Eskandar - Siba Shakib - E-Book

Eskandar E-Book

Siba Shakib

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Beschreibung

Eine Geschichte Persiens


Wir schreiben das Jahr 1908 – und die Sonne brennt gnadenlos auf das Dorf ohne Namen. Hier, tief im Süden des Irans, gibt es viele Verbote, aber ein Junge hält sich nicht daran. Eskandar wagt es, über den kargen Berg zu steigen und mit den Fremden zu sprechen, die dort nach Öl suchen. Sie haben alles, was den Menschen im Dorf fehlt: Wasser und Nahrung. So beginnt das abenteuerliche Leben eines Jungen, der sich in widrigen Umständen behaupten muss. Doch Eskandar erkennt die große Macht der Worte, wird zum Ausrufer guter und schlechter Nachrichten, und schließlich zum Geschichtenerzähler. Die Bestsellerautorin Siba Shakib gibt faszinierende Einblicke in die archaische Kultur Persiens, die enorme Umbrüche erleben muss.

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Seitenzahl: 815

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Copyright © 2009 by Siba Shakib

Erschienen im C. Bertelsmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Inhalt
1908, ein kleines Dorf ohne Namen im Süden des Iran
 
Eskandar findet heraus, dass Gott einen Plan für ihn bereithält
Hodjat der Reiter kommt in Eskandars Leben
Zwei Tage, bevor Eskandars Mutter stirbt
Im Lager der Erdölsucher
Eskandar löst ein Problem von Mesterr-Richard
Der Junge soll bleiben
Goodbye and good luck
Eskandar und die Wahrheit über Frauen und Männer
Erdöl ist zäh und stinkt
Nachdem die Farangi ihr Erdöl gefunden haben, findet Eskandar seine Aishe
Bis zum letzten Tropfen Blut
Eskandar bekommt ein Geschenk
Eskandar wird Geschichtenerzähler
Frühjahr 1909, Anglo Persian Oil Company
Eskandar und Roxana reisen nach Teheran
Eskandar und seine neuen Aufgaben
1915, Mahrokh-Khanum und die ersten Heimlichkeiten
1916, der große Krieg und das erste Automobil
Die Leiden des jungen Eskandar-Agha
Eine Flucht
1919, Eskandar-Agha wird Fotograf
Eskandar-Agha und die Freiheitskämpfer
Eskandar-Agha kehrt in den Süden zurück
Eskandar-Agha spielt Schicksal
Das Schicksal spielt mit Eskandar-Agha
Eskandar-Agha und sein alter Meister Hodjat
Eskandar-Agha und die letzte Reise von Hodjat-Agha
1928, ein neuer Beruf und die neuen Gesetze des Königs Resa-Khan
1930, Eskandar-Agha behält seine Geheimnisse für sich
1935, Familiennamen und die Sache mit Frauen und Männern
1941, Umzug nach Teheran
Ein Zwischenfall und seine großen Folgen
1941, Eskandar-Agha will seine alte Aftab-Khanum zurück
Mossadegh, Spione und noch mehr Geheimnisse
1945, eine Reise nur zum Vergnügen und neue, kleine Geheimnisse
Eskandar-Agha wird stark und soll eingeschüchtert werden
Eskandar-Agha begegnet Mahrokh-Khanum
Eskandar-Agha verliert Aftab-Khanum
Statt Öl fließt Blut
Noch einmal Mahrokh-Khanum und Roxana
Hilfe von der kleinen Nimtadj
Ein neuer Freund und eine Tochter
Eine unangenehme Überraschung
Ist doch alles ganz einfach
Eisenhower kommt, Truman geht und nimmt die Hoffnung der Iraner mit sich
Ein neues Jahr und ein neuer Bewohner
Eskandar-Agha wird Spion
Ein gescheiterter Staatsstreich, und Eskandar-Agha ist dabei
Der schwarze Freitag
Es ist aus und es geht weiter
Die Kinder werden flügge
Wie die Mutter
Siebzig Jahre, die erste Reise mit dem Flugzeug und endlich ein Held, zumindest ...
Ein Verbindung und ein Bruch
1977, eine kalte Nacht im November
1978, ein großer Schmerz
1978, Kriegsrecht und Totenstille
Noch eine, die Geschichten erzählt
Eskandar-Agha wird berühmt
 
Kein Nachwort, aber ein Wort danach
Danksagung
Zeittafel
Glossar
Die Schreibweise der persischen Namen entspricht der ortsüblichen Aussprache und richtet sich bewusst nicht nach westlicher Schreibart.
Für Tarek und Julian für Arian und Omid und alle anderen Töchter und Söhne des Iran damit die Erinnerung nicht verloren geht; möget ihr frei sein und selber bestimmen
Schlägt Gott aus Weisheit eine Tür zu so öffnet er aus Gnade hundert andere
Die Menschenkinder sind alle verbunden miteinander Denn in der Schöpfung sind sie alle aus der gleichen Kostbarkeit
 
Welches Glied auch immer vom Schicksal mit Schmerz beschert wird Bleibt den anderen Gliedern keine Ruhe
 
Sollte der Schmerz anderer dich nicht betrüben Hast du es nicht verdient, Mensch genannt zu werden
Präsident Obama hat in einer öffentlichen Rede mit diesen Versen des persischen Dichters Sa’di dem iranischen Volk und der Regierung zum persischen Neujahr gratuliert

