F.E.A.R. - Elisabeth Zöller - E-Book

F.E.A.R. E-Book

Elisabeth Zöller

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Beschreibung

Warum sie sich in Joonas verliebt hat, weiß Carla selbst nicht genau. Er sah gut aus, interessierte sich für sie, und mit seinem Weltbild konnte sie ihre heuchlerischen Eltern schocken. Dass er es so ernst meinte mit seiner Armee, war ihr gar nicht klar gewesen. Jetzt sitzt sie in Finnland und soll der Polizei erklären, was das für eine Gruppe ist, die mit Jagdgewehren Geschäfte überfällt und Häuser anzündet. Einen Bericht soll sie schreiben, Joonas verraten. Doch Carla muss nur Zeit gewinnen, bis Joonas sie rausholt. Das hat er versprochen.

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Warum sie sich in Joonas verliebt hat, weiß Clara selbst nicht genau. Er war plötzlich da, im richtigen Moment, und interessierte sich für sie. Er sah gut aus, ließ sich nichts gefallen. Und mit seinem Weltbild konnte sie ihre heuchlerische Mutter schocken. Sich selbst auch, wenn sie ehrlich ist. Dass er es so ernst meinte mit seiner Neuen Finnischen Armee, war ihr gar nicht klar gewesen. Jetzt sitzt sie in Finnland und soll der Polizei erklären, was das für eine Gruppe ist, die da mit Jagdgewehren durch die Wälder streift und Häuser anzündet. Einen Bericht soll sie schreiben, Joonas verraten. Clara muss Zeit gewinnen und diesen unheimlichen Polizisten beschäftigen, bis Joonas kommt und sie rausholt. Er hat es versprochen.

Wenn Menschen, die eine gleiche Erziehung genossen haben wie ich, die die gleichen Worte sprechen wie ich und gleiche Bücher, gleiche Musik, gleiche Gemälde lieben wie ich – wenn diese Menschen keineswegs gesichert sind vor der Möglichkeit, Unmenschen zu werden und Dinge zu tun, die wir den Menschen unserer Zeit, ausgenommen die pathologischen Einzelfälle, vorher nicht hätten zutrauen können, woher nehme ich die Zuversicht, dass ich davor gesichert sei?

Max Frisch, 1946

Die wichtigsten Personen

Clara Sommerhage – Schülerin

Joonas Turunen – Claras Freund

Harald Johanson – Landwirt in Suonenjoki

Hanno Maturi – Blogger, Haralds Nachbar

Artur Kekkonen – Kriminalkommissar in Tampere

Seppo Grenberg – Kriminalinspektor

Hanna Turunen – Finnische Ministerin, Joonas’ Mutter

Antti Lehtinen – Büroleiter der Ministerin Turunen

Seita Laakso – Gastronomin in Suonenjoki

Heikki Korhonen – Schüler aus Turku

Pekka Korhonen – Marineingenieur, Heikkis Vater

Michaela Sommerhage – Autorin, Claras Mutter

Martin Sommerhage – Immobilienmakler, Claras Vater

Lutz Wagner – Blogger und Journalist

Taru Ekholm – Krankenschwester in Turku

Tapio Aulanka – Polizeichef in Suonenjoki

Eriki – Feuerwehrchef in Suonenjoki

Aleksi – Manager eines Erdbeerkonzerns

Siw Korpi – Polizistin

Suonenjoki, Finnland – Mittwoch, 18. Juni – 00:10 Uhr

Der See liegt ganz ruhig. Es ist Mitternacht und hell. Der tiefblaue Himmel hängt voller Sterne und ein Stück des Horizontes ist blutrot. Eine unglaubliche Nacht, eine Nacht, wie Clara sie noch nie erlebt hat. Die Sonne will nicht untergehen.

Das Sonnenlicht spiegelt sich im Fensterglas des kleinen Sommerhäuschens. Das Haus ist das einzige auf der winzigen Insel, die Seita Laakso gehört. Clara hat Seitas Boot, mit dem sie vom Festland herübergekommen ist, am Steg festgemacht, den Rucksack herausgenommen und sich leise auf die Terrasse gesetzt. Sie will Seita nicht wecken und sie ist gern allein hier. Gestern hat sie Seita schon einmal besucht, hat ihr Vorräte gebracht und zusammen haben sie ein Brot gebacken. Seita hatte sie eingeladen, auf die Insel zu kommen, wann sie möchte.

Clara denkt an Joonas, den sie liebt und mit dem sie sich die halbe Nacht gestritten hat. Sie lehnt sich zurück und streicht mit der Hand über das warme Holz. Die absolute Stille unter diesem verzauberten Himmel tut ihr gut.

