Ewigkeitsgefüge - Laura Labas - E-Book

Ewigkeitsgefüge E-Book

Laura Labas

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Beschreibung

»Er war ein Gott, der keiner sein wollte." In Arden Creek ist nichts so, wie es scheint. Wer des Nachts durch die Straßen wandert, findet sich schon bald in der tödlichen Umarmung eines Mordenox´ wieder. Eine Kreatur, die mit ledrigen schwarzen Flügeln vom Himmel hinabstürzt und ihre Zähne in das zarte Fleisch ihrer Opfer senkt. Lydia Prescott gehört zu einem Clan, der um diese Gefahr weiß. Als Somna ist sie dazu in der Lage, die Wandlung von Menschen zu Mordenox zu verhindern. Obwohl ihre Gabe so wichtig ist, ist sie noch nicht bereit, sie einzusetzen. Dann aber wird ihr Clan beinahe vollständig ausgelöscht und sie muss lernen, sich selbst zu vertrauen. Gejagt von ihrem Feind und hin- und hergerissen zwischen den verschiedenen Mächten in der Stadt, kämpft sie darum, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihre Bestimmung zu erfüllen.

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Ewigkeitsgefüge

Laura Labas

Copyright © 2017by

Astrid Behrendt

Rheinstraße60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Marlena Anders

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-298-3

Alle Rechte vorbehalten

Für Joshua

Inhalt

Erläuterung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Epilog

Über den Autor

Bücher von Laura Labas

Clan Militum bestehend aus Somna und Dormi.

Ein Dormis wird von einer Art Geist begleitet, der ihm den Ort zeigt, an dem ein neues Opfer der Mordenox zu findenist.

Ein Somna verhindert die Wandlung des Opfers zu einem Mordenox.

Signa Inferre bestehend aus Bellatoren

Bellatoren sind Krieger und Beschützer der Menschen. Sie durchstreifen die Nacht, immer auf der Suche nach Mordenox, um sie zu töten.

Protectoren

In den früheren Zeiten wurden die Protectoren innerhalb des Clans und unter den Bellatoren sehr geschätzt, doch nunmehr stempelt man sie als Fanatikerab.

Ignis der Menschen

Jeder Mensch trägt eine Glut in sich wie eine Art Seele oder auch Lebensenergie. Eine stark leuchtende Glut/Ignis lockt Mordenox an, die sie sich einverleiben können. So töten sie die Menschen und verwandeln sie in Mordenox.

Protectoren können den Menschen die Ignis entziehen und in Licht wandeln, meistens ohne dass die Menschen dabei sterben.

Mordenox

Auch genannt Kreaturen der Nacht. Tagsüber sind Mordenox normale Menschen, die jedoch keinen Sinn mehr für Moral oder Gerechtigkeit besitzen. Nachts verwandeln sie sich in haarlose Monstrositäten mit schwarzer Haut und ledrigen Flügeln.

Tenebrae

Im Gegensatz zu Mordenox werden Tenebrae nicht ›gemacht‹, sondern geboren. Deshalb sind sie auch mächtiger als ihre Verwandten und können sich sowohl nachts als auch tagsüber wandeln. Ihnen ist es möglich zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, sie sind aber für das Böseanfällig.

Prolog

Da war das Licht und da war die Dunkelheit und aus dem Licht entsprangen Arax’va, Belmin und Corama. Sie waren Gottheiten, Funken, Licht. Sie vertrieben die Finsternis bis an die Grenzen unserer Welt. Der Wiederkreis ist ihr Ursprung und ihr Niedergang. Er ist die Macht des Gleichgewichts und die Macht der Quelle und gemeinsam bilden sie das Gefüge der Ewigkeit.

Aus der Dunkelheit entsprangen die Mordenox und die Tenebrae. Düsternis liegt in ihren Augen und Schatten quillt aus ihren Mündern. Sie saugen die Ignis aus den Menschen, ihre Lebensenergie, um sie in Finsternis zu wandeln.

Mächtiger und mächtiger.

Das Böse lauert in ihren Herzen.

Doch solange Arax’va, Belmin und Corama existieren, herrscht das Licht. Solange sie beieinander sind, wird die Nacht es sein, die schwindet. Solange das Ewigkeitsgefüge intakt ist, wird das Gute siegen.

Aber was geschieht, wenn das Gefüge gestörtwird?

Eins

Der Schnee glitzerte im strahlenden Schein der Sonne, die heute das erste Mal seit mehreren Tagen hinter den Wolkenmassen hervorgekrochen war. Giffin instruierte gerade meinen besten Freund Ryder, wie er die Gräber von dem weißen Schnee befreien konnte, ohne dabei Schaden anzurichten. Ryders Schultern waren eingesunken und obwohl ich ein gutes Stück entfernt und im warmen Haus saß, konnte ich erkennen, wie er das Gesicht verzog, als Giffin ihm die Schaufel in die Hand drückte. Ich verkniff mir ein Lachen. Kein Wunder, dass Giffin die Arbeit draußen meistens einem seiner Mitarbeiter überließ, der sich dann seinerseits mit Ryder herumschlagen musste. Wie liebenswert und witzig der Junge mit der dunkelbraunen Haut auch war, Eifer gehörte nicht zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften. Ein guter Freund war er mir trotzdem seit dem Tag vor über zwei Jahren, als er anfing, hier als Friedhofswärter zu arbeiten.

Zwei Jahre. Eigentlich keine so lange Zeit, wenn man in Betracht zog, dass ich bereits seit meinem sechsten Lebensjahr hier lebte und meine Familie … meine leibliche Familie seit über zwölf Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich fragte mich, ob Ryder seine Familie auch manchmal vermisste.

Seufzend legte ich eine Postkarte, die die Skyline von Arden Creek bei Nacht zeigte, zwischen die Seiten meines Buchs (Tom Hardys ›Am Grünen Rand der Welt‹) und klappte ebenjenes dann entschlossen zu. Es war viel spannender, Giffin und Ryder bei der Arbeit zu beobachten. Ich wünschte, ich wäre draußen, um ihr mit Sicherheit streitlustiges Gespräch mit anzuhören. Ryder besaß die glorreiche Fähigkeit, den Obersten des Clan Militums, dem ich angehörte, an die Grenzen seiner Selbstbeherrschung zu treiben. Manchmal beneidete ich ihn darum. Wie gerne wäre ich auch laut und stur und beharrlich, aber ich hatte nicht mal meine Familie dazu bringen können, mich zu behalten.

Eines Tages waren Giffin und Florence, ein weiteres Mitglied des Clans, zu mir nach Hause gekommen und hatten meinen Eltern offenbart, dass es Zeit wurde, mich testen zu lassen. Für meine Eltern und meinen älteren Bruder war das nichts Neues gewesen, da sie die gleiche Prozedur bei ihm bereits durchgemacht hatten. Man testete mich darauf, ob ich die Fähigkeiten geerbt hatte, die den Clan zu dem machten, was er war. Es hatte einen gemalten Kreis aus Henna und Kreide auf dem dunklen Holzfußboden gegeben, Kerzen und fremde Wörter, die mir Angst gemacht hatten. Helles Licht und schließlich die finstere Erkenntnis auf den Gesichtern meiner Eltern.

Der Kelch ging nicht an mir vorüber und ich musste von einer Nacht auf die nächste mein Heim verlassen. Meine Eltern versicherten mir, dass sie mich jeden Tag vermissen würden, aber sie protestierten nicht, da sie schon immer von dieser Pflicht gewusst hatten. Die Pflicht, ihr Kind abgeben zu müssen, wenn es ein Somna oder ein Dormis war. Ich hatte das großartige Glück, so wie Giffin beides zu sein. Es war eher eigenartig, nur ein Somna zu sein. Es gab am meisten Dormi, dann diejenigen, die Dormi und Somna waren, und ganz selten existierten auch welche im Clan, die nur ein Somna waren. Meine Eltern waren beide Nachkommen der Gründerväter von Arden Creek, auch wenn sie selbst keine Gaben geerbt hatten. Die dreizehn Gründerfamilien waren mittlerweile überall auf dem Kontinent verteilt und hatten sich wie ein Wurzelgeflecht von Ort zu Ort ausgebreitet. Sie alle wussten von der Hochburg der Ungeheuer in Arden Creek und kannten ihre Pflicht. Keine Familie würde sich gegen den Clan stellen.

Meine Familie hatte ich jedoch nie wiedergesehen. Es war mir nicht erlaubt, Kontakt zu ihr herzustellen, doch die Nummer von unserem Haustelefon kannte ich noch heute auswendig.

