Verlag: Loewe Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 338 E-Book-Leseprobe lesen

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Sicherung: Wasserzeichen E-Book-Leseprobe lesen

E-Book-Beschreibung Eve & Caleb 1 - Wo Licht war - Anna Carey

Wie überlebst du, wenn du vor allem fliehen musst, was du kennst? Seit ihre Mutter während der Großen Seuche vor 16 Jahren gestorben ist, lebt Eve in einem Mädcheninternat. Hier wird sie zu einem wertvollen Mitglied der neuen Gesellschaft ausgebildet - glaubt sie zumindest. Als Eve erkennt, wie sehr sie und die anderen Mädchen ausgebeutet werden sollen, flieht sie. Doch auf ein Überleben in der Wildnis und auf die Flucht vor den Soldaten des Neuen Amerikas ist Eve nicht vorbereitet. Unerwartet hilft ihr Caleb, ein junger Rebell. Kann Eve ihm trauen? Sie weiß, die Soldaten werden die Suche nicht aufgeben, und Caleb ist ihre einzige Möglichkeit zu überleben. Sie muss ihr Leben in die Hände eines Fremden legen. Wahre Freundschaft, Liebe und Freiheit sind es, wonach sich Eve und Caleb sehnen - doch im Neuen Amerika muss man um diese Rechte kämpfen. Anna Carey erschafft in ihrer ersten Jugendbuch-Trilogie eine fesselnde Dystopie für Mädchen ab 14 Jahren, bei der neben der Frage nach Grundrechten wie Freiheit und Selbstbestimmung auch viel Platz für Romantik bleibt. "Wo Licht war" ist der erste Band der Eve & Caleb-Trilogie.

Meinungen über das E-Book Eve & Caleb 1 - Wo Licht war - Anna Carey

E-Book-Leseprobe Eve & Caleb 1 - Wo Licht war - Anna Carey

Vielleicht will ich in Wirklichkeit gar nicht wissen, was vorgeht. Vielleicht möchte ich es lieber nicht wissen. Vielleicht könnte ich es gar nicht ertragen, wenn ich es wüsste. Der Sündenfall war ein Fallen aus der Unschuld ins Wissen.

23.März 2015

Meine liebe Eve,

als ich heute vom Markt zurückgefahren bin – du hast in deinem Kindersitz vor dich hin gesummt, der Kofferraum war mit Milchpulver und Reis vollgepackt –, habe ich die San Gabriel Mountains gesehen, zum ersten Mal richtig gesehen. Ich bin diese Straße schon früher entlanggefahren, aber dieses Mal war es anders. Dort, jenseits der Windschutzscheibe, waren sie: Die blaugrünen Gipfel wachten reglos und stumm über die Stadt, so nah, dass ich das Gefühl hatte, sie berühren zu können. Ich fuhr auf den Seitenstreifen, um sie zu betrachten.

Ich weiß, dass ich bald sterben werde. Die Seuche rafft alle dahin, die geimpft wurden. Es gibt keine Flüge mehr. Der Zugverkehr ist eingestellt. Sie haben die Zufahrtsstraßen in die Stadt mit Barrikaden abgeriegelt und nun können wir nur noch warten. Telefone und Internet haben schon lange aufgehört zu funktionieren. Aus den Wasserhähnen kommt kein Wasser mehr und in einer Stadt nach der anderen fällt der Strom aus. Bald wird die ganze Welt in Dunkelheit versinken.

Doch im Moment leben wir noch. Sind vielleicht sogar lebendiger als je zuvor. Du schläfst im Zimmer nebenan. Von diesem Sessel aus kann ich deine Spieluhr hören – die mit der winzigen Ballerina –, sie klimpert die letzten Takte.

Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.

Mom

EINS

Als die Sonne hinter der fünfzehn Meter hohen Außenmauer unterging, waren alle Schülerinnen der Zwölften auf dem Rasen vor der Schule versammelt. Die jüngeren Mädchen lehnten sich aus den Fenstern des Wohnheims und schwenkten zu unserem Gesang und Tanz die Fahnen des Neuen Amerika. Als die Band ein schnelleres Stück spielte, nahm ich Pip am Arm und wirbelte sie herum. Ihr kurzes, abgehacktes Lachen übertönte die Musik.

