksvollen Zuhörerkulisse wurden 4.000 Arme als acarreados, bezahlte Claqueure, herbeigekarrt. Die Party war in vollem Gange, als die Nachricht eintraf, dass die Seminaristen aus Ayotzinapa wieder einmal in der Stadt seien, und zwar vermutlich mit der Absicht, die Festtagsstimmung zu stören. Die herrschsüchtige First Lady – stilistisch eine Mischung aus Marie Antoinette und der bösen Fee Malefiz aus Disneys Zeichentrickfilm Dornröschen – spuckte Gift und Galle über die jungen Leute, mit denen sie schon bei anderer Gelegenheit aneinandergeraten war: »Schmuddelbande«, »Kriminelle«, »Gauner«, »Schmarotzer«, das waren so die Vokabeln, die sie benutzte. Und dann gab entweder sie oder der Bürgermeister die Parole aus: »Stoppt sie, haltet sie fest, erteilt ihnen eine Lektion.«

* * *

Im Busdepot hatten die mittlerweile hundert Seminaristen den Bus mit den zerschlagenen Scheiben gegen zwei neue ausgetauscht. Da sie damit rechneten, dass die Polizei wiederkommen würde, beschlossen sie, so rasch wie möglich die Stadt zu verlassen. Die Kolonne von inzwischen vier Bussen fuhr auf einer der großen Straßen durch dichten Verkehr Richtung Norden auf den Platz zu, auf dem die Versammlung stattfand.1 Anscheinend wollten sie kurz davor abbiegen und in östlicher Richtung eine Auffahrt auf den Autobahnring nehmen, der sie nach Ayotzinapa zurückbringen würde. Das gelang nur einem der Busse, bevor die Polizei anrückte. Den anderen drei Bussen blieb nichts übrig, als weiterzufahren, direkt an dem Platz vorbei, auf dem sich gerade die Veranstaltung zerstreute, und eine andere Auffahrt auf die Autobahn anzusteuern. Die Polizei jagte hinter und neben den Bussen her, feuerte Warnschüsse in die Luft, und kurz vor der Autobahnauffahrt schnitten weitere Polizeifahrzeuge der Buskolonne den Weg ab und zwangen sie zum Anhalten.

Und dann begann die Polizei, gezielt zu schießen. Unterstützt wurden sie dabei von der Polizei aus der Nachbarstadt Cocula, die den Guerreros Unidos noch näher stand als die aus Iguala. Außerdem tauchten zwei Zivilfahrzeuge mit Maskierten auf, die mit Maschinenpistolen um sich schossen. Mehrere Seminaristen wurden getötet oder verwundet, fünfundzwanzig bis dreißig verhaftet und in Polizeifahrzeugen abtransportiert.

Andere flohen im Schutz der Dunkelheit und versteckten sich. Einigen wurde von Bewohnern geholfen – eine ältere Frau nahm eine ganze Gruppe auf, ein Mann rettete ebenfalls mehrere, andere wurden abgewiesen. Ein Trupp Seminaristen brachte einen verwundeten Kommilitonen in ein nahe gelegenes Krankenhaus. Dort teilte ihnen ein Arzt mit, er werde einen Krankenwagen rufen, benachrichtigte aber stattdessen die Armee. Das 27. Infanteriebataillon war in Iguala kaserniert und hatte unter anderem die Aufgabe, Verbrecher wie die Guerreros Unidos in Schach zu halten. Doch die Soldaten erwiesen sich keineswegs als hilfreich für die Seminaristen. Gegen Mitternacht tauchten sie in voller Kampfmontur auf, ließen die Studenten an der Wand Aufstellung nehmen, nahmen ihre Personalien auf, fotografierten sie, konfiszierten ihre Handys und drohten, sie der städtischen Polizei zu übergeben. »Ihr hattet den Mumm, Stunk zu machen, jetzt habt auch den Mumm, den Preis dafür zu zahlen«, sagten sie. Aber am Ende ließen sie sie laufen.

Am schlimmsten von allen, die aus den Bussen geflohen waren, traf es Julio César Mondragón. Weil er aus Mexico City stammte, für einen Seminaristen aus Ayotzinapa eher ungewöhnlich, wurde er auch »El Chilango« genannt. Irgendwann fiel er bislang unbekannten Tätern in die Hände, die ihn folterten, ihm die Augen ausstachen, die Haut vom Gesicht rissen, ihn anschließend erschossen und die Leiche auf die Straße warfen.2

* * *

In der Zwischenzeit traf den verbliebenen Bus dasselbe Schicksal wie die drei anderen. Er wurde kurz vor der Autobahn abgefangen und von der Polizei umstellt, die prompt das Feuer eröffnete. Sie seien keine Kriminellen, riefen die Seminaristen, sondern bloß Studenten. Wahrscheinlich dachten sie, es handle sich um eine Verwechslung. Doch die Polizisten schrien nur zurück: »Interessiert uns einen Dreck!« Die Studenten klaubten Steine auf und bewarfen die Polizisten, aber als noch mehr Einsatzwagen anrückten, ergriffen sie die Flucht. Einige entkamen, zwei wurden getötet, mehrere verwundet, circa zehn gefangen genommen und in Polizeiautos verfrachtet.

Ungefähr zur selben Zeit wurde in einem ganz anderen Teil der Stadt ein weiterer Bus voller junger Leute von der Polizei unter Feuer genommen, die irrtümlich annahm, es handele sich ebenfalls um Seminaristen aus Ayotzinapa. Doch es war eine Fußballmannschaft aus Chilpancingo, die zu einem Spiel gegen Iguala angereist war und sich nun auf dem Heimweg befand, um ihren Sieg zu feiern. Der Fahrer und ein Insasse wurden bei diesem Vorfall getötet, mehrere verwundet. Als die Polizisten ihren Irrtum bemerkten, riefen sie einen Krankenwagen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei bereits sechs Menschen getötet und dreiundzwanzig verletzt.