Plötzlich Motorenlärm, ein Boot rast pfeilschnell heran, direkt auf die Insel zu. Claras Herz beginnt zu rasen. Sie zögert einen Moment. Dann schnappt sie ihren Rucksack und hastet den Hügel hinauf. Außer Atem fällt sie in das dürre Gras. Hinter einem Felsblock versteckt sie sich. Sie sieht, wie das Boot immer näher kommt. Sie erkennt Joonas, Hanno Maturi und Harald Johanson. Die wohnen auf dem Hof, der Harald Johanson gehört, am gegenüberliegenden Ufer. Eigentlich wohnt Clara auch dort. Die drei gehören zur Neuen Finnischen Armee. Die hat Joonas erfunden. Als Clara Joonas sieht, ist sie einen Augenblick erleichtert. Doch etwas stimmt nicht. Was machen die drei? Clara hat eine böse Vorahnung.

Der Motor wird gedrosselt. Dann ist es still. Joonas steuert das Boot an den Steg. Harald steigt von der Bordwand auf die Holzplanken und macht das Boot mit der Leine fest. Sie laden zwei rote Kanister mit Schlauch und Tragegurt aus. Dann ein Gewehr mit Zielfernrohr und zuletzt eine schwarze Sporttasche mit dem Logo des finnischen Eishockeymeisters. Hanno klettert aus dem Motorboot, macht die Leine los und gibt dem Boot mit dem Fuß einen Stoß, sodass es ein kleines Stück vom Ufer weggleitet. Joonas bleibt am Steuer stehen. Das Boot dümpelt im Wasser.

Harald und Hanno hängen sich die Kanister über die Schultern. Dann hantieren sie am Türschloss des Sommerhäuschens herum. Die Tür geht auf, Hanno betritt das Haus. Harald reicht ihm noch die Kanister, dann verschwindet Hanno im Haus. Nach ein oder zwei Minuten ist er wieder draußen und gibt mit der Hand ein Zeichen. Joonas greift nach den Rudern. Clara sieht sein Gesicht. Genau vor sieben Monaten hat sie sich in ihn verliebt …

Harald geht jetzt ruhig zurück zum Steg, holt das Gewehr. Er fingert aus seiner Hosentasche Munition, lädt und entsichert die Waffe. Die Sporttasche legt er in Seitas Boot. Joonas rudert ein ganzes Stück vom Ufer weg und hebt winkend die Hand. Das alles wirkt so ernsthaft, dass es Clara schon beinahe komisch vorkommt. Wie in einem schlechten Film. Unheimlich.

Hanno bückt sich, hält ein Feuerzeug in der Hand. Für einen Augenblick ist alles still. Dann passiert es: Eine Feuerschlange rast zischend auf das Haus zu.

»Nein!«, schreit Clara in den ohrenbetäubenden Knall der Explosion hinein. Ein greller gelber Blitz schießt jetzt aus den Fenstern und der Türöffnung. Ein zischender Luftzug, splitterndes Glas, berstendes Holz. Fast gleichzeitig ein Schuss und noch eine Explosion. Mit einem ohrenbetäubenden Knall fliegt Seitas Boot in die Luft. Harald lässt das Gewehr sinken.

Claras Herz schlägt wie wild, in ihren Ohren dröhnt es. Sie springt auf, stolpert, fällt. Ihr Kopf schlägt hart auf einen Felsblock. Danach ist alles dunkel.

Als Clara die Augen öffnet, begreift sie zunächst nichts. Ihr ganzer Körper ist wie Blei. Sengende Hitze schlägt ihr ins Gesicht. – Seita! – Flammen prasseln eingehüllt in schwarzen Qualm. Feuerwehrmänner hasten hin und her, rufen sich etwas zu, halten einen dicken Löschschlauch. Am Ufer liegen Motorboote, zwei leuchtend rote und ein Polizeiboot. Der Wasserstrahl erstickt das Feuer, hinterlässt verkohltes Holz. Ist das Seita, die auf einer Krankentrage zum Ufer transportiert wird? Clara kann ihr Stöhnen hören. – Joonas! – Wo ist er? Was hat er mit alldem hier zu tun? Bei dem Gedanken zittert Clara am ganzen Körper. Sie wagt nicht aufzustehen. Wie gebannt starrt sie auf die qualmende Hausruine und die Feuerwehrmänner.

Suonenjoki, Finnland – Mittwoch, 18. Juni – 04:42 Uhr

Clara hat sich auf dem Hügel hinter einem Felsen versteckt und beobachtet, was unten an der Brandstelle geschieht. Vor den rauchenden Trümmern stehen drei Männer. Clara erkennt nur Tapio Aulanka, den Polizeichef von Suonenjoki. Er war vor einer Woche auf den Hof von Harald Johanson gekommen und hatte sich umgesehen, die Ausweise geprüft, mit Harald geplaudert. Er hatte seinen Hund dabei, der überall seine Nase hineinsteckte.

Jetzt stochert Aulanka mit einer Eisenstange im Schutt. Der Löschtrupp ist mit seinen Booten wieder abgefahren, nur der Chef der Freiwilligen Feuerwehr und ein anderer Mann sind mit Aulanka geblieben.

