Eve & Caleb - Die komplette Trilogie - Anna Carey - E-Book

Eve & Caleb - Die komplette Trilogie E-Book

Anna Carey

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Beschreibung

Würdest du für deine Liebe alles riskieren? Seit Ausbruch der Großen Seuche vor 16 Jahren lebt Eve in einem Mädcheninternat. Hier wird sie zu einem wertvollen Mitglied der neuen Gesellschaft ausgebildet - glaubt sie zumindest. Doch als Eve erkennt, was schreckliches mit ihr passieren soll, flieht sie. Aber auf ein Überleben in der Wildnis ist Eve nicht vorbereitet. Unerwartet hilft ihr Caleb, ein junger Rebell. Kann Eve ihm trauen? Sie weiß, die Soldaten suchen sie, und Caleb ist ihre einzige Möglichkeit zu überleben. Sie muss ihr Leben in die Hände eines Fremden legen und findet bald heraus, dass ausgerechnet dieser junge Rebell der einzige ist, der ihr die Wahrheit zeigen kann. Wahre Freundschaft, Liebe und Freiheit sind es, wonach sich Eve und Caleb sehnen - doch im Neuen Amerika muss man um diese Rechte kämpfen. Anna Carey erschafft in ihrer ersten Jugendbuch-Trilogie eine fesselnde Dystopie für Mädchen ab 14 Jahren, bei der neben der Frage nach Grundrechten wie Freiheit und Selbstbestimmung auch viel Platz für Romantik bleibt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1052




Vielleicht will ich in Wirklichkeit gar nicht wissen, was vorgeht. Vielleicht möchte ich es lieber nicht wissen. Vielleicht könnte ich es gar nicht ertragen, wenn ich es wüsste. Der Sündenfall war ein Fallen aus der Unschuld ins Wissen.

23.März 2015

Meine liebe Eve,

als ich heute vom Markt zurückgefahren bin – du hast in deinem Kindersitz vor dich hin gesummt, der Kofferraum war mit Milchpulver und Reis vollgepackt –, habe ich die San Gabriel Mountains gesehen, zum ersten Mal richtig gesehen. Ich bin diese Straße schon früher entlanggefahren, aber dieses Mal war es anders. Dort, jenseits der Windschutzscheibe, waren sie: Die blaugrünen Gipfel wachten reglos und stumm über die Stadt, so nah, dass ich das Gefühl hatte, sie berühren zu können. Ich fuhr auf den Seitenstreifen, um sie zu betrachten.

Ich weiß, dass ich bald sterben werde. Die Seuche rafft alle dahin, die geimpft wurden. Es gibt keine Flüge mehr. Der Zugverkehr ist eingestellt. Sie haben die Zufahrtsstraßen in die Stadt mit Barrikaden abgeriegelt und nun können wir nur noch warten. Telefone und Internet haben schon lange aufgehört zu funktionieren. Aus den Wasserhähnen kommt kein Wasser mehr und in einer Stadt nach der anderen fällt der Strom aus. Bald wird die ganze Welt in Dunkelheit versinken.

Doch im Moment leben wir noch. Sind vielleicht sogar lebendiger als je zuvor. Du schläfst im Zimmer nebenan. Von diesem Sessel aus kann ich deine Spieluhr hören – die mit der winzigen Ballerina –, sie klimpert die letzten Takte.

Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.

Mom

EINS

Als die Sonne hinter der fünfzehn Meter hohen Außenmauer unterging, waren alle Schülerinnen der Zwölften auf dem Rasen vor der Schule versammelt. Die jüngeren Mädchen lehnten sich aus den Fenstern des Wohnheims und schwenkten zu unserem Gesang und Tanz die Fahnen des Neuen Amerika. Als die Band ein schnelleres Stück spielte, nahm ich Pip am Arm und wirbelte sie herum. Ihr kurzes, abgehacktes Lachen übertönte die Musik.

Es war die Nacht vor der großen Abschlussveranstaltung und wir feierten. Wir hatten den größten Teil unseres Lebens innerhalb der Schulmauern verbracht, waren nie in den Wäldern gewesen, die das Gelände umgaben, und das hier war das größte Fest, das man je für uns gegeben hatte: Am See spielte eine Band, es war eine Gruppe Elftklässlerinnen, die sich freiwillig gemeldet hatten. Die Wächterinnen hatten Fackeln angezündet, um die Falken abzuhalten. Auf einer Tafel waren all meine Lieblingsgerichte aufgebaut: Hirschkeule, Wildschweinbraten, kandierte Pflaumen und randvolle Schüsseln mit Waldbeeren.

Schulleiterin Burns, eine aufgeschwemmte Frau mit dem Gesicht eines bissigen Hundes, stand hinter dem Buffet und ermunterte alle, zuzugreifen. »Kommt schon! Wir wollen doch nicht, dass das schlecht wird. Ich möchte, dass meine Mädchen wie dralle kleine Ferkel aussehen!« Als sie auf die üppig beladene Tafel deutete, schwabbelte das Fett an ihren Armen.

Die Musik wurde langsamer, ich zog Pip näher an mich und als ein Walzer gespielt wurde, übernahm ich die Führung. »Du gibst einen sehr guten Mann ab«, stellte sie fest, als wir zum Seeufer schwebten. Ihr rotes Haar klebte ihr im verschwitzten Gesicht.

»Ich bin ein attraktiver Mann«, lachte ich und runzelte die Augenbrauen, um männlicher zu wirken. Das war einer unserer Schulwitze, schließlich hatte seit über zehn Jahren keine von uns einen Jungen oder Mann gesehen, es sei denn, man zählte die Bilder des Königs in der Haupthalle. Wir bettelten die Lehrerinnen an, uns von der Zeit vor der Epidemie zu erzählen, als Jungen und Mädchen gemeinsam zur Schule gegangen waren, doch sie beteuerten nur immer wieder, dass das neue System zu unserem eigenen Schutz war. Männer konnten einen manipulieren und hinterhältig und gefährlich sein. Der König war die einzige Ausnahme. Nur ihm durfte man vertrauen und gehorchen.

»Eve, es ist Zeit«, rief Lehrerin Florence. Sie stand am Seeufer und hielt eine Goldmedaille in den altersfleckigen Händen. Die Einheitsuniform der Lehrerinnen, eine rote Bluse mit blauen Hosen, schlotterte ihr um den mageren Körper. »Bildet einen Kreis, Mädchen!«

Sobald die Band zu spielen aufhörte, erfüllten die Geräusche des Waldes jenseits der Mauern die Luft. Ich tastete nach der Metallpfeife um meinen Hals. Zum Glück hatte ich sie – sie war für den Fall vorgesehen, dass irgendein Geschöpf die Schulmauer durchbrechen sollte. Selbst nach all den Jahren an der Schule hatte ich mich nie daran gewöhnen können, die Hundekämpfe zu hören, das entfernte Rat-tat-tat-tat der Maschinengewehre, das entsetzliche Brüllen der Hirsche, die bei lebendigem Leib verschlungen wurden.

Schulleiterin Burns kam herbeigehumpelt und nahm Lehrerin Florence die Medaille aus der Hand. »Und nun lasst uns endlich beginnen!«, rief sie, als sich die vierzig Zwölftklässlerinnen aufstellten, um die Medaillenübergabe zu beobachten. Ruby, meine und Pips beste Freundin, stand auf Zehenspitzen, um einen besseren Blick zu haben. »Ihr habt während eurer Schulzeit alle hart gearbeitet, Eve wahrscheinlich am härtesten.« Mit diesen Worten drehte sie sich zu mir. Ihre Gesichtshaut war faltig und schlaff, sie hatte leichte Hängebacken. »Eve hat sich als eine der besten und intelligentesten Schülerinnen erwiesen, die wir hier unterrichtet haben. Kraft der Macht, die mir der König des Neuen Amerika verliehen hat, überreiche ich ihr hiermit die Verdienstmedaille.« Als mir die Schulleiterin die kalte Medaille in die Hand drückte, klatschten sämtliche Mädchen Beifall. Pip setzte noch eins drauf, indem sie einen schrillen Pfiff ausstieß.

»Danke«, antwortete ich leise. Ich sah über den langen, grabenartigen See, der sich von einer Mauer bis zur anderen erstreckte. Mein Blick fiel auf ein riesiges fensterloses Gebäude am anderen Ufer. Am nächsten Tag, nach meiner Abschiedsrede vor der gesamten Schule, würden die Wächter auf der anderen Seite des Sees eine Brücke ausfahren und die Abschlussklasse würde mir im Gänsemarsch auf die andere Seite folgen. Dort, in dem wuchtigen Gebäude, würden wir unsere Berufe erlernen. Ich hatte so viele Jahre mit Lernen zugebracht, mein Latein vervollkommnet, meinen Schreibstil, meine Malerei. Ich hatte Stunden am Klavier zugebracht, Mozart und Beethoven geübt, immer das Gebäude am anderen Ufer vor Augen – das endgültige Ziel.

Sophia, die vor drei Jahren die Abschiedsrede hielt, hatte auf demselben Podium gestanden und ihre Rede über unsere große Verantwortung als zukünftige Elite des Neuen Amerika gehalten. Sie hatte darüber gesprochen, dass sie Ärztin werden wollte, um künftige Epidemien zu verhindern. Mittlerweile rettete sie vielleicht schon Leben in der Hauptstadt des Königs. Angeblich hatte er die Stadt aus Sand in einer Wüste erbaut und so an einem Ort, wo vorher nichts war, etwas Neues erschaffen. Ich konnte es nicht erwarten, dorthin zu gehen. Ich wollte als Künstlerin leben, Porträts wie Frida Kahlo oder Wandmalereien im Stil der verträumten Landschaften Magrittes auf die hohen Stadtmauern malen.

