Es wird dir leidtun (Ein Megan-York-Thriller – Band 1) - Ava Strong - kostenlos E-Book

Es wird dir leidtun (Ein Megan-York-Thriller – Band 1) E-Book

Ava Strong

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Beschreibung

Die Polizistin und alleinerziehende Mutter Megan York tut ihr Bestes, um ihrer Tochter in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA ein gutes Leben zu bieten. Sie hofft, dass ihre Vergangenheit sie nicht wieder einholen und ihr gewalttätiger Ex nicht aus dem Gefängnis entlassen werden wird. Doch dann findet man auf Segelbooten am Hafen der Stadt Leichen von Frauen, die einem Serienmörder zum Opfer gefallen sind. Megan muss sich in die Gedankenwelt eines Killers hineinversetzen und den schwierigsten Fall ihrer Karriere lösen – während ihr Ex auf Bewährung entlassen wird. Kann Megan einen Mörder aufhalten und gleichzeitig ihre Familie retten? "Die Geschichte ist voller Drehungen und Wendungen, doch das Ende übertrifft einfach alles – die letzten Enthüllungen habe ich ganz und gar nicht kommen sehen und sie machen dieses Buch zu einem der spannendsten, das ich in den letzten Jahren gelesen habe." – Rezension für NICHT WIE WIR ES WIRD DIR LEIDTUN ist Band 1 einer heiß ersehnten neuen Buchreihe von Ava Strong, deren Bestseller NICHT WIE WIR, über 1.000 Fünf-Sterne-Bewertungen und Rezensionen erhalten hat. Die Megan-York-Krimireihe mit einer brillanten Protagonistin enthält zahlreiche unverhoffte Wendungen, ist spannungsgeladen und wird Sie bis zur letzten Seite in Atem halten. Fans von Rachel Caine, Teresa Driscoll und Robert Dugoni werden mit Sicherheit auf ihre Kosten kommen. Weitere Bände dieser Reihe sind ebenfalls erhältlich! "Ein schauriger und spannender Roman, bei dem man bis tief in die Nacht eine Seite nach der anderen verschlingt!" – Rezension für NICHT WIE WIR "Sehr spannend, ich konnte einfach nicht anders, als weiterlesen … Zahlreiche Drehungen und Wendungen und ein wirklich unerwartetes Ende. Ich kann kaum auf den nächsten Band warten!" – Rezension für NICHT WIE WIR "Eine echte Achterbahnfahrt der Gefühle … Man kann es einfach nicht weglegen, bis man beim Ende ist!" – Rezension für NICHT WIE WIR "Exzellente, äußerst realistische Charaktere, um die man echte Angst hat … Ich konnte nicht aufhören!" – Rezension für DER TODESCODE "Eine tolle Erfahrung, etliche Twists und ein überraschendes Ende. Man will sofort den nächsten Band lesen! Toll gemacht!" – Rezension für DER TODESCODE "Jeden Cent wert. Ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, was im nächsten Band passiert!" – Rezension für DER TODESCODE "Schon nach den ersten paar Seiten konnte ich nicht mehr aufhören! Ich kann es nur weiterempfehlen!" – Rezension für DIE ANDERE FRAU "Die schnelle Action, die Geschichte und die Charaktere haben mir sehr gefallen … Ich wollte einfach nicht aufhören zu lesen und das Ende war total überraschend." – Rezension für DIE ANDERE FRAU "Die Charaktere sind äußerst überzeugend … Es gibt Drehungen und Wendungen, die ich nicht habe kommen sehen. Eine äußerst tolle Geschichte." – Rezension für DIE ANDERE FRAU "Eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe … Das Ende war eine perfekte Überraschung. Ava Strong ist eine tolle Autorin." – Rezension für DIE ANDERE FRAU "Wow, was für eine Achterbahnfahrt … Ich habe so oft gedacht, dass ich WEISS, wer der Mörder ist – und jedes Mal lag ich falsch. Das Ende hat mich total überrascht. Ich muss schon sagen, dass ich mich auf den Rest der Reihe freue. Das einzige Problem ist, dass die anderen Bücher noch nicht draußen sind!" – Rezension für DIE ANDERE FRAU "Eine unglaublich spannende und tolle Geschichte. Bis zum Ende einfach atemberaubend." – Rezension für DIE ANDERE FRAU

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Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Es wird dir leidtun

Ava Strong

Ava Strong ist die Autorin der Krimireihe REMI LAURENT, die sechs Bände umfasst (und noch nicht erschienen ist); der Krimireihe ILSE BECK, die sieben Bände umfasst (und noch nicht erschienen ist); der Psychothriller-Reihe STELLA FALL, die sechs Bände umfasst (und noch nicht erschienen ist); der FBI-Thrillerreihe DAKOTA STEELE, die sechs Bände umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist); der LILY DAWN Thrillerreihe, die fünf Bände umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist); und der FBI-Thrillerreihe MEGAN YORK, die fünf Bände umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist).

Als begeisterte Leserin und lebenslanger Fan von Krimis und Thrillern freut sich Ava auf Ihre Nachrichten. Besuchen Sie ihre Website www.avastrongauthor.com, um mehr zu erfahren und mit ihr in Kontakt zu bleiben.

