Es wird Dich rufen - Simon Cross - E-Book + Hörbuch

Es wird Dich rufen E-Book

Simon Cross

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Beschreibung

Der Heilige Gral, Artus und seine Legende, das verborgene Wissen der Propheten, das große Vermächtnis der Tempelritter. Mit all dem hat sich der junge Journalist Mike Dornbach nie ernsthaft beschäftigt, bis er eines Tages an uralte Dokumente in einem südfranzösischen Pyrenäendorf gelangt. Dort angekommen soll ihn die Begegnung mit einem alten Einheimischen und einem mysteriösen Geheimbund immer tiefer in ein verschollen geglaubtes Wissens ziehen. Immer tiefer verstrickt sich Mike in der Jahrhunderte alten Geschichte. Zu spät realisiert er, dass er von Beginn an Teil des Geheimnisses zu sein scheint. Wenn er seine Gegner jedoch nicht rechtzeitig erkennt, wird es auch ihm den sicheren Tod bringen.

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Seitenzahl: 596

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1.Auflage, überarbeitete Ausgabe

© 2011 Blue Screen Entertainment GmbH

Abbildungen und/oder Texte dieses Buches zu kopieren, zu scannen,

in Computern oder auf CD zu speichern, sie zu verändern oder

in irgendeiner Form zu veröffentlichen, sofern keine

ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers vorliegt,

ist nicht gestattet.

Satz und Gestaltung: Blue Screen Entertainment GmbH

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de

Umschlagabbildung: Markus Weber mit Motiven von Shutterstock

Lektorat: Christa Melli, Berlin

epub-ISBN 978-3-9810305-9-4

www.eswirddichrufen.dewww.bluescreen-entertainment.com

eBook-Herstellung und Auslieferung:

SIMON CROSS

ES WIRD DICH RUFEN

»Lies mich!«, hörte er es immer wieder rufen.

Prolog

Rennes-le-Chateau, Garten der Villa Bethania

4. Januar 1917, früher Abend

Marie fröstelte.

Es war bereits dunkel geworden. Im Garten der Villa Bethania wartete sie auf zwei unbekannte Besucher, die sich für diesen kalten Januarabend angekündigt hatten.

Vor wenigen Stunden erst hatte sie eine Botschaft der Bruderschaft erhalten, die der Abbé immer als die »Bewahrer des Lichts« bezeichnet hatte. Zum ersten Mal, solange sie denken konnte, wollten die Gralshüter aber nicht Saunière sprechen, sondern sie, Marie Dénarnaud, seine Haushälterin. Weshalb, das hatten sie ihr nicht mitgeteilt. Nur, dass sie heute Abend alles erfahren werde. Und, dass sie dem Priester kein Sterbenswörtchen von dem Treffen erzählen dürfe.

Normalerweise wäre ihr das nicht leichtgefallen, denn obwohl sich der Abbé in den letzten Jahren sehr verändert hatte – er war kleinlich, kalt und berechnend geworden und hatte seine liebevolle, mitfühlende Art der früheren Jahre verloren –, war er noch immer der Mann, den sie am meisten achtete und respektierte. Manche hätten sogar von Liebe gesprochen. Doch Marie wusste, dass eine Beziehung zwischen ihr und Saunière niemals möglich wäre – allein die Kirche hätte sie verboten.

Im Arbeitszimmer des Priesters brannte noch Licht. Saunière lief unruhig auf und ab. Maries Blick folgte seinem Schatten, der sich im Licht der Lampe auf die geschlossenen Vorhänge zeichnete.

Ob er bemerkt hatte, dass sie nicht mehr im Haus war? Zumindest im Moment schien nichts darauf hinzuweisen. Wahrscheinlich war es nur das schlechte Gewissen, das sie plagte.

Sie fühlte sich beschämt. Schließlich hatte sie Saunière noch nie zuvor etwas verheimlicht.

Eine andere Wahl war ihr aber nicht geblieben, denn die Bitte der »Bewahrer des Lichts« war im Grunde genommen ein unmissverständlicher Befehl gewesen, dem sie sich nicht widersetzen durfte.