Es war die Nacht vor der großen Abschlussveranstaltung und wir feierten. Wir hatten den größten Teil unseres Lebens innerhalb der Schulmauern verbracht, waren nie in den Wäldern gewesen, die das Gelände umgaben, und das hier war das größte Fest, das man je für uns gegeben hatte: Am See spielte eine Band, es war eine Gruppe Elftklässlerinnen, die sich freiwillig gemeldet hatten. Die Wächterinnen hatten Fackeln angezündet, um die Falken abzuhalten. Auf einer Tafel waren all meine Lieblingsgerichte aufgebaut: Hirschkeule, Wildschweinbraten, kandierte Pflaumen und randvolle Schüsseln mit Waldbeeren.

Schulleiterin Burns, eine aufgeschwemmte Frau mit dem Gesicht eines bissigen Hundes, stand hinter dem Buffet und ermunterte alle, zuzugreifen. »Kommt schon! Wir wollen doch nicht, dass das schlecht wird. Ich möchte, dass meine Mädchen wie dralle kleine Ferkel aussehen!« Als sie auf die üppig beladene Tafel deutete, schwabbelte das Fett an ihren Armen.

Die Musik wurde langsamer, ich zog Pip näher an mich und als ein Walzer gespielt wurde, übernahm ich die Führung. »Du gibst einen sehr guten Mann ab«, stellte sie fest, als wir zum Seeufer schwebten. Ihr rotes Haar klebte ihr im verschwitzten Gesicht.

»Ich bin ein attraktiver Mann«, lachte ich und runzelte die Augenbrauen, um männlicher zu wirken. Das war einer unserer Schulwitze, schließlich hatte seit über zehn Jahren keine von uns einen Jungen oder Mann gesehen, es sei denn, man zählte die Bilder des Königs in der Haupthalle. Wir bettelten die Lehrerinnen an, uns von der Zeit vor der Epidemie zu erzählen, als Jungen und Mädchen gemeinsam zur Schule gegangen waren, doch sie beteuerten nur immer wieder, dass das neue System zu unserem eigenen Schutz war. Männer konnten einen manipulieren und hinterhältig und gefährlich sein. Der König war die einzige Ausnahme. Nur ihm durfte man vertrauen und gehorchen.

»Eve, es ist Zeit«, rief Lehrerin Florence. Sie stand am Seeufer und hielt eine Goldmedaille in den altersfleckigen Händen. Die Einheitsuniform der Lehrerinnen, eine rote Bluse mit blauen Hosen, schlotterte ihr um den mageren Körper. »Bildet einen Kreis, Mädchen!«

Sobald die Band zu spielen aufhörte, erfüllten die Geräusche des Waldes jenseits der Mauern die Luft. Ich tastete nach der Metallpfeife um meinen Hals. Zum Glück hatte ich sie – sie war für den Fall vorgesehen, dass irgendein Geschöpf die Schulmauer durchbrechen sollte. Selbst nach all den Jahren an der Schule hatte ich mich nie daran gewöhnen können, die Hundekämpfe zu hören, das entfernte Rat-tat-tat-tat der Maschinengewehre, das entsetzliche Brüllen der Hirsche, die bei lebendigem Leib verschlungen wurden.

Schulleiterin Burns kam herbeigehumpelt und nahm Lehrerin Florence die Medaille aus der Hand. »Und nun lasst uns endlich beginnen!«, rief sie, als sich die vierzig Zwölftklässlerinnen aufstellten, um die Medaillenübergabe zu beobachten. Ruby, meine und Pips beste Freundin, stand auf Zehenspitzen, um einen besseren Blick zu haben. »Ihr habt während eurer Schulzeit alle hart gearbeitet, Eve wahrscheinlich am härtesten.« Mit diesen Worten drehte sie sich zu mir. Ihre Gesichtshaut war faltig und schlaff, sie hatte leichte Hängebacken. »Eve hat sich als eine der besten und intelligentesten Schülerinnen erwiesen, die wir hier unterrichtet haben. Kraft der Macht, die mir der König des Neuen Amerika verliehen hat, überreiche ich ihr hiermit die Verdienstmedaille.« Als mir die Schulleiterin die kalte Medaille in die Hand drückte, klatschten sämtliche Mädchen Beifall. Pip setzte noch eins drauf, indem sie einen schrillen Pfiff ausstieß.

