FAAR - Das versinkende Königreich: Herr der Wälder (Novelle) - Christian Günther - E-Book

FAAR - Das versinkende Königreich: Herr der Wälder (Novelle) E-Book

Christian Günther

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Beschreibung

Der wachsende Wald verschlingt das Land. Weder Feuer noch Axt gebieten ihm Einhalt. Unaufhaltsam überwuchert er das Königreich von Faar. Niemand kehrte je aus seinen schwülen Tiefen zurück. Menschenopfer werden ihm dargebracht, doch der Herr der Wälder lässt sich nicht besänftigen. Fermalis, ein verstoßener Paladin der heiligen Bruderschaft vom Goldenen See, und der junge Gresa, der einer Opferung nur knapp entgangen ist, werden zum ungleichen Gespann. Tief im Inneren des Waldes entscheidet sich, ob sie ihn als Freunde oder Feinde wieder verlassen. Oder in seinem Schoß die letzte Ruhe finden. Eine Novelle aus dem FAAR-Universum von Christian Günther, einer epischen Fantasywelt, die der Autor selbst als "Lovecraft mit Äxten" bezeichnet. Das Buch stellt eine in sich abgeschlossene Geschichte dar und ist ein geeigneter Einstieg in die FAAR-Reihe.

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Seitenzahl: 134

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Beliebtheit




FAARDas versinkende Königreich

Der Herr der Wälder

Christian Günther

© 2017 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein

Lektorat und Korrektorat: Lektorat Rohlmann & Engelslektorat-rohlmann-engels.com

Umschlaggestaltung: Atelier Tag 1atelier.tag-eins.de

ISBN – 978-3-95869-560-3

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http://amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar

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»Der ist verloren, der im stolzen Stamm amm eines Baumes nur den Kampf sieht, das verzweifelte Ringen um Licht, das Streben danach, höher zu wachsen als die anderen um ihn herum. Das Strecken der Äste nach der Sonne. Und in ihm nicht die Schönheit erblickt, ihre Kraft und Erhabenheit, das Leben, das gen Himmel strebt.«

- Unbekannter mynganischer Dichter

»Der Wachsende Wald ist ewig. Er ist mächtig, groß und unaufhaltsam. Keine Axt und kein Gift können ihn aufhalten. Auf seine schwarzen Stämme einzuschlagen, ist nutzlos, egal, wie scharf deine Klinge auch sein mag. Ebenso gut könntest du einen Wegweiser schnitzen, der sie zur Umkehr bewegen soll.«

- Azaan Reeb, Rat der Stadt Alaris

Jarne

Als Jarne erwachte, kitzelte Moos in seiner Nase und ließ ihn niesen. Blinzelnd und schnaufend hob er den Kopf – verschwommen sah er Grün. Sein Blick klärte sich, als Tränen aus seinen Augen liefen. Verärgert wischte er sich über das Gesicht – wenn ihn jemand beobachtete, käme er noch auf die Idee, Jarne würde heulen.

Er wollte sich aufsetzen, aber etwas zog an seinen Kleidern, als wollte es ihn am Boden festhalten. Ein kratzendes Geräusch, wie wenn man Pergament zerreißt.

Jarne blickte an sich hinab und stellte fest, dass überall an seiner Kleidung Moos haftete. Als er es fortwischen wollte, bemerkte er, dass es nicht nur wie Dreck an ihm klebte, sondern festgewachsen war. Verwundert zog und zerrte er daran, doch es ließ sich nur mühsam lösen, hatte sich mit den Fasern der Kleidung verbunden. Von seinen Ärmeln baumelten feine Wurzeln, Erde rieselte zu Boden. Jarne schaute sich um.

Wo war er? Um ihn herum Bäume, ein dichtes Gedränge aus schmalen Birken, zwischen denen Insekten umherschwirrten. Das Licht war seltsam matt, alles wirkte unscharf, weich, wie in Milch getunkt.

Ein schwarzer Teich. Eingerahmt von hohen Stämmen, deren Astwerk nur ein fahles Grau bis zur Wasseroberfläche durchließ. Gestrüpp wucherte über die Ufer bis ins Wasser, das unergründlich tief wirkte. Und tot. Kaum ein Schwappen war zu sehen, als ein Tier durch den Schlamm glitt und zwischen Schwimmpflanzen untertauchte.

