F(r)ischhalteabkommen - Susanne Fröhlich - E-Book
Beschreibung

So bleibt der Fisch frisch! Herzlichen Glückwunsch! Sie haben einen Fisch gefangen und sich den Herausforderungen des Baggerns, Balzens und Bandelns gewachsen gezeigt. Doch: Wie gefangen, so zerronnen! Was Sie jetzt brauchen, ist eine Anleitung zur Hege und Pflege. Denn nur ein Fisch, der frisch bleibt, macht lange Freude...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:313


Susanne Fröhlich

F(r)ischhalteabkommen

Länger Freude am Mann

Sachbuch

Fischer e-books

Für Gert und Ulli, denen wir die Einsicht verdanken, dass Männer – mit ein bisschen Langmut, Toleranz und Konsequenz – viel Vergnügen machen können. Wie immer auch für Mama und Papa und diesmal auch für Eva und Sven.

F(r)ischhalteabkommen

Eigentlich könnten wir Ihnen nur herzlich gratulieren. Sie haben – schon mehr oder weniger lange – einen Fisch an der Angel, also den Nachweis erbracht, dass Sie den Herausforderungen des Baggerns, Balzens und Bandelns gewachsen sind. Und während sich gerade allüberall Singles die Beine rasieren, in Miederhöschen zwängen und hoffen, dass die Frisur hält, um endlich eine Antwort auf die ewige elterliche Frage: »Und? Gibt es da jemanden?« zu finden, könnten Sie es sich daheim gemütlich machen und ihre Beute genießen. Sollten etwaige Probleme auftauchen, wie etwa der Hang des Fisches, ein- und denselben Witz so lange zu erzählen, bis ihn sich selbst ein Alzheimerpatient gemerkt hat, dann wird die Liebe schon dafür sorgen, dass alles gut wird. So die Theorie.

Dagegen zeigt eine Scheidungsquote von bis zu 50 Prozent, dass es vielleicht doch etwas fahrlässig ist, die Liebe ausgerechnet dem Schicksal, also jenen Mächten zu überlassen, denen wir auch Verkehrsunfälle, verregnete Sommer, George W. Bush und Genitalherpes verdanken. Zumal neben allen anderen Ähnlichkeiten zwischen Fisch und Mann – also Schuppen, Gräten und Panik beim Anblick von Kochutensilien –, Fische wie Männer dazu neigen, sich im Laufe der Zeit nicht gerade zu ihrem Vorteil zu verändern. Eines Tages wacht man auf und findet statt eines schnittigen Lachses einen giftigen Kugelfisch im eigenen Bett, der behauptet, mit uns verheiratet zu sein. Das passiert. Ebenso wie vergessene Geburtstage, Kinder, die er nicht mehr wieder erkennt, weil er nur noch im Büro sitzt, und ein Haushalt, der von Gesetz wegen als Sondermülldeponie geschlossen werden müsste, würde es nach den Sauberkeitsparametern unseres Fisches gehen.

Kurz: Der Alltag schafft Probleme, die die Liebe allein nicht lösen kann. Ein bisschen guter Wille – ja, der könnte es vielleicht schaffen, aber genau der scheint oft genug zu fehlen. Ebenso wie die Bereitschaft, sich auszutauschen, im öden Beziehungsalltag kleine Inseln der Romantik zu schaffen, sich sein Idealbild vom Partner zu bewahren, statt noch den kleinsten Mangel porentief auszuleuchten.

 

Das ist umso ärgerlicher, als man doch eigentlich einen ganz anderen Vertrag miteinander abgeschlossen hatte, einen, in dem es um Aufmerksamkeit, Fürsorge, Achtung, Entlastung, drei Restaurantbesuche im Monat und mindestens zwei Mal Sex die Woche ging. Und zwar lebenslänglich. Gut, dieser Vertrag wurde niemals schriftlich niedergelegt. Aber trotzdem war er da, wir sind ganz sicher. Jedes Paar hatte einmal ein solches »Frischhalteabkommen« auf der Basis gegenseitiger heftigster Zuneigung, die Übereinkunft, sich nach Kräften zu lieben, zu begehren, zu ehren, zu verwöhnen und vom Fisch noch vor dem Abendbrot auf den Flokati gezogen zu werden. Denn sonst hätte man sich sicher gleich einen Hund angeschafft, weil der wenigstens hört. Doch davon will der Fisch nun leider nichts mehr wissen. Ständig versucht er die Vertragsbedingungen zu seinen Gunsten zu verändern, sich Dienstleistungen zu erschleichen, von denen nie die Rede war. Und dass er uns auf Händen tragen wollte, das hätten wir uns auch bloß eingebildet. Ebenso wie seinVersprechen, regelmäßig den Müll runterzutragen und mit uns ein Wochenende in einem Luxushotel in New York zu verbringen.

Irgendwann keimt bei der Anglerin der betrübliche Verdacht, dass der Fisch beinahe mehr an seinem mottenzerfressenen Lieblingspulli hängt als an ihr. Ganz zu schweigen von der ernüchternden Tatsache, dass man mit dem Fisch auch gleichzeitig etwas geangelt hat, was wie ein Krake mit ziemlich großen Fangarmen aussieht und zu dem er »Mami« sagt. Daneben kennen wir noch 1001 weitere Standardsituationen, die in jeder Anglerin den heftigen Wunsch wecken, ihren Fisch in einem Haifischbecken zur Adoption freizugeben. Kurz: Der Alltag mit einem Fisch ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Und es ist schon ziemlich lästig, wie man kostbare Zeit damit verschwendet, dem Fisch immer wieder zu erklären, dass die Sache mit der Liebe doch eigentlich einmal anders gedacht war und wir nicht willens sind, ihn einerseits wie einen Pflegefall der Höchststufe von jeglichen häuslichen Anstrengungen zu befreien und andererseits widerspruchslos zu akzeptieren, dass er das Lenken und Denken übernimmt.

