Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Ewiglich die Liebe - Brodi Ashton

Große Gefühle: das dramatische Finale der "Ewiglich"-Trilogie. Nikki hat einen hohen Preis zahlen müssen, um Jack zu retten: der Ewigliche Cole hat sich durch eine List ihres Herzens bemächtigt. Noch immer sieht er in ihr seine Persephone, die Herrscherin der Unterwelt. Während Nikki und Jack alles daran setzen, das Herz zurückzugewinnen, bereiten Cole und seine Freunde sich darauf vor, den Kampf um die Herrschaft des Ewigseits zu gewinnen. Nikki erkennt, dass sie nur eine Chance hat, die Ewiglichen zu vernichten: Sie muss Coles Persephone werden. Der dritte Band der großartigen "Ewiglich"-Trilogie über die Macht der Liebe. Mit Elementen aus der griechischen Mythologie.

Meinungen über das E-Book Ewiglich die Liebe - Brodi Ashton

E-Book-Leseprobe Ewiglich die Liebe - Brodi Ashton

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Für meine Mom und Erin Ihr seid meine Mädels, meine Menschen, mein Zuhause

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»Manche Leute glauben, Durchhalten macht uns stark, doch manchmal stärkt uns gerade das Loslassen.«

 

Hermann Hesse

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Die Ewiglichen

Mythologiefans nennen sie Ach-Geister. Mit Ach bezeichnen sie das Leben nach dem Tod.

Andere nennen sie die Seelen der Toten, Bewohner der Unterwelt.

Doch ich weiß, dass sie in Wirklichkeit die Ewiglichen heißen. Sie leben in der Unterwelt, dem Ewigseits. Alle einhundert Jahre müssen sie sich nähren, indem sie die Gefühle eines menschlichen Opfers – eines sogenannten Spenders – stehlen.

Ich war einmal eine Spenderin.

Nun bin ich eine Ewigliche.

Doch ich werde das Ewigseits zerstören, ehe ich mich von einem anderen Menschen nähren muss. Und ich werde alles und jeden vernichten, der mir dabei im Wege steht.

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Prolog

VOR ZWEI WOCHENDie Oberwelt. Mein Schlafzimmer.

Jack rieb sich die Augen und setzte sich im Bett auf.

»Jetzt noch mal langsam und zum Mitschreiben: Was ist denn überhaupt passiert, Becks, dass du das Ewigseits zerstören willst?«

»Cole war da.« Meine Stimme zitterte. »Er sagte, ich hätte mich im Ewigseits drei Mal von ihm genährt und hätte nun mein Herz verloren. Er hat einen Kompass auf meinem Schreibtisch gesehen, hat ihn genommen und … und …«

In Sekundenschnelle war Jack bei mir und umschlang mich mit seinen starken Armen. »Schhhh. Alles wird gut. Beruhige dich. Du glaubst, Cole hätte einen Kompass gestohlen?«

Ich schloss die Augen. »Er lag dort auf meinem Schreibtisch. Cole sagte, das sei mein Herz.«

Für einen Moment hielt Jack den Atem an. »Dein Herz?«

Ich nickte und holte tief Luft. Dann tat ich, wovor ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Ich nahm Jacks Hand und legte sie auf meine Brust, an jene Stelle, wo mein Herz hätte sein sollen. Genau so, wie Cole es nur wenige Minuten zuvor mit meiner Hand getan hatte.

Es war nichts zu spüren. Kein Herzschlag.

Mein Atem ging immer schneller. Jack drückte seine Hand noch fester gegen meine Brust und blieb eine Weile ganz still. Dann wurde sein Gesicht kreidebleich.

»Wie …? Warum …?«, stammelte er, als sei er nicht sicher, was er mich überhaupt fragen wollte.

Ich dachte an die letzte Woche, an die Reise, die Cole und ich unternommen hatten, durch das Labyrinth und zum Zentrum des Ewigseits, um Jack zu retten. Meine nächsten Worte sprudelten nur so aus mir heraus: »Als wir im Labyrinth nach dir gesucht haben, musste ich mich einige Male von Cole nähren, um weitermachen zu können.« Ich schüttelte den Kopf. »Er sagte, da ich mich nun drei Mal von ihm genährt hätte, würde ich eine Ewigliche werden. Dann meinte er, es gebe gewisse Vorteile für einen Ewiglichen, der im Besitz eines menschlichen Herzens sei, hat den Kompass genommen und ist verschwunden.« Ich starrte Jack an. »Mein Herz.«

Jack schaute zum offenen Fenster. »Warum hast du mich nicht geweckt?«

»Du warst so müde. Außerdem glaubte ich, dass ich keine Angst haben muss. Es war ja nur Cole. Er … er hat mir geholfen, dich zu retten. Er war …« Mein Freund. Ich schloss die Augen und riss mich zusammen. Mein Freund. Wie konnte ich nur so dumm sein? So blind?

»Er hat mich reingelegt. Er hat mich nur deswegen ins Ewigseits begleitet, damit ich mich von ihm nähren muss. Er hatte nie die Absicht, dich zu retten. Er war sogar völlig überrascht, dich hier zu sehen. Ich hätte es besser wissen müssen.«

Ich fühlte, wie meine Knie nachgaben, doch noch ehe ich zu Boden sinken konnte, drückte Jack mich nur noch fester an sich. »Immer mit der Ruhe, Becks. Alles wird gut.«

»Wir müssen es vernichten«, sagte ich. »Das Ewigseits. Wir müssen es auslöschen.« Wie war es möglich, dass mein Blut so schnell durch meine Adern schoss, wenn ich doch gar kein Herz mehr hatte?

Jack nickte und zog mich aufs Bett, wo wir uns beide hinsetzten. »Lass uns zunächst mal über alles gründlich nachdenken. Als Erstes müssen wir dein Herz zurückbekommen.« Als er meinen panischen Gesichtsausdruck bemerkte, machte er eine beruhigende Handbewegung. »Erst dein Herz«, wiederholte er. »Sobald wir es haben, überlegen wir, wie wir das Ewigseits vernichten können. Versprochen.«

»Warum?«, schluchzte ich. »Was bringt es denn, wenn wir mein Herz zurückbekommen?«

»Ganz offensichtlich sieht Cole irgendeinen Vorteil darin, es zu haben. Vielleicht, weil er dann immer damit drohen kann, es zu zerstören.«

Ich schüttelte den Kopf. »Genau das ist der Punkt. Wir hatten unrecht, was sein Herz – sein Gitarrenplektron – angeht. Es hätte ihn nicht getötet, wenn wir es damals zerbrochen hätten. Abgesehen davon, dass wir ja zuerst dachten, sein Oberweltherz sei in seiner Gitarre verborgen.« Ich atmete schwer aus. »Cole hat mir erzählt, jeder Ewigliche habe zwei Herzen. Ein Oberweltherz und ein Ewigseitsherz. Erst wenn beide Herzen zerstört sind, wird man wieder sterblich. Nur so ist die Frau, die ihn zum Ewiglichen gemacht hat, wieder sterblich geworden. Aber nur das Oberweltherz zu zerstören …« Fieberhaft versuchte ich mich zu erinnern, was dies zur Folge hätte. Ich wusste nur eines mit Sicherheit – dass es ihn nicht töten würde.