Es war ja nicht so, dass es mir hier sonderlich schlecht erging. Die Mitglieder, die im Hauptquartier lebten, waren allesamt freundlich und zuvorkommend. Manche waren mir sogar regelrecht ans Herz gewachsen und auch Giffin, der sich zu meinem Paten und Lehrer erklärt hatte, gestaltete seine Lehrstunden mittlerweile spannender und abwechslungsreicher als noch vor geraumer Zeit, sodass ich Kreise mit Henna ziehen und die Worte des Zaubers aufsagen konnte. Alles durfte ich bisher tun – außer mich den Leichen nähern.

Entschieden löste ich mich vom Fenster, da ich Ryder begrüßen wollte. Gestern war sein Geburtstag gewesen und ich musste ihm noch sein Geschenk überreichen.

Lächelnd berührte ich das in Papier eingewickelte Päckchen, das ich in meiner Hosentasche trug. Ich hoffte, es würde ihm gefallen.

Im Flur des alten Herrenhauses zog ich eilig meinen Parka über, schlüpfte in meine Stiefel und verbarg meine Ohren unter einer Wollmütze. Für das kalte Wetter gewappnet, trat ich aus der Tür und wäre beinahe sofort der Länge nach hingeflogen. Wer auch immer Salz gestreut hatte, er hatte den obersten Treppenabsatz vergessen.

Vor mich hin grummelnd bewegte ich mich etwas vorsichtiger fort und suchte Ryder und Giffin, die sich mittlerweile getrennt hatten. Der Oberste des Clans schritt die Reihen der Gräber ab und warf hin und wieder einen verstohlenen Blick in Richtung Ryder, der die Grabsteine mit einem kleinen Handbesen vom Schnee befreite. Ich versuchte mich nicht von Giffins mahnender Präsenz einschüchtern zu lassen. Ryder war es ja wohl gestattet, eine fünfminütige Pause einzulegen, um mein Geschenk anzunehmen.

Ich näherte mich meinem besten Freund von hinten und der Schnee knirschte so laut unter meinen Sohlen, dass Ryder sich zu mir umdrehte, bevor ich die Möglichkeit gehabt hätte, ihn zu überraschen.

Er lächelte nervös, als würde ihn meine Anwesenheit hier stören, und sah zu Giffin. Befürchtete er, der Oberste würde ihn zurechtweisen? Ich streckte meine Arme aus, um ihn zu begrüßen, doch als er keine Anstalten machte, die Bewegung zu erwidern, ließ ich sie enttäuscht fallen.

»Was ist los? Giffin wird dich kaum feuern«, versprach ich ihm und lächelte aufmunternd.

»Entschuldige. Du hast recht.« Er trat vor und zog mich in eine feste Umarmung, sodass ich beinahe mit dem Gesicht im Pelz seines Parkas verschwand. »Es ist nur, den ganzen Tag hackt er bereits auf mirrum …«

»Vielleicht ist er mit dem falschen Fuß aufgestanden«, antwortete ich schulterzuckend, nachdem er mich wieder losgelassen hatte. Das Lächeln kehrte in mein Gesicht und mein Herz zurück, als mich die Aufregung erneut übermannte. »Ich hab etwas fürdich.«

»Lydia … Das ist doch nicht nötig«, protestierte er halbherzig und grinste. Ein Grübchen bildete sich auf seiner rechten Wange, während seine braunen Augen warm aufleuchteten.

»Und ob! Jedes Geburtstagskind muss mindestens ein Geschenk bekommen und da ich weiß, dass Giffin nie an so etwas denkt …« Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. »Happy Birthday, Ryder.« Mit den Worten holte ich das flache Päckchen aus meiner Hosentasche und überreichte esihm.

Er zog seine Handschuhe aus und legte sie auf den grauen Grabstein neben uns, bevor er das dunkelblaue Papier vorsichtig auseinanderriss. Es kam ein silberner Anhänger zum Vorschein, der die Form eines Adlers hatte und an einem schwarzen Lederbandhing.

»Du sagst doch immer, dass du gerne fliegen könntest«, erklärte ich die Auswahl meines Geschenks, als Ryder die Augen weiterhin auf den Anhänger gerichtet hielt. »Gefällt er dir nicht?«

Langsam hob er seinen Blick. Tränen schimmerten in seinen Augen. Ich hatte ihn noch nie so emotional gesehen und es berührte mich tief im Inneren.

»Danke«, sagte er mit erstickter Stimme. »Hilfst dumir?«

Lächelnd wartete ich, bis er sich umdrehte, dann legte ich ihm die Kette um, die sofort unter den Kragen seiner Jacke rutschte, aber das war nicht schlimm. Er und ich wussten, dass sie dawar.

»Ich wünschte mir, wir hätten uns früher kennengelernt«, murmelte er leicht abwesend.

»Noch früher? Wir kennen uns doch schon zwei Jahre.« Ich lachte.

»Und stell dir vor, wie viel mehr Spaß wir dann noch erlebt hätten?« Er bückte sich, als würde er seine Schuhe zubinden, doch als er sich wiederaufrichtete, hatte er einen ausgewachsenen Schneeball in der Hand. Ich bemerkte es zu spät, da ich gedankenverloren in den Himmel gestarrt hatte.

»Wage es ja nicht!«, quietschte ich, drehte mich auf dem Absatz um und lief los. Der Schneeball folgte sogleich und traf mich glücklicherweise nur am Rücken. Ich blieb stehen, um einen eigenen Ball zu formen, als ein Schatten über michfiel.

»Ich bezahle den Jungen nicht dafür, dass er mit dir Schneeballschlachten bestreitet.« Giffin.

Ich schluckte schwer und erhob mich langsam aus der Hocke. »Äh, entschuldige?«

»Hast du nichts Anständiges zu tun?« Seine finstere Miene sagte nur zu deutlich, dass er heute nicht zu Späßen aufgelegtwar.

»Ich …«, begann ich, ohne zu wissen, was ich sagen sollte, als jemand meinen Namenrief.

Ich erkannte sofort Florences Stimme. Wahrscheinlich hatte sie mich genauso wie Giffin herumalbern sehen und wollte mir nun jeden Spaß verderben.

»Ich geh dann mal«, sagte ich in Richtung Giffin, bevor ich Ryder ein letztes Mal zuwinkte und dann zurück zum Herrenhaus schritt. Meine Laune wäre dahin gewesen, wenn Ryder sich nicht derart über sein Geschenk gefreut hätte.

Das Leben hier würde mir mit Sicherheit leichterfallen, wenn ich endlich die Aufgaben eines vollwertigen Clanmitgliedes übernehmen durfte. Giffin bestand aber nach wie vor darauf, dass ich mich noch immer mit den Grundlagen beschäftigte, und so war ich weiterhin dazu verdammt, den Rest der Zeit diverse Aufgaben im Haushalt zu erledigen. Da sollte er sich nicht wundern, dass ich lieber Blödsinn veranstaltete …

Es war erniedrigend, mit achtzehn Jahren noch immer nicht als Dormis oder Somna zu arbeiten, während alle anderen aus meinem Jahrgang, alle bis auf eine Nurdormi, bereits ihren Pflichten nachkamen.

»Lydia! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!«, erklang Florences Stimme erneut, als ich den Flur betrat und den Schnee von meinen Schuhen klopfte.

»Bin schon auf dem Weg«, murmelte ich leise, damit sie nicht den trotzigen Unterton hören konnte. Es gab vieles, das mir Florence verzieh, kindische Anfälle gehörten nichtdazu.

Auf dem Weg zur Küche, wo ich sie vermutete, begegnete ich niemandem, was nicht sonderlich überraschend war, da selten mehr als drei Leute gleichzeitig durchs Haus spukten. Meistens verbarrikadierte man sich in seinen eigenen Räumen, versuchte seine Sinne zu schärfen oder zu meditieren. Zu jeder Tageszeit befand sich außerdem ein oder zwei Dormi im sogenannten Sonnenzimmer. Der einzige Raum, in dem sie mit ihren Geistern in Kontakt treten konnten, die ihnen mitteilten, wo sich weitere Opfer der Monster der Nacht aufhielten.

Das Hauptquartier des Clan Militums war ruhig. Und manchmal auch einsam.

Florence lotste mich mit ihrer Brüllstimme tatsächlich in die Küche, wo sie gerade Zutaten aus den Schränken kramte, um sie auf dem länglichen Bauerntisch neu zu arrangieren. Als sie mich eintreten hörte, hob sie abrupt ihren Kopf, sodass ihre feuerroten Locken auf und ab hüpften.

»Ich rufe dich schon seit einer halben Stunde und dann muss ich sehen, dass du Ryder von seiner Arbeit abhältst!«, schalt sie mich, bevor sie ihre Hände an der weißen, leicht verschmutzten Schürze abrieb und dann nach einem Zettel griff, den sie anscheinend schon bereitgelegt hatte. Sie hielt ihn mir abwartendhin.

»Was ist das?«, fragte ich, noch während ich meine Hand danach ausstreckte.

