Exil - Felix A. Münter - E-Book
Beschreibung

Zehn Jahre nach der Schlacht um Westrin werden die kaiserlichen Zwillinge weiterhin in ihrem Exil gehalten. In der zweifelhaften Sicherheit der Seekönigreiche sind sich die ahnungslosen Heranwachsenden nicht ihrer bevorstehenden Bürde bewusst. Durch eine Nachlässigkeit fliegt die Tarnung auf und die Zwillinge sind nicht länger in Sciherheit. Nach und nach erfahren die Feinde über den Aufenthaltsort der Kaiserkinder und ihrer Getreuen, woraufhin der nächste Krieg um Westrin entfacht. Die Liste an Verbündeten wird zunehmend kürzer, wenngleich in ihnen die letzte Hoffnung für das scheinbar dem Untergang geweihte Reich liegt.   Weitere aktuelle Titel von Felix  A.  Münter:    Die Carter-Akten (Thriller-Serie): - Mercenary - Hunter - Hijacker - Bloodhound - Hitman - Lone Wolf - Hardliner - Loyalist Dynastie (Episches Fantasy Drama): - Königsretter - Königsfreund - Königsbote Westrin (High-Fantasy-Saga): - Kaisersturz - Exil - Schicksal - Kaisergardist - Legionär - Phoroi Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Ann-Kathrin Karschnick): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow  - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Troubleshooter (Weird Horror Western Serie): - Das Aufgebot - Jäger und Gejagte - Ein Funken Wahrheit Archon (Science Fiction Serie): - Vermächtnis - Höhere Macht - Per Aspera - Eingungskrieg - Ad Astra Einzelbände: Der kleine König - High Fantasy  Bootleggers – The Wild Years - epischer Thriller  All about the Money - Thriller Vita - Steampunk-Thriller Prepper - Endzeit-Thriller Nulllinie - Thriller

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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-513-5

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Für Katharina

Inhaltsverzeichnis
Exil (Westrin II)
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Felix A. Münter
Danksagungen

Prolog

Wir schreiben das Jahr 820. Zehn Jahre liegt der Sturz von Kaiser Antimus bereits zurück. Mit einem brutalen Feldzug erschütterte König Atanasio die bis dahin bestehende Weltordnung und setzte der über achthundert Jahre währenden Tradition des Kaiserreichs ein Ende. In den Folgejahren festigte der Usurpator seine Macht auf dem Westkontinent. Nur vier Regionen haben sich bisher den Ansprüchen des neuen Königs entziehen können: Die Clanslande, die abtrünnige Provinz Himmelskamm und Mariza im Norden sowie das kleine Königreich Vael im Südwesten. Atanasio befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Regentschaft – doch sein Hunger nach Macht ist noch lange nicht gestillt.

Nach der Ermordung von Hochkönig Morleo verfielen die Clans in einen blutigen Bürgerkrieg. Laird gegen Laird, Bruder gegen Bruder, Schwester gegen Schwester. Erst vor einigen Jahren verebbte die Gewalt in den Clanslanden und ein brüchiger Friede stellte sich ein. Doch die Wunden sitzen tief und die Clans sind so weit von der Einigkeit entfernt, wie nie zuvor.

Fearghas führte den von ihm gegründeten Clan Apthach in die Sicherheit von Himmelskamm und nahm die Gebirgsprovinz in Besitz. Bisher begnügte König Atanasio sich damit, die Pässe nach Himmelskamm zu sperren, und zeigte kein sonderliches Interesse an der abtrünnigen Provinz.

Naim brachte die wenigen Überlebenden seines einst so stolzen Heeres zurück auf den Südkontinent. Wenigstens eine wertvolle Beute brachte er vom misslungenen Feldzug nach Rahmat: Selvaggia, die Erstgeborene von König Atanasio. Seitdem fristet sie ihr Leben im Harem des Sultans.

In den Wirren der Invasion gelang es den Kaisertreuen um den Legionsoffizier Symeon die Erben des letzten Kaisers, die Zwillinge Arcadius und Passara, vom Kontinent zu bringen. Um die Kinder vor einer Entdeckung durch Magie zu schützen, nahm ihnen der Berührte Brygos ihre Erinnerungen. Die Flucht führte die Kaisertreuen in die Seekönigreiche, wo sie ein Jahrzehnt unbemerkt von Atanasio im Exil verbrachten. Bis zu diesem Tag.

Kapitel I

Der alte Mann schlug die Tür hinter sich zu und legte den Riegel vor. Auf der anderen Seite des Holzes klirrte Stahl auf Stahl, erklang der Reigen des Bluts. Sein Herz raste, in seinen Ohren rauschte es lauter als eine Meeresbrandung und seine Knie waren weich. Er zitterte am ganzen Körper und musste einige Herzschläge verharren. Lediglich diese Tür und seine Wachen auf der anderen Seite, die sich für ihren Herren in den Kampf warfen, schützten ihn vor dem Tod. Ein gurgelnder Aufschrei holte ihn in das Hier und Jetzt zurück, bewies ihm, dass er nicht zögern durfte. Sein erster Schritt war zittrig und fahrig, seine Hände tasteten nach den kalten Wänden. Dann aber fing er sich und stolperte vorwärts.

Er befand sich jenseits der sechzig Sommer, sein Haupthaar und der dichte Vollbart waren weiß, seine Haut von den Jahren gezeichnet. Danyel war ein Gelehrter, jemand, der die Städte und ihre großen Bibliotheken liebte, der die Gerüchte der Stadt und ihrer Bewohner in sich aufsog. Zeit seines Lebens hatte er die Stadt nicht verlassen, und jetzt um sein Leben rennen zu müssen, noch dazu in seinem eigenen Haus, kam ihm nicht nur falsch vor, es hatte auch etwas Unwürdiges.

Der Gelehrte erreichte die breite Wendeltreppe, als ein zweiter Todesschrei gellte. Instinktiv wusste er, dass eine weitere seiner Wachen ihr Leben gelassen hatte. Er sah sich nicht um, sondern raffte seine weiten, grauen Gewänder aus grobem Stoff und nahm den ersten Absatz.

Sie waren es. All die Jahre. Vom ersten Moment an hatte er dieses nicht zu fassende Bauchgefühl, diese Ahnung gehabt. Von dem Augenblick, an dem er sie gesehen hatte, wusste er, dass sie etwas Besonderes waren. Aber er hatte es nie richtig fassen können und so tat er, für was er bezahlt wurde. Fürstlich bezahlt sogar. Er tat das, was er am besten konnte: Wissen vermitteln. Es war ein Hochgenuss, eine helle Freude, zu sehen, wie die beiden Kindern unter seinen Bemühungen wuchsen und gediehen, die Welt, in der sie lebten begriffen und verstanden. Sie lernten schnell: Lesen, Schreiben, Mathematik – er vermittelte ihnen all das, was er wusste, war von ihrem Wissensdurst fasziniert. Wie Schwämme sogen sie das Wissen in sich auf, machten beachtliche Fortschritte. Für Danyel war dies eine willkommene Abwechslung. Über die Jahre hatte er vor allem die verzogenen Kinder reicher Händler und die hochnäsigen Gören der Seelords unterrichtet. Zeigten die Kinder nicht den gewünschten Erfolg, luden die Eltern ihren Frust auf ihm ab. Hier aber war es anders. Die Zwillinge waren wir zarte Pflänzchen, die sich unter seiner Hege zu starken und prachtvollen Blumen entwickelten.

Die Treppe drehte sich um ihre eigene Achse und Danyel spürte die Last des Alters in seinen Knochen und den Müßiggang seines Lebens in seinen Lungen. Jeder Atemzug brannte, der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er nahm Stufe um Stufe, wäre mehrfach beinah gestolpert. Immer weiter schraubte die Treppe sich aufwärts und durch die schmalen Fenster an den Wänden fiel fahles Licht hinein, konnte man die salzige Seeluft schmecken und das Kreischen der Möwen und das Klatschen der Wellen hören.

Sie waren nicht tot. Nicht bei der Flucht aus ihrer Heimat umgekommen. Nicht elendig auf einem brennenden Schiff gestorben, wie die Geschichten es besagten. Sie lebten, und der Kampf, der im unteren Teil seines Hauses standhaft, war die Bestätigung dafür. Die kaiserlichen Zwillinge lebten – die Tragweite dieser vier Worte war schier unglaublich. Es bedeutete, dass die legitime Herrscherdynastie von Westrin nicht ausgelöscht war, dass es kaiserliches Blut gab. Das es Ansprüche auf einen Thron gab, den König Atanasio vor zehn Jahren mit seinem Krieg in Beschlag genommen hatte. Diese Erkenntnis war dazu in der Lage, die Welt aus den Fugen zu heben, ihr Gesicht zu verändern. Und was Danyel anging, so mochte er Veränderungen nicht. Für den Gelehrten war es wichtig, das die Dinge verlässlich waren, dass er in Ruhe leben und arbeiten konnte. Er war aber auch Realist, er erkannte Chancen, wenn sie sich ihm boten.

