FAAR - Das versinkende Königreich: Am Seelenbrunnen (Band 3) - Christian Günther - E-Book

FAAR - Das versinkende Königreich: Am Seelenbrunnen (Band 3) E-Book

Christian Günther

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Beschreibung

Sechs magische Kreise, gemacht aus dem Blut der Könige. Auf der Suche nach Rettung für Gor gibt es nur ein Ziel: Den Seelenbrunnen. Hier muss Harmis sich Prüfungen stellen und unerwartete Entscheidungen treffen, die ganz Faar in den Abgrund reißen könnten - oder die Rettung für das Königreich bedeuten. Derweil bringt Alix den alten Kartografen Cormar nach Alaris zurück. Sie finden eine veränderte Stadt vor, der Wachsende Wald bedroht die uralten Mauern, die Bruderschaft regiert mit eiserner Hand. Unter der Stadt tobt der Kampf gegen die Meermenschen, die immer zahlreicher in die Höhlen vordringen. Hyron schließ sich dem Kampf von Juun und den Verstoßenen an, um die Heimat zu retten, aus der sie verbannt wurden. Bereits erschienen: FAAR 1: Die Aschestadt FAAR 2: Blinde Wächter FAAR - Herr der Wälder (Novelle)

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Seitenzahl: 381




FAARDas versinkende Königreich

Am Seelenbrunnen

© 2019 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein

Lektorat und Korrektorat: Andre Piotrowski

Umschlaggestaltung: Atelier Tag Einswww.tag-eins.de

 

ISBN – 978-3-95869-378-4

 

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar

 

v1 19

 

Was bisher geschah

Ich bin Harmis Frost, Lehrling des Kartografen Cormar von Alaris. Aufregende Wochen liegen hinter mir, gezeichnet von Feuer, Schmerz und Blut.

Ich will berichten, was hinter mir liegt, man vergebe mir die Leidenschaft für das mynganische Epos, die meine Schilderungen vielleicht etwas blumig erscheinen lässt. Dabei ist das Erlebte alles andere als farbenfroh und erbaulich.

Im herbstlichen Alaris, unserer stolzen Hauptstadt, deren Glanz längst verblasst ist und deren Verfall das Land schmerzt wie ein hohler Zahn, traf ich die rätselhafte Alix, hinter der so Grausames lag, dass ihr Gedächtnis sich weigerte, diese Ereignisse preiszugeben.

Wir, das sind mein langjähriger Freund und Begleiter Gor – ein Seelenkrieger – sowie meine Wenigkeit, halfen ihr dabei, wieder zu Kräften zu kommen. Gleichzeitig forschten wir nach den Dingen, die ihre Vergangenheit verborgen hielt, und kamen so den Drahtziehern einer grausigen Mordserie auf die Spur, die seit Wochen Alaris in Atem hielt. Letztendlich fand sich die Wurzel allen Übels im Rat der Bruderschaft, die über das Wohl und Wehe des Reiches von Faar bestimmt. Eine Kreatur der Meermenschen hatte sich eingeschlichen und plante, die Stadt und ihre Bewohner zu verwandeln, auf dass ihresgleichen fortan die Herrschaft übernehmen konnten. Wir vereitelten den Plan, unterstützt von tapferen Söldnern, und konnten Alaris auf diese Weise vorerst retten. Das dramatische Geschehen blieb den meisten Bewohnern der Hauptstadt verborgen, nur die zu Hunderten den Fluss hinabtreibenden toten Meermenschen erregten einiges an Aufsehen.

Alsdann trennte sich unser Weg von dem der Söldner. Jene zogen gen Kath, an die Küste, auf der Suche nach einem Heilmittel für das Leiden, das Alix nach wie vor beherrschte (ich will es hier nicht weiter beschreiben, womöglich zöge jemand, dem diese Notizen in die Hände fallen, die falschen Schlüsse).

Alix, Gor und meine Wenigkeit wandten uns gen Osten und machten uns auf zum Weltenbruch, wo mein Ziehvater Cormar zuletzt gesehen wurde. Einerseits trieb uns die Suche nach ihm dorthin, andererseits konnten wir nicht länger in der Hauptstadt bleiben, da insbesondere Gor den Zorn der Bruderschaft auf sich gezogen hatte, sodass unsere Abreise eher eine Flucht war.

Am Weltenbruch besuchten wir die Festung Venera und das Dorf zu ihren Füßen, wo sich Abenteurer und Schatzsucher versammeln, um ihr Glück in den Tiefen der Wälder zu finden, die sich am Fuß der Klippen des Bruchs erstrecken und zahllose unbekannte Reichtümer beherbergen sollen. Vertreter der Bruderschaft waren uns gefolgt, angeführt vom verräterischen Friius, und zwangen uns abermals zur Flucht, wobei sich weitere Trennungen ergaben.

Mich führte der Weg gemeinsam mit einem Knappen namens Gresa, dessen Paladin uns zuvor geholfen hatte, in die Tiefe des Waldes, zu den Ruinen der roten Türme. Es gelang uns tatsächlich, Cormar aufzuspüren, aber für ein freudiges Wiedersehen blieb uns nicht viel Zeit, wenngleich ich unendlich erleichtert war, ihn wohlauf zu wissen.

Eilig mussten wir in die Ruinen schleichen, um dort unvorstellbare Machenschaften von abtrünnigen Priestern der Bruderschaft zu verhindern. Ohne Gor wäre das niemals gelungen. Nachdem ich in Gefangenschaft geraten war, erreichte er uns und bekämpfte das riesenhafte Untier, das von einem abtrünnigen Orden der Priesterschaft dort herangezüchtet worden war. Unglücklicherweise raubte dieser Kampf meinem Freund all die verbliebenen Seelen, die er noch in sich trug. Er scheint tot zu sein und ich will, gegen alle Verzweiflung, die mich tagein, tagaus begleitet, meinen Freund retten auf die einzige Weise, die möglich scheint: am Seelenbrunnen.

So sind wir nun seit etlichen Tagen unterwegs. Die Landschaft wird zunehmend karg, die Wege steiler und unsicherer. Allein die Hoffnung ist es, die mich vorantreibt.

1 – Harmis

Zwei Hunde.

Ein Pferd.

Zwei Männer.

Einer lag auf dem Rücken des Pferdes, der andere schleppte sich, auf einen grob zurechtgeschnitzten Stab gestützt, daneben her.

Harmis fragte sich, was für einen seltsamen Eindruck ihre Gruppe wohl auf Fremde machen würde, sollten ihnen welche begegnen – was aber nicht geschah. Ihr Weg führte hinauf ins Gebirge, durch karges, grasbewachsenes Hügelland, auf dem nur vereinzelte Haine mit Obstbäumen gediehen. Die Früchte der Bäume waren klein und bitter, aber Harmis war froh über diese Ergänzung seiner knappen Vorräte.

Die Hunde jagten regelmäßig, erbeuteten auch den einen oder anderen Hasen, aber in den vergangenen Tagen war ihnen das Jagdglück nicht zugetan gewesen und sie hatten hungern müssen. Lediglich Gras von den Wiesen hatten sie gekaut vor lauter Verzweiflung. Noch verbarg ihr zottiges Fell es, doch Harmis konnte erkennen, dass sie hager geworden waren. Sicher sah er selbst nicht besser aus.