»Danke«, antwortete ich leise. Ich sah über den langen, grabenartigen See, der sich von einer Mauer bis zur anderen erstreckte. Mein Blick fiel auf ein riesiges fensterloses Gebäude am anderen Ufer. Am nächsten Tag, nach meiner Abschiedsrede vor der gesamten Schule, würden die Wächter auf der anderen Seite des Sees eine Brücke ausfahren und die Abschlussklasse würde mir im Gänsemarsch auf die andere Seite folgen. Dort, in dem wuchtigen Gebäude, würden wir unsere Berufe erlernen. Ich hatte so viele Jahre mit Lernen zugebracht, mein Latein vervollkommnet, meinen Schreibstil, meine Malerei. Ich hatte Stunden am Klavier zugebracht, Mozart und Beethoven geübt, immer das Gebäude am anderen Ufer vor Augen – das endgültige Ziel.

Sophia, die vor drei Jahren die Abschiedsrede hielt, hatte auf demselben Podium gestanden und ihre Rede über unsere große Verantwortung als zukünftige Elite des Neuen Amerika gehalten. Sie hatte darüber gesprochen, dass sie Ärztin werden wollte, um künftige Epidemien zu verhindern. Mittlerweile rettete sie vielleicht schon Leben in der Hauptstadt des Königs. Angeblich hatte er die Stadt aus Sand in einer Wüste erbaut und so an einem Ort, wo vorher nichts war, etwas Neues erschaffen. Ich konnte es nicht erwarten, dorthin zu gehen. Ich wollte als Künstlerin leben, Porträts wie Frida Kahlo oder Wandmalereien im Stil der verträumten Landschaften Magrittes auf die hohen Stadtmauern malen.

Lehrerin Florence legte mir die Hand auf den Rücken. »Du verkörperst das Neue Amerika, Eve – Intelligenz, harte Arbeit und Schönheit. Wir sind so stolz auf dich.«

Die Band stimmte ein lebhafteres Lied an und Ruby schmetterte den Text mit. Die Mädchen auf dem Rasen lachten und tanzten und wirbelten einander herum, bis ihnen schwindlig wurde.

»Komm schon, iss noch etwas.« Schulleiterin Burns drängte Violet, ein kleineres Mädchen mit schwarzen, mandelförmigen Augen, zum Buffet.

»Wo liegt ihr Problem?«, fragte Pip und ließ sich neben mir nieder. Sie nahm die Medaille in die Hand, um sie näher zu betrachten.

»Du weißt doch, wie die Schulleiterin ist«, setzte ich an und wollte Pip daran erinnern, dass unsere älteste Lehrerin fünfundsiebzig und arthritisch war und dass sie – als die Epidemie vor zwölf Jahren zu Ende gegangen war – ihre gesamte Familie verloren hatte. Doch Pip schüttelte den Kopf.

»Die Schulleiterin meine ich gar nicht – sondern sie.«

Arden war die einzige Zwölftklässlerin, die nicht feierte. Sie stand mit verschränkten Armen an die Mauer des Wohnheims gelehnt. Selbst schmollend und in dem unattraktiven grauen Pullover, auf dessen Vorderseite das Wappen der Neuen Amerikanischen Monarchie genäht war, sah sie wunderschön aus. Während die meisten Mädchen der Schule ihr Haar lang trugen, hatte sie ihre schwarze Mähne zu einem kurzen Bob gestutzt, der ihre helle Haut noch heller wirken ließ. In ihren haselnussbraunen Augen funkelten Goldsprenkel. »Sie führt irgendwas im Schilde, ich weiß es«, erklärte ich Pip und ließ Arden nicht aus den Augen. »Tut sie doch ständig.«

Pip fuhr mit den Fingern über das glatte Medaillon. »Jemand hat sie über den See schwimmen sehen …«, flüsterte sie.

