Beschreibung

Die ferne Zukunft. Die Menschheit hat den Sprung zu den Sternen gewagt und ein Imperium errichtet. Doch nie trafen sie auf außerirdisches Leben. Dies ändert sich, als die Crew um Captain Blaine einem sonderbaren Flugobjekt zu Hilfe eilt. Die Mission gelingt, doch das seltsame Wesen im Inneren der Sonde wird versehentlich bei der Aktion getötet. Da niemand die Folgen abschätzen kann, bleibt Blaine und seiner Crew keine andere Wahl, als die gefährliche Reise zum Ursprung der Kapsel zu unternehmen. Sie brechen auf in ein System, in das noch kein Mensch zuvor vorgedrungen ist. Was sie dort vorfinden, übersteigt nicht nur ihre kühnsten Träume, es könnte auch den Untergang ihrer eigenen Welt bedeuten… Das Science-Fiction Meisterwerk "Extraterrestrial – Die Ankunft" (engl. "The mothe in gods eye") in neuer deutscher Übersetzung.

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Beliebtheit


Titel der englischen Originalausgabe:THE MOTE IN GOD‘S EYE

2. überarbeitete Auflage

Veröffentlicht durch denMANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYKFrankfurt am Main 2017www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe

MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK

Text © Larry Niven & Jerry Pournelle 1974

Deutschsprachige Übersetzung: Jan EnselingLektorat & Korrektorat: Anja Koda und Michael JaegersSatz: Karl-Heinz ZapfCovergestaltung: ALFRED & Matthias Lück

VP: 157-121-01-04-0817

eISBN: 978-3-945493-98-4

Larry Niven und Jerry Pournelle

EXTRATERRESTRIAL

– DIE ANKUNFT –

Roman

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?

Matthäus 7,3

Inhalt

DRAMATIS PERSONAE

CHRONOLOGIE

PROLOG

TEIL EINS

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBNE

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

TEIL ZWEI

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

TEIL DREI

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL ACHTUNDDREISSIG

TEIL VIER

KAPITEL NEUNUNDDREISSIG

KAPITEL VIERZIG

KAPITEL EINUNDVIERZIG

KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG

KAPITEL DREIUNDVIERZIG

KAPITEL VIERUNDVIERZIG

KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG

KAPITEL SECHSUNDVIERZIG

KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG

KAPITEL ACHTUNDVIERZIG

KAPITEL NEUNUNDVIERZIG

KAPITEL FÜNFZIG

KAPITEL EINUNDFÜNFZIG

KAPITEL ZWEIUNDFÜNFZIG

KAPITEL DREIUNDFÜNFZIG

KAPITEL VIERUNDFÜNFZIG

KAPITEL FÜNFUNDFÜNFZIG

KAPITEL SECHSUNDFÜNFZIG

KAPITEL SIEBENUNDFÜNFZIG

KAPITEL ACHTUNDFÜNFZIG

EPILOG

LARRY NIVEN

JERRY POURNELLE

DRAMATIS PERSONAE

RODERICK HAROLD, Lord Blaine, Commander, Imperiale Weltraummarine (IWM)

ARKLEY KELLY, Schütze, Imperiale Marines und Dienstmann der Familie Blaine

ADMIRAL SIR VLADIMIR RICHARD GEORGE PLECKHANOV, kommandierender Vizeadmiral der Marinestreitkräfte von New Chicago sowie stellvertretender Generalgouverneur von New Chicago

CAPTAIN BRUNO CZILLER, Imperiale Weltraummarine, Captain der MacArthur

COMMANDER JOHN CARGIL, IWM, Oberleutnant der MacArthur COMMANDER JOCK (SANDY) SINCLAIR, IWM, Chefingenieur der MacArthur

FÄHNRICH HORST STALEY, IWM, Oberfähnrich an Bord der INSS MacArthur

FÄHNRICH JONATHON WHITBREAD, IWM

KEVIN RENNER, Kapitänleutnant, Reserve der Imperialen Weltraummarine

LADY SANDRA LIDDELL LEONOVNA BRIGHT FOWLER, B.A., M.S., Doktorandin in Anthropologie, Imperiale Universität Sparta

SEINE EXZELLENZ HORACE HUSSEIN BURY, Händler und Magnat; Vorstandsvorsitzender der Imperial Autonetics Company, Ltd.

FÄHNRICH GAVON POTTER, IWM

FLOTTENADMIRAL HOWLAND CRANSTON, Oberbefehlshaber der Streitkräfte Seiner Majestät hinter dem Kohlensack

SEINE IMPERIALE HOHEIT RICHARD STEFAN MERRILL, Vizekönig für die Reiche Seiner Majestät hinter dem Kohlensack

DR. ANTHONY HORVATH, Wissenschaftsminister für den Trans-Kohlensack-Sektor

DR. JACOB BUCKMAN, Astrophysiker

PATER DAVID HARDY, Kapitänskaplan, Reserve der Imperialen Weltraummarine

ADMIRAL LAVRENTI KUTUZOV, kommandierender Vizeadmiral des Feldzugs Seiner Majestät hinter Murchesons Auge

SENATOR BENJAMIN BRIGHT FOWLER, Mehrheitsführer und Mitglied des Geheimrats

DR. SIGMUND HOROWITZ, Professor der Xenobiologie, Universität New Scotland

HERBERT COLVIN, einstmaliger Hauptmann der Raumstreitkräfte der Unionsrepublik und einstmaliger Captain des Unionskreuzers Defiant

CHRONOLOGIE

1969

Neil Armstrong betritt den Erdenmond.

1990

Vertragsreihe zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion bildet das CoDominium.

2008

Erster interstellarer Antrieb erfolgreich getestet. Alderson-Antrieb perfektioniert.

2020

Erste interstellare Kolonien. Anfang des Großen Exodus.

2040

Das Umsiedlungsamt des CoDominiums beginnt mit der massenhaften Verschiffung von Sträflingen. Kolonisierung von Sparta und St. Ekaterina.

2079

Sergei Lermontov wird Großadmiral der CoDominium-Weltraummarine.

2103

Große Vaterländische Kriege. Abwanderung der Flotte.

2110

Krönung von Lysander I. von Sparta. Flotte schwört dem spartanischen Thron die Treue. Verheiratung von Dynastien führt zur Union zwischen Sparta und St. Ekaterina.

2111

Anfang der Entstehungskriege.

2250

Leonidas I. ruft das Imperium der Menschen aus.

2250-2600

Imperium der Menschen setzt interstellaren Frieden durch.

2450

Jasper Murcheson erforscht die Region hinter dem Kohlensack. Terraforming von New Scotland.

2603

Anfang der Sezessionskriege. Züchtung der Sauron-Supermenschen. Beinahe-Zerstörung von St. Ekaterina.

2640

Fortgang der Sezessionskriege. Dunkles Zeitalter in vielen Systemen. Effektives Ende des Ersten Imperiums. Sauron-Supermenschen ausgerottet.

2800

Interstellarer Handel eingestellt. Piraterie und Brigantenwesen. Dunkles Zeitalter.

2862

Kohärentes Licht aus dem Splitter erreicht New Scotland.

2870

Effektives Ende der Sezessionskriege.

2882

Howard Grote Litdemead gründet die Kirche des Einen auf New Scotland.

2902

Kohärentes Licht aus dem Splitter endet abrupt.

2903

Leonidas IV. von Sparta ruft das Zweite Imperium der Menschen aus. Der Unionseid wird geschworen.

3016

Revolte von New Chicago.

3017

ERSTER KONTAKT.

PROLOG

»Im Verlauf der vergangenen tausend Jahre der Geschichte wurde der Alderson-Antrieb traditionsgemäß als unzweifelhafter Segen betrachtet. Ohne die Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit, die Aldersons Entdeckungen erst möglich machten, wäre die Menschheit in dem winzigen Gefängnis des Sonnensystems eingesperrt geblieben, als die Großen Vaterländischen Kriege das CoDominium auf der Erde vernichteten. Stattdessen hatten wir bereits mehr als zweihundert Welten besiedelt.

Ein Segen, ja. Ohne den Alderson-Antrieb wären wir wahrscheinlich längst ausgestorben. Aber unzweifelhaft? Bedenken Sie: Derselbe Bahnstreckeneffekt, mit dem die Sterne kolonisiert wurden, dieselben interstellaren Kontakte, die zur Bildung des Ersten Imperiums führten, ermöglichten den interstellaren Krieg. Die Welten, die in den zweihundert Jahre andauernden Sezessionskriegen zerrüttet wurden, wurden durch Schiffe mit dem Alderson-Antrieb sowohl besiedelt als auch zerstört.

Aufgrund des Alderson-Antriebes müssen wir uns keine Gedanken um den Raum zwischen den Sternen machen. Da wir ohne Zeitverlust zwischen Sternensystemen hin und her rangieren können, müssen unsere Schiffe und deren Antriebe lediglich die Entfernungen zwischen den Planeten überbrücken. Wir sagen, dass Zweite Imperium der Menschen herrscht über zweihundert Welten und all den Raum dazwischen, über mehr als fünfzehn Millionen Kubikparsec …

Schauen Sie sich das eigentliche Bild an. Denken Sie an Myriaden winziger Bläschen, die, schwach verteilt, aus einem gewaltigen schwarzen Meer aufsteigen. Wir herrschen über einige dieser Bläschen. Von den Gewässern wissen wir nichts …«

- aus einer Rede von Dr. Anthony Horvarth am Blaine-Institut,AD 3029.

TEIL EINS

Die Sonde Crazy Eddie

KAPITEL EINS

Kommando

AD 3017

»Grüße vom Admiral, und Sie sollen sofort in sein Büro kommen«, verkündete Fähnrich Staley.