Sein Bein schmerzte. Die Verletzung, die er bei den Kämpfen an den roten Türmen davongetragen hatte, war noch nicht ganz verheilt. Er hatte auch keine Zeit gehabt, das Bein zu schonen. Gors Zustand hatte ihn zum schnellen Aufbruch getrieben. Die Reise zum Seelenbrunnen war nicht aufzuschieben, schon weil Harmis den Anblick seines leblosen Freundes nicht mehr lange ertragen konnte. Die Hoffnung auf Rettung für Gor verlieh Harmis ungeahnte Entschlossenheit und presste Kraft aus jeder Faser seines ausgemergelten Körpers.

Sie verließen die Ebene, der Weg wurde steiler und wand sich eine Bergflanke hinauf. Auf halber Höhe betraten sie einen Hohlweg. An den Seiten befanden sich hohe Wände aus moosüberwachsenen Felsen, die sich oben nach innen wölbten. Zu einer anderen Jahreszeit wäre die ganze Schlucht überschwemmt gewesen, ein rauschender Bach, der ins Tal stürzte. Zurzeit war der Bach jedoch zu einem Rinnsal geschrumpft, das in der Mitte des Hohlwegs entlangplätscherte. Das Vorankommen war mühsam, loser Schotter rutschte unter den Füßen weg. Auch der Hengst hatte Mühe – würde er stürzen, sich ein Bein verletzen, wäre alles verloren, die Reise umsonst und Gor nicht mehr zu retten. Harmis fragte sich, woher er die Hoffnung nahm, dass die Mönche ihm seinen Freund wiedergeben konnten. Er vertraute auf Cormars Worte, mehr nicht. Und wäre Gor danach wieder derselbe wie zuvor? Die Seelen, die er in sich beherbergte, schimmerten immer mal wieder auf sein Wesen durch, manchmal war er impulsiv und leidenschaftlich, zu anderer Zeit lakonisch und rational. Aber vielleicht bildete Harmis sich das nur ein, schließlich war auch jeder andere gewöhnliche Mensch Launen unterworfen.

Es gab nur einen Ort, an dem er Antworten auf seine Fragen finden konnte – den Seelenbrunnen.

Harmis vermisste die anderen und er hatte Angst vor der Einsamkeit, sollte Gor für immer gegangen sein. Selbst wenn der Seelenkrieger nicht in der Nähe war – das Wissen um ihn verschaffte Harmis ein behagliches Gefühl. Er wusste, dass der mächtige Krieger ihm immer zur Seite stand.

Nicht immer hatte er das zu würdigen gewusst – eine Zeit lang hatte es sich regelrecht bedrohlich angefühlt, stets die Präsenz des Mannes der tausend Seelen bei sich zu spüren. Als werde er bewacht von einer riesigen, unnachgiebigen Amme, die eine schwere Kriegsaxt bei sich trug. Harmis war oft aus dem Haus des Kartografen ausgerissen, um in den zwielichtigen Gassen der südlichen Viertel umherzustreifen. Er hatte Freunde gefunden, die im Schafmarktviertel zu Hause waren, ihn einführten in die schummrige Welt von Kneipen, Alkohol und Huren. Mehr als einmal hatte ihn Gor wutentbrannt wieder eingesammelt, wenn er im Schlamm der Straße lag, mit blutiger Nase, das Haar verklebt in einer Pfütze erbrochenen Weins. Es waren schon Gerüchte laut geworden, Harmis wäre ein vergessener Adliger, der unerkannt in der Stadt lebte und deshalb von seinem Leibwächter so genau bewacht würde. Ein König in irgendeinem fernen Land würde dem Riesen sonst den Kopf abreißen lassen, wenn seinem Sohn etwas geschähe. Natürlich war an dieser Geschichte nichts dran und mit der Zeit änderte auch Gor sich. Er wurde gelassener, führte sich nicht mehr wie ein gestrenger Vater auf, sondern ließ ihn gewähren.

Der zweifelhafte Glanz der Amüsierläden verlor seine Wirkung auf Harmis mit der Zeit, irgendwann zog er die behaglichen Räume von Cormars Bibliothek den stinkenden Kaschemmen aus dem Gassenviertel vor. Nur das Schwarzblatt, das hatte ihn in seinem Griff behalten. Schon bei dem Gedanken daran, dass er jetzt nichts davon bei sich trug, trat Harmis der Schweiß auf die Stirn. Unruhig tastete er alle Taschen danach ab, ob nicht doch noch irgendwo ein Päckchen zu finden sei. Natürlich hatte er diese Kontrolle schon etliche Male durchgeführt, aber er traute seinen eigenen Sinnen nicht mehr. Erinnerte er sich richtig? Hatte er sein Schwarzblattpaket an Ravaan weitergereicht, mit der Anweisung, es ihm auf keinen Fall zurückzugeben? Hatte Ravaan sich daran gehalten? Harmis seufzte. Was nutzte es, Ravaan war weit weg, zusammen mit den anderen auf dem Weg nach Alaris. Harmis beneidete sie, wäre auch gern zurückgekehrt in seine Heimat. Wobei – es bestand ohnehin keine Möglichkeit für ihn, sein vorheriges Leben einfach so fortzusetzen. Die Bruderschaft suchte nach ihm, Gors Gemetzel und die anschließende Flucht hatten Harmis zu einem Verbrecher gemacht. Er schluckte. Konnte er jemals zurückgehen? Wehmütig erinnerte er sich an die behagliche Zeit im Haus des Kartografen, von Usinde umsorgt. War das alles vorbei? Vielleicht konnten sie eine neue Heimat finden, wenn die Bruderschaft nicht mehr an der Macht wäre. Aber wann sollte das sein? Und wahrscheinlich wäre dieser Ort nicht Alaris.

Stier nach vorne blickend, wanderte Harmis weiter, die Zügel des schnaubenden Pferdes in der Hand, auf dessen Rücken er den leblosen Gor verzurrt hatte. Es war Harmis kaum möglich, den massigen Körper allein auf das Pferd zu hieven, aber er hatte sich eine komplizierte Konstruktion mit Seilen ausgedacht, eine Art Flaschenzug, die diese Schwierigkeit bewältigen half. Schließlich konnte er den Körper seines Freundes nicht ganze Nächte lang gefesselt auf dem Rücken des Pferdes lassen.

Froh war er, neben der kraftvollen, klaglosen Präsenz des riesigen Pferdes, darüber, dass Lotox und Ferro bei ihm waren. Sie bewachten ihn Tag und Nacht, schenkten ihm Trost und Wärme. Auch ihnen fehlte Gor, natürlich, schließlich war er ihr Herr. Immer wieder verschwanden sie unterwegs zwischen Felsen oder im spärlichen Unterholz, wenn sie eines der kleinen Waldstücke durchquerten, aber Harmis wusste, dass sie zurückkehren würden. Von Zeit zu Zeit brachten sie ihm sogar Beute von ihren Streifzügen mit, so manchen Hasen hatten sie schon zu seinen Vorräten beigetragen, anstatt ihn selbst zu verzehren. Als spürten sie, dass er auf ihre Hilfe angewiesen war.