»Wie hast du das Feuer überhaupt bemerkt, Aleksi?«, fragt Aulanka den Mann neben sich.

»Fast zufällig«, antwortet der. »Ich saß gerade in der Sauna, als es kurz nach Mitternacht mehrmals dumpf krachte. Ich ging hinaus und sah den dunklen Rauch über Seita Laaksos Insel. Dann habe ich die Feuerwehr gerufen, Eriki war sofort am Telefon. Als ich mich anzog, heulte schon die Sirene. Ich bin auf der Stelle in mein Boot. Wollte helfen. Doch als ich ankam, war schon alles zerstört und verwüstet. Gottlob haben Erikis Männer Seita retten können. Weißt du, wie es ihr geht, Tapio?«

»Das Krankenhaus sagt, sie hat schwere Verbrennungen. Sie liegt im künstlichen Koma. Ihr Zustand ist kritisch.«

»Die Explosion muss gewaltig gewesen sein«, meint Eriki. »Wir haben getan, was wir konnten. Doch vom Haus war nichts mehr zu retten.«

Clara weiß nicht, was sie machen soll. Ihre Stirn blutet nicht mehr, aber ihr Kopf tut weh. Schon in der Nacht hat sie mit dem Gedanken gespielt, einfach zu den Männern vom Löschtrupp zu gehen. Aber welche Geschichte hätte sie ihnen erzählen können? Die Geschichte von Harald, Hanno und Joonas, die ein Haus in die Luft jagen? Ihr Blick fällt auf ihren Rucksack. Es ist besser, wenn der nicht in falsche Hände gerät. Wenn sie diese Geschichte überstehen will, braucht sie den. Sie schiebt ihn vorsichtig zwischen zwei Felsblöcke.

Am liebsten würde sie ihn ausradieren, diesen einen Tag. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als das. Sie möchte alles auf null stellen, Reset und Neustart. Stattdessen hockt sie auf einem Hügel im Versteck … und hat einfach nur Angst.

Die beiden Männer scheinen es nicht eilig zu haben. Was sie dort unten miteinander bereden, kann Clara nicht hören. Aulankas Schäferhund sitzt im Schatten einer Birke und blickt mit aufgestellten Ohren in ihre Richtung. Plötzlich gibt der Hund ein unterdrücktes Jaulen von sich. Aulanka ruft einen kurzen Befehl. Der Hund ist sofort ruhig und legt sich hin. Doch seine Augen sind weiter auf den Hügel gerichtet.

Auf sie. Clara wagt kaum, sich zu rühren. Sie ist müde und erschöpft. Die halbe Nacht hat sie mit Joonas gestritten und danach ist sie abgehauen. Sie hat es einfach nicht mehr ausgehalten. Joonas veränderte sich schneller, als sie ihm folgen konnte. Jetzt denkt sie an den Streit, der eigentlich ganz dumm war. Läppisch. Ob ihr die Sonne zu Kopfe gestiegen sei, hat Joonas gefragt. Ihr dann aber über den Rücken gestreichelt. Sie hat sich geärgert über seine Bemerkung und ist abgehauen. Etwas anderes fiel ihr in dem Augenblick nicht ein. Und dann ist sie Zeuge geworden, Zeuge einer für sie unglaublichen Brandstiftung …

Jetzt schließt sie die Augen, zieht die Knie hoch. Joonas! Ja, er geht ihr nicht aus dem Kopf. Noch kurz vor ihrem Streit hat er sie fest in den Arm genommen. Wenn er ihr nahe war, hat sie immer alles vergessen, allen Streit, alle Spannung, hat nur noch an seine Liebe geglaubt. Ja, er ist für sie da, er wird sie nicht im Stich lassen. Das ist sicher. Er wird zu ihr zurückkommen und alles wird, wie es war.

Der Polizeichef wischt sich mit dem Unterarm über die Stirn. Vom See weht eine leichte Brise. Brandgeruch liegt wie eine Decke über der Ruine. Mit der Eisenstange schiebt Aulanka schwarz verbrannte Holzstücke beiseite, stochert in der nassen, schmierigen Asche.

»Das bringt doch nichts«, sagt Aleksi. »Was suchst du eigentlich?«

»Du hast recht. Ich habe die Brandermittler schon informiert. Was sagst du, Eriki, war das Brandstiftung?«

»Was denn sonst?«

»Jetzt ist das Maß endgültig voll!«, sagt Aleksi wütend. »Wir wissen doch alle, wer dahintersteckt. Der Johanson-Hof hätte schon längst geräumt werden müssen. Mit dieser Sache hier will ich nicht in Verbindung gebracht werden.«

»Du meinst, weil du Manager bei Erdbeeren Suonenjoki bist und Harald Johanson für den Erdbeerkonzern Mansikka arbeitet?« Eriki wird sauer.