Vor einigen Wochen hatte es neue Verdachtsmomente gegeben, Ereignisse, die seine Vermutungen wieder aus den hintersten Ecken seines Geistes nach vorne holten und seine Neugier befeuerten. Nach dem Unterricht war die Mutter – oder die Frau, die sich als ihre Mutter ausgab – zu den beiden Kindern gekommen und während er auf dem Weg zur Tür war, hörte er, wie sie den Jungen des Duos »Prinz« nannte. Vielleicht nur ein Kosename, aber allein dieses Wort reichte aus, um das Feuer in dem Gelehrten zu entfachen. Er ging so klug vor, wie er nur konnte, hörte zu, stellte keine Fragen, um sich nicht verdächtig zu machen. Und dann kam der heutige Tag. Der Tag, an dem er in einer ähnlichen Situation lauschte – und die wirklichen Namen der Kinder hörte. Arcadius und Passara. Es traf ihn wie ein Donnerschlag, und im ersten Moment verspürte er Freude darüber, sich nicht geirrt zu haben. Dann aber wurde ihm die Tragweite bewusst, wurde ihm klar, wie gefährlich das Wissen war, dass er aufgeschnappt hatte.

Er war, so schnell er nur konnte, nach Haus geeilt, uneinig darüber, was er tun sollte. Danyel war sich sicher, dass König Atanasio sich für diese Information erkenntlich zeigen würde, ihn fürstlich entlohnen würde. Doch er hatte seine Zweifel. War es richtig? Oder war es besser, zu Schweigen, zu hoffen, dass die Existenz der Kinder seine heile Welt vielleicht nicht zerstörte?

Die Wahrheit war, dass seine Welt in Scherben lag, ab dem Moment, da die Erkenntnis sich in seinem Kopf manifestierte. Er hatte es nur noch nicht bemerkt. Während er also in seinen Hallen Auf und Ab Schritt, den richtigen Weg suchte, riss ihn Kampflärm aus den Gedanken. Erschrocken hatte er aus dem Fenster gestarrt, gesehen, wie seine Wachen am Tor kämpften. In diesem Moment wusste er, dass seine Neugier ihn in Gefahr gebracht hatte, ja, ihn wahrscheinlich das leben gekostete hatte. Sie waren nicht gewillt, ihm das Wissen anzuvertrauen, auf ihn zu bauen. In ihren Augen war er eine Gefahr – und sie waren gekommen, um diese Bedrohung zu beseitigen.

Danyel rutschte auf einer der Stufen weg und stürzte, schrie erschrocken auf und fing sich im letzten Moment ab. Das Adrenalin in seinem Körper sorgte dafür, dass er keine Schmerzen spürte, doch er hatte sich die linke Hand aufgerissen. Hastig rappelte er sich wieder hoch und stürzte weiter.

Irgendwo unter ihm im Haus donnerte es dumpf und schwer, irgendjemand warf sich gegen die Tür. Der Gelehrte hoffte, dass sie nur lange genug halten würde. Nicht nur die Treppe drehte sich in rasender Geschwindigkeit um ihre eigene Achse, mittlerweile drehte es sich auch in seinem Kopf, der Schwindel drohte ihm, die Sinne zu rauben, die Übelkeit war allgegenwärtig. In dem Moment, in dem er sich sicher war, ragte plötzlich die nächste Tür vor ihm auf. Er hatte es geschafft, schleppte sich den letzten Absatz hinauf und griff nach dem schweren Türring. Danyel fiel förmlich über die Schwelle, taumelte und hielt sich krampfhaft an einem Regal neben der Tür fest. Einige Herzschläge des Atemholens, des Verschnaufens, dann schlug er die Tür hinter sich zu, legte auch hier den Riegel ein.

Das Gurren der Tauben empfing ihn. Sein hastiges Eintreten hatte den Tieren einen Schrecken versetzt, so dass sie mit ihren Flügeln schlugen. Eine Hälfte des runden Turmzimmers war von einem großen Taubenschlag dominiert, in dem sich die Tiere drängten. Die andere Hälfte wurde eingenommen von einem Schreibpult und einigen Regalen. Danyel dachte nicht lange nach, er humpelte zum Schreibpult und nahm einen der dünnen Papiersteifen. Er atmete einige male durch, streckte seine Finger, um sich zu beruhigen. Das zeigte Wirkung: Seine Schrift war klein, filigran und trotz der bestehenden Gefahr flüssig und geschwungen. Der Gelehrte legte die Feder bei Seite und betrachtete sein Werk, griff nach dem Behälter mit feinkörnigem Sand und streute ihn über den Papierstreifen.

Schnelle Schritte auf der Treppe. Er durfte keine Zeit verlieren. Hastig nahm er den Streifen und rollte ihn zusammen, wendete sich suchend dem Taubenschlag zu. Der Gelehrte fand das Tier, das er suchte und nahm es aus dem Käfig, stopfte die Botschaft in den kleinen Metallzylinder am Bein des Vogels.

Es donnerte und ächzte, als sich jemand mit seinem vollem Gewicht gegen die Tür warf. Danyel sah sich um, versicherte sich, dass der Riegel hielt, dann ging er zum Fenster. Sein Blick ging hinauf auf die See und zum Horizont. Irgendwo hinter der Linie lag der Westkontinent, irgendwo dort verbarg sich Cyril. Er selbst war nie dort gewesen, hatte nur von der atemberaubenden Schönheit der alten Kaiserstadt gelesen. Er würde sie auch niemals betreten, so viel war ihm klar. Danyel streckte seine Arme aus und ein neuerliches Poltern erfüllte den Raum. Die Tür würde nicht mehr lange halten. Ein letztes Mal schloss er die Augen, wog ab, dann ließ er die Taube in die Freiheit, sah, wie das Tier erst ein kleines Stück absackte und dann mit den Flügeln zu schlagen begann, dem Horizont entgegen strebte.

Hinter Danyel barst das Holz und der Gelehrte erstarrte.

»Du miese Ratte!«, tönte eine Stimme.

Die Zeit schien still zu stehen, Danyel drehte sich langsam um. In der Tür stand ein wahrer Riese, ein Mann, der seinen Kopf einziehen musste, als er sich durch den Durchgang schob. Sein Haar schillerte weiß-grau, war aber voll und schulterlang. Es verriet genau so wie die Falten seiner wettergegerbten Haut sein Alter. In den knapp sechzig Jahren seines Lebens war ihm die Nase viel zu oft gebrochen worden, so dass sie schief und buckelig war, nichts Symmetrisches mehr besaß. Er trug aufgrund des milden Frühjahrs schon beinah sommerliche Kleider in unauffälligen Farben, doch der Stoff war von Blut gesprenkelt – und es war nicht sein Blut. Ein kurzes Kettenhemd blitzte unter seinem weiten Hemd auf, seine Unterarme waren von wulstigen, alten Narben übersät, an seinen fleischigen, großen Händen klebte Blut. Quer über seinen Rücken trug er einen großen Zweihänder. Seine Augen brannten vor Zorn und Mordlust, das Blut seiner Feinde hatte sich ebenfalls in seinem wilden Bart verfangen.

Als der Riese einen Schritt nach vorn machte, erwachte Danyel aus seiner Starre und wich zurück, stieß mit dem Rücken an den Taubenschlag. Die Vögel gurrten und schlugen flatternd mit den Flügeln.

»Hättest du Ihnen nicht noch einige Jahre in Frieden gönnen können?«, knurrte der Hüne, ballte und öffnete seine Hände dabei drohend. »Musstest du ihnen ihre Kindheit nehmen?«

Danyel hob die Arme schützend vor das Gesicht.

»Bitte! Gnade!«

»Gnade?«, schrie der Riese und baute sich bedrohlich zu voller Größe auf. »Gnade? Du verrätst sie, bringst sie in Gefahr und bist jetzt so dreist, um Schonung zu bitten?«

»Ich … ich wollte doch nur …«

»Halt den Mund!«, blaffte der große Mann und hob drohend den Zeigefinger. »Wag es nicht, jetzt noch eine Rechtfertigung zu suchen. Es gibt sie nicht!«

Der Gelehrte starrte zu Boden, wissend, was ihm bevorstand, seine Schultern senkten sich. Neuerliche Schritte kündigten die Ankunft einer zweiten Person im Turmzimmer an. Eingeschüchtert hob Danyel den Blick und sah, wie ein zweiter Mann hinter dem Riesen durch die Tür trat. Er war ein gutes Stück kleiner, jedoch auch kräftig und drahtig. Seine Haare waren kurz und schwarz, von einem silbrigen Schimmer durchwirkt. Das Gesicht des zweiten Mannes war kantig und hart, er war glattrasiert, was seine Präsenz nur noch verstärkte. Er wirkte im Gegensatz zu dem Riesen gelassener, ruhiger. Eines seiner Augen war milchig und trüb, das andere von stechendem Grün. Die blaue Tunika war vom Kampf gezeichnet, wenn auch nicht so wie bei dem großen Mann. In seiner Hand hielt er ein Kurzschwert, von dessen scharfer Klinge das Blut tropfte.

Der Neuankömmling blieb stehen und betrachtete die Szenerie lange. Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben und er schüttelte langsam und anklagend den Kopf.

»Wir haben dir vertraut, Danyel. All die Jahre. Und sobald die erste Gelegenheit da ist, hintergehst du uns.«

»Ich habe … ich wollte … sie … nicht …«

»Es ist egal, was du wolltest. Es zählt, was passiert ist.« Der Schwarzhaarige hob das Kurzschwert und deutete auf den Taubenschlag. »Hast du die Nachricht über das Meer geschickt?«

Danyel traute sich nicht, zu antworten, blickte den Mann flehentlich an.