Diese Unterstützung war auch bitter nötig. Es war schwer, sich auf dieser Reise, in dieser kargen Gegend, selbst zu versorgen. Nur weniges wuchs am Wegesrand und auf dem Pfad zum Seelenbrunnen empfingen einen keine Gasthäuser. Wasser fand sich zur Genüge, aber das stillte seinen Hunger nicht. Wenn er sein Abbild in der Oberfläche einer Pfütze betrachtete, starrte ihm eine ausgezehrte Version seiner selbst entgegen, staubverkrustet und blass. Erschöpft ließ er sich nieder, wo es ihm in den Sinn kam.

Die Nacht erzählte ihm immer wieder die gleiche Geschichte.

Vögel hockten auf einem trockenen Ast, der Baum war morsch und tot. Harmis spürte seine Füße nicht mehr, hörte nur das Knirschen von Sand unter seinen Stiefeln. Es schien nicht zu ihm zu gehören, er fühlte sich fremd, wie ein Zerstörer in dieser Welt. Ihm war kalt. Langsam legte er seine Kleidung ab, betrachtete seine Haut. Sie war blass, grau, erinnerte ihn an seinen Freund, den Seelenkrieger. Bedächtig strich er sich über die Unterarme, Beine, Knie. Alles fühlte sich kalt an, er spürte seine Berührungen kaum. Er ging in die Hocke und legte seine Hände auf den Fels unter sich. Die Wärme des Steins drang wie ein fernes Echo in seine Handflächen. Harmis spürte, dass es zu Ende ging. Er richtete sich auf, schritt auf einen flachen Hügel, der von aufgebrochenen Steinplatten bedeckt war. Auch hier sah er erste Gräser und Moos aus den Spalten wachsen. Das gab ihm Hoffnung. Lange stand er dort oben, ließ den Wind wehen, der schon bald kein Schaudern mehr auf seine nackte Haut warf. Spürte den Gedanken nach, die immer langsamer wurden, zu Fragmenten. Erinnerte sich an das, was ihn hierhergebracht hatte.

Die Verfolgung von Nakara, der Kampf im Ascheviertel.

Wie Gor das Untier an den roten Türmen bezwang.

Er war so unendlich müde. Seine Arme und Beine ließen sich nicht mehr bewegen, der Atem ging flach und gleichmäßig. Wurde langsam schwächer. Ein Brennen in der Lunge, als sei sie mit Sand gefüllt.

Einer der Vögel erhob sich von seinem Platz auf dem Ast und landete auf seiner Schulter. Harmis wollte ihn verscheuchen, aber sein Arm versagte ihm den Dienst. Er war erstarrt, eine steinerne Statue, aus der ganz langsam der letzte Atem und der letzte Gedanke wichen.

Der Vogel breitete die Flügel aus und erhob sich in die Luft, stieg hoch auf in den Himmel, glitt auf den Winden fort aus der steinernen Öde, suchte sich eine Welt, in der Leben war.

Die Statue blieb zurück und wurde eins mit dem Boden.

Alles war Stein.

Harmis schreckte hoch. Nur ein Traum! Der Traum, mochte er fast sagen, schließlich suchten ihn die gleichen Bilder in jeder Nacht heim. Verwirrt sah er sich um, wusste nicht mehr, ob der Weg der richtige war.

Hatten sie sich verirrt? War der Hohlweg eine falsche Abzweigung gewesen? Nebelschwaden zogen über die Felsen hinweg, hüllten sie ein. Sie mussten weiter nach oben, das war der einzige Anhaltspunkt. Auf seinen Stab gestützt, die gefühllose steinerne Hand mit den Zügeln des Schlachtrosses umwickelt, stieg Harmis weiter durch das weiße Nichts voran. In seinem Inneren wechselte sich die Überzeugung, das Richtige zu tun, mit dem Gedanken ab, dass es die dümmste Idee seines Lebens war, den Seelenbrunnen zu suchen.So verschwand die Gruppe in den Nebeln an der Flanke des Gebirges.

Zwei Hunde.

Ein Pferd.

Zwei Männer.

2 – Alix

Alaris, die stolze Hauptstadt des Reiches Faar, wirkte abweisend und düster. Sie war die Mutter, deren Kinder sich um sie gruppierten. Das düstere Kath und das fast vergessene Kyra an der Küste, das aufblühende Ra’al nahe dem Goldenen See. Doch diese Mutter war krank in diesen Tagen. Von den Wachtürmen klirrten Hellebarden und Rüstungen, viel zu viele Soldaten besetzten Wehrgänge, Tore und Türme. Weshalb hat man so viele Posten aufgestellt?, fragte Alix sich. Nur wenige Wagen passierten das östliche Tor, dem sich auch die von der Reise erschöpfte Gruppe näherte. Ihnen allen steckten die Erlebnisse an den roten Türmen in den Gliedern, noch dazu hatten sie einen langen Fußmarsch hinter sich. Deshalb schlurften sie die meiste Zeit schweigend die Straße entlang.

Alix, die brütend in Sorge um Harmis und Gor vergraben war, mit dem ständigen Gefühl im Nacken, dass der blinde Wächter sie genau beobachtete und jeden ihrer Schritte argwöhnisch verfolgte. Als sie ihre verborgenen Fähigkeiten kennengelernt hatte, mit den Vögeln eins zu werden, ihre Wege zu lenken und mit ihren Augen zu sehen, hatte sie das als eine große Ehre empfunden, für sie als Vogelhändlerin sozusagen die Erfüllung eines unbewussten Traums. Aber die Begegnung mit dem Wächter von Venera hatte dieses Glück in eisigen Schrecken verwandelt, der sich einfach nicht mehr abschütteln ließ. Alix merkte selbst, wie sie sich veränderte, ungeduldig, gereizt und unnahbar wurde. Sie war ungerecht zu allen um sie herum, konnte sich kaum auf die profanen Pflichten auf einer solchen Reise wie die Suche nach einem Schlafplatz oder die Zubereitung von Proviant konzentrieren. Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie sich einfach irgendwo am Straßenrand in die Büsche geschlagen, wenn sie zu müde war, um weiterzulaufen. Und ansonsten wäre sie einfach weitergegangen, immer weiter, nur weg von dem verfluchten Ort, an dem der Wächter darauf wartete, sie in seine finsteren Pläne einzuspinnen. Aber wahrscheinlich wäre sie dann irgendwann entkräftet zusammengebrochen und ein leichtes Opfer für vorbeikommende Straßenräuber geworden.

Deshalb konnte sie sich über ihre Begleiter glücklich schätzen: Cormar, den Kartografen aus Alaris und Ziehvater von Harmis; Gresa, den jungen Knappen des ehemaligen Paladins Fermalis; und Ravaan, den Akolythen der Bruderschaft, den sie auf dem Hinweg am Rande des Wachsenden Waldes aufgelesen hatten.

Schon seltsam, wenn sie bedachte, dass sie mit völlig anderen Begleitern zu dieser Reise aufgebrochen war. Aber Harmis und Gor waren nun unterwegs in die südlichen Gebirge, um den Seelenkrieger wieder ins Leben zurückzuholen. Sie schluckte trocken, holte ihre Trinkflasche hervor. Dank Cormar hatten sie sich mit den nötigsten Utensilien ausstatten können, die sie für die Reise brauchten. Er war tatsächlich bekannter, als sie gedacht hätte, und konnte den einen oder anderen Gefallen einlösen, den ihm jemand schulden mochte. Für alles Weitere trug er einen Beutel mit Münzen bei sich, sodass sie mit ausreichend Verpflegung versorgt waren.