* * *

Noch während des Massakers wurde Ángel Aguirre, der Gouverneur von Guerrero, telefonisch von offiziellen Stellen über die Schießerei in Iguala informiert. Es ist nicht bekannt, ob der Gouverneur mit dem Bürgermeister in Kontakt trat, sicher ist jedoch, dass er mit der Frau des Bürgermeisters sprach (mit der er Gerüchten zufolge eine Affäre hatte; Pineda scheint auch Geld für Aguirres Wahlkampf lockergemacht zu haben). Am Ende unternahm der Gouverneur nichts, um die Polizei zu stoppen; dies falle nicht in seinen Zuständigkeitsbereich, meinte er.

Der Bürgermeister behauptete später, während des ganzen Abends nicht über die Ereignisse unterrichtet worden zu sein. Er gab lediglich zu, von Studentenkrawallen in der Innenstadt gehört zu haben, beharrte jedoch darauf, die Polizei angewiesen zu haben, nicht auf die »Provokationen« zu reagieren. Er könne gar nichts mit den Schüssen auf die Busse zu tun gehabt haben, argumentierte Abarca, denn die Party seiner Frau im Anschluss an die Veranstaltung sei in vollem Gang gewesen: »Ich habe getanzt«, sagte er, und gab sogar die Stücke an, zu denen er mit seiner Frau auf dem Parkett gewesen sein wollte. Danach sei er nach Hause gefahren und habe tief und fest geschlafen. Die Wahrheit ist, dass Pineda und er die ganze Nacht über mit der Angelegenheit befasst waren – auf seinem Handy fanden sich zehn Anrufe, auf ihrem 25, der letzte um drei Uhr in der Frühe.

Auch bei Gildardo »El Cabo Gil« López, der Nummer zwei der Guerreros Unidos, dem Verbindungsmann zur Polizei von Iguala und Cocula, liefen die Drähte heiß. »El Cabo Gil« sorgte dafür, dass die gefangenen Studenten zu ihm nach Loma del Coyote gebracht wurden, ein Dorf westlich von Iguala an der Straße nach Cocula. Er nahm auch Kontakt mit seinem Boss Sidronio Casarrubias Salgado auf, dem amtierenden Oberhaupt der Guerreros Unidos. Per SMS teilte er ihm mit: »Los Rojos greifen uns an!« – woraufhin die sich überschlagenden Ereignisse weiter eskalierten. Schon möglich, dass »El Cabo Gil« besonders empfindlich auf Aktionen der Los Rojos reagierte, da der Tod seines Vaters auf das Konto dieser rivalisierenden Bande ging, trotzdem ist es verwunderlich, wie er überhaupt darauf kam, da die Polizei, mit der er in Kontakt stand, keineswegs diesem Irrtum verfiel. Doch wie auch immer, Casarrubias gab über sein BlackBerry per SMS die Parole aus: »Stoppt sie, koste es, was es wolle.«

Damit war die Kontrolle über die Operation auf die Narcos übergegangen. Die Polizeibezirke lieferten ihnen zwei Gruppen von Studenten aus, etwa dreißig, die aus dem Buskonvoi fortgeschleppt worden waren, und weitere zehn, die man bei der zweiten Konfrontation gefangen genommen hatte. Die Studenten wurden mit Seilen und Draht gefesselt und auf zwei Pick-ups verfrachtet, einen Nissan Estaquita und einen 3,5-Tonner der Marke Ford. Die meisten wurden auf der Ladefläche des Ford im wahrsten Sinn des Wortes aufeinandergestapelt, fünf, die absolut nicht mehr draufpassten, auf den Nissan gepackt. Flankiert von einer sechzehnköpfigen Motorradeskorte brausten sie Richtung Cocula davon und bogen auf eine holprige Piste ab, die zu einer Mülldeponie führte, wo sie zwischen halb eins und eins in der Nacht ankamen. Es nieselte, und abgesehen von den Lichtern der Autos und Motorräder war es stockfinster.

Die sechzehn Mörder zerrten die Studenten aus den Autos und zwangen sie am Rand eines Grabens auf den Boden. Ungefähr fünfzehn waren schon unterwegs gestorben, offensichtlich erstickt. Etwa dreißig waren noch am Leben, sie weinten und schrien. Sie wurden »verhört«, wie einer ihrer geständigen Peiniger berichtete. Die Guerreros Unidos wollten nach eigener Darstellung herausbekommen, ob die Studenten Verbindungen zu Los Rojos hatten, was diese natürlich verneinten, bis einer unter Schlägen und Folter zusammenbrach und »gestand«, worauf gegen 2:00 Uhr alle erschossen wurden, einer nach dem anderen.

Die Leichen wurden anschließend wie Klafterholz im Graben gestapelt, mit Diesel und Benzin übergossen und angezündet. Die Mörder unterhielten das Feuer bis zum Nachmittag des folgenden Samstags, dem 27. September, ungefähr fünfzehn Stunden lang, mit allem Brennbaren, das sich auf dem Müllplatz auftreiben ließ – Papier, Plastik, Bretter, Äste, Reifen und Treibstoff, den sie mit den Motorrädern herbeischafften. Die Reste, bloß noch Asche und Knochenstücke, wurden zerstoßen. »Die findet keiner mehr«, meldete »El Cabo Gil« per SMS an Casarrubias.

* * *

Erwähnt sei noch, dass manche behaupten, die Geschichte habe sich anders und noch furchtbarer zugetragen. Die Studenten seien in die Hände des Militärs geraten, in eine Kaserne verschleppt und dort in Krematorien verbrannt worden. Wie es dazu gekommen sein soll, ist unklar – denn hiernach müssten die Bandenmitglieder ihre Gefangenen irgendwie an die Soldaten übergeben haben, zudem müsste es zu Vertuschungsoperationen auf höchster Regierungsebene gekommen sein.

Undenkbar ist das nicht. Die Armee liegt seit Langem im Clinch mit linken Protestlern; es ist schon einige Jahrzehnte her, aber sie ermordete beispielsweise den Guerillero und Grundschullehrer Lucio Cabañas Barrientos, einen Absolventen aus Ayotzinapa, der jahrelang dem Militär getrotzt und es damit gedemütigt hatte. In jüngerer Zeit wird dem Militär maß- und wahlloser Gewalteinsatz gegen Zivilisten vorgeworfen, einschließlich Folter und Massaker, deren Spuren anschließend beseitigt werden. Außerdem stellt sich bei dieser Version die Frage, wie es überhaupt möglich war, dass eine Drogenbande eine Stadt mit einer Armeegarnison beherrschen konnte.