Copyright © 2023 by Ava Strong. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und Sie es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann senden Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Ergebnis der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig.

BÜCHER VON AVA STRONG

EIN MEGAN-YORK-THRILLER

ES WIRD DIR LEIDTUN (Buch #1)

EIN FBI-THRILLER MIT LILY DAWN

WEITERLEBEN (Buch #1)

WEITER HOFFEN (Buch #2)

EIN DAKOTA STEELE FBI-THRILLER

OHNE GNADE (Buch #1)

OHNE RÜCKSICHT (Buch #2)

EIN STELLA-FALL-THRILLER

DIE ANDERE FRAU (Buch #1)

DIE ANDERE LÜGE (Buch #2)

EIN SPANNUNGSGELADENER REMI LAURENT FBI THRILLER

DER TODESCODE (Buch #1)

DER MORDCODE (Buch #2)

DER TEUFELSCODE (Buch #3)

DER RACHECODE (Buch #4)

EIN ILSE BECK-FBI-THRILLER

NICHT WIE WIR (Buch #1)

NICHT WIE ER SCHIEN (Buch #2)

INHALT

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

PROLOG

Die meisten Menschen lächelten nicht, wenn man ihnen versehentlich Kaffee auf ihr weißes Poloshirt schüttete. Aber das hatte Ben nur noch entwaffnender auf Elizabeth wirken lassen.

Er hatte einfach etwas an sich, das hatte sie gespürt, nachdem sie mit ihm zusammengestoßen war. Sie wusste, dass sie sich unter anderen Umständen geschämt und wahrscheinlich hyperventiliert hätte, wenn sie ein teures Shirt an einem öffentlichen Ort ruiniert hätte. Sie hatte damit gerechnet, jeden Moment von Panik ergriffen zu werden. Aber als sie versucht hatte, den Fleck auf seinem Shirt mitten im Café zu entfernen, hatten sie sein Lächeln und seine Stimme beruhigt.

Dabei hatte Elizabeth ihre Ängste nie unter Kontrolle.

Die meiste Zeit ihres Lebens hatte sie es auf ihre eigene Weise schaffen wollen. Sie war fest davon überzeugt gewesen, dass sie ihre Ängste auf ein natürliches Maß reduzieren könnte, wenn sie nur die richtige Einstellung finden und die Dinge langsam und sorgfältig überdenken würde.

Das hatte natürlich nie funktioniert.

Und so hatte sie meistens die Angst siegen lassen und war stattdessen in dem leichter zu ertragenden Gefühl geschwelgt, dass sie ihr Leben vergeudete, indem sie sich auf Erlebnisse innerhalb ihrer Komfortzone beschränkte – fast immer zu Hause und in geschlossenen Räumen. Aber in Wahrheit hasste sie diese Haltung an sich selbst.

Und dann hatte sie Ben kennengelernt.

Sie hatte nicht damit gerechnet, in den Frühjahrsferien viel zu unternehmen, obwohl die Hütte ihrer Eltern wie aus dem Bilderbuch war. Nachdem sie ihre Koffer für ihren zweiwöchigen Besuch ausgepackt hatte, hatte sie vorgehabt, wenig mehr zu tun als auf das Haus aufzupassen, bis ihre Eltern von ihrer Reise zurückkamen. Für sie war so ein Urlaub völlig in Ordnung. Daran war sie schließlich gewöhnt.

Sie hatte Ben bei ihrem ersten Café-Besuch in der Stadt kennengelernt. Sie war buchstäblich mit ihm zusammengestoßen, und während sie sich ausgiebig entschuldigt und versucht hatte, ihren Milchkaffee von seinem weißen Poloshirt wegzuwischen, hatte er sie in seinen Bann gezogen.

Als er ihr versichert hatte, dass es keinen Grund zur Sorge gäbe, hatte er sie nach ihrem Namen gefragt und war dann mit dem klassischen „Ich habe dich hier noch nie gesehen“ fortgefahren, was direkt in „Oh, ich bin nur im Urlaub“ gemündet hatte. Und bevor sie sich versehen hatte, hatte er sie nach ihrer Telefonnummer gefragt.

Sie hatte zunächst gezögert, sie ihm zu geben. Aber eine innere Stimme sagte ihr immer, dass siederartige Dinge nicht tun sollte. Sie war es leid gewesen, auf sie zu hören.

Natürlich hatte sich keine ihrer Befürchtungen bewahrheitet. Ihr lockeres erstes Date war sogar besser gelaufen, als sie gedacht hatte.

Dann hatte er ihr angeboten, mit ihm segeln zu gehen.

Unter anderen Umständen wäre sie nicht einmal mit ihren engen Freunden und ihrer Familie segeln gegangen. Und das mit einem Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte, bei einem Date zu tun, wäre undenkbar gewesen. Selbst als sie sich gezwungen hatte, Ja zu sagen, hatte eine innere Stimme förmlich danach geschrien, sich eine Ausrede auszudenken, eine Alternative anzubieten.

Aber sie war so stolz auf sich gewesen, als sie schließlich zugestimmt hatte. Ausgerechnet zum Segeln.

Segeln, auf seinem Segelboot, dachte sie fast ungläubig, während sie versuchte, sich an der Reling des Bootes abzustützen und den Knoten zu befestigen, den sie seit mindestens einer Minute zu knüpfen versuchte. Sie fragte sich langsam, was sie eigentlich hier draußen machte.