»Hast du?«, bohrte er nach.

»Ja. Ja, hab ich.«

»Es zählt nur das, was du getan hast«, wiederholte sich der Mann und machte einen Schritt nach vorn. Mit der linken packte er den Gelehrten an der Schulter, dann zuckte der rechte Arm mit dem Kurzschwert vor. Die Klinge drang Danyel in den Leib, fraß sich schräg nach oben und zerfetzte lebenswichtige Organe auf ihrem Weg. Der alte Gelehrte zuckte zusammen, seine Augen weiteten sich vor Schreck, während er spürte, wie das Gefühl aus seinen Gliedern wich.

»Für den Kaiser. Für Westrin«, sagte der Schwarzhaarige mit ernster Stimme und blickte dem Sterbenden fest ins Gesicht. Danyel zuckte noch einige Male, dann ließ seine Körperspannung langsam nach. Fast schon sanft, ja behutsam zog der Schwarzhaarige den Stahl aus dem Gelehrten und legte ihn sanft zu Boden. Einen Moment stand er noch über dem Toten und blickte nachdenklich in das erstarrte Gesicht. Er beugte sich hinab, schloss dem Gelehrten mit einer Handbewegung die Augen, strich sein Kurzschwert an den Gewändern des Mannes ab.

»Die ruhigen Jahre sind also vorbei«, erklärte der Riese und sah sich in dem Turmzimmer um.

»Wir haben gewusst, dass es einmal so kommen musste, Dal«, antwortete der Schwarzhaarige und schritt zum Fenster, sah auf das Meer und den Horizont.

»Nur schön, wenn wir über den Zeitpunkt bestimmt hätten, Sym.«

»Vielleicht. Seien wir einfach froh, dass wir zehn ruhige Jahre hatten, in denen die Kinder wachsen und gedeihen konnten. Jetzt wird es Zeit, ihnen die Wahrheit zu sagen.«

»Das ist zum Glück nicht meine Aufgabe«, gab der Hüne zu. »Aber ich bin schon froh, dass die Zeit des Versteckens vorbei ist, wenn ich ehrlich bin.«

Simeon drehte sich halb und warf seinem langjährigen Freund einen Blick über die Schulter zu.

»Ich habe erwartet, dass du so was sagen würdest. Tatsächlich sind wir alle älter geworden, unsere Muskeln schlaffer und unsere Bäuche dicker. Das wird nicht mehr so wie früher.«

»Iah!«, winkte Dalmatius ab, »Dann wird es Zeit wieder in Form zu kommen. Ein paar Kämpfe und Schlachten stecken noch in mir.«

»Ich werde dich daran erinnern, wenn es so weit ist. Ich werde dich daran erinnern, wenn du zeterst und fluchst.«

Der große Kämpfer schüttelte den Kopf und streckte sich, seine Knochen knackten bei der Bewegung.

»Tu, was du willst. Aber jetzt lasst uns hier keine Wurzeln schlagen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Garde hier ist.«

»Der werden wir das alles hier eh erklären müssen, Dal. Wir können froh sein, dass Danyel keiner der großen Familien angehörte oder in ihren Diensten stand. Das wäre ein echter Spaß geworden.«

»Klingt nicht nach meiner Art von Spaß, Sym.«

»Natürlich nicht. Las uns einfach gehen, bevor die Garde kommt. Du hast nämlich recht: Ich würde das hier alles lieber einem Lord erklären als irgendeinem Hauptmann der Garde.«

»Auf was warten wir dann noch?«

Es war ein guter Frühling, außergewöhnlich warm und mild. Die Sonne sank dem Meer entgegen, der Wind trug das Rauschen der Wellen die Klippen hinauf in die Terrassengärten. Möwen kreisten über dem Hafen, schwammen in Flecken aus Weiß und Grau auf dem Wasser. Manchmal, wenn ihnen ein Schiff zu nahe kam, erhoben sie sich unter vielstimmigen Lauten, flatterten einige Zeit über dem Hafenbecken herum, bis sie einen neuen Flecken gefunden hatten.

Das Anwesen lag geschützt auf den Klippen oberhalb der weiten Bucht, von den verwinkelten Terrassen aus hatte man einen guten Blick auf Waterford. Die Stadt bildete das Nervenzentrum von Königswasser, der zentralen Insel des Seekönigreichs. Waterford blickte auf eine stolze Geschichte zurück, die Stadt lebte vom Handel und von dem, was die Flotten der Seelords in den Zeiten der Kriege an Beute gemacht hatten. Die letzten acht Kriege waren überaus erfolgreich für die Völker von den Inseln verlaufen, und das war vor allem an und in ihren Städten zu erkennen. Waterford jedenfalls hatten den Ruf, die inoffizielle Hauptstadt der Seekönigreiche zu sein und als solche gehörte es zum Selbstverständnis der stolzen Bürger, ihrer Heimat auch genau dies Gesicht zu geben. Die roten Ziegeldächer der Stadt glühten in der Abendsonne, nur hin und wieder wurde die Masse vom kräftigen, schimmernden orange oder dem satten grün der Kupferdächer durchbrochen. Die Bucht von Waterford war ein großer Hafen, überall ragten Piers und Landungsbrücken in das ruhige Wasser hinein, die Pier- und Kaianlagen zogen sich wie ein Gürtel entlang des Ufers. Ein steter Strom Schiffe aus dem ganzen Königreich, ja, der gesamten Welt erfüllte den Hafen mit Leben, irgendwo wurde immer ein Schiff gelöscht oder beladen.

Es war eine reiche Stadt, und die Gebäude trugen dies erkennbar nach außen. Ihre Wände waren in einem hellen beige getüncht, die Straßen voller Leben. In den engen Gassen strömten die Menschen hin und her, gingen ihrem Tagwerk nach. Überall in der Stadt roch es nach Salz, roch es nach Meer. In den Stadtvierteln vermischte sich dieser Grundgeruch mit anderen Noten: denen von Fisch in der Nähe des Marktes, dem von schwelender Glut bei den Schmieden, einem kräftigen, fast süßlichen Geruch von Holz und Teer bei den Werften. Waterford kannte keine Stille. Irgendwo in der Stadt gab es immer Lärm, irgendwo kam immer ein neues Schiff an, war eine Ladung zu löschen oder priesen Marktschreier ihre Waren an. Die Stadt pulsierte, brodelte, lebte und die Menschen darin hatten sich daran gewöhnt. Denn dieses emsige Treiben bedeutete Wohlstand und Sicherheit für sie.

Hier oben auf den Terrassen war es ruhiger, doch der Wind trieb das Brummen der Stadt immer wieder sanft empor. Die grünen Obstbäume dämpften die Geräusche auf angenehme Art und Weise.

Symeon stand nachdenklich an der halbhohen Brüstung aus verwittertem Stein, der von einem Muster grüner Flechten überwuchert war. Er hielt seinen Kopf in den sanften Wind, die Brise half ihm, seine Gedanken zu ordnen. Dem ehemaligen Offizier sah man seine Herkunft an, sein Rücken war gerade, der Kopf leicht erhoben. Er hatte seine Kleider gewechselt, sich gewaschen, trug nun längere Gewänder, die ihn auch noch in der Abendsonne wärmten.

Sein Blick ging über den Hafen hinaus in Richtung des Horizonts. Dank des klaren Wetters konnte er dort die Umrisse der Schwertinsel entdecken. Doch seine Augen gingen weiter, vorbei an den Umrissen und weiter in die Ferne, hefteten sich am Horizont fest. Simeon schloss die Augen und reiste in seinen Gedanken weiter, stellte sich die Küsten des Westkontinents vor, die hinter dem Horizont lagen. Westrin. Seine Heimat. Zehn Jahre waren seit ihrer Flucht aus dem sterbenden Kaiserreich vergangen und wenn er zurückdachte, dann waren die Bilder immer noch präsent, dann war es so, als wäre der Krieg dort erst kürzlich passiert. Er erinnerte sich an den langen Winter, in dem sie aus der eroberten Kaiserstadt aufgebrochen waren, an die zahllosen Kilometer, die sie geflüchtet waren, die Schergen des Eroberers im Nacken. Es war der Schwur, den er Kaiser Antimus gegeben hatte, der ihn hierher gebracht hatte. Und genau dieses Versprechen holte sie jetzt wieder ein. Der Aufenthaltsort der kaiserlichen Zwillinge, letzte Sprösslinge der Dynastie, war bekannt. Mehr noch – es war bekannt, dass die Kinder überhaupt noch lebten. Zehn Jahre lange hatte er alles in seiner Macht stehende getan, um das Geheimnis zu bewahren, jetzt aber war die Zeit gekommen. Das Spiel hatte begonnen. Die Welt würde wieder in Krieg und in Blut versinken.

»Es sind alle versammelt, Archon.«

Symeon wendete den Kopf. In respektvollem Abstand wartete Triarius. Der Mann hatte zur Mannschaft des Schiffes gehört, mit dem sie damals geflüchtet waren. Seine Treue zum Kaiser war Grund genug für ihn, die Seefahrt für immer hinter sich zu lassen und den Zwillingen zu dienen. Es war ein einfacher Mann ohne besondere Bildung, doch er verstand sich als Diener, als Organisator. Triarius leitete den Haushalt, wie ein guter Kapitän ein Schiff leitete. Symeon nickte ihm zu und erkannte den Glanz in den Augen des jungen Mannes. Zehn Jahre lang war es ihm verboten gewesen, den Ehrentitel zu nennen.

