Beschreibung

Schatten liegt über Alaris. Die Bedrohung durch die Meermenschen ist abgewendet, doch zu welchem Preis? Immer mehr Menschen tragen das Mal des Ozeans. Die Bruderschaft greift eisern durch, verwandelt die Hauptstadt in ein Schlachthaus. Hyron und Syuk fliehen ins verkommene Kath und suchen ihre neue Freiheit zwischen Kampfgruben, alten Tempeln und vergangenen Liebschaften. Währenddessen richtet Gor ein Gemetzel an und zieht den Zorn der Bruderschaft auf sich. Alix hadert mit ihrer neu entdeckten Gabe, Harmis müht sich, dem Bann des Schwarzblattes zu entrinnen. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Cormar, dem verschwundenen Kartografen. Ihr Weg führt sie über den Weltenbruch hinaus bis an den Rand des Nirgendwo. Ins Reich der Blinden Wächter. Band 2 der FAAR-Saga.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 335

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit

Sammlungen



FAAR

DAS VERSINKENDE KÖNIGREICH

BLINDE WÄCHTER

CHRISTIAN GÜNTHER

© 2018 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein

Lektorat und Korrektorat: Andre Piotrowski

Umschlaggestaltung: Atelier Tag 1atelier.tag-eins.de

ISBN – 978-3-95869-298-5

Besuchen Sie unsere Webseite:

http://amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar

INHALT

1 – ALIX

2 – HARMIS

3 – HYRON

4 – ALIX

5 – HARMIS

6 – HYRON

7 – ALIX

8 – HYRON

9 – ALIX

10 – HYRON

11 – HARMIS

12 – HYRON

13 – HARMIS

14 – ALIX

15 – HARMIS

16 – HYRON

17 – ALIX

18 – HARMIS

19 – ALIX

20 – HARMIS

21 – HYRON

22 – HARMIS

23 – HYRON

24 – ALIX

25 – HYRON

26 – HARMIS

27 – HYRON

28 – HARMIS

29 – HYRON

30 – ALIX

31 – FAUST

1 – ALIX

Der Wüstensperber zog weite Kreise über der Stadt. Der schier undurchdringliche Aschenebel, der sonst den Blick auf Häuser und Straßen verschluckt hatte, schwebte nur noch wie ein luftiger Schleier über Alaris. Dafür hatte sich eine Schicht aus Asche auf alles darunter gelegt, die Dächer mit einer blassgrauen Schicht verborgen.

In einem Bogen umflog der Vogel den Hügel des Turmviertels, dessen namensgebende Bauwerke als einzige in der Stadt über das Grau hinausragten, ihre Gitterkuppeln umwölkt von Schwärmen aus Tauben und Spatzen. Ihre Nester lagen in den vielen Nischen an den Außenseiten der Türme, das Gestein war über und über mit den hellen Spuren ihres Kots bedeckt.

Die schnell hereinbrechende Dunkelheit trieb die Tiere nach und nach in ihre Nester zurück, auch der Sperber flog jetzt tiefer und folgte der unsichtbaren Verbindung zu seiner Herrin.

Er fand sie nicht in dem Haus, das sie seit einigen Tagen zur Nacht aufgesucht hatte, auf einer Brücke über dem Abgrund, der die Stadt in zwei Hälften teilte. Stattdessen führte ihn das Band, das seinen Instinkten den Weg wies, weit in den Westen, hinab in enge Gassen. Flatternd landete er auf einem Dachfirst, wirbelte dabei eine kleine Wolke von Asche auf. Seine Krallen wurden grau, als er über die Schindeln lief. Er hockte sich an die Dachkante und spähte hinab in die Schatten. Hier wartete er darauf, dass sie ihn zu sich rief.

Der schwarz gekleidete Mann huschte an den Häusern entlang, so schnell, dass Alix Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen. Nur wenige Lichtquellen vertrieben die Dunkelheit aus den engen Gassen, die sich mit der Dämmerung schnell zwischen den Häusern ausbreitete. Sie wich gestapelten Körben aus, sprang über die Deichsel eines herumstehenden Wagens, duckte sich hinter einen flachen Mauervorsprung. Es kam ihr vor, als poltere sie laut wie ein Betrunkener über das Pflaster, aber der andere eilte weiter und drehte sich nicht zu ihr um.

Warum hatte sie sich nur darauf eingelassen? Gor hatte sie nicht gedrängt, nicht einmal gebettelt. Nur gefragt. Sie hatte kaum gezögert, bevor sie zustimmte. Vielleicht lag es daran, dass sie es genoss, wenn ihr mal wieder jemand etwas zutraute. Harmis behandelte sie wie ein rohes Ei, seit sie sich kennengelernt hatten. Sie war sicher, dass er eigentlich ein guter Kerl war, aber aufgrund der Veränderungen, die sie durchmachte, war er so vorsichtig und fürsorglich im Umgang mit ihr, dass es ihr den letzten Nerv raubte. Geistesabwesend rieb sie die Hände aneinander, tastete nach den vernarbten Überresten der Schwimmhäute, die sie dort weggeschnitten hatte. Die Prozedur wurde jedes Mal schmerzhafter, die Häute immer empfindlicher. Als wollten sie ihr zeigen, dass diese Veränderungen nun zu ihr gehörten wie die Fingernägel oder Haare.

Der Mann blickte sich um, sein ganzes Verhalten wirkte gehetzt. Im hellen Mondlicht wirkte sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt, der Bildhauer hatte einen todernsten Ausdruck gewählt und mit angstgeweiteten Augen ausgestattet. Unwillkürlich duckte sich Alix zurück in die Schatten – sie war nicht geübt darin, jemanden unauffällig zu verfolgen. Jeder ihrer Schritte kam ihr unendlich laut vor, jede Bewegung so auffällig, als trüge sie ein Narrenkostüm. Wahrscheinlich waren ihre Nerven genauso angespannt wie die des Kerls im Umhang.

Jetzt bog er in eine schmale Gasse ein, schlängelte sich an gestapelten Kisten und Fässern vorbei. Zwischen den oberen Stockwerken waren Leinen mit Wäsche gespannt, sie zeichneten wehende Schatten in die ohnehin unübersichtliche Schneise zwischen den Häusern. Alix verlor den Mann aus den Augen. Sie räusperte sich, ging dann wie selbstverständlich durch die Gasse. Sie hoffte, unverdächtig zu wirken, fürchtete, der Fremde könnte sich irgendwo verborgen haben und auf sie warten. Sie rechnete damit, jeden Moment aus der Dunkelheit angesprungen zu werden. Sie ballte die Fäuste, spannte die Schultern an, erwartete den Angriff.