Commander Roderick Blaine sah sich verzweifelt auf der Brücke um, wo seine Offiziere mit flüsternden und erregten Stimmen die Reparaturen leiteten wie Chirurgen, die bei einem schwierigen Eingriff assistieren. Das Abteil aus grauem Stahl war ein Wirrwarr aus Aktivität, jeder Helfer beschäftigt, aber der allgemeine Eindruck war Chaos. Bildschirme über der Ruderstation zeigten den Planeten unter ihnen sowie die anderen Schiffe im Orbit nahe der MacArthur. Aber an allen anderen Stellen hatte man die Verkleidung abgenommen, Prüfinstrumente an die Innenseiten geklemmt, und Techniker standen mit farbkodierten Elektrobaugruppen bereit, um alles zu ersetzen, was fragwürdig erschien. Hämmern und Fiepen drangen durch das Schiff, da irgendwo achtern die Ingenieursmannschaft an der Außenhülle arbeitete.

Die Narben von der Schlacht waren überall erkennbar: hässliche Verbrennungen, wo das schützende Langston-Feld des Schiffes kurzfristig überlastet worden war. Ein unregelmäßiges Loch, größer als die Faust eines Mannes, war gänzlich durch eine Konsole gebrannt worden, und nun schienen zwei Techniker durch ein Netz aus Kabeln permanent an das System angeschlossen zu sein. Rod Blaine betrachtete die schwarzen Flecken, die sich über seinen Kampfanzug ausgebreitet hatten. Noch immer lag ihm der leichte Geruch von Metallstaub und verbranntem Fleisch in der Nase oder in seinem Gehirn, und erneut sah er, wie Feuer und geschmolzenes Metall aus der Hülle hervorbrachen und über seine linke Seite hinwegfegten. Sein linker Arm wurde von einer elastischen Schlaufe über seiner Brust gehalten, und er konnte mithilfe der Flecken, die sich darauf zeigten, die meisten Aktivitäten der vorherigen Woche nachvollziehen.

Und ich bin erst seit einer Stunde an Bord!, dachte er. Der Captain ist an Land und alles ist durcheinander. Ich kann jetzt nicht gehen! Er wandte sich an den Fähnrich. »Sofort?«

»Jawohl, Sir. Das Signal ist als dringend gekennzeichnet.«

Da ließ sich nichts machen, und der Captain würde Rod die Hölle heißmachen, sobald er wieder an Bord war. Oberleutnant Cargill und Ingenieur Sinclair waren fähige Männer, aber Rod gehörte zum Führungsstab, und Schadensbegrenzung fiel in seine Zuständigkeit, selbst wenn er weit weg von der MacArthur gewesen wäre, als sie die meisten Treffer abbekommen hatte.

Rods Marine-Ordonnanzoffizier hüstelte diskret und zeigte auf die fleckige Uniform. »Sir, ich nehme an, wir haben Zeit für angemessenere Kleidung.«

»Guter Gedanke.« Rod blickte auf den Zustandsbericht, um sicherzugehen. Ja, er hatte eine halbe Stunde, bevor er ein Boot nehmen konnte, das ihn zur Oberfläche des Planeten brachte. Er würde auch nicht schneller im Büro des Admirals ankommen, wenn er früher ging. Es wäre eine Erleichterung, aus diesem Overall herauszukommen. Seit seiner Verwundung hatte er sich nicht umgezogen.

Sie mussten nach einem Chirurgen-Maat schicken, um ihn auszuziehen. Der Sanitäter schnippelte an dem Panzerstoff herum, der in Rods linkem Arm eingebettet war, und murmelte: »Stillhalten, Sir. Der Arm ist hübsch verbrannt.« Seine Stimme klang missbilligend. »Sie hätten schon vor einer Woche in die Krankenstation kommen sollen.«

»Kaum möglich«, erwiderte Rod. Eine Woche zuvor hatte die MacArthur gegen ein aufständisches Schlachtschiff gekämpft, das mehr Treffer eingesteckt hatte, als es sollte, bevor sich die gegnerische Mannschaft ergab. Nach dem Sieg hatte Rod das Prisenkommando über das feindliche Schiff übernommen, und dort gab es keine Einrichtung für eine vernünftige Versorgung. Als sich die Rüstung löste, roch er etwas Schlimmeres als wochenalten Schweiß. Vielleicht ein Hauch von Gangrän.

»Ja, Sir.« Es wurden weitere Stoffstücke abgeschnitten. Die Synthetik war so hart wie Stahl. »Von jetzt an brauchen Sie chirurgische Hilfe, Commander. Das muss alles weggeschnitten werden, bevor die Regenerationsstimulatoren wirken können. Wenn wir Sie schon in der Krankenstation haben, können wir auch die Nase richten.«

»Ich mag meine Nase«, erwiderte Rod kühl. Er betastete den leicht verbogenen Erker und erinnerte sich an die Schlacht, in der er gebrochen worden war. Rod dachte, dadurch würde er älter aussehen, nicht schlecht bei vierundzwanzig Standardjahren; zudem war es die Auszeichnung eines verdienten, nicht ererbten Erfolges. Rod war stolz auf seine Familienherkunft, doch gab es Zeiten, in denen es ein wenig schwer war, dem Ruf der Blaines gerecht zu werden.

Irgendwann wurde die Panzerung entfernt und sein Arm mit Anästhitol eingeschmiert. Die Betreuer halfen ihm in eine taubenblaue Uniform mit roter Schärpe, goldenen Borten, Epauletten; alles verknittert und zerdrückt, aber besser als die Monofaser-Overalls. Die steife Jacke tat trotz des Betäubungsmittels seinem Arm weh, bis er darauf kam, dass er seinen Unterarm auf dem Knauf seiner Pistole ruhen lassen konnte.

Als er angezogen war, ging er auf dem Hangardeck der MacArthur an Bord der Landegig, und der Steuermann ließ das Boot durch die großen Flugaufzugtüren fallen, ohne dass das Schiff an Schwung verlor. Es war ein riskantes Manöver, sparte aber Zeit. Die Bremsraketen zündeten, und der kleine, geflügelte Flieger tauchte in die Atmosphäre ein.

NEW CHICAGO: Bewohnte Welt, Trans-Kohlensack-Sektor, ungefähr 20 Parsec von der Sektorenverwaltung entfernt. Der Hauptstern ist ein gelber Stern der Spektralklasse F9, der gemeinhin als Beta Hortensis bezeichnet wird.

Die Atmosphäre ist sehr nahe an der Erdennorm und kann ohne Hilfe oder Filter geatmet werden. Die Schwerkraft beträgt das 1,08-Fache der Norm. Der Planetenradius beträgt 1,05 und die Masse das 1,21-Fache der Erdennorm, was einen Planeten von höherer Dichte als normal anzeigt. New Chicago ist um 41 Grad auf einer großen Halbachse von 1,06 AE, mittelgradige Exzentrizität. Die daraus folgenden, schwankenden jahreszeitlichen Temperaturen schränken die bewohnbaren Gebiete auf einen relativ schmalen Gürtel in der gemäßigten Klimazone des Südens ein.

Es gibt einen Mond auf normaler Entfernung, der allgemein als Evanston bezeichnet wird. Die Herkunft dieses Namens ist unklar.

New Chicago ist zu siebzig Prozent mit Meeren bedeckt. Landmassen sind hauptsächlich gebirgig mit andauernder Vulkanaktivität. Die ausgedehnte Metallindustrie aus dem Zeitalter des Ersten Imperiums wurde beinahe gänzlich während der Sezessionskriege vernichtet; der Wiederaufbau einer Industriebasis verläuft zufriedenstellend, seit New Chicago AD 2940 in das Zweite Imperium eingegliedert wurde.

Die meisten Bewohner leben in einer einzigen Stadt, die denselben Namen trägt wie der Planet. Andere Bevölkerungszentren liegen weit auseinander, wobei keine mehr als 45.000 Einwohner hat. Nach der Volkszählung von 2990 liegt die Gesamtbevölkerung des Planeten bei 6,7 Millionen. Es gibt Eisenabbau- und Verhüttungsorte in den Gebirgen, dazu kommen weitreichende landwirtschaftliche Siedlungen. In Sachen Nahrungsmittel ist der Planet selbstversorgend.

New Chicago verfügt über eine wachsende Handelsflotte und liegt an einem praktischen Standort, um als Zentrum des interstellaren Handels im Trans-Kohlensack-Sektor zu dienen. Der Planet wird von einem Generalgouverneur und einem Rat regiert, der vom Vizekönig des Trans-Kohlensack-Sektors; es gibt eine Wahlversammlung, und zwei Delegierte sind im Imperialen Parlament aufgenommen worden.

Rod Blaine blickte verdrießlich auf die Wörter, die über den Bildschirm seines Taschencomputers liefen. Die physischen Daten waren aktuell, alles andere aber war hinfällig. Die Aufständischen hatten sogar den Namen ihrer Welt geändert, von New Chicago zu Dame Liberty. Die Regierung würde ganz neu aufgebaut werden müssen. Sie würde sicherlich ihre Delegierten einbüßen; könnte sogar das Recht auf eine Wahlversammlung verlieren.

Er legte das Gerät beiseite und blickte nach unten. Sie befanden sich über Gebirgsland, und er sah keinen Hinweis auf Krieg. Gott sei Dank hatte es kein Flächenbombardement gegeben.

Das kam gelegentlich vor: Eine Stadt hielt mithilfe satellitengestützter Planetenverteidigung aus. Die Marine hatte keine Zeit für langatmige Belagerungen. Die imperiale Politik sah vor, dass Aufstände mit den niedrigsten Verlusten an Leben beendet wurden – aber wirklich beendet. Ein befestigter Rebellenplanet könnte zu einem glänzenden Lavafeld zerbombt werden, wobei nichts überlebte, als wenige Städte, die von den schwarzen Kuppeln des Langston-Feldes eingeschränkt waren. Und was dann? Es gab nicht genügend Schiffe, um Nahrungsmittel über interstellare Entfernungen zu transportieren. Seuchen und Hunger würden folgen.

Trotzdem, dachte er, war dies die einzige Möglichkeit. Er hatte den Eid geleistet, den imperialen Auftrag anzunehmen. Die Menschheit musste unter einer Regierung erneut geeint werden, ob nun durch Überzeugung oder Gewalt, damit sich die Jahrhunderte der Sezessionskriege niemals wiederholten. Jeder imperiale Offizier hatte die Schrecken gesehen, die diese Kriege brachten; daher befanden sich die Akademien auf der Erde anstatt in der Kapitale.

