Ewig und ein Sommer - Kerstin Arbogast - E-Book

Ewig und ein Sommer E-Book

Kerstin Arbogast

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Beschreibung

Sophie glaubt an einen Fluch, der ihr die erste Liebe verwehrt. Obwohl sie kein Wort versteht, sieht sie sich mit ihrer Oma ständig brasilianische Telenovelas im Fernsehen an. Ihren Rauhaardackel Whiskey liebt sie über alles, hasst aber Katzen und Ponys, dennoch würde sie am liebsten mit dem Zirkus durchbrennen. Weihnachten feiert Sophie im Hochsommer, und auch noch mit achtzehn klettert sie auf Spieltürme hinauf. Sie bringt die Menschen um sich herum am liebsten auf die Palme, aber am besten: zum Lachen und aus sich heraus. Genauso wie Konrad, der sich von ihrer Verrücktheit und ihrem Nichtangepasstsein beeindrucken und anstecken lässt. Weil sie ihn aus seinem Schneckenhaus herauslockt. Weil sie ihn in ihre eigene Welt zieht. Weil er dann seine verkorkste Familie vergessen kann. Weil er sich neben Sophie so schrecklich normal fühlen kann - und gleichzeitig so herrlich verrückt. Oder ist es ihm letztendlich doch wichtiger, was die anderen von ihm denken?

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Seitenzahl: 578

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Ewig und ein Sommer

Kerstin Arbogast

Inhalt

Impressum

Widmung

1.Ein bisschen Frieden

2.Little Lies

3.A beautiful Lie

4.I knew you were Trouble

5.Feeling good

6.Blame it on the Boogie

7.Minor Swing

8.Cruel Summer

9.Kiss on my List

10.The Shoop Shoop Song

11.In the Still of the Night

12.99 Luftballons

13.Like Ice in the Sunshine

14.Come into my Life

15.I want you to want me

16.Pack die Badehose ein

17.Tag am Meer

18.Can’t Stop the Feeling!

19.Somewhere only we know

20.36grad

21.Summertime Sadness

22.Best Day of my Life

23.Don’t stop ’til you get enough

24.Aber bitte mit Sahne

25.The Joker

26.Radioactive

27.Rudolph the red nosed Reindeer

28.All by myself

29.Almost Lover

30.Tears on my Pillow

31.A little Party never killed Nobody

32.It’s my Party

33.Love is a Battlefield

34.River flows in you

35.Hallelujah

36.I will remember you

37.So still

38.Need you now

39.Perhaps, perhaps, perhaps

40.I can’t help myself (Sugar Pie, Honey Bunch)

41.How to save a Life

42.Nur ein Kuss

43.Can’t take my Eyes off of you

44.The Lion sleeps tonight

45.Strong

46.Lay it all on me

47.Summertime Blues

48.Fly me to the Moon

49.The Rose

50.Shut up and dance

51.Looking too closely

52.Blue Moon

53.1000 und 1 Nacht (Zoom!)

54.Wings

55.Falling slowly

56.That’s Amore

57.A thousand Years

58.Lucky

59.Under the Milky Way

60.Will you still love me tomorrow

61.Fever

62.I put a Spell on you

63.Don’t stop me now

64.Show me Love

65.Incomplete

66.Footloose

67.Go ahead and break my Heart

68.Without you

69.Gewinner

70.Love is in the Air

71.Moon River

72.What is Love

73.Say something

74.Home

75.Reality

76.Stay

77.I hate U, I love U

78.Hate that I love you

79.A Little Less Conversation

80.Hit me with your best Shot

81.Need the Sun to break versus Eiserner Steg

82.Don’t let me down

83.Stay

84.All of the Stars

85.Chasing Cars

86.Kiss me

87.All I want for Christmas

88.Nessun dorma

Über den Autor

Copyright © 2017 by

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat & Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

Druck: Booksfactory

ISBN 978-3-95991-111-5

Alle Rechte vorbehalten

If music be the food of love, play on …

Wenn Musik der Liebe Nahrung wäre, spielt weiter …

Was ihr wollt

William Shakespeare

1

Ein bisschen Frieden

Nicole

Sophie

»Mutter Teresa.« Tammi machte eine Pause. Sie zog ihre Stirn in Falten, ihr Oberteil jedoch, ein glitzerndes graues Tanktop, spannte sich glatt und adrett über ihren kleinen, festen Busen. »Mutter Teresa, der Engel der Armen«, wiederholte sie und abermals folgte eine Stille, während der sie sich gespielt nachdenklich mit dem Zeigefinger an die Lippen tippte. »Ich hätte dich nie im Leben als selbstlos eingestuft.«

Ich zupfte an meiner Jeans herum, sie kniff am Po und am Bauch und ich war versucht, den obersten Knopf zu öffnen. Hatte ich etwa schon wieder zugenommen? Mit dem Essen ging ich demnach nicht so mildtätig um. Brot für die Welt, der Kuchen bleibt hier. Ein echt lahmer Spruch.

Konnte ein Witz alt werden? Vergreisen?

Oh ja. Über die Sachen, die meine Mum, ich nenne sie übrigens nur Sanne, in ihrer Jugend gelacht hat, zuckte ich heute lediglich gelangweilt mit den Mundwinkeln. Ein kleiner hysterischer Franzose, außerirdische Kohlköpfe, ein Ostfriese mit schütterem Haar und seltsamen Elefanten.

Immerhin konnte ich Sanne zugutehalten, dass ihr ziemlich schnell das Lachen verging. Ungefähr mit siebzehn. Die erste Lust, der erste Frust. Ein Bäuchlein, das sich wölbte. Ein Herz, das zerbrach. Ein neues, das anfing zu schlagen. Und so weiter.

Ich setzte mich anders hin, damit mich die Hose nicht so einschnürte. Warum trug ich bloß Jeans? Auch meine gepunktete Bluse schien nicht besonders schwitzfest zu sein. Wir hatten neunundzwanzig Grad im Schatten, kein einziges Wölkchen stand am blauen Himmel, bald begannen die Sommerferien … ach ja, stachelige Beine …

Na prima, da fing meine Geschichte mit einem eloquenten Shakespeare-Zitat an und ich versemmelte alles, indem ich über zwickende Hosen, stoppelige Gliedmaße und Schwitzflecken unter den Achseln jammerte. So viel zu einem guten ersten Eindruck.

»Was?«, nahm ich erneut den Faden auf, während ich weiterhin Shakespeare mit Gillette abwog. »Ich verhalte mich doch nicht wie Mutter Teresa, nur weil ich bei Konrad daheim vorbeischauen will. Wie kommst du darauf? Ich habe eben keine Lust, einen schlechten Eindruck beim alten Schütz zu hinterlassen, wenn wir nicht einmal die Sache mit dem Waffelstand für das Schulfest zustande bringen. Außerdem habe ich wie eine Löwin darum gekämpft, dass nicht nur die Sportler von den Spendeneinnahmen bei der Feier profitieren, sondern auch die Theater-AG und das Naturschutzprojekt. Wie würde ich vor Schütz dastehen, wenn ich aufhören würde, mich zu engagieren?«

Den Vertrauenslehrer der Schule zudem als Lehrer im Leistungskurs Deutsch zu haben, war wahrlich nicht der Knüller. Du, ich glaube, wir müssen unbedingt darüber reden, warum ihr das mit dem Waffelstand vergeigt habt. Der Teig war sauer, eure Waffeln lasch und mehlig. Könnte es sein, dass du aus deinem seelischen Gleichgewicht geraten bist? Deine innere Mitte verloren hast? Dein Ying deinem Yang weggelaufen ist? Die mit grauen Strähnen durchsetzten blonden Locken würden mit seinem aufmerksam nickenden Kopf im Takt wippen, die verschlissene Cordhose mitfühlend rascheln, das Salatblatt auf seinem Körnerbrötchen sich aus purer Loyalität heraus traurig wellen. Ja, Valentin Schütz war der Inbegriff eines Vertrauenslehrers. Seine Eltern ahnten das sicherlich schon vor seiner Taufe. Valentin – der, der Einfluss hat.

Es wäre durchaus im Bereich des Möglichen, dass ich schlichtweg übertrieb. So wie er es gerne tat. Deine Hose passt nicht mehr? Schwanger! Deine Haare sitzen nicht? Bulimie! Du verschläfst ständig? Depressionen!

Weil ich von Haus aus weder besonders hilfsbereit geschweige denn außerordentlich selbstlos war, verspürte ich nicht im Geringsten das Bedürfnis, mich dem hochentwickelten Spürsinn unseres Lehrers auszusetzen.

Ich rede mich hier um Kopf und Kragen, nicht wahr? Jetzt ist es auch mit dem zweiten guten Eindruck vorbei.

Aber ich war ein egoistisches Einzelkind. Ungeküsst. Und ich wollte nicht auf dem Radar von Schütz’ Nickelbrille erscheinen. Natürlich könnte man zu dem Trugschluss kommen, dass gerade ich, weil ich mit achtzehn Jahren noch ungeküsst war, diejenige sein müsste, die das Polster und die Sitzfederung des Sessels im Vertrauenslehrerzimmer platt drücken sollte.

Darin lag mein Fluch. Entweder die Männer brachten ihn über uns Arendt-Mädchen oder er lag in unserer Familie. Genetisch verankert.

