Ewignebel - Chris D. Oak - E-Book
Beschreibung

Alestien ist bereits weit gen Süden gereist doch noch immer fehlt ihm jede Spur von seiner Mutter. Da fällt plötzlich die zierliche Stadtherrentochter Yveliña aus den Wolken. Sie berichtet von einem Magierorden, der ihre Stadt seit langem in einem gnadenlosen Würgegriff hält. Die Angst vor den Göttern lässt die Magier ihre Barmherzigkeit vergessen. Erst als Alestien herausfindet, was es mit dem Ewignebel auf sich hat und dass er ein Nebelwächter werden soll, erkennt er seine Bestimmung und die Fähigkeiten die in ihm und Yveliña verborgen liegen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl:376

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Sammlungen



KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20

Chris D. Oak

EWIGNEBEL

Die Kinder des Wandels

Roman

1. Auflage: 2018

© 2018 by Chris D. Oak, Schloß Holte-Stukenbrock

Homepage: www.chrisd-oak.de

Lektorat: Media-Agentur Gaby Hoffmann, Grabau

Coverdesign: Lepakka, Schloß Holte-Stukenbrock

Distribution: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Published in Germany

Vorwort

Mit diesem Roman erfüllt sich nun ein lang ersehnter Jugendtraum. Ich danke meiner herzallerliebsten Ehefrau für all ihre tatkräftige Unterstützung.

Das Mittelalter und die Fantasie übt seit jeher eine Faszination auf mich aus. Doch die Gedanken in eine lesenswerte und spannende Geschichte zu gießen, war eine große Herausforderung.

Mit dieser Abenteuer- und Liebesgeschichte möchte ich in eine Welt entführen, die unterhält und den Alltag vergessen lässt.

Im Jahr 2002 begann ich das abenteuerliche Buchprojekt und im Jahr 2004 endete es. Vollendet wurde es jedoch erst im Jahr 2018.

Es ist mein erstes, veröffentlichtes Werk. Ich hoffe sehr, es bereitet Freude. Viel Spaß!

KAPITEL 1

Ein Rotfuchs huschte durch das Unterholz. Er hielt inne und blickte auf. Geräusche gelangten an sein Ohr. Hinter einigen Büschen erblickte er eine Menschengestalt. Ein gespannter Bogen war auszumachen und die Spitze eines Pfeiles blitzte auf. Der Rotfuchs hastete davon. Rauschen; der Pfeil sauste durch die Luft; er traf.

Der junge Jäger trat an seine Beute heran und ließ sich niedersinken. Vorsichtig, beinahe zärtlich streichelte er über das rote Fell. Er bat um Vergebung: „Verzeih mir für den Schmerz. Lass deinen Geist in den Nebel aufsteigen. Du warst ein gutes Tier!“

Ein Knacken und der Schütze brach den Pfeil. Dann legte er sich den erschlafften Fuchs über die Schulter und wanderte gen Siedlung zurück.

Als sein Pfad über den Marktplatz führte, hielt ihn eine Gruppe junger Jägerinnen und Jäger an.

Der Älteste von ihnen hänselte: „Nach dem dutzendsten Mal hat der Pilzsammler auch endlich die Prüfung bestanden! Hat der Fuchs dir seine Flanke hingehalten?!“

Alle lachten.

Der Außenseiter senkte seinen Blick. Er erwiderte leise: „Geht bei Seite!“

Der Älteste beugte sich näher zu ihm: „Nur, weil du dich nun Waldhüter nennen darfst, bist du noch lange keiner von uns!“ Er trat einen Schritt bei Seite.

Der Gehänselte drängte sich an der Gruppe vorüber und schritt zur Kate des Dorfältesten hin. Er trat ein. „Vater, ich habe die Prüfung bestanden“, verkündete er. Achtsam legte der Sohn die Trophäe nieder.

Der Ältere entgegnete: „Nun, dann ist es an der Zeit!“

In einer dunklen Ecke hockte die Frau Mutter und stopfte einen Baumwollmantel. Sie sah nicht auf. Es schien eher, als wäre sie von Wehmut ergriffen.

Der Vater sprach weiter: „Setz dich, Alestien. Ich muss dir ein Geheimnis offenbaren.“ Hiernach schritt er zur Katentür und prüfte, ob sie gut verschlossen war.

Alestien ließ sich auf einem Hocker nieder. „Wovon sprichst du, Vater?“

Der Ältere kehrte zu seinem Sohn zurück und setzte sich gegenüber. „Denke daran, dass es wahrlich wichtig ist, ein Tier oder einen Menschen im Todeskampf darum zu bitten, seinen Geist in den Nebel aufsteigen zu lassen!“

„Das hast du mir stets gepredigt!“, erwiderte Alestien.

Der Vater nickte und fuhr fort: „Ich will dir darum berichten, wie der Ewignebel entstanden ist.“

Alestien horchte auf.

Sein Gegenüber setzte ein geheimnisvolles Gesicht auf und erklärte: „Einst gab es drei Magier. Zwei Männer und eine Frau an der Zahl. Sie waren unzertrennlich. Bis zu der Zeit, als sich die Magierin in ihrer Liebe für nur einen der beiden entschied. So kam es, dass auf der Spitze eines Grabhügels ein Streit entbrannte. Wolken zogen auf. Blitz und Donner kehrten ein. Sie wirkten Schwarze Magie. Blitze vereinten sich mit der Magie der Magier und den Geistern der Toten. Eine Einheit wurde geschaffen und es entstand der Ewignebel.“

Alestien setzte nach: „Und was geschah mit den drei Magiern?“

„Sie verschwanden, ohne dass noch jemand von ihnen hörte“

Alestien klopfte mit den Fingern auf das Holz des Tisches und murmelte: „Dann schufen sie also in ihrem Unglück das Glück der Nachwelt!“

Sein Vater nickte und blickte zur Mutter, die sich still und leise erhob. Er fuhr fort: „Doch das ist nicht alles, was ich dir zu berichten gedachte.“ Ernst blickte er seinem Sohn in die Augen. „Verurteile uns nicht dafür, dass wir solange damit warteten. Doch warst du immer, wie unser eigen Fleisch und Blut. Daher brachten wir es nie über das Herz. Wir lieben dich, wie als wärest du unser eigener Sohn, doch bist du es nicht!“

Alestien lächelte ungläubig.

Der Vater seufzte und wiederholte: „Wir sind nicht deine Eltern. Du wurdest uns vor vielen Sommern in die Hände gelegt, auf dass wir gut auf dich achtgeben und dich zu einem Manne heranziehen mögen.“

Alestiens Augen weiteten sich. Er wurde blass.

Die Mutter Waldhüterin legte ihre Hände sanft auf Alestiens Schultern.

Der junge Mann erstarrte.

Sie sagte: „Die Frau, die dich uns übergab, sprach seinerzeit: Wenn wir es für recht erachten, so sollen wir dich gen Süden schicken.“

Alestien stotterte: „Wer ... warum ... Ich soll ausziehen, um sie zu finden? Warum kehrt nicht sie zu mir zurück?! Wie soll ich sie erkennen und was ist mit meinem Vater?“ Der junge Mann versuchte sich aufzurichten und die Mutter Waldhüterin legte ihre Hände auf seinen Arm.