Möglich, dass sie nur ein paar in ihren Augen gefährliche Unruhestifter festsetzen wollten, um ihnen »eine Lektion zu erteilen«, sie aber dann lieber beseitigten und die Schuld dafür den Drogenverbrechern in die Schuhe schoben, als sie merkten, welche politischen Probleme sie sich damit einhandelten. Bei der notorischen Weigerung der Bundesbehörden, Fehlleistungen jeglicher Art einzugestehen, könnten auch sie sich an einer Vertuschungsaktion beteiligt haben. Vielleicht haben sie sogar die später gefassten Bandenmitglieder so lange gefoltert, bis sie die Tat auf sich nahmen.

In der festen Überzeugung, dass es sich genau so abgespielt hat, sind viele Mexikaner mit der Forderung auf die Straße gegangen, die Kasernen für Ermittlungen zu öffnen. Wir sind eher skeptisch, da eine Konspiration dieses Ausmaßes ohne die Beteiligung sehr vieler Personen undenkbar ist, und bislang gibt es keine konkreten Anhaltspunkte, die in diese Richtung deuten. Sollte sich am Ende doch als wahr herausstellen, dass das Militär gemeinsam mit der Bundesregierung diesen Massenmord zu verantworten hat, würde dies zu gewaltigen Erschütterungen führen. Doch allein schon, dass viele Menschen dies für möglich halten, spricht Bände über die Entfremdung der Bevölkerung von den politischen Institutionen.

* * *

Die vielen schrecklichen Einzelheiten des Massakers traten erst sechs Wochen nach dem 27. September ans Tageslicht, nachdem einige Schlüsselfiguren gefasst worden waren und ein Geständnis abgelegt hatten. In der Zwischenzeit war das Schicksal der Studenten unklar. Eine groß angelegte Suchaktion kam in Gang, um die dreiundvierzig Verschwundenen zu finden, angetrieben vor allem von den verzweifelten Eltern, die inständig hofften, ihre Kinder seien »nur« entführt worden und würden irgendwo versteckt gehalten. »Sie haben sie lebendig verschleppt, lebendig wollen wir sie zurück«, so ihre endlos wiederholte Parole.

Am 28. September wurden sämtliche 280 Mitglieder der Polizei von Iguala verhört, zweiundzwanzig anschließend in Gewahrsam genommen. Sechzehn von ihnen, denen Schusswaffengebrauch nachgewiesen werden konnte, wurden in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht und unter Mordanklage gestellt.

Am 29. September bestritt Bürgermeister Abarca jede Verwicklung in den Polizeiübergriff. Er gab auch nicht zu, die Parole ausgegeben zu haben, »ihnen eine Lektion zu erteilen«. Am folgenden Tag beantragte der Bürgermeister einen dreißigtägigen Urlaub und verließ zusammen mit seiner Frau und seinem Neffen, dem Polizeichef, überstürzt die Stadt.

Am 4. Oktober entdeckten Suchmannschaften in der Umgebung von Iguala drei Massengräber mit den Leichen von achtundzwanzig Menschen (später korrigierte man die Zahl auf vierunddreißig). Doch am 14. Oktober hieß es, DNA-Analysen hätten ergeben, dass es sich nicht um die vermissten Studenten handelte. Das große Rätsel war nun, wer diese Toten waren, und als wäre dies noch nicht schlimm genug, entdeckte man weitere Massengräber mit einer unübersehbaren Zahl von Leichen. Immer mehr Familien meldeten sich und verlangten, dass untersucht werde, ob nicht ihre lang vermissten Angehörigen unter den neu entdeckten Opfern waren. »Sechs Massengräber«, hieß es in einem erschütterten Zeitungsartikel, »und noch immer ist das richtige Massengrab nicht gefunden worden.«

Am 5. Oktober löste ein Kontingent von 250 Beamten der Bundespolizei, eine Elitetruppe der Nationalen Gendarmerie, die Polizeikräfte in Iguala ab und übernahm ihre Aufgaben. Am 6. Oktober kam es im ganzen Land zu Unruhen und Protesten, ausgelöst durch die Mahnwachen in Ayotzinapa, mit denen die Eltern der Verschwundenen begonnen hatten. Präsident Enrique Peña Nieto, der anfangs nur sehr verhalten auf den Vorfall reagiert hatte (am 30. September hatte er erklärt, die Verantwortung liege ganz beim Bundesstaat Guerrero), wandte sich an die Nation, versprach, die Suche auszudehnen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Studenten, die den Schüssen der Polizisten entkommen waren, hielten eine Pressekonferenz und beschrieben den Angriff auf die Busse. Eine Guerillagruppierung aus Guerrero – die Ejército Popular Revolucionario (EPR, Revolutionäre Volksarmee), die sich Mitte der 1990er Jahre gegründet hatte, um die es aber in den letzten Jahren sehr still geworden war – erklärte auf YouTube ihre Solidarität, kündigte an, aktiv zu werden, und forderte die Bevölkerung zur »Volksjustiz« auf.