Mein Großvater verstarb jung, wenige Jahre nach der Hochzeit, Oma Ursel verzehrte sich auch heute noch nach ihm. Was sie aber nicht davon abhielt, ebenso auch andere Männer zu verzehren. Sie war jetzt Ende fünfzig, nein, ich mochte mir das ganz und gar nicht vorstellen. Und dann Sanne, meine Mutter. Ich glaube, sie hatte seit ihrem ersten Freund nie wieder einen Lover. Oder sie war einfach nur besser im Verheimlichen als Oma. Dafür wäre sie aber ziemlich mies drauf. Andererseits: die vielen Überstunden im Krankenhaus, die Treffen mit den sogenannten Arbeitskolleginnen, …

Männer waren nichtsdestotrotz haarige Monster, die uns Arendt-Mädchen in den Wald lockten, sich jedoch aufs Hartnäckigste nicht in den schönen Prinzen verwandeln wollten. Eine Teekanne blieb eine Teekanne, ein Kerzenständer eben ein Kerzenständer.

Sie waren schmächtige, glitzeräugige Kobolde, die uns das Blaue vom Himmel versprachen, dann aber mit ihren kurzen Beinchen schnellstens das Weite suchten oder im Nu ins Jenseits fuhren. Mit Flügelchen und Heiligenschein – und heutzutage ihren eigenen kleinen Altar im Esszimmer der Oma bewohnten.

Tja, und Jungs waren alles andere als diese wunderbar einfühlsamen und melancholischen Geschöpfe, wie sie uns diverse Autorinnen vorzuleben versuchten. Sie waren nicht wie Edward Cullen. Na gut, das Beste an ihm war sowieso nur das coole Haus mitten im Wald und sein Sportwagen. Ebenfalls waren sie nicht wie Gideon de Villiers, der einen auf hübsche Zeitreisen zu Hinrichtungen und Kostümbällen mitnehmen konnte. Sie waren auch keine Telenovela-Schönlinge mit exotischem Akzent und wallendem Haar. Nein, sie pupsten, sie kratzten sich an den unmöglichsten Stellen, erzählten dreckige Witze, sahen den Mädchen nur auf die Brüste. Was mich daran erinnerte, meinen gedankenverlorenen Blick von Oles festem Bäuchlein zu nehmen, welches kurz hervorblitzte, als er sich nach gewonnenem Spiel auf der Tischtennisplatte uns gegenüber der Länge nach ausstreckte.

Bevor ich Tammi antworten konnte, klingelte die Schulglocke, die große Pause war vorbei. Seufzend erhoben sich die Schüler, schnappten sich ihre Sachen und schlurften wie die Zombies über den Hof zu den Klassenräumen.

Wir taten es ihnen gleich, nur dass ich mir den letzten Bissen meines Salamibrotes in den Mund stopfte und Tammi mit seltsam verdrehten Armen und Fingern angrunzte wie eine Untote: »Fleisch, ich will Fleisch.«

»Du hast sie doch echt nicht mehr alle, Phi.« Meine beste Freundin rempelte mich an und wir eilten den anderen hinterher.

Nachmittags fuhr ich durch das Neubaugebiet (ich sage nur: Unkraut gejätete Vorgärten, Häkelvorhänge an den Küchenfenstern und apricotfarbene Wände), in dem Konrad wohnte. Während mir die sommerliche Schwüle um die frisch rasierten Beine strich, wünschte ich mir, Tammi hätte mir nicht den Floh von wegen Mutter Teresa ins Ohr gesetzt. Denn ich wollte mich nicht so fühlen. So fühlen müssen.

Rasch hielt ich an, als mir mein Smartphone den Eingang einer Nachricht signalisierte. Ausgerechnet jetzt hatte Tammi auf meinem Facebook-Account ein Video geteilt. Nicoles Ein bisschen Frieden. Haha!

Bevor ich wieder anfuhr, tätschelte ich Whiskeys Köpfchen, der im Bastkorb vor dem Lenker schlummerte und mich seit der achten Klasse beim Werbeprospekte austragen begleitete. Früher hüpfte er mit seinen kurzen, flinken Beinen neben meinem Rad her, bellte mich an, wenn ich zu lange an den einzelnen Briefkästen brauchte, um die Blätter einzusortieren. Auf! Auf! Beeilung! Wenn du dich nicht sputest, verpasse ich den Schwarm Spatzen da vorne! Heutzutage verschlief er die meiste Zeit. Spatzen? Püh, mittlerweile habe ich verstanden, dass ich nicht fliegen kann – und das liegt nicht an meinem Bauch. Meine Ohren sind einfach zu klein!

Auch als ich bei Konrad daheim nahezu Sturm klingelte, zuckte er nicht einmal mit einer Wimper an seinen großen Rauhaardackelkulleräuglein. Doch die Wegeners öffneten mir weder die Tür noch rissen sie ob der Belästigung ungehalten die Fenster auf, wenngleich vom zweiten Stock aus gedämpfte Rockmusik nach unten drang. Es musste jemand zu Hause sein und mich hören! Allerdings waren sämtliche Vorhänge zugezogen sowie die Jalousien geschlossen. Vermutlich, um die Hitze und allzu neugierige Blicke auszusperren.

Überraschenderweise reagierte Konrad nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch. Etwas unwillig zwar, aber letztendlich stand er mit verstrubbelten Haaren und im Schlafanzug (trug er den nach wie vor oder bereits wieder?) vor mir. Die Haustür hatte er einen Spaltbreit geöffnet. Bevor er mich mit einem schlichten »Hey« begrüßte, musste er sich mehrmals räuspern.

Ich sah nur eine Hälfte von ihm: sein linkes Bein, seine linke Brust, seine linke Gesichtshälfte. Mit den geschwollenen Augen und dem Abdruck der Bettwäsche auf der geröteten Wange wirkte er kränklich und übermüdet.

»Arendt. Sophie Arendt. Gerührt, nicht geschüttelt, oder so ähnlich«, half ich ihm auf die Sprünge, obwohl er meinen Namen kennen müsste. Schließlich gingen wir seit etlichen Jahren auf die gleiche Schule. Zu allem Überfluss reichte ich ihm die Hand, die er lediglich verdattert anstarrte. Rasch und hoffentlich beiläufig zog ich sie zurück und wischte mir den Schweiß von der Stirn. »Wir sind beim Sommerfest in der Schule für den Waffelstand zuständig. Du und ich«, sprudelte ich los. »Wir waren beide am selben Tag krank, weshalb wir dafür eingetragen worden sind.« Ich zuckte mit den Schultern, um ihm zu signalisieren, dass ich vorgeblich nicht viel Wert darauf legte. »Na ja, also hier bin ich. Außerdem haben wir einiges zu organisieren, Plakate malen und so weiter.«

Konrad fuhr sich durch die Haare und rieb sich das Gesicht. Meine Güte, bei Romanfiguren wirkte das um etliches reizvoller als bei dieser halben Portion im blau gestreiften Pyjama und mit ausgetretenen Pantoffeln an den Flossen.

Er hustete einige Male, bevor er reagieren konnte – okay, ehe ich ihn zu Wort kommen ließ. Denn vor lauter Nervosität brabbelte ich wie wild drauflos: »Normalerweise mache ich das nicht, einfach bei Fremden reinschneien, Sturm klingeln und so weiter, aber ich kam gerade zufällig vorbei.« Ich deutete auf mein Rad, den dösenden Whiskey und auf die Taschen voller bunter Werbeblätter und kratzte mich an der Nase, weil ich ein wenig flunkerte. »Da dachte ich mir, ich nutze die Gelegenheit. Du scheinst nicht gesund zu sein. Ich müsste jedoch allmählich wissen, ob ich den Waffelstand allein stemmen muss, oder ob …«

»Ja, ist okay. Wir können das gemeinsam machen. Am Freitag gleich nach der Schule treffen wir uns.«

Warum erst am Freitag?

Konrad verkroch sich bereits hinter der Eingangstür, aber ich ließ nicht locker und beharrte auf eine genaue Uhrzeit und einen Treffpunkt. Andauernd blickte er über seine Schulter hinweg ins Hausinnere und zog millimeterweise die Tür zu, in der Hoffnung, ich würde das nicht bemerken. Doch ich redete beständig weiter und eröffnete ihm, welche Ideen ich für die Plakate hatte und welche Rezepte und Beilagen ich ausprobieren wollte. Vorbei war mein fadenscheiniges Gerüst aus Desinteresse und Belanglosigkeit. Es fehlte nur noch, dass ich den Fuß in die Tür schob, um mich nicht vollends durch seine Unhöflichkeit abwimmeln zu lassen.

Und Konrad? Der nickte und sagte zu allem Ja und Amen. Hauptsache, ich würde so schnell wie möglich verschwinden und ihn in Ruhe lassen, was ich schließlich auch tat.

Ich umgriff den Lenker und stieg in die Pedale. Den famosen, Herz berührenden, nach wie vor topaktuellen Song von Tammi in einem Ohr, das Zwitschern der Amseln, das Röhren der Rasenmäher und den Autolärm (viel Umtrieb herrschte bei uns eh nicht) im anderen.

Immer wieder musste ich an Konrad in seinem zerknitterten Schlafanzug denken, an seinen nervösen Blick, seine blonden Haare, die ihm in die Augen fielen, an die unzähligen Tage, die er in der Schule gefehlt hatte.

Er ließ mich nur eine Hälfte von ihm sehen.

2

Little Lies

Fleetwood Mac

Sophie

»Ich geh schon mal vor«, rief ich Konrad nach der Deutschstunde zu.

Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich war, als er tatsächlich zum Unterricht erschienen war. Zwar verspätet, aber immerhin. Und ausnahmsweise ging es mir nicht darum, mit dem Waffelstand bei Herrn Schütz Eindruck zu schinden.

Unser Lehrer musste ihn sich natürlich nach Unterrichtsschluss auf der Stelle krallen und zu sich an das Pult beordern. Dabei war ich doch an der Reihe, und Schütz hatte bereits seine vollen neunzig Minuten gehabt!