Stille herrschte, die Vögel waren zu weit oben in den Bäumen, flogen dem hellen Licht entgegen. Die Felsen am Ufer gegenüber trugen ein löchriges Kleid aus Moos, schienen in der Fülle der Pflanzen zu versinken. Tau tropfte von Dornen wie Blut von einer Waffe.

Energisch schüttelte Jarne den Kopf. Erde, Laub und Käfer flogen davon, als sein schulterlanges Haar durch die Luft wirbelte. Er versuchte aufzustehen. Wieder rissen zahllose kleine Wurzeln ab. Etwas hielt seinen Knöchel in festem Griff und machte keine Anstalten, ihn freizugeben. Verwundert sah Jarne eine armdicke Wurzel, unter der sein Bein gefangen war. Er grub in der Erde, drückte die Ferse in den feuchten Boden und wand sich unter dem Wurzelstrang hervor. Jarne richtete sich auf und drehte sich im Kreis: Wald, so weit er blicken konnte.

Er war sich sicher, dass niemand in der Nähe war – ihm fiel auf, wie lächerlich sein vorheriger Gedanke, dass ihn jemand für einen weinenden Schwächling hätte halten können, gewesen war.

Wieder drehte er sich um die eigene Achse. Nicht einmal die Sonne würde ihm helfen, eine Richtung zu wählen, zumal er nicht wusste, ob es Morgen, Mittag oder Abend war.

Er ging ein paar Schritte in die eine, dann ein paar in die andere Richtung. Der sumpfige Boden schmatzte unter seinen Füßen. Mücken stoben auf, wenn er durch Farn strich. Die Luft war zwar stickig, aber nicht besonders heiß.

Schon nach den paar Bewegungen merkte er, dass ihm jeder Knochen im Leib wehtat, die Muskeln brannten, seine Kehle war trocken und rau.

Jarne hockte sich auf einen dicken Stamm, der halb überwuchert zwischen den vielen kleineren Bäumen lag, und trank einige Schlucke erdig schmeckendes Wasser aus einem vollgelaufenen Astloch.

Er rieb sich über das Gesicht, kratzte gedankenverloren an einem Mückenstich an seinem Hals. Mühsam versuchte er, sich zu erinnern, was ihn hierher verschlagen haben mochte, als ihm etwas im Morast vor seinen Füßen auffiel. Er zog es aus dem Schlamm.

Eine tönerne Schale, deren oberer Rand an einer Stelle gesplittert war. Ein Muster aus geschwungenen, roten Linien zierte die Außenseite des Gefäßes. Jarne drehte es in seinen Händen und wischte den Schlamm ab. Klebrige Reste einer leuchtend grünen Paste fanden sich im Inneren. Er roch daran. Mit dem scharfen Geruch, der sich in der Schale gehalten hatte, blitzten Erinnerungen auf.

Männer, die ihn hielten – schleppten. Sein Dorf, seine Heimat. Die Häuser unscharf, dunkle, abweisende Schemen. Sie trugen ihn über die Felder. Eine tief stehende Sonne, lange Schatten. Dann der Wald. Seine Hände und Füße gebunden mit festem Seil, sein Körper schlaff, kraftlos. Blut, das ihm in die Augen lief. Um ihn herum die wirbelnden Formen der Bäume, als er zu Boden geworfen wurde. Der Wald war licht, sonnendurchflutet, Pollenstaub tanzte in der Luft. Jemand flößte ihm eine Flüssigkeit ein, die zäh wie Honig seinen Rachen hinunterrann. Zuletzt ein brennender Schmerz an seinem Fuß, ein Schrei. Vögel, die erschrocken aufflatterten. Er sah seine vier Peiniger davonmarschieren. Dann Stille.

Jarne schreckte hoch. Er hatte die Erinnerungen klar vor sich gesehen, als würde er das Geschehen noch einmal erleben.

Sein Fußgelenk schmerzte von der Wurzel. Jarne stand auf, hielt Ausschau nach der Stelle, an der er erwacht war. Er fand sie inmitten eines dichten Ringes aus wucherndem Gras und Farn.

Jarne hockte sich hin und suchte nach der Wurzel. Als er sie ertastete, stutzte er – war sie dicker geworden? Vorhin hatte er sie noch mit den Fingern seiner Hand umfassen können, jetzt schien sie an Volumen gewonnen zu haben.