Kein Wunder also, wenn der Fisch nach einer gewissen Zeit oft eher Mordgedanken weckt, statt – wie es doch eigentlich seine Aufgabe ist – Glücksgefühle zu erzeugen. Aber genau das gilt es zu verhindern. Und zwar mit möglichst wenig Aufwand und Methoden, in denen der Einsatz der Anglerin an Nerven, Zeit und Energie in einem optimalen Verhältnis zum Ertrag – einem dauerhaft frischen Fisch – stehen. Einzige Voraussetzung: Die Anglerin vergisst die üblichen Trainingsmethoden, mit denen die meisten Frauen vergeblich an der Metamorphose des Fisches zum Traumtypen arbeiten. Schließlich hat jede Frau im Zusammenleben mit einem Fisch früher oder später die Erfahrung macht, dass der Fisch respektive Mann sowohl gegen Erziehungsversuche als auch gegen Nörgelattacken voll imprägniert ist und nicht mal ein Einserdiplom in Pädagogik einen fit macht für die Hartnäckigkeit, mit der Männer Einsicht, Verhaltensänderung oder auch einfach nur den Satz: »Du hast ja so Recht, Schatz!« – verweigern.

Fische springen nun mal nicht durch brennende Reifen. Und selbst eine Nackenrolle lässt sich leichter dressieren als ein Kabeljau oder ein Lachs. Doch auch die Anglerin ist nicht ohne Fehl und Tadel. Im Gegenteil. Vor allem ihre Überzeugung, alles goldrichtig zu machen, wirkt sich bisweilen katastrophal auf das Verfallsdatum eines Fisches aus. Ebenso wie der ziemlich verbreitete weibliche Glaube, Frauen seien die besseren Menschen, während der Fisch auf der gleichen Entwicklungsstufe stehe wie Torf.

Das sind nun nicht gerade die richtigen Methoden, ihn und auch die Liebe frisch zu halten. Die hat nämlich ihre eigenen Regeln. Und um die geht es in diesem Buch. Natürlich könnten Sie – was das anbelangt – einfach zu den probaten Mitteln greifen: den Fisch ins Drei-Sterne-Kühlfach in Tomatensoße oder eine extra große Portion Liebe einlegen. Aber haben Sie schon mal ein Fischstäbchen, einen Rollmops oder einen Räucher-Aal munter herumplanschen sehen?

Was also den alltäglichen Umgang mit dem Fisch anbelangt, so gilt die Devise: Der Fisch sollte artgerecht behandelt werden. Deshalb nützt es auch wenig, ihn in ein Hasenkostüm zu stecken, bloß weil wir das kuschelig finden. Ebenso wenig bringt es, schon für Spurenelemente von Zivilisation dankbar zu sein und auf die Knie zu fallen, bloß weil er es endlich einmal geschafft hat, sich selbst ein Bier zu holen. Und was die weibliche Hartnäckigkeit anbelangt, ihm ständig irgendwie tiefe Gefühle und kluge Gedanken zu unterstellen, natürlich nur solche, in denen wir die Hauptrolle spielen, so sollten wir ein anderes Hobby finden.

Ein Fisch, der uns lange Freude macht, braucht anderes: einen gewissen Sinn für die Verhältnismäßigkeit der Mittel, etwas Egoismus, ein wenig Verständnis und Gefühl (aber längst nicht die riesigen Portionen, die viele Frauen für das Existenzminimum einer glücklichen Beziehung halten), Gelassenheit und ein paar Grundregeln der Aquaristik. Etwa die, dass vielen Fischen das »triebhafte Bestreben« angeboren ist, »die Gesellschaft von artgleichen Tieren zu suchen«, wie Wissenschaftler meinen, und man sich also nicht wundern sollte, wenn der Fisch mindestens einmal die Woche zum Skat muss.

Auch bei der Fischhaltung gilt: Es ist eben oft einfacher, als man denkt, und manchmal schwieriger, als man glaubt. Letztlich wird Ihnen die Lektüre des Buches garantiert dabei helfen, nicht nur am Fisch, sondern vor allem an sich selbst, ein paar ganz erstaunliche Seiten zu entdecken und dafür zu sorgen, dass Ihnen genau dies Kunststück noch die nächsten zwanzig Jahre gelingt: sich gegenseitig immer wieder angenehm zu überraschen. Darin liegt letztlich der Schlüssel zum Glück und nicht in der Frage, wie Sie Ihren Fisch dazu bringen, Diamanten zu apportieren (obwohl dieses Kunststück auch nicht ganz unwichtig ist). In diesem Sinne ist dies Buch als Trainingseinheit zu verstehen. Es bietet nützliche Vorschläge für dringend notwendige Verhaltenskorrekturen von Fisch und Anglerin, es wehrt den Anfängen von Desinteresse, Gleichgültigkeit, Frustration und Entfremdung, und es macht Sie fit für das Leben mit einem Wesen, dem wir gleichzeitig näher, aber auch fremder sind, als wir denken.

Am Schluss können Sie dann noch einen kleinen Test machen, Ihre Sachkunde in Aquaristik überprüfen und damit Antworten auf wichtige Fragen wie diese finden:

 

Der Fisch atmet schwer und hängt an der Wasseroberfläche. Welche Ursachen können vorliegen?

a)

Er hat Hunger.

b)

Er hat gerade entdeckt, dass Sie seine Plattensammlung auf den Sperrmüll gestellt haben.

c)

Er hätte doch nicht am Marathon teilnehmen sollen.

d)

Sie haben ihm gerade gesagt, mit wie vielen Männern sie vor ihm wirklich geschlafen haben.

Sie sehen, wir haben an alles gedacht – damit Ihnen der Mann noch lange Freude macht!

Kapitel 1Der Fisch auf Dauer

Mach mich glücklich, und zwar für immer! So lautet der kategorische Imperativ der meisten Anglerinnen. Wenn sie sich schon entschließen, einen Fisch auf Dauer in ihr Bett und an ihre Fernbedienung zu lassen, dann soll er sich gefälligst revanchieren. Deshalb wünschen sie sich ihn als einen Generalschlüssel fürs ganz große Glück, als ein Bollwerk gegen tyrannische Chefs, ungeliebte Jobs, Augenfalten und Cellulite, Retter vor langweiligen Wochenenden, intriganten Kolleginnen und Übergewicht. Das ist das Mindeste, was die Liebe tun kann. Besonders, wenn es die fürs Leben sein soll. Kurz: Auf der emotionalen Langstrecke soll sich der Fisch als Universalgenie erweisen – allen Anforderungen gewachsen und dabei stets sowohl zuverlässig als auch abwechslungsreich. Das ist er auch. Allerdings nicht immer wie von der Frau erhofft.