Mir schwante nichts Gutes. Konrad sicherlich ebenso wenig. Seine Stirn war genauso zerknittert wie sein Shirt, auf dem Marge Simpson unter Haarausfall und Gesichtsverätzungen litt, weil der gummierte Aufdruck abblätterte. Er schob sich die schwarze Nerd-Brille auf der Nase zurecht und nickte mir stumm zu. Wäre ich eine Löwin, hätte ich seinen Angstschweiß riechen können.

Aus dem Automaten im schäbigsten aller Aufenthaltsräume holte ich mir eine kühle Limo und kehrte wenig später zurück. Die Tür zu unserem Kursraum stand einen Spaltbreit offen und leise Stimmen waren zu hören. Folglich redete Schütz weiterhin mit Konrad. Ich ließ mich auf den Boden sinken und öffnete die Flasche. Da die Türen, die zu den umliegenden Schulräumen führten, geschlossen waren, spendeten lediglich die grellen Neonröhren an den Decken Licht. Es roch nach staubigen Landkarten, muffigen Schwämmen und feuchter Kreide. Die kalten Fliesen klebten augenblicklich an meinen nackten Beinen. Aus meiner Schultasche, einem Ungetüm aus fliegenpilzroter Lkw-Plane, zog ich das Notizbuch mit den Ideen für die Plakate und Rezepte heraus. Während ich mich bemühte, mich auf die Aufzeichnungen zu konzentrieren, kam ich nicht umhin, auf die abwechselnd ärgerlich und beschwichtigend klingenden Stimmen aus dem Kurszimmer zu horchen und die Wortfetzen zu entschlüsseln. Meine Ohren entwickelten ein Eigenleben. Die von Mutter Teresa hätten das gewiss nicht getan. An der Wand gelauscht. Ihre Ohren hatten züchtig unter einer Kopfbedeckung aus einhundert Prozent Biobaumwolle gesteckt.

Ich sollte unbedingt mit diesen Engel der Armen-Gedankenspielen aufhören, sonst landete ich nach der Schule in Kalkutta oder in einem Kibbuz als selig lächelnde Pfirsichpflückerin.

»Nur, weil das Schuljahr beinahe zu Ende ist und du auf Biegen und Brechen meinen Kurs bestanden hast – wie auch die restlichen Kurse im Übrigen –, bedeutet das nicht …«

Den Rest konnte ich nicht verstehen, da eine Handvoll Jugendlicher laut lachend und scherzend an mir vorüberging. Ich funkelte sie an, schickte ihnen Laserblitze hinterher und steckte danach meine Nase in die Notizen. Abermals versuchte ich, das Gespräch zwischen Schüler und Lehrer zu verfolgen.

»Ich kann doch nichts dafür, dass ich krank bin, chronisch krank, Herr Schütz.« Klang seine Stimme weinerlich? Nein, oder?

Dann hörte ich, wie jemand in einem Buch, einem Notizbuch oder gar im Klassenbuch, blätterte.

»Zehn Fehltage allein im letzten Monat, Konrad. Das können wir nicht länger ignorieren.«

»Ich war immer entschuldigt.«

»Ja, weil ihr euch mit achtzehn selbst eure Entschuldigungen schreiben könnt.«

Chronisch krank … die beiden Wörter schwirrten in meinem Kopf umher, sodass ich die Unterredung nicht weiter beachtete. Was mochte das bedeuten? Eine Krankheit nach der anderen flackerte vor meinen Augen auf, wie die den Geist aufgebende Neonröhre über mir. Ein Herzleiden? Krebs? Leukämie? Ich schluckte, denn ausgerechnet jetzt musste ich ihm mit dem Schulfest auf die Nerven gehen, wo er vielleicht unter den Nebenwirkungen einer Chemotherapie litt oder auf eine neue Niere wartete? Unter Umständen auf ein Spenderherz?

Was tat ich hier bloß? Ich belauschte eine vertrauliche Aussprache, die nicht für meine Ohren bestimmt war. Ich war im Begriff aufzustehen und zu verschwinden, aber ich blieb sitzen, den Kopf an den bröckeligen Rauputz hinter mir gelehnt.

Warte!

Konrad nimmt am Sportunterricht teil.Er schreibt sich die Entschuldigungen selbst.Wäre er chronisch krank, würde nicht ein Arzt ein Attest ausstellen?Die Lehrer wüssten doch Bescheid, oder?Hätten nicht die wahren Mutter Teresas dieser Schule irgendwelche Aktionen für ihn ins Leben gerufen? Eine Niere für Konrad – sei dabei!Er trägt bereits seit drei Tagen das gleiche Shirt. Bei dem Wetter?Wenn er todkrank wäre, würde seine Mutter sich nicht mehr um ihn kümmern? Seine Kleidung waschen und bügeln?Wenn er tatsächlich unheilbar krank wäre, warum besucht er dann überhaupt noch den Unterricht?

Nein, er konnte dieser Liste zufolge unmöglich todkrank sein. Unmöglich.

Und wenn, musste er so lange durchhalten, bis wir die Sache mit dem Waffelstand als erledigt betrachten konnten. Auf die paar Tage kam es nicht mehr an. Ich hatte schlichtweg keine Lust, den Stand ohne Mithilfe zu organisieren und zu betreuen.

Nachdem ich Stühle über den Linoleumboden kratzen gehört und daraufhin meine Sachen in aller Eile zusammengeklaubt hatte, sprang ich rasch auf. Ich ging ein paar Schritte rückwärts und tat so, als ob ich eben erst gekommen wäre, während die beiden aus dem Schulraum heraustraten.

Herrn Schütz’ Locken hingen traurig hinab und wirkten reichlich zerzaust. Wenn ich mir die sich anbahnenden Geheimratsecken anschaute, wurde mir klar, dass er früher oder später das Haare raufen oder den Lehrerberuf aufgeben musste, falls er nicht bald gänzlich oben ohne dastehen wollte. Auf den Gläsern seiner Nickelbrille hafteten unzählige Fingerabdrücke, die sicherlich vom vielen Zurechtrücken der Brille –  weil er so besorgt und gleichzeitig verärgert war – herrührten.

In jener Sekunde wurde ich mir bewusst, dass ich Konrad bisher keines einzigen Blickes gewürdigt hatte, obwohl er vor dem Vertrauenslehrer in den Flur getreten war. Auch jetzt konnte ich ihn nicht ansehen. Stattdessen setzte ich ein süßes, unschuldiges Lächeln auf, mein himbeerroter Lippenstift tat sein Übriges, und meinte: »Ah, da bist du ja. Dann können wir gleich mit den Vorbereitungen für das Schulfest beginnen!«

Konrad schaute auf den Boden, Herr Schütz stieß erleichtert Luft aus, einem Bus ähnlich, der an der Haltestelle stoppte, die Schüler ausspuckte und seine Pflicht erfüllend wieder losfuhr. Ich guckte mir die Risse an der schmutzig weißen Wand über ihren Köpfen an.

»Ah, ich hatte ganz vergessen, dass ich … dass das Schicksal euch in ein Team gesteckt hat. Dann kann Sophie ein wenig die Peitsche schwingen.« Als er seinen Fauxpas bemerkte, räusperte er sich schnell und murmelte etwas von einer Tasche mit verderblichen Nahrungsmitteln, die er im Klassenraum vergessen hatte, und schwirrte ab.

Unschlüssig standen wir uns gegenüber. Konrads Blick haftete an meinem Rock. Rautenmuster in Orange-, Grün- und Weißtönen. Dazu gelbe Stoffturnschuhe und ein weißes Tanktop. Sanne meinte morgens bei einem seltenen gemeinsamen Frühstück – sie als Krankenschwester im Kreiskrankenhaus verließ zu noch unwirtlicheren Zeiten das Haus als ich arme Schülerin –, ich sehe aus, als ob ich die Küchenschürze einer Oma zu einem Rock zusammengenäht hätte. Sie schüttelte den Kopf, lächelte sanft, verzichtete jedoch auf weitere Einwände.

Oma Ursel würde sich bedanken! Nie im Leben trüge sie eine Schürze. Höchstens ohne etwas darunter, wenn sie einen neuen Freund bezirzen wollte. Puh, augenblicklich wurde mir schwindelig bei dem Gedanken  … und diesem Bild vor Augen.

»Was ist? Löst das Muster bei dir etwa epileptische Anfälle aus?«, entfuhr es mir. Ups. Kaum hatte ich sie ausgesprochen, bereute ich meine Worte. Was, wenn ich genau damit ins Schwarze getroffen hatte?

Konrad erwiderte nichts und so gingen wir gemeinsam, aber schweigend durch die leeren Korridore bis zum Aufenthaltsraum der Oberstufe. Freitagnachmittag waren die meisten Schüler bereits verschwunden, nur die aus der Schach-AG, dem Chemie-Club und der Schauspielgruppe verließen das Gebäude nicht einmal Richtung Wochenende gerne. Den Weg dorthin summte ich den Refrain von Little Lies, welches ich beim Frühstücken im Radio gehört hatte, vor mich hin. Keine Ahnung, warum mir das ausgerechnet jetzt in den Sinn kam.

Trotz allem musste ich grinsen, und mir war es gleich, ob Konrad ebenfalls danach zumute war oder nicht. Ich fühlte mich wie die Löwin, die die Angst der verletzten Antilope roch.

3

A beautiful Lie

Thirty Seconds to Mars

Konrad

Es machte mich nervös, dass Sophie fortwährend diesen uralten Song pfiff und summte.

Ob sie etwas von meinem Gespräch mit Herrn Schütz mitbekommen hatte? Sie tat zumindest sehr unschuldig – zu unschuldig – und beschäftigte sich mit einer nahezu besessenen und ekelhaft anmutenden Eifrigkeit mit dem Schulfest.