1908, ein kleines Dorf ohne Namen im Süden des Iran

Seit Neustem rennen die Kinder, die Dürre und Hunger übrig gelassen haben, durch das kleine Dorf ohne Namen und rufen faack. Sie haben es von Eskandar gelernt, und der hat es von den Männern, die er gefunden hat, als er über den verbotenen Berg geklettert ist.
Am nächsten Tag schickt der Arbab, der mächtige Besitzer von allen Dörfern, Feldern, Tieren und Menschen, seinen Mullah, um die Leibeigenen zu warnen.
Der Geistliche weiß, wie er den Leuten Angst einjagen kann. Böse Geister, Jinn und Div, stehen im Dienst des Arbab, sagt er. Sie leben in den Ritzen der Felsen und in Höhlen. Dieses Mal haben sie den Jungen verschont, das nächste Mal aber werden sie ihn verschlingen, bestenfalls werden die Reiter des Arbab ihn fangen und auf den Boden pflocken, damit er in der sengenden Sonne verbrennt und die Geier ihn in Stücke reißen und auffressen.
Eskandar verkriecht sich hinter seiner Mutter Sahra, und auch die Erwachsenen weichen einen Schritt zurück.
Der Mullah grinst zufrieden. Die Männer hinter dem Berg sind Fremde, Farangi, erklärt er. Und weil die Bauern außer ihrem Dorf nichts kennen und es keinen Sinn hat, ihnen zu sagen, wo Farangestan liegt, sagt er, das ist so weit, dass ihr es euch nicht vorstellen könnt. Wir nennen sie auch Kafar, Ungläubige, jedenfalls ist es verboten, ihre Arbeit zu stören, und erst recht, ihnen etwas zu klauen.
Der Junge behauptet, die Fremden haben Wasser, sagt der Dorfälteste. Und wir? Wir zweifeln nicht an Gott; sogar jetzt sind wir dem Arbab treu ergeben; wir haben unsere Arbeit getan, unsere Abgaben geleistet. Trotzdem sitzen wir auf dem Trockenen und sterben einer nach dem anderen.
Das da oben ist die Kante des Todes, raunt der Mullah.
Erklär uns lieber, warum wir kein Wasser haben, bedrängen die Leibeigenen den Akhund.
Hast du mich verstanden?, knurrt der Akhund Eskandar an. Und hat dein Vater dir nicht beigebracht, ältere Menschen, zumal wenn sie im Dienste Gottes und des Arbab stehen, nicht so frech anzustarren?
Eskandar bekommt so viel Angst, dass er sogar vergisst, dass es verboten ist, an ein bestimmtes Ereignis zu denken, geschweige denn, dass er darüber spricht. Mein Vater hat die meiste Zeit seines Lebens im Opiumrausch verbracht, rutscht es Eskandar heraus. Er zieht den Kopf ein und sagt kleinlaut, ich meine, ich habe so gut wie nichts von ihm gelernt.
Opium? Wo hatte er denn das nun wieder her?, schimpft der Mullah.
Eskandar spult seine Antwort hinunter, als würde er einen Spruch aus dem Koran aufsagen. Er hatte noch welches von früher, sagt Eskandar, und kurz nachdem er es verbraucht hat, ist er gestorben. Jetzt liegt er ohne Kaffan unter der Erde, und wir beten für seine sündige Seele.
Der Mullah spuckt aus. Wie ist dein Name, du Unglückskind?
Eskandar.
Das soll ein Name sein? Verflucht sollen dieser Name und sein Träger sein. Dein nutzloser Vater hätte dir wie jeder gottesfürchtige Mensch den Namen des Propheten oder den eines der zwölf Emame geben sollen.
Eskandar weiß nicht mehr, was er sagen soll, und starrt auf den Boden wie seine Mutter.
Die Bauern nutzen das Schweigen. Wovon sollen wir leben?, rufen sie durcheinander. Warum hilft der Arbab uns nicht? Es trifft den Grundbesitzer doch selbst, wenn die Felder trocken bleiben, die Bäume keine Früchte tragen und sein Vieh und seine Leibeigenen sterben. Wir sind viele kräftige und hart arbeitende Menschen gewesen, jetzt ist nur noch ein kümmerlicher Rest von uns übrig.
Es ist beschämend, schnaubt der Mullah und schüttelt den Kopf. Ich bin enttäuscht. Eure Dreistigkeit und euer Gejammer ekeln mich an, ruft er und wedelt so heftig mit dem Arm, dass ein Schwarm lästiger schwarzer Fliegen von den Rändern von Augen und Mündern der Leibeigenen auffliegt und auf die neue und wohlgenährte Beute aufmerksam wird. Sie fliegen brummend auf und stürzen sich gierig zuerst auf den Esel und dann auf den Mullah. Damit sie ihm nicht auch noch in den Mund fliegen, hält der Mullah sich den Zipfel seines Turbans vors Gesicht, und er schlägt wild nach den dicken, schwarzen Fliegen.
Damit machst du es nur noch schlimmer, sagen die Leibeigenen. Sie werden wütend und beißen sich in deiner Haut fest.
Plötzlich schreit der Esel, tritt und rennt los in die Richtung, aus der er gekommen ist. Ohne ein weiteres Wort läuft der Mullah ihm hinterher, steigt auf, und sie trippeln davon.
Die Beine des Agha sind so lang, und der Esel ist so klein, dass es aussieht, als hätte das Tier sechs Beine, sagt Eskandar und bringt alle zum Lachen.
Eskandar macht es wie der Mullah, zeigt mit ausgestrecktem Arm zum Berg und genießt den Moment, als alle Augen seinem Finger folgen. Da, das da oben, sagt er, ist keine Kante, und sie ist nicht scharf, und man kann sich nicht über sie lehnen und hinunterblicken.
Morad-kadjeh, der Dorfvorsteher, der so krumm ist, dass er ohne Stock vornüberkippen würde, hat Mühe, zum Berg hinaufzusehen. Junge, warnt er, du weißt, Gott mag Lügner nicht und straft sie.
Agha, bei meinem Leben, schwört Eskandar, ich bin doch dort gewesen. Es ist flach wie das Messingtablett meiner Mutter, das sie bei dir für einen kleinen Beutel Rosinen eingetauscht hat.
Der Krumme ignoriert die Anspielung auf den Tausch zu seinem Vorteil. Stimmt es, dass diese neuen Menschen ohne Frauen in ihrem Dorf leben? Haben sie wirklich so viel zu essen? Morad-kadjeh stampft mit dem Stock auf. Ist es wahr, dass sie Wasser haben? Und ist ihr Haar wirklich gelb?
Ihre Rücken sind gerade, und sie brauchen keinen Stock zum Gehen, erzählt Eskandar, und freut sich, weil die Erwachsenen ihm zuhören. Und die Fremden haben andere Worte als wir, sagt er.
Faack, murmelt ein Mann.
Ssst, sei still, zischen andere. Lass den Jungen erzählen.
Es ist wahr, ihr Haar ist gelb, ihre Gesichter sind weiß wie Käse, und kein Bart wächst darin. Essen haben sie so viel, dass sie sogar ihre Hunde mit Fleisch füttern.
Morad-kadjeh stampft wieder mit dem Stock auf, und auch die anderen sehen Eskandar zweifelnd an.
Bei der Seele meines toten Vaters, das ist die Wahrheit. Außerdem gibt es doch sowieso keine Strafe mehr, die irgendein Gott uns noch auf erlegen könnte.
Alle lachen, und auch der Krumme kann sein Lächeln nicht verbergen. Die Fremden bestellen keine Felder, hüten keine Tiere und tun den ganzen Tag nichts als Löcher in die Erde zu graben.
Sicher suchen sie etwas, sagt der Krumme-Morad.
Eskandar zuckt die Schultern. Auf ihren Köpfen tragen sie einen umgedrehten Topf. Das tun sie, damit sie schwitzen, denn ihr Schweiß ist wertvoll. Sie sammeln ihn in weißen Tüchern, die sie in ihren Hosen aufbewahren. Sie haben Hosen und Hemden, die nicht dünn wie unsere sind, sondern so dick, dass nicht einmal der Wind durch sie hindurchkommt. Und kein einziger dieser Männer geht barfuß. Ihre Schuhe sind schwer und groß. Eskandar macht nach, wie die Farangi gehen, mit geradem Rücken und als hätten sie Klötze an den Füßen.

Eskandar findet heraus, dass Gott einen Plan für ihn bereithält

Der Mullah hat gelogen, sagt Eskandar zu seiner Mutter, weil ihm auch die zweite Überquerung des verbotenen Berges mit heiler Haut, samt der kostbaren Beute, einem richtigen Stück Fleisch, gelingt.
Seine Mutter antwortet nicht, hat nur Augen für das Fleisch.
Ich weiß jetzt, dass ich noch lange in dieser Welt sein werde, erklärt Eskandar. Wie du siehst, haben weder Div noch Jinn mich verschlungen, noch haben die Reiter des Arbab mich erwischt.
Sahra starrt das Stück Fleisch an, das sie versucht gar zu bekommen. Das Feuer ist mickrig, kalt und tot wie ich, murmelt sie.
Eskandar hat genug gesehen, und er weiß, wie jemand aussieht, der diese Welt verlassen muss, und ihm ist klar, seine Mutter wird bald an der Reihe sein. Das nächste Mal werde ich von den Kafar Feuerholz und noch mehr zu essen mitbringen. Eskandar stampft mit dem Fuß auf und sagt: Ich habe Hunger, faack.
Junge, sprich nicht so. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die gleichen Worte benutzen wie diese Lochbuddler, hätte er sie auch uns gegeben, schimpft Sahra und weiß nicht, ob es Hunger oder der dichte Rauch ist, der sie schwindlig macht.
Als ob du etwas von Gott und Schuld verstehen würdest, sagt Eskandar in der gleichen Art, wie er sie von seinem Vater kennt.
Und du sollst auch nicht sprechen wie dein Vater, sagt Sahra.
Eskandar vermisst seinen Vater nicht, jetzt aber bedauert er, dass er nicht da ist, um zu sehen, wie männlich er sich benimmt. Ich kann sprechen, wie ich will, sagt Eskandar. Schließlich bist du nur eine Frau.
Wäre ich keine Frau, hätte ich dich nicht in diese Welt setzen können, sagt Sahra, legt die Hand auf ihren eingefallenen Bauch und genießt die Erinnerung daran, wie sie ihren Eskandar darin getragen hat. Als du in meinem Bauch warst, sind die Felder noch grün gewesen, sagt Sahra leise.
Eskandar erinnert sich an den Bach, an die Felder, an die hohen Wiesen, in denen er sich versteckt, in den blauen Himmel gestarrt und sich in seinen Träumereien verloren hat. Erzähl mir von den Zeiten, als das Wasser noch gekommen ist, sagt Eskandar. Solange du sprichst, können wir sicher sein, dass du noch in dieser Welt und bei mir sein wirst.
Ich will, dass du dich erinnerst, sagt Sahra. Solange du die Bilder von unserem schönen Dorf in deinem Herzen bewahrst, wird es schlagen. Weißt du noch, wie der Bach in der Mitte der Gasse geflossen ist?, fragt sie.
Natürlich weiß ich das.
Und weißt du noch, wie er für jedes Haus abgezweigt und durch die Öffnungen in den Lehmmauern in die Gärten und in jedes Feld geleitet wurde?
Natürlich weiß ich das, antwortet Eskandar stolz. Und ich weiß auch, woher das Wasser gekommen ist. Eskandar schließt die Augen, streckt die Nase in die Luft und sagt, das Wasser hat die Luft gekühlt.
Sahra lächelt. Das hat es, sagt sie.
Erzähl weiter, sagt Eskandar.
Das Wasser hat geplätschert und gegurgelt, als wäre es glücklich. Überall im Dorf konnte man es hören; es hat sich mit den Stimmen und dem Gesang der Frauen und Männer auf den Feldern vermischt. In den Gassen hat sich der süße Duft der Blüten gesammelt und mit dem Duft des Korns vermengt. Im ganzen Dorf hat es nach Ziegen, Kälbern, Kühen und Pferden gerochen. Damals. Sahra beißt die Zähne zusammen und kann nicht weitersprechen.
Eskandar kennt die Geschichte seiner Mutter und weiß, wie sie zu Ende geht. Das Dorf hat nach Leben gerochen, sagt er.
Was seine Mutter ihm nicht erzählt hat, ist, dass damals auch der Reiter in ihr Dorf und in Sahras Leben gekommen ist. Und es ist auch seine Schuld gewesen, dass ihr Ruf ruiniert und das Dorf verflucht wurde; das Wasser aufhörte zu fließen und das große Sterben begonnen hat.
Allmächtiger, der du alles siehst, flüstert Sahra und blickt über sich, als würde Gott höchstpersönlich dort sitzen und darauf warten, dass ausgerechnet sie ihr Wort an ihn richtet. Du, der du alles zwischen Himmel und Erde erschaffen hast, verschone meinen Jungen, betet sie. Schenke ihm das Leben, das du seinem Vater und mir verwehrt hast.
Eskandar schielt auf die Stelle über dem Kopf seiner Mutter, wo der unsichtbare Gott sitzt. Noch nie hat seine Mutter auch nur die geringste Antwort von Allah bekommen, schließlich hat er Wichtigeres zu tun, als ausgerechnet jemandem wie ihr zuzuhören, geschweige denn zu antworten. Aber jetzt bekommt er es doch mit der Angst zu tun, denn seine Mutter verdreht die Augen, schnappt nach Luft und sieht aus, als würde der Herrgott ihre Seele zu sich holen.