Die beiden Jungen, Gresa und Ravaan, waren etwa im gleichen Alter und schienen sich recht schnell miteinander angefreundet zu haben. Immerhin teilten sie ein ähnliches Schicksal, waren entwurzelt und zogen mit seltsamen Gestalten durch das Land, statt in einem Stadthaus das Schreiben zu erlernen oder einem Bauern auf dem Feld zu helfen.

Ravaan hatte seine Zeit als Akolyth offenbar hinter sich gelassen. Er hatte mit den Plänen, ein Priester zu werden, abgeschlossen und machte keine Anstalten, in den Schoß der Bruderschaft zurückzukehren.

Gresa litt unter dem Verlust seines Freundes Fermalis. Er und der verstoßene Paladin hatten ein ungleiches Gespann gebildet, sie hatte unübersehbar eine tiefe Freundschaft verbunden. Gemeinsame Erlebnisse, über die Gresa nicht sprechen wollte, hatten sie zusammengeschmiedet. Alix erinnerte sich gut an den Paladin, der ihr die Flucht aus Venera erst ermöglicht, sich aber selbst dabei geopfert hatte. Warum hatte er das getan? Sie war versucht, den Worten des blinden Wächters Glauben zu schenken und sich als eine Art Auserwählte zu sehen, wobei ihr das gar nicht behagte. Dennoch hatte der Paladin so gehandelt, obwohl er sie nur kurz gekannt hatte. Womöglich hatte aber sein Edelmut gar nicht ihr gegolten, vielmehr hatte er sich gegen den blinden Wächter und die Bruderschaft stellen wollen, die ihn einst verstieß.

Seit Alaris in Sichtweite war, schien sich das Schweigen noch verstärkt zu haben, die Stille hatte sich wie ein schweres Tuch über sie gelegt. Was würde sie dort erwarten? Nervös gingen sie dem großen Tor entgegen.

Schwarze Hauswände beherbergten tausend Schatten, die Giebel neigten sich weit in die Straße hinein. In tiefen Pfützen stand braunes Wasser. Ein schwacher Wind regte sich, blies welkes Laub an den Mauern entlang, das sich in Ecken sammelte. Moos überzog das Gestein der Stadt an vielen Stellen, besetzte Ritzen und Spalten. Alix konnte sich nicht erinnern, dass Alaris so modrig gerochen hatte, als sie fortgegangen waren. Die klirrende Kälte, die zu jenem Zeitpunkt in der Luft gelegen hatte, war einer lauen Wärme gewichen, die den Geruch von Fäulnis mit sich trug. Das Beklemmendste jedoch war, dass die Straßen nahezu menschenleer waren. Nur vereinzelt huschten Passanten durch die Gassen, brachten eilig ihre Besorgungen nach Hause, um sich gleich wieder dort zu verbarrikadieren, als würde ein Schneesturm oder Hagelschauer in den Straßen wüten. Doch dort lag nur Stille. Schritte hallten gespenstisch wider, wenn jemand über das Pflaster lief, selbst die Vögel, sonst allgegenwärtig in der Stadt, hatten den Himmel verlassen, nur einzelne Tiere zogen ihre Kreise.

Cormar marschierte voran. Die Schritte des alten Mannes wurden entschlossener, seit sie das Stadttor passiert hatten, als gebe ihm die Stadt neue Kraft oder als treibe ihn die Sorge darum an, was aus ihr geworden war. Alix konnte es nicht genau sagen, aber die Veränderung von Alaris war nicht zu übersehen, sie war sowohl an ihren Mauern und Häusern abzulesen als auch an den Gesichtern der Menschen, die allesamt grau und blass wirkten, als sei das Leben aus ihnen gewichen. Was war hier geschehen?

Eine Abordnung der Bruderschaft näherte sich aus einer Seitenstraße und überquerte die Kreuzung. Sie alle trugen Masken, solcher Art, wie Alix sie noch nie bei den Priestern gesehen hatte. Schon immer schmückten sie sich mit Ketten, Ringen und Stirnreifen aus Gold, bestickten selbst ihre blutroten Roben mit dem verbotenen Metall, aber dass sie ihre Gesichter hinter seinem Glanz verbargen, war neu.

Ohne zur Seite zu blicken, wie eine stumme Prozession, schritten sie an ihnen vorüber. Der Letzte von ihnen schwenkte ein goldenes Behältnis, aus dem unentwegt gelber Rauch hervorquoll und die Straße in seinen blassen Schimmer hüllte. Hinter dem Nebelschleier tauchten die Paladine und Priester in die nächste Nebenstraße ein, ihre Schritte und der Klang ihrer Rüstungen verhallten.

Alix atmete auf. Sie fühlte sich verfolgt, seit sie die Stadtmauer passiert hatten. Zumindest war es schlimmer geworden. Eigentlich hatte sie keine Ruhe mehr gefunden, seit sie dem blinden Wächter entkommen war, der sie zu einer der Ihren machen wollte. Er verfolgte sie, hatte ihr bereits mit einem Trugbild des toten Fermalis bewiesen, dass er sie finden konnte, wenn er wollte. Sie hoffte, dass sie inzwischen weit genug von seinem Einflussbereich entfernt waren – doch hier in Alaris traf sie auf die Bruderschaft. Die war nicht minder gefährlich. Immerhin hatte Alix zuletzt Hals über Kopf aus der Hauptstadt fliehen müssen, gemeinsam mit Gor, der zuvor ein Gemetzel angerichtet hatte. Zumindest konnte Friius, der Paladin, dessen Gefolgsleute Opfer des Seelenkriegers geworden waren, ihr nicht mehr gefährlich werden, schließlich hatte Gor ihn bei den roten Türmen ebenfalls besiegt.

Schweigend ging die Gruppe weiter, Alix führte sie durch die Gassen von Ostfeld. Ungewöhnlich hohes Gras wuchs zu ihrer Rechten am Fuß der Häuser. Sie fragte sich, was sie wohl bei Cormars Haus erwarten würde. Ein Seitenblick auf den alten Kartografen verriet ihr, dass auch er von Sorge erfüllt war. Was, wenn die Bruderschaft sein Haus niedergebrannt hatte? Wobei, es wäre Irrsinn, ein Haus inmitten der Stadt anzuzünden. Es half nichts, gleich wären sie schlauer. Schon kam die Schlucht in Sicht, an deren Grund der Lem floss. Alix konnte im Dunst die Felswand der Waldinsel erkennen und erinnerte sich, wie sie dort auf den wackeligen Gerüsten herumgeklettert war. Sie schauderte bei dem Gedanken daran.

Am Beginn der Krämerbrücke, auf der Cormars Haus lag, war nichts von verheerenden Bränden zu erkennen.

»Wir sollten vorsichtig sein«, sagte Alix.

»Ich könnte vorausgehen und gucken, ob die Luft rein ist«, bot Ravaan an. »Ihr müsst mir nur sagen, welches Haus wir suchen.«

Cormar nickte bedächtig. »Das erscheint mir das Klügste. Dich kennt hier niemand.« Knapp erklärte er dem Jungen, welches der Häuser seines war.

»Ich komme mit«, beschloss Gresa. So betraten die beiden Jungen die Brücke und verschwanden zwischen den Häusern. Alix blieb mit dem alten Mann zurück, sie verließen die Straße und verbargen sich zwischen zwei Gebäuden.