»Dann ist das genau der Grund, warum er es dir weggenommen hat. Das Oberweltherz zu zerstören, wäre wahrscheinlich der erste Schritt, um die Sterblichkeit zurückzuerlangen. Doch solange er dieses Herz besitzt, kannst du nicht wieder zum Menschen werden.« Jack verzog das Gesicht. »Ich kann noch immer nicht glauben, dass wir über solche Dinge reden. Wie hat er …« Er schüttelte den Kopf und hielt kurz inne. »Dieser Mistkerl.«

»Es ist meine eigene Schuld.«

Er warf mir einen strengen Blick zu. »Sag so was nicht, Becks.«

»Aber es stimmt doch. Ich habe ihm vertraut. Ich habe ihn sogar angebettelt, mitzukommen. Ich habe mich ihm wie ein riesiges Geschenk mit großer roter Schleife einfach angeboten.«

Jack presste seine Lippen an meine Stirn. »Es ging um mein Leben. Ich hätte umgekehrt genau dasselbe getan.«

Ich sah zu ihm auf, und er beugte den Kopf und küsste mich. In diesem Moment umgab mich seine Ruhe und Gelassenheit wie eine warme Decke, die all meine Ängste erstickte.

Noch vor nicht allzu langer Zeit konnten wir uns nicht küssen, ohne dass ich Jack seine Energie gestohlen hätte. Aber dies war einfach nur ein normaler Kuss.

Moment. Es war einfach nur ein normaler Kuss.

Wenn ich eine echte Ewigliche wäre, müsste nicht ein Austausch von Energie stattfinden? Wenn Coles Lippen sich meinen genähert hatten, war jedes Mal ein heftiger Strom von Gefühlen von mir zu ihm geflossen. Müsste es mir nicht jetzt genauso gehen?

Ich zog mich von Jack zurück.

»Was ist los?«, fragte er.

»Ich konnte nichts spüren. Gar nichts. Ich habe dir nichts weggenommen. Wäre ich eine echte Ewigliche, hätte ich deine Energie gestohlen.«

Jack schnaubte. »Siehst du? Du kannst also noch keine Ewigliche sein. Es ist also noch nicht zu spät. Wir finden dein Herz und werden es zerstören. Es ist noch nicht zu spät!«

Ich nickte und vergrub dann mein Gesicht an seiner Brust. Vielleicht hatte Jack recht. Ich konnte nichts spüren, außer dass ich kein Herz mehr hatte. Doch selbst ohne Herz hatte ich noch einen Puls. Ich konnte Jack küssen, ohne ihm Energie zu rauben. Erleichtert sah ich ihn an. Vielleicht war es wirklich noch nicht zu spät.

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Kapitel Eins

JETZTDie Oberwelt. Bibliothek. Neunundneunzig Jahre bis zur nächsten Nährung.

Mein Zorn auf Cole hatte seinen Höhepunkt erreicht. Es musste einen besonderen Begriff geben für mein Gefühl ihm gegenüber. »Hass« reichte als Wort nicht aus. Es umfasste nicht die Unendlichkeit meiner Emotionen. Es erklärte nicht, dass sie Tag für Tag immer nur noch stärker wurden.

Cole hatte mir einmal vom Prinzip der sich endlos wiederholenden Strafe erzählt – Sisyphos, der den Stein immer und immer wieder den Berg hinaufrollen musste; Prometheus, dessen Leber jeden Tag aufs Neue von einem Adler gefressen wurde. Mein Hass auf Cole war genau das – unsterblich und zeitlos.

Ich hörte, wie Jack sich auf seinem Stuhl hin und her bewegte.

»Du befindest dich schon wieder in deiner Zornspirale, oder?«

Ich öffnete die Augen und sah, wie Jack unter dem Schirm der Schreibtischlampe hervorlugte und mich anblickte. Er saß an einem Tisch in der Ecke der Bibliothek und legte gerade ein vergilbtes Blatt Papier auf einen Stapel ähnlicher Seiten. Es waren die Dokumente, die ich aus dem Haus von Mrs Jenkins mitgenommen hatte, nachdem sie getötet worden war.

Ich schüttelte den Kopf und versuchte, das Bild der toten Mrs Jenkins, die ich zusammengesunken auf ihrer Couch gefunden hatte, aus meiner Erinnerung zu verbannen. Cole sagte mir, dass Max und die anderen Bandmitglieder der Dead Elvises sie getötet hatten. Sie wusste zu viel über mich, und Cole wollte vor der Königin verheimlichen, dass eine Spenderin die Nährung überlebt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie er den Thron im Ewigseits an sich reißen wollte, aber eines war klar – er verließ sich dabei auf das Überraschungsmoment.

Die Dokumente, die Jack vor sich liegen hatte, waren die einzige Hinterlassenschaft von Mrs Jenkins. Und da Cole zwei Wochen zuvor mein Herz gestohlen und dann die Stadt verlassen hatte – was er ständig zu tun schien, wenn man ihn brauchte –, waren sie alles, worauf wir uns stützen konnten.

»Woher weißt du, dass ich schon wieder in meiner Zornspirale gefangen bin?«, fragte ich.

Jack seufzte. »Weil deine Hand auf deiner Brust lag und du die Augen zusammengekniffen hattest. Und dann dieser Ausdruck im Gesicht, den du immer hast, wenn du jemanden am liebsten vierteilen willst.«

Ich langte über den Tisch hinweg und strich ihm eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht. »Du hasst ihn doch auch.«

Er zuckte mit den Schultern. »Natürlich. Aber ich versuche mich darauf zu konzentrieren, eine Lösung für deinen … Zustand zu finden.«

»So nennen wir das jetzt also? Meinen Zustand? Mir fehlt ein lebenswichtiges Organ. Da bezweifle ich stark, dass Zustand der richtige Ausdruck ist.«

»Aber wir sind nach wie vor nicht sicher, ob du schon eine Ewigliche bist. Du konntest dich noch nicht von mir nähren.«

Jack hatte recht. Seit jener ersten Nacht hatte ich mehrmals versucht, mich von ihm zu nähren. Aber nichts war passiert. Konnte es sein, dass ich noch immer ein Mensch war, obwohl Cole mein Herz gestohlen hatte?

Wenn er hier wäre, könnte ich ihn selbst fragen, doch er hatte sich zusammen mit der Band davongemacht. Und sehr wahrscheinlich mit meinem Herzen. Jack und ich hatten drei Tage vor seiner Wohnung campiert, ehe wir im Internet vom Konzert der Dead Elvises in Milwaukee erfuhren.

»Kann ich ehrlich sein?«, fragte ich.

»Du meinst, ob du pessimistisch sein kannst?«, entgegnete Jack.