Der Fisch im Belastungstest

Sie haben einen wunderbaren Fisch? Ein Ausbund an Höflichkeit, Fürsorge und Aufmerksamkeit? Er verbindet puren Sex mit hingebungsvoller Zärtlichkeit? Er sieht blendend aus und ist Ihnen trotzdem unendlich dankbar dafür, dass Sie Ihre – wie er findet – kostbare Zeit mit ihm verbringen? Er behauptet, dass neben Ihnen selbst die Supermodels einpacken können, und wundert sich lautstark, weshalb Sie eigentlich nicht für den Literaturnobelpreis nominiert sind, bloß weil Sie ihm süße kleine Zettelchen schreiben, auf denen steht: »Ich liebe dich, Hasimausi?« Dann ist Ihre Liebe vermutlich noch ganz frisch und Sie glauben, über mehr als genug Gefühlsvorräte für mindestens vierzig gemeinsame Jahre zu verfügen, um jedwede Krise zu meistern. Schön für Sie, aber leider falsch. Auch auf die Gefahr hin, als elender Spielverderber dazustehen und nie mehr auf eine Hochzeit eingeladen zu werden, müssen wir Ihnen sagen, dass die Liebe nicht wie eine chemische Reinigung funktioniert, mit der man sich gegen Wirtschaftskrisen, gegen soziale, emotionale und mentale Schlechtwetterfronten imprägniert. Sicher ist es durchaus von Vorteil, einander vollkommen hingegeben und total verfallen zu sein. Aber es rettet einen nicht vor der Erfahrung, dass selbst der schillerndste Fisch seinen Glanz verliert, ganz egal, wie viel er davon einmal besessen haben mag. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Anglerin. Auch an ihr nagt selbstredend der Zahn der Zeit. Zweisamkeit und Liebe unterliegen eben nun mal einer gewissen Materialermüdung. Und niemand ist gegen die Abnutzungs- und Verschleißerscheinungen, die emotionalen Erosionen des 24-Stunden-Gefühls-Ironman, genannt »Alltag«, gefeit.

Sie glauben uns nicht? Dann stellen Sie sich einfach einmal vor, Sie wachen morgens auf und eine böse Fee hätte die Zeit um zehn Jahre nach vorne gestellt. Neben Ihnen liegt etwas, das eine entfernte Ähnlichkeit mit Ihrem einstigen Traumprinzen aufweist, aber ebenso gut auch ein deutsches Mittelgebirge sein könnte.Trotzdem glauben Sie immer noch, zehn gemeinsame Jahre seien nichts weiter als 3650 Tage, 120 Monate oder 87 600 Stunden? Wenn es bloß das wäre. Denn in Beziehungs-Kategorien gerechnet, heißt zehn Jahre auch:

300 Mal seinen genialen Masterplan zur Bewältigung von Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und dem Hunger in der Welt bewundert

Zehn Kilo Fußnägel aufgesaugt

Ihn 20 Mal mit Pfefferminztee, Inhalator und Wärmflasche vor dem sicheren Erkältungstod gerettet

60 Schwiegermutterbesuche und ungefähr 1 Million Kalorien, untergebracht in fetten Sahnesoßen, Frankfurter Kranz und Fleischwurstbroten, bewältigt

2,5 Fußballweltmeisterschaften und ebenso viele Europameisterschaften über sich ergehen lassen, in denen er mit fünf Gleichgesinnten Ihre Wohnung in eine Müllhalde verwandelte (von den 10 Bundesligaspielzeiten wollen wir erst gar nicht reden)

520 Mal mit ihm darüber gestritten, ob er – säße er am Steuer – in die winzige Lücke zwischen zwei Autos sogar einen Airbus einparken könnte

50 Mal erklärt, wie die Spülmaschine funktioniert

60 Mal erläutert, dass man einen Sauerbraten nach zwei Wochen im Kühlschrank nicht mehr essen kann, auch dann nicht, wenn seine Mutter ihn gemacht hat

30 Mal einen Orgasmus vorgetäuscht (aber nur, um ihn nicht zu verletzen)

Neun Mal großzügig darüber hinweggesehen, dass er den Jahrestag Ihrer ersten Begegnung vergessen hat und fast gar nicht deswegen geheult

Zehn Mal Weihnachtsgeschenke für seine Familie gekauft und nichts gesagt, als seine Angehörigen wortreich seinen tollen Geschmack und seine Großzügigkeit bewundert haben

520 Mal Sex gehabt – statistisch. Unter uns: in Wirklichkeit waren es bloß 380 Mal – aber das weiß nur Ihre beste Freundin

Sechshundert Mal seine Unterwäsche gewaschen und dabei überlegt, ob Sie dafür eigentlich Ihr Einser-Diplom gemacht haben

3400 Mal die nassen Handtücher vom Boden aufgehoben, die er hat liegen lassen, und sich gefragt, ob das als mildernder Umstand für ein Tötungsdelikt geltend gemacht werden kann

50 Mal erlebt, wie er im Restaurant großzügig 29,70 Euro auf 30 aufrundete

Fünfzehn Mal einen Tag länger auf Reisen gewesen als geplant, weil er behauptete, eine prima Abkürzung zu kennen

Ihm 520 Mal erklärt, dass Sie mittwochs und nicht donnerstags ihre Gymnastikstunde haben

Ihm 3615 Mal dabei zugeschaut, wie er versucht, durch seine Ohren hindurch mit seinem Zeigefinger eine Gehirnoperation ohne Narkose durchzuführen

1654 Mal schon drei Sekunden vorher gewusst, dass er gleich »schaun mer mal!« sagt

Ihm 70 Mal erklärt, dass es seine Ex war und nicht Sie, die auf Kniekehlen-Kitzeln steht

30 Mal die Wiederwahltaste seines Handys bedient, heimlich die Mailbox abgehört und dabei entdeckt, dass er hinter Ihrem Rücken ein Sportcoupé angezahlt hat