Seufzend ließ Cormar sich auf eine Holzkiste fallen und rieb sich die Kniegelenke. »Die Zeit der langen Wanderungen ist für mich wohl wirklich vorbei«, sagte er.

Alix lehnte mit verschränkten Armen an der Hauswand und spähte in die Straße hinaus. »Umso besser, dass wir die beiden dabeihaben«, sagte sie, ohne sich zu Cormar umzudrehen.

»Ja. Wenn es an einer Sache nicht mangelt hier in Faar, dann sind es entwurzelte Kinder, die ohne Eltern oder Geschwister leben müssen.«

Nach einer Pause fragte Alix: »So wie Harmis?« Sie wandte sich zu dem alten Mann um.

Der schluckte schwer, schien mit den Tränen zu kämpfen.

»Ich glaube, er hat es ganz gut erwischt.« Er rieb sich die Augen. »Ich hoffe, er schafft es. Wir hätten ihn nicht allein gehen lassen dürfen.«

»Das ist nicht mehr zu ändern«, entgegnete Alix schnell, wandte sich dann wieder der Straße zu. Erleichtert sah sie, dass Ravaan und Gresa zurückkehrten. Sie machte sich bemerkbar und die beiden kamen auf sie zu.

»Und?«, fragte sie.

Ravaan breitete die Hände aus. »Niemand da. Keine Wachen, keine Bewohner.«

Cormar erhob sich umständlich von der Kiste. »Werten wir das mal als gutes Zeichen.« Ungeduldig schob er die anderen aus der Gasse.

Kurz darauf war ihm klar, dass das vermeintlich gute Zeichen keines gewesen war. Mit feuchten Augen stand er im Keller seines Hauses, blickte in die Regale und Fächer, in denen er seine Sammlung untergebracht hatte. Sein Lebenswerk, zusammengetragen in endlosen Jahren, aufgeschrieben in mühevoller Kleinarbeit.

Die Regale waren leer.

Jemand hatte das Archiv des Kartografen ausgeräumt, sehr gründlich und vollständig. Nur einzelne Büchlein, Blätter und Karten lagen wie zum Hohn auf den Regalen, dazu ein paar Mitbringsel, seltsame Schädel, alte Laternen, ein zerbeultes Fernrohr. Ansonsten war nur Staub geblieben.

Die Tür zu der kleinen Kammer, in der Cormars wertvollste Stücke lagerten und die über einen Ausgang zu den Katakomben von Alaris verfügte, sah unbeschädigt aus und war nach wie vor verschlossen. Cormar nestelte einen alten Schlüssel hervor, den er offenbar die ganze Zeit bei sich getragen hatte, und öffnete mit zitternden Händen die Tür.

Der Ausgang zur Unterwelt war geschlossen, die Polsterbank daneben unberührt. Die Fächer über dem kleinen Schreibplatz jedoch waren ebenso leer wie das übrige Archiv. Ausgeräumt, gründlich und vollständig.

Cormar ließ sich auf die Bank fallen, sein Blick ging ins Leere. Alix suchte nach einem Trost für den alten Mann, aber ihr fiel keiner ein. Erst als sie auf der Treppe nach oben war, kam ihr ein Einfall. Sie mussten Usinde finden. Und Azaan einen Besuch abstatten, vielleicht wusste das Ratsmitglied mehr über den Verbleib von Cormars Schatz. Alix konnte sich nicht vorstellen, dass die Bücher vernichtet worden waren oder man sie einfach in die Schlucht geworfen hatte. Dazu waren sie einfach zu wertvoll. Irgendwo würde sich die Sammlung finden lassen. Froh über diese neuen Aufgaben, eilte sie in das Wohnzimmer, wo die Jungen die Vorräte aus der Küche erkundeten.

Jemand klopfte an die Tür.

3 – Hyron

Was ist mit ihm?« Der Junge in zerlumpten Kleidern zeigte mit dem Finger auf Syuk. In der anderen Hand hielt er eine Wurzel, von der er immer wieder abbiss. Gelbe Flüssigkeit rann ihm über das Kinn, die er mit dem Ärmel seiner vor Dreck starrenden Jacke abwischte. Syuk stand am Rand der Straße, das Gesicht abgewandt von den anderen, den Kopf unter einer Kapuze verborgen.

Hyron trat zu dem Jungen und legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Lass ihn.« Er zwinkerte ihm verschwörerisch zu. »Der hat sie nicht alle.« Das schien, entgegen Hyrons Plan, das Interesse des Burschen nur zu vergrößern.

»Was stimmt denn mit ihm nicht?«

»Hat einen Schlag auf den Kopf gekriegt.« Hyron wurde ungeduldig. Jetzt sah er die Gruppe, zu der der Junge offenbar gehörte, sich ihnen nähern. Ein heruntergekommener Wagen mit dutzendfach geflickter Plane, dazu etwa eine Handvoll Gestalten, Männer, Frauen und Kinder.

Der Junge machte einige Schritte auf Syuk zu, da stellte Selia sich ihm in den Weg. »Geh nicht näher ran. Es sei denn, du bist dumm.«

Wieder biss er von seiner Wurzel ab, musterte das Mädchen und schien zu überlegen. »Und was soll passieren?«

»Dem Letzten, der ihn genervt hat, hat er zwei Finger abgebissen.« Selia erzählte dies mit einer solchen Ruhe, dass der Junge einen Schritt zurück machte. »Er war Arenakämpfer in Kath. Hat reihenweise Menschen getötet. Dann bekam er einen Schlag auf den Kopf. Jetzt ist er so klug wie ein Salat, aber immer noch sehr gefährlich.«

»Wir müssen jetzt weiter«, warf Hyron ein. »Los, Junge, verschwinde!« Er wollte von der Straße weg sein, bevor die ganze Gruppe sie umringte und den Meermenschen neugierig beäugte. Schon lief der Bursche los, um von seiner Entdeckung zu berichten. »Besser, wir sehen zu, dass wir weiterkommen«, sagte Hyron. Sie schlugen einen schmalen Pfad ein, der von der Straße in den Wald führte. Einen Moment lang fürchtete Hyron, ihr Stolz würde Jelveedi davon abhalten, sich vor ein paar zerfledderten Siedlern zu verkriechen, aber sie folgte ihnen, ohne zu zögern. Die Vernunft in ihr war stärker geworden, schloss Hyron.

Schweigend folgten sie Syuk zwischen den Bäumen hindurch, wischten Äste beiseite, sprangen über Gräben und Bäche, überquerten Lichtungen, auf denen ihnen der Farn bis zu den Schultern wuchs.