Als sie sich der Stadt näherten, sah er die ersten Hinweise auf die Kämpfe. Ein Ring aus verödetem Land, zerstörte befestigte Vorposten, durchbrochene Betonschienen des Transportsystems; dahinter die fast unberührte Stadt, die sicher innerhalb des vollkommenen Kreises des Langston-Feldes gelegen hatte. Die Stadt hatte nur wenig Schaden genommen, doch sobald das Feld abgeschaltet war, hatte der wirksame Widerstand geendet. Nur Fanatiker kämpften weiter gegen imperiale Marines.

Sie flogen über ein großes Gebäude hinweg, das durch ein abgestürztes Landungsschiff zerstört worden war. Jemand musste auf die Marines geschossen haben, und der Pilot hatte nicht gewollt, dass sein Tod umsonst war …

Sie umkreisten die Stadt und bremsten ab, sodass sie sich den Landungsdocks nähern konnten, ohne alle Fenster herauszubrechen. Die Gebäude waren alt, zumeist mit Kohlenwasserstofftechnologie errichtet, schätzte Rod, wobei Teile eingerissen und durch modernere Bauten ersetzt worden waren. Von der Stadt aus der Zeit des Ersten Imperiums, die einmal dort gestanden hatte, war nichts mehr übrig.

Als sie auf den Port auf dem Regierungshaus niedergingen, bemerkte Rod, dass es nicht nötig gewesen war, langsamer zu werden. Die meisten Fenster der Stadt waren bereits eingeschlagen. Auf den Straßen liefen Meuten umher, und die einzigen Fahrzeuge, die sich bewegten, gehörten zu Militärkonvois. Einige Soldaten standen untätig da, andere liefen in Geschäfte hinein und wieder hinaus. Imperiale Marines in grauen Mänteln standen Wache hinter Elektrozäunen, die das Regierungshaus umgaben. Der Flieger landete.

Blaine gelangte im Eiltempo mit dem Aufzug zur Etage des Generalgouverneurs. Es gab nicht eine Frau im Gebäude, obwohl es in imperialen Büros gewöhnlich von ihnen wimmelte, und Rod vermisste die Damen. Zu viel Zeit hatte er im All verbracht. Blaine nannte dem stocksteifen Marine am Empfang seinen Namen und wartete.

Er freute sich nicht auf das kommende Gespräch, und brachte die Zeit damit zu, auf die leeren Wände zu starren. Alle dekorativen Gemälde, die dreidimensionale Sternenkarte, auf der imperiale Banner über den Provinzen flatterten, jegliche Standardausstattung eines Büros eines Generalgouverneurs auf einem Klasse-eins-Planeten war verschwunden und hatte hässliche Flecken an den Wänden hinterlassen.

Der Wachmann machte ihm ein Zeichen, das Büro zu betreten. Admiral Sir Vladimir Richard George Plekhanov, Vizeadmiral des Dunkel, Ritter von St. Michael und St. Georg, saß am Schreibtisch des Generalgouverneurs. Von Seiner Exzellenz Haruna war nichts zu sehen, und einen Augenblick lang glaubte Rod, der Admiral wäre allein. Dann bemerkte er Captain Cziller, seinen unmittelbaren Vorgesetzten als Captain der MacArthur, der am Fenster stand. Alle Transparente waren heruntergerissen worden, und die getäfelten Wände wiesen tiefe Kratzer auf. Die Schaukästen und Möbelstücke waren weg. Sogar das Große Siegel – Krone und Raumschiff, Adler, Sichel und Hammer – waren von dem Schreibtisch aus Duralplast verschwunden. Solange sich Rod erinnern konnte, hatte noch nie ein Duralplasttisch im Büro eines Generalgouverneurs gestanden.

»Commander Blaine meldet sich wie befohlen, Sir.«

Plekhanov erwiderte den Salut gedankenverloren. Cziller drehte sich nicht vom Fenster um. Rod stand in strammer und steifer Haltung da, während der Admiral ihn mit gleichbleibender Miene betrachtete. Schließlich: »Guten Morgen, Commander.«

»Guten Morgen, Sir.«

»Nicht wirklich. Ich glaube, ich habe Sie seit meinem letzten Besuch in Crucis Court nicht mehr gesehen. Wie geht es dem Marquis?«

»Gut, als ich das letzte Mal daheim war, Sir.«

Der Admiral nickte und musterte Blaine weiterhin kritisch. Er hat sich nicht verändert, dachte Rod. Ein äußert kompetenter Mann, der seiner Tendenz zur Fettleibigkeit entgegenwirkte, indem er bei hoher Schwerkraft trainierte. Die Marine entsandte Plekhanov wenn schwere Gefechte zu erwarten waren. Es war nicht bekannt, dass er jemals einem inkompetenten Offizier etwas hatte durchgehen lassen, und in den Kadettenmessen ging das Gerücht um, er habe den Kronprinzen – nun Imperator – über einen Messetisch gelegt und mit einem Knallballschläger verprügelt, als Seine Majestät als Fähnrich auf der Plataea diente.

»Ich habe Ihren Bericht hier, Blaine. Sie mussten sich Ihren Weg zum Schutzfeldgenerator der Aufständischen durchkämpfen. Sie haben eine Kompanie imperialer Marines verloren.«

»Ja, Sir.« Fanatische Rebellenwachen hatten die Generatorstation verteidigt, und die Schlacht war brutal gewesen.

»Und was zum Teufel hatten Sie bei einem Bodengefecht zu suchen?«, wollte der Admiral wissen. »Cziller hat Ihnen den gekaperten Kreuzer überlassen, um Ihren Angriffsträger zu verteidigen. Hatten Sie Befehl, mit den Schiffen hinunterzufliegen?«

»Nein, Sir.«

»Sie glauben wohl, der Adel unterliegt nicht der Zucht und Ordnung der Marine?«

»Das glaube ich selbstverständlich nicht, Sir.«

Plekhanov ignorierte ihn. »Dann ist da dieses Abkommen, das Sie mit einem Anführer der Aufständischen geschlossen haben. Wie hieß er gleich?« Plekhanov warf einen Blick auf die Papiere. »Stone. Jonas Stone. Haftfreiheit. Rückgabe von Besitz. Verdammt, glauben Sie etwa, dass jeder Marineoffizier autorisiert ist, mit aufständischen Untertanen Abkommen zu schließen? Oder bekleiden Sie ein diplomatisches Amt, von dem ich nichts weiß, Commander?«

»Nein, Sir.« Rods Lippen drückten heftig gegen seine Zähne. Er wollte schreien, tat es aber nicht. Zur Hölle mit der Marinetradition, dachte er. Ich habe den verdammten Krieg gewonnen.

»Aber Sie haben doch eine Erklärung?«, wollte der Admiral wissen.

»Ja, Sir.«

»Und?«

Rod sprach durch verengte Kehlmuskeln. »Sir. Während ich die Prise Defiant kommandierte, erreichte mich ein Signal aus der Rebellenstadt. Zu diesem Zeitpunkt war das Langston-Feld noch intakt, Captain Cziller an Bord der MacArthur war vollauf mit der planetaren Satellitenverteidigung beschäftigt, und die Hauptstreitmacht der Flotte befand sich in einem allumfassenden Kampf gegen die Streitkräfte der Aufständischen. Die Nachricht war von einem Rebellenführer unterzeichnet. Mr. Stone versprach, die imperialen Streitkräfte in die Stadt zu lassen unter der Bedingung, dass er volle Haftfreiheit erhielt und sein persönlicher Besitz zurückgegeben würde. Er setzte eine Frist von einer Stunde und bestand auf ein Mitglied des Adels als Bürge. Wenn an seinem Angebot etwas dran war, würde der Krieg enden, sobald die Marines das Gebäude des Schutzfeldgenerators der Stadt betreten hätten. Da es keine Möglichkeit gab, sich an eine höhere Instanz zu wenden, führte ich die Landungstruppen nach unten und gab Mr. Stone mein persönliches Ehrenwort.

Plekhanov runzelte die Stirn. »Ihr Wort. Als Lord Blaine. Nicht als Offizier der Marine.«

»Es war die einzige Möglichkeit, damit er die Gespräche aufnahm, Admiral.«

»Ich verstehe.« Plekhanov war nun in Gedanken versunken. Wenn er Blaines Wort ableugnete, wäre Rod unten durch: bei der Marine, bei der Regierung, überall. Andererseits würde Admiral Plekhanov sich dann vor dem Hochadelshaus verantworten müssen. »Warum dachten Sie, dass dieses Angebot ehrlich gemeint war?«

»Sir, es handelte sich um einen imperialen Code und war von einem Nachrichtenoffizier der Marine unterzeichnet.«

»Sie haben Ihr Schiff riskiert …«

»… für die Möglichkeit, den Krieg zu beenden, ohne dass der Planet vernichtet wird. Ja, Sir. Ich möchte darauf hinweisen, dass Stones Nachricht das Gefangenenlager der Stadt beschrieb, in dem Offiziere und Bürger des Imperiums festgehalten wurden.«

»Ich verstehe.« Plekhanovs Hände vollführten eine plötzliche, zornige Geste. »Nun gut. Ich habe nichts übrig für Verräter, nicht einmal einen, der uns hilft. Aber ich halte Ihr Abkommen in Ehren, und das bedeutet, ich muss Ihren Bodenflug mit den Landungsschiffen offiziell genehmigen. Mir muss es nicht gefallen, Blaine, und das tut es auch nicht. Es war eine verdammt dumme Nummer.«

Eine, die funktioniert hat, dachte Rod. Er stand weiterhin stramm, spürte aber, wie sich der Knoten in seinen Eingeweiden löste.

Der Admiral knurrte. »Ihr Vater geht dumme Risiken ein. Hätte uns auf Tanith beinahe umgebracht. Es ist ein verdammtes Wunder, dass Ihre Familie elf Marquis durchlebt hat, und es wird noch ein größeres sein, wenn Sie überleben und der zwölfte werden. Na schön, hinsetzen.«

»Danke, Sir«, sagte Rod steif mit höflich kühler Stimme.

Das Gesicht des Admirals entspannte sich etwas. »Habe ich je erzählt, dass Ihr Vater mein Vorgesetzter auf Tanith war?«, fragte Plekhanov im Plauderton.