»Ehrlichkeit und Pessimismus scheinen in letzter Zeit irgendwie ein und dasselbe zu sein.«

Jack seufzte. »Na, sag schon.«

»Wir haben sämtliche Dokumente durchgearbeitet. Tausendmal. Und wir haben nichts gefunden.«

Jack zeigte auf die Seiten, die vor ihm lagen. »Hier zumindest gibt es eine Beschreibung, wie man zum Schatten wird. Wenn man lang genug ein Ewiglicher ist und dann eine Nährung verpasst, wird man offenbar zum Schatten.«

Eine Nährung verpassen. Ich kannte nur einen einzigen Ewiglichen, der eine Nährung verpasst hatte. Ich erinnerte mich an unsere Reise durch das Labyrinth. »Coles Freund Ashe hat eine Nährung versäumt. Er sah aus, als wäre er ganz und gar aus Rauch. Vielleicht war er bereits im Begriff, zum Schatten zu werden.« Ich schüttelte den Kopf. »Ist auch egal. Beschreibungen über Schatten helfen mir nicht weiter.«

»Du kannst nie wissen, was uns weiterhilft. Wir müssen einfach dranbleiben.« Er blätterte durch einige der Seiten. »Hier steht etwas über einen glühenden Fels. Vielleicht hat das etwas zu bedeuten. Vielleicht kann Professor Spears etwas dazu sagen.«

Ich verdrehte die Augen und schaute aus dem Fenster. Auch das hatten wir schon probiert. Wir waren bei Professor Spears gewesen. Ein Mal hatte er uns bereits geholfen, als er die Symbole auf einem antiken Armband gedeutet und uns gesagt hatte, dass sich Coles Herz vermutlich außerhalb seines Körpers befände.

Letzte Woche hatten wir ihn in seinem Büro aufgesucht und ihm die ganze Wahrheit erzählt – über Cole, über mich und mein verschwundenes Herz und dass ich nun auch eine Ewigliche war. Er hatte uns beschuldigt, ihm einen üblen Streich zu spielen, und war kurz davor gewesen, uns rauszuwerfen. Wir hatten zwar Meredith’ Armband dabeigehabt, doch das war noch lange kein Beweis für unsere Geschichte. Und ich vermutete, auch Schriftstücke über einen glühenden Felsen würden uns nicht wirklich weiterhelfen. Es war absolut frustrierend, dass wir ihn nicht überzeugen konnten.

»Professor Spears kann doch nicht der Einzige sein, der sich mit all dem auskennt«, sagte Jack.

»Stimmt, aber die anderen, die über alles Bescheid wissen – die Töchter Persephones und die Ewiglichen selbst –, sind nicht gerade sehr auskunftsfreudig.«

Durchs Fenster konnte ich den Stadtpark sehen, wo ein Elternpaar abwechselnd ein kleines Kind auf einer Schaukel anschubste und ein Mann für seinen Golden Retriever ein Frisbee warf. Eine Gruppe von Mädchen spielte eine Art Fangen, bei dem sie sich gegenseitig antippten und daraufhin wie eingefroren stehen blieben. Sie alle genossen den klaren blauen Frühsommerhimmel. Ich schaute noch einmal zu dem jungen Elternpaar. Würden Jack und ich jemals zusammen alt werden? Würde ich überhaupt alt werden?

»Becks, schau mich an«, sagte Jack.

Ich wandte den Blick vom Fenster ab und sah ihm in die Augen.

»Wir werden einen Weg finden, um dich zu retten.«

Ich lächelte. »Schau mich an. Ich muss nicht gerettet werden. Ich werde einfach nur niemals altern. Und wenn in neunundneunzig Jahren die nächste Nährung ansteht, werde ich sie einfach verpassen und dann wahrscheinlich sterben. Aber immerhin haben wir neunundneunzig Jahre zusammen.«

Bei dieser Überlegung gab es einen Aspekt, den ich Jack noch nicht gebeichtet hatte. Am Tag nachdem Cole mein Herz gestohlen hatte, hatte ich begonnen, mich schwach zu fühlen. Seither war es nur noch schlimmer geworden, doch ich wollte Jack keine Angst machen.

Jack streckte seine Hand über den Tisch hinweg nach mir aus und berührte meine Wange. Ich war überrascht, dass sein Arm so weit reichte. Andererseits war er ja so viel größer und kräftiger aus den Tunneln zurückgekehrt. Auch seine Arme schienen länger geworden zu sein.

»Vielleicht bist du derjenige, der gerettet werden muss«, sagte ich.

Jack zog eine Augenbraue hoch. »Warum glaubst du das?«

»Weil du so viel größer und kräftiger aus den Tunneln zurückgekommen bist. Und wer wächst schon noch, wenn er achtzehn ist?«

Jack presste die Lippen aufeinander und ließ seine Hand sinken. »Es ist noch niemand daran gestorben, dass er größer und kräftiger geworden ist.«

»Stimmt, aber in Indiana ist mal einer gestorben, weil er zu viele Muskeln hatte.«

Jack verzog den Mund zu einem Grinsen. »Das hast du dir doch bloß ausgedacht.«

»Im Ewigseits ist nichts, wie es scheint. Die Tatsache, dass du gewachsen bist …«

»Lass uns nicht über Dinge nachdenken, über die wir nichts wissen. Keine Ahnung, warum ich gewachsen bin, aber zumindest habe ich all meine lebenswichtigen Organe noch.« Er langte erneut über den Tisch und legte seine Hand auf meine Brust. »Nenn mich egoistisch – und das bin ich wohl, wenn es um dich geht –, aber ich will dich. Dich und alles, was zu dir gehört. Dein Herz eingeschlossen.«

»Du hast mein Herz doch längst.«

»Nur im übertragenen Sinne.«

»Dann nimm stattdessen meine Hände«, sagte ich.

Jack lächelte, umfasste meine Handgelenke und führte meine Hände an seine Lippen. Er küsste jede einzelne Fingerkuppe. »Was kann ich sonst noch haben?«

»Hmmmm«, sagte ich, immer noch auf die Berührung seiner Lippen konzentriert. »Meine Ellbogen. Die geb ich noch als Bonus dazu.«

Er ließ meine Handgelenke los und griff nach meinen Ellbogen. »Wenn ich deine Ellbogen habe, brauche ich auch den Rest deiner Arme.«

»Ich denke, darüber lässt sich reden«, sagte ich.

Breit grinsend stand er auf und zog mich in eine nahe gelegene Ecke hinter ein Bücherregal. Sanft führte er mich, bis ich rücklings an der Wand stand. Seine Hände wanderten von meinen Ellbogen hoch zu meinem Hals. Ich warf einen Blick über seine Schulter, um sicherzugehen, dass uns niemand sehen konnte. Doch als er den Kragen meines Shirts beiseiteschob und seine Lippen auf meine Schulter presste, war es mir plötzlich egal, ob man uns beobachtete oder nicht.

»Äh, über die Schultern haben wir uns aber noch nicht geeinigt«, hauchte ich mit atemloser Stimme.

»Tut mir leid«, antwortete Jack. »Aber bei dem ganzen Gerede über Ellbogen und so weiter konnte ich mich nicht mehr bremsen.«

Ich neigte meinen Kopf zur Seite, sodass seine Lippen besser an meinen Hals kamen. »Warte ab, bis ich dir erst von meinen Kniescheiben erzähle.«

Er legte seine Lippen auf meine, und ich dachte nicht länger an meine Kniescheiben.

Ein summendes Geräusch unterbrach uns. Wir lösten uns voneinander und rangen nach Luft. Jack zog sein Handy aus der Tasche und schaute auf das Display.