»Sie sind Madame Dénarnaud?«, holte sie plötzlich eine väterlich klingende Stimme aus ihren Gedanken zurück in die kühle Realität des Winterabends.

Marie drehte sich um. Direkt vor ihr stand offenbar einer der beiden Fremden, die sie erwartete.

Sein Begleiter verharrte einige Meter weiter dahinter – in der Nähe der Straßenlaterne vor dem Pfarrgarten.

Die beiden Besucher trugen dunkle Umhänge und schwarze Zylinder. Rein äußerlich unterschieden sie sich kaum. Der Mann, der sich vor ihr aufgebaut hatte, war um die 40 Jahre und hatte eine leicht untersetzte Statur. Er trug einen kleinen Schnauzer.

»Ich bin froh, dass Sie gekommen sind«, begrüßte er Marie mit warmem Händedruck. Seine Stimme klang freundlich und fordernd zugleich.

Marie fühlte sich unsicher, weil sie weder die nächtlichen Gäste noch den genauen Grund ihres Besuches kannte.

»Wir müssen mit Ihnen sprechen, Madame! Es handelt sich um eine Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit. Eine Angelegenheit, bei der nur Sie uns helfen können.«

»Wer sind Sie?«, fragte Marie.

»Unsere Namen tun nichts zur Sache«, erwiderte der Mann. »Wir sind die ›Bewahrer des Lichts‹. Mehr müssen Sie nicht wissen.«

Marie nickte. »Ich verstehe! Und was kann ich für Sie tun?«

Der Mann griff sanft nach ihrem Arm und führte Marie vor Abbé Saunières Villa Bethania, direkt neben das mächtige Eingangsportal. Über ihnen breitete die Christus-Statue, die Saunière unterhalb des Daches hatte anbringen lassen, schützend ihre Arme aus.

Auf dem Weg dorthin hatte Marie nochmals zum Arbeitszimmer des Priesters hinaufgesehen. Dieser schien sich inzwischen an seinen Schreibtisch gesetzt zu haben.

Der Schnauzbärtige drehte sich Marie zu. Sein Blick wirkte traurig und entschlossen zugleich.

Im sanften Licht des Mondes, das nun direkt auf sein Gesicht fiel, bemerkte sie eine tiefe Narbe, die sich gut drei Zentimeter über die rechte Wange erstreckte.

Der Mann musterte Marie aufmerksam.

»Sie haben dem Abbé nichts von unserem Treffen erzählt?«, erkundigte er sich höflich.

»Es war mir nicht gestattet«, sagte sie ehrfürchtig.

»Das ist nicht die Antwort auf meine Frage«, hakte er freundlich, aber bestimmt nach. »Haben Sie es ihm gesagt?«

»Nein!«, versicherte Marie wahrheitsgemäß. »Das habe ich nicht.« Der Begleiter des Mannes drehte sich unruhig um, als habe er Angst, entdeckt zu werden. Das war Marie schon zuvor aufgefallen.

Nur: durch wen? Zu dieser Jahreszeit und bei den kalten Temperaturen war die Wahrscheinlichkeit, abends auf einen der wenigen Bürger des kleinen Dorfes zu treffen, äußerst gering. Zumal die nächsten bewohnten Gebäude weit entfernt hinter dem Garten der Villa lagen.

»Sie wissen von den neuesten Plänen Saunières?«

»Meinen Sie den Bau des Tempels?«, fragte Marie, die ahnte, worauf der Botschafter hinauswollte. Insgeheim hatte sie es schon befürchtet: Saunières Pläne konnten nicht unbemerkt geblieben sein. Allerdings war Marie bislang davon ausgegangen, dass er diese, wie all seine anderen Vorhaben auch, mit den »Bewahrern des Lichts« abgestimmt hatte.

»Saunière hat nicht nur uns damit sehr beunruhigt«, bemerkte der Mann nervös. »Ein Tempel dieser Größenordnung würde die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich ziehen – und damit auch auf uns. Das können wir nicht akzeptieren. Wir müssen die …« Der Mann hielt einen kurzen Moment inne. »Wir müssen das Geheimnis um jeden Preis bewahren. Verstehen Sie? Um jeden Preis!«

»Ich weiß«, sagte Marie.