Am 8. Oktober hielten Studenten des Lehrerseminars ihre erste größere Demonstration ab, am selben Tag kam es zu Solidaritätsbekundungen in Berlin, Buenos Aires, London, San Francisco, Los Angeles, New York, Chicago, Montreal, Barcelona, Madrid, Brüssel und Manchester. Am 13. Oktober stürmten maskierte Demonstranten ein Regierungsgebäude in Chilpancingo und brannten es nieder. Am 16. Oktober streikten die Studenten im ganzen Land, und Peña erklärte es zu einer vordringlichen Aufgabe seiner Regierung, die verschwundenen Seminaristen zu finden. Innerhalb von Tagen übernahmen nun Spezialeinheiten der Polizei des Bundesstaats die Kontrolle in dreizehn anderen von Banditentum geplagten Gemeinden in Guerrero. Hundertschaften durchkämmten die Landschaft, sie waren mit Mannschaftsbussen, Panzern, Hubschraubern und Motorbooten unterwegs, auch berittene Polizisten und Taucher kamen zum Einsatz. In Acapulco, der größten Stadt des Bundesstaates Guerrero, forderten Tausende Studenten, Lehrer und mit Macheten bewaffnete Bauern den Rücktritt von Gouverneur Aguirre wegen seiner Behandlung – oder vielmehr Nichtbehandlung – des Falls. Am selben Tag ging den Sicherheitskräften des Bundes auf einer Autobahn nahe Mexico City Casarrubias, ein hochrangiges Mitglied der Guerreros Unidos, ins Netz.

Am 22. Oktober gab Mexikos Justizminister Jesús Murillo Karam bekannt, man könne aufgrund von Geständnissen einiger Beteiligter davon ausgehen, dass der Bürgermeister und seine Frau tatsächlich angeordnet hätten, die Busse zu stoppen. Am gleichen Tag protestierten in Iguala Tausende friedlich und forderten, die vermissten Studenten freizugeben. Ein paar Vermummte lösten sich aus dem Zug und bewarfen das Rathaus mit Brandsätzen. In Mexico City protestierten über 50.000 Menschen friedlich.

Am nächsten Tag, dem 23. Oktober, trat Gouverneur Aguirre unter dem Druck seiner Partei und der öffentlichen Meinung zurück. Es wurde jedoch keine Anklage gegen ihn erhoben. Am 27. Oktober verhafteten die Behörden vier weitere Mitglieder der Guerreros Unidos. Sie gaben Hinweise auf die Müllhalde, die daraufhin von Soldaten abgeriegelt wurde. Forensiker wurden gerufen, um den Ort zu inspizieren.

Am 29. Oktober hatten die Eltern der vermissten Studenten eine fünfstündige Begegnung mit Peña Nieto in Los Pinos, der Residenz des Präsidenten. Anschließend gaben sie eine Pressekonferenz in einem Zentrum für Menschenrechte in der Stadt. »Wir sind keine Schafe, die sie nach Belieben abschlachten können«, erklärte ein Vater und forderte, die Kinder zu suchen. »Ich bin ein Bürger Mexikos, ich habe Rechte.«

Am 4. November wurden der Bürgermeister und seine Ehefrau von der Bundespolizei in einem Arbeiterviertel von Mexico City aufgespürt. Abarca räumte ein, unter dem Druck der Umstände die Nerven verloren zu haben. Pineda verhielt sich so arrogant wie immer. »Nehmen Sie gefälligst Ihre Hände weg«, herrschte sie die Polizisten bei der Verhaftung an, »wie können Sie es wagen!« Was die beiden im Verhör erzählten, ist bislang nicht bekannt.

Auf einer Pressekonferenz stellte Staatsanwalt Murillo schließlich am 7. November, nachdem er zunächst die Eltern über die düsteren Fakten informiert hatte, die bisherigen Untersuchungsergebnisse vor. Gestützt auf die Geständnisse von mehreren Beteiligten an dem Massenmord schilderte er die Vorgänge im Wesentlichen so wie oben beschrieben. Er wusste aber auch von einem erschütternden Nachspiel der Gewalttat zu berichten.

Nachdem die Flammen endlich erloschen waren, erhielten die Henker den Befehl, die Überreste – Asche und klein gemahlene Knochenstücke – in große schwarze Plastikmüllsäcke zu schaufeln und in einem nahe gelegenen Fluss, dem San Juan, zu entsorgen. Ein unerfahrenes Mitglied der Gang warf die ersten beiden Säcke einfach über ein Brückengeländer, worauf ihm seine Kumpane erklärten, dass sie die Säcke in den Fluss entleeren sollten, was mit den restlichen dann auch geschah. Diese Nachlässigkeit ermöglichte es Marinetauchern später, einen kleinen Teil der Überreste zu bergen. Die Eltern, die den mexikanischen Behörden misstrauten, verlangten, dass die DNA-Untersuchungen an den Knochenfragmenten auch von unabhängigen Forensik-Experten aus Argentinien durchgeführt werden sollten, die bei der Aufarbeitung der Diktatur in ihrem Land viel Erfahrung in der bitteren Arbeit, verschwundene Personen zu identifizieren, gesammelt hatten. Weiteres Material wurde in ein weltweit führendes Labor der Universität Innsbruck in Österreich geschickt. Im Augenblick, sagte Murillo, würden die Studenten offiziell noch als »vermisst« betrachtet, der Fall sei noch nicht abgeschlossen.

Im Dezember kam aus Österreich die Nachricht, dass bei einem der Knochenfragmente die DNA von Alexander Mora Venancio, einem der Dreiundvierzig, nachgewiesen werden konnte. Das argentinische Forensikerteam akzeptierte das Untersuchungsergebnis, wies jedoch darauf hin, dass man die Behauptung der Regierung, der Leichnam sei auf dem Müllplatz verbrannt worden, nicht überprüfen könne, da es an der Bergung der Überreste nicht beteiligt gewesen sei.

Im Januar 2015 erklärte Justizminister Murillo Karam den Fall für abgeschlossen. Es seien keine neuen Informationen aufgetaucht, die eine Korrektur der offiziellen Version erforderten. Viele Eltern hielten jedoch daran fest, dass ihre Söhne noch leben könnten, da es von zweiundvierzig der vermissten dreiundvierzig Studenten keine forensischen Erkenntnisse gebe. Sie forderten, den Fall einem internationalen Gerichtshof zu übergeben.

