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Forschungsarbeit aus dem Jahr 2016 im Fachbereich Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik, Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau, Sprache: Deutsch, Abstract: In diesem Text wird das Thema „Ethische Probleme in der Pädagogik“ behandelt und es werden das traditionelle und moderne Denken der Moral sowie der konkrete Moralunterricht in der Schule zwischen Deutschland und Japan in einer kulturell vergleichenden Betrachtung behandelt.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Impressum:
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Wir beide haben uns im Jahr 2015/2016 in Freiburg i. Breisgau als Gastwissenschaftler aufgehalten und hielten dort im Sommersemester 2016 an der pädagogischen Hochschule Freiburg ein Seminar.
Unser Fach ist Pädagogik, besonderes die Philosophie, Gedanken und Geschichte der Pädagogik. An der Universität in Japan lehren wir allgemeine Pädagogik, Theorie, Prinzip und Geschichte der Pädagogik sowie die Methode der Bildung. Und ein Schwerpunkt unserer Forschung ist, verschiedene Phänomene der Erziehung philosophisch klar zu machen, z. B. über die Bedeutung des Erlebens der Kinder oder über den Zusammenhang zwischen der Erziehung und Essen usw. nachzudenken. Während unserer Forschung in Deutschland konnten wir unser Interesse an Ethik befriedigen, außerdem einen Vergleich zwischen japanischer und deutscher bzw. europäischer Denkweise der Moral ziehen. Deswegen haben wir als Thema des Seminars „Ethische Probleme in der Pädagogik“ gewählt und das traditionelle oder moderne Denken der Moral sowie den konkrete Moralunterricht in der Schule zwischen Deutschland und Japan in einer kulturell vergleichenden Betrachtung behandelt.
Dieses Buch wird nach dem Inhalt des Seminars konstruiert und zusammengefügt. Indem die Studierenden in jeder Sitzung mittels einer Gruppenarbeit diskutiert und Fragen gestellt haben, konnten wir auch über das Thema 'Moralische Probleme' immer wieder nachdenken. Also werden unsere Kommentare und Antworten an der Gruppendiskussion im Buch enthalten sein.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