Sich 40 Mal einen Vortrag darüber angehört, weshalb Sie mit 60 garantiert von Tütensuppe werden leben müssen, bloß weil Sie sich jetzt neue Schuhe gekauft haben

 

So weit die ganz normalen Härten des Beziehungslebens. Und das sind nur die, die sich durch die Verwandlung des Singulars in den Plural ergeben. Allein die genügen bisweilen schon, Frauen an den Rand des Wahnsinns zu bringen. Aber leider erhalten laut eines Urteilsspruchs des Bundessozialgerichts Ehefrauen, die ihre Männer erschießen, keine Witwenrente. Und zweitens macht die Desillusionierung – das muss man fairerweise sagen – auch vor den Frauen nicht Halt. Selbst abzüglich des erfreulichen Umstandes, dass wir für unsere Umwelt grundsätzlich eine ähnlich große Bereicherung sind wie die Erfindung der Teflon-Pfanne, gibt es doch auch vereinzelt Eigenschaften,Verhaltensweisen, Marotten, die einem Mann mehr rauben können als nur die Vorstellung, dass Frauen die besseren Menschen sind. Besonders wenn ein Mann zehn Jahre lang Zeit und Gelegenheit hat, folgende Eindrücke zu sammeln. Denn in exakt 520 Wochen hat er immerhin:

Zehn Mal Freude über eine neue Krawatte geheuchelt, die er grauenhaft fand

Ihr 100 000 Mal gesagt: Nein, Schatz, du bist nicht dick!

Sich 80 Mal angehört, dass sie nichts zum Anziehen hat, obwohl ihr Kleiderschrank so groß ist, dass man darin die Bundesliga austragen könnte

Sich jedes Mal, wenn man eine zweite Flasche Bier aufmacht, anhören müssen, dass man mit dem Alkohol vorsichtig sein sollte

520 Mal ertragen, dass sie seinen Rasierer entgegen seinem ausdrücklichen Wunsch zum Enthaaren der Beine benutzt

Sich 400 Mal überlegt, wieso Frauen immer links sagen, wenn sie rechts meinen

Ihr 35 Mal aus Rücksichtnahme nicht gesagt, dass er Fenchel hasst

520 Mal Sex gehabt – statistisch. Unter uns: in Wirklichkeit waren es bloß 380 Mal – aber das erzählt er nicht mal seinem besten Freund

250 Mal nachher noch gekuschelt, obwohl er am liebsten sofort eingeschlafen wäre

50 Mal erlebt, dass sie nicht mit ihm ins Bett wollte (allerdings hat er ihr nur deshalb Avancen gemacht, weil er sicher war, dass sie ihn abweisen würde – das wird sie aber nie erfahren)

21 Spinnen getötet, weil sie sonst ausgezogen wäre

Einmal gehört: »Ich dachte, du freust dich, wenn ich deine Platten sortiere!«

Ihr 21 Mal erklärt, dass man mitnichten 150 Euro gespart hat, wenn man ein um so viel reduziertes Paar Schuhe zum Preis von nunmehr 250 Euro gekauft hat

3650 Mal hinter ihr das Licht im Badezimmer ausgemacht

Ihr 20 Mal gesagt, dass er weder vor ihren noch vor seinen Freunden »Bubu-Bär« genannt werden will

120 Mal versichert, dass er sie wahnsinnig liebt und Sharon Stone für sie stehen lassen würde (bei ihrer besten Freundin wäre er sich da nicht so sicher)

20 Mal im Brustton der Überzeugung versichert, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind, er Brustvergrößerungen für vollkommen bescheuert hält und es ihm egal ist, dass sie zehn Kilo zugenommen hat (und dabei gehofft, dass keiner seiner Freunde jemals davon erfährt)

30 Sonntagnachmittage bei ihren Eltern verbracht und ihren Vater ertragen, der ihn offenbar für einen Versager hält

Vier Doris-Dörrie-Filme mit ihr anschauen müssen

Zehn Mal beim Schuhkauf dabei gewesen

Vier Mal auf dem Sofa geschlafen, weil er zu betrunken war, wie sie fand (für was eigentlich?), und einmal eine Nacht im Hausflur verbracht (bloß weil sie herausgefunden hat, dass er sich hinter ihrem Rücken ein Sportcabrio bestellt hatte)

50 Mal aufdringlichen italienischen Kellnern im Restaurant ein Trinkgeld dafür gegeben, dass sie seine Frau betatschen – nur damit sie ihn nicht für kniebig hält

400 Mal beim Geschirrspülen assistiert, weil ihm einfach noch keine plausible Erklärung dafür eingefallen ist, wieso sie das genauso gut alleine machen könnte (wie hat das eigentlich sein Vater damals geschafft?)

Sich 50 Mal gefragt, worüber ihre Freundinnen eigentlich so lachen, wenn er ins Zimmer kommt

 

Haben wir Mitleid? Nein, natürlich nicht. Denn was die Belastungen des gemeinsamen Irrewerdens anbelangt, schenken sich Männer und Frauen gerade auf Dauer nichts. Selbst einer Liebe im Romeo-und-Julia-Format bleibt der Abstieg in die Alltags-Hölle nicht erspart. Und hätte William Shakespeare seinem Traumpaar nicht ein frühes Ende bereitet, hätte auch Romeo spätestens nach vier Jahren zu Julia gesagt: »Wenn du Frühstück im Bett willst, dann schlaf doch in der Küche!« So ruppig geht es eben manchmal zu, wenn man über einen längeren Zeitraum Tisch, Bett, Badewanne, Kleiderschrank, Monatszyklus und Kühlschrank teilt. Die Dinge, die Perspektiven und auch die Menschen ändern sich. Und kein noch so großes Gefühl kann verhindern, dass aus einer großen Romanze, aus reiner Magie, purem Sternenflimmern ein bisweilen ziemlich kleinliches Gezeter und banales Hick-hack wird. Nicht zu vergessen die Abgründe, die man lieber nicht gesehen hätte. Und wenn Arthur Miller schreibt: »Die meisten Ehen sind Verschwörungen, das Dunkel zu leugnen und das Licht zu bestätigen«, dann irrt er leider. Die meisten Paare scheinen nämlich vor allem hart daran zu arbeiten, noch das letzte gnädige Dunkel mit Scheinwerfern auszuleuchten, damit einem wirklich keine Niederung entgeht. Beim anderen – versteht sich.