* * *

Die Geschichte der Studenten aus Ayotzinapa hat Mexiko zutiefst erschüttert. Im ganzen Land kam es zu Großdemonstrationen. Die Studenten an Universitäten und Technischen Lehranstalten, denen das Schicksal ihrer Kommilitonen sehr naheging, machten ihrem Unmut besonders lautstark Luft, aber auch Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Rechtsanwälte und Vertreter vieler anderer Berufsgruppen gingen aus Solidarität auf die Straße. Katholische Bischöfe meldeten sich ebenso zu Wort wie Papst Franziskus. In den sechs quälenden Wochen zwischen dem Massaker und seiner Aufdeckung war zwar die Hoffnung geschwunden, aber der Zorn angeschwollen, und mit ihm die Größe und Entschlossenheit der Protestveranstaltungen gegen kommunale, staatliche und bundesstaatliche Behörden. Nicht nur die Glaubwürdigkeit einzelner Politiker war erschüttert, auch die großen Parteien mussten heftige Kritik einstecken. Die PRD, die größte linke Oppositionspartei, erlitt einen enormen Imageschaden, da Abarca und Aguirre als ihre Kandidaten gewählt worden waren. Peña Nietos Regierungspartei PRI warf man vor, sich lange nicht um das Schicksal der Studenten gekümmert zu haben und überhaupt bei der Bekämpfung der Kriminalität allenfalls durch Inkompetenz und Halbherzigkeit geglänzt zu haben; auf gut besuchten Bürgerversammlungen wurde der Rücktritt des Präsidenten gefordert. Die meisten dieser Proteste verliefen friedlich, gelegentlich flackerte jedoch auch Gewalt auf. So wurden beispielsweise die Türen des Präsidentenpalastes in Mexico City in Brand gesteckt und der Flughafen von Acapulco besetzt. Dies bot wiederum einen Vorwand, die Unruhen zu verurteilen und die Studenten aus Ayotzinapa als radikale Chaoten darzustellen, um die zu viel Aufhebens gemacht werde. Aber die ganz überwiegende Reaktion war Entsetzen, Scham, Trauer und Empörung.

Dabei ist diese Reaktion in gewisser Weise sogar verwunderlich. Nicht weil sie nicht angemessen wäre, sondern weil dieses Massaker lediglich das jüngste in einer langen Reihe abscheulicher Verbrechen ist. Wenn man davon absieht, dass es sich bei den Opfern um Jugendliche aus einfachen Verhältnissen vom Land handelte, die bestrebt waren, mehr aus sich zu machen und die Situation ihrer Gemeinden zu verbessern, unterscheidet diese Blutorgie und die mit ihr verknüpfte Korruption und Kriminalität nichts von dem, was im heutigen Mexiko gang und gäbe ist.

Massenmord (in einem Fall dreihundert Tote); unvorstellbare Grausamkeiten (einem Opfer wurde die Gesichtshaut abgezogen und auf einen Fußball genäht); geheime Absprachen zwischen Bürgermeistern, Gouverneuren und bis an die Zähne bewaffneten Drogendealern; tagtäglich Entführungen und Erpressung; Polizisten, denen Kartelle Schmiergelder aus ihren riesigen Drogenprofiten zahlen; die Verhaftung ganzer Polizeieinheiten; ein Justizsystem, das Verbrecher straffrei ausgehen lässt; die Unfähigkeit und Gleichgültigkeit der politischen Klasse – dies alles, ebenso wie die von der Zivilgesellschaft organisierten Proteste, ist in Mexiko seit mehr als einem Jahrzehnt an der Tagesordnung.

Dreiundvierzig Tote? Seit dem Jahr 2000 sind mehr als hunderttausend Menschen getötet worden. Massengräber? Von den Zehntausenden Menschen, die vermisst werden, verfaulen viele höchstwahrscheinlich in solchen Gruben. Brutale Exekutionen? Etwa zweitausend der hunderttausend Getöteten wurden enthauptet.

Warum also jetzt der landesweite Aufschrei? Teils lag es an der kämpferischen Entschlossenheit der Eltern, diese jüngste Gräueltat nicht im endlosen Strudel von Mord und Totschlag untergehen zu lassen. Teils lag es daran, dass die Menschen diese Unzahl von Verbrechen und die wuchernde Korruption und Kriminalität einfach nicht mehr hinnehmen wollten. »Wir sind wütend, weil es sich hier keineswegs um einen Einzelfall handelt«, sagte eine Frau, die für die Dreiundvierzig demonstrierte. »Viele von uns haben Kinder, und wir erleben in diesem Land furchtbare Dinge, die wir bekämpfen wollen.«

Dieser schon so lange anhaltende Missstand ist Thema dieses Buchs. Es möchte dem Leser die Zusammenhänge darlegen, ohne die diese Welle der Empörung kaum zu begreifen ist. Großen Raum wird in unserer Geschichte der sogenannte »mexikanische Drogenkrieg« einnehmen, dessen Beginn gewöhnlich auf das Jahr 2006 datiert wird, als das mexikanische Militär erstmals gegen die mächtigen Drogenkartelle vorging, die in weiten Teilen des Landes das Sagen haben. Den meisten ist bekannt, dass sich in Mexiko im vergangenen Jahrzehnt (2006–2015) entsetzliche Dinge zugetragen haben. Sie haben hier und da von schrecklichen Massakern, der Verhaftung von Drogenbossen, der Ermordung von Journalisten gehört. Aber es ist nicht einfach, das Ausmaß und die Bedeutung dieses Drogenkrieges zu erfassen.

Wir sind überzeugt, dass nicht nur die Geschichte der Dreiundvierzig im größeren Kontext gesehen werden muss, sondern auch der Drogenkrieg selbst. Auch ihn kann man nur wirklich verstehen, wenn man den Zeithorizont weiter zieht. Das vergangene Jahrzehnt ist nur der Höhepunkt einer bereits hundert Jahre währenden, komplizierten Geschichte.

Schon allein der Ausdruck »mexikanischer Drogenkrieg« ist irreführend, weil er von der amerikanischen Rolle bei seiner Entstehung ablenkt. Den Amerikanern erscheinen die blutrünstigen Berichte, die sie aus Mexiko erreichen, verständlicherweise wie Nachrichten aus einer anderen Welt. Es sind Berichte von einem weit entfernten Schlachtfeld, die einen mexikanischen Drogenkrieg schildern – als handelte es sich um einen rein mexikanischen Konflikt, für den auch nur Mexiko allein verantwortlich ist. Wir halten diese Bezeichnung für falsch, da die Ursachen für dieses komplexe Phänomen sowohl auf mexikanischer wie auf amerikanischer Seite zu suchen sind.