Lehrerin Florence legte mir die Hand auf den Rücken. »Du verkörperst das Neue Amerika, Eve – Intelligenz, harte Arbeit und Schönheit. Wir sind so stolz auf dich.«

Die Band stimmte ein lebhafteres Lied an und Ruby schmetterte den Text mit. Die Mädchen auf dem Rasen lachten und tanzten und wirbelten einander herum, bis ihnen schwindlig wurde.

»Komm schon, iss noch etwas.« Schulleiterin Burns drängte Violet, ein kleineres Mädchen mit schwarzen, mandelförmigen Augen, zum Buffet.

»Wo liegt ihr Problem?«, fragte Pip und ließ sich neben mir nieder. Sie nahm die Medaille in die Hand, um sie näher zu betrachten.

»Du weißt doch, wie die Schulleiterin ist«, setzte ich an und wollte Pip daran erinnern, dass unsere älteste Lehrerin fünfundsiebzig und arthritisch war und dass sie – als die Epidemie vor zwölf Jahren zu Ende gegangen war – ihre gesamte Familie verloren hatte. Doch Pip schüttelte den Kopf.

»Die Schulleiterin meine ich gar nicht – sondern sie.«

Arden war die einzige Zwölftklässlerin, die nicht feierte. Sie stand mit verschränkten Armen an die Mauer des Wohnheims gelehnt. Selbst schmollend und in dem unattraktiven grauen Pullover, auf dessen Vorderseite das Wappen der Neuen Amerikanischen Monarchie genäht war, sah sie wunderschön aus. Während die meisten Mädchen der Schule ihr Haar lang trugen, hatte sie ihre schwarze Mähne zu einem kurzen Bob gestutzt, der ihre helle Haut noch heller wirken ließ. In ihren haselnussbraunen Augen funkelten Goldsprenkel. »Sie führt irgendwas im Schilde, ich weiß es«, erklärte ich Pip und ließ Arden nicht aus den Augen. »Tut sie doch ständig.«

Pip fuhr mit den Fingern über das glatte Medaillon. »Jemand hat sie über den See schwimmen sehen …«, flüsterte sie.

»Schwimmen? Das glaub ich nicht.« Keiner in der Schule konnte schwimmen. Man hatte es uns nie beigebracht.

Pip zuckte mit den Schultern. »Bei ihr weiß man nie.« Arden war immer anders gewesen, denn während die meisten der Zwölftklässlerinnen nach dem Ende der Epidemie im Alter von fünf an die Schule gekommen waren, stieß sie erst mit acht dazu. Ihre Eltern hatten sie der Obhut der Schule übergeben, bis sie sich in der Stadt etablieren konnten. Mit Vorliebe rieb sie den anderen Schülerinnen unter die Nase, dass sie keine Waise war. Nach ihrer Berufsausbildung würde sie zu ihren Eltern in die neue Wohnung ziehen. Sie würde nie in ihrem Leben arbeiten müssen.

Pip sah darin die Erklärung für Ardens Charakter: Weil sie Eltern hatte, fürchtete sie sich nicht davor, aus der Schule geworfen zu werden. Meist zeigte sich ihre Aufsässigkeit nur in harmlosen Streichen – sie warf einem verfaulte Feigen in den Haferbrei oder legte eine tote Maus ins Waschbecken, komplett mit einer Hochfrisur aus weißer Zahncreme. Doch bei anderen Gelegenheiten war sie richtig gemein, sogar grausam. Einmal, als Ruby sie wegen einer schlechten Note in der Prüfung über die Gefahren, die von Jungen und Männern ausgingen, auslachte, hatte Arden Rubys langen schwarzen Pferdeschwanz abgeschnitten.

In den letzten paar Monaten war Arden allerdings merkwürdig still gewesen. Sie erschien als Letzte zu den Mahlzeiten und ging als Erste, und sie blieb immer für sich. Ich hatte zunehmend den Verdacht, dass sie für die Abschlussveranstaltung am nächsten Tag ihren bisher größten Streich plante.

Plötzlich drehte sich Arden abrupt um und rannte so schnell Richtung Mensa, dass Staub hinter ihr aufwirbelte. Ich sah ihr mit zusammengekniffenen Augen nach. Bei der Zeremonie konnte ich keine Überraschungen brauchen; meine Rede bereitete mir schon genug Sorgen. Es wurde gemunkelt, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Schule sogar der König anwesend sein würde. Ich wusste, es war ein Gerücht, das die zu Übertreibungen neigende Maxine in Umlauf gebracht hatte, aber trotzdem. Es war ein wichtiger Tag – der wichtigste Tag in unserem Leben.

»Schulleiterin Burns?«, fragte ich. »Würden Sie mich bitte entschuldigen? Ich habe meine Vitamine im Wohnheim vergessen.« Ich tastete die Taschen meines Kittels ab und tat, als ärgerte ich mich über mich selbst.

Die Schulleiterin stand neben der langen Essenstafel. »Wie oft muss ich euch Mädchen noch daran erinnern, dass ihr sie in euren Schultaschen aufbewahren sollt? Geh schon, aber trödel nicht herum.« Während sie das sagte, streichelte sie die schwarz angesengte Schnauze des Spanferkels.

»Selbstverständlich, Schulleiterin«, versprach ich und spähte über die Schulter hinweg in Ardens Richtung. Sie war bereits hinter der Mensa verschwunden. Ich lief los und ließ Pip mit der hastigen Bemerkung »Bin gleich wieder da!« stehen.

Ich rannte um die Ecke und näherte mich dem Haupttor der Schule. Arden kauerte neben dem Mensagebäude und holte etwas unter einem Busch hervor. Sie zog sich ihren Kittel über den Kopf und streifte stattdessen einen schwarzen Pullover über. In der untergehenden Sonne leuchtete ihre Haut milchweiß.

Während sie Stiefel anzog, ging ich langsam auf sie zu – es waren dieselben schwarzen Lederstiefel, die die Wächterinnen trugen. »Egal, was du vorhast, daraus wird nichts«, verkündete ich und weidete mich daran, dass sie beim Klang meiner Stimme erschrocken aufblickte.

Arden hielt einen Moment inne, doch dann zerrte sie an den Schnürsenkeln, als wolle sie ihre Knöchel strangulieren. Es dauerte eine Minute, bevor sie etwas sagte, und selbst dann schaute sie mir nicht ins Gesicht. »Bitte, Eve«, sagte sie ruhig, »geh einfach weiter.«

Ich kniete mich ebenfalls auf die Erde, dabei hob ich den Saum meines Kittels, damit er nicht schmutzig wurde. »Ich weiß, dass du irgendwas vorhast. Du wurdest am See gesehen.« Ardens Bewegungen waren fahrig. Sie wandte den Blick nicht von den Stiefeln ab, während sie die Schnürsenkel zu Doppelschleifen band. In einem Bewässerungsgraben neben dem Busch lag ein Rucksack, in den sie ihren grauen Schulkittel stopfte. »Wo hast du die Wächteruniform gestohlen?«

Sie tat, als hätte sie mich nicht gehört, und spähte stattdessen durch eine Lücke im Gebüsch. Ich folgte ihrem Blick zum Tor, das sich langsam öffnete. Die Lebensmittellieferung für die morgige Zeremonie traf gerade in einem geschlossenen grünschwarzen Geländewagen der Regierung ein. »Das hat nichts mit dir zu tun, Eve«, zischte Arden schließlich.

»Womit dann? Willst du dich als Wächterin ausgeben?« Ich griff nach der Trillerpfeife an meinem Hals. Ich hatte Arden noch nie zuvor angezeigt, nie irgendetwas von dem, was sie angestellt hatte, der Schulleiterin gemeldet, aber die Zeremonie war einfach zu wichtig – für mich, für alle. »Es tut mir leid, Arden, aber ich kann dich nicht gehen lassen –«

Bevor ich die Pfeife an den Mund führen konnte, riss mir Arden die Kette vom Hals und schleuderte sie auf den Rasen. Mit einer schnellen Bewegung drückte sie mich gegen das Gebäude. Ihre Augen glitzerten feucht und waren blutunterlaufen.

»Hör gut zu«, sagte sie langsam. Ihr Unterarm presste sich gegen meinen Hals, ich bekam kaum Luft. »Ich verschwinde hier in genau einer Minute. Wenn du dir selbst einen Gefallen tun willst, gehst du zur Feier zurück und tust so, als hättest du das hier nie gesehen.«

Keine sechs Meter von uns entfernt entluden ein paar Wächterinnen den Jeep und schleppten die Kisten ins Haus, während die anderen ihre Maschinengewehre auf den Wald gerichtet hielten. »Aber wo willst du hin …«, keuchte ich.

»Wach endlich auf!«, zischte sie. »Du glaubst, du wirst einen Beruf erlernen?« Sie deutete auf das Ziegelgebäude auf der anderen Seite des Sees. In der zunehmenden Dunkelheit war es kaum noch zu erkennen. »Hast du dich nie gefragt, warum die Absolventinnen sich nie im Freien aufhalten? Oder warum sie ein separates Tor haben? Oder warum es keine Fenster gibt? Glaubst du wirklich, sie schicken dich dorthin, damit du malst?« Damit ließ sie mich endgültig los.