»Nein, Sir. Er schon.« In Rods Stimme lag immer noch keine Wärme.

»Er war zudem der beste Freund, den ich bei der Marine hatte, Commander. Aufgrund seines Einflusses sitze ich hier, und er hat gebeten, dass ich Sie in mein Kommando aufnehme.«

»Ja, Sir.« Das weiß ich. Jetzt frage ich mich, warum.

»Sie würden mich gerne fragen, was ich von Ihnen erwartet habe, oder nicht, Commander?«

Rod zuckte vor Überraschung. »Richtig, Sir.«

»Was geschehen wäre, wenn dieses Angebot nicht ehrlich gewesen wäre? Wenn es eine Falle gewesen wäre?«

»Die Aufständischen hätten mein Aufgebot vernichtet.«

»Ja.« Plekhanovs Stimme war stählern und ruhig. »Aber Sie dachten, es wäre das Risiko wert, weil Sie eine Möglichkeit sahen, den Krieg mit wenigen Verlusten auf beiden Seite zu beenden. Richtig?«

»Ja, Sir.«

»Und wären die Marines getötet worden, was genau hätte meine Flotte tun können?« Der Admiral hieb mit beiden Fäusten auf den Tisch. »Ich hätte überhaupt keine Wahl gehabt!«, brüllte er. »Mit jeder Woche, die ich meine Flotte hier halte, haben die Außenweltler die Chance, einen unserer Planeten zu treffen! Es wäre keine Zeit geblieben, einen weiteren Angriffsträger und mehr Marines anzufordern. Hätten Sie Ihr Aufgebot verloren, hätte ich diesen Planeten in die Steinzeit zurückbombardiert, Blaine. Adliger oder nicht, bringen Sie niemals wieder jemanden in diese Lage! Haben Sie mich verstanden?«

»Jawohl, Sir …« Er hat recht. Aber … Was hätten die Marines genutzt, solange das Schutzfeld der Stadt intakt war? Rod ließ die Schultern hängen. Irgendetwas. Er hätte irgendetwas unternommen. Aber was?

»Es ist gut ausgegangen«, sagte Plekhanov kühl. »Vielleicht hatten Sie recht. Vielleicht nicht. Noch so eine Nummer, und Sie sind Ihr Schwert los. Haben Sie verstanden?« Er hob einen Ausdruck von Rods Karrierebericht an. »Ist die MacArthur bereit für den Raumflug?«

»Sir?« Die Frage wurde im gleichen Tonfall gestellt wie die Drohung, und Rod brauchte einen Moment für seinen geistigen Gangwechsel. »Für den Raumflug, Sir. Nicht für eine Schlacht. Und ich würde sie nicht weit hinausfliegen lassen ohne eine Überholung.« Während der hektischen Stunde, die er an Bord verbracht hatte, hatte er eine gründliche Inspektion durchgeführt, was einer der Gründe dafür war, dass er sich rasieren musste. Nun saß er unbequem da und grübelte. Der Captain der MacArthur stand am Fenster und hörte offenkundig zu, hatte aber bisher kein Wort gesagt. Warum befragte der Admiral nicht ihn?

Während Blaine grübelte, besann sich Plekhanov. »Nun? Bruno, Sie sind der Flottenkapitän. Machen Sie einen Vorschlag.«

Bruno Cziller drehte sich vom Fenster weg. Rod war überrascht: Cziller trug nicht mehr die kleine, silberne Nachbildung der MacArthur, die ihn als deren Captain kennzeichnete. Stattdessen glänzten auf seiner Brust der Komet und der Sonnenstrahl des Marinestabs, und Cziller trug die breiten Streifen eines Brevet-Admirals.

»Wie geht es Ihnen, Commander?«, fragte Cziller formell. Dann grinste er. Dieses verdrehte, schiefe Grinsen war überall auf der MacArthur berühmt. »Sie sehen ganz gut aus. Zumindest aus dem richtigen Winkel. Also, Sie waren eine Stunde lang an Bord. Welche Schäden haben Sie entdeckt?«

Verwirrt berichtete Rod über den derzeitigen Zustand der MacArthur, wie er sie vorgefunden hatte, und über die Reparaturen, die er angeordnet hatte. Schließlich: »Und Sie haben entschieden, dass Sie zwar für den Raumflug, aber nicht für den Krieg tüchtig ist. Ist das alles?«

»Ja, Sir. Zumindest nicht gegen ein Großkampfschiff.«

»Das stimmt auch. Admiral, mein Vorschlag. Commander Blaine ist bereit für eine Beförderung, und wir können ihm die MacArthur übergeben, damit er sie nach New Scotland zur Instandsetzung und dann weiter zur Kapitale bringt. Er kann die Nichte von Senator Fowler begleiten.« Ihm die MacArthur übergeben?, hörte Rod ihn dumpf und verwundert. Er hatte Angst, es zu glauben, aber hier bekam er die Chance, es Plekhanov und allen anderen zu zeigen.

»Er ist jung. Man würde nie gestatten, dass er dieses Schiff für sein erstes Kommando erhält«, sagte Plekhanov. »Doch alles in allem ist es wahrscheinlich das Beste. Auf dem Weg nach Sparta über New Caledonia wird er kaum Probleme bekommen. Sie gehört Ihnen, Captain.« Als Rod nichts erwiderte, bellte Plekhanov: »Sie. Blaine. Sie sind zum Captain befördert und kommandieren die MacArthur. Mein Schreiber legt Ihnen Ihre Befehle in einer halben Stunde vor.« Cziller grinste einseitig. »Sagen Sie etwas«, schlug er vor.

»Danke, Sir. Ich … Ich dachte, Sie wären mit mir nicht einverstanden.«

»Da bin ich mir auch nicht sicher«, sagte Plekhanov. »Wenn es irgendwie nach mir ginge, wären Sie irgendjemandes Führungskraft. Sie würden sicher einen guten Marquis abgeben, aber Sie besitzen nicht das Temperament für die Marine. Ich schätze, das macht keinen Unterschied, da die Marine nicht mehr Ihr Karriereweg ist.«

»Nicht mehr, Sir«, sagte Rod vorsichtig.

Im Inneren tat es immer noch weh. Big George, der einen ganzen Raum mit Hanteln gefüllt hatte, als er zwölf war, und gebaut war wie ein Keil, bevor er sechzehn wurde … sein Bruder George war in einer Schlacht auf der anderen Seite des Imperiums gefallen. Rod würde seine Zukunft planen oder wehmütig an Zuhause denken, und die Erinnerung würde aufsteigen, als hätte jemand mit einer Nadel in seine Seele gestochen. Tot? George?

George hätte den Besitz und den Titel erben sollen. Rod hatte nichts anderes gewollt, als eine Karriere in der Marine und die Möglichkeit, eines Tages Großadmiral zu werden. Jetzt – nicht einmal mehr zehn Jahre, und er würde seinen Platz im Parlament einnehmen müssen.

»Sie werden zwei Passagiere mitnehmen«, sagte Cziller. »Einen haben Sie bereits getroffen. Sie kennen doch Lady Sandra Bright Fowler, nicht wahr? Die Nichte von Senator Fowler.«

»Richtig, Sir. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen, aber ihr Onkel diniert häufig in Crucis Court … dann habe ich sie im Gefangenenlager gefunden. Wie geht es ihr?«

»Nicht sehr gut«, antwortete Cziller. Sein Grinsen verschwand. »Wir packen Sie für den Heimflug ein, und ich muss Ihnen nicht sagen, sie mit Vorsicht zu behandeln. Sie wird Sie bis nach New Scotland begleiten und, wenn sie will, den ganzen Weg bis zur Kapitale. Das entscheidet sie. Ihr anderer Passagier ist allerdings eine andere Sache.« Rod sah aufmerksam auf. Cziller blickte Plekhanov an, erhielt ein Nicken und fuhr fort: »Seine Exzellenz, Händler Horace Hussein Bury, Magnat, Vorstandsvorsitzender der Imperialen Autonetik und ein hohes Tier im Imperialen Handelsverbund. Er begleitet Sie den gesamten Weg nach Sparta, und ich meine, er bleibt an Bord Ihres Schiffes, verstehen Sie?«

»Nun, nicht ganz, Sir«, antwortete Rod.

Plekhanov schniefte. »Cziller hat sich klar genug ausgedrückt. Wir glauben, dass Bury hinter dieser Rebellion stand, aber es gibt nicht genug Beweise, um ihn in Sicherheitsverwahrung zu nehmen. Er hatte sich an den Imperator gewandt. Nun gut, wir bringen ihn nach Sparta für seinen Appell. Als Gast der Marine. Aber wen entsende ich zusammen mit ihm, Blaine? Er ist Millionen wert. Sogar mehr. Wie viele Menschen würden einen ganzen Planeten als Bestechung ablehnen? Bury könnte einen anbieten.«

»Ich … Jawohl, Sir«, sagte Rod.

»Jetzt gucken Sie nicht so schockiert, verdammt noch mal«, bellte Plekhanov. »Ich habe keinen meiner Offiziere der Korruption bezichtigt. Aber die Tatsache bleibt, dass Sie reicher sind als Bury. Er kann Sie nicht einmal in Versuchung führen. Dies ist der Hauptgrund für mich, Ihnen das Kommando über die MacArthur zu übergeben, damit ich mir keine Gedanken um unseren reichen Freund machen muss.«

»Ich verstehe. Trotzdem vielen Dank, Sir.« Und ich werde Ihnen beweisen, dass es kein Fehler war.