Sie antwortete sanft: „Wer sein Kind liebt und es in großer Gefahr wähnt, wird es manchmal verlassen. Eines Sonnenaufganges wirst du es verstehen! Sie sprach zu uns, du sollest dich in Richtung Süden aufmachen. Sobald sie deinen Namen erfährt, wird sie dich erkennen.“

Alestien fragte: „Alle im Dorf wissen um meine Herkunft? Niemand hat je versucht mir ein Freund zu sein, weil sie wussten, dass ich eines Sonnenaufganges ausziehen werde?!“

Der Vater antwortete: „So wird es sein!“

Alestien schaute die beiden vorwurfsvoll an. „Wisst ihr, wie schwer es mir ergangen ist unter den abfälligen Blicken, dem Gelächter, den Tritten?“

Der Vater Waldhüter nickte bedächtig. „Nimm deinen Bogen, einen gefüllten Pfeilköcher und Speisen mit auf die Reise. Niemand weiß, was dich auf den Pfaden erwarten wird.“

Die Mutter fügte an: „Und diesen Mantel! Er soll dir in den kalten Nächten etwas Wärme spenden. Du findest in einer Tasche ein Werkzeug. Ein Zeiteisen, was ebenfalls von deiner Mutter stammt. Sie sagte, es würde dir eines Sonnenaufganges gute Dienste tun.“ Damit legte sie ihm den Mantel über die Schultern.

„So hätte ich mir den Aufstieg zum Waldhüter niemals ersonnen.“, fügte er an. Dann verschwand er hinaus.

Alestien flüchtete in seine Kate.

Die Nacht tat er kein einziges Auge zu. Wieder und wieder versuchte er zu ergründen, ob alles bloß ein finsterer Traum sein mochte.

Doch als die Sonne aufging und er sich noch immer nicht besser empfand, fasste er einen Entschluss. Er würde ausziehen, um seine Herkunft zu ergründen.

Am Rande des Dorfes warteten Mutter und Vater Waldhüter bereits. Alestien nahm zuerst die Mutter noch einmal fest in die Arme. „Ich danke euch. Ihr habt stets einen Platz in meinem Herzen!“ Als sie sich in die Augen blickten, erkannte Alestien, wie seine Mutter Waldhüterin eine Träne verdrückte. Dann schritt er zu seinem Lehrmeister, dem Vater Waldhüter. Er drückte ihm, wie bei den Jägern Brauch, den Unterarm.

Alestien sagte: „Hättet ihr mir nie die Wahrheit berichtet, so wäre ich ewig euer Sohn geblieben. Es fehlte mir in eurer Nähe nie an etwas!“

Der Ältere erwiderte: „Du bist zu etwas Höherem bestimmt!“ Und er fügte hinzu: „Dennoch findest du hier jederzeit eine Heimat.“ Damit lösten sich die beiden voneinander. „Auf Bald!“

Die Eltern blickten ihm noch lange nach. Achtzehn Sommer hatten sie ihn nun begleitet. Eine wahrlich lange Zeit.

Eine Nacht folgte der nächsten, während Alestien die vielfältigsten Waldpfade beschritt. Manche Pfade waren kahl bewachsen, während andere einem Trümmerfeld glichen. Viele Bauerndörfer durchstreifte er, doch niemand kannte eine Frau, die nach ihrem verlorenen Sohn Ausschau hielt.

Sein Bogen bescherte ihm fleischliche Nahrung, während der Suppenkessel Fleisch und Pflanzen zu edlen Mahlzeiten mischte. Sonnenläufe vergingen und mit der Zeit schwand auch die Hoffnung. „Du bist jederzeit willkommen“, hallte es in Alestiens Gedanken nach. Doch noch würde er nicht aufgeben.

Die Vögel ließen wohlklingenden Gesang erklingen und gelegentlich raschelten einig Äste. Für einen Augenblick sah er auf. Muntere Schmetterlinge tanzten, in ihrer hellen Freude, um goldene Lichtstrahlen. Alestien senkte den Blick wieder zu Boden.

Der weite Mantel wehte um seine schmale Statur und das etwas länger gewachsene, durch den Wind krause Haar, zeugte von dem weiten und unangenehmen Weg, der hinter ihm lag.

Regelmäßig griff er in die Manteltasche zu seiner Linken, prüfte, ob das Zeiteisen ihn noch begleitete. Kühl und rau war das Metall. Er nickte. Dann rückte er den Ledersack im Rücken zurecht und der Suppenkessel klapperte.

Plötzlich blieb er stehen, hockte sich hin, nahm etwas Winziges auf die Hand und setzte es an den sicheren Wegesrand. Ein Marienkäfer ließ sich betrachten, der nun zum Dank noch einmal seine Flügel ausbreitete.

Sodann machte sich der junge Mann wieder auf den weiteren Weg. Ruhig und in seine traurige Einsamkeit verfallend, schritt er dahin. Ein Baum nach dem Nächsten zog an ihm vorbei. Waldtiere beobachteten ihn. Doch schien es ihm gleichgültig. Die Augen waren stets auf den grauen Waldboden gerichtet.

So entging ihm sogar fast, wie schnell die Sonne den Horizont erreichte und die Dunkelheit auch jeden noch so großen Lichtstrahl verglimmen ließ. In Eile suchte er sich Holz zusammen und entfachte ein kleines Feuer. Er wärmte sich die Hände daran und versank abermals in Gedanken.

Herzschläge verstrichen, da zog er sich seinen Mantel zurecht, lehnte sich an einen Baum und schloss die Augen. Kurz darauf umfing ihn die Nachtruhe.

Bei Sonnenaufgang brach er wieder auf. Lange folgte ein Baum einem Weiteren und diesem ein Weiterer … Ein Ende war nicht in Sicht. Wenn er den Blick hob, um in die Ferne zu schauen, bemerkte er bloß den einsamen Weg, der sich schnurgerade durch den Wald zog. „Der Süden“ entpuppte sich als eine sehr vage Beschreibung. Wer nur lang genug gen Süden wanderte, würde vielleicht bald wieder in der Heimat ankommen. Alestien schmunzelte.

Doch als die Sonne bereits einen weiten Satz am Himmel vorangeschritten war, sah er auf. Ein erleichtertes Lächeln umspielte seine Lippen. Er hatte einen üppigen Beerenstrauch entdeckt. Genüsslich verzehrte er mehr als zwei Handvoll. Als der süße Hunger bezwungen war, setzte er die Wanderung fort. Mit neuem Mut und neuer Kraft folgte er weiter dem alten Pfad.

Er begann zu pfeifen und bemerkte, wie der Wind immer kräftiger an den Ästen und Blättern rüttelte. Ein Zeichen dafür, dass der dichte Wald bald enden musste.

Schließlich lichtete sich das Blätterdach; immer mehr Lichtstrahlen fanden den Weg gen Boden.

Plötzlich riss der Wald in wenigen Schritten völlig ab. Alestien stand im Freien. Mit einem Lächeln sah er der Sonne entgegen und schloss für einen Moment seine Augen. Die Wärme der Strahlen taten gut auf der Haut. Er spürte, wie sie seine Wangen liebkosten.