Sie vermutete mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, ich könnte chronisch krank sein. Nun ja, es stimmte. Beinahe. Ich war nicht gesund. Es gab nur noch keine Diagnose. Auf die verzichtete ich nämlich gerne. Wozu benötigte man einen Arzt, wenn man sich darüber klar war, dass man krank ist? Wenn man befürchtete, dass er keine Linderung verschaffte? Genauso wenig wie bei meiner Mutter. Sie wollte sich längst nicht mehr helfen lassen. Ich hatte es ebenfalls aufgegeben und war alles andere als ein guter Sohn. Bei meiner kleinen Flunkerei musste ich also keinerlei schlechtes Gewissen hegen.

»Ja, Waffeln mit roter Grütze und Sahne ist eine prima Idee«, entgegnete ich gedankenverloren, selbst wenn mir dabei das Wasser im Mund zusammenlief.

Wir saßen mittlerweile im Aufenthaltsraum auf einem dieser ausrangierten Sofas, die Eltern bereitgestellt hatten, um sich mit dem alten Mobiliar den Gang zum Sperrmüll zu sparen. Jedes Mal, wenn ich darauf Platz nahm, überkam mich das Gefühl, dass sich die Füllung bewegte. Vor den großen Fenstern standen Gummibäume und Kakteen, die auch abgeschoben worden waren. Alles unter dem Deckmäntelchen, dass es an der Schule gemütlicher werden sollte. Die Sonne schien unnachgiebig und ließ den Asphalt flirren. Jeden anderen lockte sie ins Freibad. Nur mich nicht. Und Sophie ebenso wenig.

Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und auf ihren Knien balancierte sie ein Notizbuch, auf dessen Deckel ein glitzernder Pegasus, ein Regenbogen sowie Grinsewolken klebten. Unaufhörlich notierte sie darin Bemerkungen und biss auf dem Stift herum – oder summte das lästige Lied.

Sophie war eines dieser verdammt gut gelaunten Mädchen, das sich besonders cool fand, auch noch als Teenager mit Hello Kitty-Spangen und geringelten Strumpfhosen herumzulaufen. Oder in Klamotten, die einem Schwarz-Weiß-Film entsprungen sein könnten. Als ob sich Doris Day und Ernie und Bert in der Grabbelkiste auf dem Flohmarkt in die Haare gekriegt hätten.

Und dann ihre überhebliche Art. Wie sie über allem und jedem stand. Nein, nicht stand. Schwebte! Mit Sicherheit war ihr kein aktueller Actionfilm gut genug, auf Schulpartys tauchte sie niemals auf und im Unterricht machte sie einen auf Lehrers Liebling, sodass selbst die Pauker die Augen verdrehten. Bestimmt beherbergte sie hinter ihrer Saubermann-Fassade und ihren fiesen sarkastischen Sprüchen auch das eine oder andere Geheimnis. Die Flecken auf ihrer weißen Weste bestanden mit Gewissheit nicht nur aus Polka Dots!

Ausgerechnet mit ihr musste ich dieses Schulprojekt durchstehen! Na ja, selbst schuld. Wäre ich am Tag der Einteilung nicht »krank« gewesen, hätte ich mir meinen Teampartner aussuchen können. Aber wer arbeitete heutzutage gerne mit mir zusammen, nachdem ich jeden von mir gestoßen hatte? Sogar Viola.

Am besten, ich sagte wieder zu allem Ja und Amen, dann würde diese naseweise Sophie schon bald das Interesse an mir verlieren. Wenn sie die Herrschaft über den Waffelstand übernehmen durfte und ich ihren Packesel spielte, ließ sie mich hoffentlich in Ruhe und endlich den Scanner-Blick, der wie unabsichtlich über meinen Körper glitt, sein. Zwischendurch durchbohrten ihre Blicke mich wie Röntgenstrahlen, wenn sie dachte, ich würde nicht hinsehen. Ihre Fragen und Andeutungen hatten etwas von einem Ultraschallgerät. Wann probieren wir die verschiedenen Sorten aus? Woher besorgen wir uns die Waffeleisen? Wo und wann malen wir die Plakate?

Ganz normale Fragen – eigentlich. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie damit etwas bezweckte.

»Ich beschaffe uns die Waffeleisen und ein oder zwei Geräte, um französische Crêpes zu machen. Okay?« Ich schnappte nach meiner Tasche. »Wir sehen uns dann!« Bevor sie ihre bunten Stifte und den Radiergummi mit Smiley-Motiv zusammenpacken konnte, sprang ich auf und hetzte auf den Ausgang zu. Im Lauf tat ich so, als schielte ich auf die Uhr und meinte: »Mein Bus fährt in vier Minuten. Ich muss los.«

Sie wusste genauso gut wie ich, dass ich nicht den Bus erwischen musste, sondern mit dem Rad nach Hause fuhr. Es war billiger, auch wenn mich die tägliche neun Kilometer lange Strecke von Treutlingen bis in den Vorort, in dem Sophie und ich wohnten, nervte.

In jener Sekunde wurde uns beiden bewusst, dass ich sie nicht so schnell loswerden würde.

4

I knew you were Trouble

Taylor Swift

Sophie

Über das Wochenende hatte ich Konrad eine Galgenfrist eingeräumt, sodass er sich mit dem Gedanken anfreunden konnte, dass ich die Peitsche schwingen würde – eine imaginäre selbstredend. Obwohl … bei Oma Ursel … im Schlafzimmerschrank … nein, lassen wir das!

Auf jeden Fall war seine Schonfrist am heutigen Tag vorbei, die Zeit der Hetzjagd begann. Es war Montag und er war nicht in der Schule aufgetaucht. Niemand wusste etwas von ihm. Und wir hatten nur noch anderthalb Wochen bis zur Schulfeier.

Bewaffnet mit einem Stapel Werbeblättchen von der Vorwoche, die ich nicht losgeworden war, radelte ich auf das Haus der Wegeners zu. Wie eine goldene Münze stand die Sonne hoch oben am Himmel. Ich fühlte mich wie ein Jäger auf der Pirsch. Bereit, jederzeit zuzuschlagen, um den eigenen Hunger zu stillen. Scheiße, wenn ich mich in dieser Rolle verlor, würde ich noch Blut auf der Zunge schmecken. Ich schaltete einen Gang zurück und ließ es langsamer angehen. Außerdem trödelte Whiskey hinter mir her. Ich hielt an und reichte ihm einen Schluck Wasser, welches ich stets in einer Flasche mit mir trug, in meiner gewölbten Handfläche. Esmeralda, Wasser! Gierig leckte er mit der rauen Zunge die Flüssigkeit auf. Da er für heute wohl genug zu haben schien, nahm ich ihn auf den Arm und setzte ihn auf das Polster in seinem Fahrradkorb. Er hechelte, und beinahe sah es so aus, als lächelte er mich an. Allzu oft würde er mich nicht mehr begleiten können. Ich seufzte auf. »Na, früher warst du sportlicher, Whiskey, nicht wahr?«, raunte ich ihm zu und drückte ihm einen verstohlenen Schmatz auf die Stirn.

Auch heute wollte mir keiner der Wegeners die Tür öffnen. Statt wie beim letzten Mal Sturm zu klingeln, ging ich ein paar Schritte zurück und blickte hinauf zu dem Fenster im zweiten Stock, das sicherlich zu Konrads Zimmer gehörte. Oder hatte er Geschwister?

Da besuchten wir jahrelang das gleiche Gymnasium, saßen seit fast einem Schuljahr nur wenige Reihen voneinander entfernt in den verschiedensten Kursräumen, aber dennoch wusste ich so gut wie nichts über ihn. Warum?

Es war zwar nicht wie in diesen unzähligen Highschool-Geschichten, in denen der Junge in einer völlig anderen Liga spielte und ich als Mauerblümchen im Schatten vor mich hin vegetierte. Nein, er war ebenfalls höchstens Mittelmaß – genau wie ich (nur hatte ich mehr Geschmack, Stil, Weitsicht und so weiter). Klar, er wirkte niedlich in seinen bunten Skinny Jeans (für seine zukünftige Braut hoffte ich inständig, dass sein aktueller Modegeschmack seine Familienplanung nicht beeinträchtigte), den engen Shirts und Holzfällerhemden. Obwohl er bei Weitem nicht so muskulös war wie ein schwer arbeitender und einsamer Holzfäller aus Alaska. Einer, der mit bloßen Pranken einen Elch niederstrecken, aber auch Mozart auf dem Klavier spielen konnte. Während im Hintergrund ein Feuer knisterte und ein Schmorbraten das tat, was man von ihm erwartete – Moment … ich schweife ab.

Zusätzlich trug Konrad eine Brille mit dickem, schwarzem Rand, die er unablässig auf die Nasenwurzel zurückschob. Seine von der Sonne geküssten zerzausten Haare fielen ihm ins Gesicht. Andauernd musste er sie wegpusten, um wieder etwas sehen zu können. Wenn er nicht so blass und schmal gewesen wäre, hätte er als australischer Surferboy durchgehen können – aber nur mit einer gehörigen Portion Fantasie.

Nein, Konrad Wegener, achtzehn Jahre alt, Schüler des Friedrich Schiller-Gymnasiums, Leistungskurse Deutsch und Erdkunde, war lediglich Durchschnitt. Vom Aussehen her, seinen Freunden, seinen schulischen wie sportlichen Leistungen. Ich glaube, er spielte Fußball in einem örtlichen Verein. Um es in seinem Jargon auszudrücken: Er war Mittelfeldspieler in der 34. Bundesliga – oder wie auch immer man es nennen mochte, wenn man am Arsch der Welt einen platten Lederball über einen Bolzplatz kickte.