Ich rieb mir den Hals. An der Stelle, wo die Kette durchgerissen war, brannte meine Haut. »Selbstverständlich«, erwiderte ich. »Was sollten wir denn sonst dort tun?«

Arden stieß ein Lachen aus, als sie den Rucksack über die Schulter warf. Dann beugte sie sich zu mir. Ihr Atem roch würzig nach Wildschweinfleisch. »Achtundneunzig Prozent der Bevölkerung sind tot, Eve. Weg! Was glaubst du, wie es mit der Welt weitergeht? Sie brauchen keine Künstler«, flüsterte sie. »Sie brauchen Kinder. Die gesündesten Kinder, die sie auftreiben können … oder produzieren.«

»Was redest du da?«, fragte ich. Arden richtete sich auf, dabei ließ sie den Jeep keine Sekunde aus den Augen. Eine Wächterin zog eine Plane über die Ladefläche und kletterte auf den Fahrersitz.

»Warum, glaubst du, sind sie so besorgt um unsere Größe, unser Gewicht und was wir essen und trinken?« Arden klopfte den Staub von ihrem schwarzen Overall und sah mich ein letztes Mal an. Die dünne weiße Haut unter ihren Augen war aufgequollen, die blauen Venen schimmerten durch. »Ich hab sie gesehen – die Mädchen, die vor uns ihren Abschluss gemacht haben. Ich werde nicht in irgendeinem Krankenhausbett enden und für die nächsten zwanzig Jahre meines Lebens jedes Jahr ein Junges werfen.«

Ich taumelte rückwärts, als hätte sie mir einen Schlag ins Gesicht verpasst. »Du lügst«, sagte ich. »Du irrst dich.«

Doch Arden schüttelte bloß den Kopf und ging eilig auf den Jeep zu. Im Laufen zog sie eine schwarze Mütze übers Haar. Sie wartete, bis ihr die Torwächterinnen den Rücken zuwandten, erst dann lief sie weiter. »Ich will auch mit!« Mit diesen Worten sprang sie auf die hintere Stoßstange und zog sich auf die abgedeckte Ladefläche hoch.

Der Wagen rumpelte die Schotterpiste hinunter und verschwand im dunklen Wald. Langsam schloss sich das Tor hinter ihm. Ich hörte die Schlösser einrasten und konnte nicht fassen, was ich gerade gesehen hatte: Arden hatte die Schule verlassen.

Sie war geflohen.

Sie war auf der anderen Seite der Mauer, in der Wildnis, wo nichts und niemand sie schützen würde.

Ich glaubte kein Wort von dem, was sie gesagt hatte. Ich konnte einfach nicht. Vielleicht würde Arden in ein paar Stunden zurückkehren, im Jeep. Vielleicht war das ihr bisher verrücktester Streich. Doch als ich mich zu dem fensterlosen Gebäude auf der anderen Seite des Sees umdrehte, zitterten meine Hände unkontrollierbar und aus meinem Mund kamen die Waldbeeren als bitterer Schwall Erbrochenes. Als ich mich dort neben dem Mensagebäude auf der Erde krümmte, hatte ich nur einen einzigen Gedanken: Was, wenn Arden recht hatte?

ZWEI

Nachdem wir unsere Haare gebürstet, unsere Zähne geputzt, unsere Gesichter gewaschen und die weißen Einheitsnachthemden übergestreift hatten, die uns bis zu den Knöcheln reichten, lag ich im Bett und tat, als wäre ich schläfrig. Im Wohnheim kursierten Gerüchte über Ardens Verschwinden. Mädchen steckten die Köpfe in jedes Zimmer und erzählten den neuesten Klatsch: dass eine Haarspange im Gebüsch gefunden worden war, dass die Schulleiterin eine Wächterin in der Nähe des Tors verhört hatte. All das bewirkte, dass ich mir das wünschte, was in der Schule am allerschwierigsten zu bekommen war, etwas, das so abwegig war, dass man nicht mal danach fragen konnte.

Ich wollte allein sein.

»Noelle glaubt, dass sich Arden auf der Krankenstation versteckt hält«, erklärte Ruby Pip. »Zieh eine Karte!« Die beiden saßen auf Pips schmalem Bett und spielten ein Spiel, das sie aus der Schulbibliothek geschmuggelt hatten. Die alten Findet Nemo-Karten waren verblasst und zerfleddert, einige klebten von angetrocknetem Feigensaft aneinander.

»Ich wette, sie hatte bloß keine Lust auf die Zeremonie«, fügte Pip hinzu. Überall auf ihrem sommersprossigen Gesicht waren Zahnpastatupfer verteilt, die sie als »Pickelentferner-Wundermittel« bezeichnete. Immer wieder warf sie mir Blicke zu und wartete darauf, dass ich Vermutungen über Ardens Verbleib anstellen oder Kommentare über die Wachtrupps ablassen würde, die draußen mit Taschenlampen das Gelände absuchten. Aber ich sagte kein Wort.

Ich dachte darüber nach, was Arden gesagt hatte. In den letzten Monaten war Schulleiterin Burns immer fanatischer um unsere Ernährung besorgt gewesen und hatte sichergestellt, dass wir ausreichend aßen. Sie erschien zu unseren wöchentlichen Bluttests und Gewichtskontrollen und achtete darauf, dass wir alle unsere Vitamine einnahmen. Als Ruby ihre Tage eine Woche später als alle anderen an der Schule bekommen hatte, wurde sie von der Schulleiterin sogar zu Dr.Hertz geschickt.

Ich zog die dünne weiße Decke bis zum Kinn. Seit ich klein war, hatte man mir immer erzählt, es gäbe einen Plan für mich – einen Plan für uns alle. Zwölf Jahre an der Schule, dann einmal auf die andere Seite des Schulgeländes und vier Jahre Berufsausbildung. Danach in die Stadt aus Sand, wo Leben und Freiheit auf uns warteten. Dort würden wir unter der Herrschaft des Königs leben und arbeiten. Ich hatte immer alle Anweisungen der Lehrerinnen befolgt, schließlich gab es keinen Anlass, es nicht zu tun. Selbst jetzt ergab Ardens Theorie keinen Sinn. Warum wurde uns beigebracht, Angst vor Männern zu haben, wenn wir am Ende Kinder bekommen und Familien gründen würden? Warum wurden wir ausgebildet, wenn wir bloß Nachwuchs produzieren sollten? Die Betonung unserer Ausbildung, die Art, wie wir ermutigt wurden, unseren Weg zu gehen –

»Eve? Hast du mir zugehört?« Pip riss mich aus meinen Gedanken. Ruby und sie starrten mich an.

»Nein, was?«

Ruby nahm die Karten, ihr dickes schwarzes Haar war noch immer kurz und an der Stelle, wo Arden es abgeschnitten hatte, unterschiedlich lang. »Bevor wir schlafen gehen, würden wir gern etwas von deiner Rede hören.«

Wenn ich an meine Abschiedsrede dachte, schnürte es mir die Kehle zu; die drei hingekritzelten Seiten lagen zerknittert in meiner Nachttischschublade. »Ich möchte, dass es eine Überraschung ist«, erklärte ich nach einer Weile. Ich hatte über die bedeutende Rolle geschrieben, die die Fantasie beim Aufbau des Neuen Amerika spielte. Doch die Worte, die ich gewählt hatte, die Zukunft, die ich mir ausgemalt hatte, erschienen mir jetzt so ungewiss.

Ruby und Pip starrten mich an, aber ich drehte mich weg, ich konnte ihnen nicht in die Augen sehen. Ich konnte ihnen nicht erzählen, was Arden angedeutet hatte: dass die Freiheit nach dem Abschluss nur eine Illusion war, etwas, das man erfunden hatte, damit wir ruhig und zufrieden blieben.

»Gut, wie du willst.« Pip blies die Kerze auf ihrem Nachttisch aus. Ich blinzelte ein paarmal, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Mit der Zeit erkannte ich im grauen Mondlicht, das durch das Fenster hereinströmte, ihr rundes Gesicht. »Aber wir sind deine besten Freundinnen.«

Wenige Minuten später erfüllte Rubys leichtes Schnarchen das Zimmer. Sie schlief immer als Erste ein. Pip starrte an die Decke, ihre Hand lag auf ihrem Herz. »Ich kann es nicht erwarten, meinen Abschluss zu machen. Wir werden lernen – richtig lernen. Und in ein paar Jahren gehen wir in die Welt hinaus, in die neue Stadt jenseits des Waldes. Es wird fantastisch, Eve. Wir werden so was wie … richtige Menschen sein.« Sie drehte sich zu mir und ich hoffte, dass sie die Tränen in meinen Augenwinkeln im schwachen Mondlicht nicht bemerken würde.