»Eine Einkaufsliste. Ich habe gerade eine Inventur unserer Bestände gemacht und uns fehlen ein paar Zutaten. Allen voran Heidekraut«,  fertigte sie mich ab und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

»Warum muss ich das machen? Was ist mit Lola?«, rief ich empört und wedelte mit dem Zettel herum. »Als ich dreizehn war, wurde ich ständig zum Magic Shop geschickt!«

»Hat mich jemand gerufen?«, erschien ebenjene blondgelockte Dreizehnjährige im Türrahmen und grinste mich frechan.

»Lola hat andere Dinge zu erledigen«, antwortete Florence streng und bedachte die Jüngste im Clan, die wie ich Somna und Dormis war, mit einem tadelnden Blick. »Hausaufgaben zum Beispiel.«

Sofort verschwand das schalkhafte Lächeln und ein mitleiderregend­er Ausdruck trat zum Vorschein. Ich verdrehte bloß die Augen, steckte den Zettel ein und stapfte in den Flur, um mir einen wärmeren Schal anzuziehen. Trotz der Sonne herrschten draußen Minusgrade und ich wollte mir sicherlich nicht eine Erkältung zuziehen, die Giffin einen weiteren Grund liefern würde, meine Ausbildung hinauszuzögern. Wie ich es hasste, als klein und schwach abgestempelt und auch so behandelt zu werden.

»Alles in Ordnung?«, fragte Lola, die mir in den Flur gefolgt war. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als würde sie wissen, dass ich über Dinge nachgrübelte, die ich Florence nicht mitteilen wollte.

»Wie immer. Ich verstehe Giffin nicht.« Kopfschüttelnd beugte ich mich herunter, um die Reißverschlüsse an meinen dunkelbraunen Stiefeln wieder hochzuziehen, da sie sich geöffnet hatten. Der linke entschloss sich dazu, festzuklemmen. »Isla hat ihre Ausbildung fast zum gleichen Zeitpunkt wie ich begonnen und sie ist schon seit vier Monaten und fünf Tagen ein vollwertiges Mitglied. Wieso sie und nicht ich?« Ich zog mit aller Kraft und schaffte es, den eingeklemmten Verschluss zu lösen, wobei ich mir fast ein Stück Haut vom Finger abriss.

»Du bekommst deine Chance bestimmt auch bald«, versprach mir Lola, obwohl sie es genauso wenig verstand wieich.

»Ja. Vielleicht.«

Sie reichte mir den wärmeren Schal, den ich gegen den anderen austauschte und mir zwei Mal um den Hals wickelte, ehe ich die Strickmütze aufsetzte und meinen Parka schloss.

»Bis später, kleine Biene«, neckte ich sie und erntete dafür einen nicht ernstgemeinten Klaps auf die Schulter. Eilig griff ich noch nach meiner schwarzen Tasche und stolperte dann aus dem riesigenHaus.

Ich zitterte schon wie Espenlaub und da war ich nicht mal die Treppen bis zum gusseisernen Tor hinabgestiegen. Manchmal war es wirklich ein Fluch, so hoch im Norden Montanas zu leben. Besonders in der kalten Jahreszeit.

Ein eisiger Wind brachte mich dazu, meine Vorsicht über Bord zu werfen und die Glätte zu ignorieren. Ich fiel lieber hin, als dass ich im Gehen erfror.

Sobald ich das Gelände verlassen hatte, spürte ich die Anwesenheit eines Verfolgers. Ein Schatten, der mir auf Schritt und Tritt in Richtung Stadtzentrum folgte und sich nicht von etwaigen Passanten von seinem Weg abbringen ließ. Ich neigte meinen Kopf ganz leicht, bewegte auffordernd meine Hand und sah dann, dass der Schatten meiner Bitte gefolgt war, denn er ging plötzlich nebenmir.

»Wie viel besser soll ich mich meiner Gaben denn noch bedienen?«,  fragte ich meinen schweigenden Begleiter. »Du folgst mir doch schon ständig.« Er neigte den Kopf und ich wusste genau, was er damit sagen wollte. »Jaja, ich weiß ganz genau, dass das nicht normalist.«

Der dunkelblonde Geist, denn nichts anderes war er, grinste zufrieden und schwebte mir nach, als ich die Straße überquerte und den neugierigen Blicken der Menschen auswich, die sich fragten, mit wem ich da redete. Nur ich konnte ihn sehen.

Den Geist, den ich Neo getauft hatte.

Die Farbe seiner moosgrünen Augen war intensiv, obwohl sein Körper eigentlich durchscheinend und blass war. Über seiner linken Augenbraue thronte außerdem ein kleines Muttermal, das ihn stets etwas erstaunt aussehen ließ. Wenn ich sein Alter schätzen müsste, würde ich aufgrund seiner schlaksigen Gestalt fünfzehn sagen, aber sein bartloses Gesicht konnte ihn auch nur jünger wirken lassen, als seine Gestalt tatsächlichwar.

Die Hände in den Taschen vergraben schlenderte ich über die steinerne Brücke, die sich über den Fluss streckte, welcher in dem großen See im Park mündete. Jener hatte der Stadt ihren Namen gegeben. Arden Creek.

Zwei Straßen weiter bog ich nach links in eine gepflasterte Straße ein, an der ausschließlich merkwürdige Läden angesiedelt waren. Für mich waren sie das vielleicht nicht, da ich sie ständig besuchte; aber für Menschen, die nichts von den gefährlichen Wesen ahnten, die nachts die Stadt durchkämmten, wirkten sie seltsam und gehörten zur Kategorie abergläubischer Unfug. Und das, obwohl die Menschen wussten, dass Arden Creek keine normale Stadt war, doch solange man nicht als verrückt abgestempelt werden wollte, ignorierte man die Gefahren und Eigenarten unserer geliebten und verhassten Stadt. Es war nicht so, dass es nirgendwo auf der Welt das Böse gab, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte es sich in Arden Creek eingenistet.

Vor dem Magic Shop hielt ich inne, sah mir von außen das Schaufenster an, in dem mehrere Artikel präsentiert wurden, die ich nie und nimmer berühren würde (Froschaugen, nein danke) und auf dem der Name in goldenen, verschnörkelten Lettern geschrieben stand. Neo spiegelte sich nicht in der Scheibe, was nicht weiter verwunderlich war, schließlich existierte er nur in meinem Kopf. Sozusagen.

»Du weißt, dass du nicht reinkannst«, erinnerte ich ihn und fing seinen traurigen Blick auf. »Es liegt nicht an mir, also sieh jemand anderen so an, okay? Bin gleich wiederda.«

Ich wandte mich eilig ab, lief die Stufen zur Eingangstür hoch und trat in das Königreich aus Patschuli und Champa ein, das ich nur deshalb namentlich kannte, weil ich einst den Fehler begangen und nachgefragt hatte. Poppy hatte mich eine Stunde lang in Beschlag genommen und mich in der Kunst der Räucherstäbchenherstellung unterwiesen. Der Fehler war mir nicht noch einmal unterlaufen.

Die schrullige Verkäuferin, die an ihrem Körper gleich ein halbes Dutzend Schals in verschiedenen Farben und Stoffen trug, ließ einen ihrer Kunden sofort stehen, als sie mich in der Tür warten sah. Die filigrane goldene Glocke hatte mein Hereinkommen angekündigt und ließ mir daher keine Zeit, mich allein im vollgestellten Laden umzusehen. Das war vielleicht ganz gut so, schließlich würde ich ohne Poppy kaum etwas finden, das Florence auf die Liste geschrieben hatte. Die Unordnung, die hier herrschte, war für die kleine, mollige Frau ein sorgsam gepflegtes System.

»Lydia!«, quietschte sie erfreut, breitete ihre Arme aus und zog mich in eine alles umfassende Umarmung, die mir wie immer die Luft aus den Lungen drückte. Ihr purpurner Schal, den sie als Turban um ihren Kopf trug, presste sich wie eine Erstickungsfalle an mein Gesicht.

Poppy ließ mich erst dann frei, als mir bereits dunkle Punkte vor den Augen tanzten. »Was führt dich zu mir? Ach, du wirst mit jedem Tag schöner. Komm, komm.«

Der Kunde, der nun nicht mehr von ihr bedient wurde, warf mir ein finsteres Stirnrunzeln zu und stellte die indisch angehauchte Tonfigur entschieden zurück auf das verstaubte Regalbrett. Auch Poppy erntete ein genervtes Schnauben seinerseits, bevor er auf dem Absatz seiner vom Schnee durchweichten Sneakers kehrtmachte und aus dem Magic Shop zischte.

»Also, manche Menschen heute … unfreundlicher geht es ja wohl kaum«, kommentierte sie seinen Abgang, absolut im Unklaren darüber, dass sie sich ihm gegenüber nicht gerade wie eine freundliche Verkäuferin verhalten hatte.