Er tastete an ihrer Unterseite entlang, grub ins Erdreich. Tatsächlich fand er, was er hier vermutet hatte: die verfaulten Reste eines Seils, mit dem jemand seinen Fuß an der Wurzel festgebunden hatte. Entsetzt starrte er auf die brüchigen Fasern in seiner Hand – es war tatsächlich so gewesen wie in seiner Vision – man hatte ihn hier gefesselt und zurückgelassen. Wie lange mochte er hier gelegen haben, dass in der Zeit seine Fesseln verrotten konnten?

Ein Knurren ließ ihn aufschrecken und in die gelben Augen eines Waldwolfes blicken.

Fermalis

Die Säcke mit dem Salz hingen schwer am Sattel des Packpferdes. Es schnaubte, Speichel flog umher, als es widerwillig die Mähne schüttelte. So sehr Fermalis zog und ihm gut zuredete, der Gaul rührte sich keinen Schritt. Wie ein störrischer Esel schlug er die Hufe in die Erde und widerstand dem Zerren am Strick.

Seufzend schwang sich der Paladin aus dem Sattel und ging zu seinem Packpferd hinüber, das jetzt, da niemand mehr an seinem Seil zog, seelenruhig den Boden nach Grasbüscheln absuchte.

Fermalis grunzte, klopfte ihm auf den Hals und blickte sich um. Er stand in der Einöde. Wieder einmal. Weit und breit befanden sich nur Wiesen und Felder, vereinzelte Baumgruppen, flache Hügel. In der Ferne ein Dorf. Jenseits davon zeichnete sich dunkel der Wachsende Wald ab. Die Geißel dieser Gegend. Über den Schornsteinen standen keine Rauchfahnen. Wahrscheinlich waren die Bewohner längst geflohen. Junge Birken und wucherndes Gestrüpp durchsetzten die unbestellten Felder. Nur noch wenige Wochen, vielleicht zwei Zyklen, dann hätte der Wald sich die Felder einverleibt, würde die Häuser unter sich begraben und weiter wachsen.

Immer weiter.

Wann würde der Wald wohl Alaris erreichen? In vier oder fünf Sommern hätte er die Hügellandschaft mit ihren Feldern verschlungen. Sie in seinem dunklen Inneren verschwinden lassen, unter Schichten aus Wurzeln, Moos und Gehölz begraben. Die Häuser Ruinen, die Menschen längst fort. Seine Saat würde weiter nach Westen getragen, den Landstrich erobern, den man Tausend Brücken nannte.

Tiefe Schluchten zogen sich dort durch das Land, die an ihrem Grund kleinen Flüssen ein Bett boten. Der Wald würde die Brücken nicht benötigen, die von den Menschen errichtet worden waren. Er würde die Schluchten ohne ihre Hilfe überwinden, um sich weiter auszubreiten. Zur Hauptstadt.

Fermalis hatte schon häufiger überlegt, meist, wenn er zu viel Wein getrunken hatte, ob der Wald ein Ziel verfolgte. Ob jemand ihn lenkte oder er gar ein eigenes Bewusstsein besaß. Aber diese Gedanken erschienen immer lächerlich, sobald er am nächsten Morgen mit schmerzendem Kopf erwachte. Trotzdem kamen sie immer wieder, und wenn er den Waldrand so dicht vor Augen hatte, wirkte die Überlegung nicht mehr so abwegig.

Fermalis stellte sich vor, wie die Wurzeln die Mauern Alaris‘ sprengten, wie sich das Grün über der Asche und dem Dreck ausbreitete. Vielleicht wäre das sogar eine Verbesserung. Wobei diese Stadt schon so vieles überstanden hatte – Erdbeben, Brände, Überflutungen – da wurde sie sicher auch mit einem Wald fertig. Oder die Bruderschaft fände eine Lösung, ihn vor den Mauern der Stadt aufzuhalten. Sicher arbeiteten ihre findigsten Wissenschaftler längst an einer Lösung.

Er sah sich um. Das Ruinendorf schloss er als Lagerplatz aus: zu trostlos und deprimierend.