»Schwimmen? Das glaub ich nicht.« Keiner in der Schule konnte schwimmen. Man hatte es uns nie beigebracht.

Pip zuckte mit den Schultern. »Bei ihr weiß man nie.« Arden war immer anders gewesen, denn während die meisten der Zwölftklässlerinnen nach dem Ende der Epidemie im Alter von fünf an die Schule gekommen waren, stieß sie erst mit acht dazu. Ihre Eltern hatten sie der Obhut der Schule übergeben, bis sie sich in der Stadt etablieren konnten. Mit Vorliebe rieb sie den anderen Schülerinnen unter die Nase, dass sie keine Waise war. Nach ihrer Berufsausbildung würde sie zu ihren Eltern in die neue Wohnung ziehen. Sie würde nie in ihrem Leben arbeiten müssen.

Pip sah darin die Erklärung für Ardens Charakter: Weil sie Eltern hatte, fürchtete sie sich nicht davor, aus der Schule geworfen zu werden. Meist zeigte sich ihre Aufsässigkeit nur in harmlosen Streichen – sie warf einem verfaulte Feigen in den Haferbrei oder legte eine tote Maus ins Waschbecken, komplett mit einer Hochfrisur aus weißer Zahncreme. Doch bei anderen Gelegenheiten war sie richtig gemein, sogar grausam. Einmal, als Ruby sie wegen einer schlechten Note in der Prüfung über die Gefahren, die von Jungen und Männern ausgingen, auslachte, hatte Arden Rubys langen schwarzen Pferdeschwanz abgeschnitten.

In den letzten paar Monaten war Arden allerdings merkwürdig still gewesen. Sie erschien als Letzte zu den Mahlzeiten und ging als Erste, und sie blieb immer für sich. Ich hatte zunehmend den Verdacht, dass sie für die Abschlussveranstaltung am nächsten Tag ihren bisher größten Streich plante.

Plötzlich drehte sich Arden abrupt um und rannte so schnell Richtung Mensa, dass Staub hinter ihr aufwirbelte. Ich sah ihr mit zusammengekniffenen Augen nach. Bei der Zeremonie konnte ich keine Überraschungen brauchen; meine Rede bereitete mir schon genug Sorgen. Es wurde gemunkelt, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Schule sogar der König anwesend sein würde. Ich wusste, es war ein Gerücht, das die zu Übertreibungen neigende Maxine in Umlauf gebracht hatte, aber trotzdem. Es war ein wichtiger Tag – der wichtigste Tag in unserem Leben.

»Schulleiterin Burns?«, fragte ich. »Würden Sie mich bitte entschuldigen? Ich habe meine Vitamine im Wohnheim vergessen.« Ich tastete die Taschen meines Kittels ab und tat, als ärgerte ich mich über mich selbst.

Die Schulleiterin stand neben der langen Essenstafel. »Wie oft muss ich euch Mädchen noch daran erinnern, dass ihr sie in euren Schultaschen aufbewahren sollt? Geh schon, aber trödel nicht herum.« Während sie das sagte, streichelte sie die schwarz angesengte Schnauze des Spanferkels.

»Selbstverständlich, Schulleiterin«, versprach ich und spähte über die Schulter hinweg in Ardens Richtung. Sie war bereits hinter der Mensa verschwunden. Ich lief los und ließ Pip mit der hastigen Bemerkung »Bin gleich wieder da!« stehen.

Ich rannte um die Ecke und näherte mich dem Haupttor der Schule. Arden kauerte neben dem Mensagebäude und holte etwas unter einem Busch hervor. Sie zog sich ihren Kittel über den Kopf und streifte stattdessen einen schwarzen Pullover über. In der untergehenden Sonne leuchtete ihre Haut milchweiß.