»Ja, echt schlimm.« Ich würde den Teufel tun und ihr widersprechen. Es war schon ärgerlich genug, dass ich diese Dienstbotenaufgabe übernehmen musste, und deshalb wollte ich sie auf keinen Fall in die Länge ziehen.

»Florence hat eine neue Liste«, kam ich auf das ursprüngliche Thema zurück. »Sie sortiert gerade unseren kompletten Bestandum.«

»Oh, aber sicher, Ordnung muss sein.« Sie nickte heftig, sodass das Ende des purpurnen Schals hin und her wippte. »Sonst vergisst man ganz schnell, was einem noch fehlt, und Schwups hat man es plötzlich nicht mehr, wenn man es braucht.«

Ich sah mich skeptisch zwischen den Regalen um, während Poppy über der Liste brütete, die ich ihr gereicht hatte.

Leise zu sich selbst murmelnd ließ sie mich an der Kasse stehen und begann dann, scheinbar wahllos, etwas aus Schubladen und versteckten Kisten zu kramen. Ich vertraute ihr da völlig und ließ ihr freieHand.

Poppy wusste nicht, wofür genau Florence und ich die Zutaten brauchten, obwohl sie von Giffin von der Existenz des Clan Militums erfahren hatte, weil sie ihm und Florence über die Jahre zu einer Freundin geworden war. Doch sie hatte keinen Schimmer, was wir, die Protectoren oder die Signa Inferre, taten. Ich nahm an, dass sie uns als die gleiche Sorte Menschen ansah, der sie selbst angehörte: spirituell angehaucht und vielleicht ein kleines bisschen magisch begabt. Eine Gruppe, die sich zusammengeschlossen hatte, um eine besondere Religion auszuüben. Wenn ich so darüber nachdachte, wirkten wir auf sie vermutlich wie Anhänger eines dubiosen Kults …

»Ich habe gerade eine besonders schöne Mischung von Heidekraut zusammengestellt«, rief sie mir aus dem hinteren Teil zu und klang furchtbar aufgeregt. »Ich würde sie nur ungern einpacken. Meinst du, du kannst das Bündel so tragen?«

»Sicher«, schrie ich beinahe, damit sie mich verstand. Mittlerweile hatte ich den Überblick verloren und wusste nicht mehr, wo sie gerade nach Zutaten kramte. Seufzend wandte ich den Blick wieder in Richtung Kasse, um mich mit der Hüfte gegen die Theke zu lehnen. Meinetwegen konnte der Tag jetzt schon zu Ende gehen, denn auch heute hatte Giffin nicht das Gespräch mit mir gesucht. Und morgen würde er es wahrscheinlich auch nicht tun, es sei denn, er trainierte meine Fähigkeiten, aber dann würde es ausschließlich darum gehen, meine Gabe zu kontrollieren. Wir würden uns im Sonnenzimmer einander gegenübersetzen, die Augen schließen und unsere Atmung regulieren. Er würde mir sagen, ich solle mich darauf konzentrieren, die Macht in mir zu beherrschen und mich nicht von ihr beherrschen lassen. Aus Angst, dass es meine Ausbildung weiter verzögerte, hatte ich ihm nicht mitgeteilt, dass ich Neo außerhalb des Bannkreises um unser Quartier ständig sehen konnte, dennoch befürchtete ich, dass er es bereits ahnte. Er vertraute mir einfach nicht.

Es wäre ja eine Sache, wenn ich zu den Bellatoren, den Kriegern der Signa Inferre, gehören würde, die aktiv den Kampf gegen die Kreaturen der Nacht suchten, denn für eine direkte Konfrontation mit Mordenox wäre ich definitiv noch nicht bereit. Aber die Aufgabe eines Dormis bestand lediglich darin, die Opfer zu finden, welche die Mordenox nachts hinterließen. Dazu war mein Geist da, der eigentlich nur erscheinen sollte, wenn es ein neues Opfer gab, um mich dort hinzuführen. Deshalb sollte er mir eigentlich nicht ständig an den Fersen kleben …

»Hier.«

Ich schrak zusammen, als Poppy wie aus dem Nichts neben mir auftauchte und einen bis oben hin gefüllten Korb auf die Theke stellte. Sie reichte mir das duftende Büschel getrockneten Heidekrauts, bevor sie sich daranmachte, alles andere sorgfältig zu verpacken.

»Das riecht wirklich wieder wunderbar«, sagte ich und nahm einen weiteren tiefen Atemzug durch dieNase.

»Nicht wahr?« Poppy sah nicht mal auf, so sehr ging sie in ihrer Aufgabe des Einpackens auf. Ich lächelte nachsichtig.

Das Heidekraut war besonders wichtig für die Somna unter uns, denn mit dieser Zutat wurde es jenen, und irgendwann dann auch mir, erleichtert, die Wandlung der zurückgebliebenen Opfer der Mordenox zu stoppen.

Ich erinnerte mich noch daran, als mir Giffin das erste Mal von diesen Kreaturen erzählt hatte. Mein erster Gedanke war gewesen, dass er Mordenox oder Nachtbeißer – wie sie manchmal genannt wurden  – mit Vampiren verwechselte.

»Vampire sind ein Mythos, Lydia«, hatte er mir in seinem belehrenden Tonfall erklärt. »Mordenox und ihre stärkeren Verwandten, die Tenebrae, haben zwar ein ähnliches Gebiss, das sie benutzen, um Menschen zu beißen, aber sie trinken kein Blut. Ihnen geht es allein um die Ignis in ihnen.«

»Die Ignis?«

»Genau. Die Kreaturen verwandeln die Ignis, eine Art Lebensenergie in uns Menschen, in Finsternis, was schlecht ist. Dadurch werden sie mächtiger und gefährlicher. Stell dir zwei Waagschalen vor. Die linke ist mit Licht, die rechte mit Dunkelheit gefüllt. Je mehr Ignis – oder auch Glut genannt – die Mordenox aufsaugen, desto schwerer wird die mit Dunkelheit gefüllte Waagschale. Das Licht verliert an Gegengewicht.« Er hatte die Stirn gerunzelt, als würde er sich ein Szenario ausmalen, in dem die Welt von Mordenox regiert wurde. »Sie sind unsere Feinde und wir müssen verhindern, dass sie sich weiter vermehren. Das ist unsere Aufgabe. Die Aufgabe der Signa Inferre ist es, uns und die Menschen zu beschützen. Sie suchen den Kampf.«

»Und die Aufgabe der Protectoren?«

»Die ist … speziell.«

»Was meinst du damit?« Obwohl ich Giffin damals noch nicht sehr lange gekannt hatte, wusste ich, dass es ihm nicht ähnlich sah, meiner Frage mit einer solch ausweichenden Antwort zu begegnen.

»Sie sind diejenigen unter uns, die noch glauben. Sie sind sich sicher, dass die drei Funken, die Gottheiten Arax’va, Belmin und Corama, tatsächlich existieren oder existiert haben. Es gibt eine Statue von ihnen, die nur von Protectoren besucht werden darf. Vor ein paar Jahrzehnten wurden die Bildnisse von Belmin und Corama auf mysteriöse Weise zerstört. Die Protectoren sagen, es sei von selbst geschehen, als die beiden Gottheiten starben.«

»Also existiert nur noch Arax’va?«

»Wenn überhaupt …« Er hatte bei der Vorstellung, ich könnte ebenfalls dem Glauben anheimfallen, die Nase gerümpft, dabei versuchte ich bloß, alles zu verstehen. »Die Protectoren besitzen wie die Mordenox die Fähigkeit, die Glut der Menschen zu sehen. Anstatt sie jedoch in Finsternis zu wandeln, fügen sie die Glut dem Wiederkreis zu, damit sie von Arax’va in Licht verwandelt werden kann. Das ist nicht ganz ungefährlich für den Menschen, denn es gab Fälle, bei denen sie gestorbensind.«

»Dadurch füllt sich also wieder die Waagschale mit mehr Licht?«,  griff ich seine Metapher erneutauf.

»Theoretischja.«

Mein Kopf hatte danach tagelang geraucht und es hatte Wochen gebraucht, ehe ich wirklich verstanden hatte, wie die Welt hier in Arden Creek aussah. Ich wünschte mir, ich wäre weiterhin im Unwissenden gelassen worden.

Poppy riss mich wieder aus den Gedanken, als sie mir den schwindelerregend hohen Preis nannte. Immerhin musste ich das nicht aus eigener Tasche zahlen, schließlich verdiente ich nicht gerade viel als nicht eingesetzte Dormis und Somna.

Ich verabschiedete mich von der gut gelaunten Inhaberin und trat auf die verschneite Straße. Der Himmel hatte sich während meiner Abwesenheit zugezogen und das Licht nahm bereits ab, was mich zur Eile antrieb. Es war nicht empfehlenswert, nach der Abenddämmerung noch draußen herumzulungern, insbesondere wenn man wusste, was sich in der Stadt herumtrieb, sobald die Nacht Einzug hielt.