»Danke, Triarius. Sorg dafür, dass uns niemand stört.«

»Ja, Archon.«

Der Mittdreißiger nickte, doch mitten in der Bewegung entscheid er sich anders und ging in eine Verbeugung über. Das hatte er niemals gelernt, und seiner Bewegung fehlte jeder Anmut, so dass sie Patriziern lediglich zur Belustigung gereicht hätte. Der Diener eilte davon und nachdem Symeon einen letzten Blick auf den Hafen geworfen hatte, wendete er sich ebenfalls um und ging mit schnellen, großen Schritten dem Anwesen entgegen.

Das Haus, in dem sie untergekommen waren, war prächtig. Ein massiges, mehrgeschossiges Gebäude mit einem schimmernden Kupferdach und leuchtenden Bleiglasfenstern. Efeu spross entlang der Mauern, überdeckte das hellgraue Mauerwerk und begrünte die Villa bis unter das Dach. Eine hohe, starke Mauer umgab das Felsplateau, auf dem das Anwesen stand, zu zwei Seiten, an den anderen Seiten fielen die Klippen steil ab. Im Schatten der Mauern und verborgen vor den neugierigen Blicken der Bewohner von Waterford erstreckte sich ein weitläufiger Garten voller Obstbäume, deren Duft im Verlauf der warmen Monate in der Nase kitzelte. Auf der anderen Seite gingen die Gärten in Terrassen über, die Flächen bestanden aus kunstvollen Mosaiken, die allesamt maritime Motive zeigten. Das Anwesen hatte einem kaisertreuen Händler gehört, und der Mann hatte es den Geflohenen, ohne mit der Wimper zu zucken, zur Verfügung gestellt. Ebenso auch den Inhalt seiner Schatzkammern.

Symeon erreichte die erste Terrasse bei der Villa. Ein Teil von ihr war mit einem von dünnen Säulen getragenen Vordach überspannt. Im Sommer war es der Ort, an dem das Leben im Anwesen stattfand. Hier versammelte sich, hier speiste man und sprach miteinander. Und so warm das Frühjahr auch sein mochte, es brauchte noch einige Wochen, bis es wieder so weit war. Der Offizier hielt kurz inne und betrachtete die verwaisten Liegen, Stühle und Tische, merkte die letzten wärmenden Strahlen der Abendsonne in seinem Rücken und schüttelte den Kopf. So verlockend es war – es war richtig, sich im Haus zu besprechen.

Er blieb zwischen den halbdurchsichtigen Stoffbahnen am Eingang stehen und blickte in die Runde. In dem großen Raum waren sie alle zusammen gekommen.

Dalmatius, der ewige Legionär. Dem hünenhaften Mann sah man an, dass er sein Leben dem Krieg gewidmet hatte, die zahlreichen Kämpfe hatten ihn gezeichnet. Er war bei Leibe keine Schönheit, Jahre des Blutvergießens, der Zecherei und unzähliger Kneipenschlägereien hatten ihre Spuren hinterlassen. Doch so bärbeißig er auch war, so grobschlächtig er auch wirkte, er hatte das Herz am rechten Fleck und zeichnete sich durch seine unumwundene Treue aus. Und trotz seiner sechzig Sommer war er ein brutaler und geübter Kämpfer.

Nysa, die jüngste Schwester des alten Kämpfers und mütterliche Seele. Die Geschwister trennten mehr als dreißig Sommer und was ihm an Schönheit fehlte, das besaß sie. Ihre smaragdgrünen Augen brachten ihr jugendliches Gesicht zum strahlen, ihre schwarze Lockenpracht sorgte für Verspieltheit und strahlten gleichzeitig auch Anmut aus. Sie war viel kleiner als ihr Bruder, trug weite Gewänder aus weißem Stoff. Nach ihrer Flucht hatte sie sich als Mutter der Zwillinge ausgegeben, hatte diese Rolle angenommen und verinnerlicht. Sie zog die Kinder wie ihre eigenen auf, liebte sie wie ihr eigen Fleisch und Blut. Nysa war wie eine Löwin, und es stand außer Frage, wie sie auf die Bedrohung aus der Ferne reagieren würde.

In ihrer Nähe stand Titus. Der letzte Schwertmeister des ermordeten Kaisers Arcadius war mitte Dreißig und man sah ihm seine hohe Geburt und ein Leben ohne schwere, körperliche Arbeit an. Es gab eine Zeit, da hatte er in der Kaiserstadt Cyril und darüber hinaus einen Ruf als Weiberheld und Schürzenjäger besessen, war den schönen Patriziertöchtern hinter gestiegen. Doch dann kamen der Krieg und die Flucht, und das Schicksal brachte ihn mit Nysa zusammen. Die Frau verstand es, ihn zu bändigen, seinen immerwährenden Hunger zu stillen. Seitdem war er ihr treu, auch wenn sein Äußeres immer noch dafür sorgte, dass die Frauen ihm ehrfürchtig zu Füßen lagen. Er wusste um diesen Ruf und genoss ihn. Er hatte ein kräftiges Kreuz und muskulöse Arme, Zeugen des stundenlangen Schwerttrainings, dass er sich Tag für Tag auferlegte. Es war nah an der Wahrheit, anzunehmen, dass er zu den besten Kämpfern der drei Kontinente gehörte. Sein schwarzes Haar war kurz, jedenfalls so kurz, dass es ihm während des Schwertkampfs nicht die Sicht nehmen konnte. Dennoch besaß er eine Frisur, ein Hinweis darauf, wie eitel er eigentlich war. Seine blauen Augen waren wach und aufmerksam, seine Lippen wurden fast immer von einem Lächeln umspielt, was den Eindruck erweckte, als verspotte er die Menschen um sich herum. Doch er konnte es sich leisten. Trotz der vielen Kämpfe, die er in seinem leben bestritten hatte, trug sein Körper nur eine Narbe – die wulstige Erinnerung eines Schnitts am Oberarm. Er hatte Nysa gehelicht und sich tadellos in die Rolle des Ziehvaters für die Zwillinge eingefügt.

Etwas abseits der anderen stand Origen, Letzter der Athanatoi, die an der Schlacht bei den grünen Seen teilgenommen hatten. Er trug weite Gewänder, unter denen das engmaschige Kettenhemd zu erkennen war. Jeder Zentimeter seiner Haut war bedeckt, seine Arme waren von Bandagen umwickelt, seine Hände steckten in eng anliegenden Handschuhen. Er hatte die weite Kapuze hochgeschlagen, sein Gesicht war hinter der schweren, unbeweglichen, eisernen Maske verborgen. Die Athanatoi, die Unsterblichen, hatten den Kaisern von Westrin ihre Treue geschworen und seine Brüder waren gefallen, um den Zwillingen die Flucht zu ermöglichen. Die Lepra, die den Körper des Mannes in den Klauen hielt, war dank des milden Seeklimas auf den Inseln und guter Ärzte nicht wesentlich Schlimmer geworden. Der Krieger stand die meiste zeit unbeweglich wie eine wachende Statue, in jedem Moment bereit, sein Schwert zu ziehen und für die Kaiserlichen zu töten – oder zu sterben.

Symeons Nasenflügel blähten sich, er sog hörbar die Luft ein und musterte seine alten Begleiter. Beim Schritt über die Schwelle atmete er aus, wurde sich ihrer Blicke bewusst.

»Es ist so weit«, sagte er knapp. Die Worte verklangen und entfalteten ihre Wirkung. Während Dalmatius, der ja schon davon wusste, ungerührt auf seinem Platz saß und einen tiefen Schluck Wein nahm, schoss Titus in die Höhe. Nysas Augen weiteten sich erst vor Schreck, dann verkniff die Frau sie zu angriffslustigen Schlitzen. Wie Origen die Botschaft aufnahm, blieb unter seiner Maske verborgen.

»Was ist passiert?«, wollte Nysa wissen.

»Genau das, was ich befürchtet habe. Danyel hat dich belauscht, er hat ihre Namen erfahren. Wir kamen nicht mehr rechtzeitig, um zu verhindern, dass er eine Nachricht abschickte.«

Betroffen schüttelte sie den Kopf, Trauer zerfraß ihre Züge und ihre Unterlippe begann zu beben.

»Das habe … das habe ich nicht gewollt.«

Noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, legte Titus ihr die Hand auf die Schulter. Symeon schüttelte den Kopf.

»Wir haben alle gewusst, dass es früher oder später so weit sein wird. Vielleicht sind wir nach all den Jahren der Ruhe einfach nachlässig geworden, vielleicht wollte das Schicksal, dass genau das passiert. Nysa, was passiert ist, können wir jetzt nicht mehr ungeschehen machen. Wir gewinnen nichts, wenn wir uns jetzt in Schuld und Gram wälzen. Wir müssen handeln.«

Die Absolution, die er gab, überzeugte Nysa nicht. Sie schüttelte hastig den Kopf, Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Es ist meine Schuld.«

»Nysa, es hätte uns alles passieren können.«

»Ist es aber nicht!« Sie hatte den Kopf gehoben und schleuderte dem Offizier die Worte in einer Härte entgegen, die er nicht erwartet hätte. »Es ist euch nicht passiert! Es ist mir passiert! Ich bin schuld an dem, was passieren wird!«

Symeon setzte an, etwas zu antworten, sah hilfesuchend zu Titus.