Hodjat der Reiter kommt in Eskandars Leben

Nur um ihre Pflicht zu tun, legt Sahra den vierzigsten und letzten Stein auf den Haufen Erde, unter der ihr toter Mann, Habiballah, begraben liegt. Erwarte nicht auch noch, dass ich um dich weine, sagt sie und schüttelt sich, weil sie den Toten nicht waschen konnte und ihn ohne Leichentuch und auch ohne letztes Gebet in Gottes Erde betten, vielmehr schieben und hineinfallen lassen musste.
Aber es ist nicht meine Schuld, sagt sie. Wasser und Totentücher gibt es längst nicht mehr, und von den Männern ist keiner mehr kräftig genug, um hierher zu den Gräbern zu kommen, einen Toten ordentlich ins Grab zu legen und das letzte Gebet für ihn zu sprechen.
Sahra kennt kein richtiges Gebet, aber selbst wenn, hätte das ihrem Mann auch nichts genutzt; schließlich ist sie nur eine Frau, die an bestimmten Tagen blutet und deswegen unrein ist, najess wie Hunde, wie Schweine, najess wie jegliche Art von Unrat. So war das Einzige, was sie für ihren toten Mann tun konnte, ihm den Stofffetzen um den Kopf zu binden, damit sein Mund nicht aufklafft.
Faack, murmelt sie unwillkürlich und muss lachen. Sie rückt zur Seite, damit ihr Schatten nicht auf ihren toten Mann fällt und es aussieht, als wollte sie ihn vor der heißen Sonne schützen. Sogar einen der vierzig Steine stößt sie mit dem Fuß vom Haufen, legt ihn aber rasch wieder zurück. Verdient hättest du es ja, sagt sie. Du hast mir und deinem Sohn das Leben zur Hölle gemacht, nur weil damals dieser Reiter im Dorf aufgetaucht ist und mich angesehen hat. Was konnte der arme Junge dafür? Er musste für etwas büßen, das nicht seine Schuld gewesen ist. Du bist schuld, dass er es nicht leicht haben wird, bis zum Ende seines Lebens; Menschen sind nämlich wie Bäume und Tiere, sagt Sahra. Nur wenn man sie am Anfang hegt und pflegt, werden sie später kräftig und haben einen Nutzen für sich und die Welt.
Auf dem Weg zurück ins Dorf bedauert Sahra, dass ihr Mann nicht zu einer Zeit gestorben ist, als das Wasser noch geflossen ist. Denn damals hätten die anderen Bauern sie nach der Feldarbeit, dem Tieremelken, dem Säen, Ernten und Bündeln in ihrer Hütte aufgesucht, damit sie nicht allein wäre. Weil sie jetzt ohne Ernährer ist, hätten sie ihr Brot und Honig, Joghurt, Aprikosen, Milch mitgebracht und mit ihr Tee mit Rosinen getrunken, um den bitteren Geschmack des Todes und des Schmerzes mit etwas Süßem zu verscheuchen. Die Frauen hätten Sahra die Hand gehalten, ihr den Schmerz aus dem Rücken gestrichen, damit sie am vierzigsten Tag nach dem Tod ihres Mannes leichter über den Verlust hinwegkommt. Heute aber hat niemand mehr Arbeit und nichts zum Mitbringen, und es gibt auch keine Tiere mehr, weil der Arbab sie bis auf einen kümmerlichen Rest, der verdurstet und verhungert ist, längst hat abholen lassen.
Sahra ist so sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie nicht aufpasst, mit dem Fuß rutscht und in einem Spalt in der rissigen Erde stecken bleibt. Sie zieht und zerrt, macht es nur noch schlimmer, verdreht den Fuß so sehr, dass sie sich vor Schmerzen kaum noch rühren kann.
Das ist die gerechte Strafe Gottes für die Gemeinheiten gegen meinen toten Mann, schimpft sie und reibt ihr schmerzendes Bein, als plötzlich wie aus dem Nichts ein fremder Mann vor Sahra auftaucht. Das heißt, eigentlich ist er nicht fremd, und Sahra erkennt ihn sofort. Es ist genau jener Reiter, Hodjat, von dem sie gerade noch zu ihrem toten Mann gesprochen hat.
Mit einem Fuß gefangen, steht Sahra vor ihm und weiß, wie erbärmlich sie aussieht. Auf ihren Knochen ist kein Fleisch, ihre Haut ist zerfurcht und aufgerissen wie der Boden ihrer Heimat, ihre Augen haben ihren Glanz verloren, und ihre Zöpfe, die früher wie schwarzes Pech geglänzt haben, sind voller Staub und Schmutz. Von Kopf bis Fuß ist sie mit einer Staubschicht überzogen; sogar die Farben der gestickten Blumen in ihrem Kleid sind verblasst.
Sahra wünscht sich, der Spalt wäre breit genug, um ganz darin zu verschwinden und dem Reiter ihren hässlichen Anblick zu ersparen. Der versucht nicht einmal, seinen Ekel zu verbergen, und nichts in seinem Blick erinnert an damals, als sie das Gefühl gehabt hat, seine Finger würden über ihre Haut gleiten. Überallhin. Auch dahin, wo nur ihr Habiballah sie berührt hatte. Ihr Gesicht, ihre Beine und Arme, ihren Hals und ihre Brüste, ihren Bauch und ihren Schoß. Sahra erinnert sich, wie ihre Brüste unter dem Kleid fest geworden sind und sie sich vor dem unbekannten Verlangen und den Bildern in ihrem Kopf gefürchtet hatte. Es sind Bilder gewesen, von denen sie nicht einmal geahnt hat, dass sie sie in sich trägt. Sie hat sich und ihn nackt gesehen. Er hat sie in die Arme genommen. Sie hat den Kopf an seine Schulter gelegt und sich ihm hingegeben. Sahra hat sich auf die Lippe gebissen, hat ihre Finger in die Schenkel gekrallt, aber sosehr sie auch versucht hat, die sündigen Bilder loszuwerden, sie sind geblieben, und Sahra wusste, sie würde ihre Schuld büßen müssen.
Hodjat hat Sahra in die Augen gesehen und sich die Lippen geleckt, er hat seinen dichten schwarzen Bart glatt gestrichen, sie angelächelt und ihr den Kopf verdreht. Vor den Augen ihres Mannes, der Mutter, dem Vater und den Ältesten ist ihr Gesicht rot angelaufen, sie ist aufgesprungen und davongerannt, den Bach entlang bis zum Ende des Dorfes. Hinter der letzten Mauer ist sie in den Bach gestiegen, um sich abzukühlen. Sie hat sich das Gesicht und den Hals gewaschen. Das kalte Wasser ist in ihr Kleid gelaufen, über ihren Busen hinab zum Bauch und noch tiefer zwischen die Beine, und es hat ihr gefallen. Sahra hat sich geschämt, aber das Verlangen nach ihrem Reiter war so groß, dass sie mit triefnassem Rock und feuchten Ärmeln zurück zum Platz unter dem Baum gerannt ist und sich dem Reiter beinahe in die Arme geworfen hätte, als er ihr entgegenkam.
Weil es die Höflichkeit gebietet, ist sie zur Seite getreten, aber er hat ihren Rock berührt, und sie hat seine Hand gespürt und auch seinen Duft und seine Hitze. Und dann hat er geflüstert, deine Augen sind schöner als die Steine der Krone des Königs in Teheran.
Bis heute weiß Sahra nichts über den König in Teheran, aber sie hat verstanden, der Fremde begehrt sie. Und sie weiß, dass alle es gesehen haben. Am liebsten hätte sie ihre Hand in die des Reiters gelegt und wäre mit ihm davongelaufen, dahin, wo niemand sie kannte. Aber dann hat sie sich an das Kind erinnert und geflüstert: Herr, ich trage ein Kind in meinem Bauch.