Von der geschotterten Einfahrt, auf der Löwenzahn, Unkraut und Klee sprossen, nahm ich ein Steinchen auf und warf es an das geschlossene Fenster im zweiten Stock. Okay, ich versuchte es. Der Kieselstein landete nicht unweit von meinen Füßen wieder auf dem Boden. Ich probierte es noch einmal und noch einmal. Vergeblich. Aber dann! Statt eines Klirrens hörte ich ein »Autsch. Was soll das?«

Als ich nach oben sah, stand Konrad am Fenster.

»Na ja, da du dein Haar nicht herunterlassen wolltest, Rapunzel, musste ich es eben so versuchen.«

Er rieb sich die Wange.

Ich hatte ihn doch nicht ernsthaft verletzt? Was, wenn er Bluter war? Mist, ich sollte nicht so oft Grey’s Anatomy gucken und den Pschyrembel von Sanne links liegen lassen. »Kommst du jetzt runter oder muss ich am Spalier hochklettern, verehrte Julia?« Bei genauerer Betrachtung wirkte das Holz morsch, die Rosen, die daran emporwachsen sollten, hatten im Erdgeschoss aufgegeben und fristeten ein Mauerblümchendasein im Schatten von Essigbäumen und hochgeschossenem Gras.

Ohne mir zu antworten, schloss er das Fenster. Ich würde nur einen Moment warten. Wirklich nur einen Moment! Wenn er mich jetzt stehen ließ … Mit dem Schuh zeichnete ich Muster in den Kies.

Die Eingangstür öffnete sich und Konrad schlüpfte aus dem Haus. Er trug graue Jogginghosen, ein weißes Shirt und Flip-Flops. Bäh, das sah bei Männern so aus, als hätte sich ein Grizzly Pumps angezogen. Rasch wendete ich meinen Blick ab und sah in Konrads Gesicht. Er schien müde und verschlafen. Entweder war er wirklich krank oder er hatte die ganze Nacht World of Warcraft gezockt.

»Du warst heute nicht in der Schule!«, stellte ich unverzüglich fest. Warum mit Smalltalk aufhalten, wenn man genau wusste, worauf man hinauswollte?

»Ja, und? Geht dich doch nichts an!« Durchaus feindselig wirkte der Bursche.

Infolgedessen ruderte ich zurück und bemühte mich, meine Lippen zu einem Schmollmund zu verziehen, fühlte mich aber eher wie eine Achtjährige, die die Astronauten-Barbie nicht geschenkt bekam.

»Lass das, Sophie, du siehst aus wie eine Sechsjährige, der man die Rockstar-Barbie nicht kauft.«

»Hey, wie acht, und ich möchte lieber die Astronauten-Barbie.« Konnte er Gedanken lesen? Versteckte er sich deshalb daheim? Ertrug er es nicht länger, all die Sehnsüchte, Wünsche und Ängste der Menschheit zu hören und nichts dagegen unternehmen zu können? Oh Gott, hatte er auch das mit den zu eng sitzenden Jeans gehört und den Grizzlypfoten in Stöckelschuhen? Rasch schaute ich gen Boden – nein, er hatte keine behaarten Hobbitfüße – und wieder nach oben. »Ich mein ja nur«, gab ich kleinlaut und eine Spur ehrlich zu.

»Ich bin krank.«

»Ach ja, was denn?«, schoss ich zurück.

Er kniff die Augen zusammen, presste die Lippen aufeinander und wirkte dadurch missbilligend. »Sommergrippe.«

»Sonst nichts?«

»Nöp.«

Okay, mein Gehirn begann zu rattern. Bei welcher Krankheit fing man sich schnell eine Infektion ein? Irgendeine Immunschwäche? Mir fiel nichts Plausibles ein, was zu seinem beschaulichen Lebenswandel passen könnte. Nachher würde ich sicherheitshalber das Internet befragen, den Pschyrembel, Sanne und Oma. Sicher ist sicher. »Dann leidet dein Geschmackssinn derzeit nicht?«

»Nein. Warum sollte er? Weshalb ist das wichtig?«

»Na, wegen des Testessens. Wir können auf uns unbekannten Geräten keine Waffeln backen und einfach so an unbescholtene Bürger verkaufen.« Ha! Ich hatte ihm eine Falle gestellt, aus der er sich nicht so leicht befreien konnte. Und genauso sah er aus. Wie eine Maus, die gerne den Käse gefuttert hätte, aber nun – hoppla – im Käfig festsaß. Ich strich durch meine Locken wie eine hungrige Katze durch ihre Tasthaare.

»Oh, okay.« Mehr brachte er nicht heraus.

Damit er verstand, dass er meinen Klauen nicht so rasch entkäme, kramte ich das Notizbuch aus dem Rucksack und zeigte ihm die Skizzen für die Plakate. Irgendwie kam ich mir selbst total durchgeknallt vor. Wie musste ich dann erst auf Konrad wirken?

Er wusste nicht, dass es mir mittlerweile mehr um ihn ging als um das Fest an sich. Also, was heißt um ihn? Ich wollte lediglich wissen, was mit ihm los war. Ich war quasi wie TKKG in nur einer Person. Oder wie Dr. House oder Veronica Mars.

Irgendeinen Vorwand brauchte ich, sodass mir nichts anderes übrig geblieben war, als einen Schlachtplan zu entwickeln und Dutzende Skizzen zu zeichnen, die er nicht wirklich wahrnahm (und die nicht wirklich gut waren). »Und? Was hältst du davon? Wie findest du diese hier? Sollten wir lieber den Schriftzug verwenden? Oder eher diesen in einer anderen Farbe?« Sogar in meinen Ohren hörte ich mich albern an. Aber mir war jedes Mittel recht. Er war der Fuchs, ich der englische Prinz auf seinem Jagdross.

»Können wir ein Stück laufen?« Noch während er das fragte, schloss er die Tür und setzte sich in Bewegung.

Er wollte mit mir einen Spaziergang machen? Warum das denn? Wie in einem Jane Austen-Film? Würde er mir gleich den Arm anbieten, sein Geleit?

Wir verließen das Grundstück und bogen auf die Straße. Konrad schob mein Rad und ich zeigte ihm im Gehen den weiteren Inhalt des Notizbuches. Nachdem wir an einigen Häusern vorbeigelaufen waren (nach wie vor fade Neubauten mit sauber gekehrten Einfahrten und fiesen Vorhängen in den Küchenfenstern), nickte er mit dem Kinn in Richtung der Satteltasche auf meinem Gepäckträger. »Hast du nicht etwas vergessen?«

»Vergessen?« Dann erst kapierte ich, was er meinte. Das hatte ich davon, dass ich einige der bunten Blätter absichtlich aus den Taschen hervorschauen ließ.

»Du musst doch noch die Prospekte verteilen?« Ein schiefes Grinsen schimmerte plötzlich auf seinen Lippen.

»Ach so, ja, stimmt.« Hastig klaubte ich eine Handvoll der Beilagen aus der zerfransten Nylontasche.

»Mir ist vorher gar nicht aufgefallen, dass das dein Bezirk ist.«

Okay, lass dir etwas einfallen, Sophie! Denk dir etwas aus! »So wie du dich im Haus verbarrikadierst, hätte ich wie Hannibal mit einem Rudel Elefanten durch die Straßen ziehen müssen, damit du das bemerkst.«

Touché! Sein Grinsen war wie weggewischt. Er tat mir leid, aber nur so lange, bis er ohne mit der Wimper zu zucken erwiderte: »Keine Sorge, du bist auffällig genug für einen einzigen Dickhäuter!«

Pah! Schaute er auf meine kurzen, etwas stämmigen Beine? Oder auf das grau-weiß gestreifte Kleidchen im Matrosen-Stil?

Na, warte! Schnurstracks strebte ich auf den Eingang des nächsten Hauses zu. Sechs oder acht Parteien, stellte ich fest, als ich die Werbeprospekte in die Briefschlitze steckte. Werden wir doch mal sehen, wie krank du wirklich bist! Ohne weiter darüber nachzudenken, ließ ich meinen Zeigefinger über die Klingelknöpfe streifen, einmal runter, wieder hoch, dann noch einmal runter, und abermals – »Lauf!«, rief ich Konrad zu, als ich die Einfahrt zu ihm und Whiskey hinabspurtete. Er guckte mich verdattert an, bis bei ihm endlich der Groschen fiel. Im selben Moment öffneten sich nahezu sämtliche Fenster an dem Mehrfamilienhaus und empörte Rufe schallten uns entgegen.

»Spinnst du?«, meinte Konrad, der sich immer noch am Lenker festhielt. Eine Falte zeichnete sich zwischen seinen Augenbrauen ab, wie bei einem Papa, der sein Kind erwischte, als es die Wände mit Marmeladenhänden verschönerte. Aber was wusste ich schon, wie ein Vater dreinblickte. Rasch schluckte ich den Gedanken hinunter. Keine Zeit für falsche Sentimentalitäten!

»Worauf wartest du? Beeil dich! Schwing die Hufe!«, herrschte ich ihn atemlos an.

Konrad dachte nicht daran, loszufahren. Er änderte erst seine Meinung, als sich die Haustür öffnete und ein kläffender Schäferhund auf uns zuschoss. Sein Besitzer bellte nicht minder.

»Scheiße, das ist der fiese Günthner. Sein Alter hat den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als sich über alles und jeden aufzuregen.«

Der keifende und geifernde Hund rückte ebenso wie sein Herrchen stetig näher. Ich erwartete, dass er alsbald den Gehstock wie eine Mistgabel in der Luft schwenkte.

»Setz dich auf den Gepäckträger, ich fahre!«, befahl mir Konrad.