1 Die Frage von Platon und die Ethik von Aristoteles
1.1 Sokrates und Platon
1.2 Ob die Tugend gelehrt werden kann?
1.3 Die höchste Idee: das Gute
1.4 Die Nikomachische Ethik von Aristoteles
1.5 Unterschied zwischen sokratischen, platonischen und aristotelischen Gedanken
2 Bildung der Gewohnheiten (1)
2.1 Was bedeutet Charaktererziehung?
2.2 Warum wird Charaktererziehung unterstützt?
2.3 Die Theorie der Charaktererziehung
2.4 Die Praktiken der Charaktererziehung
2.5 Vorteile und Nachteile der Charaktererziehung
3 Bildung der Gewohnheiten (2)
3.1 Der Gedanke Bollnows
3.2 Das Wesen der Übung
4 Utilitarismus
4.1 Lust ist immer gut.
4.2 Trolley-Problem
4.3 Berechnung der Vergnügen und das Maximumprinzip
4.4 Ist das Glück messbar?
5 Die Ethik Kants
5.1 Kant und seine Philosophie
5.2 Die Moral Kants
5.3 Moralische Bildungstheorie Kants
6 Theorien Piagets und Kohlbergs über die Moralentwicklung
6.1 Die Theorie Piagets
6.2 Die Theorie Kohlbergs
7 Moral und ihre religiösen Hintergründe
7.1 Buddhismus
7.2 Shintoismus
7.3 Religion in Harmonie
7.4 Moralische Haltung und religiöse Hintergründen in Japan
8 Schulsystem in Japan
8.1 Geschichte der japanischen Bildung
8.2 Das Bildungswesen
8.3 Der Stundenplan
8.4 Das Lehrbuch
8.5 Die Schulleistung
9 Moralerziehung und Moralunterricht in Japan
9.1 Geschichte der Moralerziehung in Japan
9.2 Moralerziehung und Moralunterricht im japanischen Bildungsplan
9.3 Moralunterricht in der Schule
9.4 Analysen eines japanischen Lernmaterials
Ergänzung: Eigenschaften des Japanischen und der Japaner
10 Individualismus oder Kollektivismus?
10.1 Kollektivistisches Denken der Moral in Japan
10.2 Individualismus und Kollektivismus
10.3 Gemeinschaftsnachhaltige Sittlichkeit
10.4 Schwierigkeiten im europäischen und japanischen Denken der Moral
Schlussbemerkung: Möglichkeiten der Moralerziehung
Literaturverzeichnis
Allen Menschen wird Freiheit garantiert. Aber man darf sich nicht egoistisch verhalten, weil man eigentlich ein soziales Wesen ist. Ich habe Freiheit, aber der andere hat sie auch. Wir müssen lernen, wie wir die eigene Freiheit ausüben sollen, und dabei ist es wichtig, dass wir unsere individuelle Freiheit auf das Soziale beziehen. Wenn wir versuchen, uns besser zu verhalten, dann verlangen wir nach Urteilen in Hinsicht auf Gerechtigkeit. Wir sollen die eigene Freiheit gut kontrollieren, um ein glückliches, vernünftiges Leben zu führen. Kinder sollen sich die Fähigkeit aneignen, ein solches Leben zu führen. Erwachsene, vor allem Lehrer, spielen eine wichtige Rolle, um Kinder zu einem angenehmen und zugleich ethisch ausgezeichneten Leben anzuleiten.
Normalerweise lehren wir Kinder ein gutes Verhalten, eine Regel und eine Lebensweise in der eigenen Gesellschaft. Es gibt dort verschiedene Regeln. Zum Beispiel darf man im Unterricht weder rauchen noch Alkohol trinken. Lehrer erlauben ihren Schüler nicht, ihr Handy im Unterricht zu benutzen. Schüler lernen in der Schule, was man in der Gemeinschaft oder in der Gesellschaft nicht soll. Außerdem lernen sie dort, was man soll. Zum Beispiel soll man sich freundlich, selbstständig und fleißig usw. verhalten. Man soll allen Aufmerksamkeit erweisen. Schüler lernen, was man soll oder nicht, nicht nur im Religionsunterricht, sondern auch im ganzen Schulleben. Wir lernen in der Schule nicht nur den Inhalt der Fächer, sondern auch das Moralische oder Ethische.
Aber es ist schwierig, die Moral zu lehren, denn anders als die Fächer Mathematik oder Biologie ist der zu lehrende Gegenstand in der Moral eigentlich nicht ganz klar. In der Mathematik lehren wir die Regeln des Rechnen und die Konstruktion der Geometrie, die mathematisch-logische Beweisführung. In der Naturwissenschaft zeigen wir die Gesetze der Natur, wir lehren die verschiedenen chemischen Elemente und die Molekularformeln. Wie steht es dagegen mit der Moral?
Auch im Moralunterricht können wir relativ klare und eindeutige Inhalte lehren, etwa die »Goldene Regel«. Sie lautet in der Fassung des Neuen Testamentes: „Alles daher, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, sollt auch ihr ihnen ebenso tun; in der Tat, das ist es, was das Gesetz und die Propheten sagen.“[1] Wir sollen in diesem Fall eine Regel befolgen, keine Gewalt gegen jemandem anwenden, usw. Wir lehren einfach sittliches Verhalten. Aber es ist schwierig, dass man damit nur eine Regel, eine Verfahrensweise lernt. Außerdem ist unklar, ob man tatsächlich die Regel immer befolgen kann, auch wenn wir sie kennen und ihr zustimmen. Die »Goldene Regel« sagt nämlich etwas ganz anderes als das, wie man sie befolgen kann. Sie sagt, wie man generell handeln soll, aber sie sagt nicht, wie man sich konkret verhalten soll; sie sagt nicht, was es heißt, das gegenüber anderen zu tun, was wir uns gegenüber wünschen.
Deswegen fragen wir, ob die Bildung der persönlichen Moral eigentlich eine Bedeutung hat, denn die Regel ist nur wie ein formelles Motto, das man befolgen kann oder nicht. Möglicherweise kann man noch sagen, das ist wie der Unterschied zwischen Disziplin (oder Zucht) und Bildung.
Um diesen strittigen Punkt klar zu machen, und um über die Probleme und Möglichkeiten der Bildung und Erziehung der Moral nachzudenken, müssen wir besser wissen, wie die Moral konstituiert wird.
Zuerst denken wir über eine Diskussion der Moral im klassischen Altertum nach. Die typischen und ältesten griechischen Philosophen sind bekanntlich Sokrates, sein Schüler Platon und dessen Schüler: Aristoteles. Sie haben über die Probleme der menschlichen Moral ausführlich nachgedacht.
Bevor ich die ersten Überlegung über Platon anstelle, stelle ich ein paar grundlegende Informationen über Sokrates und Platon vor.