»Und wir können nicht riskieren, dass es bekannt wird, nur weil der Abbé sich ein Denkmal setzen will, das er in diesem Ausmaß sicherlich nicht verdient hat!«

Marie schaute den Mann nachdenklich an.

Ein Denkmal, das er nicht verdient hat. Eine freundliche Umschreibung für das, was der Botschafter wohl eigentlich meinte: Größenwahn. Sie selbst hatte Saunière immer wieder vor den gewagten Plänen eines Tempelbaus gewarnt.

Alleine die Kosten schienen ihr unbezahlbar zu sein, selbst für einen Abbé Saunière mit all seinen Möglichkeiten.

»Madame Dénarnaud«, fuhr der Mann fort. »Wir sind außerordentlich besorgt über die jüngsten Ereignisse in Rennes-le-Château. Und auch Rom hat nicht das geringste Interesse daran, dass Saunière dieses Projekt verwirklicht.«

Seine Stimme war deutlich strenger geworden.

»Unser aller Zukunft steht auf dem Spiel, wenn dieser Tempel gebaut wird. Es wäre der Anfang vom Ende. Der Anfang der Apokalypse.«

Marie blickte ihn mit großen Augen fragend an. Sie war nicht in der Lage, die Tragweite seiner Aussage zu erfassen. Wie sollte ein simples Bauprojekt, egal welch unangemessene Größenordnung es auch haben mochte, die Zukunft der Welt gefährden?

»Madame Dénarnaud! Wir müssen davon ausgehen, dass der Abbé der Macht dessen, was er beschützen sollte, nicht mehr gewachsen ist.«

Der Mann zögerte einen Moment, als müsse er überlegen, wie er eine für alle Beteiligten unangenehme Nachricht möglichst behutsam weitergeben konnte.

»Ich fürchte, Saunière ließ sich von der dunklen Macht einnehmen.« »Das können Sie nicht ernst meinen!«, rief Marie entsetzt aus.

Die Männer erschraken aufgrund der Lautstärke und baten sie mit einer beruhigenden Geste, leiser zu sprechen.

Dann führten sie sie den Weg hinab in Richtung der kleinen Grotte, die Saunière mit eigenen Händen in den Pfarrgarten gebaut hatte. Sie war eine Ehrerbietung an Maria Magdalena, der er einen großen Teil seines Lebens gewidmet hatte.

Natürlich war es richtig, dass sich der Abbé in letzter Zeit auffallend verändert hatte. Das war keinem verborgen geblieben. Aber dass er deswegen gleich im Dienst des Teufels stehen sollte? Ein tiefgläubiger Gottesmann wie Saunière? Niemals! Das konnte nicht sein!

Marie zitterte angesichts der unglaublichen Vorwürfe.

»Sie liegen vollkommen falsch!«, widersprach sie, um den Botschafter eines Besseren zu belehren. Der blickte Marie verständnisvoll und mit einem sanftmütigen Lächeln an.

»Verzeihen Sie mir! Ich wollte Ihnen nicht wehtun, Madame. Wir wissen natürlich, dass Sie ihm näherstehen als jeder andere. Umso schmerzlicher ist es, Ihnen diese bedauerliche Nachricht überbringen zu müssen. Trotzdem: Sie entspricht nach allem, was wir wissen, der Wahrheit.«

Saunières Haushälterin stieß den Mann von sich und lief ein paar Meter Richtung Villa. Dort blieb sie stehen und schaute erstarrt auf das Haus, dessen prachtvolle Fassade die ärmlichen Gebäude des Dorfes bereits seit vielen Jahren überstrahlte. Sollte es tatsächlich zur Heimat eines Satansjüngers geworden sein, ohne dass sie es bemerkt hatte?

Auch wenn ihr Herz sich noch dagegen wehrte, ihr Verstand wusste doch nur zu genau, dass sie sich dieser ungeheuerlichen Behauptung unmöglich verschließen durfte.

Die »Bewahrer des Lichts« hätten sie niemals grundlos aufgesucht. Das war ihr vollkommen klar.