Direkt vor ihm stieg eine riesige Felswand empor. Grau, kahl und steinig stemmte sie sich ihm entgegen. Spalten, Rillen und hervorstechende Felsbrocken zeichneten sie aus. Vereinzelt nur überdeckten dünne, grüne Ranken und Kräuterpflänzchen das Gestein. „Ob ich an ihr hinaufzuklettern vermag?“, fragte er sich selbst. Er blickte die Wand hinauf. Sie war lang. Nein, sie war sehr lang. Sie war so lang, dass er ihren Beginn droben nicht einmal erblicken konnte. Wolken versperrten ihm die Sicht. Strahlend weiß leuchteten sie, und schienen sie auch dünn, so konnte er dennoch nicht hindurchsehen.

Viele Atemzüge lang starrte er hinauf. Plötzlich erreichte ihn die Idee, dass es vielleicht einen Pfad hinauf geben könnte. Sofort machte er sich auf die Suche.

Zuerst fiel ihm auf, dass einige Schritte zu seiner Linken ein kleiner Bach den Felsen hinunter plätscherte. Ein Rinnsal nur, das sich auf dem sandigen Erdboden zu einem zwei Schritt breiten Bach sammelte. Dieser Bach führte in den dichten Wald hinein. Alestien vermochte gar einige kleinere Fische darin schwimmen zu sehen. Doch einen Weg fand er zur Linken nicht.

Plötzlich vernahm er Stimmen. Sie schienen über den Wolken zu ertönen. Er horchte auf.

„Gott der Fruchtbarkeit, des Wassers und des Lebens Hebrion. Nimm die Tochter des Stadtherren als Zeichen unserer Untertänigkeit. Schenke uns durch sie wieder Regen und damit Wasser für unsere Felder!“, sprach eine tiefe Stimme.

„Was geschieht dort?“, dachte Alestien. Wie gern hätte er die Wolken beiseitegeschoben.

Schon zwei Atemzüge darauf vernahm er die panische Stimme einer jungen Frau. „Nein, nicht! Ihr begeht einen großen Fehler! Ich trage keine Schuld an der Dürre! Die Götter können nicht auf uns zornig sein! Lasst uns erst zu ihnen beten. Bitte!!!“, schrie sie.

Wie einer Strafe ihrer Worte gleich, blitzte Licht auf und ein kurzes Zischen schallte das Gestein hinab.

Die junge Frau kreischte auf.

Alestien zuckte zusammen.

Plötzlich sah er die Silhouette einer Menschengestalt durch die Wolken stürzen. Sein Blick fiel auf ihr Ziel am Boden. Eine mächtige Trauerweide würde ihren Sturz auffangen. Unzählige, verlassene Vogelnester zierten ihre Krone. An ihrem Fuß fand sich dichtes Buschwerk. Die Gestalt streifte die Weide. Erst fingen die Äste und Nester ihren Sturz, dann rutschte sie von einem Astwerk in das Nächste. Sie versuchte vergeblich, sich festzuhalten. Mit einem letzten Rascheln versank sie schließlich im Gestrüpp.

Alestien hastete los. Die Weide war neben dem Gestrüpp noch mit Brombeersträuchern umgeben. Als er sich schließlich bis zum Baum und dem danebenstehenden Busch hindurchgearbeitet hatte, schob er mühselig einige Ästchen bei Seite.

Eingekleidet in einem langen, weißen Nachtgewand lag sie da; ohne Schuhwerk, ohne wärmenden Stoff. Ihre weibliche Gestalt ließ Alestien erröten. Die schlanken Züge zeichneten sich im Stoff ab. Alestien erkannte ein wunderschönes Gesicht, zartrosa Lippen und kastanienbraunes, schulterlanges Haar. Der junge Waldhüter musste sich durch weiteres Gestrüpp kämpfen, um sie zu erreichen. Sie war ohnmächtig und von unzähligen Schnitt- und Schürfwunden übersät. Wieviel Schmerz sie auch verspüren mochte, er musste sie aus dem Geäst befreien. Mit all seinen Kräften balancierte er mit ihr durch die Äste.

Schließlich riss er sich Löcher in die Baumwollhose. Die Brombeersträucher wollten sie ebenfalls nicht freigeben. Auf den Armen trug Alestien die junge Frau zu einer bemoosten Stelle. Dort bettete er die Verwundete sachte nieder.

Sodann sah er sich nach dem Bach um. Kühles Wasser würde ihre Schnitt- und Schürfwunden auswaschen. Alestien löste den Suppenkessel von seinem Reisebeutel und schöpfte das Nass. Langsam schleppte er den gefüllten Kessel zur Fremden zurück. Der Waldhüter kniete sich nieder und musterte die junge Frau. Was auch immer dort droben geschehen war, Alestien vermochte weder eine offene Wunde noch offene Brüche festzustellen. Sein Herz war erleichtert. Zärtlich tupfte er mit wassergetränkten Stofffetzen ihre Schürfwunden ab. Ihre Augen zuckten unter den Augenlidern.

Lange ließ er seine warme Hand auf ihrer liegen, bis sie sich ein wenig beruhigte. Dann pflückte er einige handgroße Blätter von Bäumen, sammelte lange Grashalme und zog den Beutel mit Heilkräutern hervor. Mit all diesen Zutaten verband er schließlich ihre Wunden. Er hoffte, dies würde alsbald ihre Schmerzen lindern.

Viele Gedanken huschten in seinem Haupt umher, bis die Sonne weit hinter den Bäumen versank. Alestien entfachte ein Feuer. Wärmend loderte es auf. Schließlich hockte er sich dicht neben sie und wartete darauf, dass sie erwachen mochte.

Die Sonne verschwand bald gänzlich am Horizont. Die Nacht breitete ihr schwarzes Tuch über die grüne Erde; der Gesang der Nachtigall erfüllte die finstere Weite. Nur das Feuer flackerte rotgolden und gab einen beschützenden Lichtschein von sich.

Bald kam die nächtliche Kälte und wie lange Alestien auch das Feuer schürte, drohte die junge Fremde doch zu erfrieren. Also streifte er seinen Mantel ab und legte ihn sanft als wärmende Decke über ihren Körper. Noch immer regte sie sich nicht.

Alestien wiederum rückte nah ans Feuer und schlug die Arme um sich. Dann wartete er und wartete und wartete.

Viele Herzschläge verstrichen, seine Augenlider wurden schwer. Immer wieder versuchte er, sie mit Gewalt wieder aufzureißen, doch bei jedem Male wurde es schwerer. Schließlich wiegten ihn der Gesang der Nacht, das Rauschen des seichten Windes und die bloße Müdigkeit in die Nachtruhe.

Die frühen Sonnenstrahlen wärmten Alestiens Rücken und als er sie spürte, wachte er mit einem kleinen Schrecken auf. „Ich wollte doch über sie wachen!“ Er öffnete seine Augen. Doch zu seinem Entsetzen lag die junge Frau nicht mehr dort, wo er sie am Abend zuvor niedergebettet hatte. Bloß sein Mantel befand sich noch an Ort und Stelle.

Schnell richtete er sich auf, nahm ihn, streifte ihn sich über; ein leichtes Gefühl der Verzweiflung keimte in ihm auf. Schließlich sah er die junge Frau am Bächlein hocken. Sie wusch sich das Gesicht und kämmte sich ihr Haar mit den Händen.

Langsam schritt er zu ihr und räusperte sich.

Sie fuhr erschrocken herum und blickte ihn mit großen braunen Augen an.

Ihm verschlug es die Sprache. Ihr Antlitz ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen.