Wie die Öllampe, die sie nachts herunterdreht, ist das Licht in den Augen des Reiters verloschen, sein Blick ist kalt und dunkel geworden, und die Hitze ist aus seinem Körper verschwunden. Nur einmal noch hat er sie angesehen. Wenn es ein Junge wird, hat er gesagt, nenn ihn Eskandar.
Eskandar, hat Sahra geflüstert und ist zurück zum Platz unter den Baum, wo die Männer die Säcke mit der Ernte, die Jungtiere, die Teppiche und Stoffe, die Früchte zählen, wiegen und in Körbe und Bündel packen, um den obligatorischen Vierfünftelanteil für den Arbab auf die Wagen und Rücken der Esel und Maultiere der Reiter zu laden.
Bis sie wieder in ihrer Hütte und allein waren, hat Habiballah sich zusammengenommen. Seelenruhig hat er die Tür geschlossen und Sahra angestarrt, als würde er sie zum ersten Mal sehen. Du hast die Ehe gebrochen und Schande über mein Haus gebracht, hat er gesagt und ihr mit seiner schweren, schwieligen Hand in ihr zartes Gesicht geschlagen. Zwei Zähne haben sich gelockert, sie ist gestürzt, und ihr Kopf ist an die Lehmwand gekracht. Er hat sich angefühlt wie eine überreife Melone, die aufplatzen will.
Der Schmerz und das Dröhnen im Kopf sind verschwunden, Sahras Sehnsucht nach dem Fremden ist geblieben und größer geworden.
Kurz nach Beginn des Frühlings und des neuen Jahres hat Sahra sich an den Djub gehockt und das Kind aus ihrem Bauch gezogen. Wie bei den Lämmern und Kälbern hat sie mit ihrem weißen Stein die Nabelschnur durchtrennt, ihren Sohn gewaschen, ihn sich mit einem Tuch auf den Rücken gebunden und ist wie an allen Tagen zu ihrem Mann aufs Feld gegangen.
Ist der Bastard endlich raus?, hat er gefragt. Mach dich an die Arbeit, die Erde muss aufgelockert werden.
Er ist dein Sohn und kein Bastard, hat Sahra geantwortet.
Halt den Mund, hat ihr Mann gesagt.
Ich werde ihn Eskandar nennen.
Der Teufel hat diesem Harumzade die Seele eingehaucht. Nenn ihn, wie du willst. Es ist ein Kind der Schande. Mir ist gleichgültig, ob er den Tag überlebt, ob er ein kurzes oder überhaupt ein Leben hat.
Sahra hat die Erde gehackt und gelächelt. Bis jetzt musste sie aufpassen, das Kind in ihrem Bauch nicht zu zerdrücken, jetzt lag es auf ihrem Rücken, und sie musste achtgeben, nicht zusammen mit ihm vornüberzukippen.
Und dann ist das Unglück passiert. Kurz nach der Geburt von Eskandar ist das Wasser zum ersten Mal weggeblieben. Als es wieder floss, war es nur noch ein Rinnsal, und in jedem Frühling ist es weniger geworden, bis es nach dem vierten Winter ganz ausgeblieben ist.
Die Leute haben Sahra die Schuld gegeben. Allen voran hat ihr eigener Mann sie als eine Sündige beschimpft, die Gottes Strafe auf sich und das gesamte Dorf gezogen hat. Er hat gebrüllt, damit alle ihn hören konnten und wussten, dass er ein Mann ist, der sich von seiner Frau nicht ungestraft die Ehre nehmen lässt. Er hat sie geschlagen und verprügelt und sie schließlich zusammen mit Eskandar in den Stall zu den Kühen und Schafen verbannt. Und er hat sich eine neue Frau genommen, die er nur bekommen hat, weil auch sie von ihrem Mann verstoßen worden war, weil sie keine Kinder gebären konnte.
Je weniger Arbeit Sahra hatte, je weniger sie aufs Feld gehen und die Ernte holen, je weniger Tiere sie melken, Käse, Butter und Molke herstellen konnte, je weniger Wolle sie spinnen und färben, Decken und Teppiche knüpfen und weben konnte, desto mehr Vorwürfe hat Sahra sich gemacht. Und desto häufiger hat sie sowohl ihren Habiballah als auch den fremden Reiter verflucht und zum Teufel gewünscht. Schließlich haben beide keinen Nutzen für sie gehabt, der eine hat ihr den Jungen in den Bauch gepflanzt, der andere dem Kind seinen Namen gegeben und in ihr Sehnsüchte und Begierden geweckt. Der eine liegt unter der Erde, ungewaschen, ohne Gebet und Kaffan, und der andere ist wie ein Jinn aus dem Nichts aufgetaucht, starrt sie an und bekommt den Mund nicht auf.
Deinetwegen hat mein Mann mich behandelt wie ein Stück lebloses Fleisch, faucht Sahra und spürt noch immer die groben Hände und rücksichtslosen Begierden ihres Mannes.
Ein Kind nach dem anderen hat er ihr in den Bauch gepflanzt, die Hälfte hat Gott ihr genommen, noch als sie in Sahras Körper waren, die anderen hat die Dürre gefressen.
Was willst du von mir?, schimpft Sahra, richtet ihr Kopftuch und schämt sich, weil es nur noch ein zerschlissener Fetzen ist, mit dem sie ihr Haar zu bedecken und ihren letzten Anstand zu wahren versucht.
Bist du dieselbe Leibeigene?, fragt der Reiter Hodjat, dieselbe, die ich vor acht oder neun Sommern gesehen habe?
Nein, fährt Sahra ihn an, wundert sich über ihren Mut, dem Mann ins Gesicht zu sehen und mit ihm zu schimpfen. Nein, sagt sie, damals hatte ich eine Menge zu verlieren. Ich war jung und dumm und hatte vom Leben und Männern wie dir keine Ahnung. Heute, mein Herr, habe ich nichts mehr zu verlieren, aber ich weiß, aus welcher Richtung das Leben kommt und in welche Richtung es geht. Und ich weiß, dass nach allem, was geschehen ist, es deine verdammte Pflicht gewesen wäre, dich um mich und meinen Eskandar zu kümmern.
Wo ist dein Mann?
Ohne den Reiter aus den Augen zu lassen, deutet Sahra hinter sich zum Friedhof.
Hodjat verzieht das Gesicht, als hätte er Schmerzen. Ich habe mir die Begegnung mit dir so oft vorgestellt, dass es mir vorgekommen ist, als hätte ich sie wirklich erlebt.
Hilf mir wenigstens jetzt, sagt Sahra und zeigt auf ihren Fuß.
Es gefällt ihr, wie der ehrbare Reiter vor ihr in die Knie geht und gezwungen ist, ihren schmutzigen Fuß anzufassen, und sie malt sich aus, wie leicht es wäre, ihm mit ihrem weißen Stein den Schädel einzuschlagen.
Als hätte er die Worte geübt, sagt Hodjat, ich wollte mir selbst und der Welt beweisen, dass ich ein gläubiger und anständiger Mann bin, der die Gesetze des Propheten befolgt. Ich wollte anders sein als die anderen Reiter, Mullah und der Arbab.
Anständig? In aller Öffentlichkeit hast du mich angesehen und sogar angefasst. Mein Mann hat seine Ehre verloren, Nachbarn haben hinter seinem und meinem Rücken gesprochen. Zum Teufel mit dir, du hast mein Leben zerstört.
Dein Mann hätte besser auf dich achtgeben sollen, schimpft Hodjat und gerät so sehr in Rage, dass Sahra sich nun doch fürchtet und ihren Stein fester umfasst.
Schließlich ist es das Gesetz Gottes. Der Prophet sagt, der Mann soll seinen Besitz schützen und seine Mutter, seine Ehefrauen, Sklavinnen und Töchter unter der Pardeh, dem Hedjab, dem Schleier, im Zelt, hinter Mauern und Türen halten. Damit der Blick eines Fremden sie nicht treffe, ein Fremder sie nicht berühre oder sich gar mit ihr vereine. Ist ein Mann dazu nicht imstande, verliert sie und somit ihr Besitzer seine Ehre, flucht Hodjat.
Sahra zieht und zerrt an ihrem Fuß, rutscht nur noch tiefer in die Erde und hat noch mehr Schmerzen.