Doch dann beugte sich Ben von hinten zu ihr herunter, seine Hände strichen sanft über die ihren, und sie erhaschte einen Blick auf sein Lächeln. Plötzlich wusste sie wieder ganz genau, was sie hier draußen machte.

„Hier, so, siehst du?“, fragte er, wickelte das Seil geschickt um die Hornklampe und zog den Knoten mit einem festen Ruck zu. Er ließ es mühelos aussehen und zwinkerte ihr zu, als er aufblickte.

Elizabeth hatte nicht wirklich gesehen, was er da gemacht hatte, aber sie nickte trotzdem. Etwas an seinem Auftreten brachte sie dazu, bei allem, was er sagte, zu nicken.

„Siehst du? Du hast es schon verstanden. Die meisten meiner Schüler können ihre eigenen Knoten erst in der dritten Stunde binden.“ Er ging zurück zu der Stelle, an der er den Ausleger bediente.

„Wir sollten eine Weile so segeln können, daher glaube ich, es ist Zeit, den Riesling zu öffnen. Kannst du das Ruder für eine Weile halten?“, fragte er dann und winkte sie nach vorne.

„Natürlich“, erwiderte sie und nahm seinen Platz ein, als er sich unter Deck begab.

Elizabeth konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als das orangefarbene Licht des Sonnenuntergangs über dem See zu sehen war.

Sie wusste, dass andere Menschen all dies als banal empfinden würden. Aber für sie war es die Art von Abenteuer, von dem sie immer befürchtet hatte, dass es an ihr vorbeigehen könnte.

War jemand wie Ben alles, was sie die ganze Zeit über gebraucht hatte? Jemand, der zu wissen schien, was er tat, mit einem einfachen, beruhigenden Lächeln?

Sie hörte, wie das Wühlen von unten aufhörte und dann die stampfenden Schritte von Ben, der sich wieder nach oben begab.

Sie musste den Gedanken an eine gemeinsame Zukunft mit einem Mann, mit dem sie erst zwei Verabredungen gehabt hatte, mit all ihrer Willenskraft beiseiteschieben. Tatsache war jedoch, dass sie sich wirklich ein Leben wie dieses wünschte, in dem sie etwas unternehmen und Spaß habenkonnte. Vor allem mit jemandem, der so süß war wie er.

Ben tauchte unter dem Deck auf und wedelte verlockend mit der ungeöffneten Weinflasche und zwei Gläsern. Wieder mit diesem verflixten Lächeln.

Elizabeth lächelte zurück.

„Oh, da haben wir’s“, sagte sie. „Wie viel davon gehört mir?“

„So viel du willst. Wenn du mir nur das Steuer überlässt …“, erwiderte er, während er zu ihr herüberkam und sich hinter sie auf das enge Heck schob.

„Oh, natürlich“, sagte Elizabeth. Sie hörte, wie er den Griff an etwas hinter ihr verstellte, konnte aber nicht sehen, was genau er tat.

„Lass mich nur schnell…“, begann sie.

Elizabeth fiel zu Boden, bevor sie überhaupt begriffen hatte, was passiert war.

Sie hörte das dumpfe Geräuschder Weinflasche, die gegen ihren Kopf geschlagen wurde, darauf folgte ein pochender Schmerz.

Sie versuchte nachzuvollziehen, was mit ihr geschah, aber ihre Sicht war verschwommen, und sie konnte kaum noch bei Bewusstsein bleiben. Sie erhaschte einen Blick auf Bens Gesicht. Es war ganz verändert und frei von jeglichem Lächeln. Es war stoisch, emotionslos, als ob es schon immer so gewesen wäre.

Die Angst, die viel zu spät kam, versuchte, sich durch ihre Benommenheit hindurch ihren Weg zu ihr zu bahnen.

Das Letzte, was sie spürte, bevor sie schließlich in die Bewusstlosigkeit glitt, war, dass sie die Treppe hinuntergezogen wurde, in die Dunkelheit. Und jemand hatte ein dickes Seil um ihre Beine gebunden.

KAPITEL EINS

„Da läuft er, Niall. Halte dich rechts von ihm und schneide ihm die Seitenstraßen ab. Wir wollen keine Verfolgungsjagd zu Fuß. Over“, sagte Megan in ihr Funkgerät.

Das Gerät knisterte, als sie den Knopf losließ. Ihr Stellvertreter Niall reagierte nicht, aber sie konnte sehen, wie er seinen Kurs leicht änderte, weil er ihren Anweisungen vertraute.

Megan schaute blinzelnd durch die Windschutzscheibe auf die Gestalt, dann richtete sie sich auf und rückte ihre Schutzweste zurecht. Sie saß schon eine ganze Weile in ihrem Wagen und lauerte dem Täter auf. Sie wollte nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden, falls er sich endlich entschließen sollte, die Flucht zu ergreifen.

„Bist du sicher, dass er unser Mann ist? Over“, kam Nialls Stimme schließlich über das Funkgerät.

 Schlabbriger, schwarzer Kapuzenpulli. Tief hängende Hose. Kapuze ganz hochgezogen.