Den Amerikanern ist weitgehend bekannt, dass der Großteil der in den Vereinigten Staaten konsumierten Drogen – Kokain, Heroin, Marihuana und Methamphetamin – aus Mexiko stammt. Einige wissen auch, dass der größte Teil der Waffen, mit denen sich die Drogenkartelle untereinander und den mexikanischen Staat bekämpfen, aus dem Süden der USA ins Land kommt. Weit weniger bekannt ist der enge Zusammenhang zwischen dem unstillbaren amerikanischen Hunger nach Drogen und dem Verbot des Drogenkonsums und -handels. So wie die Prohibition des Alkohols im Jahr 1919 erst das organisierte Verbrechen und mit ihm käufliche Politiker und Gesetzeshüter auf den Plan rief, so war das noch ältere Verbot von Rauschmitteln im Jahr 1914 (das, anders als das Verbot von Alkohol, nie aufgehoben wurde) die Geburtsstunde einer Drogen- und Schmuggelindustrie in Mexiko, deren riesige Profite dazu genutzt wurden, mexikanische Politiker und Vollzugsbehörden zu bestechen.

Mexiko war kein hilfloses, unglückliches Opfer. Mächtige Kräfte im Land profitierten gewaltig und mit Freuden davon, den Gringos zu liefern, was deren Regierung ihnen verbot. Als jedoch die Vereinigten Staaten ihren Nachbarn drängten, den Drogenstrom über ihre gemeinsame Grenze zu unterbinden, was ihm ebenso wenig gelang, wie es den Amerikanern zuvor selbst gelungen war, kam es zum »mexikanischen Drogenkrieg«, der Zehntausende Mexikaner das Leben kostete und Korruption und Kriminalität sprunghaft ansteigen ließ.

Auf dieser Sicht der Dinge beruht auch der Aufbau des vorliegenden Buchs. Zunächst geben wir einen Überblick über die Beziehungen zwischen den USA und Mexiko im vergangenen Jahrhundert und stellen den Handel mit Drogen wie auch die Versuche seiner Unterdrückung im Zusammenhang mit den größeren politischen, ökonomischen und ideologischen Entwicklungen in den beiden Ländern dar. Anschließend werden wir uns den Drogenkrieg des letzten Jahrzehnts genauer anschauen, der Mexiko mit einer Welle von Gewalt überschwemmt hat. Schließlich werden wir uns wieder der Geschichte der Dreiundvierzig zuwenden, die bis dahin, so hoffen wir, verständlicher geworden ist, und mit einigen Gedanken schließen, wie die USA und Mexiko eine neue Seite in ihrer eigenen wie gemeinsamen Geschichte aufschlagen können. Insbesondere sind wir der Ansicht, dass der Zorn, den die Affäre um die Dreiundvierzig ausgelöst hat, und die aus ihm resultierende Entschlossenheit der Mexikaner, fundamentale Veränderungen durchzusetzen, nicht nur in Forderungen nach umfassenden Reformen in Politik, Wirtschaft und im Justizsystem münden sollte. Wir halten es auch für unerlässlich, dass endlich die hundert Jahre alte Kriminalisierung des Drogenkonsums beendet wird, die unserer Ansicht nach weitgehend für die derzeitige Situation verantwortlich ist.

Carmen Boullosa und Mike Wallace

Brooklyn/Coyoacán

Januar 2015

EINS

1910–1940

Unsere Geschichte beginnt nördlich des Rio Grande. Dort gibt es eine unstillbare Nachfrage nach Drogen aus Mexiko, und dort sind diese Drogen verboten. Dabei waren in den USA Konsum und Verkauf psychoaktiver Rauschmittel – insbesondere von Opium, Marihuana und Kokain – im 19. Jahrhundert und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts noch völlig legal. Drogen waren ein großes Geschäft. Pharmazeutische Unternehmen und Hersteller von Wundermitteln mischten Opiumderivate (Morphin, Laudanum, Heroin) in ihre Produkte, die gegen alle möglichen Gebrechen helfen sollten. Opiate gehörten zu den wenigen damals verfügbaren wirksamen Schmerzmitteln. Der typische Opiumkonsument der damaligen Zeit war eine weiße Frau der Mittelschicht in mittleren Jahren. Auch Kokain wurde medizinischen Produkten und Konsumartikeln von Zigaretten bis zu Limonaden zugesetzt. Coca-Cola war bis 1903 ein Extrakt aus Kokablättern beigemischt.

Schon in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, verstärkt aber in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, meldeten sich vermehrt Stimmen, die sich für ein Verbot dieser Drogen aussprachen, ähnlich dem gleichzeitigen Ruf nach einem Verbot alkoholischer Getränke. Zu den Drogenprohibitionisten gehörten Ärzte, die auf den Suchtcharakter einiger Zusätze aufmerksam geworden waren (und die mit Aspirin nun einen wirksamen Ersatzstoff zur Hand hatten); Skandaljournalisten, die Unternehmen vorwarfen, sie würden ihre Kunden durch die Beimischung von Rauschmitteln von ihren Produkten abhängig machen; paranoide Rassisten verschiedenster Couleur, so etwa Weiße im Süden, die behaupteten, Schwarze würden unter dem Einfluss von Kokain weiße Frauen vergewaltigen, oder chinesenfeindliche Aktivisten, die verbreiteten, die asiatischen Einwanderer verführten mit Opium weiße Frauen. Viel mehr als Angst vor den Drogen selbst trieb die Prohibitionisten die Angst vor den sozialen Gruppen um, die sie konsumierten, wie David Musto schreibt.