Das Schlimme am Immer

Sie müssen tapfer sein. Nicht nur jetzt, sondern für alle Zeit, die Sie gedenken mit Ihrem Fisch zu verbringen. Sie werden Dinge sehen, die Sie lieber nicht gesehen hätten. Und wir meinen damit nicht bloß sein bakteriologisches Forschungslabor, das er »Sportsachen« nennt. Besonders bei Männern liegt nämlich zwischen Sein und Schein manchmal ein Abgrund, der größer ist als der Andreasgraben. Und so kann es im wahrsten Sinne des Wortes ganz schön ent-täuschend sein, festzustellen, dass Männer nicht immer bloß mutig, klug, offensiv und souverän sind, sondern natürlich auch feige, egozentrisch, kriecherisch, dumm und autoritätshörig. Schwer zu ertragen, besonders wenn es sich um den eigenen handelt und der sich als Muttersöhnchen entpuppt, das regelmäßig auf die durchsichtigen Erpressungsversuche seiner Mama – »Du brauchst mich nicht zu besuchen, ich werde die Kommode schon irgendwie allein aus dem Keller holen« – hereinfällt. Oder wenn der Liebste, als echter Erfolgsmensch an den Beziehungsstart getreten, auf einmal arbeitslos wird und nun eher kläglich wirkt; Männer, die ihrem Chef ganz schamlos Sie-wissen-schon-wohin kriechen; Kerle, die einem ständig die ganze Welt erklären müssen, aber bei »Wer wird Millionär?« die Frage »Was ist eine Calzone?« mit: »Eine Kopfbedeckung!« beantworten. Man fragt sich: Wenn die Kerle so gut wissen, wo es langgeht, wieso nehmen sie dann immer die falsche Lebensabzweigung?

Irgendwann fühlt sich jede Frau wie in dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Plötzlich erkennt man, was man vorher nicht erkannte. Nichts mehr da von all der Pracht, der Herrlichkeit. Der Mann steht nackt und von jeglicher Illusion entblößt da, wirkt klein, mickrig, bedauernswert, mitleiderregend. Das muss man aushalten können. Und auch, dass es kein Entrinnen gibt. Denn jeder Mann wird nach ein paar gemeinsamen Jahren eine Zumutung. Weil er morgens so lange das Bad blockiert, dass wir in der Zeit nicht nur »Krieg und Frieden« lesen, sondern auch schreiben könnten. Weil er sich in den Zähnen popelt. Weil er über Witze lacht, für die man zur Strafe streng genommen drei Jahre lang 24 Stunden am Tag Sabine Christiansen gucken müsste.

Aber: Langlebige Beziehungen basieren nun mal auf Zermürbung und der Unterdrückung von Mordlust. Ebenso wie auf dem Umstand, dass wo zwei zusammenkommen, keiner mehr ganz hundertprozentig das tun kann, was er täte, wäre er völlig allein. Ständig müssen Lösungen gefunden werden, andauernd ist Anpassung gefragt und irgendwann fühlt man sich, als sei man Hauptdarsteller in einem einzigen lauwarmen Kompromiss. Das ist umso frustrierender, als man dafür längst nicht das bekommt, was man sich vom Fisch gemeinhin verspricht. Er rettet einen nämlich entgegen anderslautenden Gerüchten nicht. Nicht vor den Mühen des Broterwerbs, nicht davor, den Bus zu verpassen, nicht vorm Älterwerden und auch nicht vor der zickigen Kollegin. Glücklich machen müssen wir uns immer noch selbst. Daran führt kein Fisch vorbei. Wir dachten, das sollten Sie wissen, falls Sie es nicht ohnehin schon erlebt haben, wie sich ein schnittiger Lachs in eine tiefe Frustration verwandelt. Es ist ganz so, wie der Schriftsteller Ethan Hawke meint: »Tatsächlich ist jede Ehe harte Arbeit. Man liebt leidenschaftlich, verabscheut sich, findet sich lächerlich, ist sich scheißegal oder kann sich nicht erinnern, was man je aneinander fand. Ein Teil deiner Individualität stirbt, auch Ideen von Freiheit. Eine echte Ehe ist eine ewige Häutung.« Die viel Verdruss, aber eben auch ein paar herrliche Perspektiven bietet.

Das Gute am Länger

Man kann sich natürlich darauf verlassen, dass der Mann im Schnitt eine weitaus geringere Lebenserwartung hat als wir und sich die meisten Probleme mit den Kerlen also früher oder später von selbst erledigen. Für vielversprechender halten wir jedoch die Methode, schon zu Lebzeiten des Fisches etwas für das gemeinsame Glück zu tun. Und das beginnt mit einer einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung, also etwas, das jeder Frau vertraut sein sollte. Wer weiß schließlich besser als wir, dass wir für ein sündhaft teures Designer-Kleid leider auf ein paar Urlaubstage verzichten müssen; dass ein leckeres Stück Käsekuchen bedauerlicherweise viel zu viele Kalorien hat und wir deshalb eine Extrastunde Sport zur Folge hat. Entsprechend kostet uns auch ein Mann auf Dauer, nämlich Nerven, manchmal Tränen, bringt oft Ernüchterung, viel Langeweile und einiges an Erkenntnissen, auf die wir gern verzichtet hätten. Trotzdem: Auch wenn es mancher Anglerin so vorkommt, trägt ein Mann doch noch mehr zum gemeinsamen Leben bei als die Umwandlung von Sauerstoff in Kohlendioxyd.