„Passt zu der Beschreibung, die wir mit der Ladenkamera aufgenommen haben, also würde ich sagen, ja. Glaubst du, er hat unter all diesen Schichten irgendwelche Überraschungen? Over“, sagte sie.

Über das Funkgerät kehrte Stille ein. Sie wusste, dass Niall genau hinsah und bei dem Verdächtigen so gut es ging nach den Anzeichen Ausschau hielt, die sie ihm beigebracht hatte und die eine versteckte Waffe verraten würden. Ein ungleichmäßiger Gang oder ein gelegentliches, aber konsequentes Nachjustieren einer Waffe in einem Gürtel oder in einer Tasche, wo sie immer wieder hin und her rutschte.

„Sieht nicht so aus. Aber er könnte alles Mögliche da drunter haben. Ich würde sagen, sei auf der Hut. Ende.“

Er hatte recht. Der Verdächtige war weit weg, aber von ihrer Position aus konnte selbst sie sehen, dass es schwer zu sagen war, was er unter seiner Kleidung bei sich trug. Sie zog ihre Weste erneut zurecht, da sie ein wenig verrutscht war.

Megan traf eine Entscheidung. Sie hatte versprochen, diesen Kerl von der Straße zu holen. Sie öffnete die Autotür und trat hinaus in die frische Frühlingsluft.

 Sie ging über die Straße auf die Gestalt im Kapuzenpulli zu, einen Arm autoritär erhoben.

„Sir? Sir, ich muss Sie bitten …“

Beim Klang ihrer Stimme drehte der Verdächtige den Kopf, und sie konnte seine Augen sehen, die unter der Kapuze groß wie Teller waren. Dann erstarrte er wie ein Reh im Scheinwerferlicht.

Oh, oh, dachte sie.

Sie hatte diesen Blick schon oft genug gesehen, um zu wissen, was als Nächstes passieren würde.

Bevor sie ein weiteres Wort sagen konnte, war er losgerannt.

„Der Verdächtige rennt“, rief sie in ihr Funkgerät, ohne sich um weitere Details zu scheren. Sie war selbst schon im Sprint, und sie wusste, dass Niall sie beide sehen konnte.

Er schien sportlich zu sein, aber sie war auch nicht gerade unfit. Megan wusste, dass sie ihn innerhalb weniger Sekunden einholen würde.

Aber auch das musste der Verdächtige bemerkt haben, denn bei der nächstbesten Gelegenheit wich er in eine Gasse aus. Megan geriet ins Straucheln und drehte sich dann um.

Das Ziel einer Verfolgungsjagd hat immer den Vorteil, bestimmen zu können, wohin die Verfolgung führt, erinnerte sie sich an eine Art Mantra, das sie auf der Polizeischule gelernt hatte. Trotzdem dauerte es nur wenige Sekunden, bis sie den Typen einholte. Es überraschte sie beinahe, wie langsam er zu sein schien.

Der Nachteil einer durchhängenden Hose, dachte sie, während sie sich gegen die Proteste ihrer Beine und ihrer Lunge stemmte, um ihr Tempo aufrechtzuerhalten.

Sie streckte die Arme nach ihm aus und war kurz davor, ihn an seinem schwarzen Kapuzenpulli zu packen, als der Verdächtige in die nächste Gasse bog. Megan stöhnte frustriert auf, aber diese Frustration war nur von kurzer Dauer, als Niall plötzlich am anderen Ende derselben Gasse auftauchte, in seiner ganzen Highschool-Linebacker-Pracht.

Der Täter erstarrte ein weiteres Mal, als ein angreifender Stier auf ihn zuzusteuern schien. Megan konnte fast hören, wie er sich einen anderen Fluchtweg überlegte.

Das ist das Schöne an Gassen, dachte sie und grinste vor sich hin. Innerhalb weniger Sekunden lag der Verdächtige auf dem Boden, Nialls ganzes Gewicht auf ihm.

Sie stand einen Moment lang gebeugt da, die Hände auf den Knien, und blickte auf die sich windende Gestalt hinunter, während sie versuchte, zu Atem zu kommen. Auch Niall atmete schwer, aber er war immer noch in der Lage, den kleineren Mann unter sich zu halten, seine Arme auf den Rücken zu legen und dann die Handschellen an seinen Handgelenken zu schließen.

„Zieh ihm die Kapuze runter“, sagte sie, als sie wieder normal atmen konnte ohne zu keuchen.

Niall tat es. Der Verdächtige wandte sich von Megan ab, als sein Gesicht zu sehen war, aber sie erkannte ihn dennoch und richtete sich abrupt auf.

„Du bist … Du bist Jeffs Kind!“, rief sie. „Brayden … Aiden? Aiden. Ich kann das nicht glauben, Aiden!“

Der Jugendliche wurde rot, sagte aber nichts.

„Sieh unter seinem Pulli nach“, sagte sie zu Niall. Und tatsächlich, schon beim ersten Abtasten entdeckte er ein Paar nagelneue Timberlands, an denen noch das Preisschild hing.

Sie ging neben Aiden in die Hocke und hielt ihm ihre Hand hin. Niall drückte ihr den linken Stiefel in die Hand, damit sie ihn untersuchen konnte. Sie sah ihn sich einmal an und blickte dann wieder zu Aiden.