Doch nichts geschah, unbeschadet erreichte sie das Ende der Gasse. Eilig blickte sie sich um. Erstaunlich viel Betrieb herrschte hier, verschiedene Handwerker wohnten in dieser Straße und boten ihre Waren an Ständen vor den Werkstätten an. Die Türen standen offen, überall waren Feuer in Eimern und Metallschalen entzündet, um die Kälte zu vertreiben. Über der Gasse waren die Häuser mit einem Dach verbunden, das diesen Weg auch bei Regen schützte und dafür sorgte, dass die Wärme der Feuer nicht allzu schnell entwich. Die meisten Anwesenden standen in Gruppen zusammen und tranken Bier und Wein, ohne sich weiter für die Auslagen zu interessieren.

Alix drängte sich zwischen den Leuten hindurch, die sich lautstark unterhielten. Vereinzelt starrte man sie unverhohlen an, sie ignorierte die Blicke und suchte nach dem Fremden, dem sie auf den Fersen bleiben sollte. Endlich fand sie ihn wieder. Der Mann hatte den abendlichen Markt bereits durchquert und das Ende der Straße erreicht, sein Umhang wallte auf, als er um die Ecke hastete. Alix schob sich an zwei Männern vorbei, die versuchten, gemeinsam ein Lied anzustimmen, und ließ die überdachte Straße ebenfalls hinter sich.

Sie wusste nicht genau, warum Gor ausgerechnet sie gebeten hatte, diesem Kerl hinterherzulaufen. Er selbst hatte offenbar befürchtet, zu auffällig für eine solche Verfolgung zu sein, womit er durchaus recht hatte. Normalerweise hätte er Harmis gefragt, aber der hatte sich seit Tagen im Keller des Kartografen vergraben, um in den Büchern eine Heilung für ihre Krankheit zu finden. Er behauptete, nur wenn man die Ursprünge verstünde, könnte man einen Weg zur Genesung finden. Alix bezweifelte das, war aber trotzdem dankbar für seine Bemühungen. Sie hoffte, dass er bei seiner Suche Erfolg hätte, hatte aber ihre Zweifel, zumal ihr der Duft seines Schwarzblatttees nicht entgangen war, wenn sie ihn im Keller besuchte.

Hyron, den Söldneranführer, hatte Gor auch nicht um Hilfe bitten können, der hatte gemeinsam mit Syuk am Vortag Alaris verlassen. Sie waren auf dem Weg nach Kath, um dort ebenfalls nach Heilung für sie und auch für Harmis’ versteinerten Arm zu suchen. Zumindest hatten sie das behauptet. Alix war sich nicht sicher, inwieweit sie dem alternden Söldneranführer trauen konnte. Vielleicht war es ihr auch nur unangenehm, wie sehr sich alle um ihr Wohl bemühten, während sie selbst nicht viel dafür tun konnte. Die Veränderungen würden früher oder später nicht mehr zu verbergen sein, und was blieb ihr dann? Sollte sie in den Untergrund gehen, sich Juun und seinen Leuten anschließen? In kalten, feuchten Höhlen unter der Stadt herumgeistern? Unvorstellbar. Sie würde Alaris verlassen müssen. Vielleicht mit Syuk in die Sümpfe seiner Heimat gehen? Unwillig schnaubte sie bei dem Gedanken. Mühsam gelang es ihr, die Gedanken wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Die Krankheit beherrschte sie, von morgens bis abends dachte sie ständig daran, ahnte, dass ihre Tage gezählt waren. Früher oder später würde sie noch verrückt werden.

Sie rieb die kalten Hände und sehnte sich zurück zu dem überdachten Markt, den sie gerade durchquert hatte, wollte sich an einem der Feuer wärmen, vielleicht einen Gewürzwein trinken. Stattdessen schlich sie hinter diesem Fremden her, von dem sie nicht einmal wusste, warum sie ihm folgte. Gor hatte nicht viel dazu gesagt, aber das hatte sie nicht weiter überrascht. Schließlich war er immer sehr distanziert und wortkarg, insbesondere ihr gegenüber. Sie vermutete, dass es an ihrer körperlichen Veränderung lag. Die Krankheit, die veränderte nicht nur sie, sondern auch die Menschen um sie herum. Was bei Harmis übertriebene Fürsorge hervorrief, ließ den Seelenkrieger Abstand halten. Sie zog ihren viel zu dünnen Umhang enger um sich und drückte sich an einer Hauswand entlang. Warum half sie ihm überhaupt? Ihre eisigen Finger glitten über einen hölzernen Eckpfosten, sie spähte um das Haus herum. Die drei Monde standen heute sehr gut sichtbar am Himmel, die Nacht war klar und eisig kalt. Vergeblich versuchte Alix, die Luft anzuhalten, damit ihr kondensierender Atem sie nicht verriet. Aber der Mann bemerkte davon nichts, viel zu sehr war er damit beschäftigt, selbst unauffällig zu wirken. Erfolglos. Gerade lief er, während er sich nach hinten umsah, in einen dickbäuchigen Mann, der ihn unwillig angrunzte. Erschrocken machte er einen Schritt zurück, murmelte eine Entschuldigung und eilte dann in einem großen Bogen an dem Dicken vorbei. Es war eindeutig zu erkennen, dass der Kerl ebenso wenig Erfahrung in nächtlicher Heimlichtuerei hatte wie Alix. Noch dazu war er furchtbar nervös. Inzwischen blickte er sich ständig um. Ohne es zu merken, war Alix ihm zu nahe gekommen, lief plötzlich nur noch wenige Schritte hinter ihm. Wieder drehte er sich um, blickte aber an ihr vorbei. Im Licht der Monde sah sie, dass seine Augen bleich waren wie die eines Blinden. Dazu trug er Muster auf der Haut, die sie an Gor erinnerten, dessen gesamter Körper von Schriftzeichen überzogen war. Um die Augen zeichneten sich dunkle Schatten ab. Er schien Alix nicht wahrzunehmen, drehte sich wieder nach vorn.