Aulanka versucht, den aufkommenden Streit zu beschwichtigen. Er kann jetzt keinen zusätzlichen Ärger gebrauchen: »Wir sollten die offizielle Untersuchung abwarten. Wir sichern die Spuren, machen ein paar Fotos und sperren die Insel. Möglicherweise hat Harald nichts damit zu tun.«

Eriki kramt in seiner Hemdentasche nach den Zigaretten. »Natürlich hat er das. Er und die andern, die dort auf seinem Hof untergekommen sind, dieser Maturi und dieses Ministersöhnchen, Joonas Turunen. Und das deutsche Mädchen, das bei ihnen ist. Das sind doch solche Typen. Ich sage euch, ich habe es kommen sehen.«

»Was bist du nur für ein Besserwisser, Eriki. Nichts hast du kommen sehen! Aber davon mal abgesehen, Harald Johanson ist doch nicht blöd. Der lebt von den Erdbeeren, von der Landverpachtung und seiner Werkstatt. Der ist einer von uns. Der macht so etwas nicht.«

Aleksi will weiterreden, aber Eriki schneidet ihm mit einer schroffen Handbewegung das Wort ab und schnaubt verärgert. »Das war einfach nur schlampig von dir, Tapio. Du hättest besser auf die Burschen aufpassen müssen.«

»Jetzt dreh nicht gleich durch, Eriki. Wenn du einen Dummen suchst, bist du bei mir an der falschen Adresse.«

»Sag mal, wo lebst du eigentlich?«, mischt sich Aleksi ein. »Das hier ist eine Kriegserklärung, kapierst du? Wir können das nicht hinnehmen.«

»Du warst es doch, der für Erdbeeren Suonenjoki bei Harald Druck gemacht hat!«, fährt Aulanka jetzt Aleksi an. »Aber so kommen wir nicht weiter. Nicht, wenn wir uns gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben. Hier geht es um Seita und ihr Sommerhäuschen. Das bekommen wir schon hin. Und wenn die Burschen von selbst verschwinden, umso besser.«

»Dann wirst du also keine Fahndung herausgegeben, Tapio?« Der scharfe Ton in Erikis Stimme ist nicht zu überhören.

»Wir sollten das auf unsere Weise regeln. Ohne den ganzen Behördenapparat. Kein großes Aufsehen, kein dummes Gequatsche. Keiner sucht offiziell nach Harald Johanson, Joonas Turunen und Hanno Maturi. Kriegen wir das hin?«

»Wie willst du das denn geheim halten? Sieht das hier wie ein Unfall aus? Und Joonas Turunen ist schließlich der Sohn der Ministerin. Vergiss das nicht.«

»Es geht alles seinen Gang, reine Routine. Alles andere geht niemanden etwas an. Dass Joonas Turunen der Sohn der Ministerin ist, muss niemanden interessieren, wenn wir es nicht herumposaunen. Ich rufe in Helsinki im Ministerbüro an. Antti Lehtinen, der Büroleiter, wird sich darum kümmern.«

»Na gut«, sagt Aleksi. »Trotzdem ist es eine Katastrophe. Die Erdbeerernte ist richtig auf Touren. Da will ich so etwas nicht in der Zeitung lesen.«

»Ich muss den Bericht schreiben«, sagt Aulanka nachdenklich und sieht auf seine Uhr. »Für heute Nacht gibt es nichts mehr zu tun. Packen wir ein.«

Die Männer räumen ihre Werkzeuge zusammen und sperren die Brandstelle ab. Aulanka macht Fotos von den Trümmern.

Suonenjoki, Finnland – Mittwoch, 18. Juni – 05:17 Uhr

Der Wind frischt auf. Er weht die Anhöhe hinab und streichelt Claras Kniekehlen. Die Birkenblätter zittern im Luftzug, die tief herabhängenden Zweige bewegen sich. Plötzlich schlägt der Hund an. Dann geht alles sehr schnell. Die Männer rufen sich etwas zu. Aulanka gibt seinem Hund einen kurzen Befehl, und alle beginnen, in ihre Richtung zu laufen.

Clara springt auf und rennt los. Sie schafft es bis zum Waldrand. Mit rudernden Armen stürzt sie sich in das Gestrüpp. Ihr Fuß bleibt hängen, knickt um. Sie schlägt der Länge nach hin. Ihre Hände krallen sich in den Boden. Der knurrende Schäferhund steht direkt vor ihr und fletscht die Zähne. Clara windet sich. Sie tritt mit den Füßen in die Luft und versucht, den verdammten Hund loszuwerden.

Schon sind die Männer da. Eine Stimme brüllt, pfeift den Hund zurück. Clara will aufspringen, wegrennen, doch ein stechender Schmerz in ihrem Bein lässt sie nach vorn fallen. Eine kräftige Hand packt sie und drückt sie zu Boden. Sie spürt ein Knie in ihrem Rücken und das ganze Gewicht des Polizisten auf sich. Jetzt ist es aus. Tränen schießen ihr in die Augen. Sie beißt die Zähne zusammen, spürt einen höllischen Schmerz im Knöchel und dann nichts mehr. Vor ihren Augen wird alles rot, danach schwarz.