„Die muss man bezahlen, weißt du“, sagte sie und schlug ihm mit dem Stiefel leicht auf den Kopf. „Wie alt bist du, siebzehn? Komm schon, du solltest es besser wissen. Die haben Kameras in den Läden. Sie können sehen, wenn du klaust.“

Sie ließ sich aus der Hocke auf ihren Hintern fallen. Sie seufzte und schaute noch einmal auf den Stiefel.

„Die sind teuer. Das ist keine Kleinigkeit. Und unser Stadtzentrum leidet bereits. Es gibt insgesamt etwa drei Geschäfte, die etwas anderes als Bootszubehör verkaufen. Wir können uns keine Ladendiebe leisten. Wirklich!“

Sie wurde etwas ernster und sah Aiden eindringlich in die Augen.

„Ich könnte dich dafür einbuchten“, sagte sie.

Aiden sagte immer noch nichts, und sein Gesicht war weiterhin knallrot, aber sie konnte erkennen, dass das Wort „könnte“ etwas in ihm ausgelöst hatte. Hoffnung, wahrscheinlich – vielleicht hatte er befürchtet, dass es unvermeidbar war, auf die Wache gebracht zu werden.

„Oder … Ich kenne deinen Vater, sozusagen. Ich könnte ihm erzählen, was du getrieben hast.“

Daraufhin machte er große Augen, wand sich unter Nialls Griff und öffnete schließlich den Mund.

„Bitte!“, begann er, aber Megan machte ein tadelndes Geräusch und hielt einen Finger hoch.

„Wenn du willst, dass ich dir nur eine Verwarnung erteile, wirst du Folgendes tun“, sagte sie. „Erstens wirst du alles zurückgeben, was du in den vergangenen drei Tagen aus dieser Boutique gestohlen hast. Zweitens wirst du dich hier nie wieder beim Ladendiebstahl erwischen lassen oder auch nur deinen Kaugummi auf die Straße spucken.“

Aiden nickte energisch.

„Und drittens …“, fügte sie schließlich hinzu und sah Aiden tief in die Augen, „… wirst du deine verdammte Hose hochziehen. Du siehst lächerlich aus.“

Wieder nickte der Teenager energisch, als ob diese Bitte ebenso vernünftig wäre wie die anderen.

Sie stand auf und winkte Niall, der den Jungen hochzog und ihn von den Handschellen befreite. Sie drückte ihm die Timberlands wieder in die Hände und verschränkte dann die Arme vor der Brust.

„Wenn ich nicht bis morgen früh um acht Uhr von der Boutique höre, dass alle gestohlenen Waren zurückgegeben worden sind …“

Sie hob eine Augenbraue und warf dem Jungen einen bedeutungsvollen Blick zu. Dann blickte sie zu Niall, der auf ihre Aufforderung hin denselben Ausdruck machte.

„Ja, Ma’am“, murmelte Aiden gehorsam.

„In Ordnung. Und jetzt darfst du gehen“, sagte sie und sah ihm nach, wie er aus der Gasse schlurfte, die Timberlands in den Armen – und mit einer Hand zog er seinen Hosenbund hoch.

Megan behielt ihren strengen Gesichtsausdruck noch ein Zeit lang bei, dann, als der Teenager außer Sichtweite war, schaute sie zu Niall. Er versuchte offensichtlich, das gleiche Lächeln zu unterdrücken, das sich auch auf ihrem Gesicht ausbreiten wollte. Sie sahen einander an, bis Niall schließlich zu kichern begann, woraufhin auch Megan losprustete.

„Ich glaube nicht, dass er uns noch einmal Ärger machen wird“, sagte Niall, als er sich endlich wieder gefasst hatte. „Er sah so zerknirscht aus …“

Sie quittierte das mit einem weiteren Lächeln und klopfte ihm auf die Schulter.

„Wir sollten uns auf den Weg zurück zur Polizeiwache machen. Dort gibt es wahrscheinlich weitere gelangweilte Teenager, die wir zurechtweisen müssen“, sagte sie. Damit hatte sie vermutlich auch recht. Das war alles, wofür die Polizei in dieser Stadt gut zu sein schien. Twin Lakes war einfach ein ruhiger Ort, an dem nicht sonderlich viel passierte.

Ihr fiel auf, dass die Sonne bereits tief am Himmel stand. Also schaute sie auf die Uhrzeit auf ihrem Handy.

„Ja, wir müssen dringend zurück aufs Revier“, sagte sie zu Niall, der sich bereits auf den Weg zum Streifenwagen gemacht hatte. „Aiden hat sich mit dem Ladendiebstahl viel Zeit gelassen. Ich kann nicht glauben, dass ich schon wieder zu spät komme, um den Babysitter abzulösen.“

* * *

Megan nahm ihren Fuß kurz vom Gaspedal und dehnte und streckte ihre schmerzenden Beine für das letzte Stück der Heimfahrt. Auch wenn sie sehr fit war – sie brauchte nicht jeden Tag einen Sprint. Sie wäre gern noch besser in Form, aber sie wusste, dass sie einfach nicht die Zeit oder das Geld hatte, um ins Fitnessstudio zu gehen. Sie zahlte schon genug an den Babysitter, dachte sie.