»So werden wir ewig brauchen«, klagte Selia, als sie im Schatten am Rande einer der Lichtungen nach Blaubeeren suchten. »Ist das überhaupt noch die richtige Richtung? Gibt es keine anderen Wege nach Alaris? Wo uns nicht ständig neugierige Händler und Reisende begegnen?«

Syuk hatte sich die improvisierte Maske vom Gesicht gezogen und streifte die Kapuze ab. Er goss sich Wasser aus seiner Trinkflasche über die rissige, ausgetrocknete Haut. »Du hast recht«, sagte er. »Wir sollten uns trennen.« Er steckte seine Wasserflasche wieder weg und blickte in die Runde. »Ihr könntet euch jemanden mit einem Wagen suchen, der euch mitnimmt. Ich schlage mich durchs Unterholz.«

Hyron erwog diesen Vorschlag, als Jelveedi sich zu Wort meldete. »Nein. Wir bleiben zusammen.«

»Aber ihr wärt viel schneller.« Syuk wischte sich über das befeuchtete Gesicht. »Ich gehe nach Norden, bis ich den Lem erreiche. Dann folge ich dem Fluss, bis ich Juuns stinkende Höhlen erreiche.«

»Ganz allein?«

»Glaub mir, ich bin so lange Zeit allein durch das Land gezogen, da werde ich auch diesen Weg bewältigen.«

Hyron wunderte sich, dass sich Jelveedi so um Syuks Wohl sorgte. Oder war es ihr eher wichtig, ihn in seiner Eigenschaft als gefährlichen Kämpfer um sich zu wissen? Er wusste, dass seine alten Knochen nicht mehr die stärksten waren, nichtsdestotrotz traf ihn ein Stich der Eifersucht. Was war er doch für ein Narr! »Wahrscheinlich ist das gar keine schlechte Idee«, hörte Hyron sich sagen.

»Findest du?«, fragte Jelveedi.

»Ich passe schon auf euch auf.« Fast gleichzeitig gaben Jelveedi und Selia ein Schnauben von sich, woraufhin sie in Gelächter ausbrachen. Selbst Syuk zeigte seine spitzen Zähne in einem breiten Grinsen. Schnell sprang Jelveedi zu Hyron und hauchte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen.

»Beleidigt, großer Söldnerhauptmann?«

»Keine Ahnung, welchen Grund es gibt, so gute Laune zu haben«, murmelte er, dann erwiderte ihr schiefes Grinsen. Es erstaunte ihn immer wieder, wie gut die Frau aus Myngai ihn durchschaute. »Auch ich lasse einen Freund nur ungern allein. Aber Syuk hat recht, so werden wir schneller und sicherer vorankommen.«

Syuk nickte. »Geht in diese Richtung.« Er deutete in den Wald hinein. »Dann kommt ihr zurück zur Hauptstraße. Sorgt dafür, dass Alix ihre Medizin bekommt, sonst war alles umsonst.«

»Nicht ganz«, sagte Hyron und deutete mit einer knappen Handbewegung auf Jelveedi und Selia. Einen Moment später hatte Syuk Hyron umarmt, den Frauen zugewunken und war im Unterholz verschwunden. Die Maske ließ er auf einem Baumstamm zurück.

Sie arbeiteten sich in der von Syuk angegebenen Richtung weiter durch die Bäume und schlugen abseits der Straße ein Lager auf. Hyron kam der Anblick in den Sinn, auf den er und sein Freund auf der Hinreise gestoßen waren. Von der Bruderschaft getötete Menschen, wie Jagdbeute zum Ausbluten in die Bäume gehängt. Sie verzichteten auf ein Feuer, drängten sich aneinander, um sich zu wärmen. Hyron fand keinen Schlaf in dieser Nacht, selbst als Jelveedi wieder erwacht war und die Wache übernahm. Dieser Wald hatte etwas Bedrohliches an sich, das ihn nicht losließ. Dazu kam, dass seine Gedanken nicht zur Ruhe kamen. Er dachte an Syuk, der auf dem Weg zum Lem war. Um ihn musste er sich wahrscheinlich am wenigsten Sorgen machen, der konnte sich wehren und, noch wichtiger, war sehr gut darin, sich zu verbergen.

Er dachte an Alix, Gor und Harmis, wusste nicht, ob er sie noch in Alaris finden würde, ob Alix noch am Leben war oder sich bereits weiter verwandelt hatte. Vielleicht kam er zu spät oder das Elixier des Hohepriesters der Krabbe wirkte nicht. Wäre er nur ein wenig egoistischer, dann würde er sich Jelveedi schnappen und irgendwo anders hinziehen, vielleicht Myngai oder Lygia. Weg von der verfluchten Bruderschaft, weg vom Meer. Selia könnten sie mitnehmen, dann hätte er so etwas wie eine Familie. War es nicht das, was Männer in seinem Alter, die über etwas mehr Vernunft verfügten als ein alternder Söldner, taten? Eine Familie gründen, sich zur Ruhe setzen, Pfeife rauchend vor ihrem Haus sitzen oder gemütlich ein paar Felder bestellen?

Nun – ihm war klar, dass das kein Leben für ihn war. Und für Jelveedi schon gar nicht. Sie war nicht die Art von Frau, die man sich »schnappen« und mitnehmen konnte.

Die Dämmerung bahnte sich ihren Weg durch die Bäume, als Hyron erwachte. Er hatte das Gefühl, gerade erst eingeschlafen zu sein. Jeder Knochen im Leib tat ihm weh. Das konnte kein guter Tag werden, dachte er, als er sich murrend erhob.

Doch so schlecht begann der Tag gar nicht. Nachdem sie den Weg zurück zur Hauptstraße gefunden hatten, trafen sie auf einen Händler, dessen Wagen halb leer war und der bereit war, sie mitzunehmen. Hyron ignorierte die gierigen Blicke, mit denen er Jelveedi beäugte. Bei seiner Übermüdung würde er dem Kerl glatt den Schädel einschlagen, wenn dieser ein falsches Wort sagte. So konnten sie sich auf die Pritsche des Wagens legen und noch ein wenig Erholung finden. Und heute noch Alaris erreichen. Hyron war heilfroh, seine Füße brannten wie Feuer von der langen Wanderung. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber Jelveedis Blick ließ ihn wissen, dass ihr das nicht entgangen war.

Die Stadt schien aus allen Nähten zu platzen, als wären hier doppelt so viele Menschen wie zuvor. Die Lager der Flüchtlinge südlich der Mauern hatten sich erstaunlich schnell ausgebreitet, der Farnwald hatte Hunderte Stämme eingebüßt. Viele Menschen kampierten bereits am Rand des Waldes, hatten ihre provisorischen Behausungen direkt zwischen den Bäumen errichtet. Die Stadt selbst bot ebenfalls ein verändertes Bild. Hyron dachte zunächst an eine Täuschung des Lichts, kniff die Augen zusammen. Über allem lag ein grünlicher Schimmer; viele Dächer und Mauern waren von grünem Bewuchs überzogen, die Schindeln moosbedeckt.

Der Staub und Schmutz von der Reise, der Hyron und seine Begleiterinnen bedeckte, ließ sie mit der heruntergekommenen Menge verschmelzen, die sich zwischen den Zelten und Hütten drängte. Händler versuchten fluchend, sich einen Weg durch die Menschen zu bahnen, vereinzelte Trupps von Bruderschaftssoldaten mühten sich, die Straße frei zu machen, was jedoch hoffnungslos war. Hyron wunderte sich, dass die roten Gewänder der Bruderschaftler nur als seltene Farbtupfer im Gewühl auftauchten. Hatte man die Stadt abgeschottet, überließ man die Flüchtlinge vor den Mauern sich selbst? Je näher sie dem Westtor kamen, das mitsamt seinen Türmen drohend über den Behausungen thronte, desto mehr Verkaufsstände säumten den Straßenrand. Händler priesen ihre Waren an, wobei Hyron sich fragte, ob die Leute, die hier Unterschlupf suchten, lohnende Kundschaft darstellten. Der improvisierte Markt zog sich bis in den Schatten der Stadtmauer und führte auch hindurch. Das Tor war tatsächlich nicht bewacht, die mächtigen Flügel standen offen und die Menschen gingen unbehelligt ein und aus. Von den überdachten Wehrgängen hoch über dem Tor blickten ein paar gelangweilte Stadtwachen hinab, aber niemand schien sich darum zu scheren, wer die Stadtgrenze passierte.