Zunächst wurde die Prohibition nur in einigen Bundesstaaten eingeführt. Im Jahr 1906 wurde dann der Pure Food and Drug Act verabschiedet, ein Gesetz, das die Hersteller verpflichtete, die Inhaltsstoffe ihrer mit Narkotika versetzten Produkte aufzulisten. Das schreckte viele Hausfrauen auf, die bisher ihren Kindern unwissentlich Opiate eingeflößt hatten. Der Smoking Opium Exclusion Act von 1909 bereitete dann dem Import von Opium in der von den Chinesen bevorzugten Form ein Ende. Den sogenannten Opiumhöhlen war damit die Geschäftsgrundlage entzogen, während der medizinische Gebrauch der Droge durch weiße Amerikaner weiterhin erlaubt war. Die Gesetzesinitiative des Jahres 1909 hatte auch zum Ziel, amerikanischen Geschäftsleuten den Handel mit China zu erleichtern, der von den Europäern (und insbesondere den Engländern) dominiert war. Dem lag die korrekte Annahme zugrunde, dass ein Opiumverbot der chinesischen Regierung entgegenkommen würde, die versuchte, den weitverbreiteten Konsum der Droge zu unterbinden, den die Briten China in den 1840er Jahren mit der Macht ihrer Kanonen aufgezwungen hatten.

Die neuen Verbote hatten mehrere unvorhergesehene Konsequenzen. Bei knapper werdendem Opium stiegen die Preise, was kriminelle Schmuggler auf den Plan rief. Außerdem brachte es bisherige Opiumkonsumenten dazu, auf stärkere und gefährlichere Derivate wie Morphium und Heroin umzusteigen. Die Prohibitionisten reagierten darauf mit einer Verschärfung der Restriktionen. Sie drängten außerdem auf internationale Kriminalisierung – erfolgreich, wie sich zeigte: Auf einer Konferenz in Den Haag im Jahr 1912 verpflichteten sich mehrere Staaten in der Internationalen Opium-Konvention, Opium und Kokain zu ächten. In den USA wurde 1914 der Arrison Act verabschiedet, ein Gesetz, das jeglichen nichtmedizinischen Gebrauch von Opiaten und Kokain untersagte, nicht jedoch den von Cannabis, das man (richtigerweise) als eher harmlos einstufte.

Damit hatten die Vereinigten Staaten den Drogen den Krieg erklärt.

Die unvermeidlich folgende Verknappung der Drogen und die in die Höhe schießenden Preise riefen eine neue Generation von Verbrecherbanden auf den Plan (Lucky Lucianos erste Verhaftung im Jahr 1916 erfolgte wegen Opiumhandel). Mit der Verabschiedung des 18. Verfassungszusatzes und dem Volstead Act von 1919 wurden dann auch die Produktion, der Vertrieb und der Verkauf von alkoholischen Getränken verboten. Damit aber vollzog sich ein Wechsel zu illegalen Alkohollieferanten – die Geburtsstunde des modernen organisierten Verbrechens in den USA. Weiteren Auftrieb bekam das Banditen-Unternehmertum durch die Kriminalisierung der Herstellung, des Imports und des Besitzes von Heroin im Jahr 1924, denn prompt entstand ein weiterer Schwarzmarkt. Arnold Rothstein, New Yorks Mobstergenie, der von seinem Schützling Luciano auf das Profitpotenzial aufmerksam gemacht worden war – ein Kilo Heroin, das im Einkauf 2.000 Dollar kostete, ließ sich für 300.000 Dollar weiterverhökern –, verlegte sich vom Alkoholschmuggel ganz auf den Import von Opium und Heroin aus Europa. Hinter der Fassade eines angesehenen Handelsunternehmens betrieb er Drogenhandel im großen Stil und bediente per Eisenbahn den gesamten amerikanischen Markt.

* * *

Die große Nachfrage nach Rauschgift in den USA erregte auch in Mexiko Aufmerksamkeit. Die USA sind klimatisch für den Mohnanbau ungeeignet, doch Mexiko liegt auf einer Breite, welche die perfekte Temperatur für Kaktuspflanzen (in tieferen Regionen) und Mohn (in höheren Lagen) bietet. Besonders ideale Bedingungen für den Opiumanbau herrschen im mittelamerikanischen Goldenen Dreieck, wie die Region in der westlichen Sierra Madre auch genannt wird, in der die drei Bundesstaaten Sinaloa, Durango und Chihuahua aneinandergrenzen. Hier florierte der Mohnanbau, der in den 1880ern von chinesischen Migranten eingeführt worden war. Sie waren teils aus den USA ausgewiesen worden, teils direkt übers Meer nach Sinaloa gekommen, einem Bundesstaat an der mexikanischen Pazifikküste. Die meisten chinesischen Einwanderer arbeiteten beim Eisenbahnbau und in den Minen, aber auf dem Land begannen auch einige Familien, Opium und Marihuana anzubauen. Ihre Zahl stieg, nachdem die USA die chinesische Einwanderung in ihr Land 1882 mit einem Gesetz stoppten, das sie unverblümt Chinese Exclusion Act (erweitert 1892 und 1902) nannten. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts verfünffachte sich die chinesische Bevölkerung in Mexiko von 2660 auf 13.203, womit auch die Zahl der Mohnbauern stieg. Während der Mexikanischen Revolution, die 1910 ausbrach und bis in die 1920er Jahre fortdauerte, folgten durch die Verwüstungen des Krieges verarmte mexikanische Bauern ihrem Beispiel.

In diesen Jahrzehnten bauten die chinesischen Einwanderer und ihre Nachfahren ein schlichtes Drogennetz auf. Aus den Samenkapseln der Mohnblumen wurde goma, der Milchsaft, gewonnen, dieser zu Rohopium verarbeitet, das dann über eine Reihe von Zwischenstationen in Sinaloa zur mexikanischen Nordwestgrenze, hauptsächlich nach Tijuana, geschmuggelt und von dort an chinesische Händler in den USA (vor allem in Los Angeles) verkauft wurde. Immer mehr mexikanische Bauern, Angehörige der städtischen Mittelschicht und einige reiche Kaufleute stiegen in das Geschäft ein. Das war nicht schwer – die Einstandskosten hielten sich in Grenzen –, und es barg auch keine großen Gefahren: Der Markt war noch groß genug für alle, niemand musste sich seinen Anteil mit Gewalt erobern.