Die beiden Männer, die Saunières Haushälterin einen Augenblick lang allein gelassen hatten, folgten ihr nun.

Marie erschrak, als sie erkannte, wer der Begleiter des Schnauzbärtigen war, der nun ebenfalls direkt vor ihr stand: Monsieur de Béausejour. Der Bischof von Carcassonne. Saunières direkter Vorgesetzter!

»Haben Sie jemals von den Söhnen Luzifers gehört, Madame?«, fragte der Bischof sie.

»Nein«, schüttelte Marie den Kopf. »Wer ist das?«

»Sie wollen in den Besitz des Schreins kommen. Sie brauchen ihn, um die Welt zu beherrschen. Wir konnten den Stein der Macht bislang vor ihnen verbergen. Jetzt befürchten wir aber, dass sie ihm so nahe sind wie nie zuvor. Und wie es aussieht, ist dafür kein anderer verantwortlich als Abbé Saunière. Er war beauftragt, den Schrein zu beschützen. Stattdessen hat er ihn verraten.«

»Ich …, ich verstehe das alles nicht«, stammelte Marie. »Warum sollte er das tun?«

»Die Söhne Luzifers versprachen ihm große Macht und haben ihn zu ihrem Superior erklärt. Daran gibt es aus unserer Sicht keinen Zweifel!«, erklärte de Beauséjour.

»Es tut mir leid«, ergänzte der schnauzbärtige Mann. »Es fällt uns nicht leicht, aber wir müssen handeln, schnell, ehe es zu spät ist! Wir müssen ihn unbedingt aufhalten. Ich möchte gar nicht daran denken, was passiert, wenn die Söhne Luzifers ihren erbitterten Kampf gegen uns gewinnen. Verstehen Sie, dass wir das nicht zulassen können, Madame Dénarnaud?«

Marie sah die beiden Männer stumm an und hatte plötzlich das Gefühl, vor einem unabwendbaren Scherbenhaufen ihres bisherigen Lebens mit dem Priester zu stehen. Sie konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Wie hatte es nur so weit kommen können?

Monsieur de Beauséjour kramte mit der Hand in der Tasche seines Umhangs und zog ein kleines Amulett hervor, das an einer goldenen Kette befestigt war. Er reichte es Marie.

»Bitte nehmen Sie das!«

Die Haushälterin wischte sich die Tränen von der Wange. Dann griff sie nach dem Amulett und betrachtete es näher.

In seiner Mitte befand sich ein schwach leuchtender, grüner Smaragd, der auf einem Radkreuz angebracht worden war. Um ihn herum formierte sich eine rote Schlange mit abwechselnd schwarzen und weißen Flecken auf dem Körper, die sich in ihren eigenen Schwanz biss. Das gesamte Gebilde war auf einem goldenen Untergrund befestigt, der in zwölf identische Segmente unterteilt war, und glich dem Ziffernblatt einer Uhr. Am Rand waren seltsame Zeichen und Ornamente eingeritzt, die an Hieroglyphen erinnerten. Jede der zwölf Ecken war durch eine silberne Kette mit dem Stein im Zentrum des Amuletts verbunden.

Von den beiden Männern dazu ermutigt, hängte Marie sich das Amulett um den Hals. Es war sonderbar leicht und strahlte eine ebenso unbeschreibliche wie unerklärliche Wärme aus, die ihr Trost spendete.

»Was ist das?«, fragte sie.

»Das ist das Zeichen«, erklärte der Mann mit der Narbe. »Das Insignium der Macht und der Liebe Gottes.«

Marie drückte das Amulett gegen ihre Brust.

Sie fühlte, wie die Trost spendende Wärme plötzlich von ihrem ganzen Körper Besitz ergriff und ihr die Kraft zurückgab, die sie zuvor auf einen Schlag verloren zu haben glaubte.

»Weshalb geben Sie es mir?«, wollte sie wissen.

»Es wird Sie bei Ihrer Mission unterstützen.«

»Was muss ich tun? Was erwarten Sie von mir?«, erkundigte sich Marie. Ihre Stimme war wieder kräftiger geworden, der Fluss ihrer Tränen inzwischen gänzlich versiegt.