Man kann mit ihm über – fast – alles reden. Man muss Silvester nicht mehr zugucken, wie sich andere Pärchen küssen. Wenn Mama anruft, fragt sie nicht mehr, ob es da »endlich« jemanden gibt. Man hat jemanden, dem man für all die Dinge die Schuld geben kann, für die die Regierung nun wirklich nicht zuständig ist. Man braucht nicht in der Wanne zu schlafen, bloß weil eine Spinne über dem Bett hängt. Doppel-zimmer im Hotel, Zweiertische im Restaurant und Tretboote wirken nicht ganz so unbelebt mit einem Mann darin. Man kann ihn jederzeit anrufen, damit er einen von der Kneipe, vom Bahnhof oder vom Flughafen abholt. Nirgendwo ist es so heimelig wie in seinen Armen, und wenn es gut läuft, dann hat man täglich Kaffee am Bett, jemanden, der die fiese Kollegin für eine Schlampe hält, der einem beim Fernsehen die Füße massiert, der einen an die Hand nimmt, wenn es im Kino gruselig wird, der findet, dass einem die paar Kilo mehr ganz phantastisch stehen und der einem die tolle, aber leider sündteure Tasche schenkt, die man schon seit Wochen im Auge hat und sich dabei jeden Hinweis darauf verkneift, dass es die etwa 30ste ist. Und wenn es ganz bombig läuft, dann ist so eine Dauerbeziehung gleichzeitig eine profane, auf gegenseitiger Nützlichkeit basierendeVerbindung, in der man die jeweiligen Fähigkeiten ganz schamlos dazu benutzen kann, das eigene Leben zu bereichern; das aufregende, überraschende und auch riskante Lustprinzip, mit der wir zu zweit nochmal eine Menge unbesorgte, aber auch egozentrische Kindlichkeit ausleben können, und schließlich die erwachsene Beziehung, die an das Wohl des anderen denkt.

Freund, Partner, Konkurrent, Förderer, Nutznießer, total Fremder und absolut Vertrauter, Sexobjekt und bequemes Lebensmöbel. Der Fisch kann auf Dauer alles auf einmal sein, manchmal eins nach dem anderen, vor allem eine Chance auf das ganz große Glück, die wir nicht ausschlagen sollten, bloß weil es manchmal schwierig ist. Das ist das Alleinsein auch und entsprechend sollten Sie immer bedenken: In der Zeit, die Sie damit verbringen, sich darüber zu ärgern, dass Ihr Mann sein Bierglas schon wieder ohne Untersetzer auf den Tisch stellt, sitzt irgendwo ein Single daheim vor dem Fernseher und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass genau diese Glasränder sein Leben bereicherten.

Keine Sorge, wir wollen Ihnen hier nicht erzählen, dass man Männern alles durchgehen lassen sollte. Wir wollen nur dafür plädieren, die Relativitätstheorie auch in die Beziehung einzuführen, weil vieles ganz anders, viel besser und vor allem weniger aufreibend wirkt, wenn man einmal die Perspektive wechselt, besonders die auf den Fisch und das Leben mit ihm. Sie werden jetzt sicher denken: »Was! Jetzt auch noch die Beziehungsarbeit! Genügt es nicht, dass ich seine Hemden bügele?« Nein, so ist das natürlich nicht gemeint. Im Gegenteil. Sie sollen sich entspannen. Etwa von dem Stress, aus Ihrer Beziehung den großen Sat-1-TV-Roman zu machen, davon zu träumen, dass sie wie eine Art emotionales Breitbandantibiotikum Wunden heilt, Krisen neutralisiert und sich überhaupt wie Balsam auf das gesamte Leben legt.

Das Leben mit einem Fisch mag vielleicht nicht so großartig, glamourös und allzeit voller Leidenschaft, Hingabe, Fürsorglichkeit und all den anderen netten Dingen sein, die man sich gemeinhin davon verspricht. Aber so paradox Ihnen das jetzt noch vorkommen mag: Das ist gerade das Tolle daran. Oder wie eine 67-Jährige, die seit drei Monaten Witwe war, bei einer Umfrage der Zeitschrift »Woman« zum Thema »Woran erkennt man die große Liebe?« über die ihre zu Protokoll gab: »Er war nett, höflich und er hat mir immer zugehört.«

Klingt etwas anders, als man sich das vorstellt. Banaler, unspektakulärer – nach Spaßbremse und emotionaler Nullrunde. Aber es ist so viel mehr, als die meisten in ihrem gemeinsamen Leben erreichen. Vielleicht weil sie zu viel wollen, den anderen und damit auch sich selbst in seiner Normalgröße nicht ertragen können und es nicht aushalten, sich manchmal auch zu hassen, sich zu fragen, warum man damals nicht Karl-Heinz aus der Buchhaltung geheiratet hat. Aber auch das gehört dazu, wenn es gut laufen soll. Dann ist das Leben mit einem Fisch die vollkommene Unvollkommenheit – also etwas ganz Besonderes und gleichzeitig etwas ziemlich Naheliegendes. So wie der Fisch an Ihrer Seite.

Kapitel 2Der Fisch im Nest

Die erste gemeinsame Wohnung stellt den Härtetest für jede Beziehung dar. Findet die Anglerin. Denn selbstredend lebt der Fisch in für sie unzumutbaren Verhältnissen – aus einer kulturell höheren Perspektive, also der weiblichen betrachtet. Seine 3000 Bierdeckel? Die sind auch im Keller bestens aufgehoben, und dann die drei Töpfe, mit denen er sein kulinarisches Leben fristet – indiskutabel. Ins Schlafzimmer gehören mindestens eine hübsche Spitzen-Tagesdecke und ihre Teddy-Sammlung. Und wenn er glaubt, sie begnüge sich mit seinem alten Sofa, dann hat er sich geschnitten. Wie ein Dübel spreizt sich die Anglerin in den neuen vier Wänden und glaubt, sie habe an alles gedacht. Dabei ist die wichtigste Seinsfrage: Wie schafft man es, trotz gemeinsamer Wohnung zusammenzubleiben?

Leben mit Beilage

Es ist so weit. Sie wollen es wagen, sich gemeinsam eine Wohnung zu teilen. Herrlich, Ihre Zahnbürste wird wieder wissen, wo sie hingehört, und Sie haben das Objekt der Begierde, Ihren Liebsten, zu jeder Tages- und Nachtzeit griffbereit.Vorbei die Zeiten, in denen das, was man gerade wirklich am nötigsten braucht, Tampons oder der schöne schwarze Push-Up, der Nagellackentferner und die frische Unterwäsche, der angelesene Krimi und der Epilady, leider immer in der falschen Wohnung lagen. Es wird kein Pendeln mehr geben, keine Hetzjagden heim an den eigenen Kleiderschrank, keine doppelte Miete mehr, keine doppelten Einkäufe, doppelten Telefonrechungen oder doppelten Umlagen. Sie werden nie mehr wie ein Vagabund mit Rucksack oder Reisetäschchen durch die Stadt ziehen. Stattdessen eine gemeinsame Adresse. Hurra! Welch wunderbare Aussichten. Ganz zu schweigen von dem emotionalen Benefit. Schließlich ist der Wille, fortan unter einer Postanschrift zu residieren, ein ganz klares Statement dafür, dass Sie und er zusammengehören und gewillt sind, das auch nach außen zu zeigen.

