EXIT NOW! - Teri Terry - E-Book

EXIT NOW! E-Book

Teri Terry

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14,99 €

Beschreibung

Großbritannien nach dem Brexit: Die 15-jährige Sam lebt in einem goldenen Käfig. Hohe Mauern schirmen sie ab vor bettelnden Familien. Panzerglas schützt sie vor Bombenanschlägen. Auf Empfängen lächelt sie zu den Reden ihres einflussreichen Vaters. Doch als Sam die zwei Jahre ältere Ava kennenlernt, erwacht sie aus ihrer Erstarrung: Wieso gibt die Regierung den Jugendlichen die Schuld am Terror im Land? Warum kontrolliert die Polizei plötzlich ihre Handys und jede ihrer Bewegungen? Wohin verschwinden so viele Mädchen aus ihrer Schule? Sam und Ava fühlen sich, als würde ihnen die Luft zum Atmen genommen und sie wollen sich wehren. Aber wie, wenn das ganze Land sich gegen sie wendet? Das Prequel zu Teri Terrys erfolgreicher "Gelöscht"-Trilogie: packend und erschreckend aktuell!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 450




eISBN 978-3-649-63374-7

© 2019 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

First published in Great Britain in 2019 by The Watts Publishing Group Limited

Text copyright © Teri Terry, 2019

The moral right of the author has been asserted.

All characters and events in this publication, other than those clearly in the public domain, are fictitious and any resemblance to real persons, living or dead, is purely coincidental.

All rights reserved.

No part of this publication may be reproduced, stored in a retrieval system, or transmitted, in any form or by any means, without the prior permission in writing of the publisher, nor be otherwise circulated in any form of binding or cover other than that in which it is published and without a similar condition including this condition being imposed on the subsequent purchaser.

© 2019 by Teri Terry

Originalverlag: Orchard Books

Originaltitel: Fated

Aus dem Englischen von Petra Knese

Umschlaggestaltung: Anne Sent, unter Verwendung von Motiven von Orchard Books und von © vdovin_vn/www.shutterstock.com

Lektorat: Sara Mehring

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-63419-5.

TERITERRY

Aus dem Englischen von Petra Knese

Für alle »Gelöscht«-Fans, die auf einebessere Welt hoffen, davon lesen und träumen:Sie gehört euch. Macht was draus.

Inhalt

1. TEIL: CHAOS

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

2. TEIL: KONTROLLE

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

3. TEIL: REBELLION

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

4. TEIL: FOLGEN

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

SAM

AVA

EPILOG

AVA

SAM

DANKSAGUNG

Leseprobe

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

TAUCH EIN IN DIE DÜSTER-FESSELNDE WELT VON »GELÖSCHT«

          1. TEIL: CHAOS          

Ordnung ist künstlich und uns von derRegierung aufgezwungen.Die Natur strebt nach Chaos!Auf wen vertraut ihr?

A4AÖffentliches Manifest

Es liegt in der Natur des Menschen, Dinge zu erschaffenund zu zerstören. Die Zerstörung könnt ihr getrosteuren Gegnern überlassen, anschließend tretet ihrdann als Retter auf. Sie bekommen die Schuld undihr kassiert die Lorbeeren. Spart auch Energie.

Astrid Connor, Abgeordnete der Opposition,persönliches Tagebuch

          SAM          

Wir sitzen in der Falle. Nichts als dünnes Glas und Metall trennen uns von Hass und Zorn; vor Angst ist meine Kehle zugeschnürt, ich bekomme keine Luft mehr.

Dad gibt dem Fahrer harsche Anweisungen, uns hier rauszubringen, aber was soll er machen? Wir sind umzingelt.

Wutverzerrte Gesichter. Krasse Beleidigungen. Als einer aus der Menge versucht, meine Seitenscheibe mit einem Stein einzuschlagen, schreie ich selbst fast los, aber das Glas hält, ist ja kugelsicher. Können sie es trotzdem zertrümmern? Wenn sie immer wieder auf die gleiche Stelle hämmern?

Jetzt schaukelt unser Wagen. Von allen Seiten packen sie das Auto und rütteln es durch.

Das Sirenengeheul kommt näher. Die Menge löst sich auf, die Leute rennen weg. Die Bereitschaftspolizei rückt mit Schutzschilden und Schlagstöcken vor. Menschen, Blut, alles durcheinander.

Neben meinem Fenster fällt ein Mädchen hin, während die Leute einfach weiterstürmen, die tun ihr noch weh, trampeln auf ihr rum. Ich richte mich ein wenig auf, aber ich sehe sie nicht mehr …

»Runter mit dir, Samantha!«, ruft Dad.

Reifen quietschen. Unser Fahrer wendet halb auf dem Gehweg, bahnt sich einen Weg durch den brüllenden Mob. Sobald wir wieder auf der Straße sind, geben wir Gas, soweit das im verstopften London möglich ist, wenn alle das gleiche Ziel haben: bloß weg von hier.

Dad hängt am Telefon, will wissen, wie es sein kann, dass man uns einfach so ohne Vorwarnung eingekesselt hat.

Nach dem Gespräch sagt er: »Samantha. Ich muss sofort ins Ministerium. Du kommst erst mal mit.«

Unterwegs haben wir grüne Welle. Ob die das extra für uns so einrichten? Als wir Westminster Palace erreichen, öffnen die Wachen die neu eingebauten Tore in dem hohen Zaun, sodass wir in den Innenhof einfahren können. Überall Wachen. Die Autotüren werden aufgerissen und wir werden im Eiltempo die Stufen zum Eingang hoch eskortiert. Das mit den Wachen hat was mit der Alarmstufe zu tun, das machen sie nur, wenn es ernst ist.

Nachdem Dad im Pulk verschwunden ist, bleibe ich verwundert allein zurück. Innerlich bin ich ganz ruhig – ein merkwürdiges Gefühl, als hätte jemand die Zeit angehalten oder als wäre ich gar nicht Teil des Geschehens, sondern würde bloß zusehen, wie sich alles um mich herum abspielt. Als wäre ich noch immer im Auto inmitten der Aufständischen.

Jemand berührt mich an der Schulter. Es ist Astrid Connor, sie ist Abgeordnete der Oppositionspartei und auch Schattenministerin für irgendwas. Ich kenne sie über ihre Tochter, die auf meine Schule geht.

»Samantha. Alles okay? Das muss ja ein Schock gewesen sein.« Ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, das mich sicher beruhigen soll, aber eher das Gegenteil bewirkt.

Ich schlucke, weiß nicht, was ich sagen soll. »Kann ich nach Hause?«, frage ich schließlich. Mich nervt, dass meine Stimme so piepsig klingt.

»Keine Ahnung. Wir müssen bei den Wachposten fragen, ob dich jemand fahren kann.« Sie sieht sich suchend um und winkt dann eine Assistentin herbei. Dann wendet sie sich wieder mir zu. »Trink du so lange einen Tee, ich sorge dafür, dass sie dir jemanden schicken.«

Die Assistentin bringt mich ins Café und holt mir einen Tee. Ich halte die Tasse mit beiden Händen, damit ich nichts verschütte. Meine Finger zittern.

An der Wand hängt ein Fernseher. Auf BBC werden Ausschnitte von dem gezeigt, was ich gerade erlebt habe. Zwischenfall nennen sie es. Das Wort mögen sie. Wenn ich es jetzt so auf dem Bildschirm sehe, unseren Wagen in der tobenden Menge, bin ich sofort wieder mittendrin, als würde es noch mal von vorne losgehen. Nur schaue ich dieses Mal von oben drauf.

In der Berichterstattung heißt es, Vize-Premierminister Gregory sei in eine Protestkundgebung geraten und habe seine Tochter dabeigehabt. Dann erscheint ein Foto von uns. Es ist ein altes Bild, das kurz nach der Wahl vor einem Jahr aufgenommen wurde, da war ich vierzehn, und die hatten mich in ein schreckliches blaues Kleid gesteckt. Die Farbe würde so gut zu meinen Augen passen, meinte Mum, aber als sie mir dann auch noch mein hellblondes Haar zu Korkenzieherlocken gedreht hatten, sah ich viel jünger aus. Dad hat auf dem Foto sein ernstes Politikergesicht aufgesetzt. Damals schien es noch, als könnte er es jederzeit wieder absetzen, aber jetzt sieht er fast immer so aus, und sein kurzes dunkles Haar wird an den Schläfen auch mit jedem Zwischenfall grauer.