Zum Schutz und zur Aufwertung der Frau hat der Prophet das verkündet. Hodjat fuchtelt mit erhobenem Zeigefinger herum und schimpft. Damit die Männer aufhören, die Frauen zu benutzen, sich mit ihnen zu vergnügen und sie dann in der Wüste auszusetzen, wo sie von wilden Tieren gefressen werden oder anderen Männern zum Opfer fallen. Hodjat sieht Sahra wütend an. Der Mann soll eine Frau ehelichen, bevor er sich mit ihr vereint, selbst wenn es nur für einen Tag ist oder kürzer. Du aber bist verheiratet gewesen und hast sogar ein Kind in deinem Bauch getragen. Was hätte ich tun sollen?
Ich kenne keinen Mann mit dem Namen Prophet, und ich habe genug von allen Männern dieser Erde, schimpft Sahra. Ich warte nur darauf, dass der Barmherzige mich aus dieser Welt und von euch Männern befreit. Und jetzt mach und hol endlich meinen Fuß heraus.
Du bist eine einfache Leibeigene, ich verurteile dich nicht, und Gott wird dir ebenfalls vergeben, dass du keine Ahnung von der Welt, dem heiligen Islam, dem ehrwürdigen Propheten und dem Koran hast.
Was willst du überhaupt von mir?
Ich bin auf der Flucht.
Warum hast du mich damals nicht mitgenommen?
Ich wollte nicht, dass es dir ergeht wie meiner Mutter.
Deine Mutter? Was habe ich mit deiner Mutter zu tun?
Hodjat sieht Sahra nicht an. Sie ist wie du eine Leibeigene gewesen, sagt er. Der Arbab hat sie zu sich in sein Haus geholt, als sie noch ein kleines Mädchen war.
Endlich befreit Hodjat Sahras Fuß, sie sinkt erschöpft zu Boden, reibt sich ihren schmerzenden Knöchel und hat beinah Mitleid mit dem Reiter.
Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie er wieder und wieder in den Dörfern kleine, unschuldige Mädchen zu sich aufs Pferd gehoben hat, er hat seinen Arm um ihre Taille gelegt, ihre Brüste berührt, und er hat gelacht, während er sie fest an sich und seine Lust gepresst hat. Die Väter der Mädchen haben gebettelt, er soll ihre Töchter verschonen und die Ehre der Familie nicht beschmutzen. Sie haben den Arbab beschworen, dass Gott es nicht gerne sieht, wenn ein Mann ein Kind zur Frau nimmt. Der Arbab aber hat die weinenden Eltern mit Tritten weggestoßen. Und ob es Gott gefällt, hat er gerufen, schließlich ist die schöne Aishe, die Lieblingsfrau des Propheten, auch nur sechs Jahre alt gewesen, als er sich in sie verliebt hat. Der Arbab hat den Hals des Mädchens geküsst, seine Hand unter ihre Röcke geschoben und gerufen, diese scheint bereits im geschlechtsreifen Alter zu sein. Dann hat er seinem Pferd die Sporen gegeben und ist mit ihr davongeritten. Im Winter haben die Reiter das Mädchen wiedergebracht. Sie hat ausgesehen wie eine alte Frau. Die Männer hatten ihr die Zähne ausgeschlagen, um ihre Lust in ihrem Mund zu befriedigen, und ihr Körper war übersät mit Wunden. Div und Jinn haben von ihrer Seele und ihrem Geist Besitz ergriffen, und sie hat nur noch im Schlaf geredet. Ihre Mutter hat gesagt, der Arbab hat mein Mädchen zur Frau gemacht und sie dann an seine Reiter verschenkt.
Verdammt sollt ihr sein, flucht Sahra. Männer sind wilde Bestien.
Verstehst du jetzt?, fragt Hodjat. Ich wollte nicht sein wie er. Der Harem, in dem ich aufgewachsen bin, war voll von Kindern wie mir. Und bis heute hat sich nichts daran geändert. Wenn die Kinder, die er mit den Frauen zeugt, Mädchen werden, verschenkt der Arbab sie entweder gleich weiter, oder sie werden wie ihre Mütter Dienerinnen für seine offiziellen Ehefrauen. Seine Söhne bleiben im Harem, bis sich zeigt, ob sie als Arbeiter oder Reiter zu gebrauchen sind.
Ich habe Hunger, sagt Sahra. Bist du gekommen, um mein Elend zu sehen und mir Geschichten zu erzählen, oder kannst du mir helfen?
Ich bin ein Mann, verteidigt Hodjat sich. Ich hatte und habe Empfindungen und Bedürfnisse. Deine Schönheit hat mich betört, und ich hätte dir die Sterne vom Himmel geholt, sagt er und sieht auf den Boden. Deinetwegen hatte ich schlaflose Nächte.
Schlaflose Nächte?, sagt Sahra lachend. Sie genießt ihren eigenen Mut.
Den Kampf mit Säbel und Messer habe ich gelernt, und ich bin ein meisterhafter Schütze, mit der Schrotflinte treffe ich jedes Ziel. Der Arbab hat jede wichtige Depesche von mir überbringen lassen. Ich bin nach Teheran, in die Hauptstadt, und sogar in den von den Russen besetzten Norden unserer Heimat geritten. Weder die Soldaten der Farangi fürchte ich noch die der Kosakenbrigade des Königs. Seit ich vor dem Arbab und meinen früheren Reiterbrüdern auf der Flucht bin, habe ich mit wilden Tieren gekämpft und Hitze und Kälte ertragen.
Ich habe Hunger, wiederholt Sahra.
Nach alledem hocke ich vor dir, einer schwachen Frau, einer Leibeigenen, und weiß nicht, wie es weitergehen soll mit mir und meinem Leben, klagt Hodjat und sieht Sahra ratlos an.
Von mir kannst du keinen Trost erwarten. Du siehst es ja, in mir ist so wenig Leben wie in diesen ausgedorrten Feldern.
Mit einem Mal erhebt Hodjat sich, nimmt die Hand von Sahra, die so rau und schwielig ist, dass er sich zwingen muss, sie nicht gleich wieder loszulassen, hilft ihr auf die Beine und sagt, es ist nie zu spät.
Genau in dem Moment, als er Sahra auf sein Pferd hilft, selbst aufsteigt und mit ihr davonreitet, kommt Eskandar, bewaffnet mit seiner Steinschleuder, aus dem Dorf, um Jagd auf Nachtvögel und anderes Kleingetier zu machen. Er sieht seine Mutter und kann nicht glauben, dass sie die Unverfrorenheit besitzt, sich mit einem wildfremden Mann davonzumachen. So schnell er kann, rennt er hinter ihr her, stolpert, fällt, steht wieder auf, kann aber nur noch zusehen, wie der Reiter mit seiner Mutter verschwindet. Eskandar läuft zurück in seine halb verfallene Hütte, wirft sich auf das alte Stroh in seiner Schlafecke und weint so lange, bis er einschläft.
Erst als die Schakale der Wüste längst nicht mehr heulen und die Geier am Himmel ihre ersten Schreie ausstoßen, kommt Sahra zurück in ihre verfallene Hütte; und sie hat den Fremden dabei. Eskandar kann nicht glauben, dass es seine Mutter ist, die vor ihm steht. Sie riecht nicht mehr nach Hunger, sie ist gewaschen und trägt ein Kleid mit bunten Blumen, wie Eskandar noch nie eines gesehen hat. Ihre sauberen und geflochtenen Zöpfe liegen auf ihren Schultern, sie trägt ein neues Kopftuch, und ihre Augen sind wach und klar.
Du hast Wasser getrunken, sagt Eskandar. Dein Atem duftet nach Essen, und du siehst so lebendig aus wie die Farangi hinter dem Berg.
Das Beste aber ist, Sahra hat Essen mitgebracht. Richtiges Essen. Nichts Geklautes, keine vertrockneten Wurzeln und auch keine erschlagene Ratte oder Maus. Es ist richtiger Käse und richtiges Brot, was Eskandar sich in den Mund stopft.