Straße nach Turku, Finnland – Donnerstag, 19. Juni – 10:15 Uhr

Clara versucht erst gar nicht, die Augen aufzumachen. Sie hat tatsächlich einen Moment geglaubt, sich an nichts erinnern zu können. Das fühlt sich gut an. Aber nur, wenn sie die Augen geschlossen hält. Nur so funktioniert das Vergessen.

Es ist eine lange und öde Autofahrt von Suonenjoki nach Turku. Clara sitzt angeschnallt in einem Liegesitz hinter dem Fahrer. Ihr eingegipster Fuß schmerzt kaum noch. Der Arzt in Suonenjoki hatte ein besorgtes Gesicht gemacht. Dann gab es eine längere Diskussion zwischen dem Polizisten Aulanka und dem Arzt. Clara hat nicht verstanden, worum es ging, und niemand hat sich die Mühe gemacht, es ihr zu erklären.

Es ist sehr warm. Das Radio läuft. Der Fahrer öffnet das Seitenfenster und hält den Arm in den Fahrtwind. Sein langes Haar flattert.

Eine junge Polizistin sitzt auf dem Beifahrersitz und starrt aus dem Fenster. Clara mag sie nicht. Die Polizistin spricht etwas Englisch, aber richtig unterhalten können sie sich nicht. Clara erfährt, dass sie Siw Korpi heißt und dass sie Clara nach Turku bringen und dort auf sie aufpassen soll. Turku findet Clara gut, weil sie Joonas dort finden kann.

Turku, das sah sein Plan vor. Doch das war vor ihrem Streit. Joonas hatte ihr eine Kontaktadresse in Turku gegeben. Für den Fall, dass sie getrennt würden, sollte Clara ihn über eine Spedition in Turku benachrichtigen. Sie dürfe Telefonnummer und Adresse nicht in ihrem Handy speichern, sondern solle sie verschlüsselt in ihrem Notizbuch verstecken. Das hatte Joonas ihr eingeschärft. Joonas und seine Geheimniskrämerei. Das Dumme ist jetzt nur, dass das Notizbuch in ihrem Rucksack auf Seitas Insel liegt.

Gegen Mittag machen sie Rast. Clara bekommt Fritten und Cola und erfährt von der Polizistin, dass sich ihre Mutter auf den Weg machen wird. Ihr wird siedend heiß und flau im Magen. Mama wird sie in ein Auto oder in ein Flugzeug verfrachten und nach Hause bringen. Das steht fest. Weg von Turku. Weg aus Finnland. Weg von Joonas. Und das ist das, was Clara unter keinen Umständen will. Trotz allem, was jetzt passiert ist.

Tampere, Finnland – Freitag, 20. Juni – 6:22 Uhr

Im Halbschlaf registriert Artur Kekkonen das tiefe Brummen seines Telefons. Die Sonne fällt auf sein Gesicht. Sie blendet ihn. Er dreht sich auf die Seite und öffnet die Augen. Dann fischt er das Telefon vom Boden und sieht auf das Display: Antti Lehtinen. Er runzelt die Stirn. Anrufe so früh am Morgen bedeuten selten etwas Gutes.

Kekkonen kennt Antti Lehtinen seit ihrer gemeinsamen Zeit als Streifenpolizisten. Antti hatte danach in der Politik Karriere gemacht, wurde Büroleiter der Ministerin Hanna Turunen. Artur Kekkonen hat dagegen einen ruhigen Posten als Schießausbilder und Dozent für Polizeitaktik an der Polizeihochschule in Tampere. Jetzt in den Ferien stehen die Gebäude leer. Morgen ist Johannus, das Mittsommerfest. Jeder vernünftige Finne ist mit seiner Familie draußen in den Wäldern, in der Natur. Ein paar Leute müssen in der Stadt bleiben, Telefonbereitschaft, in diesem Jahr hat es Kekkonen erwischt.

»Hei, Artur. Endlich. Es ist zum Verrücktwerden. Ich habe den Tisch voller Arbeit und habe jetzt obendrein ein heikles Problem am Hals.«

Antti Lehtinen kommt ohne Umwege zur Sache. Artur kennt ihn gut genug, um die Anspannung und den Druck zu spüren, unter dem Antti steht. Artur setzt sich im Bett auf, lehnt den Rücken an die Wand und hört aufmerksam zu.