Er lief einige Treppen hinauf und steuerte die nördliche Stadtmauer an. In Alix kam eine Vermutung auf, wohin der Mann wollte. Ein beständiger Wind trug den fauligen Geruch der Sümpfe herauf, die sich nördlich der Stadt ausbreiteten. Von der Straße aus, der sie jetzt folgten, war die Stadtmauer lediglich als Geländer zu erkennen, gerade einmal brusthoch. Aber jenseits davon stürzte der Fels fünfzig Schritt in die Tiefe und machte es den Sumpfbewohnern unmöglich, in den Gassen zwischen den Häusern ihr Unwesen zu treiben. In Türmen entlang des Sumpfrandes waren darüber hinaus Wachen postiert.

Der einzige Weg, den der Mann hier einschlagen konnte, waren die Treppen, die hinab zur Arena führten. Die wiederum war mitten im Sumpf gelegen, auf einem Felsplateau, nur erreichbar über ein Gewirr aus Stegen und Brücken.

Tatsächlich hielt der Mann auf die breiten Stufen zu, die hinabführten zu den Stegen. Das Gelände war hier sehr offen, Alix blieb im Schatten der letzten Häuserreihe zurück. Niemand sonst war zu sehen, nur die Statuen verschiedener Krieger thronten auf der Mauer und flankierten die Treppen. Banner flatterten knarrend im Wind; vom Sumpf, der die Arena umgab, wehte ein fauliger Geruch heran. Alix verharrte und wartete darauf, dass die Wachposten, die in den Türmen neben den Treppen Dienst taten, den Mann aufhielten und daran hinderten, zum Sumpf hinabzusteigen. Doch nichts tat sich, er eilte hinab, kein Wachsoldat ließ sich blicken. Alix ging an der seitlichen Balustrade in die Hocke und sah dem Mann hinterher, dessen Umhang sich wölbte, als er eilig zwei Stufen auf einmal nahm. Er bemühte sich nicht einmal mehr, unauffällig zu sein. Alix musste an seine Augen denken – war der Mann wirklich blind? Wie fand er sich dann so gut zurecht?

Er erreichte nun den Fuß der Treppen. Noch immer war kein Wachsoldat aufgetaucht. Von dem Platz dort unten führte der einzige Weg weiter über den Sumpf. Es hatte einmal eine Brücke gegeben, über die eine Straße bis zur Arena geführt hatte, die war jedoch längst zerfallen. Die hölzernen Stege verbanden das, was von den ursprünglichen steinernen Bauwerken übrig war, mit der Felseninsel, auf der die Arena thronte. Auf einem dieser Reste der einstmals breiten und stolzen Brücke wartete jemand.

Verdammt, von hier aus kann ich das Treffen der beiden nicht beobachten!, schoss es Alix durch den Kopf. Zu weit draußen stand der zweite Mann. Alix öffnete die breite Tasche, die sie sich um den Körper geschlungen hatte. Vorsichtig holte sie einige Körner hervor, machte mit der freien Hand eine Geste in der Luft und vollzog in Gedanken das Ritual, das sie selbst nicht richtig verstand. Kurz darauf, der Mann hatte fast die Mitte der Brücke erreicht, landete der rot gefiederte Wüstensperber auf Alix’ Hand, pickte die Körner auf. Er schüttelte kurz das Gefieder, breitete dann die Flügel aus und flog wieder davon.

Alix blickte sich noch einmal um, konnte jedoch niemand anderen entdecken. Sie kletterte über das Geländer und hockte sich außerhalb davon auf die Felskante, klammerte sich mit der Hand am Rand der steinernen Brüstung fest. Dann schloss sie die Augen, schüttelte die Gedanken an die Kälte, ihre Nervosität und ihre Zweifel ab. Sie hob die Hand, vollführte Gesten mit ihren Fingern, zeigte, suchte und fand, glitt hinein in den vertrauten Geist.

Sie konnte sehen, ohne die Augen zu öffnen, flog in weiten Kreisen über das dunkle Sumpfland. Ganz sanft steuerte sie den Vogel näher heran an die zwei Männer, die sich jetzt zwischen der Stadt und der Arena trafen. Das Licht der Monde leuchtete auch hier ungewöhnlich hell, überzog die ganze Szenerie mit einem geisterhaften Grau. Die Augen des Vogels waren scharf, erkannten kleinste Details. Alix brachte ihn dazu, sich auf dem Überrest eines geborstenen Pfeilers niederzulassen. Von hier hatte sie einen guten Blick auf das Treffen der Männer. Gerade stieg der Neuankömmling die letzten Stufen zur Plattform hoch, auf der ihn der andere erwartete. Beide waren sie in einen dunklen Umhang gekleidet und mit einer Kapuze gegen die Kälte geschützt.

Bei dem Mann, der auf der Ruine zwischen den Stegen gewartet hatte, zeichnete sich ein langes Schwert unter dem Umhangstoff ab. Alix bemerkte rotes Innenfutter und ebenfalls rotes Haar, das in langen Strähnen aus der Kapuze herausfiel. Jetzt erkannte sie ihn, die scharfen Sperberaugen trogen nicht: Es war Friius, Paladin der Bruderschaft vom Goldenen See. Sie hatten ihn schon bei zahlreichen Gelegenheiten gesehen, zuletzt, als er mit Faust, dem verräterischen Söldner von den Söhnen der Schande, gegen Harmis, Hyron und Gor gekämpft hatte. Sie war Zeugin, wie er Azaan bedrohte, sie wusste, dass er zum extremen Flügel der Bruderschaft gehörte.

Die beiden Männer sprachen einige Worte, die Alix mit den Ohren des Sperbers nicht verstand, dann holte der Mann, den sie die ganze Zeit schon verfolgt hatte, etwas hervor und überreichte es Friius. Durch die Augen des Sperbers erkannte Alix, dass es sich um eine Flasche handelte. Nichts weiter. Nur eine Flasche. Der Paladin ließ sie unter seinem Umhang verschwinden, dann machte er eine einladende Geste, bedeutete dem Neuankömmling, mit ihm zur Arena zu kommen. Der nickte und ging voraus, stieg die Stufen der Ruine hinab und wechselte auf den Steg, der hier mehrere Meter hoch über dem Sumpf lag. Er sah nicht, wie Friius hinter ihm eine gebogene Klinge hervorzog, den Arm hob und ihm den Dolch in den Rücken rammte. Augenblicklich sackte der Getroffene zusammen. Alix erschrak, der Vogel flatterte aufgeregt los. Der Mörder, der gerade einen zweiten Schnitt an seinem Opfer vornahm, offenbar um ganz sicherzugehen, richtete sich auf und blickte dorthin, wo eben noch der Sperber gehockt hatte. Dann wandte er sich wieder dem Toten zu, hob ihn mühelos an und beförderte ihn über das flache Geländer. Mit einem dumpfen Klatschen landete der Tote im schwarzen Wasser des Sumpfs und versank augenblicklich. Sein Mörder eilte zur Arena zurück. Alix’ Blickfeld verschwamm, sie verlor den Kontakt zum Geist des Vogels. Sie riss die eigenen Augen auf, Schwindel übermannte sie. Ihre Nägel schmerzten, als sie sich in das Geländer krallte. Ihr Kopf dröhnte, die Augen tränten. Sie wischte sie trocken, rappelte sich auf, warf einen letzten Blick in den Abgrund. An der Arena war der Mörder längst in den Schatten der mächtigen Mauern verschwunden.