Der Sonnenuntergang über dem See begrüßte sie, als sie ihre Einfahrt hinauffuhr. Sie seufzte, als sie aus dem Auto stieg, und betrachtete ihn in seiner ganzen Pracht. Das Wasser war größtenteils ruhig, bis auf das Plätschern einiger Fische, die unter der Oberfläche schwammen.

Der Winter war sehr kalt, aber im Frühling würden die Insekten wieder in großer Zahl auftauchen. Sie würde Emma noch ein paar Mal an den See bringen müssen, um diese herrlichen Naturschauspiele zu bewundern, bevor die Mückensaison begann, dachte sie bei sich. Megan wusste, wie sehr Emma den See liebte. Sie würde diesen Plan in die Tat umsetzen, beschloss sie, und warf einen letzten Blick auf den Sonnenuntergang, bevor sie zu ihrer Veranda hinaufging.

Nachdem sie den Babysitter entlassen hatte, atmete sie tief ein und aus und nahm die Düfte des Hauses in sich auf. Der Geruch des Kaminofens dominierte, und darüber war sie mehr als froh. Dieser Ofen erfüllte seinen Zweck auf die bestmögliche Weise: Er löste die Schmerzen und die Anspannung aus ihren Muskeln wie eine professionelle Massage.

Sie war dankbar für ihr gemütliches Haus am See. Während sie über diese Tatsache nachdachte, wurde Megan auf einmal klar, dass auch etwas fehlte.

Sie atmete ein und wieder aus und stellte fest, dass die Wirkung der sonst so angenehmen Düfte diesmal nicht so stark war.

Es gefiel ihr nicht, dass sie unbedingt mehr wollte, aber so war es nun einmal. Ihrem kleinen Heim fehlte etwas. Ein anderer Duft vielleicht – oder eine andere Präsenz.

Das Gefühl, dass etwas fehlte, war mehr als deutlich.

Sie begann, die Unordnung im Eingangsbereich aufzuräumen – vielleicht ein Abwehrmechanismus, um sich von diesem Gedanken zu lösen.

„Mooooo-ooommmm!“, hörte man jemanden aus dem anderen Zimmer rufen, und Megan vergaß, was sie eben noch so frustriert hatte. Sie bückte sich, als Emma um die Ecke stürmte, und schloss sie fest in die Arme.

„Oh, es ist so schön, dich zu sehen, mein Schatz!“, rief Megan, als Emma sich endlich von ihr löste.

„Ich brauche Hilfe bei den Hausaufgaben“, erwiderte Emma verärgert, aber Megan konnte sehen, dass auch sie froh war, ihre Mutter zu Hause zu haben.

„Okay, wie wär’s, wenn ich mir das mal ansehe, Schatz? Und in der Zwischenzeit kannst du mir erzählen, wie dein Schultag war“, schlug Megan vor, stand auf und führte Emma zu ihrem Schreibtisch.

„Die Schule war okay“, sagte Emma, als sie sich wieder auf den Stuhl setzte, auf dem sie gesessen hatte.

Megan versuchte, sich daran zu erinnern, was ihre Eltern sie immer gefragt hatten.

„Hast du heute gute Fragen gestellt?“, fragte sie.

„Ich weiß nicht. Ich glaube schon“, antwortete Emma. Sie rollte ihre Arme und ihren Kopf träge auf dem Tisch hin und her. „Ich stecke bei dieser Aufgabe fest“, fuhr sie fort und zeigte auf das Aufgabenblatt.

Megan seufzte und zog einen Stuhl neben sich heran, um einen Blick auf das Arbeitsblatt zu werfen.

„Na gut, was haben wir denn hier? Oh, ja, daran erinnere ich mich“, sagte Megan.

Plötzlich wurde Emma wieder munterer. Sie sah ihre Mutter an.

„Wie war deine Arbeit heute?“, fragte sie, was ein wenig ungewöhnlich war.

Megan blinzelte zweimal. „Äh … nun, ganz gut“, antwortete sie.

Emma sah sie schüchtern an. „War Mr. Anders da?“

Megan blinzelte wieder. Niall?

„Ja, er ist immer da. Er ist mein Partner, Emma.“

„Partner?“,fragte Emma und versuchte, eine Augenbraue zu heben. Aber sie konnte diese nicht so gut kontrollieren, und beide hoben sich nacheinander hoch.

„Ja, Emma, er ist mein Partner.“

Emma presste ihren linken Daumen und Zeigefinger zusammen, dann ihren rechten Daumen und Zeigefinger. Dann ließ sie sie aneinander abprallen und begann, mit ihrem Mund übertrieben theatralische Kussgeräusche zu machen.

„O mein Gott, Emma! Das ist so respektlos!“, rief Megan unter Emmas hysterischem Gelächter, meinte es aber ironisch. „Wir haben eine sehr gute berufliche Beziehung.“

Meistens gefiel es ihr, wenn Emma sie neckte, aber sie merkte, dass ihr der Gedanke nicht unangenehm war, dass sie und Niall ein Paar sein könnten. Bei der Arbeit waren sie ein großartiges Team, aber sie wollte das nicht in Gefahr bringen.

Dann wurde ihr bewusst, dass es wahrscheinlich ihre Schuld war, dass diese Art von Dingen Emma mehr beschäftigten, als es normalerweise der Fall wäre.