Nachdem unsere Namen genannt wurden, zähle ich langsam im Kopf: Eins, zwei, drei, vier … dann geht es los. Mein Telefon summt mit der ersten Nachricht.

Alles ok, Sam?

Ja.

Was ist passiert?

Guck’s dir im Fernsehen an. War in echt nur tausendmal lauter.

Wo bist du?

Westminster. Tee trinken.

Hast du gefilmt?

Ne, hatte andere Probleme.

Kommst du klar, Süße? Schule fällt heute aus, Daumen drücken für morgen!

Ja. Ja!!!

Hast du was gesehen? Hattest du Angst?

Ich zögere. Gerade waren wir noch auf dem Weg zur Schule und im nächsten Moment … brach die Hölle los. Eine Flut von Eindrücken stürmt auf mich ein: hasserfüllte Gesichter, Geschrei, der Stein an der Fensterscheibe, die Polizei und das Blut. Das Mädchen, das vor meinen Augen gestürzt ist und von der Menge überrannt wurde.

Und dann lüge ich:

Ich habe nichts gesehen.

Ständig bekomme ich neue Nachrichten. Schulfreunde texten mir, meine Kunstlehrerin, meine Cousins, sogar Sandy, die kleine Tochter des Oppositionsführers – Hinz und Kunz. Im Grunde immer: Alles okay? Geht’s dir gut? Und ich antworte Ja, Ja und abermals Ja. Geht mir wohl auch gut. Zumindest bin ich … unversehrt. Die Scheibe ist nicht zu Bruch gegangen. Was dann wohl passiert wäre? Aber ist sie ja nicht. Trotzdem geht es mir nicht gut.

Ich schreibe mir mit den Leuten, denen ich antworten will, während ich auf den einen Anruf warte, der nicht kommt. Schließlich kann ich mich nicht mehr bremsen und schreibe selbst: Hi Mum, mir geht es gut. Danke, dass du nicht fragst.

Keine Antwort.

          AVA          

Dankbar lasse ich mich auf meinem Lieblingsplatz nieder, dieser einen Bank in Kensington Gardens. Anderswo blickt man direkt auf die hässlichen neuen Sicherheitszäune um Westminster, aber von hier sieht man sie nicht, und weil die Bank auch fernab der verblassenden Sommerblumen und Hauptwege liegt, kommt hier kaum jemand vorbei.

Die späte Septembersonne wärmt mir die Arme; der Rasen ist perfekt gepflegt und grün. Eine sanfte Brise weht und die Sirenen sind weit weg. Fast kann ich mir einreden, es gebe sie nicht, doch dann wäre ich jetzt in der Schule.

In London ist die Schönheit immer ein zweischneidiges Schwert. Und das wird immer schärfer. Einmal hat es mir schon das Herz durchbohrt, aber daran will ich jetzt nicht denken. Zeit, die Wirklichkeit auszublenden und meine Bücher aufzuschlagen. In die Welt der Wörter zu tauchen, meinen anderen Lieblingsplatz.

Doch ich bin zu abgelenkt und mir tanzen die Buchstaben vor den Augen herum. Der Schmerz hat damit nichts zu tun, weder der alte noch der neue. Es hat einen ganz anderen Grund. Schließlich gebe ich auf und packe die Bücher weg. Lege mich mit dem Rücken auf die Bank, stelle die Beine auf und genieße die Wärme des Holzes, die ich durch mein dünnes Kleid spüre. Die Sonne blendet und ich muss die Augen schließen, aber trotzdem durchläuft mich ein Zittern.

Warum muss es ausgerechnet sie sein?

Ich konnte nicht ablehnen. Obwohl ich schon ein Vollstipendium habe, verursacht diese Schule immer wieder neue Kosten. Mein Vater kann nicht noch mehr Schichten übernehmen.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als diesem Mädchen Nachhilfe zu geben.

Aber warum ausgerechnet ihr?

          SAM          

Drei Tassen Westminster-Tee, zwei Schokoriegel und endlose Berichterstattungen später kommt die Assistentin zurück und sagt mir, dass ich bald nach Hause kann. Meinen Kram habe ich im Auto gelassen, darum zeichne ich jetzt mit einem geliehenen Stift Bilder von heute Morgen auf Papierservietten. Aber das, was dabei herauskommt, ist nicht klar, nicht real genug. Der Aufstand war brutal, Furcht einflößend und sinnlos, aber real. Nicht gesäubert und vertuscht.

Die Assistentin schaut mir über die Schulter. »Wow! Du bist wirklich sehr gut.«

Als der Fahrer mich abholen kommt, knülle ich die Servietten zusammen und ziele auf den Mülleimer in der hintersten Ecke des Cafés. Gleich der erste Wurf ist ein Treffer.

Spät am Abend sitze ich mit Bleistift und Skizzenblock im Bett. Diesmal versuche ich, aus dem Gedächtnis zu zeichnen, was ich gesehen habe, ohne Fernsehbilder. Das ist nämlich nicht das Gleiche. Kamera und Reporter haben einen Filter zwischen mich und die Ereignisse geschoben, so wie bei den Leichen, die in den Nachrichten immer verschwommen zu sehen sind, damit man sie nicht erkennt. Nun wünschte ich, ich hätte mit meinem Handy selbst Fotos gemacht.

Wenn ich das nächste Mal in einem Aufstand stecke, denke ich dran.

Dann klopft es an meiner Tür.

»Ja?«

Dad steckt den Kopf rein. »Ich habe noch Licht unter deiner Tür gesehen. Solltest du nicht längst schlafen?«

Ich zucke die Achseln und er kommt rein, sieht die Zeichnungen auf dem Bett. Er zieht sich den Schreibtischstuhl ran, setzt sich neben mich und nimmt meine Hand. Schon lange her, dass er zu mir ins Zimmer gekommen ist, um mir Gute Nacht zu sagen. VdW – vor der Wahl – hat er das immer getan. Und ich weiß, dass er nicht rein zufällig das Licht bei mir gesehen hat. In unserem großen Haus muss er sich schon die Mühe machen und einen extra Schlenker laufen.

»Tut mir leid, dass ich dich heute Morgen allein lassen musste«, sagt er. »Geht es dir gut?«

Zum ersten Mal antworte ich ehrlich. »Nein. Eigentlich nicht.«

»Mir auch nicht. Aber sag es nicht weiter.«

»Man sieht es ständig im Fernsehen, aber wenn man selbst drinsteckt …« Ich verstumme.

»Ich weiß. Das ist was anderes.«

»Worum ging es da? In den Nachrichten meinten sie, es würde für Wohnraum und Arbeitsplätze protestiert. Aber die Menschen waren so wütend.«

»Anfangs waren die Proteste wohl noch friedlich, aber es gibt immer kriminelle Elemente, die solche Konflikte für ihre eigenen Zwecke nutzen.«

»Wer steckt diesmal dahinter?«

»Die Ermittlungen sind …«

»… noch nicht abgeschlossen. Das haben sie auch im Fernsehen gesagt. Aber weißt du es denn nicht?«

»Darüber darf ich nicht sprechen …«

»Ich bin doch nicht von der Presse. Habe ich nicht das Recht zu erfahren, ob sie uns gezielt angegriffen haben?« Vor dieser Frage habe ich am meisten Angst.

Gleich schaut mein Vater versöhnlicher. »Glaube ich nicht. Die haben bloß einen Regierungswagen gesehen, mehr nicht. Wahrscheinlich waren wir nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Nun ist es aber Zeit, dass du das Licht ausmachst und schläfst. Ich muss wieder an die Arbeit.«

»Solltest du nicht auch lieber schlafen?«

Er grinst. »Bald. Vorher muss ich noch ein paar langweilige Sachen erledigen. Und sei unbesorgt. Die Straßen werden jetzt besser überwacht. Der Vorfall von heute kann sich nicht wiederholen.«

Jedes Mal, wenn was passiert ist, werden Maßnahmen ergriffen – hier was erhöht, da was verstärkt. Aber was ist mit den Dingen, die noch gar nicht geschehen sind, an die noch keiner gedacht hat?