Das Wetter war warm, Regen nicht zu erwarten. Nichts, was ihn zwang, sich unter dem schimmelnden Dach einer verrottenden Scheune zu verkriechen. Womöglich müsste er sich dort mit Geistern herumschlagen, die in den verlassenen Bauernhäusern lauerten.

Eine Baumgruppe in der Nähe sah verlockender aus, um eine Rast einzulegen. Das Plätschern eines Baches wies auf frisches Wasser hin.

Das Packpferd ließ sich nun, nachdem es eine Weile gegrast hatte, bereitwillig weiterziehen. Fermalis griff die Zügel seines Reitpferdes mit der anderen Hand und führte die beiden Tiere zu den Bäumen. Schnell bereitete er eine Segnung vor, damit er und seine Tiere ihren Durst aus dem Bach stillen konnten. Aus einer Satteltasche holte er ein rundes Gefäß hervor. In seinen tönernen Bauch füllte er etwas Sand aus einem Beutel. Echter Sand vom Goldenen See, gesegnet von den Priestern der Bruderschaft und geeignet, jedes Gewässer, das ein Wanderer wie Fermalis vorfand, in reines Wasser zu verwandeln. Es zu säubern von den krankmachenden und verändernden Stoffen, die es in sich trug, zu befreien von den finsteren Einflüssen der Meermenschen und anderer Wasserkreaturen.

Er befestigte das Gefäß mit einer Schnur an einem Ast und ließ es ins Wasser gleiten. Sprach die Gebete, die für die Segnung notwendig waren. Als Adept waren ihm diese Dinge immer verhasst gewesen, doch nun war er froh, dass er sie sich mühsam ins Gedächtnis gehämmert hatte. Schließlich brauchte er Trinkwasser.

Andererseits – wenn er wirklich gut gelernt und sich der Bruderschaft treu und rückhaltlos hingegeben hätte, wäre er jetzt nicht hier. Er würde in einem Kloster dienen oder sogar am Sitz der Bruderschaft selbst, an den Ufern des Goldenen Sees. Vielleicht in einer der Festungen am Weltenbruch. Oder auf der anderen Seite des Reiches, an der Küste, um gegen Meermenschen zu kämpfen. Auf jeden Fall wäre er immer mit gesegnetem Wasser versorgt.

So wie die Dinge nun standen, blieb ihm nur, die Segnung selbst vorzunehmen und gleich noch ein Gebet hinterherzuschicken, alles richtig gemacht zu haben.

Endlich hatte er die Verse in Alt-mynganisch aufgesagt und konnte sich Wasser schöpfen. Er band die Pferde los, die sogleich an den Bach traten und durstig tranken, bevor er selbst einen Becher hineintauchte. Vorsichtig roch er daran, doch schnell übermannte ihn der Durst. Gierig trank er tiefe Schlucke.

Das Wasser war so kalt, dass er husten musste, aber das machte ihm nichts aus. Die Erfrischung war herrlich, erst jetzt wurde ihm bewusst, wie trocken seine Kehle war und wie staubig sein Gesicht sein musste. Umständlich nahm er den geschwärzten Brustpanzer ab, ebenso die Schulterplatten und die Arm- und Beinschienen. Erleichtert ließ er sich ins Gras fallen und fragte sich, wie so oft, warum er sich das antat. Gab es nicht leichtere Wege, sein Leben mit Sinn zu erfüllen?

Er war ein Verstoßener. Ein gefallener Paladin der Bruderschaft vom Goldenen See. Fermalis Hagan, der Verachtete. Die Rüstung war ein Zeichen seiner Schande. Ihren goldenen Glanz hatte der Schmied herauspoliert, hatte sie mit Sand gescheuert, dass sie stumpf und unansehnlich wurde. Damit nicht genug, wurde sie mit Teer geschwärzt, dass sich der einstige Glanz nicht einmal mehr erahnen ließ. So blieb ihm nur, entweder die Glaubensgemeinschaft zu verlassen oder in dieser Rüstung der Schande durch das Land zu ziehen und zu büßen, auf dass man ihm eines Tages so viel Gutes nachsagte, dass er erneut einen Platz in den Reihen der Bruderschaft fände. Ein schwerer Weg.