Der Geist wartete auf mich, als hätte er nichts anderes zu tun. Nun, das hatte er vermutlich auch nicht. Seit vier Jahren verfolgte er mich, ohne ein einziges Wort zu sagen. Anfangs hatte ich mich vor ihm gefürchtet, dann war ich genervt gewesen und nun hatte seine Anwesenheit etwas Tröstliches ansich.

»Ich wünschte, du würdest mit mir reden.«

Er deutete auf sich und hob dann einen Daumen. Ihm ging es anscheinend ganz genauso …

»Wir müssen uns beeilen«, sagte ich zum gefühlt tausendsten Mal, bevor ich das Büschel und die Papiertüte fester umfasste.

Die Nacht nahm auf niemanden Rücksicht und ich wollte nicht schutzlos auf der Straße sein, wenn ich, anders als die Menschen um mich herum, wusste, dass etwas Jagd auf uns machte.

Zwei

Froh, dass meine Handschuhe die Haut vor der beißenden Kälte schützten, nahm ich das Krautbüschel und die Papiertüte in eine Hand, um mit der anderen die Mütze tiefer über meine brennenden Ohren zu ziehen. Hin und wieder bemerkte ich, dass man mich neugierig ansah, als ich mit meinem schweigenden Begleiter sprach. Wenn man in Arden Creek schiefe Blicke zugeworfen bekam, sollte man sich vielleicht Sorgen machen, schließlich akzeptierte man bereits viel Seltsames durch die ständigen Tierangriffe und sah es als Normalität an, wenn man hier lebte. Ich selbst hatte mich schon daran gewöhnt und da ich nur Menschen kannte, die in der Welt der Nacht lebten, konnte ich auch leicht darüber hinwegsehen. Es war nie mein Bedürfnis gewesen, jedem zu gefallen oder mich der Gesellschaft anzupassen.

»Wir sollten heute Abend noch ein bisschen im Buch der Handrituale lesen«, schlug ich vor. Neo kratzte sich an der Wange, eher er mit einer Hand so tat, als würde er schreiben. »Ja, dieses Mal werde ich auch Notizen machen, aber glaub mir, ich werde es auch ohne irgendwann auswendig können.«

Er verdrehte die Augen, konnte sich ein Grinsen jedoch nicht verkneifen.

»Siehst du, du stimmst mir im Innerenzu.«

Die Sonne war bereits untergegangen, als ich endlich in die Straße einbog, in der der größte Friedhof der Stadt und damit auch das Hauptquartier des Clans lag. Es gab genau zweiundsiebzig Friedhöfe in ganz Arden Creek verteilt und sie alle wurden von Clanmitgliedern bewacht, auch wenn das nicht unbedingt bedeutete, dass diese Mitglieder auch Dormi oder Somna waren. Die meisten Somna lebten hier im Hauptquartier, die restlichen an zwei Friedhöfen im Stadtteil Classwood.

Schließlich erreichte ich das Tor, blieb jedoch einen Moment davor stehen, um mich von Neo zu verabschieden. Aufgrund eines Bannkreises, der auch heimlich von Giffin um den Magic Shop gezogen worden war, wurde der Kontakt zu meinem Geist verhindert. Das war ein kleiner Nebeneffekt davon, dass das Quartier vor Mordenox und Tenebrae geschützt wurde. Sie konnten weder das Haus noch den Shop betreten.

»Wir sehen uns dann vermutlich morgen wieder, wenn mich Florence auf eine weitere Einkaufstour schickt.« Ich seufzte und blickte gen dunklen Nachthimmel. Eine Flocke landete auf meiner Nasenspitze, wo sie sofort zerschmolz. »Möge Arax’va mit dir sein«, fügte ich hinzu, auch wenn ich nicht wirklich an ihn glaubte, und öffnete das quietschende Tor, um die Treppen hochzusteigen. Es war einfach eine Floskel. Nichts weiter. Als ich das nächste Mal über meine Schulter sah, war Neo verschwunden.

Die Lampen, die kreisförmig auf den glatten Flächen der niedrigen Mauer angebracht waren, spendeten kaum Licht, da sich bereits eine dünne Schneeschicht auf das Glas gelegt hatte. Immerhin war das große, dunkle Herrenhaus von innen beleuchtet, sodass ich noch immer genug sehen konnte. Als ich oben angekommen war, holte ich mehrmals tief Atem, bis die eisige Luft meine Lungen füllte.

Eilig fummelte ich mit dem Schlüssel am Schloss herum, ehe es Klick machte und ich die Tür öffnen konnte. Sofort umhüllte mich wohltuende Wärme, die die Kälte zurück nach draußen drängte. Ich drückte die schwere Holztür mit der Schulter ins Schloss, trat den Schnee von meinen Schuhen und schritt dann in die Küche, um als Erstes meine Ladung loszuwerden.

»Wo bist du denn gewesen?«, begrüßte mich Florence forsch, schnappte die Papiertüte ungefragt aus meinen Händen und kommentierte den Inhalt mit einem kurzen Schnauben. »Es ist bereits dunkel. Dir hätte wissen die Götter was passieren können!«

»Ich bin doch jetzt da«, murmelte ich und löste meinen Schal, da es mir zu warm wurde. Bevor ich mich aber weiter entkleiden konnte, drückte mir Florence die Tüte wieder in die Hand und deutete auf die Vorratskammer, die man nur von der Küche aus durch eine Tür erreichen konnte.

»Jaja«, winkte sie ab. »Ich habe alles sorgfältig sortiert und beschriftet. Versuche dieses Mal bitte alles vernünftig einzuordnen, verstanden?«

»Klar, versuche ich«, grummelte ich, legte Schal und Mütze ab und öffnete die dunkle Tür mit der groben Holzmaserung.

Der Raum war eng und stickig, die instabil wirkenden Regale bauten sich an drei Wänden auf und neigten sich, je höher sie reichten, immer mehr einander zu. Kopfschüttelnd betrachtete ich die in pedantischer Schreibschrift etikettierten Glas- und Plastikbehälter, um nach denen zu suchen, die meine Zutaten beinhalteten.

Nachdem ich alles eingeordnet hatte, schälte ich mich aus der Winterkleidung. Florence widmete sich dem Abendessen, Lola war vermutlich in ihrem Zimmer und erledigte ihre Hausaufgaben. Es versprach also wieder einmal ein ruhiger, ereignisloser Abend zu werden. Manchmal fragte ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich als Bellator ausgebildet worden wäre. Natürlich hatte ich niemals die Wahl gehabt, nachdem Giffin mich auf die Gabe einer Somna und einer Dormis getestet hatte, doch ich verlor mich gerne in dieser Art von Was-wäre-wenn-Spielen. Ich wusste nicht viel von der Signa Inferre und wie sie ihre Krieger ausbildeten, doch hin und wieder war ich schon einem Bellator begegnet. Sie waren allesamt muskulös, wurden von einem kämpferischen Temperament beherrscht und galten als gnadenlos. Wahrscheinlich hätte ich auch dort nicht hineingepasst. Klar, im Kreis meiner Familie ließ ich nie etwas auf mir sitzen und ich war auch nicht zurückhaltend. In der Anwesenheit von Fremden sah das Ganze allerdings anders aus. Ich hatte Schwierigkeiten damit, überhaupt meinen Mund zu öffnen, geschweige denn meine Meinung in irgendeiner Weise kundzutun.

Also wäre eine Karriere als Kriegerin doch nichts für mich gewesen. Nicht dass mir die Erkenntnis in meiner aktuellen Situation half. Mir war langweilig. Ich wollte Spannung in meinem Leben und Dinge erleben. Ich wollte aktiv als Somna arbeiten. Es würde mir schon reichen, mich erst mal als Dormis zu etablieren und mir von Neo die Körper von Opfern zeigen zu lassen. Aber nein. Ich durfte nichts dergleichentun.

Frustrierend. Frustrierend. Frustrierend.

»Wie geht es Poppy?«, riss mich Florence aus den trüben Gedanken. Ich hatte wie eine Irre ins Nichts gestarrt und mich nicht mehr bewegt.

»So gut gelaunt wie eh und je«, grummelte ich, mich an die flippige Verkäuferin erinnernd. Ich war nur dafür gut, mich dem Haushalt und den Erledigungen zu widmen. Es war gemein. Und dann fühlte ich mich auch noch schlecht, da ich nicht undankbar sein wollte.

»Das freut mich. Würdest du mal kosten?«

Ich steckte meinen Kopf in die Küche und sah, wie mir die rundliche, mütterlich wirkende Frau einen Kochlöffel mit dunkler roter Soße darauf hinhielt, von dem ein köstlicher Geruch ausging.