Schließlich ergriff sie das erste Wort. „Ich bin unversehrt. Wo ist Euer Herr und Meister, so dass ich ihm danken kann?!“

Alestien war vor Zauber erstarrt und lächelte, da ihre Stimme so lieblich klang.

Sie sah ihn lange fragend an.

Endlich erwachte er. „Ich reise allein durch die Wälder. Verzeiht, wenn ich Euch damit verunsichere“, entgegnete er bescheiden.

Sie hob eine Augenbraue und musterte seine schlaksige Statue. „Ihr habt mich berührt und bis an die Feuerstelle herangetragen? Ein Streuner?“, sprach sie wieder und meinte weiter: „Wie ist Euer Name?“

„Mein Name ...“, antwortete der junge Mann, „... ist Alestien. Und wie lautet der Eure?“

„Ich bin Yveliña, die Tochter Venons, des Stadtherren“, entgegnete sie mit breiter Brust. Dann sank sie in sich zusammen und ein trauriger Blick legte sich auf ihre Gesichtszüge. „Doch dürfte ich nicht mehr atmen.“

„Sagt so etwas nicht! Ihr wäred nicht hier, hätte der Nebel Euch holen wollen!“, meinte Alestien nun selbstsicher.

„Ihr wisst ja nicht, wie stark der Glaube unseres Volkes ist!“, hauchte Yveliña und sie starrte leeren Blickes ins Wasser hinab.

Sachte kniete sich Alestien zu ihr und fasste ihr mit seiner warmen rechten Hand auf die Schulter. Er bemerkte, wie ihr langsam einige Tränen die Wangen hinabrollten. Geduldig wartete er einige Zeit, bis sie sich wieder etwas beruhigt hatte.

„Lasst uns nach etwas Essbarem Ausschau halten, dann ergeht es Euch sicher bald besser“, frohlockte Alestien.

Yveliña nickte bloß, wischte sich die Tränen fort und ergriff Alestiens Hand, der ihr aufhalf. Langsam schritten sie wieder zur Asche des Feuers.

Dort meinte der junge Jäger: „Ich werde sehen, ob ich Beeren und Kräuter finden kann. Verweilt hier!“ Sofort verschwand er im Wald.

Sie sah ihm nach, aber alsbald war er vollkommen vom Schatten der Bäume und dem Geäst der Büsche verschluckt.

Während Alestien nun nach Schmaus Ausschau hielt, konnte Yveliña nicht einfach bloß ruhig dasitzen und warten. Also sah sie sich ebenso um.

Plötzlich erblickte sie einen alten Baumstumpf. Sofort schritt sie auf ihn zu und brach davon vorsichtig zwei große Stücke, etwa zwei Hände breite Rinde ab. „Sie täten sicher guten Dienst als Teller“, sprach sie zufrieden und legte sie in das Moos an der alten Feuerstelle.

Da fiel ihr die steinige, graue Felswand auf. Sie baute sich vor ihr auf, bis sie schließlich in dem Wolkenmeer verschwand. Lange starrte sie hinauf und in ihr kochten all die Erinnerungen des letzten Erlebnisses wieder hoch.

All die schrecklichen Bilder, die Blicke der Männer, die sie opferten, die Stimmen, die erschreckende Sicht von oben in das weiße Wolkenmeer. Gefühle, die sie verspürte, als die Männer sie von der Kante stießen. Angst, Hass, Hilflosigkeit peitschten erneut in ihrem Inneren auf.

Plötzlich fasste ihr jemand auf die Schulter. Sie fuhr herum und schlug der Gestalt mit der Faust kräftig ins Gesicht. Als sie Alestien erkannte, durchfuhr sie sofort das Gefühl der Reue.

„Ahh“, rief er vor Schmerz und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Sein Kopf war gesenkt. „Warum schleicht Ihr Euch auch so an mich heran!“, entgegnete Yveliña vorwurfsvoll. „Schmerzt es sehr?!“

Alestien hob beschwichtigend seine rechte Hand, bevor er bemerkte, wie Blut zu Boden tropfte.

„Ihr blutet ja!“, stellte sie fest.

Worauf er für einen Augenblick die andere Hand ebenfalls von seinem Gesicht nahm. Seine Nase blutete.

Sie nahm ihn am Arm und zog ihn an den Bach. Dort knieten sie sich erneut nieder. Alestien hielt sich weit vornübergebeugt, um das Blut in langsamen, steten, roten Tropfen in das klare Nass eintauchen zu lassen. Es dauerte eine Weile, bis es aufhörte. Als es schließlich innehielt, wusch er sich das Blut mit etwas Wasser von Händen und Gesicht. „Ihr seid wirklich sehr kräftig!“, stellte Alestien fest und lächelte bereits wieder.

„Erschreckt mich besser nie wieder!“, befahl Yveliña und erhob sich.

So schritten beide erneut zu der Stelle, wo am Abend zuvor das Feuer brannte. Dort reichte Yveliña ihm ihren selbstentworfenen Teller.

„Oh, sehr elegant“, witzelte Alestien und teilte die Kräuter und Beeren. Dann speisten sie.

Ununterbrochen himmelte Alestien die Tochter des Stadtherrn an. Yveliña hingegen erinnerte sich an ihren Vater und daran, wie außer sich er wohl sein würde, wenn er erführe, dass sie nicht zu den Göttern geschritten war. Und wenn sie ihm jemals wieder unter die Augen treten würde, an ihrer Seite dazu noch mit einem Streuner aus den Wäldern. Sie musterte Alestien ein weiteres Mal.

Alestien hingegen verspürte das erste Mal in seinem Leben Hoffnung. Bei den Waldhütern war er stets wie ein Fremder behandelt worden. Die Maiden der Siedlung lachten über ihn, seine blasse Haut, seine dürre Erscheinung und die verschlafenen Augen.

Doch nun war diese zarte Stadtherrentochter in seine Arme gefallen. Immer wieder ergriff ihn der Gedanke, dass dies nur ein zu angenehmer Traum sein konnte. All die lange Zeit war er einsam und unbedeutend geblieben. Und dann mit einem Male fiel „sie“ vom Himmel. Bei diesem Gedanken musste er erneut verträumt lächeln.

Nachdem sie genüsslich all ihre Beeren und Kräuter verspeist hatten, legten sie ihre Teller beiseite. Alestien räusperte sich, worauf Yveliña ihn fragend ansah. „Mögt Ihr mir berichten, wie Euer Volk ist? Und wie es zuließ, dass es zu Eurem Sturz kam?“, fragte er neugierig.

Yveliña atmete tief ein und begann zu erzählen: „Nun im ersten Schein ist mein Volk stets friedvoll und freundlich. Die meisten von uns sind Farmer und Bauern, welche die Felder bestellen. Andere betätigen sich im Handwerk oder züchten Tiere. So ein ruhiges Leben im Einklang mit der Natur mögt Ihr nun denken, doch es gibt auch noch die Priester in unseren Reihen. Sie verbreiten den Glauben an die Götter und stehen nach ihren Worten ununterbrochen mit ihnen in Verbindung. Und so existieren Leute in unserem Volk, die starken Glauben an die Worte der Priester hegen, und andere, die dieses weniger tun.

Ich bin eher jemand, der weniger an die Lehre der Priester glaubt. Das war ihnen ein Dorn im Auge. Wo es eben ging, versuchten sie, mich bloßzustellen.“ Sie schaute bedrückt zu Boden. „Ich bin die Tochter des Stadtherrn, versteht Ihr? Die Menschen der Stadt blicken zu mir auf.“ Sie hob ihren Blick.