Wie würde das Leben von Pip und mir tatsächlich aussehen? Pip wollte Architektin werden, ihr Vorbild war Frank Lloyd Wright. Sie wollte neue Häuser bauen, die, auch wenn sich niemand um sie kümmerte, nicht zerfallen würden, Häuser, die Schutzräume mit Vorräten an konservierten Lebensmitteln hatten, in die nicht einmal die allerwinzigsten tödlichen Viren eindringen könnten. Ich hatte ihr vorgeschlagen, dass wir nach unserer Berufsausbildung in der Stadt aus Sand zusammenleben könnten. Wir würden in eine Wohnung ziehen, wie wir es in Büchern gelesen hatten, mit breiten Betten und Fenstern, die einen Ausblick auf die andere Seite der Stadt hätten, wo die Männer lebten, weit weg von uns. Wir würden auf den riesigen Hallenpisten, von denen uns Lehrerin Etta erzählt hatte, Skilaufen lernen oder unsere guten Manieren in Restaurants mit gestärkten weißen Tischtüchern und blank poliertem Silber unter Beweis stellen. Wir würden unser Abendessen von einer Speisekarte auswählen und darum bitten, dass das Fleisch nach unseren Wünschen zubereitet wurde.

»Ich weiß«, brachte ich hervor. »Es wird toll werden.«

Ich tupfte mir die Tränen vom Gesicht und war dankbar, als Pips Atemzüge langsamer wurden. Doch dann überkamen mich Schuldgefühle und eine wachsende Angst, dass ich morgen vielleicht nicht nur eine Rede voller Illusionen und Sehnsucht halten würde. Vielleicht würde ich meine Freundinnen in den Tod führen.

Ich wartete auf den Schlaf, doch er stellte sich nicht ein. Um drei war mir klar, dass ich nicht länger im Bett liegen bleiben konnte, also stand ich auf und ging zu dem Fenster, aus dem man das Schulgelände überblicken konnte. Bis auf eine einsame Wächterin, die ich an ihrem leichten Hinken erkannte und die das Gelände bei ihrem Routinekontrollgang absuchte, war niemand zu sehen.

Unser Zimmer lag im ersten Stock. Als die Wächterin außer Sichtweite war, öffnete ich das Fenster, wie ich es immer in warmen Nächten machte, und setzte mich auf die Fensterbank. Jedes Jahr gab es an der Schule Notfallübungen: was bei einem Überfall zu tun war, was bei einem Erdbeben zu tun war, was zu tun war, wenn man einem Hunderudel gegenüberstand, was im Falle eines Feuers zu tun war. Ich rief mir die einfachen, abgenutzten Darstellungen ins Gedächtnis, die Schulleiterin Burns am Ende der Übung herumgereicht hatte, dann ließ ich mich von der Fensterbank herunterbaumeln und bereitete mich auf den Fall vor.

Ich ließ los und schlug hart auf. Obwohl ein stechender Schmerz durch meinen Knöchel zuckte, rannte ich so schnell ich konnte zum See hinunter. Auf der anderen Seite des glitzernden Wassers zeichnete sich das Ziegelgebäude, in dem wir unsere Berufe lernen sollten, als schwarzes Rechteck gegen den dunkellila Himmel ab.

Als ich so vor dem See stand und seine sanften Wellen meine Zehen umspülten, sank mein Mut. Wir hatten nie schwimmen gelernt. Die Lehrerinnen erzählten uns oft Geschichten aus den Zeiten vor der Epidemie und wie Menschen in den Ozeanwellen ertrunken oder von der trügerischen Ruhe ihrer selbst gebauten Schwimmbecken in die Irre geführt worden waren.

Ich sah zum offenen Fenster des Wohnheims zurück. In einer Minute würde die Wächterin mit ihrer Taschenlampe um die Ecke biegen und mich nach Einbruch der Dunkelheit draußen erwischen. Sie hatte mich bereits nach Ardens Verschwinden im Gebüsch entdeckt, mein Kleid mit Erbrochenem befleckt. Ich hatte ihr erklärt, ich wäre nur nervös wegen der Abschlussfeier, aber ich durfte ihr auf keinen Fall weiteren Anlass geben, misstrauisch zu werden.

Ich watete ins Wasser. Der schmale Uferstreifen war von Dornenbüschen gesäumt, die die Wasseroberfläche überwucherten. Ich umwickelte meine Hände mit meinen Socken, damit ich mich an den stacheligen Zweigen festhalten konnte. Langsam hangelte ich mich vorwärts, bis mir das Wasser schließlich bis zum Hals reichte. Nach einem Meter fiel der Grund plötzlich steil ab. Ich schluckte Wasser und klammerte mich fester an die Zweige, die Dornen bohrten sich durch die Socken in meine Haut und ich musste husten.

Die Wächterin bog um die Ecke und blieb auf dem Rasen stehen. Der Strahl der Taschenlampe wanderte über das Gras und tanzte auf der Seeoberfläche. Ich hielt die Luft an, meine Lungen schmerzten. Schließlich richtete sich der helle weiße Lichtstrahl wieder auf den Rasen und sie verschwand auf die andere Seite des Schulgeländes.

So ging es über eine Stunde. Ich kämpfte mich vorwärts, rührte mich nicht, wenn die Wächterin vorbeihinkte, und bemühte mich, kein Geräusch zu verursachen. Als ich schließlich die andere Seite erreichte, kletterte ich das matschige, schilfbewachsene Ufer hinauf. Die Socken um meine Handflächen waren voller Blut und das kalte, nasse Nachthemd klebte mir am Körper. Ich zog es aus und kauerte mich, während ich es auswrang, neben das riesige Gebäude.

Bis auf die lange hölzerne Brücke, die für die Zeremonie am nächsten Tag im Schilf bereitlag, war diese Seite des Schulgeländes merkwürdig verlassen. Im Gegensatz zur Schule waren rings um das Ziegelgebäude keine Blumenbeete angelegt. Man hatte uns erklärt, dass die Absolventinnen zu beschäftigt waren, um das Gebäude zu verlassen, dass ihr Arbeitsplan noch rigoroser war als der an der Schule und dass die Zeit, die nicht mit Essen, Schlafen oder Unterricht verbracht wurde, der Vervollkommnung im Beruf diente. Andere Zwölftklässlerinnen tuschelten und machten sich Sorgen, von heute auf morgen kein Sonnenlicht mehr zu sehen, doch für mich hatte diese Form von Hingabe immer aufregend geklungen.

Das Schilf war zwar mannshoch, bot aber nicht genug Deckung. Ich zog mir das feuchte Nachthemd wieder über und rannte um die Ecke des Gebäudes. Überraschenderweise hatte es doch Fenster, und zwar ungefähr anderthalb Meter über dem Boden, allerdings nicht auf der Seite, die wir von der Schule aus sahen.

In mir regte sich Hoffnung, eine Leichtigkeit, die jede Bewegung einfacher machte. An der Hauswand fand ich neben einem verrosteten Wasserhahn einen Eimer, ich drehte ihn um und stellte mich darauf, dann zog ich mich hoch, um besser sehen zu können. Dort drinnen lag meine Zukunft und als ich nach dem Fenstersims griff, wollte ich, dass es die Zukunft war, die ich mir erträumt hatte, nicht die, vor der Arden davongelaufen war. Ich betete, dass ich einen Saal voller Mädchen in ihren Betten sehen würde, dass an den Wänden Ölbilder von wilden Hunden hängen würden, die über die Prärie jagten. Ich betete um Zeichentische, die mit Entwürfen bedeckt wären, und um Bücherstapel auf jedem Nachttisch. Ich betete, dass ich mich nicht täuschte, dass ich morgen meinen Abschluss machen würde und dass die Zukunft, die ich mir vorgestellt hatte, sich wie ein Blütenkelch in der Morgensonne vor mir öffnen würde.

Meine Hände umklammerten das Fenstersims, als ich mich höher zog. Ich presste die Nase gegen die Fensterscheibe.

Dort, auf der anderen Seite, lag ein Mädchen in einem schmalen Bett, ihr Unterleib war mit einem blutverschmierten Verband bedeckt. Ihre blonden Haare waren verfilzt, ihre Arme mit Ledergurten festgebunden. Neben ihr lag ein anderes Mädchen mit einem monströsen Bauch, die straff gespannte Haut war von blauen Venen durchzogen. Plötzlich öffnete das Mädchen ihre leuchtend grünen Augen und starrte mich für einen Moment an, dann entgleiste ihr Blick. Das war Sophia. Sophia, die vor drei Jahren in ihrer Abschiedsrede darüber gesprochen hatte, dass sie Ärztin werden würde.

Ich presste meinen Mund auf das steinerne Fenstersims, um nicht laut aufzuschreien.

Dort drinnen lagen Mädchen auf einer Reihe Feldbetten, die meisten hatten unter den weißen Laken riesige Bäuche. Ein paar trugen Bandagen um die Mitte. Eine hatte wulstige dunkelrosa Narben auf der Seite. Gegenüber wand sich ein Mädchen in Schmerzen und versuchte, ihre Handgelenke freizubekommen. Ihr Mund stand offen, sie schrie etwas, das ich durch das Glas nicht hören konnte.

Durch eine Seitentür betraten Schwestern den langen fabrikähnlichen Saal. Dr.Hertz folgte ihnen, ihr drahtiges graues Haar war unverkennbar. Sie war diejenige, die die Rezepte für unsere täglichen Vitamine ausstellte und die jeden Monat unseren Gesundheitszustand überprüfte. Sie war diejenige, die uns auf der Untersuchungsliege mit kalten Instrumenten traktierte, niemals auf unsere Fragen antwortete, grundsätzlich unserem Blick auswich.