»Bringen Sie den Priester dazu, den Teufelsjüngern abzuschwören und halten Sie ihn vor allem von seinem wahnsinnigen Vorhaben ab, einen Tempel über ganz Rennes-le-Château zu bauen. Egal, was auch immer Sie tun werden, retten Sie seine Seele – und damit uns alle!«

Marie wollte noch etwas fragen, aber die beiden Männer deuteten ihr an, dass der Worte nun genug gewechselt waren und sie es bei dem bisher Gesagten belassen wollten.

Wortlos grüßend nahmen sie ihre Zylinder in die Hand und verschwanden in die Dunkelheit des Abends.

Marie blieb allein zurück. Alles wirkte nun wieder ruhig und vertraut, und dennoch war durch den heutigen Abend nichts mehr so wie vorher.

Während des Gesprächs hatte sie die Kälte des Abends nicht gespürt, jetzt aber schmerzte sie der stürmische Wind, der ihr erbarmungslos ins Gesicht blies.

Sie kehrte in die Villa Bethania zurück.

Mehrere Minuten stand sie unentschlossen und regungslos vor Saunières Arbeitszimmer – auf der quälenden Suche nach der richtigen Vorgehensweise. Sie wollte mit dem Priester über all die Vorwürfe reden, fühlte sich aber von einer ihr fremden Furcht zurückgehalten, die sie geradezu übermannte. Die schwierige Entscheidung, die zu treffen sie sich nicht in der Lage sah, wurde ihr jedoch abgenommen, denn von innen öffnete sich plötzlich die Tür.

»Marie?«, rief der Abbé überrascht, als er sie beinahe umgestoßen hatte, nachdem er schwer atmend aus dem Zimmer geeilt war. »Was um Himmels Willen tust du hier?«

»Ich …, ich …, ich wollte fragen, ob du einen Tee möchtest«, stammelte sie. »Ich habe gerade einen aufgesetzt.«

Saunière fiel die ungewohnte Unsicherheit in Maries Stimme natürlich sofort auf. Lügen war noch nie ihre Stärke gewesen.

»Was ist los mit dir?«, wollte er wissen. »Was hast du?«

Marie zögerte. Saunières Blick fiel auf das Amulett um ihren Hals. »Schau an! Was haben wir denn da?«

Er griff nach dem Medaillon und sah es sich an, dann schüttelte er verächtlich den Kopf.

»Ich verstehe!«, rief er aufgebracht. »Ich verstehe!«

Schnellen Schrittes eilte er zurück in sein Arbeitszimmer, setzte sich an den Schreibtisch und notierte etwas auf ein Blatt Papier.

Marie blieb derweil unbewegt an der offenen Türe stehen.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis Saunière sie mehr oder minder schroff in den Raum bat, doch Marie kam die kurze Zeitspanne schier unendlich vor. Ihr Herz pochte wild.

Sie spürte, wie eine undefinierbare Angst vor dem Mann, den sie bis vor wenigen Minuten noch geliebt hatte, mehr und mehr ihr Handeln beeinflusste, wie sie innerlich verkrampfte und doch bemüht war, sich nichts davon anmerken zu lassen. Nur zögerlich setzte sie einen Fuß vor den anderen, ehe sie schließlich auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz nahm.

Der Abbé lehnte sich entspannt zurück. Er schien sich nach seinem kurzen Wutanfall wieder beruhigt zu haben.

Marie kannte diese Stimmungsschwankungen. Mitunter lagen bei ihm zwischen tiefstem Hass und herzlichster Zuneigung nur wenige Augenblicke. Seine unerklärlichen cholerischen Anfälle waren zwar gewöhnungsbedürftig, aber sie hatte gelernt, mit ihnen umzugehen.

»Wo hast du das her?«, fragte er.