Es gab eine Zeit, da konnte mein Vater zu mir sagen, dass ich mir keine Sorgen machen soll, und ich habe mir auch keine gemacht. Für mich war Dad immer der Größte, der alles konnte. Es ist komisch, aber das stimmt so nicht mehr. Und das ist nicht bloß ein Gefühl, ich weiß es einfach. Die Welt verändert sich ständig, nichts ist mehr vollkommen sicher. London ist Treibsand.

»Wo ist Mum?«

»Sie ist bei ihrer Schwester geblieben. Das ist ja auch vernünftiger, als spätabends noch quer durch die Stadt zu fahren. So. Was machst du, wenn ich die Tür schließe?«

»Schlafen.«

»So ist es brav.« Er sammelt die Zeichnungen ein und legt sie auf den Schreibtisch, bevor er zur Tür geht. »Irgendwas war doch da noch …« Nachdenklich lässt er den Blick in die Ferne schweifen. »Ach ja. Eigentlich wollte ich es dir schon heute Morgen im Auto sagen, aber da haben sich die Ereignisse dann ja überschlagen. Ich mache mir ein bisschen Sorgen um deine Noten, weil du so viel gefehlt hast.«

Ich verdrehe die Augen. Echt jetzt? Nach allem, was heute passiert ist, fängt er davon an?

»Sieh mich nicht so an. Du weißt, wie wichtig die Zwischenprüfungen sind. Ich habe bei deiner Rektorin nachfragen lassen, wer für Nachhilfe infrage käme. Ein Mädchen aus der Oberstufe bietet sich da an. Eigentlich hättest du dich schon heute mit ihr nach Schulschluss treffen sollen. Nun müsst ihr euch eben morgen treffen.«

»Was? Morgen? Aber ich habe schon was vor. Wer ist es denn?«

Er zuckt die Achseln. Falls er ihren Namen mal wusste, hat er ihn nicht mehr parat. Er schaltet die Nachttischlampe ein, bevor er das Deckenlicht löscht, dann schließt er die Tür.

Wenigstens kann ich jetzt über was anderes nachdenken. Unfassbar, dass er nicht wenigstens vorher mit mir darüber gesprochen hat.

Wer es wohl ist?

          AVA          

Sie singt leise.

Sov, du lilla videung,

än så är det vinter …

Die Melodie ist wohlig vertraut, legt sich schützend um mich. Ich kuschle mich in Mums Arme, in das Nest aus Wolle und ihrem Geruch – Blumenduft und Küchengewürze. Ihr langes Haar berührt mich sanft an der Wange.

… sov, du lilla vide,

än så är det vinter …

Den ganzen Text kenne ich nicht. Ich darf ihn auch nicht lernen, aber an den Teil mit der Weide kann ich mich trotzdem erinnern. Und mir ist klar, dass es Dad nicht gefallen würde. Wenn er Mum jetzt hören könnte, würde er ihr sagen, sie solle aufhören zu singen. Mum sieht ein, dass es besser ist, schließlich dürfen wir offiziell nur noch Englisch reden, aber wenn Dad nicht da ist, gleitet sie manchmal dennoch ins Schwedische ab.

… Solskensöga ser dig,

solskensfamn dig vaggar

Dann endet das Lied und neue Töne werden angeschlagen.

Harsche, schroffe Töne. Erst überfällt mich Angst und dann Traurigkeit. Diesen Text kenne ich, aber ich will ihn nicht hören.

Egal, wie fest ich mir die Ohren zuhalte, es nützt nichts.

Mum ist fort, und ich schreie, damit es aufhört.

Ich reiße die Augen auf. Mein Herz rast, und ich greife im Dunkeln nach der Nachttischlampe, bis mir einfällt, dass keine Birne mehr drin ist, auch die sind jetzt knapp. In der Ferne klingen Sirenen, werden lauter. Vielleicht haben sie sich in meinen Traum geschlichen und ihn verändert. Doch ich möchte wieder zurück zum Anfang, in die Arme meiner Mutter.

Dann ärgere ich mich über mich selbst.

Sie hat uns verlassen. Wie lange ist das jetzt her? Sechs Jahre?

Finde dich damit ab.

Unter die Sirenen mischt sich ein weiteres Geräusch: mein Wecker. Ich muss zur Schule.

Auf dem Weg nach draußen komme ich an dem Tisch mit dem Schachspiel vorbei. Dad hat den nächsten Zug gemacht, und abgesehen davon, dass es mir Spaß bringt zu kontern, ist es auch der einzige Hinweis, dass Dad zu Hause war, während ich geschlafen habe.

Im Grunde liegt die Lösung auf der Hand: Ein Läufer rückt zwei Felder vor, um den Angriff abzuwehren und gleichzeitig selbst anzugreifen. Ein Zeichen, dass Dad müde war. Ich setze den Läufer und stecke das kleine Fähnchen auf seine Seite, damit er weiß, dass er wieder dran ist.

Mein Telefon brummt. Dad schreibt. Bist du schon aus der Tür? *strenges Gesicht*

Den Arm voller Bücher trete ich lächelnd nach draußen, bevor ich antworte. Ja, klar.

Sei vorsichtig. Geh den Umweg.

Ich lasse das Handy in der Tasche verschwinden. Natürlich könnte ich so tun, als hätte ich es nicht gelesen oder als wäre ich schon auf dem Weg. Doch dann vibriert es wieder und ich kann nicht widerstehen und schaue nach.

Ich weiß, dass du meine Nachricht bekommen hast. Vergiss nicht, dass ich über väterliche Superkräfte verfüge!

Ich seufze. Ja! Ok, mache ich.

Bald schon bin ich nicht mehr davon überzeugt, dass der lange Weg besser ist als der kurze. Ich lege einen Zahn zu, denn ich will nicht zu spät kommen und auch die Gegend so schnell wie möglich hinter mir lassen.

Die Obdachlosen haben eine weitere Straße in Beschlag genommen; und es sind nicht nur ein paar einzelne, die unter die Räder gekommen sind, sondern ganze Familien. Sieh nicht hin, würde Dad sagen, riskiere keinen Blickkontakt. Aber wie soll ich wegschauen, wenn Kinder zusammengedrängt in Pappkartons schlafen?

Die Sonne von gestern hat sich verzogen, heute ist es kalt und feucht. Schon bald wird der Winter seine eisigen Finger ausstrecken, und wir Fußgänger gehen alle rasch vorbei, die meisten wenden den Blick ab, wie Dad es mir geraten hat.

Aber es ist nicht mehr wie früher. Die hier auf dem Weg zur Arbeit oder Schule blind vorbeihasten, tun es nicht aus schlechtem Gewissen, weil sie mehr haben oder weil sie nicht helfen. Vielmehr geht die Angst um: Das könnte ich sein. Eines Tages trifft es vielleicht mich.

Wenn sie diese Leute als Menschen betrachten würden, müssten sie sich ihrer Angst ja stellen.

          SAM          

Am nächsten Tag fällt der Unterricht nicht aus. Ich wünschte, es wäre so und nicht nur, weil ich keinen Bock habe.

Auf der Fahrt zur Schule habe ich ein beklommenes Gefühl, ob ich will oder nicht. Dass Dad schon früher los ist und ich allein im Wagen sitze, macht es nicht besser. Wenn man es gestern nicht auf uns abgesehen hatte, warum fahren wir dann heute eine andere Strecke? Wäre Dad hier, könnte ich ihn zumindest fragen.

Aber es geschieht nichts, und als sich das Schultor für unseren Wagen öffnet, fällt mir ein Stein vom Herzen. Das Tor schließt sich hinter uns, bevor das nächste aufgeht.

Der Fahrer tippt sich an die Mütze, als er mir die Tür öffnet. Es ist der gleiche wie gestern, der durch die Menschenmenge gefahren ist – vielleicht zu schnell, als dass jeder beiseitespringen konnte. Mich schaudert es. In den Nachrichten haben sie heute Morgen gesagt, dass zwei Polizisten verletzt worden seien, von der Gegenseite war gar nicht die Rede. Aber nach dem, was ich gesehen habe, kann ich mir kaum vorstellen, dass alle Demonstranten heil davongekommen sind.