»In deinem Postfach findest du alle offiziellen Informationen zu einem Brandfall in Suonenjoki. Ein Haus brannte ab. Eine Frau, die Eigentümerin, wurde lebensgefährlich verletzt. Verdacht auf Brandstiftung, möglicherweise war es sogar ein Mordversuch. Inspektor Seppo Grenberg aus Kuopio bearbeitet die Sache. Du kennst ihn?«, fragt Antti Lehtinen, doch er wartet die Antwort nicht ab, denn Artur Kekkonen kennt fast jeden Polizisten in Finnland. Das bringt seine Arbeit als Ausbilder an der Polizeihochschule mit sich. Lehtinen fährt also fort: »Tapio Aulanka vom Polizeiposten Suonenjoki hat mich informiert. Er hat an der Brandstätte eine junge Deutsche geschnappt. Clara Sommerhage, eine minderjährige Ausreißerin. Mit ihr unterwegs war Joonas Turunen, der Sohn der Ministerin. Er ist verschwunden, und wir versuchen, uns ein Bild von den Zusammenhängen zu machen. Wir wollen das Mädchen aus der Schusslinie haben, bevor die Presse Wind von der Sache bekommt und sich darauf stürzt. Wir müssen das sehr bald unter Kontrolle bringen. Unter unsere Kontrolle. Du weißt, was ich meine. Und das müsstest du übernehmen. Einen Skandal können wir uns nicht leisten.«

»Warum ich?«

»Weil du Deutsch sprichst wie kein Zweiter. Gott segne deine Großmutter Gertrud. Und weil wir dir vertrauen.«

»Und warum wirklich? Wo ist der Haken?«

»Weil du es kannst. Einen Haken gibt es nicht. Wir haben allerdings Hinweise, dass Joonas Turunen tatsächlich Kontakte hat zur rechtsradikalen Szene. Erst in Deutschland und jetzt, so sieht es aus, hier in Finnland.«

»Hinweise? Was meinst du damit?«

»Wir prüfen das noch. Die Mutter des deutschen Mädchens behauptet, der Junge sei ein Neonazi. Aber Mütter sagen viel, wenn ihnen der Freund ihrer Tochter nicht in den Kram passt. Sie ist jedenfalls unterwegs nach Finnland. Doch vorher müssen wir die Sache in unserem Sinne unter Dach und Fach haben. Für uns wird entscheidend sein, was Joonas’ Freundin weiß, diese Clara Sommerhage. Und was sie sagt.«

»Die Ministerin ist seine Mutter. Was sagt die?«

»Soweit ich weiß, hatte Hanna Turunen in den vergangenen zwei Jahren kaum Kontakt zu ihrem Sohn. Aber sie wird selbst mit dir sprechen.«

»Nun gut. Du willst also ein Kindermädchen für diese deutsche Ausreißerin. Ein neugieriges Kindermädchen, das die Nase mittenhinein in diese Geschichte steckt.«

»Ja, so könnte man sagen. Du musst herausfinden, was der Ministerin schaden könnte, bevor die Spekulationen ins Kraut schießen. Du klopfst auf den Busch, und wir hoffen alle, dass keine Ratten herausspringen.«

Kekkonen hört, dass der Büroleiter sich eine Zigarette anzündet, und schweigt.

»Du sollst dich mit dem Mädchen unterhalten«, sagt Lehtinen. »Sie ist seit ungefähr einem Jahr mit Joonas zusammen. Ein junges Paar, verliebt und unzertrennlich. Wir müssen wissen, was Joonas Turunen in der letzten Zeit getrieben hat. Das Mädchen weiß das. Vor dem Hintergrund, dass Joonas der Sohn der Ministerin ist und womöglich keine astrein demokratische Gesinnung hat, ist der Fall von extremer Brisanz. Und deswegen holen wir dich.«

»Ich verstehe …«, sagt Kekkonen. »Also gut. Wo steckt das Mädchen? Die müsste ich mir ja als Erstes vorknöpfen.«

Antti Lehtinen zögert. Dann sagt er: »Jemand hat Mist gebaut. Nicht nachgedacht. Du kennst das. Das Mädchen ist jetzt jedenfalls in Turku im Universitätskrankenhaus. Am besten bringst du sie nach Tampere, sobald das möglich ist. Wir werden es so einrichten, dass ihre Mutter sie erst in Turku sucht. So gewinnen wir ein bisschen Zeit. Und die Akademie liegt sehr abgeschieden. Wir denken, dass das Mädchen dort gut aufgehoben ist. Rede mit ihr. Ich mache dich ganz offiziell zum Sonderermittler. Du wirst mit Seppo Grenberg zusammenarbeiten. Ein fähiger Kopf. Er leitet die polizeiliche Untersuchung. Du hast freie Hand. Ich halte dir den Rücken frei. Was du herausfindest, geht direkt an mich und nur an mich.«

»Antti, in ein paar Tagen habe ich Urlaub.«

»Ich weiß, Artur. Und wir wissen deinen Einsatz zu schätzen. In drei, vier Tagen ist das vorbei. Artur, bring das unter Kontrolle.«

Artur Kekkonen steht auf, wirft die Kaffeemaschine an und fährt den Computer hoch.