So ist, was früher die Verlobung war, heute das Zusammenziehen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein ziemlich großes Entgegenkommen für einen Fisch. Denn der, das weiß die Anglerin aus Erfahrung, gründelt am liebsten im eigenen Sud und gibt nur ungern eines jener Privilegien auf, das er bislang als Hauptmieter einer eigenen Wohnung genoss: Töpfe in der Spüle so lange stehen zu lassen, bis man darin eine neue Lebensform züchten könnte; die Klobrille nicht hochzuklappen; dabei zuzuschauen, wie die Bücher im Regal so einstauben, dass sie aussehen, als würden sie kleine niedliche Pelzmützchen tragen, und dabei ganz genüsslich Wurst essen, die zwar schon seit einer Woche abgelaufen ist, aber noch prima aussieht, ohne dass gleich jemand den Notarzt alarmiert.

Umgekehrt hat natürlich auch die Anglerin einiges, was sie vermutlich vermissen wird: Abende, die sie mit mindestens fünf verschiedenen Kosmetikprodukten auf dem Gesicht und einem Großraumzelt, das mal eine Jogginghose war, auf der Couch verbringt; das Glück, drei Stunden das Telefon blockieren zu können, ohne einen Mann im Nacken, der ausgerechnet dann seine Mutter anrufen will; ungeniertes Ausbreiten der Neuanschaffungen, ohne vorher heimlich die Preisschilder zu entfernen.

Egal, was man in Zukunft tut – in einer gemeinsamen Wohnung wird meistens einer zugucken. Seine Zahnbürste wird neben der eigenen stehen; der Kühlschrank wird wie ein Getränkeabhollager aussehen, und ihreYoghurts, Salate und Quarkschachteln werden den etwa 1 Million Kalorien in Form von Salami, Schinken oder Leberkäse Platz machen, die er mindestens braucht, um wenigstens drei Tage lang sein Überleben zu sichern. Kurz: Es gibt 1001 Gründe, sich darauf zu freuen, mit dem Fisch in einem gemeinsamen Aquarium heimisch zu werden. Allerdings auch einen, der Sache weniger euphorisch als gefasst ins Auge zu sehen: Die Frage, welches Aquarium, respektive welche Wohnung es denn eigentlich sein soll. Seine? Ihre? Eine ganz neue? Oder vielleicht die niedliche Einliegerwohnung im Haus seiner Eltern?

Nehmen wir Bernd und Sybille. Bernds Wohnung ist, bei nüchterner Betrachtung, ganz eindeutig die schönere. Altbau, Flügeltüren und ein hübscher Balkon zur Südseite. Da kann Sybille mit ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in einem spießigen Mehrfamilienhaus kaum mithalten. Deshalb ist für Bernd völlig klar, wo zusammengewohnt wird. Bei ihm natürlich. Wäre doch zu blöd, seine schöne und noch dazu relativ günstige Wohnung aufzugeben, um im Halbdunkel von Sybilles Souterrain-Butze dahinzuvegetieren. Klingt logisch. Ist es aber nicht. Schließlich hat Bernd in seiner so adretten und schicken Altbaubleibe vor Sybille schon vier Jahre lang mit Jasmin gewohnt. Und das stört Sybille. »Aber Jasmin ist doch weg«, sieht es Bernd pragmatisch und kann Sybilles Einwand nicht verstehen. »Wir haben zwei Wohnungen, brauchen nur eine und meine ist die schönere. Also wo ist das Problem?« Sybille zögert. Jasmin ist zwar weg, aber dass sie mal da war, kann Bernds Wohnung nicht verleugnen. Die Indizien sind allgegenwärtig. Jasmin hat die Wohnung eingerichtet und fast jedes Möbelstück, jede Tüllgardine flüstert ihren Namen. Ein blödes Gefühl. »Aber der Kram gefällt dir doch, du hast doch schon am Anfang gesagt, meine Wohnung wäre so hübsch«, versteht Bernd die Vorbehalte nicht. Dass es darum nicht geht, will Bernd einfach nicht kapieren. Er findet Sybilles Gezicke nervig und die Aussicht, die Wohnung wechseln zu müssen, stressig. Erstens müsste er dann putzen und endgültig klären, ob das, was seit zehn Jahren hinter seinem Kühlschrank liegt, mal gelebt hat. Und zweitens hält er seine Argumente für überaus logisch. Sybille hingegen findet ihren zauberhaften wundervollen Bernd auf einmal gar nicht mehr so zauberhaft und wunderbar. Wie kann dieser Mann nur so unsensibel und uneinsichtig sein?

Das Problem mit den emotionalen Altlasten ist weit verbreitet. Ausgenommen, Fisch und Anglerin ziehen direkt von Mutti in eine gemeinsame Wohnung (was auch so seine Tücken hat – etwa wenn man ihm erst mal schonend beibringen muss, dass das selbstreinigende Haus leider noch nicht erfunden ist). Haben aber beide bereits mit anderen Partnern zusammengewohnt, bleibt ein ungutes Gefühl. Wer weiß schon, welche Erinnerungen er mit seinem Wohnzimmerteppich verbindet? Woran sie gerade denkt, wenn sie so versonnen auf den Küchentisch blickt? Schwierig, solche Erinnerungen und vor allem die Befürchtung zu entsorgen, dass in allem noch der Geist der Vorgänger lebt (von diversen Körpersäften ganz zu schweigen).