Der Sperber landete auf ihrer Schulter.

2 – HARMIS

Zunächst nahm Harmis das Klopfzeichen gar nicht wahr. Erst als es heftiger wiederholt wurde, blickte er auf. Er zwinkerte, rieb sich die brennenden Augen. War er eingeschlafen? Vor ihm lagen mehrere Bücher übereinandergestapelt, ein medizinisches Nachschlagewerk obenauf. Kohlestifte und einzelne, beschriebene Blätter waren daneben verteilt. Auf dem Boden waren weitere Bücher aufgeschichtet, dazwischen Teller mit Essensresten und eine Kanne mit Tee. Seinen Becher konnte er nirgendwo entdecken. Mühsam erhob er sich, seine Glieder waren schwer, der unverkennbare Duft von Schwarzblatttee hing zwischen den Regalen. Halbherzig versuchte er, ihn fortzuwedeln. Langsam ging er zur Tür, die in Cormars kleine Kammer führte, nahm eine Lampe vom Haken und duckte sich in den Eingang. An der Rückwand des kleinen Zimmers lag die Geheimtür, der Ausgang, der direkt in die finsteren Tunnel unter Alaris führte. Es verursachte Harmis immer noch ein leichtes Schaudern, wenn er an diese Tür dachte – wer konnte schon mit Sicherheit sagen, dass Juun der Einzige war, der davon wusste? Der klopfte immerhin an, aber andere wären da womöglich nicht so vorsichtig. Es blieb zu hoffen, dass niemand, der davon erfuhr, den Wert der Bücher und Schriften zu schätzen wusste, die Cormar hier aufbewahrte. Harmis hantierte einhändig am Schloss herum, die steinerne Linke konnte ihm dabei nicht von Nutzen sein und diente nur zum Halten der Lampe. Endlich gelang es ihm, den Riegel freizulegen und die Tür zu öffnen. Mit einem Schwall kalter Luft trat der alte Mann ein und folgte Harmis in die Bibliothek, nicht ohne vorher die Tür zu schließen und den Mechanismus mit geübten Bewegungen wieder einschnappen zu lassen.

Er nannte sich König der Unterwelt, doch seine Erscheinung ließ das nur mühsam erahnen. Die Haare fielen verfilzt über seine Schultern, die Umhänge hingen zerfleddert herab, auf den Wangen die alten Narben der Zeichnung des Verstoßenen, sein linkes, blindes Auge hinter einem sorgfältig gebundenen Tuch verborgen.

»Und? Bist du vorangekommen?« Neugierig musterte Juun die Aufzeichnungen, die unordentlich auf dem Tisch verteilt lagen.

»Wobei?«

»Na mit dem, was dich seit Tagen und Wochen hier unten hält. Die Suche nach einer Heilung für deine Freundin.«

Harmis schüttelte den Kopf. »Sie ist nicht meine Freundin«, entgegnete er. Obwohl, diese Vorstellung gefiel ihm durchaus, aber das musste er ja dem Alten nicht auf die Nase binden. »Und nein, ich bin nicht weitergekommen.« Müde rieb er sich über das Gesicht. »Zuletzt habe ich meine Zeit damit vergeudet aufzuschreiben, was in den vergangenen Wochen geschah.« Harmis deutete auf ein dünnes Heft, in dem die Ereignisse notiert waren, die wohl an ihnen allen ihre Spuren hinterlassen hatten.

Die Mordserie, die die Stadt in Atem gehalten hatte.

Der Kampf der Söldner gegen Riibe, das Untier unter der Stadt.

Die Jagd durch die Katakomben, über den Fluss und zur Waldinsel.

Die Konfrontation mit Nakara, die sie letztendlich bis tief in das verbrannte Viertel geführt hatte.

Sie hatten die finsteren Pläne durchkreuzt, alle Bewohner mit der Krankheit anzustecken, an der Alix litt, noch dazu die Bedrohung durch Hunderte Fischmenschen abgewendet, die unter der Aschekruste des verbrannten Viertels lauerten.

Dennoch konnten sie keine Dankbarkeit erwarten. Kaum jemand erfuhr davon, das Einzige, was ihnen erlaubte, hier in Alaris zu bleiben, war der Schutz durch Azaan, ein Mitglied des Rates der Bruderschaft. Die Söhne der Schande waren fast aufgerieben worden, Hyron, der Anführer dieser Söldnertruppe, war erst gestern aufgebrochen in Richtung Süden. Auch für Harmis und die anderen war nicht sicher, wie lange sie noch bleiben konnten. Alaris erlebte unter der Bruderschaft seine dunkelsten Tage, überall wurden Erkrankte aus ihren Häusern getrieben und hingerichtet. Man konnte nur beten, dass diese grausamen Veränderungen einen nicht heimsuchten.

»Aber du bist sicher nicht gekommen, um dich über meine Forschungen zu erkundigen«, sagte Harmis.

Juun sah ihn lange an. »Auch deswegen. Jedes kleine Bröckchen Wissen macht mich etwas schlauer, deshalb bin ich so unsäglich neugierig.« Er lächelte, zwischen seinen schmalen Lippen kamen abgenutzte Zahnreste zum Vorschein. Harmis ordnete die Papiere auf seinem Schreibtisch, während Juun fortfuhr. »Aber hauptsächlich wollte ich sehen, was Gor macht. Weißt du, ob er noch da ist?«

Harmis schüttelte den Kopf. »Nein, weiß ich nicht. Wo sollte er denn hin sein? Hyron ist gestern abgereist, aber das weißt du ja sicher schon.«

Juun nickte. »Ja, ist mir bekannt. Nun, Gor war auf der Suche nach Roggosh, soweit ich weiß.«

»Da weißt du mehr als ich.«

»Das höre ich oft.« Wieder ein schmales Lächeln. »Ich werde mal nachsehen, wenn es recht ist.«

»Natürlich, warte, ich komme mit.« Das Durcheinander, das er hier unten angerichtet hatte, war Harmis unangenehm, obwohl er wusste, wie es in den Höhlen aussah, die Juun bewohnte. Wahllos griff er sich einige Teller und die erkaltete Teekanne und folgte Juun die Treppe hinauf.