Als die Ärztin näher kam und ihr die Hand auf die Stirn legte, warf das Mädchen den Kopf hin und her. Das Mädchen hörte nicht auf zu schreien, ein paar schlafende Patientinnen erwachten von ihrem Kreischen. Sie zerrten an ihren Gurten, riefen nach den Schwestern, ihre schwachen Klagen waren hier draußen kaum zu hören. Plötzlich stach die Ärztin mit einer schnellen Bewegung eine Nadel in den Arm des Mädchens, das daraufhin erschreckend still wurde. Dr.Hertz hielt die Nadel in die Höhe – als Warnung – und das Geschrei der anderen verstummte.

Ich konnte mich nicht länger an der Fensterbank festhalten, und als der Eimer unter mir wegrutschte, fiel ich nach hinten. Ich rollte mich auf dem harten Boden zusammen, denn ich hatte das Gefühl zu ersticken. Mit einem Mal ergab alles einen Sinn. Die Injektionen, die Dr.Hertz verabreichte – die uns Übelkeit verursachten und uns reizbar und elend machten. Dass Schulleiterin Burns mir das Haar tätschelte, wenn ich meine Vitamine schluckte. Der ausdruckslose Blick von Lehrerin Agnes, als ich ihr von meiner Zukunft als Wandmalerin vorschwärmte.

Es würde keinen Beruf geben, keine Stadt, kein Apartment mit Riesenbett und einem Fenster mit Blick auf die Straße. Keine Abendessen in Restaurants mit blank poliertem Silber und gestärkter weißer Tischwäsche. Es würde bloß diesen Saal geben, den ekelerregenden Gestank alter Bettpfannen, bis zum Platzen gespannte Haut. Babys, die aus meinem Leib geschnitten, mir entrissen und irgendwo jenseits dieser Mauern hingebracht würden. Ich würde schreiend, blutend und allein zurückbleiben und wieder in einen von Drogen hervorgerufenen Schlaf sinken.

Schließlich rappelte ich mich auf und ging zum Ufer zurück. Die Nacht war jetzt dunkler, die Luft kälter und der See viel breiter und tiefer als zuvor. Trotzdem konnte ich nicht zurücksehen. Ich musste weg von diesem Gebäude, dem Saal, den Mädchen mit den toten Augen.

Ich musste weg.

DREI

Als ich zur Schule zurückkam, war ich klatschnass und von meinen Händen tropfte Blut. Beim Überqueren des Sees hatte ich mir nicht einmal die Mühe gemacht, meine Hände mit Socken zu umwickeln, ich wollte bloß Abstand zwischen mir und dem Gebäude. Ich kümmerte mich nicht darum, dass sich die Dornen in meine Haut bohrten, sondern richtete den Blick fest auf mein Zimmerfenster und ignorierte die Schmerzen.

Als die Wächterin bei ihrer Runde hinter dem Wohnheim verschwand, rannte ich ans Ufer, mein Nachthemd war schwer vom Wasser. Obwohl noch immer einige Fackeln brannten, lag die Rasenfläche im Dunkeln und ich konnte in den Bäumen die Eulen hören, die mich wie Cheerleader anfeuerten. Bis zu dieser Nacht hatte ich noch nie gegen die Regeln verstoßen. Bevor der Unterricht überhaupt losging, saß ich bereits mit aufgeschlagenen Büchern an meinem Tisch. Jeden Abend lernte ich zusätzlich zwei Stunden. Ich schnitt sogar, wie man es mir eingebläut hatte, mein Essen ordentlich klein, indem ich den Zeigefinger auf den Messerrücken presste. Doch jetzt hallte nur noch eine Regel in meinem Kopf wider. Geht niemals auf die andere Seite der Mauer, hatte Lehrerin Agnes damals im Kurs über die Gefahren von Männern und Jungen gewarnt, als sie uns den Akt der Vergewaltigung erklärte. Dabei hatte sie uns so lange mit ihren wässrigen, rot unterlaufenen Augen angestarrt, bis wir den Satz wiederholten, es war ein erzwungenes Herunterleiern.

Geht niemals auf die andere Seite der Mauer.

Doch keine Männerbande oder Höhle mit hungrigen Wölfen jenseits der Mauer konnte schlimmer sein als das Schicksal, das mich hier in der Schule erwartete. In der Wildnis hätte ich eine Wahl – egal, wie gefährlich, egal, wie furchterregend. Ich würde entscheiden, was ich essen wollte, wohin ich gehen wollte. Ich würde weiterhin die warme Sonne auf der Haut spüren.

Vielleicht würde es mir wie Arden gelingen, durch das Tor zu entkommen. Ich könnte bis zum Morgen warten, wenn die letzte Essenslieferung für die Feier eintraf. Durch ein Fenster zu fliehen, wäre schwieriger. Die Bibliothek lag am Rande des Schulgeländes, sodass ich vom Fenster auf die Mauer springen könnte. Von dort wäre es aber ein Sprung in über fünfzehn Meter Tiefe und ich würde ein Seil brauchen, einen Plan, um mich irgendwie herunterzulassen.

Im Haus schlich ich mich zu einem engen, schwach beleuchteten Treppenhaus und achtete darauf, kein Geräusch zu verursachen. Ich würde nicht alle retten können. Aber ich musste in unser Zimmer und Pip aufwecken. Vielleicht könnten wir auch Ruby mitnehmen. Es wäre nicht viel Zeit für Erklärungen, aber wir könnten eine Tasche packen mit ein paar Klamotten und Feigen und den Bonbons in Goldpapier, die Pip so lecker fand. Heute Nacht würden wir für immer weggehen. Und nie wieder an die Schule denken.

Ich huschte in den ersten Stock und den Korridor hinunter, an einem Zimmer nach dem anderen vorbei, in denen sich Mädchen in ihre Betten kuschelten. Durch eine Tür konnte ich Violet sehen, die zusammengerollt dalag und im Schlaf lächelte, ohne auch nur ansatzweise zu erahnen, was sie am nächsten Tag erwartete. Ich war nur Schritte von meinem eigenen Zimmer entfernt, als im Gang plötzlich ein unheimliches Licht aufleuchtete.

»Wer ist da?«, fragte eine raue Stimme.

Ich drehte mich langsam um und mir gefror das Blut in den Adern. Am Ende des Gangs stand Lehrerin Florence und hielt eine Petroleumlaterne in die Höhe. Die Lampe warf schwarze, bedrohliche Schatten auf die Wand.

»Ich war bloß …« Mir versagte die Stimme. Vom Saum meines Nachthemdes tropfte Seewasser und bildete eine Pfütze zu meinen Füßen.

Lehrerin Florence kam auf mich zu, man sah ihrem sonnenfleckigen Gesicht an, wie ungehalten sie war. »Du hast den See überquert«, stellte sie fest. »Du hast die Absolventinnen gesehen.«

Ich nickte und dachte wieder an Sophia auf ihrem Krankenhausbett, an ihre blau umschatteten Augen, die in tiefen Höhlen in ihrem Gesicht lagen. An die Blutergüsse an ihren Handgelenken und Knöcheln, weil sie an den Ledergurten gezerrt hatte. Der Druck in meinem Inneren wurde immer größer, wie bei einem Kessel, kurz bevor das Wasser zu kochen anfängt. Ich hätte gern geschrien. Alle aus ihren Betten hochfahren lassen. Diese schmale Frau an den Schultern gepackt und meine Finger in ihren Arm gebohrt, bis sie den Schmerz fühlte, den ich in diesem Augenblick fühlte, die Angst und Verwirrung. Den Betrug.

Doch all diese Jahre, in denen ich mit im Schoß gefalteten Händen still dagesessen hatte, als ich zugehört und nur dann gesprochen hatte, wenn man mich dazu aufforderte, hatten mir den Gehorsam zur Gewohnheit werden lassen. Was, wenn ich zu schreien anfangen würde, in die Stille der Nacht hinein? Ich hatte nichts in der Hand, womit ich die anderen Mädchen überzeugen könnte. Niemals würden sie glauben, dass die Berufe nur eine Lüge waren. Sie würden mich für verrückt halten. Eve, die unter der Belastung der Abschlussprüfung durchdrehte. Eve, die Irre, die Tiraden über schwangere Absolventinnen abließ. Schwangere Absolventinnen! Sie würden mich auslachen. Man würde mich einen Tag früher als die anderen in das Gebäude schicken und mich zu dauerhaftem Schweigen zwingen.

»Es tut mir leid«, setzte ich an. »Ich war bloß …« Mir entwischte eine Träne.

Lehrerin Florence nahm meine Handfläche und fuhr über einige Hautfalten, in denen das Blut bereits angetrocknet war. »Ich kann nicht zulassen, dass du die Schule in diesem Zustand verlässt.« Als sie die verletzte Haut untersuchte, streifte ihr drahtiges weißes Haar mein Kinn.

»Ich weiß, es tut mir leid. Ich gehe zurück ins Bett und –«

»Nein«, erwiderte sie ruhig. Als sie aufsah, waren ihre Augen glasig. »Nicht in diesem Zustand.« Sie zog ein Taschentuch aus der Tasche ihres Nachthemds und wickelte es um meine Hand. »Ich kann dir helfen, aber wir müssen die Wunde säubern. Schnell. Wenn es die Schulleiterin mitbekommt, lässt sie uns beide einsperren. Hol deine Sachen und wir treffen uns unten.«

In diesem Moment wäre ich ihr am liebsten um den Hals gefallen, doch sie drängte mich Richtung Tür. Ich war schon auf dem Weg in mein Zimmer, um Pip und Ruby zu holen, da rief mir die Lehrerin hinterher, noch immer im Flüsterton.