Fermalis setzte sich auf und blickte sich um. Das Land lag friedlich da, die Sonne schien und badete ihn in angenehme Wärme. In seiner Hand hielt er einen Becher mit frischem, gesegnetem Wasser. Er hatte seine Pferde, sein Schwert. Eigentlich war das ein gutes Leben. Niemand machte ihm Vorschriften, niemand trieb ihn über einen Kasernenhof oder zwang ihn zu stundenlangem Formaldienst. Wie er den gehasst hatte! Rechts um, links um, „Im Gleichschritt Marsch!“ – nur zu gebrauchen für Paraden, um das einfache Volk zu beeindrucken. Er konnte im Gras liegen und den vorbeiziehenden Wolken zusehen. Da war nur das Nagen in seinem Hinterkopf, dieses Pflichtbewusstsein, das sich nicht zum Schweigen bringen ließ. Er hatte der Bruderschaft die Treue geschworen, sie hatte ihm Halt gegeben, als er verzweifelt an ihre Tore geklopft hatte. Sein Vater starb in einem lang vergessenen Sommer. Er hatte sich die Lunge bei lebenslanger Schufterei in den Gerbereien von Kyra zugrunde gerichtet. Noch am Tag seines Todes meldete Fermalis sich bei der Bruderschaft.

Er hatte noch einiges wiedergutzumachen.

Gresa

Gresa stolperte, landete auf den Knien und schürfte sich die Handfläche auf, als er sich an der rauen Borke einer Eiche festzuhalten versuchte.

»Mist«, fluchte er und stemmte sich vom Boden hoch.

Neben ihm blieb Maaro stehen und schüttelte nur den Kopf. »Idiot«, murmelte er und wartete, bis Gresa sich aufgerappelt hatte, ohne Anstalten zu machen, ihm zu helfen. »Immer mit dem Kopf in den Wolken, was?«

»Halts Maul, alter Mann.« Gresa klopfte sich den Schmutz von der Hose. »Ich hasse diesen verfluchten Wald.«

Von hinten schlossen die Brüder Vinis und Farlon auf. »Was ist denn los?«, fragte Vinis, der jüngere der beiden.

Maaro drehte sich zu ihnen um. »Der Kleine ist gestolpert.« Seine Stimme klang unverhohlen verächtlich. Gresa hasste das. Er war sicher, dass Maaro ihn die nächsten zehn Sommer noch »der Kleine« nennen würde, obwohl er längst mit den anderen auf dem Feld schuftete.

Das Knacken von Holz nicht weit von ihnen brachte sie umgehend zum Schweigen.

Ängstliche Blicke, doch siesahen lediglich ein Weidenhörnchen einen Stamm hinaufhuschen.

»Ihr seid zu laut mit eurem Gestolper«, zischte der Alte. Er war der Einzige von ihnen, der jemals in den Wald eingedrungen war. Niemand der Dorfbewohner wagte sich in die Düsternis hinein.

Sie lauschten, doch außer dem Gezwitscher der unzähligen Vögel in den Baumkronen war alles still.

Ständig zittern sie alle, dachte Gresa bei sich, und wissen nicht, wovor. Maaro hatte ihm einmal, als er bessere Laune gehabt hatte, von seinen Ausflügen in den Wald erzählt, aber alles, was bedrohlich und furchteinflößend geklungen hatte, war stets im Schatten verborgen geblieben. Nichts war greifbar, nie hatte der Alte Genaues zu den Wesen erzählt, die zwischen den Stämmen umherstreiften. Und doch – die Narbe, die sich von der Stirn bis zum Mundwinkel über Maaros Gesicht zog, zeugte davon, dass der Alte schon einer der Kreaturen des Waldes Auge in Auge gegenübergestanden hatte. Nur mit viel Glück hatte er diese Begegnung überlebt.

Farlon übernahm die Führung. Er wollte Entschlossenheit zeigen, wie Gresa vermutete. Je tiefer sie dem schmalen, überwucherten Pfad in den Wald folgten, desto häufiger verzog Maaro das Gesicht. Er musste Schmerzen haben und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Doch Gresa wusste, dass es mit der Narbe zu tun hatte und dass es schlimmer wurde mit jedem Schritt, den sie tiefer in den Wald eindrangen – das hatte Maaro ihm damals erzählt. Als wären die Schmerzen, die von der Narbe ausgingen, mit den Pflanzen und Tieren ringsum verbunden.