Bevor es zur Stunde klingelt, mache ich mich wie immer zum Kunsttrakt auf. Eine Gruppe von Oberstufenschülern läuft an mir vorbei. Sie müssen nicht die Schuluniform mit dem grausigen dunklen Blazer und Rock tragen, wie wir anderen. Ob eine von ihnen meine neue Nachhilfelehrerin ist? Vielleicht vergesse ich die Nachhilfe auch ganz aus Versehen.

»Sam, warte mal!« Es ist Anji. Als sie mich eingeholt hat, hakt sie sich bei mir unter. »Alles gut?«

»Klar. Hätte heute nur lieber freigehabt.«

Anji sieht mich mitleidig an. »Hättest du nicht noch einen Tag zu Hause bleiben können?«

»Keine Chance. Echt nicht.« Ich verdrehe die Augen.

Im Kunsttrakt treffen wir auf Ruth und Charlize, die an der Heizung lehnen. Diese alten Gemäuer sind immer eiskalt, selbst wenn draußen die Sonne scheint.

»Kannst du das Ganze nicht zum Eskalieren bringen, wenn du das nächste Mal in einen Aufstand verwickelt bist?«, fragt Charlize. »Damit wir ein paar Tage mehr freikriegen?« Sie zwinkert mir zu. Natürlich meint sie nichts von dem, was sie sagt, aber mir ist noch mulmig von der Fahrt hierher. Von der unruhigen Nacht.

»Dass sie unseren Wagen durchgeschüttelt und versucht haben, die Scheibe einzuschlagen, hat dir noch nicht gereicht? Hättest du es lieber gehabt, die Scheibe wäre zu Bruch gegangen?«

Große Augen und beklommenes Schweigen. Will ich zurücknehmen, was ich gerade gesagt habe? Nein, eigentlich nicht. Lieber möchte ich die Zeit zurückdrehen. Möchte es ungeschehen machen.

»Warum tun die das?«, fragt Ruth in die Stille hinein. Und genau deshalb lag ich die Nacht über wach: warum?

»Mein Vater meint, das sind die Euros«, sagt Charlize. »Die hätte man alle rausschmeißen sollen, bevor sie die Grenzen dichtgemacht haben. Könnte man immer noch, wenn die Regierung den Mumm hätte, das Richtige zu tun.« Dabei sieht sie mich an, als hätte ich da ein Mitspracherecht und sollte ihr beipflichten. Aber bevor ich mir eine Antwort zurechtgelegt habe, trudelt der Rest der Clique ein. Nachdem auch sie sich vergewissert haben, dass bei mir noch alles dran ist, wendet sich das Gespräch wichtigeren Themen zu: Charlize’ Geburtstagsparty. Sie wird bald sechzehn und ihre Party – das Catering, was sie anzieht, was die anderen anziehen und welche Jungs von welchen Schulen kommen – bestimmt das Gesprächsthema, bis es läutet.

Mit Englisch geht es los. Sonst habe ich nichts gegen das Fach, aber heute schweifen meine Gedanken immer wieder ab. Mal ehrlich, was haben Romeo und Julia mit mir zu tun? Ich stecke hier in einer reinen Mädchenschule fest. Und wie idiotisch sich die beiden aufführen! Ich kenne keinen Jungen, für den ich bereit wäre zu sterben. Bestimmt entgeht der Lehrerin nicht, dass ich die ganze Zeit aus dem Fenster starre, aber sie lässt mich in Ruhe. Vielleicht genieße ich heute ein wenig Narrenfreiheit.

Als es läutet, bittet sie mich, noch zu bleiben. Doch keine Narrenfreiheit.

»Ja, Miss?«

Sie wartet, bis die anderen den Raum verlassen haben.

»Wie geht es dir, Samantha?«

Will sie es wirklich wissen oder ist das Lehrersprech für irgendwas anderes?

»Ganz okay«, antworte ich ausweichend.

»Gibt es was, über das du sprechen möchtest?« Ich schüttle den Kopf. »Sich was von der Seele reden kann hilfreich sein. Du musst dich im Unterricht konzentrieren, besonders in diesem Schuljahr. Bla, bla, bla, Prüfungen bla, bla, bla …«

Ich nicke. Heuchle Interesse an den Prüfungen. Zugegeben, mit zwanzig wäre ich doch schon gerne aus der Schule raus.

Als Nächstes haben wir Kunst. Ich suche mir mein Bild von letzter Woche heraus und baue alles auf. Wir malen Stillleben. Obwohl es nur um eine Obstschale geht, konnte ich mich letzte Woche noch problemlos hineinversenken – ich wollte die Schatten und die Perspektive ganz exakt hinbekommen.

»Miss?«, ruft Charlize.

»Ja«, antwortet Mrs Jenson mit resigniertem Blick.

»Wann malen wir mal was Interessanteres?«

»Was schwebt dir denn vor?«

»Aktzeichnen.«

»Verstehe.«

»Mit richtigen Modellen, wissen Sie. Mit männlichen Modellen.« Allgemeines Grinsen und Gackern.

Mrs Jenson tut so, als würde sie es sich durch den Kopf gehen lassen, hält dann aber einen Pfirsich hoch. »Benutze deine Fantasie, Charlize.«

»Aber, Miss!«, antwortet sie mit gespieltem Entsetzen. Und wieder kichern alle.

»Kleine Schritte, Charlize. Lerne erst mal Licht, Schatten, Perspektive, Farbe zu beherrschen, dann reden wir über Aktzeichnen.«

»Sie hat nicht Nein gesagt«, raunt sie mir und Ruth zu.

»Träum weiter«, gibt Ruth zurück.

Als Mrs Jenson gegen Ende der Stunde noch mal eine Runde dreht, bleibt sie bei mir stehen. »Tolle Arbeit, Sam«, sagt sie anerkennend.

Wenn ich das Bild betrachte, weiß ich, dass es keine schlechte Darstellung dessen ist, was ich dort auf dem Tisch sehe. Aber es ist eben bloß ein Abbild und nichts Eigenes. In den Apfel kann man nicht reinbeißen.

Man kann auch niemanden damit bewerfen.

Weder Essen noch Waffe, was soll’s also?

          AVA          

Ich dachte schon, sie kommt nicht mehr, und will gerade gehen – wahrscheinlich auch etwas zu früh, aber ich bin irgendwie nervös. Und das mag ich gar nicht.

Doch da sehe ich sie durch die Glastür hindurch. Die stellvertretende Direktorin läuft neben ihr her. Muss sie begleitet werden, damit sie nicht abhaut? Die Konrektorin öffnet die Tür und gibt ihr einen sanften Schubs.

»Hallo, Ava. Kennt ihr zwei euch?« Samantha schüttelt den Kopf, aber ich kenne sie. Jeder kennt sie hier.

»Samantha, das ist Ava Nicholls. Eine unserer besten Schülerinnen aus der Oberstufe!« In ihrer Stimme schwingt Staunen mit, fehlt nur noch, dass sie sagt: Sehr verwunderlich für eine Stipendiatin, besonders bei dem familiären Hintergrund. Das musste ich mir schon etliche Male anhören, wenn neue Schüler rumgeführt wurden. So nach dem Motto: Wenn sie es schon schafft, stellt euch vor, was ihr erst erreichen könnt! Aber heute schenkt sie sich das. »Und das ist Samantha Gregory.« Es klingt, als würde sie ein Kunstwerk von unschätzbarem Wert präsentieren.

»Einfach Sam«, sagt sie und tritt von einem Fuß auf den anderen.

Ich lächle vorsichtig. »Hi, Sam.«

»Na, dann lass ich euch beiden mal allein. Sieh zu, dass du die Zeit gut nutzt, Samantha«, sagt die Konrektorin. Als sie uns den Rücken zugewandt hat, verdreht Sam die Augen.

Kaum ist die Tür ins Schloss gefallen, läuft sie im Nachhilfezimmer umher. Sie schaut sich die Regale mit den Büchern an, streift das Schreibpapier auf dem Tisch mit den Fingern. Mich lässt sie links liegen. Sie bewegt sich wie eine Katze, groß ist sie nicht, aber ihre Bewegungen sind präzise und geschmeidig.

»Willst du dich nicht setzen?«, frage ich schließlich.

Seufzend nimmt sie mir gegenüber Platz, Ellenbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt.

»Was erhoffst du dir von den Stunden hier?«, frage ich.