Mit einem gekonnten Satz – gut, ich sollte möglicherweise keine Stuntfrau werden – hechtete ich auf das klapperige Rad und klammerte mich in der ersten wackeligen Sekunde an Konrads Shirt fest. Schon stieg er in die Pedale und brauste davon. Der Fahrtwind wehte mir ins Gesicht, genauso wie Konrads Duft. Eine Mischung aus Pizza und heißer Schokolade. Er hielt auf die nahe gelegenen Felder und Wiesen zu.

Zuerst wagte ich es nicht, mich umzudrehen. Als das Bellen und Zetern allmählich verklangen, tat ich es doch und musste feststellen, wie albern wir waren. »Du kannst langsamer werden, wir haben den Verrückten längst abgehängt.«

Konrad drosselte das Tempo, und oh Gott, soeben bemerkte ich, dass ich mich die ganze Zeit an seiner Taille festgekrallt hatte.

»Würdest du in nächster Zukunft bitte etwas lockerlassen? Schraubzwingen könnten sich nicht besser anfühlen. Außerdem befinden wir uns nicht mehr in akuter Lebensgefahr.«

Als fasste ich in eine Mausefalle, ließ ich ihn los und hielt mich von nun an verkrampft am Sattel fest – stets darauf bedacht, ihn nicht aus Versehen in den Po zu kneifen. Konrad machte erst am Rand des Wohngebietes halt. Auch hier bot sich der Anblick von biederem Neubauschick, mit der Nagelschere getrimmten Gärten sowie von ekelig lärmenden Kindern, die in Schaukeln baumelten oder krakeelend über den Rasen hüpften.

Sobald ich abgestiegen war, wollte er Whiskey aus seinem Körbchen lüpfen, fragte dann aber das obligatorische »Beißt der?«, obwohl der Dackel nur müde den Kopf hob.

Mir ließ er somit die Wahl zwischen Du glaubst wohl, er hat überhaupt keinen Geschmack? und Wie eine Python erdrosselt er seine Beute und bevorzugt sie am Stück. Letztendlich entschloss ich mich für ein »Nein, nur von zehn bis fünfzehn Uhr und nach Mitternacht. Etwas anderes erlaubt die Gewerkschaft nicht.«

Seine Hände zuckten zurück und ich setzte den Augen rollenden Whiskey auf die Wiese. »Der Nachbarshund hat dich wohl gehörig traumatisiert.« Ein Lächeln umspielte meine Lippen und Konrad ließ das Rad ins nächste Gebüsch fallen. Vögel flogen laut schimpfend auf.

Ich war kurz davor, ihn wegen des Fahrrads anzufauchen, doch dann sah ich sein rotes Gesicht. Er atmete schwer, sein Shirt war nass geschwitzt. Scheiße, er war tatsächlich krank. Wenn es nicht nur eine Sommergrippe war, was war es dann? Asthma? Gar Keuchhusten?

Er legte die Hände auf den Oberschenkeln ab und rang nach Luft. Zögerlich kam ich näher und wollte ihm auf den Rücken klopfen, weil er bereits anfing zu husten, doch im letzten Moment zog ich die Finger zurück. »Sorry, ich hatte vergessen, dass du krank bist. Mit einer Sommergrippe ist nicht zu spaßen.« In meiner Stimme schwang die Reue mit, die ich aufrichtig fühlte.

Er schielte zu mir, sein Gesicht war mittlerweile blass, Schweiß lief ihm die Stirn hinab. Dunkel glänzte sein blondes Haar und klebte ihm an den Schläfen. »Scheiße, du bist so was von kindisch, Sophie Arendt«, keuchte er nach Luft schnappend.

»Und du hast mich einen Elefanten genannt.« Ich funkelte ihn an, ehe ich fortfuhr: »Ein Trampeltier, einen Dickhäuter.«

»Was habe ich?« Die Worte trudelten nur stoßweise aus seinem Mund. Lachen und Husten verschluckten sie.

»Du hast mich …« Weiter kam ich nicht, denn Konrad ließ sich ins Gras fallen und konnte nicht mehr aufhören zu gackern. Und ich hatte befürchtet, er würde wegen eines Asthmaanfalls unter meinen Händen wegsterben. Dabei lachte er bloß so laut, dass er beinahe keine Luft bekam.

»Das war besser als jedes Computerspiel, das ich in den letzten Wochen gespielt habe. Ich habe während dieser wilden Verfolgungsjagd mehr Adrenalin verschossen als bei jedem Ego-Shooter.«

Völlig ratlos stand ich neben ihm, die Hände in die Hüften gestemmt. Wie eine alte Matrone …

»Blödmann!«, raunzte ich und ließ mich ebenfalls auf die Wiese nieder.

Sofort dackelte Whiskey an und legte sich zwischen uns, das Köpfchen auf meinen Bauch bettend. Er spielte den Anstands-Wauwau, wo keiner nötig war.

»Streng genommen ist ein Trampeltier gar kein Elefant.«

»Ach, halt doch die Klappe!«, maulte ich.

»Ist mir auch lieber so. Ich bekomme immer noch kaum Luft.« Super, das schlechte Gewissen glotzte mich von seinem hohen Ross aus tadelnd an.

Er brauchte eine Weile, bis er vollends zu Atem kam. »Auf dem Rückweg muss ich meinen Flip-Flop suchen. Es sei denn, der blöde Günthner hat ihn angefressen. Dann verzichte ich freiwillig auf den Schuh.«

»Der Alte frisst vielleicht Kinder, aber doch keine Schuhe!«

»Herr Günthner ist der Hund. Er hat mich schon eine Jeans gekostet  – mitsamt Unterhose.« Er kicherte, bevor er hinzufügte: »Ich war damals acht oder neun. Wahrscheinlich habe ich da das letzte Mal Klingelputzen gespielt.«

Mit geschlossenen Augen nickte ich und schmunzelte vor mich hin.

»Mit Vornamen heißt er Albert. Herr Albert Günthner.«

»Wirklich?«

»Nee, Leonardo.«

»Echt?«

»Tatsache.« Eine Zeit lang blieb es still, sodass ich annahm, er wäre eingeschlafen. »Ach, Blödsinn. Das habe ich mir gerade ausgedacht.«

Die Sonne kitzelte meine Nase, das Gras meine Waden, seine Nähe mein Herz, sein Lachen meine Ohren.

Den Weg zurück nahm Konrad barfuß auf sich.

Sein verlorener Schuh ward nimmer wiedergesehen.

5

Feeling good

Michael Bublé

Konrad

Wie sehr wünschte ich mir, dass dieser Song mein Leben bestimmte. Und nicht nur jenen Moment, in dem ich den Garten der Arendts betrat und mir dieses Lied lautstark entgegenswingte.

Wenn jeder Morgen nicht nur einen Sonnenaufgang mit sich brächte.

Ein neues Leben. Neue Freunde. Eine neue Familie. Feeling good.

Ich klingelte an der Tür, und bei der lauten Musik war es ein Wunder, dass man mich überhaupt hörte.

»Einfach links ums Haus gehen, durch den Garten«, knisterte es aus der Sprechanlage.

Ich machte mich auf den Weg, der von Rosensträuchern und Buchsbäumen umsäumt war. Ständig musste ich mich unter stacheligen Rosen­ästen hindurchbücken, und überall an den Wänden des alten Hauses wucherten Kletterpflanzen. Sie trugen riesige Kelche oder üppige Blütentrauben. In jeder Ecke stand ein Topf, in dem etwas Grünes und Buntes wuchs. Zwischendurch lugte der eine oder andere Gartenzwerg aus dem Gestrüpp hervor – mit herausgestreckter Zunge oder dickem, nacktem Bauch. Bienen und Schmetterlinge surrten ohrenbetäubend um meinen Kopf herum. Es war wie in diesen Rosamunde Pilcher-Filmen, die meine Mutter sonntagabends anguckte und bei denen ich ihr manches Mal Gesellschaft leistete. Hier erschien jedoch alles wilder, verrückter und unsymmetrischer – und weniger aristokratisch.

Das Haus bebte beinahe unter den Trompeten, die Fenster schienen wie die Membrane eines Lautsprechers zu wummern und mein Herz pochte im Takt. Oder außerhalb des Taktes. Egal. Der Song hatte mich gepackt.

Bevor ich um die letzte Ecke bog, wischte ich mir die schweißigen Hände an meiner roten Jeanshose ab und fuhr mir durch die Haare. Sophie und ich hatten uns hier verabredet, weil bei mir zu Hause kein Platz für Freundschaften und Schulaktivitäten war. Ich räusperte mich und rief ein zaghaftes Hallo.

Sogleich kam jemand auf mich zu. Sophies Mutter? Sie war groß und schlank – Sophie eher klein und … Sie hatte rotes, langes Haar, das ihr ungebändigt um die Schultern fiel. An ihren Ohren baumelten goldene Creolen und sie trug ein schwarzes, bodenlanges Kleid, das sich bei jedem Schritt um ihre Beine bauschte. »Sophie! Besuch für dich!«

Jemand stellte die Musik leiser.

Sophie huschte aus dem Haus. In einem rosafarbenen Kleidchen mit Kirschen darauf und ebenso roten Schuhen, die auf den Terrakotta-Fliesen nur so klapperten. Hinter ihr tapste Whiskey nach draußen. Er wirkte schlaftrunken. Du schon wieder?

»Also, ich vermute mal, dass der Besuch für dich ist.« Frau Arendt zwinkerte mir zu. »Für mich scheinst du eine Spur zu jung zu sein.«

Meine Kehle war auf einmal wie zugeschnürt, doch als Sophie mir Augen rollend auf den Rücken klopfte, hüpfte der Frosch heraus. »Hi, Sophie«, piepste ich, woraufhin sie uns einander vorstellte.