»Eine SMS von Jules. Sie und Tara Bolton fragen, ob wir Lust auf ein Konzert haben. Die Deads haben offenbar einen Überraschungsauftritt in Salt Lake City angekündigt.«

Ich riss meine Augen weit auf. »Cole ist wieder da. Das heißt …«

»Das heißt, wir zwei haben heute Abend was vor.« Er griff nach meinem Arm und schaute mir tief in die Augen. »Cole würde dein Herz niemals in einer anderen Stadt lassen. Er würde das Risiko nicht eingehen, es nicht in seiner Nähe zu haben. Aber er wird es sicher auch nicht mit zum Konzert nehmen. Jede Wette, dass es jetzt in seiner Wohnung ist. Das heißt, heute Abend suchen wir dein Herz!«

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Kapitel Zwei

JETZTDie Oberwelt. Zu Hause.

Beim Abendessen mit meinem Vater und Tommy schlang ich hastig etwas Pizza und Blattsalat hinunter. Falls mein Leben jemals wieder normal werden sollte, würde ich einige ernsthafte Veränderungen unseres Speiseplans vornehmen.

Ich schluckte das letzte Stück Salami runter und warf meine Serviette auf den Teller.

Mein Vater wollte sich gerade ein ganzes Stück Pizza in den Mund schieben, als er mitten in der Bewegung innehielt. »Gibt es heute einen Preis für besonders schnelles Essen?«

Tommy kicherte.

»Nein. Ich will mich nur rasch fertig machen, um mit Jack auszugehen«, sagte ich und schob meinen Stuhl zurück. »Darf ich aufstehen?«

»Ist in Ordnung. Aber komm nicht zu spät nach Hause, ja?Morgen fängt die Sommerakademie an der Schule an, nicht wahr?«

Ich seufzte. Als ob er das nicht ganz genau wusste. Als hätte er keine besonderen Absprachen mit Mrs Stone getroffen, um dafür zu sorgen, dass ich an den Kursen teilnehmen durfte, auch wenn meine Noten nicht gerade berauschend waren.

Mein Dad hatte seine Hoffnungen hinsichtlich meiner akademischen Karriere noch nicht aufgegeben.

»Ich werde pünktlich dort sein.« Sobald ich in die Wohnung der Dead Elvises eingebrochen bin und mir mein Herz zurückgeholt habe.

Ich stand auf und wuschelte Tommy im Vorbeigehen durch die Haare. Jack wartete in meinem Zimmer auf mich, um zu besprechen, wie wir vorgehen wollten. In meinem Bauch kribbelte es. Einbruch – das war mal eine neue Erfahrung für mich.

Mitternacht. Parkplatz vor Coles Wohnung.

In Coles Wohnung war es dunkel. Zumindest nahm ich es an, da ich von meinem Platz auf Jacks Beifahrersitz aus nicht jeden Winkel und jedes Fenster sehen konnte. Jack öffnete eine braune Papiertüte, die zu seinen Füßen gelegen hatte, nahm eine der schwarzen Skimasken darin heraus und warf sie mir auf den Schoß. Mit einem Mal wurden meine Füße buchstäblich eiskalt.

»Was, wenn es doch ein Trick ist?«, fragte ich.

Jack erstarrte, obgleich seine Lippen ein Lächeln andeuteten. »Du meinst, es könnte eine Falle sein?«

Ich nickte.

Einen Ellbogen auf das Lenkrad gestützt, drehte sich Jack zu mir: »Du meinst also, die Dead Elvises haben zum Schein für heute ein Konzert angekündigt, zum Schein Tickets verkauft und zum Schein einen Veranstaltungsort gebucht, nur damit sie in ihrer Wohnung alle Lichter ausschalten und sich hinter den Möbeln verstecken können – für den Fall, dass wir bei ihnen einbrechen?«

Ich nickte erneut. »Genau. Das klingt ziemlich logisch. Wir sollten einfach nach Hause fahren.«

Er schüttelte den Kopf. »Wir würden das alles nicht tun, wenn wir nicht dazu gezwungen wären. Wenn es nicht die einzige Chance wäre, dir zu helfen.«

»Ich weiß«, sagte ich. »Trotzdem werde ich den Gedanken nicht los, dass es eine Falle sein könnte.«

»Cole braucht dich lebend. Deshalb haben wir überhaupt nichts zu befürchten.« Als er meinen besorgten Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er hinzu: »Jules ist doch bei dem Konzert. Ich schicke ihr eine SMS und frage sie, ob die Band tatsächlich dort ist oder ob es nur ihre Hologramme sind.«

Er zog sein Telefon aus der Tasche und tippte auf dem Display herum. Ich starrte noch einmal in Richtung der dunklen Wohnung und biss mir auf die Lippe.

»Haben wir auch wirklich alles bedacht?«

Jack tippte weiter, während er antwortete. »Wir wissen, dass sie keine Alarmanlage haben.«

»Zumindest nicht bis vor drei Wochen«, sagte ich und erinnerte mich an das letzte Mal, als ich in Coles Wohnung gewesen war. Bevor wir ins Ewigseits aufgebrochen waren, um Jack zu retten. Bevor Cole mich betrogen hatte. Es schien unendlich lange her zu sein.

»Du kennst den Code für seine Wohnungstür«, sagte Jack.

»Eins-vier-null-sieben«, sagte ich. Ich hatte oft genug beobachtet, wie Cole die Tür geöffnet hatte.

»Und wir wissen, dass Cole einen Safe in der Wand eingebaut hat«, sagte Jack.

Ich nickte. Auch daran erinnerte ich mich gut.

»Und wir wissen, was wir suchen«, sagte Jack.

Ich nickte und runzelte die Stirn. »Den Kompass. Mein Herz.«

Wenn wir ihn finden und zerstören könnten, würde mich das vielleicht heilen. Und wenn nicht, wäre es zumindest ein großer Schritt dahin, mich wieder sterblich zu machen. Jack ergriff meine Hand und drückte sie. »Er ist in dem Safe. Er muss einfach dort sein. Und sobald wir den Safe öffnen, wirst du wissen, dass es die ganze Mühe wert war.«

Er zog die Akkubohrmaschine aus der Tüte und richtete sie wie ein in die Enge getriebener Cowboy auf etwas außerhalb des Wagens.

Ich starrte ihn an. »Erklär mir noch mal, wozu wir die Bohrmaschine brauchen.«

»Safeknacker benutzen immer Bohrmaschinen«, sagte Jack entgeistert, als hätte er mir das schon hundertmal erklärt.

»Safeknacker im Film«, sagte ich.

»Genau, und Filme basieren auch immer auf der Wahrheit.«

»Wie zum Beispiel Xanadu? Wo die griechischen Musen Rollschuh laufen?«

Xanadu war einer der seltsamen Lieblingsfilme meiner Mutter gewesen.

»Stimmt«, sagte Jack, um ein ernstes Gesicht bemüht. »Jeder hat eine Rollschuh laufende griechische Muse. Und du, Becks, fährst hier eine Verzögerungstaktik.«

Ich nickte. »Ich bin im Begriff, ein Verbrechen zu begehen. Natürlich will ich das hinauszögern.«

»Es ist kein Verbrechen, es ist Selbstverteidigung.«

Ich atmete tief ein und zog mir dann die Skimaske über den Kopf. »Dann los.«

Jacks Handy vibrierte. Er sah auf das Display. »Jules schreibt, das Konzert sei super.« Er schob das Telefon zurück in seine Tasche. »Es ist keine Falle. Lass uns gehen.«

Wir stiegen aus dem Wagen und schlichen die Treppen zur umlaufenden Veranda hinauf, über die man zu Coles Wohnungstür gelangte. Im Fenster der Nebenwohnung bewegte sich etwas, und ich hatte plötzlich Zweifel wegen der Skimasken.