»Dieser Tag musste kommen, Nys«, sagte der Schwertmeister sanft und strich über ihre Wange. »Wenn nicht heute, dann in einigen Jahren. Früher oder später hätten wir uns Atanasio stellen müssen, so oder so. Wir können dem einen Gott für die zehn friedlichen Jahre danken. Wir können dafür dankbar sein, dass es erst jetzt passiert ist. Und wenn du die Frage nach Schuld stellst, dann such sie bei Atanasio, der das Kaiserreich getötet und all das hier in Bewegung gesetzt hat.«

»Aber ich habe … habe es verraten. Ich habe nicht aufgepasst …«, zischte sie, doch mit jedem weiteren Wort wurde ihre Stimme glucksender, brach auseinander.

»So ein Schwachsinn!«, schaltete sich Dalmatius mit wenig Feingefühl ein und stellte knallend seinen Becher ab. »Wenn es jemanden gibt, der Arcadius und Passara nicht verraten hat, dann bist du es. Die ganzen Jahre warst du wie eine Mutter für sie da und hast ihnen Halt gegeben. Du hast dich hier sicher gefühlt. Und verdammt noch eins, es hätte auch mir passieren können. Ich wunder mich jeden Tag darüber, dass es das noch nicht ist!«

Trotz seiner kämpferischen Wort streckte der alte Riese seine fleischige Pranke nach ihr aus und legte sie Nysa auf die Schulter. Ihr Kopf ging kurz zur Seite und die Blicke der Geschwister trafen sich. In einem Dialog, den nur Geschwister mit ihren Blicken in der Lage waren zu führen und zu verstehen, verständigten sich die beiden und Nysa schnaubte einmal bei dem versuch, ihre Nase frei zu bekommen. Zögerlich nickte sie. Symeon wartete noch einige Momente, dann sprach er wieder.

»Wir müssen in die Zukunft schauen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Atanasio seine Schergen schicken wird. Ich glaube, schon in diesem Sommer.«

»Was wird er uns entgegen werfen, Sym?«, fragte Dalmatius und griff wieder nach dem Wein.

»Alles, was er hat, Dal«, erklärte Symeon pragmatisch. »Die Kinder haben legitimen Anspruch auf den Thron, und er fürchtet sich davor, heute wahrscheinlich noch mehr als vor zehn Jahren. Rein äußerlich sind die Wunden des Kriegs verheilt, aber sie können schnell wieder aufbrechen, wenn die Zwillinge nach Westrin kommen. Das Volk kann sich um ihren Banner scharren und alles zerstören, für das er gearbeitet hat. Er wird uns alles entgegenwerfen, was er hat, da bin ich sicher.«

»Keine schönen Aussichten«, verzog der Angesprochene das Gesicht.

»Und was ist der Plan?«, wollte Titus wissen. »Wir stellen uns dem? Oder fliehen wir?«

»Eine Flucht ist sinnlos, sobald er weiß, dass die Kinder noch leben. Wenn wir jetzt fliehen, fliehen wir auch den Rest unseres Lebens, Schwertmeister.«

»Also Krieg?«

»Und bleibt keine andere Wahl, wenn wir das Versprechen erfüllen wollen, dass wir dem Kaiser gaben.«

»Du weißt, das ich mit meinen Schwertern in jeden Kampf ziehen werde. Aber wir reden hier von König Atanasio. Er hat eine Armee, er hat die Eisernen, er hat die Armada. Er hat fast einen ganzen Kontinent.«

»Dann wird es ein fordernder Kampf!«, lachte Dalmatius dreckig auf, aber niemand der Anwesenden konnte den großmäuligen Humor des Mannes in diesem Moment gebrauchen.

»Ich verstehe deine Bedenken, Titus«, stimmte Symeon zu, ohne auf den Einwurf des alten Legionärs einzugehen. »Was wir brauchen, sind Armeen. Verbündete. Alles, was nötig ist, um einen Krieg zu führen und zu gewinnen.«

»Und wo willst du sie hernehmen?«

»Westrin ist noch nicht tot. Es gibt Verbündete in dieser Welt. Einige, die davon wissen, andere, die wir noch überzeugen müssen. Aber wir sollten in jedem Fall schnell damit sein.«

»An wen hast du gedacht?«

»An alle, die sich Atanasio in den letzten Jahren zum Feind gemacht. Der feind meines Feindes ist mein Freund, heißt es. Uns verbindet das gemeinsame Ziel.«

»Ich weiß nicht«, verzog Titus das Gesicht, »ob uns das dann auch in der Zukunft helfen wird. All jene, die in den Krieg ziehen, werden hinterher etwas von der Beute haben wollen.«

»Ja, so funktioniert Krieg. Aber darum sollten wir uns später Gedanken machen. Für den Moment sollten wir überhaupt erst den ersten Schritt tun, bevor wir über den zehnten nachdenken.«

»Nicht, dass es uns später einholen und überholen wird.«

»Wir werden sehen, was die Zeit bringt. Hat jemand von euch echte Zweifel?«, fragte der Offizier und blickte in die Gesichter seiner Wegbegleiter. Er konnte keinen Zweifel entdecken.

»Du gibst den Weg vor, wie immer«, bestätigte Dalmatius und hob den Becher.

»Wir können nicht ewig flüchten«, stimmte Nysa zu.

»Meine Schwerter dienten dem Kaiser. Immer. Warum sollte ich jetzt was daran ändern?«, lächelte Titus.

»Die Athanatoi schworen dem Kaiser ihre Treue. Du bist ihr Archon. Ich werde deiner Entscheidung folgen und mein Leben für sie lassen, falls nötig«, erklang Origens Stimme gedämpft unter der schweren Maske.

»Ich danke euch, Freunde. Es liegt viel vor uns. Aber wir wissen, wofür wie es tun.« Symeon rieb sich nachdenklich die Knöchel. »Ich werde auch einen Brief an Inaros schicken. Seine Kräfte brauchen wir jetzt mehr denn je.«

»Viel Spaß dabei, den zu finden«, ächzte Dalmatius und streckte sich.

»Er wird folgen, wenn wir ihn bitten.«

»Das kann sein. Nur erst mal finden, Sym. Erst mal finden!«

»Ich weiß, wo ich anzufangen habe. Nysa? Kümmer dich um die Kinder. Es ist Zeit ihnen die Wahrheit zu erzählen. Das wird nicht einfach, nachdem Brygos ihnen ihre Erinnerungen nahm. Aber ich bin mir sicher, dass du es schaffen kannst. Wenn überhaupt.«

»Ich hoffe, dass sie es glauben«, sagte sie nachdenklich. »Was ist denn, wenn sie keine kaiserlichen Zwillinge sein wollen?«

»Es gibt Dinge, vor denen können wir nicht weglaufen, Nysa. Das werden sie verstehen.«

»Ich werde tun, was nötig ist.«

»Gut. Ich werde Kontakt zu Seelord Aleastan aufnehmen. Er war uns immer wohlgesonnen. Hoffen wir, dass der alte Mann es auch jetzt sein wird.«

Es klopfte, und einige Sekunden später kam Triarius herein.

»Archon? Protektorin Linnet steht mit der Garde vor den Toren. Sie verlangt nach euch und soll euch zu ihrem Vater geleiten.«

Symeon konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen.

»Was für ein Zufall. Dann hat die Garde das Blutbad bei Danyel gefunden.«

***

Es war einer der letzten kraftvollen Tage des Sommers. Die wärmenden Strahlen der Sonne schienen vom klaren, blauen Himmel herab und tauchten das grüne Vael in satte Farben. Dreh- und Angelpunkt des kleinen, aber stolzen Königreichs im südwestlichen Winkel des Westkontinents war der Lejn, ein vielarmiger Fluss, an dessen Ufern sich das Gros des Lebens abspielte. Folgte man dem Strom von der Küste ins Inland, so gelangte man nach Zevenbergen, der Hauptstadt des Königreichs. Die Stadt lag im Nordosten, links und rechts des Ufers erstreckten sich auf sieben Hügeln die Häuser, so weit das Auge reichte.

Die Sonne verwandelte den Lejn in ein Band aus schimmerndem Gold, die Bäume entlang der Uferlinien und in den zahlreichen Parkanlagen standen in kräftigem Grün. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand noch nicht erreicht, doch das sonst so geschäftige Zevenbergen lag in Stille. An diesem Tag schien niemand in der Hauptstadt auch nur einen Handschlag zu tun. Die Menschen standen entlang der Uferpromenaden und Hafenanlagen, dicht an dicht. Sie trugen ihre besten und teuersten Kleider, ein jeder schien zu versuchen, seinen Nachbarn in seiner Pracht zu übertrumpfen. Tausende Augenpaare waren auf den Lejn gerichtet, der immerwährenden Lebensader von Zevenbergen und von Vael. Sie blickten gen Süden, den Fluss hinab und kaum einer wagte es, ein Wort zu sprechen. Ihre Augen hefteten sich an das funkelnde Wasser, während die Zeit langsam und träge dahinströmte.