»Aber komm auf keinen Fall auf die Idee, mich Oma Ursel zu nennen.« Sie reichte mir die Hand. An jedem Finger ein Ring. »Ich bin Ursel. Einfach nur Ursel. Wir haben schon ein paar Rezepte ausprobiert«, flötete sie. »Damit wir Zeit für ein Tänzchen haben, jetzt da wir endlich einen männlichen Tanzpartner haben.« Sie stieß die Hacken zusammen und verschnörkelte einer Flamencotänzerin gleich die Arme. »Heute ist Tango angesagt. Ein furchtbar erotischer Tanz. Und jetzt stell dir dabei Oma und Enkelin vor.« Sie drehte mir bereits den Rücken zu und ging ins Haus. »Absurd. Absurd ist das!«

Tanzen? Tango? Etwa ich? Mit den Waffeleisen unter den Armen stand ich ziemlich blöd herum. Wie das Karnickel vor der Schlange. Wie das Reh vor den Autoscheinwerfern. Wie eine Herde Kamele vor einem heranbrausenden Zug.

Bis mich Sophie am Arm packte und mir zuflüsterte: »Na, komm mit rein. Gefressen hat sie noch niemanden. Höchstens angeknabbert.«

Ich schluckte. Was für eine abgefahrene Familie. Wenn ich Freunde besäße, wüsste ich später sicherlich eine Menge zu erzählen.

Durch einen winzigen Wintergarten hindurch, in dem die Pflanzen aus den Fenstern hinauszuwachsen drohten, führte mich Sophie in das Wohnzimmer. Sämtliche Möbel waren beiseite gerückt worden, um sich tatsächlich Platz zum Tanzen zu verschaffen. Oma Arendt –  Ursel – bugsierte uns auf die Couch und verschwand mit fliegenden Rockschößen.

Einen ewigen Augenblick lang sondierte ich den Raum, nachdem ich die Waffeleisen, teilweise noch original verpackt, auf die Sofalehne und den Boden gestellt hatte. Hoffentlich kam niemand auf die Idee, mich zu fragen, wo ich die vielen Geräte auftreiben konnte.

Wie auf einem Flohmarkt fühlte ich mich hier. Neben einer Kuckucks­uhr hing eine orientalische Lampe aus buntem Glas, über einem röhrenden Hirsch ein Bild mit Farbklecksen. Das war keine Kunst, das waren Farbspritzer, von einem Elefanten gemalt oder einem Schimpansen. Auf dem Sofa sammelten sich mehrere Kissen, die mich einsogen wie die Arme eines Seeungeheuers.

»Mitbringsel von ihren Kreuzfahrten oder Geschenke ihrer Verflossenen«, raunte mir Sophie hinter vorgehaltener Hand zu, als sie meinen erstaunten Blick – oder meinen offen stehenden Mund – bemerkte.

Als Whiskey sich mehrmals vergeblich bemühte, zu uns auf die Couch zu hüpfen, half sie ihm lächelnd nach. Er rollte sich zwischen uns zusammen und seufzte tief auf.

Stumm hockte ich neben den beiden. »Deine Oma braucht aber lang.«

»Lass sie das bloß nicht mit der Oma hören! – Ach, vermutlich will sie uns nur Zeit zum Schmusen gönnen.« Verschwörerisch blinzelte sie mir zu, nur um schnell wieder wegzuschauen. Mein Nacken brannte und prickelte unangenehm, doch dann lachte Sophie auf. »Aber keine Angst, Whiskey passt auf uns auf. Genauer gesagt: auf dich. Deshalb: Finger weg! Wie ein dreiköpfiger Hund hütet er meine Tugend.« Als sie sah, dass mein Kinn fünf Stockwerke nach unten sackte und meine Ohren rot anliefen, strich sie sich den Rock glatt und meinte besänftigend: »Ach, Kon, ich mach doch nur Spaß.« Im nächsten Augenblick neckte sie mich dafür umso mehr: »Vermutlich zieht sie sich ein anderes Kleid an. Wie Cher oder Céline Dion bei ihren Auftritten in Las Vegas. Gleich kommt sie im Catsuit aus durchsichtiger Spitze um die Ecke!« Mit der Hand gab sie mir einen kräftigen Klaps auf die Schulter. »Oder eben mit etwas Süßem. Zum Essen.«

Ich verstand bloß Bahnhof und wechselte das Thema. »Kon? Wie in Conan, der Barbar?«

»Kon wie Kon. Kon wie Konrad. Ich sehe dich eher nicht als Sonnenstudio gebräunten Muskelheini mit Hirn und ohne Lendenschurz. Ich meine: ohne Hirn und mit Lendenschurz.«

»Du kennst den Film?« Ich wollte über die Sache mit dem Lendentuch nicht allzu lange nachdenken.

»Den Trailer«, stöhnte sie.

Endlich kam ihre Oma. Na ja, so sehr freute ich mich auch nicht auf sie. Wie eine Schwarze Witwe wirkte sie in ihrem Kleid; sie trug nach wie vor dasselbe. Immerhin balancierte sie einen Teller voller Waffeln in der einen und eine Schüssel mit roter Grütze in der anderen Hand. Unter ihrem Arm klemmten eine Dose Sprühsahne und Marmelade. Ich kam mir vor wie Hänsel. »Hier, nehmt euch.« Sie reichte uns die Teller und setzte sich gegenüber in einen blau-weiß gestreiften Sessel.

Während wir uns die Waffeln einverleibten – wie lange hatte ich nichts Selbstgemachtes mehr gegessen? –, versuchte sie, mit mir Konversation zu betreiben. Wo ich wohne, woher wir uns kennen (war das nicht offensichtlich?), was ich nach der Schule vorhabe, was meine Eltern so tun. Es war beschämend, weil ich mich nicht entscheiden konnte, sofort zu reagieren oder zuerst zu Ende zu kauen, und weil ich auf die meisten Fragen keine Antwort wusste.

Was meine Mutter gerade machte? Tja, ihr Programm sah jeden Tag gleich aus. Was mein Vater trieb? Die richtige Fragestellung lautete wohl eher, mit wem. Was ich nach der Schule vorhatte? Zunächst musste ich sie hinter mich bringen. Ich fing zu schwitzen an, spürte die ersten feuchten Flecken unter den Achseln.

»Oma, lass das doch endlich!«

»Phi, wie oft habe ich dir gesagt, dass ich mit Ursel angesprochen werden will.«

»Ich soll sogar Mama immer Sanne nennen. Sei du wenigstens meine Oma.« Trotzig stopfte sie sich den Mund voll. »Wie in einer normalen Familie. Wie es für Enkelkinder üblich ist.«

»Aber ich bin nicht wie jede Oma«, beharrte Frau Arendt. »Und du bist achtzehn und längst kein Kind mehr.«

»Jaja, schon kapiert. Wir müssen hier alle anders sein«, motzte Sophie vor sich hin.

Frau Arendts schwarze Trompetenärmel flatterten wie kleine Raben auf, als sie sich mir zuwandte. »Ach, ich mach bloß Spaß. Ich wollte nur eine richtige Großmutter spielen, die sich um den Umgang der Enkelin sorgt. Also, Konrad: Welche Musik hörst du am liebsten? Welche Bands sind gerade angesagt? In welchem Kinofilm warst du zuletzt? Hast du eine Freundin? Phi ist in gewissen Dingen so was von altmodisch.«

»Oma!«, unterbrach Phi sie aufgebracht.

»Na gut, junger Mann. Wenn du schon einmal hier bist.« Sie stand auf und streckte mir die Hand entgegen. Altersflecken zeichneten sich auf der dünnen Haut ab. »Damenwahl!«

Hilfe suchend blickte ich mich zu Sophie um, doch die biss genüsslich in eine Waffel und blinzelte mich schelmisch an. Na, super! Entweder peinliche Konversation oder peinliche Tanzerei! Konnte ja nur besser werden!

Ursel Arendt legte mir die eine Hand auf die Hüfte, die andere stülpte sie über meine linke Hand und augenblicklich schwoll die Musik an.

»Oh, der Libertango. Gute Wahl, Sophie«, schnurrte sie und brachte mir in Zeitlupentempo die Ausgangsstellung bei sowie die Grundschritte. Dabei sagte sie ständig auf: »Lang, lang, Wie-ge-Schritt, rück, seit, schließen. Lang, lang, Wie-ge-Schritt, rück, seit, schließen.«

Wie ein argentinischer Feldwebel beförderte sie mich durch das Wohnzimmer. Sie schüttelte meine Schultern durch und meinte: »Nicht so hochziehen, mein Junge!« Danach packte sie mein Kinn: »Nicht immer auf die Füße starren, hier oben spielt die Musik.« Mit Zeige- und Mittelfinger deutete sie auf ihre und meine Augen und hatte dabei einen Ton wie ein Typ aus einem Gangsterfilm drauf: »Lang, lang, vor, schließen, seit, überkreuz, seit, schließen.« Unaufhörlich brachte sie mir neue Schrittfolgen bei.

Jetzt fing ich wirklich zu schwitzen an und zog, ohne zu überlegen, mein hellblaues Jeanshemd aus. Ich bemerkte zu spät, dass ich darunter nur ein enges Tanktop trug, weil alles andere in der Schmutzwäsche lag.

»Uuuuuuh, sexy!«, unkte Sophie vom Sofa aus und pfiff durch die Finger. Whiskey blinzelte mir zu und drehte mir daraufhin leise schmatzend den Rücken zu.

Ich musste lachen und schleuderte das Oberteil durch das Zimmer. Oh Shit, hoffentlich räumte ich dabei nicht die Liga an Porzellanpuppen ab, die mich aus starren Glasaugen von der Kommode aus begutachteten.