»Falls uns jemand sieht, ziehen wir mit den Masken sicher mehr Aufmerksamkeit auf uns als ohne.«

»Zu spät«, sagte Jack.

Wir erreichten die Tür, und ich gab den Code in das Tastenfeld ein. Das kleine Lämpchen leuchtete mehrmals rot auf, ehe es wieder erlosch.

Ich rüttelte am Türknauf, doch nichts passierte.

»Versuch es noch mal«, sagte Jack.

Ich gab den Code erneut ein und achtete diesmal genau auf die Zahlenfolge, doch das Lämpchen leuchtete wieder rot.

»Verdammt«, sagte ich.

Ein Bewegungsmelder am Ende der Veranda leuchtete auf. Ich riss mir die Maske runter. »Lass uns abhauen.«

Jack schüttelte den Kopf. »Jetzt sind wir schon mal hier, wir werden diese Gelegenheit nicht einfach vergeuden. Wir haben nur eine Wahl.«

»Von der Veranda springen?«, fragte ich hoffnungsvoll.

Jack lächelte. Er trat einen Schritt zurück, hob ein Bein und trat gegen die Tür. Mit einem kurzen Knacken brach das Schloss heraus, und die Tür öffnete sich. Irgendwo in der Nähe begann ein Hund zu bellen.

»Ist das dein Ernst?«, zischte ich. »Das war unsere einzige Wahl?«

»Wir sind drin, oder? Außerdem, wenn wir dein Herz stehlen, weiß Cole sowieso, dass wir eingebrochen sind, da ist es doch egal, ob die Tür eingetreten ist.«

Wir schlüpften in die Wohnung und zogen die Tür hinter uns zu. Jack schaltete eine Taschenlampe ein, warf sie mir zu und umfasste dann die Bohrmaschine mit beiden Händen.

Ich war nicht sicher, ob wir die Bohrmaschine überhaupt brauchen würden. Es hätte mich jedenfalls nicht überrascht, wenn Jack den Safe mit seinen bloßen Händen aus der Wand reißen und auseinanderbrechen könnte.

Schnell hatten wir Coles Zimmer erreicht, und ich ließ den Strahl der Taschenlampe die Wand entlanggleiten, bis er auf die kleine Metallbox in der Wand traf.

»Das ist er«, sagte ich.

Wir stellten uns direkt davor, und Jack warf die Bohrmaschine auf Coles Bett. Aus der Nähe konnte ich erkennen, dass die Wand um den Safe herum frisch gestrichen zu sein schien, als sei er vor Kurzem erst eingebaut worden. Gerade als ich eine entsprechende Bemerkung machen wollte, hob Jack eine Faust und schlug rechts neben dem Safe ein Loch in die Wand.

»Jack!«, sagte ich.

»Mir geht es gut.« Er langte mit der Hand in das Loch, schob den Arm bis zum Ellbogen hinein und zerrte dann den ganzen Safe aus der Wand.

Mein Mund blieb einen Augenblick lang offen stehen. Solche Dinge passierten sonst nur in Filmen mit Superhelden. Aber ich hatte es ja geahnt.

Jack trug den Safe zum Schreibtisch in der Ecke des Zimmers und nahm die Bohrmaschine wieder in die Hand. Doch noch ehe er sie einschalten konnte, fiel mir auf, dass auf der Vorderseite des Safes etwas in das Metall eingeritzt war.

»Stopp!«, rief ich und zeigte auf die Gravur.

Dreh mich um stand da. Unter den Worten war ein großer Pfeil zu erkennen, der auf eine kleine Kurbel zeigte, die an der Seite des Safes aus einem Loch im Metall herausragte.

»Was soll die Kurbel bedeuten?«

»Viel wichtiger ist«, sagte Jack, »was hat die Nachricht zu bedeuten?«

Er zögerte eine Sekunde, griff dann aber nach der Kurbel.

»Warte!«, sagte ich.

Er erstarrte.

»Was, wenn es doch eine Falle ist?«, sagte ich. »Eine Bombe oder so?«

Er sah mich an. »Das ergibt keinen Sinn.«

»Aber was, wenn etwas Schreckliches in dem Safe drin ist?«

»Zum Beispiel?«

Ich zuckte mit den Schultern.

Jack begann, die Kurbel zu drehen.

»Zum Beispiel ein Kopf!«, sprudelte es aus mir heraus. »Ein abgehackter Kopf.« Ich legte meine Hände auf den Safe und versuchte, die Höhe, Breite und Länge abzuschätzen. »Die Größe kommt ungefähr hin.«

Ich wusste, dass Jack seine Augenbraue hochzog, obwohl er die Skimaske trug. Ich streckte den Arm aus und riss ihm die Maske vom Kopf. Ja, er hatte die Augenbraue hochgezogen.

Er legte den Kopf schief. »Du meinst, Cole hat einfach irgendeinen Typen geköpft, seinen Kopf in diesen Safe gelegt, eine Kurbel eingebaut und einen Hinweis in die Tür geritzt, damit jeder, der hier einbricht … sich so sehr ekelt, dass er, ohne etwas zu stehlen, einfach wieder abhaut?«

Ich nickte.

Er drehte die Kurbel ein weiteres Mal. Nichts geschah.

Er drehte die Kurbel wieder und wieder, bis eine leise Melodie erklang.

Jack sah mich an. »Ist das …?«

»Pop Goes the Weasel.« Mir rutschte das Herz in die Hose – im übertragenen Sinne. Pop Goes the Weasel hatte bestimmt nichts Gutes zu bedeuten.

Jack drehte die Kurbel nun immer schneller, bis die Safetür aufsprang und ein Clownskopf hervorschnellte. Vor Schreck hüpfte ich fast einen halben Meter in die Luft, obwohl ich sehen konnte, dass es sich nur um ein harmloses Stück Plastik auf einer Spirale handelte.

An der Fliege des Clowns hing eine weitere Nachricht.

Jack lehnte sich vor und las laut vor:

»Da steht: ›Ich wette, ihr habt hier ein Herz in Form eines Kompasses erwartet.‹« Er hielt inne und löste die Nachricht von der Clownsfliege ab. »Und darunter hat er ein Smiley gemalt.«

Ich riss ihm den Zettel aus der Hand, schaute kurz drauf, zerknüllte ihn dann und warf ihn in die Ecke. Es fühlte sich an, als hätte ich das letzte bisschen Hoffnung zerknüllt und weggeworfen.

»Ich hasse Cole«, sagte ich und sah Jack an. Das gesamte Gewicht meiner langen, unsterblichen Zukunft schien auf meinen Schultern zu lasten. »Sag mir, dass alles gut werden wird. Sag mir, dass ich bald wieder ein Mensch sein werde.«

Jack nickte und legte die Arme um mich. »Alles wird gut. Du wirst bald wieder ein Mensch sein.«

Er hielt mich einige Minuten lang im Arm, bis sein Handy vibrierte. Jack zog es aus der Tasche, schaute auf das Display und seufzte.

»Wer ist es?«, fragte ich.