»Na klar«, seufzte ich und trat näher, als irgendwo im Haus eine Tür zugeschlagen wurde und schwere Schritte erklangen, die sich uns näherten. Ich wandte mich neugierigum.

Giffin bog so schnell um die Ecke, dass er mich beinahe umrannte. Ich konnte gerade so noch nach hinten ausweichen. Sein wachsamer Blick streifte erst mich und dann Florence.

»Was …«, begann Florence, doch sie brauchte ihre Frage nicht zu Ende zu formulieren, da Giffin schon zu einer Erklärung ansetzte.

»Maureen hat zwei Leichen gefunden. Sie werden hergebracht.«

»Sollten wir nicht lieber das Tageslicht abwarten?«, erkundigte sie sich, sorgenvoll die Stirn gerunzelt.

»Sie werden von zwei Bellatoren begleitet. Es sollte alles gut gehen.« Er nickte so heftig, dass ihm ein paar dunkelgraue Strähnen in die Stirn fielen. »Sie werden in einer halben Stunde erwartet.«

»Ich nehme an, das heißt, dass das Abendessen ausfällt?«, murrte ich und setzte mich auf einen der vier Hocker, die vor der Kücheninsel standen. Schlecht gelaunt verschränkte ich die Arme vor meinem Oberkörper.

»Du kannst Isla holen und anschließend Lola vom Sonnenzimmer fernhalten«, wies mich Giffin an, ohne auf meine Bemerkung einzugehen. Er kannte mich zu gut, wusste, dass mit mir in einer solchen Situation nicht zu diskutieren war. Wahrscheinlich hatte er nicht mal große Lust, mir meine Position hier erneut darzulegen. Frustrierend, sagte ich doch bereits.

Ich tat schließlich wie geheißen, da mir ja sonst nichts anderes übrig blieb. Isla würde unter Giffins Beaufsichtigung die Wandlung der beiden menschlichen Opfer in Mordenox verhindern und die Stadt wäre für einen weiteren Tag gerettet.

Ich wünschte, ich hätte den Mut zu rebellieren und für mich einzustehen.

Isla war kleiner als ich, hatte ein freundliches, herzförmiges Gesicht und wäre mir eine gute Freundin gewesen, hätte ich es nur zugelassen. Doch meine Eifersucht trieb einen Keil zwischen uns. Sie selbst hatte meinen Neid längst erkannt, sodass sie mir ihre Arbeit nie unter die Nase rieb, gleichzeitig nahm sie sich aber auch nicht zurück, wofür ich dankbar war. Ich wollte trotz allem nicht, dass sie sich meinetwegen schlecht fühlte. Es fiel mir bloß schwer, besonders nett zu ihr zusein.

»Es gibt zwei neue Opfer. Du sollst ins Sonnenzimmer gehen«, rief ich, nachdem ich an ihre Tür geklopft hatte, ohne mir die Mühe zu machen, sie zu öffnen.

Henry und Paella, die sich am Ende des Flurs miteinander unterhalten hatten, warfen mir wissende Blicke zu. Sie beide waren auch Somna und dadurch in der Lage, die Wandlung zu stoppen. Da Giffin Islas Ausbildung aber vorantreiben wollte, hatten sie momentan eher weniger zu tun und widmeten sich den ›normalen‹ Arbeiten von Friedhofswärtern und Leichenbestattern. Irgendwie mussten wir den Clan ja finanzieren.

»Ich komme«, erwiderte Isla. Die Aufregung in ihrer Stimme wurde zwar durch das schwere Holz der Tür gedämpft, doch ich konnte sie trotzdem vernehmen.

Vor mich hin grummelnd suchte ich Lola auf, die wie erwartet an ihrem Schreibtisch saß und über ihren Hausaufgaben grübelte. Sie hatte schon immer Schwierigkeiten damit gehabt, sich zu konzentrieren, weshalb Florence ständig hinterher sein musste. Ich selbst fand es nicht sonderlich schlimm, da wir in unserer Sparte kaum jemals unsere schulische Ausbildung benötigten. Wir würden ohnehin nie eine Karriere außerhalb das Clans starten, also warum dann die Illusion aufrechterhalten?

»Sollst du auf mich aufpassen?«, fragte sie, ihre dunklen Augen neugierig auf mich gerichtet, bevor sie das Ende ihres Bleistifts erneut in den Mund nahm, um darauf herumzukauen.

»Du hast es erfasst.« Ich trat in ihr unordentliches Zimmer. Es wirkte so, als wäre darin eine Farbbombe geplatzt, so bunt waren Einrichtung und Wände. »Es gibt zwei neue Opfer.«

»Isla ist bestimmt nervös.«

»Nervös? Wie kommst du denn darauf? Sie hat die letzten drei Monate kaum was anderes gemacht.«

Lola zuckte mit ihren schmalen Schultern. »Sie hat es mir gesagt.«

»Dass sie nervös ist?« Wieso kam diese Enthüllung so überraschend fürmich?

»Sie macht immer noch nicht alles richtig und braucht Giffins Hilfe. Manchmal fürchtet sie sich vor seiner schroffen Art«, gab sie Islas Worte an mich weiter, die das schlechte Gewissen in mir zurück an die Oberfläche zerrten. Ich war eine schreckliche Kollegin. Wieso konnte ich nicht einfach für Isla da sein? Warum musste ich aus allem einen Konkurrenzkampf machen, den ich eh nur verlor?

Lola kam mir in diesem Moment um so vieles klüger vor, als ich es jemals sein würde. Andererseits war sie nicht in meiner Situation.

»Wie auch immer. Sie hat die Chance, sich zu verbessern, während ich …«, sagte ich und ließ mich rücklings auf das Einzelbett fallen, »… noch immer auf der Stelle trete.«

»Vielleicht sollest du noch einmal mit Giffin reden«, schlug sie vor. Ihre Hausaufgaben waren völlig vergessen.

»Das versuche ich doch ständig, aber er blockt einfach ab. Ich komme mir vor wie ein nörgelndes Kind. Es macht keinen Sinn. Er wird seinen Standpunkt nicht ändern, nur weil ich ihn nerve.«

»Stimmt.«

»Danke für deine Unterstützung«, murmelte ich. Es gefiel mir ganz und gar nicht, untätig auszuharren. »Hast du Lust, Mäuschen zu spielen?« Ein schelmisches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, das ich einfing und erwiderte. »Dannlos!«

Wir schlichen uns aus ihrem Zimmer nach unten und den Flur entlang. Glücklicherweise begegneten wir niemandem, sonst wäre unsere Spionageaktion bereits im Keim erstickt worden. Die Tür zum Sonnenzimmer war fest verschlossen, doch wir wollten sie gar nicht öffnen. Es reichte, einen Blick durch das große Schlüsselloch zu werfen, wie es sie zuhauf in diesem alten Haus gab. Lola und ich wechselten uns ab. Ich war als Erste an der Reihe damit, meine Stirn gegen das kühle Holz zu pressen, und konnte erkennen, wie die Leichen gerade von zwei Bellatoren auf dem Boden arrangiert wurden. Isla, Giffin, Maureen und Baker, ein weiterer Somna, standen so, dass ich lediglich ihre Profile in dem schwachen Kerzenschein erkennen konnte. Ihre Gesichter wirkten grimmig. Oder es war ein Trugbild der Schatten. So oder so, die Szene wirkte ernst und irgendwie auch beängstigend.

»Lass mich mal«, zischte Lola und schob mich unsanft beiseite.

Kopfschüttelnd überließ ich ihr den Platz und stellte mir vor, was nun geschehen würde, bevor Lola mich grob am Arm packte und hochzog.

»Was?«

»Die Bellatoren gehen«, stieß sie voller Angst, entdeckt zu werden, hervor.

Die Augen aufreißend schüttelte ich ihre Hand ab, damit ich besser fliehen konnte, und lief in Richtung Küche. Dort angekommen, merkte ich erst, dass mir Lola nicht gefolgt war. Anscheinend hatte sie die Abzweigung zum Wohnzimmer genommen, was vermutlich besser war, denn so war sie Florences Zorn entkommen.

Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Du hast gelauscht. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass …« Sie konnte ihren Satz nicht beenden, da sich die fremden Bellatoren und Maureen von uns verabschiedeten, ehe sie aus dem Haus in den Schnee stapften.

Ich war schon dabei, aus dem Zimmer zu schlüpfen, als Florence mich mit dem Ausruf meines Namens zurückhielt. Sich ertappt zu fühlen, war kein Gefühl, das ich gerne empfand. Noch schlimmer war allerdings, dass ich mir erneut wie das Kind vorkam, das Giffin noch immer in mirsah.

»Wo ist Lola?«, verlangte Florence zu erfahren und verzichtete damit auf eine weitere Standpauke. Vielleicht verschob sie diese auch nur auf einen späteren Zeitpunkt.