Im Süden, auf einer Insel im Fluss, lag das Kastell. Eine mächtige Festung mit starken Mauern und Türmen. Die Wehranlage hatte Zevenbergen über die Jahrhunderte vor allen Gefahren geschützt, die den Fluss hinauf kamen. Einst war Vael eine Provinz des westrinischen Kaiserreichs gewesen und die Festungsanlage ging auf diese Zeiten zurück. Und obgleich die Festung trutzig dalag, war sie an diesem Tag wie die ganze Stadt festlich geschmückt, für einen besonderen Anlass herausgeputzt. Auf den Türmen, hoch in der sanften Brise, flatterten die orangenen Banner des Königshauses. Orange war auch die Farbe, die in der ganzen Stadt dominierte: Lange Stoffbahnen schmückten die Häuserfassaden, überall flatterten die Fahnen im Wind. Einige von ihnen trugen das Wappen der königlichen Familie, einen weißen, gekrönten Löwen.

Und dann war der Moment gekommen. Fünf Galeeren passierten das Kastell und schwammen im gleichmäßigen Takt ihrer Ruder den Strom hinauf, strebten den Hafenanlagen von Zevenbergen entgegen. Ihre Segel waren tiefrot und auf ihnen, weithin sichtbar, prangte das königliche Wappen der Fercino, ein goldener Greif, in der einen Klaue ein Schwert, in der anderen eine Münze. Rot und Gold waren die treibenden Farben der festlich geschmückten Schiffe, die Mannschaften an Bord trugen ihre Wämser mit stolzer Brust. Es war eine feierliche Prozession und der gleichförmige Ruderschlag der Galeeren war eine Zeit lang das einzige Geräusch, das über der Stadt lag.

Von Norden, den Fluss hinab, trieb ein Meer aus Rot und Orange heran, ein Farbspiel, dass einem die Sinne rauben konnte. Es waren Blüten, dicht an dicht, ein Teppich aus Farben, der den Schiffen von der Strömung entgegengetrieben wurde. Die Galeeren fuhren in einer Linie und in dem Moment, da der Rumpf des ersten Schiffes das Blütenmeer durchschnitt, brachen die Menschen am Ufer in lauten Jubel aus. Auf einen Schlag war die Stille verschwunden, sie lachten, sie feierten, sie begrüßten die Schiffe in ausgelassener Heiterkeit. Sie grüßten die Königin der Zukunft.

Die fünf Galeeren paradierten in der Mitte des Lejn bis zum königlichen Palast. Dort beschrieben sie ein fächerförmiges Manöver und das zentrale Schiff der Formation löste sich aus der Reihe und hielt auf den Steg zu. Es war größer als seine Begleitschiffe, ein Meisterwerk des ästhetischen Schiffbaus. Die Planken waren mit poliertem Kupfer beschlagen, dass in der Sonne wie Gold glänzte, ein imposanter Greif mit ausgebreiteten Flügeln hielt als Galionsfigur her. Das einzelne Schiff nährte sich dem feierlich geschmückten Steg, auf dem Baldachine aus roten und orangenem Tuch gegen die Sonne aufgestellt worden waren.

Im Jubel seines Volks schritt der König von Vael samt seiner Familie den Steg entlang, der Stelle entgegen, an der das Schiff anlegen sollte. Man hatte keine Kosten und Mühen gescheut, die Kleider der königlichen Familie waren prachtvoll und atemberaubend. Edle Stoffe und feine, luftige Schnitte schufen ein einmaliges Bild. Das Königshaus von Vael war reich, und eine Hochzeit war der Moment, an dem man genau diesen Reichtum demonstrieren konnte.

Die Galeere glitt heran, die Ruder hoben sich aus dem Wasser, ganz so als wären sie von einem Mann bedient worden. Knechte und Diener eilten herbei, um das Schiff zu vertäuen, und als es verzurrt war, senkte sich das Fallreep. Der König von Vael hob den Arm, und seine Geste erreichte das jubelnde Volk. Ihre Stimmen verklangen und das Schweigen senkte sich wieder über die Stadt. Tausende Augenpaare waren auf die Galeere gerichtet, die Spannung war greifbar. Und genau in diesem Moment erschien eine Frau am oberen Ende.

Sie trug ein eng anliegendes Kleid in tiefem rot, der hohe Stehkragen und die Säume waren von feinen, goldenen Stickereien durchwirkt. Ihre braunen Haare waren kurz, verliehen ihr eine kesse Note, die bei einer Frau von Stand nicht alltäglich war. Sie war schön, ihr Körper stand in der Blüte seiner Jugend, alles war fest und straff, symmetrisch und perfekt. In der Sonne kam ihr südländischer Teint, das milde Olive, perfekt zur Wirkung. Man sah ihr die hohe Geburt an, sie strahlte mit jedem Atemzug etwas Erhabenes aus. Ihre Schönheit raubte dem Betrachter den Atem, konnte den stärksten Mann schwach und jede Frau ihr Antlitz vor Scham senken lassen. Giacoma, zweite Tochter von König Atanasio, dem Eroberer.

Die Zeit schien bei ihrer Ankunft anzuhalten, die junge Frau stand oben am Fallreep und genoss die abertausenden Blicke, die auf ihr Lagen. Ihre fein geschnittenen Lippen umspielte ein Lächeln, die Augen strahlten. Und langsam, ganz langsam hob sie die Hand, winkte.

Das Volk erwiderte den stillen Gruß lautstark. Die Menschen johlten und jubelten, schrien und sangen, winkten frenetisch. Giacoma senkte das Haupt ein kleines Stück als Geste der Dankbarkeit, dann schwebte sie förmlich das Fallreep hinab und der königlichen Familie entgegen.

Die Vermählung zwischen den Königshäusern von Fercino und Vael war eine Inszenierung sonder gleichen. Wahrscheinlich hatte es seit Jahrhunderten keine Feierlichkeit gegeben, die derart akribisch vorbereitet wurde, auf der es so viel Prunk gab. Es war ein ausgelassenes Fest, dass die neue Einheit zwischen dem großen Fercino und dem kleinen Vael zementieren sollte. Gleichwohl König Atanasio bei der Hochzeit nicht zugegen war, zahlte er das Gros des mehrtägigen Festes aus seiner Schatzkammer. Hunderte von Köchen waren in den Wochen zuvor nach Zevenbergen geströmt und hatten alles vorbereitet, Schneider fertigten prachtvolle Festgewänder an, Heerscharen von Dienern, Knechten und Sklaven richteten die Hauptstadt her, kehrten die Straßen aus, vertrieben die Bettler und Taugenichtse aus den Gassen. Mit dem gleichen Aufwand, mit dem ein Feldherr seine nächste Schlacht vorbereitete, wurde die Trauung vorbereitet.

Prinzessin Giacoma war in langen Verhandlungen Prinz Kristiaan zugesprochen worden und gleichwohl die beiden sich vorher niemals gesehen hatten, verstanden sie es, auf den Beobachter vertraut zu wirken. Sie wussten, was von ihnen erwartet wurde, waren letztlich ihr ganzes Leben auf diese Aufgabe vorbereitet worden.

Prinz Kristiaan war der älteste Sohn von König Thedo, ein Bursche, der nicht so recht nach seinem Vater kam. König Thedo war kräftig und stämmig, jedoch leicht untersetzt. Sein Sohn hingegen war hochgewachsen und fast dürr. Er besaß keinerlei kämpferischen Tugenden und ihm wurde nachgesagt, sich nicht einmal ordentlich auf einem Pferd halten zu können. Doch er besaß einen wachen Geist, sog von jungen Jahren an das Wissen der Welt wie ein Schwamm in sich auf. Er verbrachte die Tage meist in den königlichen Bibliotheken, beobachtete den Lauf der Sterne und war dennoch kein Träumer. Kristiaan war nicht unbedingt hässlich, doch neben der Schönheit von Giacoma verblasste er vollständig. Schon jetzt war klar, dass er niemals ein König der ersten Reihe werden würde, niemals ein Mann des Volkes, so wie sein Vater. Aber mit der Besiegelung des Bandes zwischen Fercino und Vael musste er das auch gar nicht.

Der Tag, an dem Kristiaan Giacoma das golddurchwebte Band aus Rot und Orange um das Handgelenk legte, sollte den Menschen in Vael noch lange im Gedächtnis bleiben.

Die Feierlichkeiten in Zevenbergen konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Vael ein Land war, in dem es Spannungen gab. Die drei Tage, in denen in der Hauptstadt ausgelassen gefeiert wurde, überdeckten den schwelenden Konflikt nur kurzweilig. Schon seit längerem gab es Verstimmungen zwischen den Herzogen der Küste und dem König und seinen Getreuen im Inland. Die Herzoge des Südens waren glühende Verfechter der Freiheit, die man sich vor Jahrhunderten von Westrin erkämpft hatte und fürchteten wohl zu Recht, dass eine Verbindung mit Fercino diese Eigenständigkeit nicht nur gefährden, sondern auch zerstören konnte. Der König war anderer Meinung, er wusste, dass sein Reich und sein Volk nur überleben konnten, wenn es ihm gelang, dauerhaft Frieden mit Fercino zu schaffen, und die Hochzeit zwischen den beiden Königshäusern war sein Versuch, den Frieden zu wahren und sein Reich zu erhalten.