Plekhanov nickte, als hätte er Blaines Gedanken gelesen. »Sie könnten doch einen guten Marineoffizier abgeben. Das ist Ihre Chance. Ich brauche Cziller, damit er bei der Leitung des Planeten mithilft. Die Aufständischen haben den Generalgouverneur getötet.«

»Sie haben Haruna umgebracht?« Rod war fassungslos. Er erinnerte sich an den runzligen, alten Mann, der gut über hundert Jahre alt gewesen war, als er Rods Haus betreten hatte … »Er ist ein alter Freund meines Vaters.«

»Er war nicht der Einzige, den sie umgebracht haben. Sie haben ihre Köpfe auf Pfählen außerhalb des Regierungsgebäudes aufgespießt. Jemand dachte, die Leute würden dann nicht länger kämpfen. Sie würden Angst bekommen, sich uns gegenüber zu ergeben. Tja, jetzt haben sie einen Grund zur Angst. Ihr Abkommen mit Stone. Noch irgendwelche Bedingungen?«

»Ja, Sir. Es ist hinfällig, wenn er nicht mit dem Nachrichtendienst kooperiert. Er muss alle Mitverschwörer nennen.«

Plekhanov blickte vielsagend zu Cziller hinüber. »Setzen Sie Ihre Leute darauf an, Bruno. Das ist ein Anfang. Nun gut, Blaine, bringen Sie Ihr Schiff in Ordnung und hauen Sie ab.« Der Admiral stand auf, die Unterredung war vorbei. »Sie haben viel zu tun, Captain. Machen Sie sich dran.«

KAPITEL ZWEI

Die Passagiere

Horace Hussein Chamoun al Shamlan Bury zeigte auf den letzten der Gegenstände, die er mitnehmen wollte, und entließ seine Diener. Er wusste, dass sie vor der Tür seiner Suite warten würden, bereit, den Reichtum, den er zurückließ, unter sich aufzuteilen, aber es amüsierte ihn, sie warten zu lassen. Die Aufregung des Diebstahls würde sie umso glücklicher machen.

Als der Raum leer war, goss er sich ein großes Glas Wein ein. Das Gesöff war von schlechter Qualität und nach der Blockade herbeigebracht worden, doch er bemerkte es kaum. Wein war auf Levant offiziell verboten, was bedeutete, dass die Weinhändler ihren Kunden, auch reichen wie der Familie Bury, alle möglichen alkoholischen Getränke andrehten. Horace Bury hatte nie eine echte Wertschätzung für teure Spirituosen entwickelt. Er kaufte sie, um seinen Reichtum zur Schau zu stellen und zur Unterhaltung; aber ihm selbst genügte irgendetwas. Kaffee dagegen war eine andere Geschichte.

Er war klein, wie die meisten Menschen auf Levant, hatte ein dunkles Gesicht und eine hervorstehende Nase, dunkle, feurige Augen und scharfgeschnittene Züge, rasche Gesten und ein stürmisches Gemüt, von dem nur seine engsten Gesellschafter etwas ahnten. Nun da er allein war, gönnte er sich ein wenig Unmut. Auf dem Schreibtisch lag ein Ausdruck der Schreiber von Admiral Plekhanov, und mit Leichtigkeit übersetzte er die formellen, höflichen Phrasen, die ihn einluden, New Chicago zu verlassen, und es bedauerten, dass es keine zivile Passage geben würde. Die Marine war argwöhnisch, und trotz des Weines spürte er, wie ein kalter Nebel aus Zorn ihn einzuhüllen drohte. Nach außen hin war er jedoch ruhig, während er am Schreibtisch saß und die Punkte an seinen Fingern abzählte.

Was hatte die Marine gegen ihn in der Hand? Es gab Verdächtigungen seitens des Marinenachrichtendienstes, aber keinerlei Beweise. Da war der übliche Hass der Marine gegenüber imperialen Händlern, der, wie er dachte, daher kam, weil manche aus dem Marinepersonal Juden waren, und alle Juden hassten Levantiner. Die Marine konnte allerdings keine handfesten Beweise haben, ansonsten würde er nicht als Gast an Bord der MacArthur gehen. Sonst hätte man ihn in Eisen geschlagen. Was bedeutete, dass Jonas Stone weiterhin schwieg.

Er sollte auch schweigen. Bury hatte ihm hunderttausend Kronen bezahlt und noch mehr versprochen. Aber er vertraute Stone nicht. Vor zwei Nächten hatte Bury sie auf der unteren Kosciusko Street getroffen und ihnen fünfzigtausend Kronen bezahlt, sodass es nicht lange dauern würde, bis Stone für immer schwieg. Sollte er seine Geheimnisse im Grab flüstern.

War noch etwas unerledigt geblieben?, fragte er sich. Nein. Es kam wie es kam, gelobt sei Allah … Er zog eine Grimasse. Diese Art zu denken lag ihm im Blut, und er verachtete sich als abergläubischen Narren. Sollte sein Vater Allah für seine Errungenschaften loben; das Glück lachte demjenigen, der nichts dem Zufall überließ, wie auch er in seinen neunzig Standardjahren kaum etwas unerledigt gelassen hatte.

Das Imperium war zehn Jahre nach Horaces Geburt erschienen, und zunächst war dessen Einfluss klein gewesen. In jenen Tagen war die Politik des Imperiums eine andere gewesen, und der Planet trat dem Imperium in einer Stellung bei, die weiter entwickelten Welten fast gleichkam. Horace Burys Vater erkannte schon bald, dass der Imperialismus sich auszahlen würde. Indem er sich den Imperialen anschloss, die früher den Planeten regierten, hatte er immensen Reichtum angehäuft: Er hatte Audienzen beim Gouverneur verkauft und Gerechtigkeit verhökert wie Kohlköpfe auf einem Markt, aber immer mit Vorsicht, überließ es immer anderen, sich dem Zorn der abgebrühten Männer im Dienste des Imperiums zu stellen.

Sein Vater hatte umsichtig investiert und seinen Einfluss geltend gemacht, damit Horace Hussein auf Sparta ausgebildet wurde. Er hatte ihm sogar einen Namen gegeben, den ein imperialer Marineoffizier vorgeschlagen hatte; erst später fand er heraus, das Horace im Imperium kaum verwendet wurde und ein Name war, über den man lachte.

Bury ertränkte die Erinnerung an die ersten Tage an den Schulen der Kapitale mit einem weiteren Becher Wein. Er hatte dazugelernt! Und inzwischen investierte er das Geld seines Vaters sowie sein eigenes. Horace Bury war niemand, über den man lachte. Es hatte dreißig Jahre gedauert, doch seine Agenten hatten den Offizier ausfindig gemacht, der ihm diesen Namen gegeben hatte. Die Stereografen seiner Folter lagen versteckt in Burys Haus auf Levant. Er hatte als Letzter gelacht.

Inzwischen kaufte und verkaufte er Menschen, die über ihn lachten, wie er Stimmen im Parlament und Schiffe kaufte, und um ein Haar hätte er diesen Planeten New Chicago gekauft. Und beim Propheten – verflucht! –, verdammt noch mal, er würde ihm schon noch gehören. Die Kontrolle über New Chicago würde seiner Familie hier jenseits des Kohlensacks Einfluss verschaffen, hier, wo das Imperium schwach war und jeden Monat neue Planeten entdeckt wurden. Ein Mann konnte auf … auf alles blicken!

Die Schwärmerei hatte geholfen. Nun rief er seine Agenten zu sich: den Mann, der seine Interessen an Ort und Stelle vertreten würde, und Nabil, der ihn als Diener auf dem Kriegsschiff begleiten würde. Nabil, ein kleiner Mann, noch kleiner als Horace, war jünger als er aussah, mit dem Gesicht eines Frettchens, das auf vielerlei Art maskiert werden konnte, und geschickt im Umgang mit Dolch und Gift, wie er es auf zehn Planeten gelernt hatte. Horace Hussein Bury lächelte. Die Imperialen wollten ihn also als Gefangenen an Bord eines Kriegsschiffes halten? Solange keine Schiffe auf dem Weg nach Levant waren, bitte. Doch sobald sie an einem geschäftigen Hafen anlangten, mussten sie sich schon mehr anstrengen.

Drei Tage lang arbeitete Rod an der MacArthur. Lecke Tanks, ausgebrannte Teile, alles musste ersetzt werden. Es gab nur wenige Ersatzteile, und die Mannschaft der MacArthur brachte im All Stunden damit zu, die Schiffsrümpfe der Unionskriegsflotte in der Umlaufbahn um New Chicago auszuschlachten.

Nach und nach wurde die MacArthur wieder zusammengesetzt und schlachtentauglich gemacht. Blaine arbeitete mit Jack Cargill, Oberleutnant und nun Führungskraft, sowie Commander Jock Sinclair, dem Chefingenieur zusammen. Wie viele technische Offiziere stammte Sinclair aus New Scotland. Sein schwerer Akzent war unter den Schotten im gesamten Weltall verbreitet. Irgendwie hatten sie diesen Akzent wie ein Abzeichen des Stolzes während der Sezessionskriege bewahrt, sogar auf Planeten, auf denen Gälisch eine vergessene Sprache war. Rod vermutete insgeheim, dass die Schotten ihre Sprechweise übten, wenn sie dienstfrei hatten, damit der Rest der Menschheit sie so gut wie nicht verstand.

Hüllenplatten wurden verschweißt, enorme Panzerflicken, die von Kriegsschiffen der Union geschnitten und festgelötet wurden. Sinclair wirkte Wunder, indem er die Ausrüstung von New Chicago an die Verwendung in der MacArthur anpasste, bis er ein Stückwerk aus Bauelementen und Ersatzteilen zusammengesetzt hatte, das kaum den ursprünglichen Plänen des Schiffes entsprach.

Die Brückenoffiziere arbeiteten die Nacht durch und versuchten dem Hauptcomputer des Schiffes die Änderungen zu erklären und zu beschreiben.

Cargill und Sinclair hätten sich beinahe wegen einiger der Anpassungen geprügelt, da Sinclair behauptete, dass es wichtig war, das Schiff raumtauglich zu haben, während der Oberleutnant darauf bestand, dass er niemals in der Lage sein würde, im Kampf Reparaturen durchzuführen, weil nur Gott persönlich wüsste, was mit dem Schiff angestellt worden war.