Zwei Tage, bevor Eskandars Mutter stirbt

Trotzdem ist es für Sahra zu spät. Sowie sie einen Bissen hinunterschluckt, läuft sie hinter die Hütte und spuckt alles wieder aus. In ihrem Erbrochenen und ihrem Urin ist Blut, und die Schmerzen sind so stark, dass sie Lichtblitze sieht.
Bevor es vorbei ist mit ihrem Leben, ruft Sahra die Nachbarn zu sich. Sie haben ein Recht zu erfahren, wer der Fremde ist und wie die Wahrheit über das Wasser, die Dürre und das Sterben aussieht. Mein Sohn soll nicht ein Leben lang die Last der Schuld seiner Mutter tragen müssen, sagt sie.
Zuerst sind die Nachbarn skeptisch gegenüber dem Fremden, schließlich haben sie von ihm und seinesgleichen noch nie Gutes erfahren, aber dann zeigt sich, dass dieser Reiter ein guter Mensch ist. Er hat Tee, Rosinen und Brot mitgebracht, vier Krüge voll frischem Wasser und Holz zum Feuermachen.
Unter dem verfallenen Vordach von Sarahs Hütte ist es still, als die Leute den Tee an den süßen Rosinen im Mund vorbeischlürfen und dabei genussvoll die Augen schließen.
Mein Gewissen ist rein, sagt Hodjat. Ich bin ein Mann der Ehre und des Glaubens.
Komm zur Sache, mahnt Morad-kadjeh. Mit großen Worten kannst du bei uns keinen Eindruck machen. Sieh uns an, der Allmächtige hat uns alles genommen, und so gibt es auch nichts mehr, was wir fürchten.
Bis zum Morgengrauen, bis ihm die Zunge schwer wird und er die Augen kaum noch offen halten kann, erzählt Hodjat den Leibeigenen, dass es außer ihrem noch viele Arbab im Iran gibt, sie gehören unterschiedlichen Stämmen an und sind Besitzer von so vielen Dörfern, Feldern, Menschen und Tieren, von Bergen, Wasser, Wüste und Wald, dass nicht einmal sie selbst wissen, wo ihre Besitztümer anfangen und enden. Sie sind derart mächtig, erklärt Hodjat, dass selbst der König nichts gegen sie ausrichten kann.
Als Hodjat den Leibeigenen berichtet, dass nicht Gott den Bach hat austrocknen lassen, sondern der Arbab den Lauf des Wassers zu den Farangi umgelenkt hat, wollen sie es ihm nicht glauben.
Ein Mullah höchstpersönlich ist den weiten und gefährlichen Weg in unser Dorf gekommen und hat es uns erklärt, sagt Morad-kadjeh. Er hat gesagt, das ist die Strafe Gottes, weil wir gesündigt und Schuld auf uns geladen haben. Gott hat seine Jinn und Div geschickt, die das Wasser ausgetrunken haben. Morad-kadjeh sieht auf den Boden, als er sagt, wir haben uns gegenseitig beschuldigt, Blutsbande sind zerrissen, nun sollen wir glauben, es sei nicht Gott gewesen, der uns das Wasser genommen hat?
Jinn und Div gibt es nicht, sagt Hodjat mit leiser Stimme. Gott ist für vieles verantwortlich, in Angelegenheiten aber, die mit Wasser zu tun haben, mischt er sich nicht ein.
Ich habe es gewusst, sagt Sahra. Wäre er es, der uns das Wasser geraubt hat, an wen hätten unsere Kinder sich dann noch in der Not wenden können?
Eskandar springt auf und ruft, vom Berg aus habe ich es mit eigenen Augen gesehen, das Wasser fließt in die neue Welt, die ich gefunden habe.
Junge, benimm dich, ermahnt seine Mutter ihn. Sei still.
Der Junge hat recht, sagt Hodjat. Der Arbab hat das Wasser zu den Ausländern umgelenkt.
Morad-kadjeh stampft mit seinem Stock auf. Weiß der verehrte Arbab nicht, dass so viele von uns gestorben sind und der Rest auch bald tot sein wird?
Als wäre es seine Schuld, weicht Hodjat dem Blick des Alten aus.
Wenn unser Leben und das unserer Kinder ihm nichts wert ist, dann sollte er zumindest an den Vierfünftelanteil von unserer Ernte und allem, was wir erwirtschaften, denken.
Vier Fünftel von einem kleinen Dorf wie diesem bedeuten ihm nichts. Die Farangi zahlen gutes Geld, sagt Hodjat beschämt.
Geld?, fragt Morad-kadjeh. Was ist das? Ist es etwas, was einen höheren Wert hat als Wasser oder ein Menschenleben?
Hodjat weiß nicht, was er sagen soll, zuckt nur die Schultern.
Warum teilen diese Fremden das Wasser nicht mit uns? Fürchten sie keinen Gott?
Sie beten zum selben Gott, zu dem auch wir beten, erklärt Hodjat. Wie es aussieht, gefallen die Gebete der Kafar dem Herrn besser, und wir sollten lernen, unsere Gebete auf ihre Art zu sprechen, sagt Morad-kadjeh bitter.
Sie sind Engelissi, erklärt Hodjat. Und sie haben Kanadier und Polen mitgebracht und zu ihrem Schutz Soldaten aus ihrer Kolonie Indien. Das sind andere Länder, so wie der Iran auch ein Land ist. Der Arbab und der König haben den Farangi den Boden verpachtet und ihnen das Recht verkauft, nach Naft, nach Petroleum, zu suchen. Hodjat erzählt vom Pfauenthron, der Hauptstadt Teheran, von der Verfassung und dem Parlament, das es seit Kurzem im Iran gibt, und vom König, der ein Feigling und ein Versager ist.
Parlament, Petroleum, Geld, sprich von Dingen, die wir verstehen, sagt Morad-kadjeh traurig. Er sieht Hodjat eine Weile stumm an, dann sagt er: Hilf uns.
Ich bin auf der Flucht, antwortet Hodjat, und zwar vor genau denjenigen, die verantwortlich sind für euer Schicksal.
Dann müssen wir die Sache selbst in die Hand nehmen, bestimmt der Krumme und klingt wie einer, der selber nicht glaubt, was er sagt. Die stärksten unserer Männer sollten zu den Farangi gehen und sie bitten, das Wasser mit uns zu teilen.
Die Farangi geben nichts ab, antwortet Hodjat. Nicht nur euer Wasser, ganze Provinzen haben sie in Besitz genommen.
Einmal hat einer unserer Männer einen Bock gejagt, erinnert Morad-kadjeh sich. Da sind die Reiter des Arbab gekommen und haben den Mann verfolgt. Es ist das Wild des Khan, haben sie gebrüllt und den Mann verprügelt, bis er gestorben ist. Seit diesem Tag hat keiner von uns es gewagt, auch nur einen Fuß jenseits der Felder zu setzen. Wir haben nicht einmal gewusst, was sich hinter dem Berg befindet. Jetzt erzählst du uns von einer Hauptstadt, einem König, der sein Volk hasst, und fremden Herrschern, die mit ihren Kriegern in unser Land einfallen und es besetzen. Morad-kadjeh starrt Hodjat an, ohne ihn wirklich zu sehen. Warum schickt Gott dich erst jetzt? Welchen Nutzen hat es, wenn wir jetzt noch die Welt begreifen?
Für unsere Kinder ist es wichtig, lasst ihn sprechen, sagt Sahra und fragt, gibt es nirgendwo einen Ort mit Menschen, die gut sind?
Hodjat muss erst überlegen, dann sagt er, es hat einmal einen guten, großen Mann in unserer Heimat gegeben. Das ist lange vor unserer Zeit gewesen. Sein Name war Zartosht, Zarathustra, und er ist ein Prophet gewesen. Seine Lehre ist einfach. Er predigt die Reinheit von Erde, Wasser, Licht und Luft.
Auch für uns sind Erde, Wasser, Licht und Luft heilig, sagt Sahra.
Nicht einmal der Atem des Menschen durfte das heilige Feuer berühren. Und ihre Toten haben sie nicht im Boden beigesetzt, um ihn nicht zu verunreinigen, erklärt Hodjat. Zartosht sagt, jeder Mensch trägt Gott in sich. Er sagt, das Feuer ist heilig, denn es ist das Symbol der Sonne. Zartosht hat gesagt, wir Menschen sollen uns leiten lassen von gutem Denken, gutem Sprechen und guten Taten.
Unser Denken, Tun und Sprechen sind stets gut gewesen, sagt der krumme Dorfvorsteher.
Kennst du einen Ort, an dem das Wasser noch fließt und die Felder fruchtbar sind?, fragt Sahra.
Mit der Spitze seines Messers kratzt Hodjat den Umriss des Iran in den Lehmboden. Hier ist Russland, das Reich des Zaren. Das ist das Kaspische Meer, wo es Wälder und Felder gibt und alles grün und fruchtbar ist.
Dort werde ich hingehen, sagt Eskandar mit leiser Stimme.
Sahra streicht ihrem Sohn über den Kopf und sagt, du musst mir versprechen, dass du es tun wirst. Wird mein Sohn es schaffen?, fragt sie den Reiter.
Es ist nicht nah, sagt Hodjat. Aber Eskandar kann es schaffen, lügt er.
Was ist auf dieser Seite unserer Heimat?, fragt Sahra.
Die Heimat unserer afghanischen Brüder, sie sprechen unsere Sprache, und auch um ihr Land haben die Engelissi und Russi-Farangi Jahrzehnte Krieg geführt.
Was ist hier unten?, fragt Sahra.
Das größte Wasser unseres Landes, der Persische Golf, und weiter oben befindet sich das Reich der Osmanen, und hier leben unsere arabischen Brüder.
Sahra sieht den Reiter an. Nimm meinen Sohn mit dir.
Man trachtet nach meinem Leben, ich kämpfe dafür, dass der König die Verfassung anerkennt, ich lebe gefährlich, sagt Hodjat. Aber sei ohne Sorge, wir werden siegen, und schon bald werden dein Sohn und alle Menschen in diesem Land genügend Wasser und Nahrung haben und in Freiheit leben.
Gott hat dich mir und meinem Sohn geschickt, flüstert Sahra.