»Das ist merkwürdig«, murmelte Hyron und teilte Jelveedi seine Beobachtung mit.

»Glaubst du, sie haben die Südviertel aufgegeben? Wegen der großen Zahl von Flüchtlingen, die von der Küste herkommen?«

»Gerade jetzt müssten sie doch die Mauern bewachen. Immerhin flüchten die Leute vor den Meermenschen. Ich weiß nicht, wie weit die schon ins Landesinnere vorgedrungen sind, aber offene Stadttore halte ich für eine ganz schlechte Idee.«

»Vielleicht hätten wir Syuk doch nicht allein losziehen lassen sollen.«

»Um den mach dir mal keine Sorgen, der kommt zurecht.«

4 – Harmis

Eine Mauer, so hoch wie fünf Mann, türmte sich am Ende des Weges auf. Harmis hatte das Gefühl, aus einem Traum, einem Dämmerzustand zu erwachen, als er vor dem gewaltigen Bauwerk ankam. Längst waren er, Gor, das Pferd und die Hunde von einer grauen Schicht überzogen, die sie für andere nahezu unsichtbar durch die Klüfte und über die Wege des Gebirges wandern ließ. Er fühlte sich unangenehm an die Erlebnisse im Ascheviertel von Alaris erinnert, wenn er die grauen Schlieren an den Händen sah, nachdem er sich über den Umhang gestrichen hatte. Dennoch erschienen ihm Alaris und seine Schrecken wie das Echo einer weit entfernten Welt, wie eine verschwommene Erinnerung, nicht wirklicher als die ganzen Geschichten, die er aus Büchern und Erzählungen kannte. Seine Beine schmerzten, keinen Schritt wollten sie weitergehen. Aber er konnte auch nicht still stehen, Unruhe trieb ihn dazu, an der Mauer auf und ab zu laufen. Er fürchtete, setzte er sich jetzt hin, stünde er nie wieder auf. Die Wand ragte ungleichmäßig in die Höhe, ihre Oberfläche rau und grob behauen, große Felsbrocken zeichneten sich ab. Bald begriff Harmis, dass man hier keineswegs eine Mauer in die Höhe gezogen, sondern eine künstliche Stufe in den Fels geschlagen hatte, die den Anschein eines Schutzwalls erweckte. Bei genauerem Hinsehen erkannte er auch einzelne Fresken im Gestein, grobe Gesichter und Figuren, die von den Arbeitern mal mehr, mal weniger geschickt und filigran in die Wand eingearbeitet worden waren.

Der breite Weg, der auch einem Karren ermöglicht hätte hierherzukommen, endete abrupt, aber es gab kein Portal, kein Tor, einfach nur die Wand, wie eine Treppenstufe für Giganten. Sie zog sich bis zu den Felsen, die an beiden Seiten den Vorplatz begrenzten. Etwa zweihundert Schritt waren zu überblicken, dann verlor sie sich in den Schatten. Die Hunde schienen überrascht von dem plötzlichen Hindernis, rannten an der Barriere bellend hin und her, ähnlich wie Harmis. Er beschloss, die Ausmaße der Wand genauer zu untersuchen, und entschied sich für die Seite zu seiner Linken. Die Hunde begleiteten ihn, während das Pferd sich auf die Suche nach vereinzelten Grasbüscheln machte, die es aus Felsspalten hervorzupfen konnte. Harmis ging am Fuß der Wand entlang, immer wieder betastete er das Gestein, legte den Kopf in den Nacken, um an der riesigen Barriere hinaufzublicken. Es musste einfach einen Weg hinein geben. Die Hunde gaben derweil keinen Hinweis darauf, dass sie eine Fährte aufgenommen hätten, die steinige Landschaft war offenbar ebenso verlassen, wie sie erschien.

Die Mauer endete an einer schroffen Felsklippe. Harmis erwog, den unebenen Fels zu erklimmen, verwarf diese Idee aber gleich wieder. Die Felswand ragte ebenso steil empor wie die Mauer selbst und Harmis fühlte sich nicht in der Lage, sich mit bloßer Muskelkraft bis nach oben zu hangeln. Die Felsen zogen sich schließlich den Weg hinab bis ins Tal. Vielleicht gelang es ihm an anderer Stelle, hinaufzugelangen und einen Blick über die Mauer zu werfen. Derweil wanderte er zurück zum Weg, wo Gors Pferd geduldig wartete und ihn mit seinen großen, schwarzen Augen beobachtete. Auf der rechten Seite war ihm mehr Glück beschieden und er ließ alle Pläne, den Felsen zu erklettern, fallen.

Im Halbschatten, wo der Fuß der Wand und eine vorgelagerte Klippe einen schmalen Durchgang ließen, lag tatsächlich ein Eingangsportal, wie eine Scharte in die riesige Stufe geschnitten. Eine Treppe führte am Boden der Scharte nach oben. Harmis atmete auf. Von neuer Tatkraft durchdrungen, holte er das Pferd zu sich und führte es in den Einschnitt. Die Hunde rannten derweil voraus, stürmten die Stufen hinauf und verschwanden am oberen Ende der Treppe. Langsam und vorsichtig führte Harmis das Pferd mit seiner schweren Last ebenfalls die Stufen hinauf. Die Seiten der Scharte waren ebenso grob aus dem Fels gehauen wie die ganze Barriere. Oben angekommen, bot sich Harmis ein Blick über die gesamte Ausdehnung der Stufe – eine Ebene, die sich über mehrere Hundert Schritt in alle Richtungen erstreckte. In der Ferne ließ sich eine weitere Stufe ausmachen. Seitlich verlor sich die Fläche im Nebel, aber Harmis ahnte, dass das Plateau dort weiterging, eine riesige runde Ebene bildete, in deren Mitte die nächsthöhere Stufe wartete. So war es beschrieben in den Schriften. Und noch etwas stand in den Aufzeichnungen über den Seelenbrunnen, das er schon bald bestätigt sah.

Sechs magische Kreise, gefüllt mit dem Blut der Könige.

Auf den ersten Blick war auf der Fläche außer vereinzelten Geröllhaufen nichts zu sehen, nur nackter, ebener Fels, bedeckt von Kies und Sand, der unter den Stiefeln knirschte. Der Wind wehte hier oben kälter als auf dem Weg, stürmte ungebremst heran, zerrte an der Kleidung, wirbelte Staub auf. Einige Schritte von der Treppe entfernt traf Harmis tatsächlich auf das, wovon er gelesen hatte. Eine Rinne war in den Fels geschlagen, etwa einen Schritt breit, und verlief parallel zur Außengrenze des Plateaus. Sie war gefüllt mit dunkler Flüssigkeit, die Oberfläche, spiegelglatt, glänzte rot. Harmis schluckte. Es war keine Legende.

Die sechs magischen Kreise, gefüllt mit dem Blut der Könige gab es wirklich. Er blickte die Rinne entlang – welche Unmengen von Blut mussten sich darin gesammelt haben? Sofern es wirklich welches war. Schließlich enthielt das Wasser des Goldenen Sees auch kein Gold, sondern war nur durch den torfigen Boden, der sich in dem Gewässer löste, bräunlich gefärbt, weshalb es in der Sonne wie Gold schimmerte.