»So eine Lästerung hör‘ ich mir nicht an«, sagte Sinclair, als Rod in Hörweite kam. »Und reicht’s nicht, dass ich weiß, was wir mit ihr gemacht haben?«

»Wenn Sie nicht auch noch der Smutje sein wollen, Sie irrer Kesselflicker! Heute Morgen konnte der Koch die Kaffeemaschine nicht bedienen! Einer Ihrer Handwerker hat den Mikrowellenerhitzer entfernt. Bei Gott, Sie werden ihn sofort zurückbringen …«

»Aye, wir reißen ihn wieder aus Tank drei raus, sobald Sie mir die Teile für die Pumpe bringen, die er ersetzt. Können Sie mit nichts zufrieden sein, Mann? Das Schiff ist wieder kampfbereit. Oder ist Kaffee wichtiger?«

Cargill atmete tief durch und fing von vorne an. »Das Schiff kann kämpfen«, sagte er in einem Tonfall, der klang, als würde er mit einem Kleinkind reden, »bis jemand ein Loch hineinschießt. Dann muss es repariert werden. Jetzt einmal angenommen, ich müsste das hier instand setzen«, sagte er und legte die Hand auf etwas, von dem Rod beinahe sicher war, dass es sich um einen Luftabsorbationskonverter handelte. »Das verdammte Ding sieht jetzt halb geschmolzen aus. Woher soll ich wissen, wo der Schaden liegt? Oder ob es überhaupt beschädigt ist? Angenommen …«

»Mann, Sie hätten keine Sorgen, wenn Sie sich nicht bekümmern würden wegen …«

»Hören Sie endlich auf. Sie reden wie jeder andere, wenn Sie gereizt sind!«

»Das ist eine verdammte Lüge!«

An diesem Punkt befand Rod es aber für besser, in Sichtweite zu treten. Er schickte den Chefingenieur zu seinem Ende des Schiffes und Cargill bugwärts. Dieser Disput würde nicht beigelegt werden, bis die MacArthur in den Werften von New Scotland gänzlich überholt worden wäre.

Blaine verbrachte eine Nacht unter Befehl des Sanitätsleutnants in der Krankenstation. Er kam mit einem unbeweglichen Arm heraus, der in einem enormen, gepolsterten Gipsverband steckte, der aussah, als hätte man ihm ein Kissen angeklebt. Die nächsten paar Tage fühlte er sich übel und außergewöhnlich aufmerksam; aber in seinen Ohren lachte niemand wirklich laut.

Am dritten Tag nach der Kommandoübernahme führte Blaine eine Schiffsinspektion durch. Alle Arbeiten waren niedergelegt und ein Probeflug durchgeführt worden. Dann prüften Blaine und Cargill das Schiff.

Rod war versucht, einen Vorteil aus seiner jüngsten Erfahrung als Führungskraft der MacArthur zu schlagen. Er kannte alle Ecken, in denen sich ein fauler Führungsoffizier vor der Arbeit drücken konnte. Aber es war seine erste Inspektion, das Schiff war gerade erst von dem Kampfschaden instand gesetzt worden, und Cargill war ein zu guter Offizier, als dass er etwas durchgehen lassen würde, das er möglicherweisen korrigieren konnte. Blaine ging gemächlich mit und überprüfte die wichtige Ausrüstung, überließ jedoch ansonsten Cargill die Führung. Dabei entschied er geistig, dass dies kein Präzedenzfall werden würde. Sobald er mehr Zeit hatte, würde er durch das Schiff gehen und alles herausfinden.

Eine volle Kompanie aus Marines bewachte den Weltraumhafen von New Chicago. Seit der Langston-Schildgenerator gefallen war, war es zu keinen weiteren feindlichen Ausbrüchen gekommen. Tatsächlich schienen die Bewohner die imperialen Streitkräfte mit erschöpfter Erleichterung, die überzeugender war als Paraden und Jubel, willkommen zu heißen. Aber die Revolte von New Chicago hatte das Imperium als verblüffende Überraschung erreicht; ein Wiederaufflammen wäre überhaupt nicht überraschend.

Daher gingen Marines am Weltraumhafen Streife und bewachten die imperialen Schiffe, und Sally Fowler fühlte ihre Blicke auf sich, als sie mit ihren Dienern durch die heißen Sonnenstrahlen auf einen bootsförmigen Tragerumpf zuging. Es machte ihr nichts aus. Sie war die Nichte von Senator Fowler – sie war es gewohnt, dass man sie anstarrte.

Hübsch, dachte einer der Wachleute. Aber ohne Ausdruck. Man sollte meinen, sie wäre glücklich, dass sie aus diesem stinkenden Gefangenenlager herausgekommen ist, aber sie sieht nicht so aus. Schweiß tropfte ihm unablässig die Rippen hinunter, und er dachte: Sie schwitzt nicht. Sie wurde von dem besten Bildhauer, der je gelebt hat, aus Eis gehauen.

Das Schiff war groß und zu zwei Dritteln leer. Sallys Augen erfassten zwei kleine, dunkelhäutige Männer – Bury und dessen Diener, wobei kein Zweifel daran bestand, wer nun wer war – und vier jüngere Männer, die Angst, Erwartung und Ehrfurcht zeigten. Der Makel des Hinterlandes von New Chicago haftete ihnen an. Neue Rekruten, schätzte sie.

Sie nahm auf einem der letzten Sitze ganz hinten Platz. Sie hatte keine Lust zu reden. Adam und Annie bedachten sie mit besorgten Blicken, dann setzten sie sich auf die andere Seite des Ganges. Sie wussten Bescheid.

»Es ist gut, dass wir weggehen«, sagte Annie.

Sally reagierte nicht. Sie fühlte überhaupt nichts.

Sie benahm sich so, seit die Marines das Gefangenenlager gestürmt hatten. Es hatte gutes Essen gegeben und ein heißes Bad und frische Kleidung und Hochachtung ihr gegenüber … und nichts davon hatte sie berührt. Sie hatte nichts gefühlt. Jene Monate im Gefangenenlager hatten etwas in ihr ausgebrannt. Vielleicht sogar endgültig, dachte sie. Es störte sie kaum.

Nachdem Sally mit ihrem Magister in Anthropologie die Imperiale Universität von Sparta verlassen hatte, hatte sie ihren Onkel überzeugt, dass sie, anstatt die Schule abzuschließen, lieber das Imperium bereisen, neu eroberte Provinzen erforschen und direkt primitive Kulturen studieren sollte. Sie wollte sogar ein Buch schreiben.

»Was«, hatte sie mit Nachdruck gefragt, »kann ich hier schließlich lernen? Man braucht mich da draußen hinter dem Kohlensack.«

Sie hatte sich im Geiste ihre triumphale Rückkehr vorgestellt: Veröffentlichungen und wissenschaftliche Artikel, mit denen sie sich einen Platz in ihrer Berufung eroberte, statt untätig darauf zu warten, dass sie an irgendeinen jungen Adligen verheiratet wurde. Sally hatte schon vor zu heiraten, aber nicht, bevor sie nicht mehr vorzuweisen hatte als ihr Erbe. Sie wollte eigenständig sein, dem Reich auf andere Weise dienen, als Söhne zu gebären, die auf Kriegsschiffen sterben würden.

Zu ihrer Überraschung hatte ihr Onkel zugestimmt. Wenn Sally mehr Leute kennengelernt hätte, anstatt sich mit akademischer Psychologie zu befassen, hätte sie vielleicht den Grund dafür erkannt. Benjamin Bright Fowler, der jüngere Bruder ihres Vaters, hatte nichts geerbt, sondern sich seinen Platz im Senat durch reinen Schneid und Können gesichert. Da er selbst keine Kinder hatte, betrachtete er das einzige überlebende Kind seines Bruders als eigene Tochter, und er hatte genügend junge Frauen gesehen, deren Bedeutung allein durch ihre Verwandten und ihr Geld kam. Sally und eine Kommilitonin hatte Sparta zusammen mit Sallys Dienern Adam und Annie verlassen, und waren auf dem Weg zu den Provinzen und zur Erforschung primitiver menschlicher Kulturen, die die Marine ständig auftat. Einige Planeten waren über dreihundert Jahre nicht von Raumschiffen besucht worden, und die Kriege hatten die Populationen so stark dezimiert, dass sie wieder der Wildheit anheimgefallen waren.

Sie waren gerade auf dem Weg zu einer primitiven Koloniewelt – mit einem Zwischenhalt auf New Chicago, um auf ein anderes Schiff umzusteigen –, als die Revolution ausbrach. Sallys Freundin Dorothy war an diesem Tag nicht in der Stadt gewesen und wurde niemals gefunden. Die Unionsgarden des Komitees für Öffentliche Sicherheit hatten Sally aus ihrer Hotelsuite gezerrt, ihr alle Wertsachen abgenommen und sie ins Lager geworfen.

Während der ersten Tage war das Lager ordentlich. Imperiale Adlige, Staatsdiener und frühere imperiale Soldaten machten das Lager sicherer als die Straßen von New Chicago. Doch Tag für Tag wurden Adlige und Regierungsbeamte aus dem Lager verbracht und nie wiedergesehen, während gemeine Verbrecher beigemischt wurden. Irgendwie machten Adam und Annie sie ausfindig, und die anderen Bewohner ihres Zeltes waren imperiale Bürger, keine Verbrecher. Sie hatte die ersten Tage, dann Wochen, schließlich Monate der Gefangenschaft unter der endlos dunklen Nacht des Langston-Schutzfeldes der Stadt überlebt.

Zunächst war es ein Abenteuer gewesen, erschreckend, unangenehm, aber nichts Schlimmeres. Dann wurden die Rationen gekürzt und noch mehr gekürzt, und die Gefangenen verhungerten allmählich. Gegen Ende war der letzte Anschein von Ordnung verschwunden. Sanitärvorschriften wurden nicht eingehalten. Ausgemergelte Leichen lagen tagelang aufgehäuft an den Toren, bevor die Todesschwadronen sie holen kamen.

Die Sache hatte sich zu einem nie enden wollenden Albtraum entwickelt. Ihr Name war am Tor angeschlagen: Das Komitee für Öffentliche Sicherheit suchte nach ihr. Die anderen Lagerbewohner schworen, dass Sally Fowler tot war, und da die Wachen selten das Gelände betraten, wurde sie vor dem Schicksal bewahrt, dem vermutlich andere Mitglieder der Herrscherfamilien anheimgefallen sind.