Alestien nickte bloß ruhig.

„Und so schien die Dürre wohl wie geschaffen, um mich den Göttern zu widmen. Ich tat nichts Unsittliches. Ich sagte zwar stets, was ich dachte, aber ich habe niemals irgendwen zu überzeugen versucht. Ich habe mich bemüht, all das zu glauben was die Priester predigten, doch es schien mir alles so unglaubhaft. Nicht alles, aber vieles.“

Ihr schossen erneut Tränen in die Augen. „Ich nannte selbst meinem Vater nicht alles, was ich glaubte, oder was ich dachte.“ Langsam lief ihr abermals eine Träne über die Wange. „Und nun ...“, sie schaute fragend zu Alestien herüber. „Und nun weiß ich gar nicht mehr, was mir zu glauben gestattet ist. Denn ich weile noch unter den Lebenden.“ Sie machte eine Pause und wischte sich die Träne fort. „Das ...“, sie wies hinauf zu den Wolken über ihnen, „… das war stets die Pforte zu den Göttern gewesen. So hatten es uns die Priester gelehrt.“

Plötzlich schien sich Entschlossenheit in ihrem Gesichtsausdruck abzuzeichnen. „Doch nun kann ich beweisen, dass die Priester bloß Lügen sprechen, damit sie ihre Abgaben, ihre Speisen bekommen. Nun muss ich zu meinem Vater, ihm benennen, dass es hier auch Sand, Pflanzen und Wasser gibt und die Priester verlieren ihre Macht.“ Sie hielt ihre rechte Hand zu einer Faust geballt in die Luft. „Wir müssen nur einen Weg hinauf finden, oder kennt Ihr derweil einen?“, fragte sie Alestien.

„Noch nicht“, entgegnete er ruhig. „Doch will ich euch gern behilflich sein.“

„Ihr werdet gewiss dafür belohnt!“, lächelte sie ihn an. Dann fasste sie andere Gedanken. „Und wie ist Eure Geschichte?“

„Meine Geschichte ...“, murmelte Alestien. „Meine Geschichte ist nicht so bemerkenswert“, wollte er die Frage umgehen.

„Ich will sie aber dennoch hören“, meinte Yveliña wieder. „Wenn ich Euch jemals vertrauen soll, was mir sehr wohl am Herzen liegt, muss ich in Eurem Blick lesen können, was gerade in Eurem Haupt vorgeht.“

Alestien wurde ernst. Ein Ausdruck der Finsternis überfuhr sein Gesicht. Doch er nickte schließlich. „Ich ...“, stammelte er. „Ich begegnete meinen wahren Eltern bislang nicht. Aufgewachsen bin ich bei Kräuterkundigen und Waldhütern. Bei ihnen erlernte ich, dass der Wald seine eigene Seele besitzt, seine Tiere einem Freund wie auch Feind sein können. Doch ist der Wald stets eine sichere Heimat ...“

Interessiert lauschte Yveliña seinen Worten.

„Götter gibt es in unserem Glauben nicht, vielmehr glauben wir an den allumfassenden Ewignebel. Und daran, dass wir alle von einer Vorsehung bestimmt sind. Die Luft als Element für unsere Lebenskraft. Und die Erde als Element für Wiedekehr und Erwachen.“

Er stoppte, holte einmal kurz Luft und fuhr fort: „Mit achtzehn Sommern machte ich mich auf die Suche nach meinen wahren Eltern. Derweil sind nun zwei Sommer ins Land gegangen, ohne dass ich auch bloß die winzigste Spur von ihnen fand.“ Er senkte seinen Blick. „Und wenn noch unzählige ungewisse Sonnenaufgänge folgen, trage ich keine Ausdauer mehr in meinem Herzen. Dann werde ich aufgeben“, sprach er leiser.

Yveliña erwiderte hastig: „Ihr dürft jederzeit weiterziehen! Doch begleitet mich erst in mein Dorf!“

Alestien blickte sie an. „Ich glaube daran, dass unsere Begegnung vorherbestimmt war! Alles, was ich nun noch zu tun gedenke ist, dass ich mich weiter gen Süden richte. Vielleicht ist Euer Dorf mein Ziel.“

„Eure Gewänder lassen unschwer erkennen, dass Ihr sie lange nicht im Zuber gewaschen habt.“ Sie zupfte an seinem Mantel. „Solltet Ihr bald weiterziehen, sucht eine unserer Wäscherinnen auf! Sie haben aus einem Streuner bereits stattliche Männer gemacht“, erklärte Yveliña.

Alestien blickte an sich hinab. Mit einem Schlag war sämtlicher Zauber verflogen. Mit einem Seufzen ergriff er erneut das Wort. „Nun, dann lasst uns einen Weg hinauf suchen!“, meinte er und richtete sich auf.

Yveliña tat es ihm gleich.

Ihr Weg führte an der kahlen, steinernen Felswand entlang.

Zu Yveliñas Glück war der Boden am Fuße der Felswand mit glattem Gestein und Moos bedeckt. So gelang es ihr einige Steinwurf darüber mit bloßen Füßen hinwegzuwandern.

KAPITEL 2

Lange wanderten sie, die Steilwand zu ihrer Linken und den Wald zu ihrer Rechten wissend, voran. Yveliña schwebte blanken Fußes über den steinigen Boden. Sachte Windböen umwehten ihr Haar. Alestien hingegen lauschte den Waldtieren. Manchmal erblickte er einen Mäusebussard in der Ferne. In anderen Augenblicken glaubte er, Wildschweine zu hören.

Überraschend hielt Yveliña inne. Ihr Blick fiel auf eine, in den Stein gemeißelte Treppe. Stufe für Stufe glichen einander so sehr, dass sie fast magisch wirkten. Jede Stufe hätte die erste, aber auch die Letzte sein können.

Fast endlos reichte sie hinauf gen Himmel. Zwanzig Stufen führten zur rechten Hand hinauf, bis sie eine Kehrtwendung in die linke Richtung machten und dorthin in zwanzig Stufen anstiegen. Worauf sie nach einer ebenfalls gleichen Anzahl an Stufen wieder eine Wendung in die gegenüberliegende Richtung vollführte.

Nur einen halben Fußbreit standen Alestien und Yveliña nun vor der ersten Stufe. Ein Holzschild ragte vom Boden empor, worauf geschrieben stand „Zu den Pforten“.

Alestien las laut und wendete sich an Yveliña: „Kennt Ihr diese Pforten?“

„Nein, sie sind mir unbekannt. Auch wenn ich viel in den Wäldern außerhalb unseres Tales unterwegs war“, erklärte sie und schwieg einen Augenblick. Dann murmelte sie leise: „Der einzige Ort, der mir bisher stets verwehrt blieb, waren die Grabhügel unserer Ahnen. Dort durften nur die Priester verkehren.“

„Grabhügel?“, wiederholte Alestien und sein Blick zeugte von Unbehagen. Er sah noch einmal prüfend die Treppe hinauf. Doch dann betrat er die erste Stufe.

„Wartet!“, rief Yveliña plötzlich und legte ihre Hand auf seinen Arm.

Alestien blickte sie fragend an.