Noch bevor er die Wohnstube erreicht hatte, hörte er die aufgeregte Stimme von Alix, die auf Gor einredete. Als Juun den Raum betrat, verstummte sie.

Harmis drängte sich an ihm vorbei und brachte schnell das Geschirr in die Küche. Ihm entging nicht das düstere Gesicht von Gor und auch nicht, dass der Seelenkrieger auf dem großen Tisch seine Ausrüstung bereitgelegt hatte. Das Blatt der Geisteraxt schimmerte schwach in bläulichem Glanz. Harmis beeilte sich, ins Wohnzimmer zurückzukehren, und stellte sich neben den Kamin. Erst jetzt merkte er, wie durchgefroren er war.

Auch Alix hockte vor dem Kamin, ihr Umhang lag unordentlich mitten im Raum. Ihre Hände zitterten, sie rieb die Finger vor dem Feuer, um sie zu wärmen.

»Was ist hier los?«, fragte Harmis, der sich wunderte, was diese Aufregung und Juuns Besuch zu bedeuten hatten.

»Ich komme gerade aus der Stadt«, sagte Alix und blies in ihre Hände, als könne das Feuer allein ihnen nicht genug Wärme schenken. »Verdammt kalt heute Nacht.«

»Und warum?«, fragte Harmis weiter.

Alix warf Gor einen Blick zu. Der musterte Juun, nickte ihr dann zu und stand auf. Ohne ein Wort ging er zum Tisch hinüber und begann, seine Waffengurte anzulegen. »Gor hat mich geschickt. Ich habe jemanden beschattet.«

»Beschattet? Warum?« Harmis wandte sich an Gor. »Weshalb hast du sie losgeschickt? Mitten in der Nacht?«

Gor gab keine Antwort, verstaute gerade seine Axt auf dem Rücken.

»Ich rede mit dir! Warum schickst du sie los und gehst nicht selbst? Oder fragst mich oder Hyron?« Harmis schluckte. Ging er zu weit? Noch nie hatte er es gewagt, den Seelenkrieger derartig anzufahren.

Gor blickte zu ihm, erschreckend ruhig. »Hyron ist fort. Ich bin zu auffällig. Und du sitzt im Keller und lässt dir deine Träume vom Schwarzblatttee versüßen. Außerdem kann sie so etwas besser als jeder von uns.«

»Ach ja? Und warum bist du dir da so sicher?«, gab Harmis zurück. Er wusste selbst nicht, was ihn so wütend machte. Wahrscheinlich war es die Bemerkung mit dem Schwarzblatttee, die sein schlechtes Gewissen getroffen hatte.

»Jetzt hör mal zu«, ging Alix dazwischen. »Hör endlich auf, so zu tun, als sei ich krank und als müsste man mich beschützen. Ich kann nicht zurück in meinen Laden, wir alle sitzen hier und verstecken uns unter Azaans Schutz. In Ordnung, damit kann ich leben. Aber man muss mich nicht anbinden wie einen Hund, verstehst du das? Ich kann sehr gut auf mich aufpassen.«

»Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte?«, schaltete sich Juun ein. »Wie wäre es, wenn wir die Streitereien auf später verschieben und uns jetzt mit der Lage an sich beschäftigen. Ich würde gern Gor dazu bewegen hierzubleiben. Gor, vermagst du deinen Zorn noch eine Weile unter Kontrolle zu halten?«

Harmis wunderte sich darüber, dass Juun so vorsichtig sprach. Dann aber fiel ihm Gors Miene auf, sein Verhalten, das er die ganze Zeit schon an den Tag legte. Finsternis umgab ihn, beinahe spürbar. Das Feuer eines bevorstehenden Kampfes loderte in seinem Innern. Juun hatte das offenbar ebenfalls erkannt.

Gor knurrte abweisend, zog einen letzten Gurt zurecht und schritt entschlossen zur Tür hinaus.

»Was ist mit ihm? Wen musstest du beschatten? Was hat er vor?«, fragte Harmis an Alix gewandt. Fast hätte er sie an den Schultern gepackt und geschüttelt, aber er konnte sich im letzten Moment beherrschen.

»Das wollte ich dir ja die ganze Zeit sagen. Er hat mir den Mann beschrieben, ich habe auf ihn am Nordtor gewartet. Dann bin ich hinter ihm her. So ein nervöser Kerl.« Ihr Blick wanderte zwischen Harmis und Juun hin und her, der jetzt auch aufmerksam lauschte, nachdem Gor nicht auf seinen Wunsch gehört hatte. »Er ist durch verschiedene Gassen gelaufen und letztendlich hat er auf dem Weg zur Arena jemanden getroffen, dem er eine Flasche übergeben hat.«

»Aha. Und dann?«

Alix schluckte und starrte ins Feuer. »Dann hat der andere ihn umgebracht und in den Sumpf geworfen.«

»Was? Ich hoffe, dir ist nichts passiert?« Harmis biss sich auf die Zunge, als Alix ihm einen vernichtenden Blick zu warf. »Entschuldige.«

»Der andere, es war Friius.«

Harmis keuchte auf.

Juun räusperte sich. »Ich kann da vielleicht weiterhelfen. Gor hat davon Wind bekommen, dass die Bruderschaft einen anderen Seelenkrieger in ihre Gewalt gebracht hat. Was sie ihm vorwerfen, um ihn gefangen zu halten, weiß ich nicht. Friius ist wohl der Anführer dieser Gruppe.«

»Ein anderer Seelenkrieger?«, fragte Harmis. »Ich weiß nur von einem, der sich noch in Alaris aufhält: Roggosh.«

»Ja, genau, das ist sein Name. Womöglich hat es etwas damit zu tun. Alve Scherbengesicht hat mir davon berichtet. Er hatte wohl noch ein schlechtes Gewissen, wegen der Geschichte unten am Fluss. Gor sei sehr aufgebracht gewesen, als er davon hörte, dass die Bruderschaft diesen Roggosh verhaftet hat. Natürlich ist er nicht im normalen Gefängnis unter dem Palast der Gerechtigkeit untergebracht worden. Niemand weiß, wo er ist. Auch Friius wurde lange nicht gesehen.«

»Selbst von deinen Leuten nicht?«

Juun schüttelte den Kopf und zog ein Gesicht, als hätte Harmis ihn beleidigt.