»Eve, du wirst allein gehen – du darfst niemand anderen aufschrecken.« Ich wollte protestieren, aber sie ließ keine Widerrede zu. »Es geht nicht anders«, sagte sie ernst und war schon fast am Ende des Korridors, die Laterne in ihrer Hand schwankte.

Ich lief im Dunkeln durchs Zimmer und packte geräuschlos den einzigen Rucksack, den ich besaß. Pip rührte sich nicht in ihrem Bett. Du wirst allein gehen, der Befehl der Lehrerin klang mir im Ohr. Ich hatte mein ganzes Leben getan, was man mir befohlen hatte, und war hintergangen worden. Ich konnte Pip wecken und die Lehrerin bitten, uns beiden zu helfen. Was aber, wenn Pip mir nicht glaubte? Was, wenn sie die anderen weckte? Und was, wenn die Lehrerin sagte, dass sie uns nicht beiden helfen konnte, dass zwei von uns es nie unbemerkt nach draußen schaffen würden? Dann wäre es für uns beide vorbei. Für immer.

Pip drehte sich um und murmelte etwas im Schlaf. Ich nahm die Hose, die wir bei den Gymnastikübungen trugen, und den seidenen Beutel mit meinen Lieblingssachen. Er enthielt einen winzigen Plastikvogel, den ich vor Jahren im Schlamm gefunden hatte, die goldene Einwickelfolie des ersten Lutschers, den mir die Schulleiterin jemals gegeben hatte, das kleine, angelaufene Silberarmband, das ich gerettet hatte, nachdem ich mit fünf auf die Schule gekommen war; und schließlich den einzigen Brief, den ich von meiner Mutter besaß, das Papier war schon ganz vergilbt und an jedem Falz eingerissen.

Ich zog den Reißverschluss zu und hätte gern mehr Zeit gehabt. Pips blasses Gesicht lag in das Kissen gedrückt, ihre Lippen bewegten sich leicht beim Atmen. In einem dieser Bücher aus der Zeit vor der Epidemie, die in der Bibliothek standen, hatte ich einmal gelesen, dass Liebe bedeutet, Zeuge zu sein. Dass schon der bloße Akt, das Leben von jemandem wahrzunehmen, einfach da zu sein, bedeutet: Dein Leben ist es wert, gesehen zu werden. Wenn das stimmte, hatte ich nie jemanden so sehr geliebt wie Pip, und niemand hatte meine Liebe mehr erwidert. Denn Pip war da gewesen, als ich mir das Handgelenk beim Handstand auf dem Rasen verdrehte. Sie hatte mich in den Arm genommen, als ich meine blaue Lieblingsbrosche verloren hatte, die angeblich meiner Mutter gehörte. Und sie war es, die mit mir unter der Dusche Lieder trällerte, die wir auf alten Platten in den Archiven entdeckt hatten. Let it be, let it be!, schmetterte Pip lautstark, während ihr Shampooschaum übers Gesicht lief, auch wenn sie den Ton nie ganz richtig traf.

Ich ging zur Tür und sah ein letztes Mal zu ihr zurück. Pip hatte mich damals in jener ersten Nacht in der Schule weinen gehört und war zu mir ins Bett gekrochen und hatte zugelassen, dass ich mein Gesicht an ihren Hals schmiegte. Sie hatte zur Decke gedeutet und mir erklärt, dass unsere Mütter im Himmel über uns wachten. Sie liebten uns vom Himmel aus.

»Ich komme dich holen«, flüsterte ich und bekam die Worte kaum heraus. »Ganz bestimmt«, bekräftigte ich noch einmal.

Doch wenn ich jetzt nicht ging, würde ich es nie tun, und so rannte ich den Gang und das Treppenhaus hinunter und zum Krankenzimmer, wo die Lehrerin mit einem Sack Nahrungsmittel auf mich wartete.

Mit einer Pinzette zog sie die Dornen aus meinen Handflächen. Während sie mich verband, hielt sie den Blick starr auf die Mullbinde geheftet, die sie Schicht um Schicht um meine Hände wickelte. Erst nach einer Weile begann sie zu sprechen.

»Es fing mit der künstlichen Befruchtung an«, erklärte die Lehrerin. »Der König erkannte in der Wissenschaft den Schlüssel, die Erde schnell und effizient wiederzubevölkern, ohne die ganzen Komplikationen von Familien, Heirat und Liebe. Er dachte, wenn ihr Angst vor den Männern hättet, würdet ihr Mädchen gern ohne sie Nachwuchs produzieren. Und als die ersten Absolventinnen in dieses Gebäude gingen, war es bei manchen wirklich so. Doch Schwangerschaft und Geburt können extrem sein. Und oft gibt es Schwierigkeiten mit Mehrfachgeburten. In den letzten Jahren ist es schlimmer geworden und ich befürchte, das Ende ist noch nicht abzusehen.«

Ich sah wieder auf die Schublade, wo Dr.Hertz unsere wöchentlichen Injektionen aufbewahrte, die unsere Brüste wund machten und bei manchen Mädchen heftige Krämpfe auslösten. Auf der Arbeitsfläche standen unzählige Glasbehälter mit Vitaminen, die nach Wochentagen geordnet in unsere Pillendosen sortiert wurden. Wir schluckten sie wie buntes, zuckerumhülltes Gift am Morgen, Nachmittag und Abend.

»Sie haben also immer Bescheid gewusst – über die Absolventinnen?«

Die Lehrerin starrte stumm durch die Jalousien. Als sie sicher war, dass die Wächterin vorbeigegangen war, bedeutete sie mir, ihr durch die Hintertür in die Nacht hinaus zu folgen. In der Ferne heulten wilde Hunde und das Geräusch verursachte mir Herzrasen. Wir liefen an der Mauer entlang, die das Schulgelände umgab. Die Lehrerin drehte sich um, um sicherzugehen, dass unser Vorsprung vor der Wächterin groß genug war, sodass sie uns nicht sehen konnte. Als sie weitersprach, war ihre Stimme viel leiser als zuvor.

»Zuerst kam die Epidemie«, fing sie an, »und dann machte der Impfstoff alles noch viel schlimmer. Überall war nur noch Tod, Eve. Es gab keine Ordnung mehr; die Menschen waren durcheinander. Verängstigt. Der König riss die Macht an sich und ab da musste man sich entscheiden, ihm zu folgen oder sich allein in der Wildnis durchzuschlagen.«

Während sie sprach, sah sie mich nicht an, aber ich konnte erkennen, dass sie Tränen in den Augen hatte. Ich dachte an die jährlichen Reden, wenn wir uns in der Mensa versammelten und dem einzigen Radioapparat lauschten, der vor der Schulleiterin auf dem Tisch stand. Der König, unser großer Führer, der einzige Mann, der geachtet werden musste, sprach durch die Lautsprecher zu uns. Er erzählte uns von den Fortschritten in der Stadt aus Sand, von den Wolkenkratzern, die gebaut wurden, von der Mauer, die Armeen, Viren und die Bedrohungen der Wildnis abhalten würde. Er betonte, dass dort der Beginn des Neuen Amerika lag, dass es eine Chance gab, alles wieder aufzubauen. Er versprach, dass wir sicher sein würden.

»Ich bin ihm gefolgt«, fuhr die Lehrerin fort. »Ich war bereits fünfzig. Meine Familie hatte die Seuche nicht überlebt. Ich hatte keine Wahl. Allein konnte ich nicht überleben. Aber du sollst die Chance bekommen, die ich nicht hatte.«

Wir kamen zu dem Apfelbaum, der seine Äste vor der Mauer ausbreitete. Pip und ich hatten schon unzählige Male darunter gesessen, die Früchte gegessen und die angefaulten Äpfel an die Eichhörnchen verfüttert. »Wo soll ich hingehen?«, fragte ich mit zitternder Stimme.

»Wenn du ungefähr drei Kilometer immer geradeaus läufst, kommst du zu einer Straße.« Ihre dünnen Lippen bewegten sich langsam beim Sprechen, die Haut war schuppig und aufgesprungen. »Es wird gefährlich sein. Such die Schilder, auf denen eine 80 steht, und geh nach Westen, in Richtung der untergehenden Sonne. Bleib in der Nähe der Straße, aber halte genug Abstand.«

»Und dann?«, fragte ich. Sie griff in die Tasche ihres Nachthemds und zog einen Schlüssel heraus, den sie wie einen Edelstein in ihren faltigen Händen hielt.

»Wenn du immer weitergehst, kommst du zum Meer. Auf der anderen Seite der roten Brücke gibt es ein Camp. Soweit ich weiß, heißt es Califia. Wenn du es dorthin schaffst, werden sie dich beschützen.«

»Aber was ist mit der Stadt aus Sand?«, fragte ich, während sie sich die Mauer entlangtastete. Das Gespräch war zu Ende, das konnte ich spüren, aber mir gingen tausend Fragen durch den Kopf. »Was geschieht mit den Kindern, die geboren werden? Wer kümmert sich um sie? Und die Absolventinnen, werden sie je freigelassen?«

»Die Kinder werden in die Stadt gebracht. Die Absolventinnen …« Sie hielt den Kopf gesenkt und tastete weiter die Mauer ab. »Sie stehen im Dienst des Königs. Sie werden freigelassen, falls und wenn es der König für angemessen hält, falls und wenn genug Kinder produziert wurden.«

Hinter einigen Zweigen verbarg sich eine Öffnung, die so winzig war, dass man sie selbst bei Tageslicht kaum sehen würde. Lehrerin Florence steckte den Schlüssel hinein und nach einer Umdrehung schob sich die Steinmauer zur Seite und gab eine schmale Tür frei. Sie warf einen Blick zurück, auf die andere Seite des Schulgeländes.