Bevor ich sehen konnte, wo das Hemd landete, ermahnte mich Ursel: »Haltung bewahren, mein Lieber!« Dann sah sie zu Sophie und rief zur Ordnung auf: »Ruhe auf den billigen Rängen!«

Wir lachten und wirbelten zwischen Teddybären, exotischen Holzskulpturen, Kerzenständern und Topfpflanzen hindurch. Sophie klatschte im Takt.

Ich fühlte mich gut, so richtig gut, auch wenn ich außer Atem war und tanzte wie ein Flamingo auf Glatteis.

Am Ende löste sich Frau Arendt von mir und drehte sich einmal um sich selbst. Mir schwirrte der Kopf und ich ließ mich erschöpft, aber lachend neben Sophie auf die Couch fallen. Der Libertango mit seinem streichelnden Cello und seinen seufzenden Geigen, dem schnarrenden Akkordeon und dem rhythmischen Klavier lamentierte in Dauerschleife vor sich hin.

»Wie ein Pandabär auf Rollschuhen«, gluckste Sophie, als sie mit dem wieder munteren Whiskey auf dem Sofa tanzte, indem sie dessen Pfoten hin und her bewegte. »Wie ein Seehund auf …«

»Junge Dame«, tadelte Ursel ihre Enkelin. »Aber gut, an der Haltung müssen wir feilen. Vielleicht auch etwas an der Leidenschaft. Dafür hast du Rhythmus im Blut! Rhythmus!«

6

Blame it on the Boogie

The Jackson 5

Konrad

Später malten Sophie und ich im schattigen Garten die Plakate für die Schulveranstaltung, tranken eisgekühlte Limonade. Ich lauschte der Tangomusik, die weiterhin aus dem Haus floss und mich wie Wasser umspülte und eine Unterhaltung unnötig machte.

Sophie gab Anweisungen, ich hielt mich daran. Zwar würde ich die Plakate teilweise anders gestalten, doch ich ließ ihr ihren Willen. Es war wie Malen nach Zahlen. Zu wenig für mich, aber gleichzeitig zu viel in diesem Moment. Wie lange hatte ich nichts mehr gezeichnet?

Meine Hand erinnerte sich schnell an das Gefühl von Holz zwischen den Fingerspitzen, umklammerte den dünnen Griff, als ob es sich festzuhalten galt. Doch ich tunkte den Pinsel lediglich in die kleinen Bottiche voller Farbe und füllte Formen und Buchstaben aus. Mein Herz schaltete ich dabei nicht an, nur die Ohren, die die Musik aufsogen wie ein Schwamm das Wasser.

Nachdem ich den beiden anschließend geholfen hatte, die Möbel im Wohnzimmer an ihre Stammplätze zu schieben, hatte ich mir aus Arendtscher Sicht ein gutes Essen verdient. Es bestand aus Waffeln, Waffeln und noch mehr Waffeln. Und da ich Sophies Meinung zufolge weniger Muskeln am Leib hatte als Whiskey, durfte ich ohne Bedenken viermal nachschlagen.

Am späten Nachmittag kehrte ich mit vollem und warmem Bauch heim. Ich konnte mir nun vorstellen, warum Sophie Sophie war.

Ich wollte den Tag konservieren. Wie Früchte in einem Einmachglas. Erdbeeren auf Stachelbeeren mit Rhabarber. Der Tag sollte danach schmecken. Der Abend. Die Nacht. Der Sommer.

Aber sobald ich die Tür aufschloss, das Wohnzimmer wie so oft im Dunkeln lag und einzig der Fernsehapparat sein blaues Licht verströmte, verlor ich das Gefühl, den Geschmack auf der Zunge. Die Luft im Haus roch schal und abgestanden.

Ohne Hallozu sagen, schlich ich in mein Zimmer, stolperte über das Altpapier, das auf den Stufen lag.

Warum bestand nicht mein ganzes Leben aus schönen Momenten, die sich aneinanderreihten wie Perlen an einer Kette? Weshalb musste die Kette immer auseinanderspringen, die Perlen die Treppe hinunterpoltern? Zu ihr? Sodass sie darauf herumtrampeln konnte?

Wieso machte mich nicht nur ein einziger Augenblick glücklich? Weshalb dehnte er sich nicht aus und umschloss mich?

Da ich darauf keine Antwort wusste, durfte ich solche Momente nicht mehr zulassen, denn sie verbargen etwas.

Sehnsucht.

Und wo sich Sehnsucht ausbreitete, herrschte auch Hoffnung. Und wo Hoffnungen zerstört wurden, verletzte man sich und andere. Ein Stich fuhr in mein Herz. Er war körperlich spürbar.

Ohne mich umzuziehen, schlüpfte ich unter die Bettdecke und streifte lediglich die Turnschuhe ab, doch ich schlief noch lange nicht ein.

7

Minor Swing

Quintette du Hot Club de France

Sophie

Nach zwei Tagen Schulfest ging ich Konrad mit meinem ewigen Düb düb düb, düb di düb vermutlich auf den Keks. Um nicht zu sagen, dass er nun endgültig denken musste, ich hätte einen an der Waffel (haha, Waffel!).

Na gut, mir war der Nachmittag bei Oma im Nachhinein auch ziemlich peinlich. Ich kam mir vor wie eine beschwipste Braut auf einem Junggesellinnenabschied, die kicherte und kiekste, pfiff und grölte, fremde Männer küsste und ihnen Geld zusteckte. Obwohl ich mich keines dieser Delikte schuldig gemacht hatte.

Dass sich Konrad danach erneut in den Untergrund verabschiedete und erst zum Aufbau unseres Standes beim Schulfest auftauchte, war daher nicht weiter schlimm. Bei all der Hektik mussten wir nämlich nur das Nötigste miteinander reden. Gemeinsam beschrifteten wir in letzter Minute die Pappaufsteller mit den Zutaten, stellten den Spuckschutz aus Plastik auf und hängten die bunten Plakate auf. Das Beste war definitiv, dass wir sogar eine Holzbude, wie sie auf Weihnachtsmärkten anzutreffen sind, ergattert hatten. Dank Oma Ursel … und einer ihrer Liebschaften  – wie auch sonst? Aber egal, am ersten Tag genossen wir den Schutz vor der sengenden Sonne, am letzten vor Regen.

Und das Zweitbeste war, dass Konrad den Dresscode beherzigte. Er trug dunkle Jeans sowie ein Ringelshirt. Als I-Tüpfelchen lieh ich ihm eine Fliege und eine Weste von meinem Opa aus, die ihm allerdings zu groß war.

»Kein Drama, du machst dir heute jedes Mal eine Extraportion Sahne auf deine Waffeln und Crêpes und am Ende des Tages wird sie dir schon passen!«

Konrad blinzelte und schaute rasch weg, zog sich die verschlissene Anzugweste jedoch über.

Danach herrschte abermals Funkstille zwischen uns. Ich hoffte, wir würden nicht den gesamten Tag in einem Funkloch stecken, sondern nur in einem vorübergehenden Stand-by-Modus.

Zum gefühlten siebzehnten Mal wischte ich die Theke ab und kon­trollierte die Zutaten in den Kühltaschen. Ich beobachtete die Nachbarstände auf dem Schulhof, der wie der Innenbereich eines Gefängnisses wirkte mit seinen hohen Mauern und den ausgetretenen Wegen. Uns gegenüber wurden selbst gedrechselte Serviettenhalter, Aschenbecher oder Schlüsselbretter verkauft (oder andere Dinge, die ich aus der Ferne nicht identifizieren konnte). Rechts neben uns boten die Frauen von Step­ford in ihren beigen Chinos und weißen Blusen chemiebunte Cupcakes und Cake-Pops, die wie Schäfchen aussahen, feil. Eine der vorbildlichen Mütter hatte sich sogar in eine peinliche Clownsrobe gezwängt und knotete Luftballontiere. Als ich mich zu Konrad umdrehen und ihn fragen wollte, ob sie gerade eine Giraffe oder primäre Geschlechtsmerkmale schnürte, strömten die ersten hungrigen Schüler und Eltern herbei.

Und Konrad? Der stand einfach nur unbeholfen herum. Das Einzige, das er zustande brachte, war, den Teig in die Waffeleisen zu gießen.

Den ersehnten Smalltalk mit der Lehrerschaft und dem Schuldirektor (!!!) überließ er mir. »Ja, die Erdbeeren sind ganz frisch«, »Die Stachelbeeren sind aus dem eigenen Garten«, »Ja, ich richte die Grüße an meine Großmutter aus« (was zum Teufel hat der knittrige Chemielehrer Dr. Prinkelmann mit Oma zu schaffen?), »Oh ja, ich freue mich auf die Ferien – ja, aber Schule ist genauso schön. Sehr schön. Nein, wir fahren leider nicht weg.« Zwischendurch zischte ich Konrad ein »Jetzt sag du doch auch mal was« zu, trotzdem verzog er den Mund nur zu etwas, das wie ein entschuldigendes Lächeln aussehen wollte. Ich war versucht, ihm ein richtiges Lächeln in die Mundwinkel zu schnitzen. Mit dem Portionslöffel!

Puh, er sollte hier seinen Charme versprühen! Die Achtklässlerinnen bezirzen und mit seiner niedlichen Schwiegermutters Liebling-Unschuld auch deren Mütter. Meinetwegen sogar die Väter oder älteren Brüder. Damit wir mehr Geld für das Schul-Biotop und für neue Requisiten für die Theater-AG zusammenkratzen konnten.

Als seine Freunde vorbeikamen, ihm nickend ein »Was geht?« zuwarfen und schnell wieder verschwanden, wurde er nervöser. Noch einsilbiger ging ja nicht.