„Lasst mich vorgehen! Ich kenne mich schließlich besser in unseren Gefilden aus. Falls dort oben ein Priester auf uns wartet, dann weiß ich, wie wir damit umzugehen haben.“

Alestien überließ ihr mit einem Nicken die Führung.

Langsam gewannen sie an Höhe, während die Erde unter ihnen zu immer ferneren Gebilden verschwamm. Während Yveliña alle hundert Schritt hinuntersah, ihr sichtliches Unbehagen Alestien gegenüber nicht verbergend, zählte Alestien aus Neugier jede Stufe. In jenem Moment war er bei fünfhundert angelangt und noch längst vermochten sie das obere Ende nicht zu erahnen.

Sodann stiegen sie weiter. Der Wind riss an ihren Gewändern und ein einziger Fehltritt würde sie wohl in den sicheren Tod stürzen.

Fest schlang Yveliña ihre Arme um sich.

Erst jetzt fiel Alestien wieder auf, dass sie noch immer bloßen Fußes und nur mit ihrem ach so dünnen, schneeweißen Gewand bekleidet war. Schnell schloss er die wenigen Stufen auf, die sie beide trennten, und sprach: „Lasst mich Euch meinen Mantel umlegen, sonst werdet ihr noch erfrieren, bevor wir den oberen Rand bloß erblicken!“

Yveliña verharrte einen Moment auf ihrer Stufe und musterte seinen Mantel argwöhnisch.

Alestien lächelte, während er den Mantel ablegte und ihn der jungen Frau über die Schultern gleiten ließ. Auch Alestiens braunes Baumwollhemd bliesen die kräftigen Windböen auf, doch schien es ihm nichts auszumachen. Sie schritten weiter.

Es folgte bald die eintausendste Stufe und bei der eintausendfünfhundertsten ihrer Art zogen sich bereits Schmerzen der Ermüdung durch ihre Beine. So legten sie kurze Rast ein und ließen sich auf die Stufen nieder. Tief atmeten sie durch und versanken in ihren eigenen Gedanken.

Yveliña dachte daran, wie dunkel und schwarz die Berichte über die Grabhügel stets waren. Früh hatte sie versucht, diese bloß als Märchen der Alten abzutun. Doch selbst die Priester wiesen jeden an, die Gruft der Toten zu meiden.

Man dürfe die Geister der Toten nicht stören und verschrecken, waren die Worte der Priester stets. Einzig die Kenntnis von Ritualen erlaube es ihnen selbst, die Hügel lebend wieder zu verlassen, ließen sie verheißen. Die Geister würden jede verängstigte Seele packen und sie mit zu den ihren ziehen, predigten sie.

Yveliña schüttelte den Kopf. Was sollte sie nun von all dem noch glauben? Sie war schließlich noch am Leben, obwohl die Priester gedacht hatten, sie in die Säle der Götter geschickt zu haben. Langsam schüttelte sie den Kopf.

Alestien hingegen hing reinen Sinnen nach. Er beobachtete unaufdringlich jede Regung und jeden Blick Yveliñas, welche ihn noch immer stets beeindruckte. „Ob sie mich wohl eines Sonnenaufganges leiden kann?“, fragte er sich in Gedanken. Solange, wie sie ihn brauchte, würde er in ihrer Nähe bleiben, schwor er sich. „Vielleicht ist es Vorsehung!“, sprachen seine Gedanken. Als er jedoch Yveliñas Kopfbewegung vernahm, richtete er sich auf. „Wollen wir fortschreiten?“, fragte er freundlich.

Yveliña nickte knapp und tat es ihm gleich. Fest zerrte sie seinen Mantel wieder um sich und trat die nächsten Stufen hinauf.

Als sie die zweitausendste Stufe erreichten, befanden sie sich in den dichten Wolken. Dunsttropfen bildeten sich auf ihrer Haut. Alestien brach das Schweigen. „Yveliña?“, hob er an. Mit Mühe sah er ihre Silhouette vor sich.

„Ja?“, entgegnete sie. Weiter nahm sie Stufe für Stufe.

„Ihr sagtet, Euer Vater sei der Stadtherr. Habt Ihr Bruder oder Schwester?“, Alestien brannte diese Frage schon lang auf den Nägeln. Das Zählen der Stufen hatte er, seit sie die Wolken erreicht hatten, aufgegeben.

Yveliña rief gegen den Wind: „Fragt Ihr Euch, ob es außer mir noch weitere Erben gibt?“

„Nun ja. Als Stadtherr wird Euer Vater doch gewiss ein beachtliches Vermögen aufweisen! Vielleicht will niemand mit Euch teilen?!“

Bei diesen Worten überfuhr Yveliña eine Gänsehaut.

Alestien wartete auf Antwort.

„Nein, ich bin die einzige Nachkommin meines Vaters. Doch damit Ihr es wisst! Alle Menschen in der Stadt lieben uns. Niemand würde uns je etwas Finsteres wünschen!“, brüllte sie in den Wind.

Sie fuhr fort: „Einzig die Priester stehen ständig gegen uns. Sie versuchen immer mehr Macht über die Menschen der Stadt zu gewinnen. Es ist, wie als wollten sie unser Amt als Stadtherren vernichten!“ Die Erinnerung an das so kürzlich Erfahrene ließ sie frieren.

Alestien biss sich auf die Unterlippe und erwiderte schließlich: „Vielleicht solltet Ihr den Kampf gegen die Priester aufnehmen und beenden!“

Yveliña erwiderte entrüstet: „Was glaubt Ihr, was ich all die letzten Sommer zu tun versuchte? Ihr Streuner habt offensichtlich nicht die geringste Vorstellung, wie schwer es ist Menschenmengen auf ein gemeinsames Ziel auszurichten!“

Alestien errötete verlegen.

Schweigend erklommen sie die letzten Stufen.

Der weiße Schleier riss bald auf, Sonnenstrahlen kamen ihnen entgegen. Unübersehbar hart hob sich das Gestein vom Blau des Himmels ab, dort, wo das Ende bereits greifbar nahe schien. Wohltuend warm ließ die Sonne die kalten Windböen, die auch hier kräftig umherwirbelten, weniger anstrengend wirken. Wieder zog sich der Schmerz der Ermüdung durch ihre Unterschenkel und Waden, doch sie konnten es einfach nicht erwarten, endlich wieder weichen Boden unter ihren Füßen zu spüren.

Insgeheim fragte sich Alestien, ob Yveliña ihre beiden Füße noch spürte. Doch hielt er es für sinnvoller, es nicht zu erfragen.

„Ein anstrengender Aufstieg lag vor uns, doch wir bezwangen ihn“, redete Alestien vor sich her, bis er die grünbewachsene, grasige Erde betrat.

Yveliña setzte sich auf den nächstbesten Stein und rieb sich die Fußsohlen. Sie versuchte, wieder Leben in sie zurückzurufen.

Alestien ließ sich hier und jetzt auf die Knie hinab und betastete den grasigen Boden. „Wir sind da!“, keuchte er.

„Gebt Euch nicht zu rasch Eurer Vorfreude hin. Offensichtlich ist es uns nun noch auferlegt, die richtige Pforte zu wählen!“, meinte Yveliña.

Alestien ließ seinen Blick umherschweifen. Tatsächlich versperrten ihnen drei Pforten den Weg.