Die Grenze zur USA lag mit 600 Kilometer Entfernung nicht nur in günstiger Nähe zu den Händlern und Produzenten aus Sinaloa (gomeros genannt, nach dem goma, dem gummiartigen Opiumharz), sondern war auch bekanntermaßen durchlässig. Das war schon so seit dem Mexikanischen Krieg (La Invasión Norteamericana, 1846–1848), der die Grenze zwischen beiden Ländern gewaltsam verschoben hatte. Große Vorkommen an Gold, Kohle, Eisen und Kupfer sowie riesige Areale fruchtbares Ackerland fielen nun an die USA, darunter ganz oder in Teilen die Bundesstaaten Kalifornien, New Mexico, Arizona, Nevada, Utah und Colorado. Die neu festgesetzte Grenze (1853 war durch Kauf ein weiteres Gebiet hinzugekommen) ist eine der längsten des Planeten: 3.150 Kilometer. Sie verläuft von Tijuana an der Pazifikküste durch Wüsten und trockenes Bergland nach Ciudad Juárez, das ungefähr in der Mitte liegt, und von da im Zickzackkurs nach Südosten bis zum Río Bravo (wie die Mexikaner den Rio Grande nennen) und folgt diesem bis hinunter zum Golf von Mexiko.

Von Anfang an fand der Grenzübertritt unkontrolliert statt. In den 1850er Jahren wurde dies von Sklaven genutzt: Mexiko, das die Sklaverei abgeschafft hatte, hieß entflohene Sklaven, die sich nicht dem Nordstern (Kanada), sondern dem Kreuz des Südens zugewandt hatten, als Bürger willkommen. In den 1860er Jahren schmuggelten die Südstaaten Baumwolle nach Mexiko und verschifften sie von dort nach Europa, und Waffenhändler versorgten Benito Juárez in seinem Kampf gegen die Franzosen mit Munition. Viehdiebe querten die Grenze in beide Richtungen, stahlen Herden, die sie auf die jeweils andere Seite trieben und mit neuen Brandzeichen verkauften. Ein schwunghafter Handel mit Tequila, Pulque, Mescalin und Rum aus mexikanischen Brennereien versorgte den Nachbarn im Norden unter Umgehung der Steuereintreiber und später der Prohibitionskontrolleure.

Damals gab es keinerlei Beschränkungen für Mexikaner, die es nach Norden zog. Von den strengen Einwanderungsquoten, welche die USA in den 1920er Jahren festlegten, blieb Lateinamerika ausgenommen. Die United States Border Patrol, gegründet im Jahr 1924, konzentrierte sich auf Europäer und Asiaten, die über Mexiko versuchten, die besser kontrollierten Grenzen am Atlantik und Pazifik zu umgehen. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts kamen jedes Jahr ungefähr 60.000 Mexikaner in die USA, um dort in der Landwirtschaft zu arbeiten, kehrten aber größtenteils zu Beginn des Winters in ihre Heimat zurück. Die Zahl verdoppelte sich nach 1910 mit der durch die mexikanische Revolution ausgelösten Flüchtlingswelle.

Weiter erleichtert wurde der Zugang zu den USA, als 1898 die Sonora Railroad – die seit 1882 Mazatlán (Sinaloa) mit Nogales (Sonora) verband – an das Schienennetz der Southern Pacific angeschlossen und Richtung Süden bis Guadalajara ausgebaut wurde. Die nun Southern Pacific of Mexico genannte Eisenbahngesellschaft transportierte Millionen Passagiere und Millionen Tonnen Fracht innerhalb Mexikos und über seine nördliche Grenze hinweg.

Auf diesen stark frequentierten Routen konnte das Opium ganz unauffällig mitreisen. Die drei den Mohnpflanzungen in den Bergen von Sinaloa nächstgelegenen Grenzübergangsstellen waren Tijuana und Mexicali (beide unmittelbar an der Grenze zwischen dem mexikanischen Bundesstaat Baja California und Kalifornien gelegen) sowie Nogales, wo Sonora und Arizona aufeinandertreffen. Dazwischen verliefen weitere Kanäle, etwa über größere Städte wie Ciudad Juárez, das im Bundesstaat Chihuahua südlich von New Mexico und Texas liegt. Die Drehscheiben weiter im Osten waren drei mittelgroße Städte entlang des Rio Grande – Nuevo Laredo, Reynosa und Matamaros am Golf von Mexiko.

* * *

Nicht alle Drogen wanderten über die Grenze, auch im Land selbst gab es Konsumenten. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert fanden psychoaktive Substanzen für medizinische Zwecke und als Freizeitdrogen weite Verbreitung. Das Opiumrauchen war hauptsächlich ein Vergnügen der chinesischen Minderheit, bürgerliche Künstler und Intellektuelle bevorzugten Morphium, Heroin und Kokain. Marihuana galt als Droge der Armen. Dennoch war Drogenkonsum kein Massenphänomen, und die konsumierte Menge blieb weit unter dem, was im benachbarten »Gringolandia« verbraucht wurde.

Dies lag zum Teil daran, dass es in Mexiko im Unterschied zu den USA eine alte, noch aus Zeiten der Spanier stammende Tradition gab, ein ordnungspolitisches Auge auf den Drogenkonsum zu werfen. Beschränkungen unterschiedlicher Art bestanden schon lange für den Konsum von Alkohol, Mescalin und andere psychoaktive Substanzen, die bei Ritualen Verwendung fanden (was den Spaniern vor allem während der Zeit der Inquisition suspekt war), sowie für Kräuter, insbesondere für potenziell gefährliche wie Belladonna, Bilsenkraut, Schierling, Fingerhut und Stechapfel.

Erstaunlich ist dabei – vom heutigen Standpunkt aus gesehen –, dass die von den Behörden am argwöhnischsten beäugte Droge Marihuana war. Die Hanfpflanze ist in Südamerika ursprünglich nicht heimisch, sie wurde von den spanischen Kolonialherren im 16. Jahrhundert eingeführt, weil Hanf ein wichtiges Material zur Herstellung von Tauen und Segeln war. Mit der Zeit konnte man Hanf auch bei den herboleros