In den Monaten nach der Vermählung wuchsen die Spannungen zwischen dem vom Handel lebenden Süden und dem von Handwerk lebenden Innenland immer mehr und überschatteten die frohen Tage am Ende des Sommers. In der Luft lag das Brodem der Revolution, Gerüchte über einen Bürgerkrieg, der das Land zerreißen und ins Chaos stürzen sollte, machten die Runde. König Thedo war eine kämpferische Natur, jemand, der nicht gewillt war, sich seine Pläne von den aufmüpfigen Herzogen des Südens zerstören zu lassen. Aber er wusste auch, dass ein offener Kampf das Schlimmste war, was Vael passieren konnte. Also schickte er seine Boten und Unterhändler aus, verhandelte den ganzen Winter lang. Es gelang dem klugen Taktierer, einen brüchigen Frieden zu halten, den Herzogen einige Zugeständnisse abzuringen und andere zu geben. Er hielt sie davon ab, zu den Bannern zu rufen und die blühende Zukunft Vaels zu ruinieren.

Als das Frühjahr kam, legte der König alles daran, den Frieden unter den Herzögen dauerhaft zu wahren. Er wusste, dass es nur als Affront verstanden wurde, wenn er sie zu sich nach Zevenbergen rief. Gleichwohl ihm dieses Recht zustand, würden sie darunter nur ein Herrschergebahren verstehen und sich brüskiert fühlen. Er tat also das, was einen guten König auszeichnete und sah über die Beleidigungen und die Missachtung seiner Titel, die ihm die Herzöge damit entgegenbrachten hinweg. Mehr noch: Für das Frühjahr plante er zusammen mit der Königin, in den Süden zu reisen und die Verhandlungen mit den Herzogen von Angesicht zu Angesicht zu suchen. Es würden keine einfachen Monate werden, aber sie waren den Aufwand wert, ging es doch um Vael.

Dass der schwelende Aufstand im Süden von langer Hand geplant war, hätte er sich nicht in seinen kühnsten Träumen vorstellen können.

***

Das Torffeuer brannte und verbreitete eine brüllende Hitze in der hohen Halle. Der Qualm zog nicht vollends durch den Kamin ab, ein Teil davon fing sich als dichter Schleier unter der Decke. Während der Winter draußen das Land in seinem eisernen Griff hatte, war davon in der Hochmotte wenig zu spüren. Die Ritzen zwischen den mächtigen Holzstämmen waren mit Lehm verklebt, hielten den kalten Zug draußen aber gleichzeitig auch die stickige Luft im Inneren.

Knes Ladislas hatte alles aufgeboten, was seine Speisekammer hergab, doch verglichen mit den reich gedeckten Tafeln in Cyril oder Gortana war es eher kärglich, ja beinah arm. Der Fürst demonstrierte mit dieser Geste seine Gastfreundschaft gegenüber den Männern aus dem Süden, die mitten im Winter die weite Reise zu ihm gemacht hatten.

Auf der langen Holztafel stapelten sich die Speisen: Schmorfleisch in scharfer, sämiger Soße, knusprig gebratenes, fettes Huhn, harte, luftgetrocknete Würste, Gemüse aus dem Kessel, geschmorte Zwiebeln, Kartoffeln in dampfenden Schalen. Es war eine einfache Kost, die zu den Lebensumständen in Mariza passte. Das Leben im nordöstlichen Winkel des Kontinents war nicht zu vergleichen mit dem im Süden, die Menschen waren dem Unbill der Natur und der Feindschaft der benachbarten Fürsten ausgesetzt. Sie brauchten kräftigende Speisen, so wie jene, die der Knes den Südländern hier präsentierte.

»Esst! Esst, denn wer weiß, ob ihr Morgen noch könnt!«, lachte der Fürst laut auf. Der Ausruf, der in anderen Teilen des Kontinents als Drohung verstanden werden konnte, war nichts anderes als ein geläufiger Wunsch und Ausdruck der Gastfreundschaft in Mariza. Denn vielleicht wartete Morgen wirklich der tödliche Frostbiss, ein verirrter Pfeil oder die Klinge eines Feindes? Ladislas war ein kleiner Mann, in den letzten Jahren hatte seine Leibesfülle zugenommen, so dass er mittlerweile eine pralle Kugel vor sich trug. Sein Haar war innerhalb der letzten zwei Jahre schlohweiß geworden und er trug die Farbe mit Stolz. In Mariza gab es nicht viele Männer, die ein so hohes Alter erlebten. Es war eine Auszeichnung und während sein Bart einfach nur lang und wuchernd war, war sein Haupthaar geflochten und geknotet, reichte ihm bis an den Gürtel. Seine Kleidung war einfach und schnörkellos, grober funktionaler Wollstoff ohne ein Zeichen von Würde. Die Jahre hatten ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen und seine rechte Hand bestand nur noch aus Zeigefinger und Daumen, ein Andenken an die Zeit, in der der Knes noch gegen seine Nachbarn in den Kampf gezogen war.

Die Gäste kamen der Aufforderung nach und einige Zeit breitete sich in der großen Halle der Motte das aus, was man landläufig als gefräßiges Schweigen bezeichnete: Man sprach nicht miteinander, doch das Schmatzen, das Schlürfen, das Kratzen der Messer war allgegenwärtig. Man aß und trank, ließ die Speisereste und Knochen dort fallen, wo man saß. Ein Festmahl in Mariza erinnerte oftmals eher an ein Schlachtfeld als an irgendetwas anderes.

Nachdem man sich über Stunden den Bauch vollgeschlagen hatte und die Diener die schlimmsten Spuren beseitigt hatten, kam man wieder um den Thron des Knes zusammen. Ladislas war umgeben von seinen Bojaren, die sich ebenso anhören sollten, was die Gesandtschaft aus dem Süden vorzutragen hatte.

»Was hat euch diese weite Reise machen lassen?«, dröhnte er.

»Wir kommen im Auftrag unseres Königs, werter Knes«, erklärte der Südländer. Er war ein kräftiger Mann mit dichtem schwarzen Haar und gepflegtem Vollbart. Die lange und gefährliche Reise hatte dafür gesorgt, dass er auch jetzt noch seinen schweren Panzer trug, an der Seite das Schwert.

»Das ist kein Geheimnis, Vasco. Da hätte meine blinde Großmutter drauf kommen können!«, lachte der Knes und seine Bojaren stimmten schallend ein.

»Ohne Frage, Knes Ladislas. Mein König schickt mich, weil er die Hilfe eures Volks braucht.«

Die Augenbraue des dicken Mannes ruckte nach oben.

»Der Eroberer braucht meine Hilfe? König Atanasio braucht Hilfe? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Und doch ist es so. Deshalb stehe ich vor euch, Knes.«

»Und was könnte ich für Ihn tun, was er mit seiner Macht und seinem Reichtum nicht selber tun könnte, Vasco?«

Der Südländer lächelte freundlich und anerkennend.

»Der Ruf eures Volks ist bekannt, Knes. Eure furchtlosen Panzerreiter werden in zahllosen Liedern besungen – auch bei uns im Süden. Jahrhunderte habt ihr Westrin eure Schlagkraft zur Verfügung gestellt, wenn der Kaiser nach euch rief. Als Westrin im Sterben lag, habt ihr wiederum die richtige Entscheidung getroffen und seit dem Ruf zu den Waffen nicht gefolgt. Eine weise und weitsichtige Entscheidung, für die euch mein König respektiert und in den höchsten Tönen lobt. Eine Entscheidung, für die der König sich in den letzten jahren immer wieder erkenntlich gezeigt hat. Ihr habt davon profitiert. Jetzt aber ist es an der Zeit, dass der König die Dienste eurer Reiter braucht. Und deshalb hat er uns geschickt, Knes.«

Ladislas verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief, musterte den Südländer, der seinem Blick nicht auswich. Der Knes warf kurze Seitenblicke zu seinen Bojaren.

»Ich sehe, wenn man mir versucht Honig um den Bart zu schmieren, Südländer. Ich kenne den Ruf unserer Panzerreiter und ich habe mir schon gedacht, dass er deshalb zu mir schickt. Nur in eurem Loblied habt ihr eines vergessen. Das letzte Mal, da König Atanasio ein Söldnerheer aufstellte, ließ er es vor den Toren Rahmat zurück, opferte die Kämpfer.«

»Die Geschichten sind also bis zu euch gedrungen, Knes.«

»Nicht nur diese, Vasco. Aber das hier ist die wichtigste Geschichte.«

»Eins muss doch klar sein«, erklärte der Unterhändler und hob mahnend den Finger, »Jeder, der dem Kriegshandwerk nachgeht, ist sich der Gefahr bewusst, in die er sich begibt. Jeder, der glaubt, es sei nicht mit Gefahren verbunden, der ist ein Narr. Und wir müssen auch ehrlich sein, werter Knes: Jeder Söldner sollte wissen, wo sein Platz ist.«

»Scheinbar nicht in der Armee von König Atanasio«, stellte der Knes mit düsterer Mine fest.

»Was erwartet ihr denn von meinem Herren? Dass er Söldner so behandelt wie seine eigenen Truppen?«

»Ich erwarte Ehre. Ein Heer aufzustellen und es dann seinem eigenen Schicksal zu überlassen, ist nicht ehrenhaft, Vasco.«

»Ladislas, ihr lügt mir ins Gesicht«, lächelte der Südländer fein. »Ihr hättet in einer gleichen Situation nicht anders gehandelt. Nehmen wir an, ihr hättet eine große Söldnerarmee aufgestellt um die anderen Knes von Mariza zu schlagen und zu besiegen. Ihr würdet dem Sieg jeden einzelnen dieser Söldner opfern. Und ihr hättet vollkommen Recht damit. Denn dazu sind Söldner da.«

»Seid vorsichtig, wen Ihr einen Lügner nennt!«, drohte der dicke Mann finster.