Dabei sind Männer allerdings weniger empfindlich. Den meisten müsste man schon eine detailgetreue Plastik des besten Stücks ihres Vorgängers auf den Kaminsims stellen, um so etwas wie einen Abwehrreflex hervorzurufen. Egal, wer im Bettchen ihrer Liebsten schon geschlafen hat, jetzt sind Sie es, und das ist es, was zählt. Frauen tun sich da schwerer. Bettwäsche, in denen sich eine Jasmin, Kerstin oder Hannah schon geräkelt hat, macht ihnen den unbefangenen Sex nicht gerade leichter. Was tun?

Ideal wäre natürlich, sich eine ganz neue, sozusagen jungfräuliche Wohnung zu nehmen. Allerdings wissen wir selbst aus Erfahrung, dass das in den Städten nicht leicht ist und ein Mietvertrag, der schon einige Jahre währt, den Vorteil hat, dass die Miete meistens günstiger ist als bei einem Neuanfang. Nachteil: Meist muss man auf einen gemeinsamen Mietvertrag, also auch den schriftlichen Nachweis einer gleichberechtigten Mietpartnerschaft verzichten, weil eine Vertragsänderung eine so genannte Änderungskündigung voraussetzt. Das birgt erstens die Gefahr, dass der Vermieter daheim schon mal eine Flasche Champagner köpft, weil er schon lange vorhatte, Ihren Liebsten auf die Straße zu setzen, aber leider nicht an dem zehnjährigen Mietvertrag vorbeikam. Zweitens besteht die Möglichkeit, dass er die Miete – und zwar empfindlich – heraufsetzt. Das hat auch Sybille eingesehen. Nicht aber, dass bei Bernd alles so bleibt, wie es ist.

Wie so oft heißt auch beim Zusammenziehen das Zauberwort: Kompromiss. Weg mit dem Bett, in dem Bernd schon … Sybille will eigentlich gar nicht daran denken. Dafür darf Bernd seine alte Ledercouch – vorläufig – behalten. In diesem Stil geht es durch die ganze Wohnung. Nach der Devise: Behalte du deinen Fernsehsessel, dafür bringe ich meinen Couchtisch; wir nehmen deinen Schrank, aber meine Teppiche. Und Vorsicht bei anfänglicher Großzügigkeit. Eines muss klar sein: Beiden ist nicht zuzumuten, mit Gegenständen zu leben, die auf Dauer von Magentee abhängig machen. Es bringt wenig zu denken: »Gut, soll er doch dieses grässliche Regal behalten, irgendwann bringe ich ihn schon dazu, es wegzuschmeißen.« So was funktioniert fast nie. Was einmal steht, steht. Und bleibt. Hartnäckig. »Irgendwann« wird meist zu »nie«. Denn natürlich fragt er sich zu Recht, weshalb sie Tante Gerdas Wandteppich, den sie ihrem Liebling Weihnachten vor 14 Jahren geschenkt hat, oder den senffarbenen Clubsessel, den er Mutti verdankt, am Anfang gut fand und jetzt nicht mehr. Und er wird Widerstand leisten.

Gleiches Recht für beide – auch wenn es schwer fällt. Wir wissen zwar, was passiert, wenn man einem Mann in einem Möbelladen freie Auswahl gewährt: Er kommt mit einem Fernsehsessel für 5000 Euro nach Hause, der aussieht wie das Papa-Mobil, eine integrierte Hi-Fi-Anlage besitzt und selbsttätig Bierdosen öffnet. Trotzdem: Wenn Sie einen kompletten Einbauschrank von der Größe eines Flugzeughangars für Ihre Schuhsammlung brauchen, dann darf auch er Platz für seine Kakteenzucht beanspruchen. Sein Harley-Poster hat dieselbe Daseinsberechtigung wie Ihr Keith-Hearing-Druck. Das ist leider so. Jemandem sein ästhetisches Empfinden madig zu machen, indem man ihm deutlich vermittelt, dass man das auch als Brechmittel anbieten könnte, ist erstens nicht nett und führt zweitens frühzeitig zu beziehungstechnischer Unterkühlung. Natürlich sieht er nicht ein, weshalb sie für sich in Anspruch nimmt, einzig gültiger Maßstab fürs schönere Wohnen zu sein. Auch wenn die männlichen Ansprüche da oft ziemlich übersichtlich sind und sich im Prinzip seit der Einrichtung seines Jugendzimmers von 1978 nicht wesentlich verändert haben – reißen Sie nicht alle Einrichtungsgewalt eigenmächtig an sich. Sie wären auch nicht erfreut, wenn Sie abends nach Hause kommen und sich fragen müssen, ob das eigentlich noch Ihre Wohnung ist oder schon die von Brigitte von Boch.

Empfindlichkeiten

Im Spiel »Wer darf welche Möbel behalten?« punktet oft derjenige, in dessen Wohnung das gemeinsame Leben stattfinden wird. Wenn eine Schrankwand seit 13 Jahren so steht, dann ist es schwer, sie zu verrücken. Nicht nur, weil man sich ein bisschen vor dem fürchtet, was dahinter zum Vorschein kommt. Auch der Aufwand schreckt ab – »und sie passt halt nur in diese Ecke«.

Oft wird dieser »Heimvorteil« auch auf Detail-Fragen ausgedehnt. »Hör mal, Hase, den Tisch darf man nur feucht wischen, die Stereoanlage ist ein bisschen kompliziert, die bediene nur ich, die Bücher sind alphabetisch geordnet und bitte, der Brieföffner muss immer nach Osten zeigen … .« Schnell fühlt man sich in einem solchen Fall wie ein Gast mit eingeschränktem Nutzungsrecht und ist froh, wenn man abends mal ohne Erlaubnis die Fernbedienung halten darf. Es ist schwer, sich ohne eigene Befugnisse heimisch zu fühlen. Das sollten Sie im Überschwang des Ereignisses »Zusammenziehen« immer bedenken. Und selbst auf die Gefahr hin, als Erbsenzähler zu gelten: Bestehen Sie auch im Kleinen auf Gegenständen, die Ihnen wirklich wichtig sind. Was nicht bedeutet, dass man um jeden Kochtopf kämpfen muss. Ein Toaster kann genügen.

Bei Dingen, die Ihnen nicht so wichtig sind, können Sie ruhig großherzig sein. Kaum ein Paar braucht 30