„Bei welchem Problem steckst du fest? Du weißt doch, dass ich in diesen Dingen auch nicht gut bin“, sagte sie, um das Thema zu wechseln.

Die Hausaufgaben waren wie immer keine große Sache, wenn Megan erst einmal die richtigen Hinweise gefunden hatte – und ihre eigenen Erinnerungen an die Matheaufgaben in der Mittelstufe wachrief.

Nachdem sie Emma die Aufgabe erklärt hatte, konnte sie sie ganz allein lösen. Und dann die nächste. Schon bald war sie mit dem Arbeitsblatt fertig, und Mutter und Tochter waren ein wenig erschöpft.

Darum protestierte Emma, als sie ihre fertigen Hausaufgaben in ihre Schulmappe steckte, auch nicht dagegen, sich sofort bettfertig zu machen. Megan deckte ihre Tochter so zu, wie es ihr gefiel, schaltete das Licht aus und schloss leise die Tür.

Als sie noch einmal an die Freude auf Emmas Gesicht dachte, als sie sie geneckt hatte, wurde ihr bewusst, wie dankbar sie war. Sie hatte in vielerlei Hinsicht wirklich großes Glück, das wusste sie.

Sie streckte sich, wölbte ihren Rücken und hörte ein angenehmes, befriedigendes Knacken. Megan ging in die Küche und zur Spüle. Der Babysitter hatte mehr als nur ein paar schmutzige Teller produziert, und Megan stöhnte leise vor sich hin. Das hatte sie davon, dass sie gesagt hatte: „Bediene dich am Kühlschrank.“

Emma zuliebe drehte sie den Wasserhahn mit einem niedrigen Druck auf und machte sich an die Arbeit. Sie hasste Hausarbeiten wie diese, denn sie waren öde und eintönig.

Da erinnerte sie sich an ihre Hörbücher. Nachdem sie einen schmutzigen Teller abgespült hatte, drehte sie den Wasserhahn zu und suchte nach ihrem Telefon und den Kopfhörern.

Doch kaum hatte sie sie gefunden, klingelte ihr Handy und erschreckte sie.

Wer ruft denn um elf Uhr nachts an? dachte sie.

Sie starrte einen Moment lang auf den Sperrbildschirm. Aus irgendeinem Grund lief ihr ein Schauer über den Rücken.

Besorgt tippte sie auf den Sperrbildschirm und sah die Anrufer-ID.

Mike Eriksen.

O Gott, bitte. Alles, nur das nicht, dachte sie.

Sie wünschte, es wäre ein anderer Mike Eriksen als der, der im Gefängnis im Norden arbeitete. Aber es konnte nur dieser eine sein, und es gab nur wenige Gründe, weswegen er anrief.

Zähneknirschend nahm sie den Anruf an.

„Hey, Mike“, sagte sie.

„Hey, Megan. Ich … habe schlechte Nachrichten und wollte dir sofort Bescheid sagen.“

Daraufhin presste sie die Augenlider zusammen.

„Spencewird auf Bewährung entlassen. Die Anhörung war heute. Ja, ich weiß, das hat mich auch überrascht.“

Spence – das Wort hallte in ihrem Kopf wider, und ihr drehte sich der Magen um.

Ihr Atem stockte, und ihr Herz raste wie ein Schnellzug. Sie umklammerte den Tresen, sodass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Spencer.

Kein Richter hatte je verstanden, welche Gefahr von Spencer ausging. Aber wie hätten sie es auch verstehen sollen? Megan kannteihn auf eine Weise, wie es niemand sonst konnte. Auf eine Weise, die kein Richter, Anwalt oder Gefängnisdirektor jemals nachvollziehen könnte.

Nur jemand, der ihn geliebt hatte, wirklich geliebt hatte, und den er auch geliebt hatte, konnte wirklich verstehen, wie er war.

 „Er hätte noch ein weiteres Jahr im Gefängnis bleiben sollen …“, erwiderte sie schließlich mit schwacher Stimme.

„Das dachte ich auch. Der Bewährungsausschuss meint, eins reicht. Tut mir leid“, sagte Mike.

Ja, eine Entschuldigung reicht nicht aus, wollte sie erwidern. Aber sie wusste, dass es natürlich nicht Mikes Schuld war, und er klang wirklich aufrichtig bedrückt. Innerlich war sie dankbar denn trotz allem hatte Mike sie nie im Stich gelassen.

„Ich wünschte, es wäre anders. Es tut mir so leid. Allerdings behauptet er, er sei ein anderer Mensch. Der Bewährungsausschuss scheint das zu glauben.“

Natürlich tut er das, dachte sie.

Dennoch hatte sie das Gefühl, sie müsste sich gleich übergeben.

„Aha“, war alles, was sie sagen konnte.

„Es dauert noch etwa einen Monat, bis er entlassen wird. Ich halte dich auf dem Laufenden“, sagte Mike. „Halt die Ohren steif!“

Megan legte auf und das Handy behutsam auf den Tresen.

„O Gott“, hauchte sie zu und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

Sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Der Gedanke, dass Spencer in ihr Leben zurückkehren könnte, der Gedanke, überhaupt wieder mit ihm zu sprechen, gab ihr das Gefühl, dass die Welt auf den Kopf gestellt worden war.