Mit einer Mischung aus Hilflosigkeit, Mitleid und Trauer sah Marie den Priester an. Dann drückte sie das Amulett fest an ihre Brust und fasste einen Entschluss – egal, wie riskant, unnötig oder falsch dieser auch sein mochte. Es war die Kraft des Amuletts, die ihr zu verstehen gab, dass sie das Richtige tat:

»Ich habe es von den Bewahrern des Lichts bekommen«, antwortete sie. Es war ihr in diesem Augenblick egal, was die beiden Botschafter später von ihr denken würden, ob sie ihr Vertrauen als unentschuldbar missbraucht ansehen oder ihr das ausgebliebene Schweigen vergeben würden. Sie respektierte den Priester nach wie vor und schuldete ihm – trotz allem – noch immer das Recht auf die Wahrheit.

So, wie sie ihm immer alles erzählt hatte, was sie bewegte, durfte sie auch jetzt nicht still bleiben. Sie brachte es einfach nicht übers Herz.

Saunière schüttelte verwundert den Kopf, obwohl er Maries Antwort auf seine Frage schon erahnt hatte. Wer anders als die »Bewahrer des Lichts« verfügte schließlich über dieses Amulett. Und wer sonst hätte es Marie anvertrauen sollen? Es gab keine andere Möglichkeit. Das wusste er. Mit seiner Frage hatte er lediglich Maries Loyalität auf die Probe gestellt.

»Dir ist klar, was es für ein Amulett ist?«

»Ja«, sagte sie demütig.

»Ich verstehe«, wiederholte Saunière monoton. Dann wandte er sich von Marie ab, um sich wieder um die Papiere zu kümmern, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen.

Nachdem er erneut etwas notiert hatte, stand er auf, ging ans Fenster, zog den Vorhang zurück und schaute in das Dunkel der Nacht.

Maries Blicke folgten Saunière bei jeder seiner Bewegungen.

In ihr brannte der sehnliche Wunsch, den Abbé zu den erhobenen Vorwürfen zu befragen, ihm aus seiner misslichen Lage herauszuhelfen und alles wieder so werden zu lassen, wie es früher gewesen war.

»Die ›Bewahrer des Lichts‹ sagen, du hättest etwas mit den Söhnen Luzifers zu tun.« Maries Worte kamen nur sehr zaghaft über ihre Lippen: »Sie behaupten, du bist ihr Superior …«

Saunière hatte ihr noch immer den Rücken zugedreht. Er überlegte, was er seiner getreuen Haushälterin sagen sollte. War sie wirklich stark genug für die Wahrheit?

Plötzlich begann der Priester laut zu lachen. Er wandte sich ihr wieder zu. In seinen Augen meinte Marie ein verächtliches Blitzen und in seinem Gesicht ein dämonisches Grinsen zu erblicken, wie sie es von ihm nicht kannte. Im gleichen Augenblick verwarf sie diesen Gedanken allerdings wieder. Genauso gut könnte das schwache Licht der Lampe diesen Eindruck erweckt haben, das Saunières älter gewordenes Gesicht in einem ungünstigen Winkel traf.

»Sie haben recht, oder?«, fragte sie.

»Ja«, antwortete Saunière emotionslos und ging, ohne eine einzige Sekunde auf Maries starre Miene zu achten, zum Bücherregal am gegenüberliegenden Ende des Raumes. Dort kramte er ein dünnes Heftchen mit braunem Einband hervor, das er mit an den Schreibtisch nahm.

»Ja, sie haben recht«, sagte er, den Kopf über das Buch gesenkt. Marie hatte zwar mit dieser Antwort gerechnet, fühlte sich aber trotzdem durch sie verletzt. Allein der unerklärlichen Kraft des kleinen Medaillons war es wohl zu verdanken, dass sie nicht augenblicklich in sich zusammenbrach. Erneut sorgte es auf unerklärliche Weise dafür, dass sie gefasst auf die unterkühlten Worte des Abbés reagierte.

»Aber warum?«, fragte sie ihn.