»Keine Ahnung«, antwortete ich möglichst unschuldig, setzte eine neutrale Miene auf und zwang mich aufzuhören, mit Strähnen meines dunkelblonden Haares zu spielen.

»Soso.« Sie hob misstrauisch eine Augenbraue. »Bring das in die Vorratskammer und dann sehen wir weiter«, wies sie mich an, keineswegs von meiner Schauspielkunst überzeugt, und hielt mir ein Büschel Heidekrauthin.

Resignierend senkte ich die Schultern, nahm das Kraut an mich und schlurfte in die Kammer. Die Tür quietschte laut, als ich sie aufzog.

Um Platz zu schaffen, verschob ich ein Marmeladenglas, das mit fliederfarbenen Blüten gefüllt war, auf einem der oberen Regalbretter, als ein ohrenbetäubendes Kreischen durch das gesamte Haus hallte. Das Geräusch ging mir durch Mark und Bein und meine Härchen in meinem Nacken richteten sich auf. Ich unterdrückte den Impuls, die Hände auf meine Ohren zu schlagen, und drehte mich stattdessen zur Kücheum.

Florence erschien in der Tür und sah mich mit aufgerissenen Augen an. Mein Herz rutschte mir in die Hose. Ich wusste, dass das Kreischen unser Alarm war, aber ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wieso er losgegangen war. Es konnte doch nur ein Fehlalarm sein, oder? Es war nicht möglich, dass …

»Komm nicht raus«, zischte die Dormis und begann, die Tür zu schließen. »Und keinen Ton. Hast du verstanden?« Sie wartete keine Antwort ab, sondern drückte die Tür entschlossen zu und ließ mich allein in der dämmrigen Kammer zurück.

Blinzelnd kämpfte ich gegen die plötzliche Starrheit in meinem Körper an, die von meiner Panik genährt wurde.

Sobald ich wieder Herrin meiner Sinne war, trat ich vor und kniete mich hin, sodass ich durch das breite Schlüsselloch blicken konnte. Das Heidekraut hielt ich noch immer fest umfasst.

Florence sah aus dem Fenster, drehte sich aber sofort wieder um, als unser Oberster Giffin und sein Stellvertreter Mason in die Küche eilten. Ich konnte ihre Gesichter nicht sehen, doch ihre Körperhaltung verriet mir, dass auch sie überrascht worden waren. Es war also keine Übung.

Der Alarm hörte abrupt auf. Stille legte sich wie ein Grabtuch überuns.

»Was geht hier vor sich?«, fragte Florence mit erstickter Stimme und legte sich eine Hand aufsHerz.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Giffin frustriert. »Mason hat bereits  …« Er kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu vollenden, da die Raumtemperatur absackte. Das war natürlich Einbildung, doch sie war so gut wie die Realität. Die Fenster beschlugen und die Luft im Raum wurde schwer wie Blei. Dann brachen drei Mordenox hintereinander durch die Fenster. Glas splitterte und fiel klirrend herab, als noch ein weiteres Monster durch die Tür schritt, als hätte es alle Zeit der Welt. Es öffnete seinen Mund, die dunkle, spitze Zunge zuckte hervor, dann legte es abwartend den Kopf schief, während es die drei Gefangenen betrachtete.

Die Luft schien in meinen Lungen festzustecken, als ich diese finsteren Kreaturen das erste Mal vor mir sah. Die Skizzen in den Büchern, die mir Giffin zur Verfügung gestellt hatte, wurden ihrer wahren Erscheinung kaum gerecht.

Ihre entblößten Körper, die tagsüber denen normaler Menschen glichen, waren von ledriger, schwarzer und haarloser Haut überzogen, die ihre Köpfe merkwürdig verschrumpelt und bösartig aussehen ließ. Die Zähne, die aus ihren dunklen Mündern hervortraten, liefen spitz zu und waren so lang, dass sie über ihre Lippen ragten. Aus ihren Rücken, an denen sich jeweils ihre Wirbelsäulen so deutlich wie Schlangen unter der Haut abzeichneten, sprossen fledermausartige Flügel mit gehörnten Spitzen. Knurrende und kreischende Geräusche entflohen ihren Kehlen, als sie die drei ranghöchsten Mitglieder des Clans umkreisten. Blutlust stand in ihren seltsam verzerrten Gesichtern geschrieben. Sie griffen jedoch nichtan.

Wie war es ihnen gelungen, den Bannkreis zu überwinden? Den Bannkreis, der in all den Jahren seit Giffins Beschwörung nicht einmal versagt hatte?

Dann, niemand schien sich mehr bewegt zu haben, hörte ich schwere, gezielt gesetzte Schritte, die sich uns immer mehr näherten. Mein Herz schlug in doppelter Geschwindigkeit weiter.

Im nächsten Augenblick trat ein attraktiver Mann mit dunkler, glatter Haut, kantigen Gesichtszügen und in einen teuren Anzug gekleidet in die fast schon überfüllte Küche. Ich wusste, dass er kein Mensch war. Dafür waren seine Augen zu schwarz und das Lächeln auf seinen vollen Lippen zu raubtierhaft. Er war ein Tenebrae.

Tenebrae waren Verwandte der Mordenox und wenn sie sich verwandelten, sahen sie fast genauso aus. Der Unterschied zwischen ihnen bestand darin, dass Tenebrae geboren und Mordenox erschaffen wurden. Während Mordenox sich wandelten, sobald die Sonne untergangen war, konnten Tenebrae diesen Impuls kontrollieren und sich zu jeder Tageszeit verändern.

Ich war mir sicher, wir würden hier und heute sterben. Es gab kein Entrinnen mehr füruns.

»Gaspard«, knurrte Giffin so feindselig, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Der Schrecken in mir erstarrte für wenige Sekunden, während ich die Bedeutung des ausgesprochenen Namens begriff. Es war wirklich Gaspard. Der mächtigste Tenebrae in Arden Creek, und er war nicht gekommen, um mit uns Tee zu trinken. Jeder im Clan Militum, unter den Protectoren und der Signa Inferre wusste von ihm, doch nur sehr wenige waren ihm bereits begegnet und hatten es überlebt. Giffin gehörte dazu. Vor zehn Jahren war er nachts auf den Straßen gewesen, um eine Leiche abzuholen, als er und zwei Bellatoren von einem Mordenox und einem Tenebrae angegriffen worden waren. Der Mordenox starb und der Tenebrae konnte fliehen. Es war Gaspard gewesen, der Giffin seitdem jedes Jahr eine Nachricht per Post zukommen ließ. In ihnen befand sich nicht viel mehr als ein Versprechen. Ein Versprechen, das besagte, dass Gaspard früher oder später als Sieger aus dem Kampf hervorgehen würde.

Anscheinend war heute der Tag gekommen.

»Giffin, mein Freund. Es ist sehr freundlich von dir, dass du mich in dein trautes Heim gelassen hast«, antwortete Gaspard lässig. »So einer Einladung wie heute konnte ich einfach nicht widerstehen. Du verstehst das sicher. Nachdem du mir all die Jahre nicht auf meine Liebesbriefe geantwortet hast …« Seine Glatze glänzte im Schein der Deckenlampe, als er seinen Kopf leicht neigte.

Eine Bewegung neben mir riss mich aus der Konzentration. Beinahe wäre ich nach hinten gefallen, konnte mich aber gerade noch auf den Fußballen halten. Neo war aufgetaucht und sah mich betrübt an. Seine Anwesenheit sollte mich wohl nicht wundern, da der Bannkreis ganz offensichtlich zerstört wordenwar.

Dann erklangen laute, panische, schmerzerfüllte Schreie aus den obersten Stockwerken, die mich bis ins Mark erschütterten. Ich wollte aus der Kammer stürzen und helfen. Oder Hilfe holen, aber mir war klar, dass ich die Küche nicht mehr verlassen würde, sobald man mich entdeckte.

Tränen unterdrückend lehnte ich meine Stirn zurück an die Türklinke und blickte erneut durch das Schlüsselloch. Giffin hatte sich dem Ausgang genähert, doch ein Mordenox sprang ihn sofort an und schleuderte ihn zurück.

»Warum tust du das?«, zischte Giffin, obwohl sich die Klauen des Mordenox’ erneut in seinen Arm bohrten. Blut tropfte auf die Holzdielen. Tropf. Tropf. Tropf. »Nur weil du damals wie ein Feigling geflohen bist? Du hättest mir jederzeit draußen auflauern können … wieso bist duhier?«

Gaspard schüttelte den Kopf. »Meine Zeit zu herrschen ist gekommen, Giffin. Es hat kaum etwas mit unserem Treffen damals zu tun. Das ist nur ein kleiner Bonus, schätze ich. Es trifft sich einfach nur so, dass du ein Somna bist und mir deshalb im Weg stehst.«

»Was redest du da? Du willst herrschen und greifst uns an?« Der Oberste blinzelte ungläubig und vergaß aufgrund seiner tief empfundenen Überraschung sogar, sich weiter zu wehren. »Wir beherrschen nichts! Wir räumen hinter dir und deinen Monstern auf! Unser Tod bringt dir nichts.«

»Ihr verhindert natürlich ganz uneigennützig, dass ich weitere Menschen verwandeln kann.« Die Mordenox wurden immer unruhiger, schienen allein von der Willenskraft ihres Meisters in Schach gehalten zu werden. Er war ihr Meister, da er sie erschaffen hatte.