»Dass wir früh Schluss machen?«

Als ich eine Braue hochziehe, schaut sie verlegen weg. Dann richtet sie sich auf und verschränkt die Arme vor der Brust. »Tut mir leid. Das hat nichts mit dir zu tun. Die Nachhilfe ist nicht auf meinem Mist gewachsen und ich hatte schon was vor. Bestimmt würdest du auch lieber was anderes machen.«

»Kann sein, aber ich brauche das Geld.«

Interessiert sieht sie mich an. Offenbar ist ihr das Konzept, dass jemand Geld braucht, fremd. »Was bezahlen sie dir?«

»Den üblichen Mindestlohn für eine Siebzehnjährige: 20 Pfund die Stunde.«

»Wie wär’s damit? Ich zahle dir 25 Pfund die Stunde und du gibst mir zum Schein Nachhilfe. Berichtest von meinen phänomenalen Fortschritten. Das wäre doch ein super Geschäft! Dann würdest du 45 Pfund die Stunde bekommen, ohne einen Finger krummzumachen. Und ich hätte ein wenig Freizeit.«

Ich tue so, als würde ich überlegen, dabei habe ich Mühe, mir den Schock nicht anmerken zu lassen. Sie hat so viel Geld, dass sie mir die 25 Pfund einfach so überlassen könnte? Und vielleicht bin ich ja tatsächlich ein wenig versucht. Aber mehr, um aus der Nummer rauszukommen, als wegen des extra Geldes, wobei mir das auch gelegen käme.

Ich schüttle den Kopf. »Dafür müsste ich ja lügen. Das kann ich nicht. Außerdem würde ich von der Schule fliegen, wenn das rauskommt.«

»Mist. So was in der Art habe ich schon befürchtet.«

»Die wollen doch nur, dass du bei den Prüfungen besser abschneidest. Sind dir deine Noten denn egal?«

Sam zuckt die Achseln. Als sie nach unten blickt, fällt ihr das Haar ins Gesicht. Ob die Haarfarbe echt ist? So hellblond? Schwer zu glauben, aber ein dunkler Ansatz ist auch nicht zu erkennen. Sie streicht sich ein paar Strähnen zurück und schaut mich an.

»Es ist mir nicht egal. Aber es ist mir auch nicht wichtig.«

»Was denn dann?« Und nun bin ich wirklich gespannt, was für jemanden wie sie wichtig ist.

So wie sich mich ansieht, scheint sie erst ehrlich antworten zu wollen. Doch dann wendet sie sich kopfschüttelnd ab. »Lass es uns so schnell wie möglich hinter uns bringen. Okay?«

»Klar.« Ich schlage die Mappe mit den Unterrichtsmaterialien auf. »Deine Lehrer haben mir in allen Fächern Aufgaben gegeben. Außer in Kunst.«

»Und ich hatte gehofft, wir könnten zusammen eine Obstschale malen.«

»Dabei könnte ich dir nicht helfen. Willst du aussuchen, womit wir anfangen?«

Sie blättert durch die Unterlagen und sucht schließlich das Fach mit den wenigsten Aufgaben heraus. »Mathe.«

Schon bald zeigt sich, dass es so ist, wie ihr Lehrer gesagt hat: Sie ist sehr wohl imstande, die Aufgaben zu lösen, wenn sie sich denn die Mühe macht. Vielleicht wird sie nie eine Einser-Schülerin werden, aber verbessern kann sie sich allemal.

Aber warum sollte sie sich anstrengen? Sie hat doch alles. Sie muss keine Angst haben, zwischen Kartons schlafen zu müssen, falls sie keinen Job bekommt.

          SAM          

Ich bin kaum im Zimmer, als es leise klopft. Mum kommt herein. Sie sieht … umwerfend aus: blaues Satinkleid, ihr Haar, so hellblond wie meines, ist hochgesteckt und sie ist komplett geschminkt. Smokey Eyes sollten einem so hellen Typ wie ihr eigentlich gar nicht stehen, tun sie aber trotzdem.

»Liebling.« Sie streckt mir die Hände entgegen und zieht mich zu sich. »Pass mit meinem Make-up auf!«, sagt sie. Küsschen in die Luft.

»Hi, Mum. Bist du gut nach Hause gekommen?«

»Bin ich. Oh, das war ja schrecklich gestern! Geht es dir denn gut?«

»Ja, alles okay.« Besser spät als nie. »Ich war schon ziemlich …«

»Wo hast du gesteckt? Ich habe dich mehrmals angerufen.«

»In der Schule? Du weißt schon, da wo man jeden Tag hinmuss, bis man achtzehn ist, um dieses ganze Zeug zu lernen.«

»Werd jetzt nicht frech. Warum kommst du ausgerechnet heute so spät? Wir gehen heute Abend auf eine Wohltätigkeitsveranstaltung für die Tate Modern, schon vergessen?«

»Ich war bei der Nachhilfe. Dad hat das organisiert. Anschließend habe ich vergessen, mein Handy wieder auf laut zu stellen. Sorry.«

Ungeduldig schüttelt sie den Kopf. »Was hat er sich nur dabei gedacht? Nun musst du dich aber wirklich beeilen. Penny hat dir die Sachen rausgelegt. Und Francesco ist hier, um Haare und Make-up zu machen. Er ist schon völlig mit den Nerven runter, weil er so wenig Zeit hat. In zwanzig Minuten kommt der Wagen.«

»Ich habe nicht gut geschlafen und bin total müde. Kannst du mich nicht entschuldigen?«

»Nein, Liebling. Vergiss nicht, wie gut wir es haben. Und hier bietet sich nun die Gelegenheit, eine wichtige Sache zu unterstützen. Mir ist besonders daran gelegen, dass du mich begleitest, weil dein Vater in Sitzungen ist. Zieh dich jetzt an. Und dann kommst du sofort zu mir ins Ankleidezimmer, da wartet Francesco auf dich.«

Mum rauscht aus dem Zimmer und ich lehne mich an die Tür. Da liegt wirklich ein Kleid auf meinem Bett. Es ist blassblau, sieht genauso aus wie Mums, nur dass es kürzer und nicht so tief ausgeschnitten ist. Mir kommt es nicht bekannt vor.

Ich schlüpfe hinein. Es passt, aber knapp. Die Kleider werden für mich von Mums Leuten immer nach Maß angefertigt – ich muss mich dringend mal wieder neu ausmessen lassen.

Ich hasse Strumpfhosen. Eine Nanosekunde lang überlege ich, ob ich auch mit bloßen Beinen gehen kann, aber dafür ist das Kleid zu kurz. Und die Schuhe, o Gott, wie hoch sind die denn? 10 cm? Schon wieder ein Abend in High Heels.

Es klopft an der Tür. Diesmal steckt Penny den Kopf durch die Tür, sie soll mich holen.

»Du siehst wunderschön aus«, sagt sie.

Auf dem Weg aus dem Zimmer werfe ich einen Blick in den Spiegel. Es ist ein bildhübsches Kleid, aber ich werde nichts essen können und in diesen Schuhen kann ich keinen Meter rennen. Francesco wird irgendwas mit meinem Haar anstellen, mich schminken und anschließend, wenn er fertig ist, werde ich vielleicht auch was Schönes an mir entdecken, aber es ist nicht echt. Es ist so falsch wie das Lächeln, das ich heute Abend aufsetzen werde.

Heute sind die Sicherheitsmaßnahmen gleich doppelt verschärft worden. Vor und hinter uns fährt Security und der Clou? Es sind keine Regierungsfahrzeuge. Glauben die wirklich, die Leute lassen sich so leicht täuschen, bloß weil die Fahrzeuge keine Nummernschilder der Regierung haben? Drei funkelnagelneue Autos mit getönten Scheiben. Hallo?

Als wir losfahren, habe ich ein beklommenes Gefühl, aber es ist kaum Verkehr auf den Straßen, und wir sausen ohne Zwischenfall dahin. Wir sollten sogar »pünktlich« da sein, zwanzig Minuten zu spät ist in Mums Welt genau richtig.

Nachdem wir das Sicherheitstor passiert haben, hilft man uns aus dem Wagen. Als Regen einsetzt, werden Schirme aufgespannt. Immer wieder werden wir von den Blitzlichtern der Kameras geblendet, ein Großaufgebot an Presse. Kein Wunder, dass Mum mich dabeihaben wollte.