Während sie Stiefel anzog, ging ich langsam auf sie zu – es waren dieselben schwarzen Lederstiefel, die die Wächterinnen trugen. »Egal, was du vorhast, daraus wird nichts«, verkündete ich und weidete mich daran, dass sie beim Klang meiner Stimme erschrocken aufblickte.

Arden hielt einen Moment inne, doch dann zerrte sie an den Schnürsenkeln, als wolle sie ihre Knöchel strangulieren. Es dauerte eine Minute, bevor sie etwas sagte, und selbst dann schaute sie mir nicht ins Gesicht. »Bitte, Eve«, sagte sie ruhig, »geh einfach weiter.«

Ich kniete mich ebenfalls auf die Erde, dabei hob ich den Saum meines Kittels, damit er nicht schmutzig wurde. »Ich weiß, dass du irgendwas vorhast. Du wurdest am See gesehen.« Ardens Bewegungen waren fahrig. Sie wandte den Blick nicht von den Stiefeln ab, während sie die Schnürsenkel zu Doppelschleifen band. In einem Bewässerungsgraben neben dem Busch lag ein Rucksack, in den sie ihren grauen Schulkittel stopfte. »Wo hast du die Wächteruniform gestohlen?«

Sie tat, als hätte sie mich nicht gehört, und spähte stattdessen durch eine Lücke im Gebüsch. Ich folgte ihrem Blick zum Tor, das sich langsam öffnete. Die Lebensmittellieferung für die morgige Zeremonie traf gerade in einem geschlossenen grünschwarzen Geländewagen der Regierung ein. »Das hat nichts mit dir zu tun, Eve«, zischte Arden schließlich.

»Womit dann? Willst du dich als Wächterin ausgeben?« Ich griff nach der Trillerpfeife an meinem Hals. Ich hatte Arden noch nie zuvor angezeigt, nie irgendetwas von dem, was sie angestellt hatte, der Schulleiterin gemeldet, aber die Zeremonie war einfach zu wichtig – für mich, für alle. »Es tut mir leid, Arden, aber ich kann dich nicht gehen lassen –«

Bevor ich die Pfeife an den Mund führen konnte, riss mir Arden die Kette vom Hals und schleuderte sie auf den Rasen. Mit einer schnellen Bewegung drückte sie mich gegen das Gebäude. Ihre Augen glitzerten feucht und waren blutunterlaufen.

»Hör gut zu«, sagte sie langsam. Ihr Unterarm presste sich gegen meinen Hals, ich bekam kaum Luft. »Ich verschwinde hier in genau einer Minute. Wenn du dir selbst einen Gefallen tun willst, gehst du zur Feier zurück und tust so, als hättest du das hier nie gesehen.«

Keine sechs Meter von uns entfernt entluden ein paar Wächterinnen den Jeep und schleppten die Kisten ins Haus, während die anderen ihre Maschinengewehre auf den Wald gerichtet hielten. »Aber wo willst du hin …«, keuchte ich.

»Wach endlich auf!«, zischte sie. »Du glaubst, du wirst einen Beruf erlernen?« Sie deutete auf das Ziegelgebäude auf der anderen Seite des Sees. In der zunehmenden Dunkelheit war es kaum noch zu erkennen. »Hast du dich nie gefragt, warum die Absolventinnen sich nie im Freien aufhalten? Oder warum sie ein separates Tor haben? Oder warum es keine Fenster gibt? Glaubst du wirklich, sie schicken dich dorthin, damit du malst?« Damit ließ sie mich endgültig los.