Der wandte sich wieder an Alix. »Und – was war das nun für ein Kerl, den du verfolgt hast? Was hat der damit zu tun?«

»Ich weiß es nicht. Er war – seltsam. Wirkte nicht so, als sei er oft in der Stadt unterwegs. Hat sich dauernd umgesehen. Und er hatte seltsame Augen, sie sahen aus wie die eines Blinden.«

Harmis blickte zur Decke, dachte nach. Woran erinnerte ihn das? Dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinab. »Das ist ein Mönch vom Seelenbrunnen.«

Alix blickte ihn fragend an.

»Dort stammen Krieger wie Gor her«, fügte er hinzu. »Die Mönche leben dort und hantieren mit den Geistern und Seelen. Wie das genau funktioniert, kann ich dir nicht erklären. Aber ich weiß, dass diese Mönche den Brunnen niemals verlassen.«

»Dieser schon.«

»Ja, und ich habe kein gutes Gefühl dabei«, sagte Harmis. »Wir sollten Gor folgen, sicher geht er dorthin, wo der Mord passiert ist. Er wird Friius stellen wollen.«

»Der ist in die Arena geflohen.«

»Dann wird Gor auch auf dem Weg dorthin sein. Schnell, lass uns ihm folgen!«

»Aber – was wollen wir dort tun? Er sagte ausdrücklich, dass er allein gehen will.«

»Mag sein, aber vielleicht können wir ihm helfen. Zumindest will ich wissen, was dort geschieht. Also, kommst du?«

»Eben meintest du noch, ich solle mich am besten von allen Gefahren fernhalten«, gab Alix zurück.

»Dann bleib eben hier.« Harmis spürte jetzt einen unbändigen Tatendrang in sich, ein Gefühl, dass er Gor beistehen müsste. Sollte es zu einem Kampf kommen, bräuchte der Seelenkrieger sicher nicht seine Unterstützung, aber vielleicht galt es ja auch, eben so einen Kampf zu vermeiden. Darin war er ziemlich gut.

»Das könnte dir so passen.« Alix hatte blitzschnell ihren Umhang wieder vom Boden aufgehoben und sich umgeworfen.

Sie eilten los, erst draußen fiel Harmis ein, dass sie Juun einfach im Kaminzimmer hatten stehen lassen. Aber für höfliche Verabschiedungen war nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt.

3 – HYRON

Juun hatte sie auf seinen geheimen Wegen aus der Stadt geführt. Ausgestattet mit Kleidung, der noch immer der Geruch der muffigen Katakomben anhaftete, waren sie bei Dunkelheit durch enge Tunnel außerhalb der Stadtmauern gelangt, hatten sich fortgestohlen über Felder und Weiden, waren durch Bäche gewatet und durch sumpfige Birkenwäldchen geschlichen, um schließlich im Farnwald zu verschwinden.

»Hast du gewusst, dass wir verflucht sind?«, fragte Hyron beiläufig, während sie über dicke Wurzelstränge stiegen. »Wir werden bald sterben.« Er blickte sich zu Syuk um, dessen Gesicht ihm nicht verriet, ob er erstaunt oder gar erschrocken war.

»Warum?«, fragte sein Begleiter.

»Wir haben den Landesser mit eigenen Augen gesehen. Es heißt, dass jeder, dem das passiert, kurz darauf sterben wird.«

»Was bedeutet ›Es heißt‹?«, fragte Syuk.

Hyron überwand einen umgestürzten Baumstamm, landete dahinter mit den Stiefeln in einer schlammigen Pfütze. »Es gibt Gerüchte, Geschichten. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich davon zum ersten Mal gehört habe. Weißt du, in den Gasthäusern vermehren sich die unglaublichen Geschichten so schnell wie die Brandfäule der Huren.«

»Also ist das nicht wahr?«, fragte Syuk ungerührt weiter.

Hyron lachte. »Nein, natürlich nicht. Dummes Gerede, nichts weiter.«

»Aber Sirra ist tot. Und Arn auch.«

»Ja, sicher.« Hyron winkte ab. »Aber das hatte ganz andere Gründe.« Der Gedanke an Sirra, die dem Verrat von Faust zum Opfer gefallen war, verdüsterte seine Laune.

»Ich habe auch eine Geschichte gehört«, sagte Syuk. »Von einem Jungen, der in einem Dorf an der Küste lebte. Auch er soll den Landesser gesehen haben.«

»Und was ist mit ihm passiert?«

»Er verlor den Verstand. Von dem Tag an, als er ihn gesehen hat und vom Strand zurückkehrte, hat er nicht mehr gesprochen und nur noch seltsame Muster gemalt.«

»Was hatte er auch am Strand zu suchen?«

Syuk ließ sich nicht von Hyrons Einwurf beirren. »Er verschwand eines Tages. Man fand immer wieder diese Muster. Und jeder, der sie zu genau studierte, verlor ebenfalls den Verstand.«

Hyron dachte schon, dass Syuk ihn verschaukeln wollte, aber der Meermensch schien es ernst zu meinen. »Und warum erzählst du mir das?«

»Die Spur der Muster reichte bis nach Kath, also genau dorthin, wo auch unser Weg uns hinführt.«

»Ach, das ist doch nur Gerede, das Geschwätz von abergläubischen Leuten.«

»Du glaubst also nicht daran?«

»Nein«, entgegnete Hyron entschiedener als beabsichtigt. Nervös wedelte er in der Luft, um einige Fliegen zu verscheuchen. »Den Menschen ist langweilig, darum erfinden sie Geschichten. Ich brauche solche Spinnerei nicht.«

»Aber den Landesser gibt es tatsächlich. Es war kein Trugbild, keine Täuschung. Das weißt du, oder?«

Hyron antwortete nicht.