Drinnen am Empfang erwartet uns die übliche Reihe von wichtigen Leuten, denen wir die Hand schütteln sollen. Manche kenne ich, andere nicht. Bei der heutigen Wohltätigkeitsveranstaltung geht es um die Förderung von Nachwuchskünstlern. Ein paar von ihnen sind auch gekommen, wirken auf gute Art fehl am Platz. Sie haben interessante Frisuren und Klamotten, werden von Frauen bewundert und von albernen Mädchen umschwärmt. Ich verdrehe die Augen. Mum muss es gemerkt haben, denn sie sticht mir mit dem Finger in die Rippen. Offenbar konnten sie keine Künstlerinnen finden oder das Wohltätigkeitskomitee, alles Freundinnen meiner Mutter, hatte andere Prioritäten.

Charlize ist mit ihren Eltern ebenfalls da. Sie stibitzt uns ein Glas Champagner und zieht mich auf einen Balkon. Nach ein paar Schlucken ist mir schon schwindelig, aber das Lächeln fällt leichter.

»Hast du gesehen, was Stella trägt?«, fragt sie. »O mein Gott. Und hast du diesen Lucas Sowieso schon getroffen? Der ist mit einem der Künstler gekommen. Voll scharf, oder?«

»Vielen Dank«, sagt jemand. Wir drehen uns um. Der Typ, der lachend hinter uns steht, muss wohl dieser Lucas sein.

Charlize nimmt eine interessante scharlachrote Farbe an, die selbst unter all der Schminke hervorleuchtet.

Ich schüttle den Kopf. »Charlize, du solltest mittlerweile echt mal verinnerlichen, dass man sich immer erst umschaut, bevor man so was sagt.«

Der Typ grinst und er ist wirklich scharf. Zumindest verstehe ich, warum Charlize es gesagt hat: lange, dunkle Locken, braune Augen, groß.

»Wer bist du?«, fragt er mich.

»Sam. Und du musst Lucas Sowieso sein.«

»Der einzig Wahre. Mein Onkel Gil ist der Künstler, ich bin mit ihm hier.«

»Sam ist auch eine Künstlerin«, sagt Charlize, die inzwischen ihre Fassung zurückgewonnen hat.

»Nein, bin ich nicht! Ich zeichne nur manchmal.«

»Malen tut sie aber auch.«

»Wollt ihr noch Champagner?«, fragt Lucas.

Wieder schüttle ich den Kopf. »Ja, gerne«, sagt Charlize und er verschwindet nach drinnen.

»Er hat mit dir geflirtet!« Sie grinst mich an. »Ich bin so nett und lasse dir den Vortritt.« Bevor ich widersprechen kann, tritt Lucas mit zwei Gläsern auf den Balkon.

»Sorry«, sagt Charlize. »Mir ist gerade eingefallen, dass ich, ähm, noch was erledigen muss.« Und damit macht sie sich aus dem Staub.

Ich schlage mir die Hand vor die Stirn. »Das war ihre Idee. Ich habe damit nichts zu tun.«

»Verdammt.« Wieder grinst er und hält mir ein Glas hin. »Wäre doch schade, es zu vergeuden.« Und schon greife ich nach dem Champagner und trinke einen Schluck, nur einen Schluck, mehr nicht.

»Wie kommt es, dass du mit deinem Onkel hier bist?«

»Ich male auch ein wenig, also hat er mich gefragt, ob ich ihn begleiten will.«

»Wie alt bist du?«

»Sechzehn. Stellst du immer so viele Fragen?«

»Nein. Echt nicht. Muss an dem Sprudelzeug hier liegen.« Stirnrunzelnd betrachte ich mein Glas und nehme gleich noch einen Schluck, nur um sicherzugehen.

»Und du?«

»Was?«

»Wie alt bist du?«

»Fast sechzehn.«

»Gehst du oft auf Partys?«

»Und wer stellt hier jetzt viele Fragen? Nur wenn meine Mutter mich zwingt.«

Nun lacht er richtig.

»Was denn?«

»Mein Onkel hat mich zwar eingeladen, aber es war auch meine Mutter, die mich gezwungen hat, zu gehen. Auf dass wir die Party überstehen!« Er stößt mit mir an, da muss ich ja schließlich noch einen Schluck nehmen, oder? Das wäre sonst unhöflich.

Verwundert blicke ich auf mein Glas. »Mysteriöserweise ist mein Glas schon wieder leer.«

»Noch eins?«

»Nein. Auf keinen Fall.«

Durch die Glastür sehe ich, dass drinnen Bewegung in den Saal kommt. »Oh, oh. Sieht so aus, als würde es jetzt mit dem Essen losgehen.«

»Wollen wir zusammensitzen?«

Ich schüttle den Kopf. »Es gibt eine Sitzordnung. Garantiert bin ich am allerlangweiligsten Tisch gelandet.«

»War lustig mit dir, Sam«, sagt er und lächelt. Ich lächle zurück, erwidere aber nichts.

Drinnen entdecke ich Mum schon an unserem öden Tisch mit den wichtigen Leuten. Lucas lässt sich auf der anderen Seite des Saals mit dem Rücken zu mir nieder, war ja klar. Er sitzt bei Charlize, was mir gar nicht recht ist. Denn entweder befindet Charlize, dass Lucas nun Freiwild ist und der Nächste auf ihrer Liste, in den sie sich wahnsinnig verlieben wird, oder sie glaubt, mir helfen zu müssen, und erzählt ihm irgendwelche todpeinlichen Dinge über mich.

Wahrscheinlicher ist aber, dass sie ihn für sich will. Mit Lucas war es lustig und der Champagner hat sein Übriges getan, aber mehr war auch nicht.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Charlize ein schlechtes Gewissen plagt, schreibe ich ihr unterm Tisch eine Nachricht: Kannst ihn haben, Süße.

Das Essen sieht gut aus, wenn auch ein wenig auf Kunst getrimmt, aber so hungrig, wie ich bin, würde ich alles essen. Nur dass ich auch so schon in dem Kleid kaum Luft bekomme. Leise lache ich in mich hinein und stelle mir vor, wie ich auf den Pressefotos aus allen Nähten platze! Aber nachdem ich ein paar Bissen von der Vorspeise gegessen habe, wird mir schlecht, und ich schiebe die nächsten Gänge nur auf dem Teller herum.

Endlich ist es Zeit aufzubrechen. Auf dem Weg zum Wagen gibt es überall Küsschen hier, Küsschen da. Lucas steht etwas abseits, er nickt mir zu und lächelt.

Wieder Blitzlichtgewitter von der Presse. Uns werden die Autotüren aufgehalten. Sobald sie hinter uns zufallen, streife ich die Schuhe ab, hülle mich in meine Stola und öffne heimlich ein paar Knöpfe an meinem Kleid. Mum bemerkt es trotzdem und schüttelt den Kopf.

Mit geschlossenen Augen lehne ich mich im Sitz zurück. Mir pocht der Kopf vom vielen Champagner auf leeren Magen. Ich stelle mir vor, was ich mir zu Hause in der Küche alles reinstopfen kann. Ich bin halb verhungert.

Als der Fahrer ins Mikrofon spricht, bin ich schon fast eingenickt.

»Vor uns ist ein Unfall, also müssen wir eine andere Route nehmen. Die ist zwar als sicher ausgewiesen, könnte aber ein wenig … bunt werden.«

Mum seufzt. »Auch das noch!«

Sofort bin ich hellwach. Bunt? Was immer das heißen soll, ich will es sehen.

Anfangs wirkt alles wie immer, doch allmählich werden die Straßen schmaler, die Läden kleiner, manche haben kaputte Scheiben oder sind verrammelt. Vor den Häusern türmt sich der Müll. An die Hauswände sind Symbole gesprayt. A4A? Daneben Parolen, aber wir fahren zu schnell, als dass ich sie entziffern könnte. An der Straßenecke stehen Leute und trinken etwas, das sich in einer Tüte verbirgt. Sie mustern unsere Wagen mit einer Mischung aus Neugier und Verachtung.

Hinter einer weiteren Kurve kauern Leute in Hauseingängen, liegen dort herum. Schlafen die auf der Straße? Ich mache große Augen.

An einer roten Ampel halten wir.