»Eigentlich ist es ein Notausgang, falls es einmal brennen sollte«, erklärte sie.

Vor mir erstreckte sich der Wald, dessen Hänge nur durch den hellen Vollmond erleuchtet wurden. Das war alles. Woher ich kam, wohin ich ging. Meine Vergangenheit, meine Zukunft. Ich hätte die Lehrerin gern noch so vieles gefragt, über diesen seltsamen Ort namens Califia, über die Gefahren der Straße; doch genau in diesem Moment leuchtete der Taschenlampenstrahl der Wächterin um die Ecke des Wohnheims.

Lehrerin Florence stieß mich an. »Los jetzt, geh!«, drängte sie. »Geh!«

Und ebenso schnell, wie sich die Tür öffnete, schloss sie sich wieder hinter mir und ich war allein in der kalten, sternenlosen Nacht.

VIER

Als ich die Augen öffnete, sah ich als Erstes den Himmel: ein blaues, grenzenloses Etwas; so viel größer, als ich ihn mir je vorgestellt hatte. In den ganzen zwölf Jahren an der Schule hatte ich immer nur den Ausschnitt zwischen der einen und der anderen Mauer gesehen. Jetzt, da sich der Himmel direkt über mir wölbte, bemerkte ich die violetten und gelben Streifen auf diesem riesigen Schirm, die nun im frühen Morgenlicht sichtbar wurden.

Aus Angst, stehen zu bleiben, war ich in der letzten Nacht so weit und so schnell gerannt, wie ich konnte. Ich war unter zerfallenen Brücken durchgekrochen und über tiefe Gräben geklettert, bis ich schließlich das wunderbare vom Mondlicht angestrahlte Schild mit einer 80 erblickt hatte. Erst da hatte ich mich in einem Graben ausgeruht, meine Beine waren einfach zu müde gewesen, um noch einen einzigen Schritt weiterzugehen. Meine Hose starrte vor Dreck, mein Hals war trocken.

Ich kletterte auf den harten flachen Bergkamm und spähte in den Morgen hinaus. Auf dem Abhang wuchsen büschelweise Blumen, hohes, unglaublich grünes Gras und Bäume, die in ungewöhnlichen Winkeln trieben und miteinander verschlungen waren. Wenn ich an die Bilder dachte, wie die Welt vor der Epidemie ausgesehen hatte, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Da gab es Fotos von akkuraten, gepflegten Rasenflächen und Reihenhäusern in gepflasterten Straßen, wo die Büsche zu perfekten Vierecken gestutzt waren. Hier sah es entschieden anders aus.

Am Horizont rannte eine Hirschkuh durch eine alte Tankstelle. Vor der Seuche wurde beinahe alles mit Öl angetrieben. Da es jedoch keine Arbeiter mehr gab, um die Raffinerien zu betreiben, hatte man sie geschlossen. Öl stand jetzt nur noch der Regierung des Königs zu, darüber hinaus gab es eine festgesetzte Zuteilung für jede Schule. Die Hirschkuh blieb stehen, um das Gras zu fressen, das zwischen den verrosteten Zapfsäulen wuchs. Am Himmel änderten dichte Vogelschwärme ihre Richtung, ihre Flügel schillerten im hellen Morgenlicht. Ich stampfte mit einem Fuß auf den Felsabsatz und spürte, wie flach und hart der Untergrund war. Erst da bemerkte ich, dass ich auf einer dick mit Moos bewachsenen Straße stand.

»Hallo?«, fragte eine Stimme. »Hallo?«

Ich wirbelte herum, um zu sehen, wo sie herkam, die Männerstimme weckte von Neuem alle Ängste in mir. Mir fielen die Geschichten über den Wald ein, über Banden von Abtrünnigen, die hier draußen hausten und auf Bäumen lebten. Mein Blick fiel auf eine verwitterte Hütte ein paar Meter weiter. Sie war mit Efeu überwuchert und die Tür verriegelt. Geduckt kroch ich näher, damit mich niemand sah.

Erneut erklang die Stimme. »Halt die Schnauze!«

Ich erstarrte. In der Schule durften wir solche Worte nicht benutzen. Sie waren »unangemessen« und wir kannten sie nur aus Büchern.

»Halt die Schnauze!«, brüllte die Stimme erneut von irgendwo über mir.

Ich sah auf. Dort, auf dem Dach der Hütte, thronte ein großer roter Papagei, der mich mit schief gelegtem Kopf musterte.

»Klingeling! Klingeling! Wer ist da?« Er pickte auf etwas ein, das auf dem Dach lag.

In einem Kinderbuch über einen Piraten, der anderen ihre Schätze raubte, hatte ich schon einmal einen Papagei gesehen. Pip und ich hatten die Geschichte in den Archiven gelesen und die wasserfleckigen Illustrationen mit den Fingern berührt.

Pip. Irgendwo, kilometerweit entfernt, entdeckte sie gerade mein leeres Bett mit den zerknitterten und kalten Laken. In aller Eile würde man neue Pläne für die Abschlussfeier schmieden. Weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ich aus freiem Entschluss gegangen war, würden Ruby und sie sich möglicherweise Sorgen machen, dass ich gekidnappt worden war. Vielleicht würde Amelia, die übereifrige Zweitbeste, die bei den Abschlussfeierlichkeiten die Begrüßung übernehmen sollte, meine Rede halten und die Mädchen über die Brücke führen. Wann würden sie die Wahrheit herausfinden? Wenn sie den Fuß auf das kahle Ufer auf der anderen Seite setzten? Wenn die Türen aufschwangen und den Blick auf den fabrikartigen Saal freigaben?

Ich streckte die Hand nach dem Vogel aus, aber er wich zurück. »Wie heißt du?«, fragte ich. Fast fürchtete ich mich vor meiner eigenen Stimme.

Der Papagei starrte mich mit seinen schwarzen Knopfaugen an. »Peter! Wo bist du, Peter?«, krächzte er und hüpfte über das Dach.

»War Peter dein Besitzer?«, fragte ich. Der Papagei kratzte sich mit einer Kralle. »Wo kommst du her?« Wahrscheinlich war Peter vor langer Zeit während der Epidemie gestorben oder hatte den Vogel im darauffolgenden Chaos ausgesetzt. Der Vogel hatte trotzdem zehn Jahre überlebt. Diese simple Tatsache erfüllte mich mit Hoffnung.

Gern hätte ich dem Papagei noch weitere Fragen gestellt, doch er flatterte plötzlich davon und war nur noch ein roter Fleck am blauen Himmel. Ich folgte ihm mit den Augen und beobachtete, wie er in der Ferne verschwand. Da bemerkte ich die Umrisse, die zwischen den Bäumen den Abhang hinunterkamen und sich der Straße näherten. Selbst aus sechzig Metern Entfernung konnte ich die Gewehre erkennen, die sie über der Schulter trugen.

Einen Moment lang fürchtete ich mich vor diesen fremden und ungewohnten Geschöpfen. Sie waren so viel größer und breiter als Frauen. Selbst ihr Gang war anders, schwerer, als bereite ihnen jeder Schritt große Mühe. Alle trugen Hosen und Stiefel; einige hatten kein Hemd an und zeigten ihre ledrigen gebräunten Oberkörper.

Sie bewegten sich als Gruppe vorwärts, bis einer von ihnen sein Gewehr in Anschlag brachte und auf die Hirschkuh zielte, die neben den Zapfsäulen graste. Das Tier fiel mit einem Schuss, sein Bein zuckte vor Schmerz. Erst in diesem Moment stieg Panik in mir auf. Ich stand mitten in der Wildnis, im gnadenlosen Tageslicht, und eine Bande näherte sich. Ich rüttelte an der Hüttentür, riss den Efeu herunter, bis ein rostiges altes Hängeschloss zum Vorschein kam.

Die Bande war schon zu nah, um zu fliehen. In der Hoffnung, es würde aufbrechen, zerrte und zog ich an dem Schloss und schlug mit der Hand dagegen. Bitte geh auf, flehte ich, bitte. Ich spähte noch einmal um die Ecke der Hütte und sah, wie sich die Männer unter dem Tankstellenvordach um die Hirschkuh zusammendrängten. Einer hackte auf das Tier ein, zog ihm die Haut ab, als würde er eine Frucht schälen. Es wehrte und wand sich, es lebte noch.

Ich rüttelte an der Tür und plötzlich wünschte ich mir, die Schulleiterin käme die Straße heruntergerast und die Wächterinnen würden mich auf die Ladefläche eines Regierungsjeeps ziehen. Wir würden den Weg zurückfahren, den ich gekommen war, die Männer würden auf uns schießen, bis sie nur noch schwarze Punkte am Horizont wären. Bis ich in Sicherheit wäre.

Doch meine Fantasie löste sich in Luft auf – wie Nebel, der in der Morgensonne verdampfte. Die Schulleiterin war nicht meine Beschützerin und die Schule war nicht länger sicher.

Es war nirgendwo sicher.