Er öffnet sein Postfach und macht sich mit dem angekündigten Dossier vertraut. Ihm fällt auf, dass Joonas Turunen und Harald Johanson vor Kurzem schon einmal ins Visier der örtlichen Polizei geraten sind. Es ging um eine Schlägerei in dem Restaurant, das Seita Laakso gehört. Die Sache wurde jedoch nach der Überprüfung der Personalien nicht weiter verfolgt. Kekkonen liest den Strafregisterauszug von Harald Johanson, den er sofort mit Aus dem Leben eines gelangweilten jungen Mannes vom Land überschreiben könnte: Fahren ohne Führerschein, Sachbeschädigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt. Gegen Joonas Turunen liegt offiziell nichts vor.

Ein Vermerk des finnischen Staatsschutzes lässt Kekkonen dann aber noch aufmerken: Ein gewisser Hanno Maturi ist aktenkundig als Betreiber von Webseiten und Diskussionsforen, die dem äußersten rechten Spektrum zuzuordnen sind. Er betreibt einen Versandhandel und organisiert Festivals. Als gewaltbereit gilt er nicht. Maturi trat aber gelegentlich als Redner auf Veranstaltungen auf, bei denen es im Anschluss zu Schlägereien und ausländerfeindlicher Hetze kam. Keine Vorstrafen.

Danach ist das Dossier schon zu Ende. Alles halb so wild, denkt Kekkonen. Er wird wegen etlicher Fragen bei den Kollegen vor Ort vorstellig werden müssen. Aber jetzt muss er nach Turku.

Krankenhaus in Turku, etwa zur gleichen Zeit

Clara Sommerhage schläft nicht, ist aber auch nicht wirklich wach. Ihre Gedanken kreisen, und von Weitem hört sie Stimmen, die sich mit den Geräuschen des Krankenhauses mischen. Dann wieder tastet sie sich träumend durch einen dunklen, schmalen Gang. Tag und Nacht sind gleich. Alles ist in Bewegung, schrumpft und wächst ohne Ende. Ihr ist schwindelig, sie weiß nicht mehr richtig, was war und was nicht war.

Sie könnte auch so tun, als hätte sie alles vergessen. Der Gedanke kommt ihr plötzlich. Aber das kann sie nicht lange durchhalten. Joonas ist ihr einziger Gedanke.

Ein Arzt hat ihr heute Morgen die CT-Scans ihres Kopfes gezeigt. »Eine Gehirnerschütterung«, hat er gesagt, »sonst ist alles in Ordnung.«

Der Doktor hat keine Ahnung. Nichts ist in Ordnung. Immerhin ist es gut zu wissen, dass er in ihren Kopf schauen konnte und trotzdem nichts weiß und nichts gesehen hat.

Sie schließt einfach die Augen. Schon ist sie weg. Clara lässt ihre Gedanken auf Reisen gehen. Gestern war sie noch glücklich mit Joonas. Gut, es gab immer mehr Streitereien.Aber sie konnte auch schnell vergessen. Sie träumt von Joonas. Sie denkt daran, wie zärtlich er war, als sie noch nicht in diesem Land waren, wo die Sonne nicht untergehen will. Sie muss sich zwingen, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie darf sich nicht ablenken lassen. Das hat Joonas auch immer gesagt, dass die Hauptsache der Plan ist. Und dass man den Plan durchzieht, rational und konsequent. Joonas hat geschworen, dass er sie nie im Stich lässt, dass er sie holt. Immer und von überall her.

Wenn sie die Augen schließt, hört sie Joonas’ Stimme, spürt seinen Atem am Ohr und auf der Brust … Sie dämmert weg, taucht in die tiefe Dunkelheit und gleitet hinüber in einen andern Traum. Dann ist es still.

Sie ist in einem Raum und sie ist nicht allein. Sie wird wach und schwitzt, hat ein unablässiges Raunen und Murmeln, ein dichtes Stimmengewirr im Ohr. Dann setzt sich jemand an ihr Bett und hält ihre Hand. Auf dem Nachttisch brennt eine Lampe. Sie spürt die klare Luft, die durch das geöffnete Fenster hereinströmt. Sie spürt die Wärme der Hand.

Turku, Finnland – Freitag, 20. Juni – 14:25 Uhr

Artur Kekkonen hebt den Kopf. Das Mädchen liegt im Bett und bewegt sich kaum. Ihre geschlossenen Augenlider flattern. Ein Mundwinkel zuckt. Unter der Sonnenbräune liegt das Gesicht bleich und gläsern da. Das ist sie, denkt er. Die Ausreißerin aus Deutschland.

Er steht auf, faltet die Zeitung zusammen, legt sie auf den Stuhl. Einen Moment verharrt er unschlüssig am Fenster, sieht hinaus in die strahlende Sonne über der Stadt und lauscht einer Polizeisirene, die der Universitätsklinik immer näher kommt. Er überlegt, ob er ein paar Worte zu dem Jungen sagen soll, der an Claras Bett sitzt, ihre Hand hält.

Der Junge dreht sich um. Artur macht ein Zeichen mit der Hand. Er soll bei ihr bleiben. Er nickt ihm aufmunternd zu.