Eine Frau steht auf und tritt zu mir ans Fenster. Sie klopft dagegen. Durch das Spiegelglas sehe ich sie, aber sie mich nicht. Auf dem Arm hat sie ein kleines Kind, ein weiteres klammert sich an ihr Bein.

»Bitte helfen Sie mir, meine Kinder haben nichts zu essen«, sagt sie. »Bitte!« Die Augen des Kindes auf ihrem Arm sind halb geöffnet, es ist nur noch Haut und Knochen und elend, wie auch die Frau und das andere Kind. Ich bin entsetzt, mir ist übel, und ich kann nicht glauben, was ich sehe.

»Mum?«

Sie reagiert nicht.

»Mum!« Ausdruckslos starrt sie geradeaus. »Siehst du denn nicht! Können wir der Frau nicht helfen?«

Doch dann schaltet die Ampel um und wir brausen davon.

          AVA          

Als ich ins Nachhilfezimmer komme, ist Sam schon da. Sie liegt halb auf dem Tisch, den Kopf auf den Armen. Die Augen geschlossen.

Ich öffne und schließe die Tür noch mal, diesmal lauter.

Erschrocken fährt sie hoch. Gähnt. Sie ist blass, hat Ringe unter den Augen.

»Alles okay?«, frage ich.

»Hhmm? Ja. Bin nur müde und habe ein bisschen Kopfschmerzen. Habe nicht viel Schlaf gekriegt.«

»Ich habe die Fotos in der Zeitung gesehen. Ein Wohltätigkeitsdinner?«

»So was in der Art.«

»Heißt das, dass du noch nichts von deinen anderen Aufgaben gemacht hast?«

»Nein. Ist aber nicht meine Schuld. Ich wollte da ja gar nicht hingehen.«

»Egal, wessen Schuld es ist, deine Englischhausaufgaben sind doch bis morgen fällig, oder? Darum kümmern wir uns als Erstes. Und dann sind da auch noch ein paar Aufgaben in Naturwissenschaften, die du bis morgen fertig haben musst.«

Sam stöhnt. »Neiiiin. Das ist zu viel. Nur ein Fach, danach brauche ich eine Pause.«

»Vielleicht eine kurze.«

»Wie wär’s damit? Wir machen was von dem langweiligen Zeug und dann zeichnen wir uns gegenseitig?«

Damit hätte ich so gar nicht gerechnet, aber ich habe schon gehört, dass sie echt gut in Kunst ist. Oder das ist nur übertriebenes Gerede, weil sie eben Samantha Gregory ist.

»Ich kann gar nicht zeichnen«, antworte ich. Aber ich bin neugierig, wie sie mich zeichnen würde.

»Dann versuchst du es einfach und ich gebe dir ein paar Tipps. So kann ich dir auch was beibringen.«

Ich zögere. Die Lehrer wären sicher nicht begeistert, wenn ich einen Teil der Stunde aufs Zeichnen verwende, aber wenn ich sie so motivieren kann?

»Okay. Aber nur, wenn du die Englischhausaufgabe vorher fertig hast.«

Als ich den Ordner aufschlage, macht Sam Würgegeräusche. »Echt jetzt? Schreib aus Julias Perspektive ein Liebessonett über Romeo? Die haben sie doch beide nicht mehr alle. Kein Junge ist es wert, dass man für ihn stirbt. Und Liebe auf den ersten Blick ist der größte Schwachsinn überhaupt.«

Sam überrascht mich. Die meisten Mädchen auf der Schule schwärmen hier doch ständig von irgendwelchen Jungs. »Manche würden sagen, dass du vielleicht nur noch nicht den Richtigen getroffen hast.«

»Noch so ein Märchen: der Richtige. Als gäbe es nur eine einzige Person auf der Welt, die für uns die richtige ist. Wie stehen wohl die Chancen, dieser Person zu begegnen? Gehen gegen null, würde ich sagen, da kann man ja gleich einpacken.«

»Du musst es ja nicht glauben. Tu einfach so, als seist du Julia, wärst gerade Romeo begegnet und würdest an die Liebe auf den ersten Blick glauben.«

»Und das auch noch in Sonettform?«

»Nur vierzehn Zeilen. Stell dir einfach vor, du wolltest ihn malen.«

Sam legt den Kopf schief und überlegt. »Wie ein Bild aus Worten?«

»Warum nicht?«

Eine Weile schaut sie auf die leere Seite in ihrem Heft, dann nimmt sie den Stift in die Hand.

          SAM          

Ständig muss ich mich verstellen. Ich bin schon so gut darin geworden, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich wirklich bin.

Ich versuche, mich in Julia hineinzuversetzen, stelle mir vor, wie es in ihr aussieht: auf der einen Heftseite ein Bild, auf der anderen Worte. Die Zeichnung hilft mir beim Schreiben. Ava sieht mir zu, gibt Hilfestellung, wenn ich nicht weiterweiß, erinnert mich immer wieder ans korrekte Reimschema.

Als ich fertig bin, streicht sie über die Zeichnung von Romeo. Er ähnelt Lucas, aber ich habe ihn so perfekt dargestellt, dass er beinahe abstoßend wirkt. Ob die Lehrerin den Witz versteht? Und Ava?

»Romeo ist eine Karikatur«, sagt sie zu meiner Zufriedenheit.

»Fertig. Zeit für eine Pause.«

Auf einmal gehen die Lichter aus. Ohne Vorwarnung, ohne Flackern, von einem Moment auf den anderen ist es dunkel. Die Türen sind verschlossen und in dem kleinen Zimmer gibt es keine Fenster. Es ist stockfinster.

Automatisch steigt bescheuerte Panik in mir auf: Mein Herz klopft, mein Magen rebelliert und ich fummle in der Tasche nach meinem Handy. Als ich es gefunden habe, schalte ich die Taschenlampe ein. Mit dem dünnen Lichtstrahl kann ich schon wieder besser atmen.

»Was ist los?«, fragt Ava.

»Vielleicht ein Stromausfall?«

Ich mache die Tür auf und schaue in den dunklen Gang. Keiner da. Ava ist inzwischen durch die andere Tür zum Nachbarzimmer, das ein Fenster hat.

»Nicht nur in der Schule«, sagt sie. »Die Lichter sind überall aus.«

Mist. Ich habe gestern Abend vergessen, mein Telefon aufzuladen. Es hat nur noch elf Prozent. Wie lang reicht das wohl? Diese alten Gebäude haben so wenig Fenster und ich will unbedingt nach draußen, ins Licht und an die Luft.

»Das ist wohl ein Zeichen, dass wir für heute fertig sind«, sage ich.

»Einverstanden«, entgegnet Ava.

Wir sammeln unsere Sachen zusammen und laufen durch den schmalen Gang, der nur vom dünnen Lichtstrahl meines Telefons beleuchtet wird. Dann treten wir nach draußen in den Hof. Andere Leute kommen dazu, Lehrer und ein paar Schüler, die aus irgendwelchen Gründen länger geblieben sind. Wir laufen Richtung Sekretariat und Hauptausgang, aber bevor wir ihn erreichen, taucht die stellvertretende Direktorin auf.

»Fürs Erste wurden wir gebeten, alle hier …« Der Rest ihres Satzes geht im Sirenengeheul unter.

»Was ist passiert?«, fragt eine Lehrerin besorgt. Die stellvertretende Direktorin wirft ihr einen vielsagenden Blick zu.

»Bestimmt ist alles in Ordnung. Vielleicht legt der Stromausfall auch den Verkehr lahm? Wir kümmern uns darum. Fürs Erste bleibt bitte hier im Hof oder kommt mit in die Bibliothek. Die Hausmeister gehen durch die Gebäude und trommeln alle zusammen.«

Die anderen verschwinden durch die Türen zur Bibliothek, aber ich steuere auf eine Bank zu, ich möchte lieber draußen im Tageslicht bleiben. Ava zögert.

»Geh ruhig rein, wenn du magst«, sage ich.

Stattdessen setzt sie sich neben mich auf die Bank; ich bin erleichtert, dass ich nicht allein bleiben muss, gleichzeitig ärgert mich das auch schon wieder.