Endlich gab das Schloss nach und ich stolperte in die dunkle Hütte hinein. Nachdem ich meinen Rucksack hereingezogen hatte, machte ich die Tür zu und lief eilig einen schmalen Gang hinunter, der in einen größeren Raum führte. Die schmutzbedeckten Fenster waren so dicht mit Ranken überwuchert, dass man nicht hinaussehen konnte. Ich tastete mich vorwärts und merkte, dass es keine Hütte war, sondern ein lang gestrecktes Haus, das in den Hügel hineinragte und zur Hälfte von Gras überwachsen war. Die Mauern waren uneben und fleckig wie eine Steinwand.

Die fremden Stimmen waren sehr nah. »Komm schon, Raff, schmeiß die Haut in die Tasche und lass uns verschwinden.«

»Du kannst mich mal, du Drecksack«, gab der andere zurück. Ihre Stimmen klangen tief und schroff. Sie sprachen nicht das gewählte Englisch, das wir in der Schule gelernt hatten.

Ich hatte ein ganzes Jahr lang in dem Kurs gesessen, der über die Gefahren aufklärte, die von Männern und Jungen ausgingen, und hatte in allen Einzelheiten gelernt, wie Frauen durch das andere Geschlecht verletzt werden konnten. Zuerst kam die Einheit über »Manipulation und Liebeskummer«. Wir lasen Romeo und Julia sehr genau und analysierten, wie Romeo Julia verführte und schließlich ihren Tod herbeiführte. Lehrerin Mildred hielt einen Vortrag über eine Beziehung, die sie vor der Epidemie gehabt hatte, und die Hochgefühle, die sich so schnell in verzweifelte, wutentbrannte Abgründe verwandelt hatten. Sie weinte, als sie erzählte, wie ihr »Geliebter« sie nach der Geburt ihres ersten Kindes verließ, einem kleinen Mädchen, das später an der Seuche gestorben war. Als Grund für sein Gehen hatte er »Verwirrung« angeführt. Während der Einheit über »Häusliche Versklavung« zeigte man uns alte Werbeanzeigen von Frauen mit Schürzen. Die Lektion über »Bandenmentalität« war allerdings die erschreckendste von allen.

Lehrerin Agnes zeigte uns Aufnahmen, die in einer Mauer verborgene Sicherheitskameras gemacht hatten. Die Bilder waren verschwommen, aber man erkannte drei Gestalten – drei Männer. Sie trieben einen anderen in die Enge, entrissen ihm die Vorräte an seinem Gürtel und richteten ihn mit einer Schrotflinte hin. Wochenlang wachte ich deshalb mitten in der Nacht schweißüberströmt auf. Immer wieder sah ich diesen weißen Blitz vor mir und den reglosen Körper des Mannes, der mit verdrehten Beinen auf dem Boden lag.

»Du hättest nicht noch einen umzulegen brauchen, du mordgeiles Monster!«, rief eine andere Stimme. Ich verkroch mich tiefer ins Haus und drückte mich gegen eine unebene, wackelige Wand. Die Luft war heiß und roch durchdringend nach Schimmel und etwas Schärferem, etwas Chemischem. Ich zog mir das Shirt übers Gesicht und versuchte, flach zu atmen, während die Männer draußen vorbeistapften.

Sie waren jetzt ganz in der Nähe. Ich konnte sie hören, bei jedem Schritt gaben die abgebrochenen Äste auf der Erde ein furchterregendes Knacken von sich. Vor der Hütte blieb jemand stehen. Er holte ächzend Luft und spuckte würgend Schleim aus. »Was is’n da?«, rief ein anderer. Seine Stimme klang weiter entfernt, höher. Vielleicht stand er auf der Straße.

Der andere räusperte sich und blankes Entsetzen schnürte mir die Kehle zu. Ich drückte mich fester an die Steinwand und versuchte, mit geschlossenen Augen ruhig stehen zu bleiben. Geh weg, bitte, bitte, dachte ich.

»Das Schloss is aufgebrochen! Geht schon mal vor, ich werf da mal ’nen Blick rein.«

Ich wich so weit ich konnte zurück und wünschte mir, ich könnte mich in die kalten Steine hineindrücken und hinter ihrer schartigen Oberfläche verschwinden. In so vielen Lektionen hatte man uns erklärt, was sich hinter der Schulmauer befand. Lehrerin Helene hatte Fotografien einer Frau hochgehalten, der ein wilder Hund das halbe Gesicht zerfleischt hatte. Für den Fall, dass wir in der Wildnis auf uns allein gestellt wären, konnte sie allerdings nur mit einem einzigen Ratschlag aufwarten. Sie hatten uns keine Überlebenstechniken beigebracht. Ich konnte kein Feuer machen, ich konnte nicht jagen, ich könnte mich nicht gegen diesen Mann zur Wehr setzen. Geht wieder zurück, hatte die Lehrerin einfach gesagt. Tut, was immer ihr tun müsst, um zur Schule zurückzukommen.

Die Tür wurde aufgestoßen. Ich erwartete, dass er hereinstürmen und mich schreiend ins Freie zerren würde. Doch als Licht durch die längliche Hütte flutete, waren mir die Bande auf der Straße und die Bilder aus dem Kurs und die Absichten des Mannes vor mir, nur einige Meter entfernt, plötzlich egal. Denn im Sonnenlicht erkannte man, dass die Mauern nicht aus unbearbeiteten Steinen, sondern aus Hunderten von Totenköpfen bestanden, die schwarzen, leeren Augenhöhlen starrten mich an. Ich presste die Hand auf den Mund, um nicht laut loszuschreien.

»Sind bloß Knochen drin«, brüllte der Mann. Damit schlug er die Tür zu und ich blieb mit den Skeletten im Dunkeln zurück.

Zitternd harrte ich noch einige Stunden dort aus, bis ich sicher sein konnte, dass die Männer verschwunden waren.

FÜNF

Am achten Tag schmerzten meine Beine und meine Kehle brannte. Ich kämpfte mich langsam durch dichtes Gestrüpp am Straßenrand und schlug die Zweige mit einem abgebrochenen Ast zurück, den ich auch als Gehstock benutzte. Ich sagte mir immer wieder, dass ich es nach Califia schaffen würde. Ich sagte mir, dass ich bald in Sicherheit sein würde und dass mich die Banden nicht finden würden, solange ich mich im Gebüsch verbarg, außer Sichtweite. Doch in meiner Wasserflasche war schon lange kein Tropfen Wasser mehr. Meine Erschöpfung wurde immer größer. Im einen Moment schwitzte ich und im nächsten bibberte ich vor Kälte.

Ich befolgte die Anweisungen von Lehrerin Florence und lief Richtung Westen, der untergehenden Sonne entgegen. Nachts, wenn die Temperatur abfiel, schlief ich in verlassenen Häusern oder in Garagen neben Autowracks. Wenn ich einen Platz fand, wo ich mich sicher fühlte, setzte ich mich eine Weile und aß von den Äpfeln, die mir die Lehrerin eingepackt hatte. Ich machte mir Gedanken über die Schule. Immer wieder grübelte ich über jene Nacht nach und fragte mich, ob es anders hätte laufen können – ob ich auch Pip hätte retten können. Vielleicht hätte ich das Risiko eingehen sollen. Vielleicht hätte ich sie aufwecken sollen. Vielleicht hätte ich es wenigstens versuchen sollen. Wenn ich daran dachte, wie sie an eines dieser Betten geschnallt lag, allein und verängstigt, und sich fragte, warum ich sie im Stich gelassen hatte, schüttelten mich Schluchzer.

Es dauerte nicht lange, bis mir die Nahrungsmittel ausgingen. Die Schränke in den Häusern waren leer, die Überlebenden hatten sie nach der Epidemie geplündert. Ich versuchte es mit Beerenpflücken, doch ein paar Handvoll reichten nicht aus, um das Brennen in meinem Magen zu lindern. Ich wurde schwächer, meine Schritte langsamer, schließlich fiel es mir schwer, ohne Verschnaufpause mehr als einen Kilometer zu laufen. Ich rastete unter Bäumen, deren knorrige Wurzeln mich stützten, und sah den Hirschen zu, die durchs hohe Gras sprangen.

Manchmal nahm ich kurz vor Sonnenuntergang meine Erinnerungsstücke aus dem Rucksack, um sie zu betrachten. Immer wieder kam ich zu dem Armband, es war so winzig, dass es kaum um drei meiner Finger passte.

Wie alle anderen Mädchen in der Schule war ich eine Waise. Ich war mit fünf dorthin gekommen, nachdem die Epidemie meine Mutter getötet hatte. Meinen Vater hatte ich nie gekannt. Diese Gegenstände waren das Einzige, was von meiner Vergangenheit übrig geblieben war – mit Ausnahme einiger Erinnerungen an meine Mutter. Eigentlich waren es eher Gefühle: wie sie die Knoten aus meinem nassen Haar gekämmt hatte oder wie ihr Parfüm duftete, wenn sie mich zu Bett brachte.

Ich hatte einmal gelesen, dass Amputierte an der Stelle Schmerzen empfinden, wo früher ihre Arme und Beine gewesen waren. Phantomschmerzen nannte man das. Meiner Meinung nach beschrieb dieser Begriff meine Gefühle für meine Mutter am besten. Sie war jetzt nur noch ein Sehnen nach etwas, das ich einmal gehabt und dann verloren hatte.