Ich rieb mir den Hals. An der Stelle, wo die Kette durchgerissen war, brannte meine Haut. »Selbstverständlich«, erwiderte ich. »Was sollten wir denn sonst dort tun?«

Arden stieß ein Lachen aus, als sie den Rucksack über die Schulter warf. Dann beugte sie sich zu mir. Ihr Atem roch würzig nach Wildschweinfleisch. »Achtundneunzig Prozent der Bevölkerung sind tot, Eve. Weg! Was glaubst du, wie es mit der Welt weitergeht? Sie brauchen keine Künstler«, flüsterte sie. »Sie brauchen Kinder. Die gesündesten Kinder, die sie auftreiben können … oder produzieren.«

»Was redest du da?«, fragte ich. Arden richtete sich auf, dabei ließ sie den Jeep keine Sekunde aus den Augen. Eine Wächterin zog eine Plane über die Ladefläche und kletterte auf den Fahrersitz.

»Warum, glaubst du, sind sie so besorgt um unsere Größe, unser Gewicht und was wir essen und trinken?« Arden klopfte den Staub von ihrem schwarzen Overall und sah mich ein letztes Mal an. Die dünne weiße Haut unter ihren Augen war aufgequollen, die blauen Venen schimmerten durch. »Ich hab sie gesehen – die Mädchen, die vor uns ihren Abschluss gemacht haben. Ich werde nicht in irgendeinem Krankenhausbett enden und für die nächsten zwanzig Jahre meines Lebens jedes Jahr ein Junges werfen.«

Ich taumelte rückwärts, als hätte sie mir einen Schlag ins Gesicht verpasst. »Du lügst«, sagte ich. »Du irrst dich.«

Doch Arden schüttelte bloß den Kopf und ging eilig auf den Jeep zu. Im Laufen zog sie eine schwarze Mütze übers Haar. Sie wartete, bis ihr die Torwächterinnen den Rücken zuwandten, erst dann lief sie weiter. »Ich will auch mit!« Mit diesen Worten sprang sie auf die hintere Stoßstange und zog sich auf die abgedeckte Ladefläche hoch.

Der Wagen rumpelte die Schotterpiste hinunter und verschwand im dunklen Wald. Langsam schloss sich das Tor hinter ihm. Ich hörte die Schlösser einrasten und konnte nicht fassen, was ich gerade gesehen hatte: Arden hatte die Schule verlassen.

Sie war geflohen.

Sie war auf der anderen Seite der Mauer, in der Wildnis, wo nichts und niemand sie schützen würde.

Ich glaubte kein Wort von dem, was sie gesagt hatte. Ich konnte einfach nicht. Vielleicht würde Arden in ein paar Stunden zurückkehren, im Jeep. Vielleicht war das ihr bisher verrücktester Streich. Doch als ich mich zu dem fensterlosen Gebäude auf der anderen Seite des Sees umdrehte, zitterten meine Hände unkontrollierbar und aus meinem Mund kamen die Waldbeeren als bitterer Schwall Erbrochenes. Als ich mich dort neben dem Mensagebäude auf der Erde krümmte, hatte ich nur einen einzigen Gedanken: Was, wenn Arden recht hatte?

ZWEI

Nachdem wir unsere Haare gebürstet, unsere Zähne geputzt, unsere Gesichter gewaschen und die weißen Einheitsnachthemden übergestreift hatten, die uns bis zu den Knöcheln reichten, lag ich im Bett und tat, als wäre ich schläfrig. Im Wohnheim kursierten Gerüchte über Ardens Verschwinden. Mädchen steckten die Köpfe in jedes Zimmer und erzählten den neuesten Klatsch: dass eine Haarspange im Gebüsch gefunden worden war, dass die Schulleiterin eine Wächterin in der Nähe des Tors verhört hatte. All das bewirkte, dass ich mir das wünschte, was in der Schule am allerschwierigsten zu bekommen war, etwas, das so abwegig war, dass man nicht mal danach fragen konnte.

Ich wollte allein sein.

»Noelle glaubt, dass sich Arden auf der Krankenstation versteckt hält«, erklärte Ruby Pip. »Zieh eine Karte!« Die beiden saßen auf Pips schmalem Bett und spielten ein Spiel, das sie aus der Schulbibliothek geschmuggelt hatten. Die alten Findet Nemo-Karten waren verblasst und zerfleddert, einige klebten von angetrocknetem Feigensaft aneinander.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!