»Du hast Englisch erledigt«, sagt sie. »Abgemacht ist abgemacht. Wir können uns auch hier draußen zeichnen. Aber ich bin echt nicht gut, also nimm’s nicht persönlich.«

»Werde ich nicht.« Und ich hole meine Zeichenutensilien hervor, die ich immer dabeihabe, reiße ein paar Seiten aus dem Zeichenblock und reiche sie Ava. Wenigstens lenkt mich das ein wenig ab. Wie lange haben wir noch Licht? Die Sonne steht schon ziemlich tief.

»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll«, meint Ava.

»Versuch es mit einem Detail, einer Haarsträhne zum Beispiel. Es muss nicht gleich das ganze Gesicht sein. Konzentriere dich auf dieses eine Detail, du kannst es möglichst genau wiedergeben oder es auch verändern, wenn du es mit dem Auge des Künstlers anders siehst.«

»Dass ich ein Künstlerauge habe, bezweifle ich! Aber ich gebe mein Bestes.«

Mit dem Stift in der Hand mustert sie mich lange, blickt dann aufs Papier, beginnt, blickt wieder auf. Ich betrachte noch immer ihr Gesicht, die Proportionen. Ava ist … nicht unbedingt schön, aber faszinierend. Sie zieht Blicke auf sich. Hat hohe Wangenknochen, ein markantes Gesicht. Ihre Augen stehen ein wenig auseinander, mit langen Wimpern, ohne dass sie getuscht sind. Ihr dunkles, glattes Haar ist links hinters Ohr geklemmt, rechts fällt es bis über die Schulter. Ihr Blick ist intensiv, immer. Sie lebt im Moment, konzentriert sich voll und ganz auf das, was sie gerade tut. All das muss ich zu Papier bringen, wenn ich ihr Wesen erfassen will. Ich schnappe mir einen Stift und lege los.

Gestern habe ich gelogen. Wir haben uns vielleicht noch nie unterhalten, aber ich wusste, wer sie ist, und ich male sie auch nicht zum ersten Mal. In dem Meer aus geschminkten Gesichtern und sorgfältig frisiertem Haar sticht sie aus der Menge heraus, sie ist einfach anders. Als man mich gestern ins Nachhilfezimmer geschleift hat, war ich so überrascht, sie zu sehen, dass ich mich nicht gleich setzen konnte. Ich musste mich erst mal sammeln. Ava hat was an sich, das ich bislang noch nicht einfangen konnte. Nun, wo ich sie direkt vor mir habe, bin ich wild entschlossen.

Ava gehört hier keiner Clique an, hat auch keine engen Freunde, jedenfalls ist mir niemand aufgefallen. Zwischen all den Gruppen in der Schule bleibt sie für sich. Sie ist ziemlich isoliert. Ob sie sich einsam fühlt? So wirkt sie aber nicht. Eher unabhängig, als wären wir anderen ihr egal oder als würden wir in ihrer Welt gar nicht vorkommen. Irgendwie schafft sie es so, dass die anderen sie mit ihren üblichen Lästereien in Ruhe lassen – obwohl sie ein Stipendium hat und sich, na ja, nicht gerade super kleidet. Bei solchen Sachen ist man hier sonst nicht unbedingt zimperlich, gerade weil es Schülerinnen wie Charlize und Ruth gibt, deren Kleiderschränke größer sind als die kompletten Häuser von anderen Leuten.

Wenn ich rumlaufen würde wie Ava, würde ich ihre Krallen zu spüren bekommen. Wahrscheinlich würde ich in der Zeitung auf der Liste mit den schlechtangezogensten Leuten landen. Irgendwie beneide ich Ava. Wie kommt sie nur damit durch?

Mir ist bewusst, dass Ava aufgehört hat zu zeichnen und wartet, dass ich fertig werde. Sie beugt sich vor, um einen Blick auf meine Zeichnung zu erhaschen, aber ich halte den Block hoch.

»Noch nicht!«

Sie setzt sich wieder zurück und ich arbeite weiter an ihren Augen, verwische die Linien ein wenig …

Ich arbeite so konzentriert, dass ich zusammenzucke, als sie sich räuspert.

»Kannst du denn überhaupt noch was sehen?«, fragt sie.

Mir ist gar nicht aufgefallen, dass es schon fast dunkel ist. Sofort bekomme ich es wieder mit der Angst zu tun. In den Gebäuden ringsherum geht der Strom immer noch nicht, aber hinter den Fenstern der Bibliothek flackert Licht. Bestimmt haben sie ein paar Kerzen aufgetrieben.

»Lass uns reingehen«, sage ich und klappe den Block zu.

»Darf ich mal sehen?«

Bevor ich es richtig hinbekommen habe, will ich es ihr nicht zeigen, deshalb schüttle ich den Kopf. »Später. Hier ist es zu dunkel, und wenn ich es dir drinnen zeige, sehen es die anderen, das will ich nicht.«

»Okay. Warte mal kurz. Bevor wir reingehen, rufe ich meinen Vater an.«

Ava holt ihr Telefon aus der Tasche, es ist praktisch museumsreif. Kaum zu glauben, dass es noch funktioniert. Kurz darauf spricht sie mit ihrem Dad und erklärt, dass sie noch in der Schule ist und wir keinen Strom haben. Sie hört eine Weile zu und verabschiedet sich dann. Nachdem sie aufgelegt hat, sieht sie mich mit großen Augen an.

»Dad meint, ganz London ist abgeriegelt.«

»Ist er bei der Polizei?«

Sie schüttelt den Kopf, zögert. »Er ist Taxifahrer.« So wie sie es sagt, klingt es fast trotzig. Ich wusste es nicht und bestimmt weiß es auch sonst niemand auf der Schule, sonst hätte das längst die Runde gemacht. Selbst wenn sie unterm Radar fliegt, würde das nicht unbeachtet bleiben. Hat Ava mir gerade etwas anvertraut, was sie sonst für sich behält? »Er weiß immer, was wo vor sich geht.«

Ich krame mein eigenes Handy hervor, es war auf lautlos gestellt. Verpasste Anrufe von Dads Assistentin und einer von Dad. Daneben hat er mir noch eine Nachricht geschrieben: Bist du noch in der Schule? Bleib da.

Ich drücke auf den grünen Hörer und lausche dem Freizeichen.

          AVA          

In der Bibliothek erwarten uns besorgte Gesichter im Kerzenschein. Sam zieht es gleich zum Licht, mitten in den Kreis der Leute. Immer wieder huscht ihr Blick ängstlich in die dunklen Ecken, als könnte dort etwas lauern.

Wir setzen uns. Ein paar Dutzend Lehrer und halb so viele Schüler sind anwesend. Manche unterhalten sich, andere lesen oder texten, während sich in ihren Augen der gespenstische Schein ihrer Telefone widerspiegelt.

Die stellvertretende Direktorin kommt zu uns. »Die Polizei will sich melden, wenn wir die Schule verlassen können.« Sie fragt nicht direkt, aber in der kleinen Pause am Ende des Satzes schwingt eine Frage an Sam mit. Andere schauen zu uns hinüber und horchen.

Sam zuckt die Achseln. »Ich weiß nur, dass die Straßen abgesperrt sind.« Den Rest, den sie mir nach dem Telefonat mit ihrem Vater erzählt hat, verschweigt sie. Dass nämlich die Polizei die Gegend absucht, weil sie glaubt, dass das Stromnetz sabotiert wurde.

Plötzlich erwachen die Deckenlampen flackernd zum Leben und alle jubeln.

Kurz darauf klingelt Sams Telefon.

»Ja … okay … in zwanzig Minuten? Können wir Ava auch nach Hause fahren? … gut, ich schicke gleich die Adresse.«

Sie legt auf. »Der Fahrer ist auf dem Weg.«

»Wir haben ja noch kein grünes Licht bekommen«, sagt die stellvertretende Direktorin, aber da klingelt auch schon ihr Telefon und sie bestätigt es. Allmählich ziehen sich alle ihre Mäntel an, verabschieden sich, rätseln, was wohl los war und warum sie so lange warten mussten. Die Lehrer stellen sicher, dass die Schüler auch abgeholt werden.

»Wir nehmen Ava mit«, sagt Sam, als sich jemand bei uns erkundigt.

Nun ziehen auch wir uns an und laufen zum Tor.

»Wo wohnst du denn?«, fragt Sam.

»Ich komme schon allein nach Hause, keine Sorge.«