Ein wuchtig, dickes Steintor zu ihrer Linken führte in einen Hügel hinein. Es war am Torbogen mit Schriftzeichen bedeckt, in ihrer Mitte befand sich ein gemeißeltes Bildnis. Ein Geheimnis, was wohl nur die Priester kannten.

Der Nase nach war eine Pforte aus verschnörkelten Eisenstangen in den Boden eingelassen. Gold-Silber strahlte sie ihnen entgegen und wenn sie genau hinsahen, dann konnten sie symbolische Formen von Blättern, Bäumen und Ranken erkennen. Sie schien fest verschlossen und hinter ihr blickte man auf einen Pfad, der in einen grünen Wald hineinführte.

Und zuletzt gab es noch die zerfallene und verdorrte, hölzerne Pforte zu ihrer Rechten. Sie war aus einfachen Brettern zusammengenagelt. Einige große, verrostete Nieten und Nägel zierten ihre Hässlichkeit. Hier und dort war ein Brett herausgebrochen. Kratzspuren ließen darauf schließen, dass auch wilde Tiere diesen Ort passierten. Außerdem rankten Dornflechten an ihr hinauf. Ihr rechter Flügel war aufgestoßen, aus ihren Angeln gerissen und ein öder, holpriger, Steinweg lag vor ihnen. Gespickt mit Schlaglöchern, Pfützen und Wildwuchs sah er wenig einladend aus. Alestien und Yveliña mochten sich gar nicht ausmalen, wohin dieser Pfad wohl führen würde.

„Na fein, ich könnte Euch sofort benennen, welchen Pfad ich bevorzugen würde.“ Alestien schaute geradewegs in den Wald hinein. „Aber ich hörte einst, dass die erste Wahl nicht stets die rechte sei.“ Er zuckte mit den Schultern.

Plötzlich sprang, wie aus dem Nichts heraus, ein kleiner Mann vor die zwei. Mit einem langen, grauen Bart und einer grünen Zipfelmütze erinnerte sein Anblick an einen Zwerg. Doch bereits das erste hinterlistige Lächeln ließ erkennen, dass er ein Gnom sein musste. Er ergriff das Wort: „Leute kommen selten her, aber wenn dann fällt es schwer, den richt’gen Pfad zu seh'n, welchen wollt denn Ihr gern geh'n?“ Er sah sie mit großen Augen an und grinste hinterhältig.

„Ist Euch der Gnom bekannt?“, fragte Alestien leise.

Yveliña schüttelte verneinend ihren Kopf. Beide blickten wieder zu dem kleinen Männchen.

Schon sprach es erneut zu ihnen: „Soll es die Dunkelheit und die Kälte sein, oder tretet diese Pforte ein, rechtens ist der Pfad schon frei, oder ist’s Euch einerlei?“, er zappelte und tanzte von links nach rechts, aber wendete dabei nie den Blick von den beiden ab.

Yveliña entgegnete: „Wenn wir den linken Pfad beschritten, was würde uns erwarten?“

Der kleine Mann blieb stehen. Er reimte erneut: „Rollt den Stein Ihr schnell beiseite, seid Ihr schnell des Goldes pleite, bleiche Typen trefft Ihr dort, geht doch lieber zu diesem Ort!“ Er wies in die Richtung des Waldes hinter sich. „Nehmt lieber diese Pforte, dort gibt’s viele schöne Orte, kostet auch nicht vieles Ding, ich hätte gern Euren Fingerring!“ Und er grinste Yveliña an. Begierig sah er auf ihren Ring, den sie an ihrem Ringfinger an der linken Hand trug.

Alestien bemerkte ihn erst jetzt. Ein blauer Edelstein blitzte auf, als sie ihre Hand bewegte.

„Den kann ich Euch leider nicht aushändigen!“, entgegnete Yveliña. „Und was wäre, wenn wir durch das hölzerne Tor schritten?“, fragte sie.

Das Männlein antwortete ernst: „Nur wenige gingen dort ein Stück, sie kehrten niemals zurück, dort ist nicht nur großes Getöse, nein dort wohnt das wahre Böse! Außerdem bekäme ich dafür kein Gold für solch ein off’nes Tor, ihr wollt sicher länger leben und mir für einen der anderen Wege etwas Goldiges geben?!“ Verschmitzt schaute er sie wieder an und erhoffte sich, dass sie nun einen der beiden anderen Pfade wählen würden.

Alestien setzte sich zu Yveliña nieder und sie steckten ihre Häupter zusammen, ohne aber diesen kleinen Kerl aus den Augen zu verlieren. „Nun, wenn Ihr mir die Entscheidung überließet, dann wählte ich den Pfad hinter dem Steintor“, murmelte Alestien.

Yveliña nickte und flüsterte: „Tragt Ihr Kupfer, Silber oder Gold bei Euch?“ Alestien zog einen kleinen Beutel hervor. „Zehn Goldstücke trage ich bei mir, aber wir sollten ihm nicht alle geben!“, flüsterte Alestien.

Yveliña schaute ihn überrascht an. „Wie gelangt ein Streuner, wie Ihr an zehn Goldstücke?“

Alestien zog für einen Augenblick die Schultern hoch. „Mein Vater Waldhüter meinte es immer gut mit mir!“

Der kleine Mann wurde ungeduldig und tippte mit seinem Fuß nervös auf die Erde. Er hatte seine Arme verschränkt und wirkte nun etwas zerknautscht. „Nun?“, fragte er.

Alestien antwortete: „Wir entscheiden uns für den linken Pfad, doch tragen wir leider nicht mehr als drei Goldstücke bei uns.“

„Gebt Ihr mir des Goldes drei entgegen, dafür lässt sich kein mächt’ger Stein bewegen, dazu sag ich nein nein nein, fällt Euch denn nichts Bess’res ein?“, forderte der kleine Zausel und grinste wieder einmal hämisch.

Alestien seufzte und sprach erneut: „Nun gut, fünf Goldstücke können wir auch noch berappen und sollte das noch immer nicht genügen, dann macht Euch fort und lasst uns das Tor selbst öffnen!“

Der Zwerg runzelte für einen Atemzug die Stirn, dann entgegnete er: „Gebt Ihr mir des Goldes fünf sobald, öffnete sich das Tor bloß einen kleinen Spalt, niemals gelingt es Euch allein, aber ein Rätsel das wär' fein!“ Darauf kicherte er und streckte seine Hand nach dem Gold aus.

Alestien zögerte einen Moment, doch holte er die fünf Goldstücke aus dem Beutel und drückte sie dem Zwerg schließlich in die Hand.

„Hi, hi, hi ...“, begann er sein Rätsel und meinte weiter: „Lauscht ihr gut und habt ihr Freud, denn ich nenn' das Rätsel nicht erneut.“ Er hielt für einige Herzschläge inne, schaute sich die Goldstücke kritisch an, hielt sie gegen die nun weit oben am Himmel stehende Sonne und sprach dann weiter. „Das Wort, welches teilt diesen einen Stein, kann eines oder zweie sein. Die Sprache spricht nicht jedermann, man hört sie nur dann und wann. Ein Bogen hilft dem, der kann lesen, doch ist das noch nicht alles gewesen. Wer ist absolut nicht dumm, der sieht sich halt bei den Symbolen um. Hi ... hi ... hi ...“, lachte er und noch ehe sich Alestien und Yveliña versahen, war der kleine Mann auch schon verschwunden.