Während die Bedingungen immer schlimmer wurden, fand Sally neue innere Stärke. Sie versuchte, den anderen in ihrem Zelt mit gutem Beispiel voranzugehen. Sie betrachteten sie als Anführerin und Adam als ihren Premierminister. Wenn sie weinte, hatten alle Angst. Und daher, gerade einmal zweiundzwanzig Standardjahre alt, das dunkle Haar ein wirres Durcheinander, die Kleidung dreckig und zerrissen und die Hände rau und schmutzig, konnte sich Sally nicht einmal in eine Ecke werfen und weinen. Sie konnte den Albtraum nur überstehen.

In den Albtraum mischten sich Gerüchte über imperiale Kriegsschiffe im Himmel über der schwarzen Kuppel – und Gerüchte darüber, dass die Gefangenen abgeschlachtet werden würden, bevor die Schiffe durchbrechen konnten. Sie hatte gelächelt und so getan, als würde sie nicht glauben, dass es passieren konnte. So getan? Ein Albtraum war nicht echt.

Dann waren die Marines durchgebrochen, angeführt von einem blutverschmierten Mann mit höfischen Manieren und einem Arm in einer Schlinge. Da hatte der Albtraum geendet, und Sally wartete darauf, dass sie aufwachte. Sie hatten sie gewaschen, ihr Essen gegeben, sie eingekleidet – warum wachte sie nicht auf? Ihre Seele fühlte sich an wie in Watte gepackt.

Die Beschleunigung drückte ihr auf Brust. Die Schatten in der Kabine waren scharf wie Rasiermesser. Die Rekruten aus New Chicago drängten sich an den Fenstern und schwatzten. Sie musste im Weltraum sein. Doch Adam und Annie betrachteten sie mit besorgten Blicken. Sie waren dick gewesen, als sie New Chicago zum ersten Mal gesehen hatten. Die Gesichtshaut der beiden hing nun in Falten herunter. Sie wusste, dass sie ihr zu viel von ihrem eigenen Essen gegeben hatten. Trotzdem schien es, als hätten sie alles besser überstanden als sie selbst.

Ich wünschte, ich könnte weinen, dachte sie. Ich sollte weinen. Wegen Dorothy. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass man mir sagt, sie hätten Dorothy gefunden. Nichts. Sie ist aus dem Traum verschwunden.

Eine Stimmaufzeichnung sagte etwas, dass sie nicht einmal versuchte zu verstehen.

Dann wurde das Gewicht von ihr genommen, und sie schwebte.

Schwebte.

Würde man sie wirklich gehen lassen?

Sie drehte sich abrupt zum Fenster. New Chicago leuchtete wie eine erdengleiche Welt, die ausgeprägten Muster unleserlich. Helle Meere und Landmassen, alle Schattierungen von Blau, durchzogen von einem weißen Überzug aus Wolken. Langsam verschwindend. Als der Planet kleiner wurde, starrte sie hinaus, verbarg ihr Gesicht. Niemand sollte dieses wilde Knurren bemerken. In diesem Augenblick hätte sie befehlen können, New Chicago bis auf die Grundfesten niederzubrennen.

Nach der Inspektion leitete Rod den Gottesdienst auf dem Hangardeck. Sie hatten gerade den letzten Gesang beendet, als der Fähnrich auf Wache bekannt gab, dass die Passagiere an Bord kämen. Blaine sah zu, wie die Mannschaft zurück an die Arbeit hastete. Es würde keine freien Sonntage geben, während sein Schiff noch nicht einsatzfähig war, ganz egal, was die Diensttraditionen über Sonntage im Orbit sagten. Blaine hörte zu, während die Männer vorbeigingen, und achtete auf Anzeichen von Unmut. Stattdessen hörte er müßiges Geplauder und nicht mehr als das erwartete Murren.

»Na schön, ich weiß, was ein Splitter ist«, sagte Stoker Jackson gerade zu seinem Partner. »Ich verstehe, wie ich einen Splitter in mein Auge kriege. Aber wie in Gottes Namen kriege ich da einen Balken rein? Sag mir das, bitte, kann ein Mann einen Balken ins Auge kriegen, ohne dass er es merkt? Ist doch Unsinn.«

»Du hast absolut recht. Was ist ein Balken?«

»Was ein Balken ist? Oh nein, du bist einer der Schreibtischhengste, oder? Also, ein Balken ist ein Stück geschnittenes Holz – Holz. Das kommt von einem Baum. Ein Baum, das ist eine hohe, dicke …«

Die Stimmen verschwanden. Blaine machte sich rasch auf den Weg zur Brücke. Wäre Sally Fowler die einzige Passagierin gewesen, hätte er sie gerne auf dem Hangardeck willkommen geheißen, aber er wollte, dass dieser Bury sofort ihre Beziehung verstand. Es würde ihm nichts nützen zu glauben, dass der Captain eines Schlachtschiffes Seiner Majestät sich große Umstände machen würde, um einen Händler zu begrüßen.

Auf der Brücke betrachtete Rod die Bildschirme, während das keilförmige Schiff in die Umlaufbahn einschwenkte und mit einer Winde an Bord geholt wurde, sodass es zwischen den großen, rechteckigen Flügeln der Hangartüren in die MacArthur hineindriftete. Seine Hand schwebte über dem Schalter der Sprechanlage. Solche Vorgänge hatten ihre Tücken.

Fähnrich Whitbread nahm die Passagiere in Empfang. Bury kam zuerst, gefolgt von einem kleinen, dunkelhäutigen Mann, bei dem der Händler sich nicht die Mühe machte, ihn vorzustellen. Beide trugen Kleidung, die für eine Raumreise angemessen war: Pluderhosen mit engen Fesselriemen, Hemden, die mit Gürteln festgehalten wurden, alle Taschen mit Reiß- oder Klettverschlüssen verschlossen. Bury wirkte verärgert. Er verfluchte seinen Diener, und Whitbread war so geistesgegenwärtig, die Kommentare des Mannes aufzuzeichnen mit der Absicht, sie später durch das Hirn des Schiffes zu jagen. Der Fähnrich schickte den Händler zusammen mit einem Unteroffizier bugwärts, wartete jedoch persönlich auf Miss Fowler. Er hatte Bilder von ihr gesehen.

Sie brachten Bury im Kaplansquartier und Sally in der Kabine des Oberleutnants unter. Der vorgeschobene Grund dafür, dass sie das größere Quartier bekam, war der, dass Annie, ihr Dienstmädchen, die Kabine mit ihr teilen würde. Die männlichen Bediensteten konnten zusammen mit der Mannschaft einquartiert werden, aber eine Frau, auch wenn sie so alt war wie Annie, konnte sich nicht unter die Männer mischen. Raumfahrer, die sich lange genug außerhalb eines Planeten aufhalten, entwickeln neue Schönheitsstandards. Der Nichte eines Senators würden sie nicht zu Leibe rücken, bei einer Haushälterin stand die Sache jedoch anders. Alles ergab Sinn, und wenn die Kabine des Oberleutnants neben den Quartieren von Captain Blaine lag, während die Gästekabine des Kaplans eine Ebene niedriger und drei Schotte achtern lag, würde sich niemand beschweren.

»Passagiere an Bord, Sir«, berichtete Fähnrich Whitbread.

»Gut. Haben es alle bequem?«

»Nun, Miss Fowler schon, Sir. Unteroffizier Allot hat dem Händler dessen Kabine gezeigt …«

»Passabel.« Blaine machte es sich in seinem Kommandantensitz bequem. Lady Sandra – nein, sie bevorzugt Sally, erinnerte er sich – hatte in den kurzen Momenten, in denen er sie im Gefangenenlager gesehen hatte, nicht besonders gesund gewirkt. Nach Whitbreads Worten klang es so, als hätte sie sich ein wenig erholt. Rod hatte sich verbergen wollen, als er sie das erste Mal erkannte, wie sie aus dem Zelt im Gefangenenlager schritt. Er war mit Blut und Dreck beschmiert gewesen – und dann war sie nähergekommen. Sie war wie eine Dame bei Hofe gegangen, aber sie war abgemagert, halb verhungert, und große dunkle Ringe zeigten sich unter ihren Augen. Und eben diese Augen. Leer. Nun, sie hatte zwei Wochen Zeit gehabt, wieder ins Leben zurückzufinden, und sie war für immer von New Chicago befreit.

»Ich nehme an, Sie werden Miss Fowler die Beschleunigungsstationen zeigen?«, fragte Rod.

»Ja, Sir«, antwortete Whitbread. Und auch Übungen in der Schwerelosigkeit, dachte er.

Amüsiert musterte Blaine seinen Fähnrich. Er konnte problemlos dessen Gedanken lesen. Nun, hoffen durfte er, aber Rang hat seine Vorzüge. Außerdem kannte er die junge Frau, er hatte sie getroffen, als sie zehn Jahre alt war.

»Signal aus dem Regierungshaus«, berichtete der Wachmann.

Czillers freudige, sorglose Stimme erklang. »Hallo, Blaine! Bereit zur Abreise?« Der Flottenkapitän saß krumm und schlapp in einem Schreibtischstuhl und paffte eine enorme und aromatische Pfeife.

»Ja, Sir.« Rod wollte etwas sagen, verkniff es sich aber.

»Haben sich die Passagiere gut eingelebt?« Rod konnte schwören, dass sein früherer Vorgesetzter über ihn lachte.

»Ja, Sir.«

»Und Ihre Mannschaft? Keine Beschwerden?«

»Sie wissen verdammt genau … Wir kommen zurecht, Sir.« Blaine würgte seinen Ärger hinunter. Es war schwierig, wütend auf Cziller zu sein, schließlich hatte er ihm dieses Schiff überlassen, aber verdammt noch mal! »Wir sind nicht gerade überbelegt, aber sie ist bereit für den Raumflug.«

»Hören Sie zu, Blaine, ich habe Sie nicht aus Spaß abziehen lassen. Wir haben einfach nicht die Männer, um hier zu regieren, und Sie bekommen eine Mannschaft, bevor wir eine haben. Ich habe Ihnen zwanzig Rekruten geschickt, junge Einwohner, die glauben, dass es ihnen im All gefallen wird. Zur Hölle, vielleicht werden sie es sogar mögen. Bei mir war es so.«

Unreife Kerle, die keine Ahnung hatten und denen man jede Aufgabe beibringen musste, aber darum konnten sich die Unteroffiziere kümmern. Zwanzig Mann wären hilfreich. Rod fühlte sich etwas besser. Cziller sortierte umständlich seine Papiere. »Und ich gebe Ihnen ein paar Truppen Ihrer Marines zurück, obwohl ich daran zweifle, dass Sie in New Scotland irgendwelche Feinde zum Bekämpfen finden.«

»Aye-aye, Sir. Danke, dass Sie mir Whitbread und Staley gelassen haben.« Abgesehen von diesen beiden hatten Cziller und Plekhanov ihm jeden Fähnrich an Bord abgenommen und ebenso die besseren Unteroffiziere. Allerdings hatten sie die allerbesten dagelassen. Sie reichten aus für die Weiterreise. Das Schiff lebte, obwohl einige Abteilungen aussahen, als hätte es eine Schlacht verloren.