»Ich bin dort gewesen. Tief unten, wo der Ozean kalt ist, wo die Wellen nur noch ein fernes Echo sind. Wo ewige Finsternis herrscht. Und ich habe gesehen, dass sie vor ihm fliehen.«

»Die Meermenschen? Sie fliehen vor dem Landesser?«

»Ja. Sie beten ihn an, aber sie fürchten ihn auch. Wie ihr Menschen eure Götter. Das große Beben hat ihn erweckt und nun wird er sich erheben. Sie bereiten für ihn vor, was er vollenden wird.«

»Und was soll das sein?«

»Manche sagen, er wird das Land verschlingen. Andere, dass er es in die Tiefe reißen wird, es zerbricht und im Ozean ertrinken lässt. Was am Ende auf das Gleiche hinausläuft.«

»Was hast du gesehen dort unten?« Hyron schauderte bei der Erinnerung daran, als er selbst im Meer geschwommen war, nachdem Syuk ihn aus dem Käfig befreit hatte. Der Gedanke an die finsteren Tiefen, das Gefühl, darin versinken zu müssen, war eine der grauenvollsten Vorstellungen, zu denen sein Verstand in der Lage war.

»Sie sind in Aufruhr, verlassen ihre angestammten Gebiete. Vieles wurde zerstört beim Beben.«

Hyron hatte seine Zweifel an den Berichten seines Begleiters, dennoch musste er anerkennen, dass Syuk der zuverlässigste Zeuge war, den er kannte. Er war, außer Faust, der Einzige, der mit ihm den Landesser gesehen hatte und noch am Leben war.

Schweigend gingen sie weiter, durchquerten ein Feld mit hohem Schwertgras, das bleich wie Knochen im Wind wogte. Es erlaubte einen Blick zum strahlend blauen Himmel, der sonst von den dichten Baumkronen des Farnwaldes verdeckt blieb.

Abseits der Straße war die Reise sehr beschwerlich, aber sie klagten nicht. Hyron, durch viele Kämpfe und Wanderschaften wie diese gewohnt an die Unbequemlichkeit solcher Reisen, empfand den Weg gar nicht als so entbehrungsreich, wie mancher ihn gefunden hätte.

Und auch Syuk war offensichtlich niemand, den es in die warme Stube zog, er fühlte sich wohl in der Natur, sei sie auch noch so unbarmherzig mit Kälte und Sturm. Er bewegte sich in ihr wie ein Tier, das es nicht anders kannte. Womit konnte man ihn am ehesten vergleichen – war er ein Tier oder ein Mensch? Sein Verstand, seine Fähigkeit zu sprechen – das deutete auf einen Menschen hin. Aber sein Körper, seine fremdartigen Augen – das Äußere glich eher einem Tier. Hyron wusste, dass er seinem Begleiter mit solchen Überlegungen unrecht tat, schließlich hatte der ihm bereits mehrfach das Leben gerettet und bewiesen, dass er über einen wachen Geist verfügte.

»Wie hast du eigentlich unsere Sprache gelernt?«, fragte Hyron in die Stille hinein.

Syuk schwieg eine Weile, schien seine Worte abzuwägen. Als Hyron bereits dachte, dass er keine Antwort erhalten würde, entgegnete er: »Nicht alle Menschen hassen das Wasser so sehr wie eure Bruderschaft.«

»Es hat dir jemand beigebracht? Ein Mensch?«

»Ich war ein Verstoßener in meinem eigenen Volk.«

Syuk hockte sich an den Rand des Schwertgrasfeldes, als wolle er eine Rast machen. Hyron befand das für eine gute Idee und holte seinen Trinkbeutel hervor.

»Im Norden, wo der Fluss, den ihr Ramis nennt, ins Meer fließt, gibt es Gegenden, in denen niemand je vom Goldenen See gehört hat.«

»In Kyra?«

»Nein, noch weiter, am Fuß der Berge. In den Sümpfen, die unter ewigen Nebel verborgen liegen. Dorthin haben sich noch keine Priester verirrt. Die Menschen, die in den Nebeln wohnen, sind arm. Ihr Leben ist hart, die Landschaft karg und unerbittlich. Wesen wie ich lauern in den Sümpfen.« Syuk stieß ein Schnattern hervor, das Hyron schon früher gehört und als Gelächter erkannt hatte. »Doch man hat sich arrangiert. Ich wurde von ihnen aufgenommen und lernte ihre Worte. Es war sehr schwer am Anfang. Aber sie waren geduldig. Ich ging für sie jagen, half ihnen, ihr Dorf gegen die Bestien aus dem Nebel zu verteidigen. Kämpfte gegen meinesgleichen. Spätestens da hatte ich jede Hoffnung auf Rückkehr zum meinem eigenen Volk verloren.«

Hyron wagte nicht zu fragen, warum Syuk sein Dorf verlassen hatte.

»Wie viele von deiner Art gibt es dort oben in den Nebeln?«, fragte er stattdessen. »Hättest du nicht auch zu einem anderen Stamm gehen können? Oder was auch immer ihr dort habt, Dörfer, Clans.«

»Nein.« Syuk erhob sich. »Lass uns weitergehen!«

Hyron stolperte hinter ihm her, sein Begleiter schien es plötzlich sehr eilig zu haben. Nach einer Weile drosselte er das Tempo wieder etwas und redete weiter. »Es gibt nur Kampf und Krieg dort oben. Kaum jemand hat die Nebel je verlassen, die Weisen sagen, dass der Rest der Welt ein verbotener Ort sei.«

»Warum hast du die Menschen verlassen, die dich aufgenommen hatten?«, fragte Hyron, der noch immer Atem schöpfen musste.

»Eines Tages kamen die Meermenschen aus dem Fluss gekrochen. Sie töteten sie alle. Als ich von der Jagd zurückkehrte, fand ich nur noch kalte Asche und totes Fleisch. Nichts hielt mich mehr dort.« Er ballte die Faust. »Es waren gute Menschen. Niemand hatte einen Grund, sie zu töten. Niemand.«

Hyron wusste keine Antwort, klopfte Syuk stattdessen freundschaftlich auf die Schulter. Schweigend wanderten sie weiter, bis die Abenddämmerung so weit fortgeschritten war, dass sie rasten mussten. Die Gelenke des Söldneranführers brannten wie Feuer, aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Diese Art von Schwäche wollte er nicht zulassen. Er musste einfach weiter in Bewegung bleiben, dann würde der Schmerz schon vergehen.