Im Lager der Erdölsucher

Zwei Tage nach dem Tod von Eskandars Mutter haben die stärks ten Männer im Dorf sich auf den Weg zur Quelle gemacht, um die Steine des Arbab aus dem Weg zu räumen, damit das Wasser wieder fließt. Weder das Wasser noch die Männer sind zurückgekommen. Stattdessen hat Hodjat in der Ferne eine Staubwolke gesehen und sofort gewusst, es sind seine Verfolger. Er ist auf sein Pferd gesprungen und davongeritten.
Eskandar macht, was seine Mutter ihm aufgetragen hat, nimmt das einzig Wertvolle, das er besitzt, den weißen Stein seiner Mutter, und klettert über den Berg zu den Farangi, die Löcher in die Erde seiner Heimat bohren und faack sagen, Unmengen zu essen und zu trinken haben und ihn und alle anderen noch lebenden Kinder aus dem Dorf damit ernähren könnten.
Erst am zweiten Abend, als alle Männer schlafen und die Hunde müde und satt neben den Zelten liegen und nur noch einer der Ausländer mit seinem gelben Haar am Feuer sitzt und wie ein Div Rauch aus seinem Mund bläst, nimmt Eskandar seinen Mut zusammen, schleicht sich leise wie eine Gazelle an den bewaffneten, schlafenden Wachen vorbei, stellt sich vor den Ausländer und sagt mit ausgestreckter Hand: faack.
Zwei Hunde, ein großer und ein kleiner, wachen auf, schnüffeln mit ihren kaltfeuchten Nasen an Eskandars nackten Beinen und kitzeln ihn.
Der Ausländer packt den großen Hund hinterm Kopf, sagt sit, und beide Hunde setzen sich artig hin.
Sit, sagt Eskandar im gleichen Ton wie der Ausländer.
Das gefällt dem Farangi so gut, dass er lacht und etwas sagt, was Eskandar sich leicht merken kann: Yuspiicklisch. Dann legt er seine schwere Hand auf Eskandars Schulter, pfeift durch die Zähne, und zwei andere Farangi kommen mit gezogenen Säbeln angerannt. Die beiden haben die gleiche dunkle Haut wie Eskandar. Sie verneigen sich, nachdem der Mann mit dem gelben Haar ihnen Befehle gibt, und laufen zum ersten Zelt.
Soldiers from British colony, erklärt der Farangi.
Kolloni, sagt Eskandar.
Die beiden Kolloni bringen einen Iraner mit zerzaustem Haar, der Moteardjem, Übersetzer, heißt und sowohl die Worte der Farangi als auch die von Eskandar kennt.
Ahay. Junge, der gnädige Herr will wissen, woher du das Wort kennst, das du gesagt hast.
Statt zu antworten, streckt Eskandar wieder seine schmutzige Hand aus und sagt dieses Mal: Salam, Friede sei mit dir.
Never mind, sagt der Farangi, sagen Sie dem Jungen, es ist gut, wenn er englische Wörter lernt, nur das eine soll er nie wieder sagen.
Good? Khoob?, fragt der Ausländer.
Gud, sagt Eskandar.
Wie sich herausstellt, heißt der Ausländer Richard, und er hat einen Sohn, der genauso groß ist wie Eskandar. Irgendwann werde ich dir eine Fotografie von ihm zeigen, lässt er übersetzen.
Eskandar sagt nicht, dass er nicht weiß, was eine Fotografie ist. Er sagt, dann bleibe ich bei dir, bis die Zeit gekommen ist und du mir zeigst, was immer du mir zu zeigen hast.
Statt zu übersetzen, haut der Moteardjem Eskandar auf den Hinterkopf. Junge, benimm dich, herrscht er ihn an, worauf Richard mit dem Moteardjem schimpft und der auf den Boden sieht.
Das geschieht ihm recht, denkt Eskandar, streckt abermals die Hand aus und sagt: Salam, Richard.
Der Moteardjem hält sich gerade noch zurück, um Eskandar nicht gleich wieder eine runterzuhauen. Nenn ihn Mister oder Saheb Richard.
Mesterr oder Saheb Richard, Salam.
Nein. Du sollst eins von beiden sagen. Entweder Saheb oder Mister. Und es heißt nicht Mesterr, sondern Mister.
Salam, Mesterr.
Salam, Mister-Eskandar, erwidert Richard und lacht aus voller Kehle, dabei schüttelt er die Hand von Eskandar so kräftig, dass es seinen ganzen Körper durchrüttelt.
Nicht einmal sein Vater hatte so große Hände und so viel Kraft, und hätte er nicht gerade erst von Hodjat gehört, dass es Jinn und Div nicht gibt, würde Eskandar glauben, dieser hier sei ein Geist oder ein Ungeheuer. Wer sonst bläst Rauch aus einem so gewaltigen Mund mit riesigen Zähnen, hat einen derart großen Körper, gelbes Haar und riesige Pranken?
Fragen Sie den Jungen, wo seine Familie ist, wo er lebt und warum er mitten in der Nacht allein herumläuft.
Moder dedd, spricht Eskandar dem Farangi nach.
Statt zu übersetzen, sagt der Moteardjem, wie die einfachen Menschen von Cholera oder Hunger oder beidem dahingerafft werden und wie die Fliegen sterben.
Let the boy speak.
Letteboi spiiikk, letteboi spiiikk, wiederholt Eskandar.
Good boy.
Gudepoi.
You learn quick.
Yuulanqiiick.
Hör auf mit dem Blödsinn, und erzähl, warum du mitten in der Nacht allein herumirrst, sagt der Moteardjem. Und fass dich kurz, deinetwegen bin ich aus dem Schlaf und einem süßen Traum gerissen worden.
Eskandar erzählt von der Trockenheit, dem Hunger und den Flecken und Wunden, die seine Brüder und Schwestern bekommen haben, bevor Gott sie zu sich geholt hat. Der Übersetzer macht einen Schritt zurück. Lepra, ruft er. Wundbrand hat seine Familie getötet. Saheb, mit Verlaub, wir sollten den Jungen so schnell wie möglich loswerden. Die Krankheiten dieser Leibeigenen sind ansteckend und gefährlich.
Are you hungry? Der Ausländer schiebt sich unsichtbares Essen in den Mund.
Eskandar versteht sofort, reibt seinen Bauch und sagt: Goshne.
He is goshne, sagt Richard und erteilt dem Übersetzer einen Befehl.
Der verbeugt sich, rennt ins Küchenzelt und kommt mit Fladenbrot und Schafskäse zurück. Iss, das wird uns den Segen Gottes einbringen.