»Cole. Er schreibt: ›Nein, wird sie nicht, sie wird Königin werden.‹«

Panisch blickte ich mich im Zimmer um und suchte nach einem Mikrofon oder einem anderen Gerät, das unsere Worte an Cole weiterleitete. Doch ich konnte nichts Ungewöhnliches erkennen. Ich schloss die Augen.

»Ich würde lieber sterben, als Königin zu werden.«

Wenige Momente später brummte das Handy erneut, und Jack las laut vor: »Er schreibt: ›Mal sehen, was der Hulk dazu zu sagen hat.‹ Ich nehme an, mit Hulk meint er mich.«

»Es ist nicht seine Entscheidung, ob ich lebe oder sterbe«, sagte ich laut in Richtung Zimmerdecke. Dann wandte ich mich Jack zu. »Es ist nicht deine Entscheidung«, flüsterte ich.

»Ich weiß«, erwiderte Jack sanft. »Ich weiß, Becks.«

Ich schlug mir die Hand vor den Mund und ärgerte mich über mich selbst, weil ich die einzige Sache, bei der Jack und ich uns uneins waren, laut ausgesprochen hatte. Ich würde lieber sterben, als Königin des Ewigseits zu werden. Jack hingegen wollte einfach nur, dass ich überlebte, egal zu welchem Preis. Ich hatte Cole zu viel verraten. Wenn es um mich ging, war er dazu bereit, jede noch so kleine Schwäche auszunutzen.

Und nun hörte er offenbar alles, was wir sagten. Max und Gavin hatten vermutlich gerade mit ihrem Schlagzeug-und-Gitarren-Duett begonnen, als Cole bemerkte, dass wir in seiner Wohnung waren.

Jack flüsterte: »Lass uns abhauen.«

Ich nickte. Ich wollte nicht, dass Cole auch nur ein weiteres Wort von dem mitbekam, was wir sprachen. Jack nahm meine Hand, und ich folgte ihm nach draußen auf die Veranda. Trotz des zerstörten Schlosses zog er die Tür hinter sich zu.

Wir waren erst ein paar Schritte weit gekommen, als ich den Schatten eines Mannes entdeckte, der den Zugang zum Treppenhaus blockierte. Jack sah ihn ebenfalls und blieb abrupt stehen.

Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen, da der Mann mit dem Rücken zum beleuchteten Treppenaufgang stand, aber ich sah, dass er einen großen Hut mit Krempe – vielleicht einen Cowboyhut? – und einen Trenchcoat trug.

Wer auch immer es war, er stand einfach da. Zwar konnte ich nicht ausmachen, ob er uns anschaute, aber ich fühlte seine Blicke auf mir.

»Verhalt dich ganz normal«, sagte Jack, doch angesichts der Tatsache, dass wir soeben aus einer Wohnung mit zerstörtem Schloss gestolpert und beim Anblick des Fremden erschrocken stehen geblieben waren, war es wohl etwas zu spät, sich »normal« zu verhalten.

Langsam gingen wir auf den Mann zu.

Er machte keine Anstalten, zur Seite zu treten. Also gaben wir es auf, so zu tun, als wäre nichts. Jack schaltete die Taschenlampe an und leuchtete das Gesicht des Mannes kurz an. Zunächst fiel mir nichts Seltsames auf, bis ich seine Augen sah. Sie waren pechschwarz. Ein Schauer lief mir den Rücken herunter, als der Mann lächelte und zwei Reihen schwarzer Zähne zum Vorschein kamen.

Wir hielten wieder inne.

»Komm, wir nehmen den Hinterausgang«, sagte ich mit brüchiger Stimme.

»Welchen Hinterausgang?«, flüsterte Jack.

Ich zerrte an seinem Arm. »Ich weiß es nicht, aber es muss doch einen Hinterausgang geben. Und wenn nicht, müssen wir einen erfinden.«

Jack nickte. »Ich denke, das ist eine gute Idee.«

Wir rannten in die entgegengesetzte Richtung, an den anderen Wohnungen vorbei, bis wir ein Notausgang-Schild sahen.

Wir liefen eine schmale Treppe hinunter, dann stieß Jack die Tür nach draußen auf, und wir stürzten zum Auto.

Als wir am Wagen ankamen und ich die Tür an der Beifahrerseite aufreißen wollte, spürte ich, wie meine Knie unter mir nachgaben. Ich bekam gerade noch den Türgriff zu fassen, ehe ich zu Boden ging.

»Becks? Ist alles okay?«

»Ja«, rief ich und versuchte zu verbergen, wie sehr ich außer Atem war. Ich wusste noch immer nicht, was es mit dieser neuen Schwäche auf sich hatte, und bis ich einschätzen konnte, was los war, wollte ich Jack nicht beunruhigen.

Ein Teil von mir, der naive Teil vielleicht, hoffte, dass diese Schwäche einfach vorübergehen würde, bevor es jemandem auffiel. Ein anderer Teil hoffte noch immer, dass mein Zustand nichts mit meinem fehlenden Herzen zu tun hatte.

Doch tief in mir drin war mir klar, dass die Schwäche einzig und allein damit zu tun hatte.

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Kapitel Drei

JETZTDie Oberwelt. In den Bergen.

»Wer war der Typ?«, fragte Jack, während er viel zu schnell die Serpentinenstraße hinunterbrauste. »Oder vielleicht sollte ich lieber fragen, was war das für ein Typ?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. So etwas wie ihn habe ich noch nie gesehen. Vielleicht haben wir aber auch nur nicht richtig hingeschaut. Vielleicht war er einfach nur verkleidet … für eine Kostümparty oder so?«

»Bestimmt. Eine Kostümparty im Juni. Auf einer Veranda, ganz allein.«

Im Verlauf der nächsten Minuten blickte ich immer wieder in den Rückspiegel, auch wenn mir kein Grund einfiel, warum der Mann im Trenchcoat uns folgen sollte.

Als ich sicher war, dass uns keine Gefahr mehr drohte, lehnte ich mich in den Sitz zurück und sagte: »Wir haben aber noch ein viel größeres Problem: Offenbar hat Cole uns erwartet.«

Jack seufzte, setzte den Blinker und bog in mein Viertel ein. »Und was wollen wir jetzt tun?«

»Nach Tahiti ziehen«, sagte ich und schaute aus dem Fenster, während Jack vor unserem Haus parkte.

»Das sähe aber sehr danach aus, als liefen wir vor unseren Problemen davon.« Er nahm meine Hand und führte sie an seine Lippen. »Treffen in fünf Minuten?«

Ich nickte. »Ich lass das Fenster offen.«

Ich lief ins Haus, am Arbeitszimmer meines Dads vorbei. Als er mich bemerkte, schaute er von seinem Laptop auf.

»Es ist schon ganz schön spät. Wie war dein Date?«, fragte er.

»Nett.« Wir sind in die Wohnung eines Ewiglichen eingebrochen und wollten mein Herz, das jetzt ein Kompass ist, holen, sind aber mit leeren Händen zurückgekommen. »Ganz normal … das Übliche. Gute Nacht«, rief ich noch über die Schulter hinweg.

»Nächstes Mal bist du aber spätestens um Mitternacht zu Hause«, rief mein Dad zurück.