Sokrates hat uns keine Schrift hinterlassen, aber seine Schüler haben viel über ihn geschrieben, deswegen können wir einiges über ihn wissen. Sokrates wurde in Athen ca. 470 v. Chr. geboren; dort lebte er auch. Seine Frau Xanthippe ist berühmt als eine zänkische und streitlustige Frau. Xenophon, ein Schüler von Sokrates, hat die Übellaunigkeit der Xanthippe mehrfach eindrücklich geschildert: „Wenn du dieser Meinung bist, Sokrates, sagte Antisthenes, wie kommt es, daß du die Probe nicht an deiner Xanthippe machst, sondern dich mit einer Frau behilfst, die unter allen lebenden, ja, meines Bedünkens, unter allen die ehemals gelebt haben und künftig leben werden, die unerträglichste ist. [...] Ich legte mir diese Frau zu, weil ich gewiß war, wenn ich sie ertragen könnte, würde ich mich leicht in alle andere Menschen finden können.“[2]
399 v. Chr. ist Sokrates gestorben, indem er Gift nahm, denn man hatte ihn wegen Verführung Jugendlicher angeklagt. Er wurde zum Tode verurteilt. Über das Todesurteil kann man in einigen Schriften Platons Interessantes lesen.
Der wohl berühmteste Gedanke von Sokrates ist: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Das Orakel von Delphi sagte über Sokrates, er sei der weiseste Mann. Das heißt, er ist ausgezeichnet in Hinsicht darauf, dass er sich seines eigenen Nichtwissens bewusst ist, während andere Menschen nur an ihr Wissen glauben. Warum ist der Ausspruch von Sokrates wichtig? Er denkt, dass man die Wahrheit erst ergreifen wollen kann, wenn einem das eigene Unwissen bewusst ist. Sokrates fragt die Sophisten, die jemandem Kenntnisse beibringen, was denn der Mut ist, was denn die Gerechtigkeit ist usw. Gegen ihre Antwort fragt er noch weiter, schließlich wird die widerspruchsvolle ungenügende Antwort aufgedeckt. Daher sind Sophisten ihres »ich weiß nicht« bewusst. Dieser »sokratische Dialog« heißt auch die »sokratische Ironie«. Wenn Sokrates Sophisten ironisch fragt, wie etwa die Frage: „Kennst du eigentlich etwas?“, obwohl man die Sophisten für Weise hält, und wenn sie darauf nicht richtig antworten können, so reagieren sie unangenehm, denn sie fühlen sich beleidigt. Aber ein Schwerpunkt der »sokratischen Ironie« ist Folgendes: „Du weißt das nicht, aber ich weiß es auch nicht. Also wollen wir miteinander es wissen.“ Durch diesen Dialog kann man die Wahrheit suchen.
Jetzt stelle ich kurz Platon da. Er hat als ein Schüler von Sokrates Philosophie und Dialogführung gelernt. Ca. 387 v. Chr. hat er dieΆκαδήμειαgegründet, in der Rechnen, Geometrie, Astronomie u. a., vor allem aber Philosophie gelehrt wurden. Der NameἈκadηµιa kommt aus dem Wald Akademos, in dem sie sich befand. Der Ursprung des Wortes »Akademie« und »akademisch« liegt dort. An derΆκαδήμειαwar das Gespräch miteinander wichtig. Später spreche ich über Aristoteles, er ist ein Schüler von Platon. Seit er siebzehn Jahre alt war, war Aristoteles Student und Lehrer an derΆκαδήμεια.