Der nächste Morgen brachte Regen mit sich. Der Boden verwandelte sich in kürzester Zeit in einen schlammigen Brei. Den ganzen Vormittag stapften die Wanderer durch den Wald, der sich hier immerhin recht durchlässig zeigte. Nur wenig Unterholz, dafür laubbedeckter Boden unter mächtigen Buchen.

Hyron war in missmutiger Stimmung und dachte wieder einmal über seinen Söldnertrupp nach. Ihn schmerzte, was daraus geworden war. Oft schon hatte es schwere Zeiten gegeben, immer wieder fielen Kameraden und mussten ersetzt werden. Das brachte das Söldnerdasein so mit sich. Aber der momentane Zustand bereitete ihm Kopfzerbrechen. Ein Mann, ein einziger Mann war ihm geblieben. Noch dazu war dieser Krieger kein Mensch, sondern ein seltsames Mischwesen aus den Nebeln des Nordens. In den Augen vieler einfach ein Fischmensch, dann aber wieder doch nicht. Er redete und dachte wie ein Mensch. Und nun war er hier mit ihm, stapfte stoisch an seiner Seite durch den Matsch. Bis zu den Knien waren ihre Stiefel und Hosen mit Schlamm bedeckt, der Regen prasselte seit Stunden ohne Pause, Hyron fragte sich, wann ihm wohl Flossen wachsen würden.

Syuk riss ihn aus seinen Gedanken, als er unvermittelt stehen blieb und seine Schulter packte. Er deutete in den Wald. Hyron kniff die Augen zusammen, spähte zwischen den Bäumen hindurch. »Was?«, fragte er.

»Siehst du es nicht? Komm, wir gehen näher ran.« Schon arbeitete Syuk sich geduckt vor, schlich zwischen den Stämmen hindurch. Hyron knurrte einen Fluch, folgte ihm dann. Waren seine Augen inzwischen so schlecht geworden? Als er hinter Syuk auf die Lichtung trat, wusste er, was der gemeint hatte.

Es handelte sich um einen mit Steinen befestigten Platz, eine Feuerstelle war in der Mitte zu erkennen. Brandgeruch hing in der Luft, der nicht allein von der erkalteten Feuerstelle ausging. An der gegenüberliegenden Seite führte ein schmaler Weg, den mit Mühe ein Fuhrwerk passieren konnte, in den Wald hinein. Sicher führte dieser Durchlass zur Handelsstraße und das hier war ein Lagerplatz, der von durchreisenden Händlern benutzt wurde. Jetzt aber prasselte der Regen auf zerrissene Planen nieder, das schwelende Holz von zwei zerstörten Wagen dampfte, die seitlich der Ausfahrt standen. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, mehrere Menschen an den Bäumen entlang des Weges aufzuhängen. Die Leichen waren verstümmelt, man hatte die Körper grob mit blauer Farbe beschmiert. Der Regen wusch sie stellenweise wieder ab, sodass dunkelblaue Rinnsale sich über den Platz zogen wie Adern.

Vorsichtig musterte Hyron die Lichtung, beobachtete den Waldrand. Keine Bewegung außer dem unentwegten Regen. Diejenigen, die hier gemordet hatten, waren fort. Er wischte Äste beiseite und betrat die Lichtung. Langsam umkreiste er gemeinsam mit Syuk die Überreste der zerstörten Wagen und sahen sich die Toten aus der Nähe an. Man hatte ihnen Pergamente um den Hals gehängt, die nun jedoch in der Nässe zerfielen, die Tinte, mit der auf ihnen etwas geschrieben worden war, bildete nur noch graue Wolken.

»War das die Bruderschaft?«, fragte Syuk.

Hyron nickte. »Das sieht danach aus. Blau als Farbe der Schande. Diese Leute müssen gegen eines ihrer Gesetze verstoßen haben. Offenbar sind die Zeiten vorbei, in denen man verhaftet und vor einen Richter gestellt wurde. Das erledigen die Schergen inzwischen alles selbst.«

Die Bruderschaft hatte schon immer hart durchgegriffen, aber etwas hatte sich verändert. Angst und Willkür regierten inzwischen das Land. Niemand schien sicher zu sein vor dem Einfluss der Meermenschen. Das Werk von Nakara, der Hyron und die anderen das Handwerk gelegt hatten, wirkte nach. Er hatte an Alix gesehen, was die Veränderungen bewirken konnten. Die Wahllosigkeit, mit der die Geißel der Meermenschen zuschlug und unbescholtenen Bürgern die Krankheit der See brachte, war wirklich furchteinflößend. Schwimmhäute zwischen den Fingern, veränderte Haut, die an Fischschuppen erinnerte, winzige Fangarme, die sich aus der Haut wanden, Augen, die auf unnatürliche Größe wuchsen – die Erscheinungsbilder der Krankheit waren vielfältig und die Bruderschaft antwortete stets gleich auf ihr Auftreten: Feuer, Schwert und Tod. Auch das Wüten der Bruderschaft war ein Grund für ihn gewesen, Alaris den Rücken zu kehren. Offenbar hatte sich das gnadenlose Vorgehen bereits bis hierher ausgebreitet.

Wobei man sagen musste, dass die meisten der grausigen Deformationen niemand wirklich gesehen hatte; die Gerüchteküche brodelte und die Leute überboten sich in ihren angeblichen Beobachtungen. Schon seltsam, da lebten die Menschen in einer Stadt, unter der ein riesiges Monster hauste, und plötzlich waren sie von solchen kleinen Veränderungen völlig verängstigt. Hyron besah sich die Leichen in den Bäumen genau. Er konnte nichts Ungewöhnliches an ihnen erkennen.

»Verdammte Bruderschaft! Die macht alle völlig verrückt mit ihren Gesetzen. Bringt die Leute damit doch nur auf solche Ideen.«

»Lass uns hier verschwinden. Wir können nichts mehr für diese Leute tun«, sagte Syuk.

Hyron nickte. Bei diesem Wetter konnten sie nicht einmal ein anständiges Grabfeuer für die armen Schweine entzünden.

Schweigend stapften sie weiter, bis der Abend nahte. Hyrons Stimmung hatte sich weiter verdüstert. Als einziger Lichtblick war zu erkennen, dass der Regen langsam nachließ, die Wolken verzogen sich. Dampfend trocknete ihm seine Kleidung am Leib.

»Glaubst du, dass dieser Azaan deine Freunde beschützen kann?«, fragte Syuk ihn, nachdem sie lange geschwiegen hatten.