Eskandar löst ein Problem von Mesterr-Richard

Am liebsten würde Richard sich gleich neben den Jungen auf den Boden legen und auch schlafen. Sein Kopf, der Nacken, Arme, Beine, alles an ihm fühlt sich müde und schwer an. Sogar das Blut in seinen Adern scheint dick und zäh zu sein wie das verdammte Petroleum, das er sucht und seit acht Jahren nicht findet. Nacht für Nacht liegt er unter seinem Moskitonetz, nickt erschöpft ein, nur um gleich wieder aufzuschrecken. Es ist das schlechte Gewissen, das ihm den Schlaf raubt.
Richard gähnt, streckt sich aber nicht, denn auch das verschlimmert nur das Brennen in seinen Schultern. Stattdessen zündet er seine kalte Zigarre noch einmal an.
Der Koch und die Hilfskräfte werden bald aufwachen und ihre Arbeit beginnen, und die indischen Soldaten, kanadischen und polnischen Ingenieure und Arbeiter und die britischen Vorgesetzten werden nach ihrem Frühstück verlangen. Er selbst muss zurück zu seinen Bohrmaschinen und Bohrlöchern. Es wäre besser, er würde sich hinlegen, selbst wenn er nicht einschlafen kann. Aber Richard bleibt sitzen, deckt den Jungen mit seiner eigenen Decke zu und beobachtet ihn.
Einmal landet Eskandar mit dem Kopf neben dem großem Stiefel des Farangi, und er stellt sich vor, wie er den kleinen Schädel des Jungen zertreten könnte und er mit einem trockenen Knacken platzen würde wie eine reife Wassermelone. Und ausgerechnet in diesem Augenblick geschieht etwas, worauf der Kanadier seit Monaten gewartet hatte. Er wacht auf.
Es ist nur für einen winzigen Augenblick, aber ihm kommt es vor, als würden sich Schleier vor seinen Augen auflösen. Richard atmet die reine Morgenluft tief in seine Lungen, schmeckt den abgestandenen Geschmack von Rauch in seinem Mund und spürt das Pelzige auf der Zunge. Beinah kann er hören, wie die Sonne über den Berg steigt und mit ihrer Hitze alles weckt. Und über alledem liegt der gleichmäßige, beruhigende Atem des Jungen. Als bräuchte er später einen Beweis für diesen Moment der Wachheit und Klarheit, schreibt Richard in sein Notizheft.
15. Januar 1908, vier Uhr morgens, Naftoun, britisches Lager in der Wüste im Süden des Iran. Letzte Glut der Feuerstelle. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wirklich wach. Selbst das Brennen und Stechen in der Schulter ist schwächer. Die Zelte, die Felsen, der trockene Wüstenboden wirken, als würde ich durch eine Lupe blicken und alles zum ersten Mal sehen. So als würde ich die Dinge klarer, wie von einem hellen Licht angeleuchtet, sehen. Das Schicksal meint es gut mit mir, es hat mir diesen einheimischen Jungen geschickt. Ich werde ihn behalten.
Richard lächelt, und wie damals, als er selbst ein kleiner Junge gewesen ist, laufen Tränen über sein Gesicht, und er lässt sich in das wunderbar leichte Gefühl hineinfallen, als wäre es ein Kissen, in dem er endlich Ruhe findet.
Schuld an seiner Verbitterung, die zu Gift in seinen Adern geworden ist, ist seine Frau Margret und ihre Gleichgültigkeit. Acht Jahre sind eine lange Zeit, und die Briefe brauchen sechs und mehr Wochen von Kanada über England bis hierher. Aber während er ihr stets von seiner Sehnsucht geschrieben hat, sind Margrets Worte mit jedem Brief kälter und leerer geworden. Und das, obwohl sie weiß, wie sehr er ihre Unterstützung braucht für die harte Arbeit in diesem heißen und unwirtlichen Land.
Immerhin lebt Richard seit acht Jahren in primitiven Hütten, Zelten und unter Schilfdächern, schläft in unbequemen Feldbetten und isst mit seinen Kollegen an wackligen Holztischen, und es gibt keinerlei Zerstreuung oder Möglichkeit, sich zurückzuziehen.
Außer natürlich den seltenen Gelegenheiten, wenn der Khan ihn in sein Haus einlädt, wo Richard in einem eigenen Zimmer schläft und nicht nur einen Diener zu seiner Verfügung hat, sondern der Khan ihm ganz selbstverständlich die Dienste von jungen, noch unberührten Mädchen oder, falls ihm das lieber sein sollte, erfahrenen, heißblütigen Frauen aus seinem Harem anbietet. Frauen aus den Dörfern, die Eigentum des Khan sind, und solche aus der Stadt, deren Väter, Männer oder sie selbst dem Großgrundbesitzer Geld schulden. Sogar Mädchen aus Bagdad und Oman, Gastgeschenke für seinen Harem, hat der Khan Richard angeboten. Richard hätte nur zugreifen müssen; es wäre eine wohltuende Abwechslung gewesen zum eintönigen Leben im Lager. Aber er hat immer nur lachend abgelehnt und sich die Mädchen nicht einmal angesehen.
Aber dann, an diesem verdammten Abend vor sechs oder sieben Monaten, ist Richard schließlich doch schwach geworden. Der Khan hatte aus der Stadt Waren und die Post für die Männer mitgenommen und auf dem Weg zu seinem Besitz im Lager haltgemacht. Nach dem Essen haben die Männer mit ihren Zigarren und dem importierten Brandy am Feuer gesessen, sie haben ihre Briefe gelesen und die Fotografien betrachtet, die ihre Frauen ihnen geschickt hatten. Nur Richard hatte keine Post, und er hat nur dagesessen und das Feuer angestarrt.
Richard musste den Khan nicht ansehen, um zu wissen, dass er ihn beobachtete und dabei grinste. Im Gegensatz zu ihm strotzt der Khan vor Kraft. Sein wallendes schwarzes Haar und sein voller Bart, sein Turban, das prächtige Gewand und sein Dolch verleihen ihm ein beneidenswert männliches Aussehen, dem vermutlich sogar eine kühle Frau wie Margret nicht würde widerstehen können.
Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wie ein Mann mit nur einer Frau zufrieden sein kann. Zumal diese eine Frau so weit weg ist und zumal ihm eine Auswahl von hübschen Frauen auf dem Silbertablett geboten werden, hat der Khan an jenem Abend beim Feuer lachend gesagt. Mein Freund, es ist ungesund und gefährlich, es ist ein Schaden für die Gesellschaft, wenn ein Mann, ein richtiger Mann, seine natürlichen Bedürfnisse unterdrückt. Bedürfnisse, die unmöglich von ein und demselben Weib befriedigt werden können, sagte er zufrieden lächelnd und hat seinen Bart glatt gestrichen. Spätestens dann, wenn die Frau Mutter von Söhnen geworden ist, die den Mann eines Tages beerben, Söhne, für deren gute Erziehung die Mutter verantwortlich ist, wie kann sie dann noch die geheimen Wünsche eines Mannes befriedigen?, hat der Khan gefragt und sich zurückgelehnt.
Weil Richard viel zu zerknirscht gewesen ist, um dem Khan zu widersprechen, hat er ihn einfach weiterreden lassen. Gott hat den Mann stark und die Frau aus seiner siebten Rippe, also schwach, geschaffen. Es ist somit der Natur gemäß und dem Propheten gefällig, dass ein Mann so viele Frauen wie möglich besitzt. Als Vorbild für alle Männer hat der Prophet selbst so viele Frauen genommen, dass heute niemand mehr weiß, wie viele es gewesen sind. Ich, mein Freund, hat der Khan gesagt und sich vorgebeugt, ich kann und will mir ein Leben mit nur einer Frau nicht einmal vorstellen.
Richard hat gegähnt und sich vorgenommen, sich bei erstbester Gelegenheit aus dem Staub zu machen, doch der Khan hat sich zu ihm gesetzt und weiter auf ihn eingeredet.
Irgendwann, mein Freund, werden auch Sie Ihre Einstellung ändern, hat der Stammesfürst prophezeit und früher recht bekommen, als sogar er selber vermutet hatte. Noch am gleichen Abend nämlich hat er den Kanadier in sein Zelt eingeladen. Sie haben Wasserpfeife geraucht und jungen Mädchen zugesehen, die für die Männer gesungen und getanzt haben.
Eines der Mädchen hat Richard nicht nur Tee, Rosinen und Datteln angepriesen, sondern hat ihm beiläufig auch einen Blick in ihren Ausschnitt und auf ihre festen jungen Brüste gewährt.
Richard war so sehr in den wunderbaren Anblick vertieft, dass er nicht bemerkt hat, wann der Khan und die anderen Frauen das Zelt verlassen haben. Sie hat sich zu ihm auf die Kissen gesetzt, hat ihn liebkost und es ihm geradezu unmöglich gemacht, ihrem lustvollen Spiel zu widerstehen.
Statt sie wie geplant in seinen Harem mitzunehmen, hat der Khan das Mädchen, Tajelmoluk, zu seiner Mutter in die Stadt zurückbringen lassen, wo der Kanadier sie fortan regelmäßig besuchen konnte. Obwohl sie noch ein halbes Kind war, hat sie den Farangi auf eine Art verführt, wie er es allenfalls aus Geschichten über türkische und griechische Kurtisanen aus Levante oder Bagdad kannte. Dass sie sich mit ihm nur eingelassen hat, weil er ihre Miete und die Schulden beim Khan bezahlt, ist Richard nur recht gewesen, denn Gefühle wollte und will er aus diesem Spiel heraushalten. Auch dass sie ein einfaches Mädchen ist und seine Sprache nicht spricht, hat er als Vorteil empfunden, denn so musste er sich nicht mit ihr und ihrem Leben beschäftigen. Die Befriedigung seiner Lust ist die einzige Verbindung zwischen ihm und dieser kleinen Hure gewesen, und so sollte es auch bleiben.
Doch dann ist geschehen, was niemals hätte geschehen dürfen. Das Mädchen ist schwanger geworden. Sie selber hat behauptet, nicht zu wissen, wie es zu so etwas kommen kann, und ihre Mutter hat gesagt, sie wird einen Skandal machen, wenn der Farangi nicht weiterbezahlt und sich nicht um das Kind im Bauch ihrer Tochter kümmert.
Viele seiner britischen und polnischen Kollegen, sogar die indischen Soldaten nehmen die Dienste iranischer Frauen in Anspruch; manche haben sich sogar mit kleinen Jungen eingelassen, aber auch dieses Wissen entlastet Richards Gewissen nicht. Seit es geschehen ist, leidet er unter Albträumen und Angstzuständen, die ihm diese schlimme Schlaflosigkeit bescheren.

Der Junge soll bleiben

Der Saheb sagt, du sollst dich nützlich machen, übersetzt der Mo teardjem. Wenn jemand fragt, sagst du, du bist der Boy von Mister-Richard. Kannst du das?
Eskandar grinst und nickt, Boy Mesterr-Richard.
Die Laune des Kanadiers könnte nicht besser sein. Well done, sagt er und grinst ebenfalls. Worauf der Übersetzer die Augen verdreht und dem Ausländer wortlos zu den Bohrlöchern folgt.