Unerwünschte Erinnerungen drängten sich ihr auf: jene verhängnisvolle Nacht in der Bar, die nur etwas mehr als ein Jahr zurücklag.

Sie hatte gespürt, dass etwas nicht stimmte, nur Sekunden bevor es passiert war. Er war sehr ruhig geworden, erinnerte sie sich. Sie konnte immer noch seine wütenden, stechenden Pupillen sehen, die auf Jake gerichtet waren, den Freund, mit dem sie gescherzt hatte. Der, von dem Spencer nach ein paar Gläsern Bier gedacht hatte, dass er ein bisschen zu freundlich zu ihr gewesen war.

Im nächsten Augenblick war Jake auf dem Boden zusammengesackt, bewusstlos, mit einer kleinen Blutlache unter dem Kopf. Sie erinnerte sich daran, wie Spencer über ihm gestanden und selbst verwirrt und desorientiert gewirkt hatte, als wäre er derjenige gewesen, den manbewusstlos geschlagen hatte.

Sie spürte, wie etwas ihr Bein umfasste. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Hinter ihr stand Emma, die ihre Decke festhielt.

„Ist alles in Ordnung, Mom?“, fragte sie schläfrig.

„Oh ja, Schatz, alles in Ordnung. Du solltest aber doch schlafen?“, erwiderte Megan.

„Wirklich?“, fragte Emma und sah zu ihr auf.

„Wirklich, es ist alles in Ordnung“, beharrte Megan und setzte ein Lächeln auf, von dem sie hoffte, dass es überzeugend war.

Sie schob sie zurück in Richtung ihres Zimmers und schloss die Tür hinter ihr, bevor sie zum Spülbecken zurückkehrte.

Wieder umklammerte sie den Tresen so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Megan versuchte, ihre Atmung zu beruhigen, aber das wurde von Sekunde zu Sekunde schwieriger.

Das schwarze Display ihres Handys schien sie anzustarren. Sie konnte es nicht vermeiden, all die Erinnerungen und Emotionen in Bezug auf Spencer auszugraben, vor allem die traumatische letzte Phase ihrer Ehe. Dann versuchte sie zu verarbeiten, was Mike ihr mitgeteilt hatte.

Spencer würde aus dem Gefängnis entlassen werden.

Sie stellte sich dieser Tatsache und beschloss, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

Schließlich gelang es ihr, ihre Atmung in den Griff zu bekommen und ihre Finger von der Arbeitsplatte zu lösen. Da fiel ihr Blick auf die Stelle, an der sie ihre Schutzweste und ihren Gürtel abgelegt hatte. Dort lagen auch ihr Taser und ihre Dienstwaffe.

Sie wollte niemanden verletzen, nicht einmal Spencer. Aber eines Tages würde sie sich wieder einer Welt stellen müssen, in der er vorkam.

Und sie kannte Spencer. Sobald er draußen war, würde er an ihrer Türschwelle stehen und versuchen, sich wieder in ihr Leben einzumischen.

KAPITEL ZWEI

„Warum darf ich Daddy nicht sehen?“, jammerte Emma.

Ihre Verzweiflung brach Megan fast das Herz, zumal sie wusste, dass sie ihr die Situation nicht erklären konnte.

„Daddy ist … momentan krank, Emma. Man muss sich um ihn kümmern, bevor du ihn wieder sehen kannst. Ich weiß, Schatz, ich weiß, das ist im Moment schwer zu verstehen.“

Sie versuchte, den Motor zu starten, aber er sprang nicht an. Die Stressfaktoren häuften sich. Emma war bereits spät dran für die Schule.

Aber es war mehr als das: Warum schlug ihr Herz so heftig, dass sie jeden Schlag in ihrer Brust spüren konnte? Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, als sie das Lenkrad und den Schlüssel im Zündschloss umklammerte. Megan war kurz davor zusammenzubrechen, und sie wusste, dass ihre Reaktion völlig jenseits dessen lag, was sie in diesem Moment erleben sollte. Etwas, das sie nicht ganz einordnen konnte, lief ganz und gar falsch.

„Aber da ist Daddy ja!“, rief Emma und zeigte aus dem Fenster. Megan erstarrte und zwang sich, ebenfalls aus dem Autofenster zu schauen.

Und da stand Spencer und starrte sie an. Da war diese schreckliche, traurigeSorge in seinem Gesicht, die Sorge um sie und Emma. Aber auch eine egoistische, eifersüchtigeSorge.

Er kam zu ihnen hinüber, als Megan noch einmal versuchte, den Wagen zu starten. Der Motor stotterte zweimal, dann fiel er wieder aus.

„Bleib stehen!“, rief sie ihm durch das Autofenster zu und versuchte, mit ihrer autoritären Polizeistimme zu sprechen, während sie den Zündschlüssel hin und her bewegte.

Er hörte nicht auf sie. Stattdessen beschleunigte er das Tempo und rannte dann direkt auf Emmas Seitentür zu. Megan griff nach ihrem Taser, hörte ein Klingeln in ihren Ohren hören und …

Nur das Klingeln und der kalte Schweiß waren übrig, als sie sich mit einem Ruck aufsetzte.

Ein Traum. Es war nur ein Traum