Jetzt betrachten wir die sokratische und platonische Moral. Dazu sollen wir Menon und Politeia (Der Staat) von Platon lesen. Platon hat die sokratischen Gedanken übernommen, und es wird gesagt, dass seine Werke deshalb in der dialogischen Form geschrieben wurden. Normalerweise werden Platons Schriften in drei Teile geteilt: Die frühen, die mittleren und die späten Dialoge. Menon ist eines seiner ersten Werke und die Politeia ist eines seiner mittleren Werke. Platon hat am Anfang des Menon geschrieben: „Kannst du mir wohl sagen, Sokrates, ob die Tugend gelehrt werden kann? Oder ob nicht gelehrt, sondern geübt? Oder ob sie weder angeübt noch angelernt werden kann, sondern von Natur den Menschen einwohnt oder auf irgendeine andere Art?“[3]
Die Tugend ist das deutsche Wort für das griechische Wortἀρετή. Platon benutzt das Wortἀρετή. Doch was ist das? Dieἀρετήwird im Allgemeinen die Vortrefflichkeit einer Sache genannt. Zum Beispiel ist es dieἀρετήdes Fußes, schnell zu laufen; dieἀρετήder Kleidung ist das, angenehm zu funktionieren. Die menschlicheἀρετήist die Tugend. Dagegen haben Moral, die Mores oder die Ethik, die Sitte, das Sittliche usw. keine solche Eigenschaft wie die Vortrefflichkeit. Es handelt sich bei ihnen nur um den Ausdruck gesellschaftlichen Verhaltens; besonders Angepasstheit und Normenbefolgung. Denn diese kommen von dem Ethos her. Den Ethos denken wir noch mal ausführlich, wenn wir uns mit Aristoteles beschäftigen. Diese Vortrefflichkeit, nämlich die Tugend, besteht in der Politeia, im Staat, der in Platons berühmtesten Buch mit dem gleichen Titel beschrieben wird. „Und scheint dir nicht auch jegliches eine Tugend zu haben, dem ein Werk aufgetragen ist? Lass uns nur wieder auf dasselbe zurückgehen. Die Augen, sagen wir, haben ein Geschäft? – Das haben sie. – Gibt es nun nicht auch eine Tugend der Augen? – Auch eine Tugend. – Wie nun? Gab es ein Geschäft der Ohren? – Ja. – Also auch eine Tugend? – Auch eine Tugend. – Und wie nun mit allen andern? Nicht ebenso? – Ebenso.“[4]
Menon fragt Sokrates, ob man die Tugend, die Vortrefflichkeit, lehren kann. Gegen diese Frage von Menon antwortet Sokrates, dass er nichts weniger als das wüsste; und er sagt sogar, dass er nicht weiß, was die Tugend denn ursprünglich ist. Darum zeigt Menon die Tugend der Männer, der Frauen, der Ältere, des freien Bürgertum. „Und so gibt es noch gar viele andere Tugenden, so dass man nicht in Verlegenheit sein kann, von der Tugend zu sagen, was sie ist. Denn nach jeder Handlungsweise und jedem Alter hat für jedes Geschäft jeder von uns seine Tugend, und ebenso auch, Sokrates, glaube ich, seine Schlechtigkeit.“[5]
Aber Menon hat nicht darauf antwortet, was die Tugend ist, sondern nur darauf, wie die Tugend ist, oder was für Tugenden es gibt. Deswegen fordert Sokrates von Menon noch einmal, darauf zu antworten. Aber Menon führt nun das Gespräch folgendermaßen: „Dass nämlich ein Mensch unmöglich suchen kann, weder was er weiß, noch was er nicht weiß. Nämlich weder was er weiß, kann er suchen, denn er weiß es ja, und es bedarf dafür keines Suchens weiter; noch was er nicht weiß, denn er weiß ja dann auch nicht, was er suchen soll.“[6] Das ist sozusagen ein Paradox des Suchens. Ist diese Erklärung plausibel oder verdächtig?
Dagegen sagt Sokrates so: „Denn da die ganze Natur unter sich verwandt ist und die Seele alles innegehabt hat: so hindert nichts, dass, wer nur an ein einziges erinnert wird, was bei den Menschen Lernen heißt, alles übrige selbst auffinde, wenn er nur tapfer ist und nicht ermüdet im Suchen. Denn das Suchen und Lernen ist demnach ganz und gar Erinnerung.“[7]
Er sagt, das Suchen ist die Erinnerung vergessener Dinge, die die Leute eigentlich im voraus kennen sollten. Das Paradox ist ein Ausweg, mit dem die Leute ihre Tatenlosigkeit rechtfertigen und das sie faul macht. Um diese Erinnerung klar zu machen, versucht Sokrates einen Knaben, der Menons Diener ist, etwas erinnern zu lassen. Sokrates schreibt ein Quadrat in den Sand; es hat die Seitenlängen »ABCD«. Nun fragt er, wie lang eine Seite eines anderen Quadrates ist, das zweifach so groß wie »ABCD« ist. Der Knabe denkt zunächst, es zweifach zu verlängern, aber das Quadrat wird zur vierfachen Fläche. Danach stellt Sokrates so verschiedene Fragen an ihn, dass der Knabe selbst zur richtigen Antwort kommen kann. Sokrates sagt, das ist seine Erinnerung.
Nach Sokrates und Platon, das Suchen beginnt nur, wenn man sich bewusst ist, noch nichts zu wissen. Und zwar, soweit man etwas als nicht bekannt ansieht, kann man das Suchen anfangen. Außerdem braucht man eine Gelegenheit für das Suchen, wie sie Kinder haben. Deswegen könnte man sagen, das Suchen beginnt immer mit der Erziehung.