»Die ›Bewahrer des Lichts‹«, fauchte Saunière, »sind ein Nichts im Vergleich zu dem, was Luzifers Anhänger in dieser Welt bewirken können! Sieh mich an: Die Zukunft hat sich mir offenbart. Die Offenbarung des Johannes wird sich bald erfüllen, Marie. Wenn die tausend Jahre vorüber sind, dann wird der Satan aus seinem Gefängnis freigelassen. Die Zeit ist abgelaufen – und ich wurde mit der Macht ausgestattet, alles Wichtige vorzubereiten. Ich allein!«

»Aber – wieso du? Du warst doch ausersehen, den Schrein zu schützen. Wie konntest du dich nur so sehr gegen das Schicksal stemmen, das dir zugedacht war?«

»Was denkst du eigentlich, du arme, ahnungslose Marie, wer auf Erden die wahre Macht hat? Wer wirklich regiert und das Schicksal der Menschen in den Händen hält? Der Teufel ist bereits auf Erden angekommen und er wird schon bald die Macht ergreifen – und dann wird sich zeigen, wer der Stärkere ist. Fürchte dich vor seinen Machenschaften und denke daran: Par ce signe tu le vaincras, Marie! Durch dieses Zeichen wirst du siegen! Ich kenne die Antwort. Ich kenne sie!«

»Du bist wahnsinnig!«, schrie Marie, die die wahre Absicht seiner abscheulichen Worte nicht begriff.

»Wahnsinnig?«, fuhr er sie an. Sein Gesicht war rot vor Zorn. »Ich bin nicht wahnsinnig! Ich habe die Zukunft gesehen – und ich weiß genau, was jetzt zu tun ist. Schon bald wird Luzifer mit seinen Heerscharen auf diesem Kontinent herrschen. Wie damals auf Golgatha wird er versuchen, seine Lanze gegen den Sohn Gottes zu schleudern. Und damit gegen alle, die ihm folgen!«

Marie konnte und wollte Saunières Worte nicht mehr länger ertragen. Der Priester hatte offensichtlich die Maske fallen lassen, die er so lange getragen hatte. Aus dem liebevollen Saunière, den sie einst gekannt und geschätzt hatte, war ein fratzenhaftes Abbild des Teufels geworden. Sie wollte so schnell wie möglich aus diesem unheilvollen Zimmer hinaus. Weg von einem Mann, den sie nicht mehr kannte; den sie vielleicht nie richtig gekannt hatte.

Auf direktem Weg eilte sie die Treppe hinab in ihr eigenes kleines Reich, in jenes Zimmer, das sie sich im Erdgeschoss eingerichtet hatte und das sie seit einiger Zeit bewohnte. Dort angekommen, warf sie die Türe hinter sich zu und schloss ab.

Dann ließ sie sich erschöpft auf das Bett fallen und starrte, versunken in ein wildes und unwirkliches Dickicht aus quälenden, nur schwer fassbaren Gedanken, an die Decke.

»Warum?«, fragte sie verzweifelt in die fühlbare Leere des Raumes. »Warum hast du das nur zugelassen, mein Gott?«

Erschöpft bemühte sich Marie, Trost im Schlaf zu finden.

Bevor sie jedoch in ihre Träume hinabglitt, faltete sie noch einmal die Hände und betete um ein Wunder, das Saunière retten und ihr die schlimme Aufgabe, die sie vor sich hatte, ersparen würde.

Dann fielen ihr die schwer gewordenen Augenlider zu.

Sie bekam nicht mehr mit, wie der Stein des Amuletts, das sie immer noch um ihren Hals trug, zu leuchten begann und Maries Zimmer erhellte. Doch nicht nur dieser Raum wurde von dem warmen Licht durchdrungen – innerhalb weniger Minuten breitete es sich auf das gesamte Haus aus und umgab es von allen Seiten mit einer wohltuenden, schützenden Aura.

1

Frankfurt am Main, »Komet«-Verlagsgebäude

22. Juli 1999

»Guten Morgen!«, rief der Portier gut gelaunt Mike Dornbach zu, als dieser das Verlagsgebäude des »Komet« in der Gießener Straße betrat.

»Da ist ein Brief für Sie gekommen.«

Der Portier streckte ihm einen weißen Umschlag entgegen, den Mike an sich nahm.

»Danke!«

Ein flüchtiger Blick auf den Absender verriet ihm, dass er von Nadine war, seiner Ex-Freundin.