Die Schreie meiner Familie, des Clan Militums, waren mittlerweile verstummt. Ich wollte nicht darüber nachdenken, was das zu bedeuten hatte.

»Wie soll ich denn sonst eine Armee erschaffen können, wenn es noch Somna unter euch gibt?«, fuhr Gaspard fort und strich mit den Fingern über die Maserung der Tischplatte, als würde er die Umstände wirklich bedauern.

»Bitte …«, wimmerte Florence, die sich bisher nur an Masons Seite gepresst und gen Boden geschaut hatte.

»Wie höflich«, höhnte Gaspard, bevor die Mordenox, ohne ein sichtbares Zeichen von ihm, angriffen und den drei Clanmitgliedern die Kehlen rausrissen. Blut spritzte umher und ich vernahm das Knacken von Knochen, als ihre Körper anschließend so gebogen wurden, dass ihre Wirbelsäulen entzweibrachen.

Ich schloss die Augen, während ihre Schreie und Hilferufe mein ganzes Sein durchfluteten und meine Seele in tausend Stücke zerriss.

Schließlich wurde es still. Totenstill, und ich wagte einen weiteren Blick durch das Schloss. Gaspard sah auf die Körper meiner Familie hinab, die ich aufgrund der Theke im Raum nicht sehen konnte. Seine Miene war nachdenklich, ehe sie erkaltete.

»Seid ihr sicher, dass sich niemand mehr im Haus aufhält?«

»Heidekraut«, grollte der Mordenox, der ihm am nächsten stand. Von seinen Klauen tropfte Blut. Ich hatte nicht gewusst, dass sie sprechen konnten und das erschreckte mich mehr, als ich hätte zugeben können. »Es vernebelt unsere Sinne.«

Der Griff um das Büschel in meiner Hand wurde fester.

»Dann durchsucht jedes Zimmer einzeln, bis ihr ganz sicher seid.« Sein Blick wanderte zu der Vorratskammer, ehe er sich ihr langsam näherte.

Drei

Ich zog mich bis in die hinterste Ecke zurück. Meine Hände fühlten sich taub an. Das Herz in meiner Brust schien stillzustehen.

Gaspard würde mich finden und töten.

Das Blut rauschte so laut in meinen Ohren, dass ich seine sich nähernden Schritte nicht mehr vernehmen konnte. Als sich auch noch Neo vor mich stellte, versperrte er mir zudem teilweise die Sicht. Er war zwar ein Geist, was bedeutete, dass sein Körper durchlässig war, aber er war nicht vollkommen durchscheinend. Ich konnte noch Schemen und Schatten durch ihn hindurch sehen, mehr jedoch auch nicht. Aber es machte wohl keinen Unterschied, ob ich den Tod kommen sah oder nicht.

Das Kraut presste ich eng an meine Brust, während ich in der Ecke gegen die Regale gedrückt kauerte und zu Neo, der mir den Rücken zugewandt hatte, hochblickte. Dann hörte ich, wie sich die Tür langsam öffnete und Gaspard eintrat. Er schien in der Mitte des Kämmerleins stehen zu bleiben, wo er für ein paar Momente innehielt, bevor er mehrere Regelbretter von ihren Lasten befreite. Glas zerschellte und Ton zerplatzte auf dem Boden. Mehrere Scherben und Splitter rutschten bis zu meinen Schuhspitzen, aber Gaspard trat nicht näher. Ich konnte ihn jedoch noch immer nicht sehen und war mir nicht sicher, wohin er sah; was er dachte.

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit entdeckte er mich nicht.

Ich traute mich nicht, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen, und so blieb ich auf der Stelle sitzen, selbst dann noch, als Gaspard den Raum längst verlassen hatte und Neo zur Seite getreten war. Die Tür war angelehnt.

»Eine Somna fehlt«, grollte einer der Mordenox so tief, dass ich ihn kaum verstehen konnte. Ich schlang die Arme um meine Knie und hoffte, dass sie endlich verschwinden würden.

»Wir finden sie«, war Gaspards selbstsichere Antwort. »Erledigt den Rest. Wir haben noch viel zutun.«

Mein Herz pumpte das Adrenalin durch meine Adern, das mir half, bei klarem Verstand zu bleiben und nicht in Hysterie auszubrechen. Noch hatte ich nicht verstanden, was gerade geschehen war. Noch war alles ein böser Albtraum.

Möbel wurden umgekippt, Gläser zerschellten und Holz zerbrach, bevor es ruhiger wurde. Ein letztes Mal knallte die Vordertür ins Schloss.

Ich spitzte die Ohren und blieb weiterhin sitzen. Es war mir unmöglich, mich zu bewegen. Was, wenn ein Mordenox sicherheitshalber zurückgebliebenwar?

Neo drehte sich zu mir um und deutete mit einem Finger erst auf seine Brust und dann in Richtung Küche. Ich hoffte, dass das bedeutete, er würde nach dem Rechten schauen und mir Bescheid geben, wenn die Luft reinwar.

In meinem Hals bildete sich ein unangenehmer Kloß, der es mir erschwerte, die Tränen zu unterdrücken. Neo schritt durch die angelehnte Tür hindurch. Wie sollte ich jemals die Kraft finden, diesen Raum zu verlassen, wenn ich doch genau wusste, was mich hinter der Tür erwartete? Es durfte einfach nicht geschehen sein. Wenn uns eines während unserer Ausbildung beigebracht worden war, dann, dass es unmöglich für die Mordenox und Tenebrae war, unsere Häuser zu betreten. Wieso war heute alles schiefgelaufen? Wieso war ausgerechnet ich davongekommen? Hatte noch jemand überlebt?

Als meine Beine steif wurden und sich mein Rücken aufgrund der gekrümmten Sitzhaltung beschwerte, tauchte Neo wieder vor mir auf, um mir zu gestikulieren, dass niemand mehr im Hauswar.

Niemand, der noch lebte.

Ich schniefte, wischte mir über die Augen und zog mich dann an einem der Regale hoch. Weitere Gläser fielen zu Boden, ihr Aufprall schien durch das ganze Haus zu hallen. Langsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, ließ das Heidekraut fallen und legte eine Hand an die gemaserte Tür. Wenn ich sie öffnete, würde sich meine ganze Welt verändern.

Vielleicht hatte sie das aber auch schon längst getan.

Noch einmal holte ich zittrig Luft, bevor ich schließlich die Tür aufstieß und in mein neues Lebentrat.

Meine Augen huschten kurz zu den bewegungslosen, verstümmelten Körpern der drei Obersten meines Clans, der nicht mehr zu existieren schien. Ich wusste, dass ich sie nicht mehr retten konnte, und doch fiel es mir unglaublich schwer, mich von ihnen abzuwenden. Mein Herz schrie nach Florence und Giffin. Mein Verstand wollte sich in die Vergangenheit graben und eine Decke des Vergessens über die Gegenwart legen. Ich selbst bewegte mich wie eine Marionette von Raum zu Raum; immer in der Hoffnung, noch jemanden zu finden, der atmete, der lebte. Als ich Lola in der Badewanne fand, die Kehle aufgeschlitzt und die Augen gen Decke gerichtet, zerbrach etwas in mir, das nie wieder heilen würde.

Ich hatte alles verloren und aus irgendeinem Grund wurde ich das Gefühl nicht los, dass es meine Schuldwar.

Die Schuld des Überlebenden, würde Giffin nun ganz analytisch sagen. Aber selbst die darin enthaltene Wahrheit erleichterte mir die Momente nicht, in denen ich weiter durch das Haus geisterte, das den Odem des Todes ausstieß.

Es gab nur eine Sache, die mich nicht den Verstand verlieren ließ. Ryder war nicht hier gewesen. Es war mir erspart worden, seinen gekrümmten, leblosen Körper zu finden.

Langsam suchte ich mein Zimmer auf, das unberührt und ahnungslos auf mich wartete. Mit mechanischen Bewegungen packte ich eine Tasche, holte das Foto meiner Familie unter dem Kopfkissen hervor und wandte mich dann ohne Abschied um. Ich musste von hier weg und zwar sofort.

Ich trat aus dem Haus in den fallenden Schnee und rutschte mehr oder weniger die Treppen hinab. Neo folgte mir schweigend, ließ sich zurückfallen, um dennoch plötzlich an der nächsten Straßenecke auf mich zu warten.