Als ich mich fürs Bett fertig machte, brach sich meine Enttäuschung Bahn. Wir hatten mein Herz nicht gefunden und waren somit keinen Schritt weiter gekommen. Und damit nicht genug – Cole hatte unseren Einbruch vorhergesehen und war uns nicht nur einen, sondern gleich mehrere Schritte voraus.

Er hatte gewusst, dass wir den Safe öffnen würden.

Ich schüttelte den Kopf und gab Zahnpasta auf meine Zahnbürste. Cole hatte mich schon immer viel zu gut gekannt. Er hatte mich überredet, mit ihm zur Nährung zu gehen. Er hatte mich ausgetrickst, sodass ich mich im Ewigseits drei Mal von ihm genährt hatte.

Ich wusch mir das Gesicht, schaute mich selbst im Spiegel an und gähnte. Unter meinen Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab, die ich nur bekam, wenn ich die ganze Nacht wach war. Und auch mein Gesicht war blasser als sonst.

Vielleicht schlief ich nicht genug.

Ich ging in mein Zimmer und öffnete das Fenster für Jack.

»Alles okay?«, fragte er.

Meine Hand wanderte zu meinem Gesicht. Mein Zustand schien doch sichtbarer zu sein, als ich gedacht hatte. »Ja. Ich fühle mich nur plötzlich so erschöpft.«

Jack runzelte die Stirn. »Bist du krank?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin einfach nur müde von unserem Einbruch. Das ist alles.«

Jack presste die Lippen aufeinander, als wollte er das Thema noch nicht ruhen lassen, doch ich zog ihn zu meinem Bett und schlang die Arme um ihn.

»Wenn Cole es nicht will, werden wir mein Herz nie finden«, sagte ich und merkte, wie mir die Augen zufielen. »Da er jetzt wieder hier ist, schlage ich vor, dass wir ihn morgen zur Rede stellen.«

Jack lächelte. »Morgen hast du Sommerakademie.«

Ich verzog das Gesicht. »Okay, dann nach dem Unterricht.« Ich konnte die Erschöpfung in meiner Stimme hören.

»Jetzt schlaf erst mal, Becks. Wir kriegen das schon hin.«

Ich konnte meine Augen nicht mehr offen halten und schlief in Jacks Armen ein. Es gab keinen Ort, an dem ich lieber sein wollte. Nun musste ich nur noch einen Weg finden, auch hier zu bleiben.

Nachts. Mein Schlafzimmer.

Ich renne eine Reihe von Gängen entlang. Jemand folgt mir. Die Wände der Gänge bewegen sich auf mich zu. Hände greifen nach mir, kommen aus den Wänden hervor, packen mich an meinen Haaren, meinen Armen, meinen Beinen.

Ich biege um eine Ecke und stoße mit einer großen, königlichen Frau mit feuerrotem Haar zusammen.

Die Königin des Ewigseits. Adonia. Bei ihrem Anblick beginnt mein Herz zu rasen.

»Ich sehe dich«, sagt sie.

»Nein«, versuche ich zu erwidern, doch es kommt kein Ton aus meinem Mund. Ich laufe rückwärts und stolpere über etwas, das am Boden liegt.

Eine Leiche. Sie liegt auf dem Bauch. Ich packe sie an der Schulter und drehe sie um. Ich blicke in mein eigenes totes Gesicht. Ich versuche zu schreien, doch noch immer kommt kein Ton aus meiner Kehle.

Die Königin beugt sich zu mir herunter. »Ich sehe dich. Du wirst es versuchen. Und du wirst es nicht schaffen. Du wirst sterben.«

»Ich will den Thron nicht!«, versuche ich zu schreien, doch es ist nur ein Flüstern. »Ich will ihn nicht!«

 

Ich schreckte aus dem Schlaf auf, die Hand fest gegen meine Brust gepresst. Ich wusste, dass es ein Traum gewesen war. Nur ein Traum. Doch Träume waren immer auf seltsame Weise mit dem Ewigseits verbunden. Ich fürchtete, dass die Königin mich tatsächlich sehen konnte. Das Mädchen, das ihren Thron bedrohte. Doch noch mehr fürchtete ich, dass die Königin mich finden würde.

Ich blinzelte mehrmals, um den Schlaf aus meinen Augen zu bekommen, doch die Welt schien trotzdem wie im Nebel versunken, als hätte ich am Abend eine Schlaftablette genommen.

Jack war nicht mehr im Bett, also stand ich auf, um in die Küche zu gehen. Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung vor meinem Fenster wahr. Da stand er, unter der großen Eiche, breitbeinig und athletisch, die Schultern eingezogen und die Fäuste vor der Brust geballt, als wollte er gleich zuschlagen. Tatsächlich hob er den Arm und boxte wieder und wieder auf den Stamm ein, bis seine Knöchel ganz blutig waren. Bei jedem Schlag splitterte Holz nach allen Seiten weg.

Ich stützte mich Halt suchend auf der Fensterbank ab. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ja, er hatte letzte Nacht ein Loch in die Wand geschlagen, doch das hier war der Stamm einer mächtigen Eiche.

Er wollte sich nicht damit beschäftigen, warum er so stark aus dem Ewigseits zurückgekommen war, denn er meinte, wir hätten Wichtigeres zu tun; zum Beispiel das Problem meiner Unsterblichkeit zu lösen. Doch wenn ich ihn mir so ansah, fragte ich mich, ob wir uns vielleicht auf die falschen Dinge konzentrierten.

Ich lehnte mich aus dem Fenster. »Jack!«

Er drehte sich zunächst nicht um, doch seine Schultern entspannten sich. Auch wenn er versuchte, sich zusammenzureißen, ich wusste, wie sehr es ihn schmerzte, dass wir mein Herz nicht gefunden hatten.

Viel mehr noch – meine Aussage, dass ich lieber sterben würde, als Königin des Ewigseits zu werden, traf ihn bis ins Mark. Nach allem, was wir gemeinsam erlebt hatten, wollte er mich um jeden Preis am Leben erhalten. Über diesen einen Punkt würden wir uns nie einig werden. Ich würde niemals eine Ewigliche werden, wenn es bedeutete, dass ich mich von anderen Menschen nähren musste. Jack hingegen würde lieber mein Spender werden, als mich sterben zu sehen. Ich konnte nur hoffen, dass es niemals dazu kommen würde.

Schließlich wandte Jack sich doch um und lächelte mich breit an.

»Hey, Becks, ich wusste nicht, dass du schon wach bist.«

»Und ich wusste nicht, dass du Bäume so sehr hasst.« Ich seufzte. »Was tust du denn da?«

Er schaute hinunter auf seine blutigen Hände, streckte die Finger und ballte dann erneut die Fäuste. »Keine Ahnung. Ich wollte herausfinden, wie viel Schmerz ich ertragen kann.«

Ich atmete lang und tief aus. »Eine ganze Menge, wie mir scheint. Geht es dir jetzt besser, wo du Bescheid weißt?«

Er nickte und schien kaum außer Atem, höchstens, als wäre er ein paar Hundert Meter gejoggt. Aus dem Bett aufzustehen, hatte mich sehr viel mehr Kraft gekostet. In seinen Augen zeigte sich keinerlei Müdigkeit, kein bisschen Schmerz, obgleich ein Tropfen Blut seine Hand herunterlief. Er wischte es an seiner Jeans ab.