Seit sie sich vor wenigen Tagen vollkommen überraschend und ohne jede Vorwarnung von ihm getrennt hatte, verkehrten sie nur noch schriftlich miteinander. Was sie ihm mitzuteilen hatte, schickte sie dem angesehen Frankfurter Journalisten aber nicht an seine Privatadresse, sondern direkt in sein Büro.

Mike steckte den Umschlag kommentarlos in die Innentasche seines grauen Jacketts. Einen schwarzen Aktenkoffer in der rechten Hand ging er an der kleinen Sitzecke für wartende Besucher vorbei in Richtung Fahrstuhl, der sich am anderen Ende des großräumigen Foyers befand.

Mike Dornbach zählte zu den begehrtesten Journalisten der Frankfurter Presselandschaft. Er galt gemeinhin als unverbraucht, flexibel und somit auch als ein wahrer Glücksfall für den »Komet« – trotz seiner noch jungen 35 Jahre. Er besaß eine ungeheure Detailkenntnis in vielen Bereichen sowie einen flotten Schreibstil, der bei den Lesern des Blattes wie auch bei seinen Geschäfts- und Gesprächspartnern gleichermaßen gut ankam.

Dies waren wesentliche Gründe für Mikes Vorgesetzte gewesen, seine berufliche Karriere von Beginn an nahezu kompromisslos zu fördern, schließlich zählte der »Komet« zu den wenigen großen Tageszeitungen Deutschlands und bedurfte eines herausragenden Personals.

Dabei hatte Mike vor einigen Jahren nur durch einen Zufall dort eine Ausbildung zum Redakteur erhalten. Während seines Studiums war Walter Stein, bereits damals Chefredakteur des »Komet«, Gastdozent einer seiner vielen Vorlesungen gewesen. Er hatte damals über die Aufgaben des Journalismus als vierte und kontrollierende Macht im Staat gesprochen.

Die Schilderungen des Chefredakteurs hatten Mike derart begeistert, dass er beschloss, selbst Journalist zu werden. Das Schicksal hatte es gefügt, dass Stein nicht nur sein späterer Chef, sondern im Laufe der Jahre auch zu einem väterlichen Freund geworden war.

Mike seufzte, während er auf den Fahrstuhl wartete. Mit seinen Gedanken war er noch immer bei seiner gescheiterten Beziehung zu Nadine. Er konnte einfach nicht begreifen, weshalb sie ihn so plötzlich und unerwartet verlassen hatte.

Vor wenigen Tagen war er abends nach Hause gekommen, wo sie, wie immer, bereits auf ihn gewartet hatte. Doch dieses Mal nicht, um ihn herzlich in die Arme zu schließen.

Mike hatte sie im Flur angetroffen – auf einem ihrer Koffer sitzend, die bereits gepackt waren. Er stand vollkommen sprachlos vor ihr.

In wenigen kurzen Sätzen hatte Nadine ihm erklärt, dass zwischen ihnen beiden der Funke der Liebe für immer erloschen sei und sie ihn deshalb verlassen werde. Lange Verabschiedungsszenen seien nichts für sie. Dann war sie mit einem leisen »Machs gut«, ohne jede weitere Erklärung, gegangen.

Ob ein anderer Mann hinter all dem steckte? Mike wusste es nicht. Und möglicherweise war das auch besser so.

Der schrille Signalton des Fahrstuhls riss ihn aus seinen Gedanken. Mike betrat die spiegelverglaste Kabine und drückte auf die Taste zum fünften Stockwerk, wo sich sein Büro am Ende eines mehrere Meter langen Ganges befand.

Die morgendliche Sonne blinzelte vorsichtig in den Raum, der südseitig lag. In seiner Mitte erstreckte sich ein dunkelblauer Teppich, auf dem ein Schreibtisch aus massivem Eichenholz stand.

Wie immer hatte Mike ihn am Vorabend ordentlich aufgeräumt hinterlassen. Angesichts der Papierberge, die sich auf den Tischen der Kollegen türmten, war das zwar eher eine seltene Erscheinung auf dieser Etage, doch Mike legte großen Wert darauf. Es war vielleicht ein Relikt aus seinen Kindertagen.

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