Turku, Finnland – Freitag, 20. Juni – 14:30 Uhr

Artur schließt leise die Tür. Auf dem Flur sucht er ein Fenster, das sich öffnen lässt. Er braucht frische Luft. Er hört Personen, die miteinander sprechen und dann lachen. Artur möchte mitlachen, wenn da nicht die Kopfschmerzen wären. Sie haben sich zu einem Migräneanfall ausgewachsen. Kekkonen spürt ein Stechen im Magen. Die Übelkeit und der pochende Schmerz hinter seinem linken Auge machen ihn immer geräuschempfindlich. Schon das Quietschen seiner Schuhsohlen auf dem PVC-Boden ist ihm zu viel.

Kekkonen öffnet die angelehnte Tür zum Schwesternzimmer und räuspert sich. Taru Ekholm, die diensthabende Stationsschwester, blickt auf. Sie weiß, warum er hier ist.

»Wer ist der Junge, der bei Clara Sommerhage sitzt?«, fragt er und macht eine Bewegung mit dem Kopf in Richtung Krankenzimmer.

»Heikki Korhonen«, antwortet sie. »Er brummt ein paar Sozialstunden ab.«

»Was hat er verbrochen?«

»Verbrochen? Das hört sich so böse an. Er fährt manchmal die Autos anderer Leute.«

»Können wir den Autodieb mit der Brandstifterin alleine lassen?«

»Na, hör mal. Ich verbürge mich für Heikki. Wir sind Nachbarn in Port Arthur, einem Viertel unten am Hafen.«

Artur zuckt mit den Schultern.

»Du bist nicht von hier? Es ist nett in Port Arthur. Heikkis Vater fährt zur See. Eine Mutter hat er nicht mehr. Ich kümmere mich ein wenig um den Jungen.«

Artur Kekkonen gähnt verstohlen. »Entschuldige, Taru.«

»Lass nur. Du hast ja recht. Du bist der Polizist. Ich bin die Krankenschwester. Du verschonst mich mit deinen Problemen, ich verschone dich mit meinen.«

Artur nickt.

»Sag mal, ist sie denn überhaupt eine Brandstifterin?«, fragt sie direkt.

Kekkonen hebt die Augenbrauen. Dass er zurzeit nicht im aktiven Ermittlungsdienst arbeitet, kann die Krankenschwester nicht wissen. Für sie ist er der Kommissar. Er lässt es dabei.

»Keine Ahnung«, sagt er. »Es steht alles in der Zeitung. Hast du es nicht gelesen?«

»Nein. Und in der Zeitung steht nie alles.« Sie lächelt.

»Wir haben noch nicht viel. Wir sind ganz am Anfang. Was meinst du, wann wird sie ansprechbar sein?«

»Ernsthaft verletzt ist sie nicht. Der Fuß ist geschwollen. Das ist schmerzhaft und sie muss das Bein ruhighalten. Sie hat blaue Flecken und ein paar Schrammen. Warum müsst ihr auch so hart zupacken? Sie ist ein Mädchen.«

»Die Kollegen in Suonenjoki hatten ihre Gründe. Nehme ich an.«

Die Krankenschwester bewegt langsam den Kopf hin und her. Dann sieht sie Artur Kekkonen ins Gesicht: »Clara kann nicht erzählen, was passiert ist. Sie erinnert sich nicht. Ihr Zustand hat sich gestern plötzlich verschlechtert. Aber das ist normal. Wenn sich die Aufregung legt und der Körper zur Ruhe kommt, klappen die meisten zusammen. Wir lassen sie schlafen. Das ist das Beste. Und Heikki passt auf.«

»Dieser kurzzeitige Gedächtnisverlust, bessert sich der nach einiger Zeit? Ich hätte da noch ein paar Fragen, die Clara beantworten muss.«

»Frag einen Neurologen. Es gibt einen Begriff dafür, transiente globale Amnesie. Sie kann sich an alles erinnern, was vor dem Vorfall geschah. Alles andere ist weg.«

Die Krankenschwester erzählt von dem Eindruck, den Clara bei ihrer Einlieferung machte, dass sie eingeschüchtert, beinahe verängstigt wirkte.

»Ich schiebe das nicht nur auf die rüden Methoden der finnischen Polizei«, sagt sie. »Ich glaube, da ist eher etwas anderes dahinter.«

Artur nimmt den bissigen Kommentar über die Methoden der Polizei gleichmütig hin, zuckt die Achseln und überlegt. »Ich bin Polizist. Mich interessieren die Fakten. Die sind entscheidend. Erinnerungen sind irrelevant, wenn man Fakten hat.«

»So hat jeder seine Methoden. Eigentlich können wir mit ihrem Zustand zufrieden sein.«

»Was meinst du? Kann diese Brandgeschichte so eine Amnesie auslösen?«, fragt Kekkonen.

»Ja, auf jeden Fall. Worauf willst du hinaus?«