»Habe ich Unrecht, Knes? Dann bitte ich um Entschuldigung.«

»Gehen wir davon aus, ihr habt nicht ganz Unrecht. Dann sorgt das alles aber noch weniger dafür, das ich bereit bin, dem König meine Panzerreiter zur Verfügung zu stellen.«

»Weil ihr Angst habt, Sie zu verlieren?«

»Nein. Weil König Atanasio bereit ist, meine Männer zu opfern. Was seine eigenen Truppen schont, schadet aber meinem Volk.«

»Verzeiht, Knes Ladislas, aber ihr sprecht so, als hättet ihr noch nie mit dem Kriegshandwerk zu tun gehabt. Das was ihr sagt, ist wahr, aber es ist einer der Grundpfeiler des Söldnertums.«

Ladislas grinste und offerierte damit seine Zahnlücken.

»Ich will einfach nur hören, wie König Atanasio gedenkt, uns solche Verluste zu ersetzen.«

»In Goldadlern.«

»Dann sprechen wir doch die gleiche Sprache, Vasco.«

»Das habe ich mir gedacht.«

»Wie gut kennt der König mein Land und mein Volk, wie sehr weiß er von unserem Wesen und unseren Gebräuchen?«

»Ist das für diesen Handel wichtig?«

»Sehr sogar. Mariza wird von den Knes beherrscht. Und jeder von uns ist sein eigener Herr. Wir misstrauen unseren Nachbarn, und es gibt die blutigen Sommer, in denen wir übereinander herfallen. Mein Volk ist vom Krieg zerrissen, den wir seit Generationen immer wieder gegeneinander führen. Unser Land hat mehr Blut gesehen, als ihr euch vorstellen könnt.«

»Auch diese Geschichten sind bekannt, Knes.«

»Wenn ein Knes seine Reiter verleiht, dann macht er sich gegenüber seines Nachbarn angreifbar. Kein Fürst wird euch all seine Truppen geben, weil sie alle fürchten, dass sie in den Zeiten der Schwäche angegriffen werden.«

»Ja, das Misstrauen ist tief in eurem Volk verwurzelt, Knes. Aber ich bringe die gleichen Argumente, die früher auch schon funktionieren: Gold.«

»Nachdem, was Atanasio getan hat, wird er die Knes vorher bezahlen müssen. Zumindest teilweise.«

»Das ist kein Problem.«

»Dann habt ihr trotzdem einen langen Weg vor euch, Südländer. Ich weiß nicht, wie viele Panzerreiter der König benötigt. Aber kein Knes wird euch all seine Truppen zur Verfügung stellen. Ihr werdet von Vára zu Vára reisen müssen, werdet verhandeln und feilschen müssen.«

»Sollte das nötig sein, werde ich es tun. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. Ich glaube, die Gerüchte, dass König Atanasio bereit ist für jeden Panzerreiter einen Goldadler zu zahlen, werden dafür sorgen, das ich mir viele Kilometer Marschweg ersparen kann.«

Ladislas verzog anerkennend das Gesicht.

»Einen Goldadler pro Mann und Pferd? Ihr könntete Recht haben. Wenn euer König das wirklich bezahlt, dann werden die Knes ihre Feindschaften vergessen und euch mit lachendem Gesicht ihr Soldaten zur Verfügung stellen.«

»Sehr ihr. Aber dazu braucht es vor allem auch euch, Ladislas.«

»Mich? Ich soll der erste sein, der seine Reiter in die Dienste des Königs stellt, was? Damit die anderen Knes womöglich ein leichtes Spiel mit mir haben.«

»Keinesfalls. Aber ihr könnt Boten ausschicken, verbreiten, was mein König bereit ist, für jeden Mann samt Ross zu bezahlen. Das ist alles.«

»Ich soll also zusehen, wie meine Nachbarn sich bereichern und bekomme kein Gold von deinem König?«, brüskierte sich der Fürst.

»Ihr seid zu vorschnell. Keinesfalls. Mein König hat ein anderes Angebot für euch. Und er wird euch reich entlohnen und eure Träume wahr machen, Knes.«

Am Ende ging die Rechnung auf: Die horrenden Summen, die König Atanasio bereit war, für die Panzerreiter aus Mariza zu zahlen, sorgte dafür, dass die meisten Knes ihre Fehden vergaßen und bereitwillig ihre Soldaten zur Verfügung stellten. Den ganzen Winter lang verbreitete sich die Kunde über die Berge aus Gold, die jeder Fürst verdienen konnte, und sie alle gaben bereitwillig ihre Soldaten. Die gleichen Mechanismen, mit denen Westrin in den vergangenen Jahrhunderten Söldner angeworben hatte, funktionierten erneut.

Als das Frühjahr kam, hatte Vasco eine Armee aus achttausend Panzerreitern um sich gescharrt, ein imposanter Anblick. Seltsamerweise war es wie immer: So sehr die Knes von Mariza untereinander auch verfeindet waren, ihre Soldaten hielten den größten Teil der Zeit den Frieden. Sicher, es gab immer kleine Unstimmigkeiten und Streits, manchmal eine Prügelei, aber im Großen und Ganzen bewiesen die Söldner, dass sie ihr Handwerk verstanden und ihre Disziplin wahren konnten. Was sie in ihrer Heimat entzweite, spielte keine Rolle.

Nachdem der letzte Schnee geschmolzen war, brach der Südländer mit seinem Heereszug gen Süden auf. Wofür genau König Atanasio die Söldner brauchte, darüber hatte Vasco nicht ein Wort verloren. Aber im Grunde spielte es auch keine Rolle, denn wofür Krieger da waren, daran bestand kein Zweifel. In den nächsten Wochen führte er den Heereszug gen Süden auf Cyril. Zurück blieb Knes Ladislas, für den König Atanasio eine ganz andere Rolle vorgesehen hatte.

***

Schweigend hatte der Seelord den Ausführungen gelauscht. Er war ein alter Mann, zählte mehr als siebzig Sommer. Aleastan hatte seine besten Jahre längst hinter sich und sein Körper war von schwerer Krankheit gezeichnet. Unterhalb des Halses war sein Körper bewegungslos und welk, gelähmt und steif. Seine Glieder waren unnatürlich verdreht und dürr. Es war eine Erkrankung, die ihn schleichend in der Mitte seines Lebens getroffen hatte. Zuerst war nur sein rechtes Bein taub gewesen, aber binnen weniger Monate breitete sich die Lähmung aus, wütete unter fürchterlichen Schmerzenskrämpfen. Kein Arzt und kein Priester, den man rief, konnte dem Leiden des Lords Linderung verschaffen, und einige Zeit sah es danach aus, als stünde der Tod für den Adligen bereit. Aleastan aber bewies Durchhaltevermögen, sein Körper welkte dahin, wurde zu einer nutzlosen Hülle, doch der Mann war zäh und überlebte. Bei allem, was er tat, war er nun auf fremde Hilfe angewiesen, auf Diener, die selbst die kleinsten Handgriffe für ihn erledigten. Er war Gefangener seines eigenen Körpers. Er war Aleastan der Krüppel, Seelord von Königswasser.

Seine ganze Erscheinung wirkte befremdlich, ja abschreckend auf den ungeübten Beobachter, ein Umstand, den der alte Mann in den Jahren für sich auszunutzen verstand. Manchmal unterschätzten sie ihn, hielten ihn für einen Schwächling, der seiner Krankheit und dem Wohl seiner Diener ausgeliefert war. Doch in dem verkümmerten Körper ruhte ein wacher Geist. Der Seelord war nicht in der Lage, seine Insel so zu reagieren, wie seine Amtskollegen es taten und die Delegation wichtiger Aufgaben auf verlässliche Verbündete gab ihm Zeit, über vieles nachzudenken, Dinge immer wieder bis ins kleinste Detail zu planen. Stellte man ihm eine Frage, so konnte es Minuten dauern, bis man eine Antwort erhielt, aber jedes Wort, das er sprach, war abgewogen und durchdacht. Die Stimme des Seelords war dabei leise und kratzig, womit er seine Zuhörer zwang, immer konzentriert zu sein. Lord Aleastan wiederholte seine Worte niemals.

»Als Ihr vor zehn Jahren kamt und um Unterschlupf batet, war klar, das dieser Tag kommen würde. Jedem von uns. Damals nahm ich euch auf meiner Insel auf, weil ich mich Kaiser Antimus, vor allem aber Westrin verbunden fühlte. Das tue ich heute noch.«

Symeon senkte den Kopf.

»Ich danke Euch, Seelord.«

»Der Eroberer sitzt auf dem kaiserlichen Thron, aber er ist nicht gut für diese Welt. Seine Kriege haben das Leben vieler gekostet und von noch mehr Menschen beeinflusst. Vertrauen ist selten geworden in dieser Welt und darunter leidet der Handel. Atanasio hat in seinem Leben nicht einen Fuß auf ein unserer Insel gesetzt und doch schadet er meinem Volk.«

»Wenn nur mehr Seelords Eure Weisheit hätten, Aleastan.«