»Gern geschehen. Es ist ein gutes Schiff, Blaine. Es kann sein, dass die Admiralität Sie es nicht behalten lässt, aber vielleicht haben Sie ja Glück. Ich muss einen Planeten mit leeren Händen führen. Es ist nicht einmal Geld da! Nur Republikscheine! Die Aufständischen haben sich alle imperialen Kronen unter den Nagel gerissen und bedrucktes Papier ausgegeben. Wie zum Teufel sollen wir echtes Geld in Umlauf bringen?«

»Verstehe, Sir.« Als Kapitän war Rod theoretisch mit Cziller ranggleich. Eine Brevet-Ernennung zum Admiral war rein aus Gefälligkeit geschehen, damit Kapitäne, die dienstälter waren als Cziller, von ihm als Flottenkommandanten Befehle annehmen konnten, ohne in Verlegenheit zu geraten. Allerdings musste erst ein Beförderungsrat der Marine eine Entscheidung betreffs Blaines Zulassung für einen höheren Rang treffen, und er war jung genug, dass er sich um die bevorstehende Prüfung Sorgen machen musste. Vielleicht wäre er nach sechs Wochen wieder nur Commander.

»Eine Sache noch«, sagte Cziller. »Ich habe gerade gesagt, dass es auf dem Planeten kein Geld gibt, aber das stimmt nicht ganz. Wir haben ein paar sehr reiche Leute hier. Einer von ihnen ist Jonas Stone, der Mann, der Ihre Marines in die Stadt gelassen hat. Er sagt, er konnte sein Geld vor den Aufständischen verstecken. Nun, warum nicht? Er war einer von ihnen. Aber wir haben auch einen einfachen Schürfer getroffen, der sturzbetrunken war und ein Vermögen in imperialen Kronen bei sich hatte. Er will nicht sagen, von wem er das Geld hat, aber wir glauben, es stammt von Bury.«

»Ja, Sir.«

»Halten Sie also Seine Exzellenz im Auge. Nun gut, Ihre Depeschen und neuen Mannschaftsmitglieder werden binnen einer Stunde an Bord sein.« Cziller blickte auf seinen Computer. »Genauer gesagt in vierunddreißig Minuten. Sie können losfliegen, sobald sie an Bord sind.« Cziller steckte seinen Computer ein und fing an, seine Pfeife zu stopfen. »Grüßen Sie MacPherson an der Werft von mir, und vergessen Sie eines nicht: Wenn die Arbeit auf dem Schiff ins Schleifen gerät, was sie wird, dann schicken Sie keine Memos an den Admiral.

Das macht MacPherson nur wütend. Ist auch zu erwarten. Holen Sie stattdessen Jamie an Bord und trinken Sie einen Scotch mit ihm. Sie können nicht so viel wegstecken wie er, aber wenn Sie es versuchen, haben Sie mehr am Hals, als nur ein Memo.«

»Verstanden, Sir«, sagte Rod zögerlich. Ihm wurde gerade bewusst, wie wenig er bereit war, die MacArthur zu kommandieren. Er kannte sich mit dem technischen Kram aus, vermutlich besser als Cziller, aber die Dutzenden kleiner Tricks, die man sich nur durch Erfahrung aneignen konnte …

Cziller musste seine Gedanken gelesen haben. Es war eine Fähigkeit, die jeder Offizier unter ihm vermutete. »Ganz ruhig, Captain. Man wird Sie nicht ersetzen, bevor Sie die Kapitale erreichen, und bis dahin werden Sie viel Zeit an Bord der Old Mac haben. Und zerbrechen Sie sich nicht allzu sehr den Kopf über die Zulassungsprüfungen. Das tut Ihnen nicht gut.« Cziller paffte an der langen Pfeife und blies Rauchschwaden aus seinem Mund. »Sie haben zu tun, also werde ich Sie nicht aufhalten. Aber sobald Sie New Scotland erreichen, sollten Sie einen Blick auf den Kohlensack werfen. Es gibt nur wenige vergleichbare Sehenswürdigkeiten in der Galaxis. Manche nennen ihn das Antlitz Gottes.« Cziller verschwand, während sein schiefes Lächeln scheinbar auf dem Bildschirm hängenblieb wie das der Grinsekatze.

KAPITEL DREI

Dinnerparty

Die MacArthur beschleunigte und entfernte sich von New Chicago mit Normschwerkraft eins. Auf dem gesamten Schiff gaben sich die Mannschaftsmitglieder Mühe, sich von der Unten-ist-außenbord-Orientierung der Umlaufbahn, als der Drall die Schwerkraft lieferte, an die Oben-ist-bugwärts-Orientierung des Antriebsfluges zu gewöhnen. Im Gegensatz zu den Handelsschiffen, die oftmals über große Entfernungen von den inneren Planeten zu den Alderson-Sprungpunkten gleiten, beschleunigen Kriegsschiffen normalerweise kontinuierlich.

Zwei Tage nach dem Aufbruch von New Chicago gab Blaine eine Dinnerparty.

Die Mannschaft holte Tischtücher und Kandelaber hervor, schwere Silberteller und graviertes Kristall, Produkte von begabten Handwerkern von einem halben Dutzend Welten: ein Schatz, der nicht Blaine gehörte, sondern der MacArthur. Tische und Stühle standen am Platz, hergenommen von den Spin-Positionen um die äußeren Schotten und an den Achterschotten wieder befestigt – abgesehen von dem großen Drehtisch, der darin eingelassen wurde, was nun die zylindrische Wand des Messeraums bildete.

Dieser gerundete Esstisch hatte Sally Fowler Sorgen bereitet. Sie hatte ihn vor zwei Tagen gesehen, als die MacArthur noch dem Drehmoment unterlag und das Außenschott noch ein Deck und gleichermaßen gerundet war. Jetzt bemerkte Blaine ihre Erleichterung, als sie über die Treppe eintrat.

Er bemerkte den Mangel an Unruhe bei Bury, der umgänglich war, sich sehr behaglich fühlte und sich zweifellos amüsierte. Der Mann hatte bereits Zeit im All verbracht, entschied Blaine. Möglicherweise mehr Zeit als Rod.

Es war die erste Gelegenheit für Blaine, die Passagiere formell zu begrüßen. Während Blaine an seinem Platz am Kopf der Tafel saß und den Kellnern in blendendem Weiß zusah, wie sie den ersten Gang servierten, unterdrückte er ein Lächeln. Die MacArthur hatte alles, bis auf Essen.

»Ich fürchte sehr, dass das Abendessen nicht an die Möblierung herankommt«, sagte er zu Sally. »Aber wir sehen, was wir finden können.« Kelley und die Kellner hatten den gesamten Nachmittag mit dem Stabsunteroffizierskoch beraten, aber viel erwartete Rod nicht.

Es gab selbstverständlich genug zu essen. Schiffsfutter: Bioplast, Hefesteaks, New-Washington-Mais; aber Blaine hatte keine Zeit gehabt, auf New Chicago etwas für sich einzulagern, und seine eigenen Vorräte waren im Kampf gegen die Planetenverteidigung der Aufständischen vernichtet worden. Captain Cziller hatte natürlich seine persönlichen Güter mitgenommen. Er hatte es zudem fertiggebracht, den Hauptkoch und den Schützen des Dreier-Waffenturms mitzunehmen, der als Koch des Captains diente.

Der erste Gang wurde hereingetragen, eine riesige Platte mit schwerem Deckel, der aussah wie aus Blattgold. Goldene Drachen jagten einander um den Umkreis, während die Glück verheißenden Hexagramme des I-Ching wohlwollend über ihnen schwebten. Teller und Deckel waren auf Xanadu gefertigt worden und kosteten so viel wie eines der Gigs der MacArthur. Kanonier Kelley stand hinter Blaine, gebieterisch in seiner weißen Uniform und der scharlachroten Schärpe – der perfekte Haushofmeister. Es war schwierig, in ihm den Mann zu erkennen, bei dem neue Rekruten ohnmächtig wurden, wenn er sie durch die Mangel drehte, der Sergeant, der die Marines der MacArthur gegen die Unionsgarde ins Feld geführt hatte. Kelley hob den Deckel mit gekonnt überschwänglicher Geste.

»Umwerfend!«, rief Sally. Wenn sie lediglich höflich war, dann war sie sehr überzeugend, und Kelley strahlte. Eine gebackene Nachbildung der MacArthur und der schwarz überkuppelten Festung, gegen die das Schiff gekämpft hatte, lag offen auf dem Teller, wobei jedes Detail sorgfältiger gestaltet war, als ein Kunstschatz im Imperialen Palast. Die anderen Gerichte waren ähnlich, wenn sich darunter also Hefekuchen oder sonstige Trockenverpflegung verbarg, wirkte es doch wie ein Bankett. Rod schaffte es, seine Sorgen zu vergessen und das Dinner zu genießen.

»Und was haben Sie jetzt vor, Mylady?«, fragte Sinclair. »Waren Sie schon einmal in New Scotland?«

»Nein, ich sollte eigentlich aus beruflichen Gründen reisen, Commander Sinclair. Es wäre nicht sehr schmeichelhaft gewesen, wenn ich Ihre Heimat besucht hätte, oder?« Sie lächelte, doch hinter ihren Augen lagen Lichtjahre der Leere.