Harmis lauschte auf den Wind und glaubte, das Stöhnen zu hören, das ein gepeinigter König ausstieß. Auf ewig gefangen, nicht lebendig, nicht tot, blutend und leidend in endloser Qual. Harmis versuchte, sich vorzustellen, was dieser Zustand bedeuten konnte, doch es gelang ihm nicht. Er hielt nach dem König des äußeren Rings Ausschau, sah ihn aber nicht. In seiner Vorstellung hatten die Könige an riesigen Gestellen über steinernen Becken gehangen und Tropfen für Tropfen ihr Blut gegeben. Aber Geschichten waren das eine, hier zu sein, das andere. Wirklich den Schmerz der Könige zu spüren, ihr Klagen im Wind zu hören. Selbst das Pferd wurde unruhig. Die Hunde beschnupperten das Blut im Kanal, Lotox wand sich ab, Ferro tauchte seine Zunge hinein und nahm eine Kostprobe. Es schien ihm aber nicht zu schmecken.

Harmis klopfte dem Pferd aufmunternd auf den Hals, griff den Zügel und führte es über den blutgefüllten Graben hinweg. Er stemmte sich gegen die Windböen, versuchte, das Grauen zu verdrängen, und marschierte auf die nächste Stufe zu.

5 – Alix

Usinde!«, rief Alix überrascht.

Die groß gewachsene Frau, in ein schlichtes Kleid und einen dunklen Umhang gehüllt, blickte sie aus großen Augen an, in denen sich Tränen einen Weg suchten. Mit zwei Schritten war sie bei Cormar und umarmte den alten Kartografen. »Alter Narr«, schluchzte sie, »du und deine verfluchten Reisen.« Sie stieß ihn auf Armeslänge von sich und blickte an ihm auf und ab. »Was ist mit dir passiert?« Eilig wischte sie sich mit dem Ärmel über die Augen.

»Wo sind meine Bücher?«, fragte Cormar tonlos, sein Gesicht noch immer blass. Die Freude über Usindes Ankunft konnte seinen Kummer kaum lindern, wenn auch seine knorrigen Hände die ihren fest umklammert hielten.

Usinde schüttelte verzweifelt den Kopf. »Ich weiß es nicht. Jeden Tag bin ich hier vorbeigekommen, habe gehofft, dass ihr zurückgekehrt seid. Aber ich habe nie jemanden gesehen. Auch keine Leute, die den Keller ausgeräumt haben. Dahinter kann doch eigentlich nur die Bruderschaft stecken.«

»Also ich kenne nur einen, der über die Bruderschaft gut Bescheid weiß und dem ich über den Weg traue«, sagte Alix.

Alle blickten sie mit großen Augen an.

»Na, Azaan, den Rat. Sofern er das noch ist …« Ihr fragender Blick zu Usinde brachte ihr keine Erkenntnis, offenbar wusste die Haushälterin nicht, von wem Alix redete. »Wir sollten zu ihm gehen, wenn wir etwas herausfinden wollen.«

»Vielleicht …«, Cormar räusperte sich, »vielleicht war es auch jemand anders.«

»Du redest von Juun, nicht wahr?«, vermutete Alix. »Das wäre natürlich auch möglich, aber glaubst du nicht, er hätte eine Nachricht hinterlassen? Irgendetwas, um dir den Schock zu ersparen, den der Anblick der leeren Regale erzeugt hat?« Alix sah, wie Cormar schwer schluckte. Ebenjener Schock saß ihm noch schwer in den Knochen.

Dann räusperte er sich und stand auf. »Ja, ich rede von Juun. Und auch wenn er es nicht selbst war, so weiß er am ehesten, wer sich meiner Bücher bemächtigt hat!«

Usinde erschrak vor dem Zorn in Cormars Stimme. Sie trat einen Schritt zurück und wies auf die Bank am Esstisch. »Setz dich doch, lass gut sein«, versuchte sie, ihn zu beruhigen.

»Nein«, entgegnete er mit fester Stimme. »Behandle mich nicht wie einen alten Greis! Ich will meine Bücher wiederhaben, und wenn wir dafür zu Azaan gehen müssen, dann ist das eben so. Alles besser, als hier herumzusitzen.«

Kurz darauf waren sie unterwegs. Usinde hatte sich entschieden, zunächst einmal im Haus zu bleiben und dort für Ordnung zu sorgen, wie sie sagte.

»Lass sie nur machen. Es ist ihre Art, die Freude über unsere Rückkehr zum Ausdruck zu bringen«, erklärte Cormar auf dem Weg.

Gresa und Ravaan hatten die Angebote der Haushälterin, ihnen ein anständiges Mahl zu bereiten, ausgeschlagen und begleiteten Alix und Cormar. Alix überlegte, ihren Sperber herbeizurufen und mit seiner Hilfe die Gegend um Azaans Haus vorab zu erkunden. Aber sie entschied sich dagegen. Zum einen wusste sie nicht, ob sie schon wieder die Kraft hatte, das anstrengende Ritual durchzustehen, zum anderen fürchtete sie sich davor. Noch immer spürte sie die Präsenz des blinden Wächters, als würde immer wieder jemand über ihre Schulter sehen, ihr folgen, sie von ferne beobachten.

Sie rief den Vogel herbei, ließ ihn aber zunächst einfach auf ihrer Schulter sitzen.

Alix erinnerte sich gut an die Räume von Azaans Haus. Das Gebäude einen Palast zu nennen, schien ihr angemessen. Dabei war die Pracht von außen gar nicht zu erkennen, von der Straße aus wirkte es wie ein schlichtes mehrstöckiges Haus ohne besondere Eigenschaften.

»Hier wohnt ein Rat?«, fragte Ravaan denn auch, als sie die Straße erreichten.

»Lass dich nicht vom äußeren Anschein täuschen«, entgegnete Alix. »Das gilt für das Haus ebenso wie für Azaan.« Trotz ihrer entschlossenen Worte beschlich sie ein mulmiges Gefühl, als sie die anderen zum Eingang führte. Sie erinnerte sich an das letzte Mal, als sie hier gewesen war. Damals hatte sie das Gebäude durch einen versteckten Hinterausgang verlassen müssen, weil Friius, der Paladin, mit seinen Leuten hereingestürmt war. Was wäre eigentlich, wenn er jetzt …?, dachte sie einen Augenblick lang, bevor sie sich erinnerte, dass der Paladin tot war, gestorben im Kampf gegen Gor. Ehe die Erinnerungen sie übermannten, klopfte sie an die einfache Holztür.

»Ob das wirklich eine gute Idee ist …«, murmelte Cormar. Gresa und Ravaan waren still geworden und horchten erwartungsvoll.

»Kennst du Azaan?«, fragte Gresa den Kartografen.

Cormar winkte ab. »Hatte mal mit ihm zu tun. Lange her. Aber Leute wie er machen einem nur Scherereien, am besten geht man ihnen aus dem Weg.«

Bevor jemand etwas erwidern konnte, öffnete ein Diener die Tür und blickte sie ärgerlich an. »Was wollt ihr?«, fuhr er sie schroff an.

Alix nannte ihren Namen und den Cormars. Daraufhin schloss der Diener die Tür wieder, abermals warteten sie.