Mir fiel auf, dass vor ihm am Boden ein kleiner, zusammengefalteter Zettel lag.

»Hast du etwas fallen lassen?«

Jack schaute zu Boden, sah den Zettel, hob ihn auf und ließ ihn schnell in seiner Hosentasche verschwinden.

»Was ist das?«, fragte ich.

»Deine Nachricht.«

Er musste nicht erklären, welche Nachricht er meinte. Letztes Jahr, nach dem Weihnachtsball, hatte er einen Zettel mit zwei Worten darauf in meine Tasche gesteckt.

Ewig Dein

Als ich ins Ewigseits ging, um ihn zu retten, hatte ich den Zettel mitgenommen und in seine ausgestreckte Hand gelegt. Er hatte ihn benutzt, um sich aus den Tunneln zu befreien. Und nun trug er die Nachricht immer bei sich.

»Komm rein«, rief ich. »Ich mach uns einen Kaffee, bevor ich in die Schule muss.«

Er nickte und bewegte sich in Richtung Haustür. Mit dem Ärmel seines Sweatshirts wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Bäume zu verprügeln musste doch ziemlich anstrengend sein.

Jack kam in die Küche, setzte sich und griff geistesabwesend nach Tommys Kunstprojekt auf dem Tisch – ein Bild, das er mit Wasserfarben gemalt hatte. Als er zu mir blickte, klappte ihm der Mund auf. »Becks, du siehst noch schlechter aus als gestern Nacht.«

Ich legte die Hand auf meine Wange. Ich hatte heute noch nicht in den Spiegel geschaut. »Ich glaube, ich habe einfach schlecht geschlafen. Und was Blödes geträumt.«

Er kam zu mir, legte den Arm um mich und zog mich fest an sich. »Wovon hast du geträumt?«

»Von der Königin. Sie hat mir in einem Gang aufgelauert, und Tausende Hände haben nach mir gegriffen. Sie sagte immer wieder: ›Ich sehe dich.‹ Ich konnte mich nicht vor ihr verstecken.« Den Teil mit der Leiche am Boden ließ ich aus. Ich wollte Jack nicht beunruhigen. »Hat sicher nichts zu bedeuten.«

»Stimmt«, sagte Jack. »Es hat nichts zu bedeuten. Sie hat keine Ahnung von deiner Existenz. Und das Gute an Cole ist, dass er dieses Wissen auch noch mit in sein Grab nehmen wird. Doch je eher wir ihn zur Rede stellen, umso besser.«

»Es muss bis nach der Schule warten.«

Jacks Handy vibrierte, und ich warf einen Blick auf das Display.

»Weiß deine Mutter, wo du deine Nächte verbringst?«, fragte ich.

»Jeder weiß, wo ich meine Nächte verbringe«, sagte er, drückte den Anruf weg und verstaute das Telefon in seiner Hosentasche.

»Warum unternimmt sie dann nichts dagegen?«

»Sie wird sich hüten, irgendetwas zu tun, was mich dazu bringen könnte, wieder ›wegzulaufen‹. Meine Zeit in den Tunneln hatte also auch was Gutes.«

Ich setzte mich neben ihn, und er strich mit der Hand über meine Schulter und dann meinen Rücken hinab. Ich erschauerte.

»Warum fragst du?«, sagte er. »Was denkt denn dein Vater?«

»Dass ich immer noch zwölf bin. Und zwar mit jeder Faser seines Herzens. Er hat keine Ahnung.«

»Doch, hat er«, sagte Jack, der wie immer meine Gedanken lesen konnte. »Er weigert sich nur, die Wahrheit zu sehen.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Wenn er Bescheid wüsste, würde er dich umbringen.«

Wir tranken unseren Kaffee aus, und ich wusch die erste Tasse ab und stellte sie auf die Spüle. Doch als ich nach der zweiten griff, ließ ich sie versehentlich fallen, und sie zerbrach im Spülbecken. Jack trat hinter mich und legte die Arme um mich.

»Sei nicht nervös«, sagte er.

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Normalerweise war ich nicht so ungeschickt. Die Tasse war nicht einmal nass gewesen. »Du meinst, wegen der Sommerakademie? Bin ich gar nicht. Die Tasse muss mir … weggerutscht sein.«

Er senkte den Kopf zu meinem Hals, doch noch ehe er mich küssen konnte, flog die Küchentür auf, und mein Dad schneite herein. Sein ständiges überraschendes Auftauchen funktionierte fast ebenso gut wie ein Keuschheitsgürtel.

Jack löste sich so ruckartig von mir, als hätte er einen Stromschlag bekommen.

»Ich habe meinen Thermobecher vergessen«, sagte mein Vater. »Ich hoffe, ich habe euch nicht gestört.«

»Nein, Herr … Bürgermeister«, sagte Jack nervös. Herr Bürgermeister? Ich verdrehte die Augen. Ging es noch förmlicher?

»Dad, eigentlich wollten wir gerade in die Schule fahren«, sagte ich.

Dad zog eine Augenbraue hoch. »Sehr gut, dann können wir ja zusammen los.« Er blickte auf seine Uhr. »Ich muss ins Büro.«

Ich nickte und holte mein Handy aus der Tasche, um ebenfalls nach der Uhrzeit zu schauen. Dad starrte auf meine Hand, die das Telefon hielt. »Was hast du denn da am Handgelenk?«, fragte er. »Hast du dich verletzt?«

Verwirrt schaute ich auf meine Hand. Um mein Handgelenk wand sich ein blasser Schatten, als hätte ein Uhrenarmband seine Spuren auf meiner Haut hinterlassen.

Doch auf den allerersten Blick sah es wie ein blauer Fleck aus.

Ich zog meinen Ärmel herunter und sah zu Jack hinüber, der die Augen weit aufgerissen hatte. »Es ist nichts. Ich glaube, mein Armband hat einfach nur abgefärbt.«

Ich lächelte, küsste Dad auf die Wange und war einmal mehr dankbar, dass ihm nie auffallen würde, dass ich grundsätzlich überhaupt keinen Schmuck trug.

Ich schnappte mir meine Tasche, und Jack folgte mir nach draußen. Dabei starrte er unentwegt auf sein Handy. Kaum saßen wir im Auto, rammte ich ihm auch schon meinen Ellbogen in die Rippen.

»Du scheinst ja sehr fasziniert zu sein von deinem Telefon.«

»Was ist mit deinem Handgelenk?«, fragte er. Er bemühte sich, möglichst ruhig zu klingen, erreichte damit jedoch das genaue Gegenteil. »Habe ich das gemacht? Habe ich dich letzte Nacht so fest gepackt?« Er atmete tief ein. »Habe ich dir wehgetan?«

»Nein«, sagte ich. »Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber es tut nicht weh.« Ich hob meinen Arm, hielt ihm mein Handgelenk hin und drehte es hin und her. »Es ist wirklich nichts.«

Jack schloss seine Augen und nickte. »Okay.« Er drehte den Zündschlüssel um, und im selben Moment vibrierte mein Handy.

Ich schaute auf das Display. »Eine SMS von Cole.«

»Was schreibt er?«

Ich holte tief Luft und las die Nachricht noch einmal. Unwillkürlich hatte ich auf mein Handgelenk geschaut, ehe ich die SMS laut vorlas. »Er fragt, ob das Band schon erschienen ist.«