Fragend sahen sich die beiden an. „Welch ein Rätsel!“, meinte Alestien seufzend und schritt an das Steintor heran. Er musterte die Symbole und betastete sie.

Yveliña blieb noch einige Zeit hocken, bis sie dann ebenfalls an Alestiens Seite trat. „Und welche Bedeutung glaubt Ihr, besitzen diese Symbole?“, fragte sie.

Alestien antwortete sofort: „Nun hier in der Mitte erscheint ein Bildnis eines Geistes.“ Er fuhr mit seiner Hand über die gemeißelten Linien der Figur in dem grauen, harten Stein. „Dann entdecke ich sechs Priester, die dort mit ihren Händen gen Himmel erhoben dastehen. Als nähmen sie Teil an einer Zeremonie. Seht Ihr?“

„Ja, ich sehe sie ebenfalls. Und einen Mond!“, entgegnete Yveliña.

„Wie vermögen wir nur die Schriftzeichen am Torbogen zu lesen?“, zweifelte Alestien. Beide legten sie ihre Stirn in Falten.

Viele leise Atemzüge verstrichen, bis Yveliña das Wort ergriff: „Alestien, ich erinnere mich daran, diese Schriftzeichen bereits erblickt zu haben. Die Hohepriester pflegen sie zu nutzen. Sie tragen sie an ihren Stäben, die sie stets bei sich führen, und wenn sie Niederschriften anfertigen, dann schreiben sie in dieser Schrift.“

Alestien sah sie an. „Wisst Ihr sie zu verstehen?“

Yveliña wurde traurig. „Nein, leider nicht. Die einzigen fremden Worte, die sie gelegentlich zu nennen pflegten, waren die Worte der Totenzeremonie.“

Sofort schoss Alestien ein Gedanke in den Sinn. „Wie lautet diese Zeremonie?“, fragte er.

Yveliña versuchte, sich zu erinnern, rief sich vergangene Begegnungen mit den Kuttenträgern in die Erinnerung zurück und meinte dann: „Sie nannten sie Dichóla Dihíammed.“

Ein kurzes Knacken fuhr durch den Stein. Beide schienen hoffnungsvoll, doch nichts geschah mehr. „Feuer und Eis!“, ärgerte sich Alestien. „Ich hätte geschworen, es gelänge. Nun gut, warum sollten sie solch ein Losungswort offenkundig in eurem Dorf preisgeben? Aber man berücksichtige, dass es bisher undenkbar war, dass Menschen ohne zum Priesterorden zu gehören herfinden würden. Es hätte für eure Priester stets Übung bedeutet. Sprechen sie noch mehr Worte dieser Sprache?“, wollte Alestien nun wissen.

„Nein, ich habe sie sonst niemals in dieser Sprache sprechen hören. Obwohl ich bei Zeiten ihren geheimen Zeremonien lauschte“, lächelte sie etwas verlegen.

„Dann, ... dann verbleiben keine anderen Samenkörner meiner Gedanken, die sonst noch zu Erfolg erwachsen könnten!“, beharrte Alestien. Er stellte sich breitbeinig vor das Steintor, stemmte seine Fäuste in die Hüften und rief mit tiefer Stimme: „Dichóla Dihíammed!“

Erneut rief ihnen ein Knacken entgegen und Alestien wiederholte die Worte abermals. Diesmal noch etwas lauter. „Dichóla Dihíammed! So sei uns Freund!“ Mit einem weiteren Knacken durchzog plötzlich ein senkrechter Schlitz die Pforte.

Endlich begann sie mit einem Knirschen nach außen aufzuschwingen. Alestien trat einen Schritt zurück und Yveliña trat etwas näher heran. Gespannt schauten sie in das Dunkel des Tunnels.

Als die Pforte bis zum Anschlag geöffnet schien, hauchte der schwarze Gang den beiden kühle, modrig-stickige Luft entgegen. Nicht eine einzige Fackel oder Kerze war im Inneren entzündet. Also nahmen sie sich an die Hand, um sich dort nicht zu verlieren, und tasteten sich langsam ins Dunkel vor. Als sie die Schwelle der Steinpforte überschritten hatten, fiel diese überraschend hinter ihnen zu. Es gelang ihnen nicht einmal, daran zu denken, kehrtzumachen, als die letzten Lichtstrahlen zwischen dem Gewicht der Mauer schier zerrieben wurden. Nun fanden sie sich in tiefster Finsternis wieder. Sie konnten nicht einmal ihre eigene Hand vor Augen ausmachen.

„Ich spreche nicht gern davon“, murmelte Alestien schließlich. „Doch nun ist ein Moment angebrochen, in dem in mir Unbehagen aufkeimt.“

„Ein Mann des Waldes, mit Furcht vor der Dunkelheit?“, stieß Yveliña überrascht aus.

„Der Mond ist unser steter Begleiter!“, erwiderte Alestien.

„Was seid Ihr nur für ein Mann! Jeder Bauernsohn, der mir je den Hof machte wäre für mich über heiße Kohlen balanciert. Und Ihr wollt mir berichten, dass Ihr Monde lang allein durch die Wälder gestreift seid und habt nun Angst vor der Dunkelheit?!“, stichelte Yveliña.

„Ihr wisst nicht, wie sehr sich die Wälder von Stadtmauern unterscheiden!“, versuchte Alestien zu erklären.

„Wie auch immer. Meine Augen gewinnen mehr und mehr an Klarheit. Viele Gassen unserer Stadt ähneln diesen Mauern sehr. Auch, wenn Ihr sie besser niemals beschreiten solltet“, fuhr sie versichernd fort. Sie legte Alestien die Hand an den Oberarm. „Gebt mir Eure Stiefel!“

„Meine Stiefel? Was liegt Euch im Sinn?“, fragte Alestien besorgt.

„Tragt Ihr Stoff um Eure Füße?“, erwiderte die junge Frau.

„Sicher!“, antwortete Alestien.

„Dann ziert Euch nicht und gebt mir Eure Stiefel!“, forderte Yveliña erneut! „Das eisige Gestein lässt meine Füße frieren. - Doch was ist das?!“, erschrocken führte Yveliña ihre Worte zu Ende. Sie tat einen Laut der Überraschung.

„Was ist geschehen?“, sorgte sich Alestien nun um einiges mehr. Blind starrte er umher, doch erkannte er nicht eine Winzigkeit.

Yveliña fasste seinen Arm nun mit beiden Händen fester. Sie trat dichter an ihn heran.

„Berührt bitte die Mauern zu Eurer Rechten und der Linken nicht. Dort sind die Totenbetten der Ahnen. Ihre Gebeine liegen dort“, raunte Yveliña mit leichtem Ekel.

Nun bemerkte auch Alestien den Gestank von Verwesung.

Dann hockte sich Yveliña hin und öffnete die Bänder von Alestiens Lederstiefeln. Er seufzte verdrossen und zog die Füße aus ihnen hervor. Die Stadtherrentochter nahm die Stiefel und gab gleich einen wohligen Laut von sich, als ihre zarten Zehen in das warme Leder glitten.

„Wenn Ihr Fackeln an den Wänden entdeckt, so könnte ich sie mit Feuerstein und Zunder zu entfachen versuchen“, schlug Alestien vor.

Doch Yveliña lehnte ab. „Nein, wir werden noch entdeckt, wenn wir die Gänge ausleuchten!“