Face Henning - Mathias Ernst Geyer - E-Book

Face Henning E-Book

Mathias Ernst Geyer

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Beschreibung

"Du kannst mich doch hier nicht halb tot hängen lassen!""Nein Kleiner, nicht halb tot!"Karl Henning hat ein aufregendes und gefährliches Leben gelebt. Damals hatten ihn alle nur "Face" genannt, und sowohl Freunde als auch Feinde hatten ihm immer den Respekt entgegengebracht, der ihn stolz gemacht hatte. Jeder, der ihm den streitig machte, bekam ernsthafte Probleme.Nun wurde er dafür als zu alt befunden und findet sich in der normalen Gesellschaft wieder. Hier spielt gegenseitiger Respekt oft keine große Rolle. Aber diejenigen, die es ihm gegenüber an Achtung fehlen lassen, haben keine Ahnung, mit wem sie sich da anlegen. Er reagiert gründlich, erbarmungslos und tödlich!Doch schließlich macht er einen Fehler…

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

1
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6

FACE HENNING

von

Mathias Ernst Geyer

Berlin

2016

Face Henning
von Mathias Ernst Geyer
© 2016 Mathias Ernst Geyer

1

 

Die Schlange in der Post in Berlin-Reinickendorf reichte hinaus bis auf die Straße. So war das oft. Natürlich war ein Postamt, das gleichzeitig auch Standort der Postbank war, vor den Feiertagen, oder auch zum Monatswechsel voll. Nachdem die Post in den vergangenen Jahren so viele Filialen geschlossen hatte, war der Andrang auf die verbleibenden Standorte umso größer. Nach welchem statistischen Schlüssel die Filialen dicht gemacht worden waren, blieb das Geheimnis der Geschäftsleitung. Jedenfalls war inzwischen quasi immer Andrang, und für einen einfachen Postbesuch musste man gehörig Zeit einplanen. Hinzu kam, dass von den verfügbaren Arbeitsplätzen am Kundentresen höchst selten alle Plätze mit Mitarbeitern besetzt waren. Wer auch immer das so geplant hatte, er nahm lange Wartezeiten für die Kunden offensichtlich bewusst in Kauf. Während der Wunsch nach Kundenzufriedenheit und die überragende Kompetenz des Unternehmens dem Kunden von diversen Plakaten im Kundenraum entgegenstrahlte, war das tatsächliche „Posterlebnis“ ein ganz anderes.

Die Kunden, die sich nun gezwungenermaßen auf wenige Standorte konzentrierten, machten aus ihrem Unmut darüber keinen Hehl. Dementsprechend war die Stimmung auch heute recht aufgeladen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die viel zu wenige waren, konnten natürlich nichts für die seltsame Unternehmensstrategie, bekamen den Unmut ihrer Kunden jedoch deutlich zu spüren.

Bisweilen lagen auf beiden Seiten des Tresens die Nerven blank. Zwar beschränkten sich die meisten Kunden darauf, ihr Anliegen nach der erduldeten Wartezeit zügig zu erledigen, aber viele verfielen schon während des Anstehens ins Schimpfen und wenn sie an der Reihe waren, wollten sie vor allem erst einmal wissen, was sich das Unternehmen bei der Schikane dachte. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hingegen versuchten jedem einzelnen Kunden mit gleichbleibender Konzentration und Freundlichkeit zu begegnen. Mit dem Fortschreiten des Tages wurde dies jedoch zunehmend schwierig.

Martina Schenker war seit fünfzehn Jahren bei der Post, hatte zunächst bei einer kleineren Filiale gearbeitet und war im Zuge der Umstrukturierung nun hier im Kundenzentrum gelandet. Die Sechsundvierzigjährige war für den Bankbereich zuständig. Früher hatte sie ihren Beruf sehr gerne gemacht, aber in letzter Zeit empfand sie sich eigentlich gar nicht mehr als Dienstleisterin, sondern eher als Abfertigerin von Kunden. Für nichts hatte man mehr Zeit, und der ständige Andrang in Kombination mit der Unzufriedenheit der Kunden hatte sie mürrisch gemacht. Viele Kunden empfand sie nur noch als nervig, und es kam schon mal vor, dass sie die Augen verdrehte, wenn jemand noch eine Extrafrage hatte oder irgendetwas nicht gleich verstanden hatte. Andere Kollegen kamen mit dem entstehenden Druck besser klar. Martina Schenker war klar, dass sie mit ihrer Ungeduld früher oder später anecken würde. Dann würde sie zur Chefin ins Büro gebeten werden und gehörig zusammengebürstet werden. Sie hätte gerne eine andere Beschäftigung gehabt, wusste jedoch, dass das nicht so einfach war. Im Rahmen der Umstrukturierung waren viele Stellen abgebaut worden, und sie war auch nicht mehr im richtigen Alter, um noch einmal ganz woanders neu anzufangen. Sie empfand es als sehr frustrierend, dass die Arbeit täglich immer mehr zu einem Durchhalten wurde.

Heute war Dienstag, und der Andrang war da, seitdem die Post um 9 Uhr ihre Pforten geöffnet hatte. Schon seit 8.30 Uhr hatten die ersten Leute draußen gestanden, und als dann geöffnet wurde, gab es auch gleich Auseinandersetzungen darüber, dass die Warteschlange am Tresen dann auch bloß die gleiche Reihenfolge hatte, wie die, die es vorher draußen gegeben hatte. Sofort standen also etwa 20 Kunden in einer Reihe vor Martina Schenkers Schalter, und davon funkelten sich einige ziemlich böse an, weil sie glaubten, überholt worden zu sein. Nachdem der erste Ansturm abgearbeitet war, pendelte sich die Länge der Schlange bei etwa zehn Leuten ein. Gegen Mittag wurden es wieder mehr. Sie hatte an diesem Tag Dienst bis 17 Uhr. Das bedeutete, dass sie den großen Feierabend-Run heute nicht miterleben würde. Das war zwar eine gute Aussicht, aber die Stunden, die noch vor ihr lagen, wollten auch bewältigt werden.

„Mensch, das dauert aber lange bei Ihnen!“, „Das ist vielleicht ein Saftladen hier!“, oder auch „So wie hier gearbeitet wird, möchte ich mal Urlaub machen!“, bekam sie ungefähr von jedem vierten Kunden zu hören. In der Pause konnten sich die Kolleginnen auch nur über das übel gelaunte Publikum austauschen. Nach und nach wurde Martina immer angespannter. Zwar waren die meisten Kunden einfach nur an der Erledigung ihrer Geschäfte interessiert und waren dabei sogar freundlich, aber die ungemein negative Stimmung des offensichtlich verärgerten Teils der Kundschaft übertrug sich mehr und mehr auf sie. Sie erwiderte kein Lächeln mehr und ersetzte ein freundliches „Was kann ich für Sie tun?“ durch ein forderndes „Ja bitte!?“. Ein Kunde erschien mit einem Karton voll Münzgeld und wollte die Summe auf sein Konto einzahlen. Sie blickte ernsten Blickes in den vollen Karton. „Tut mir leid, müssen’se rollen!“, lautete ihre Antwort und sie packte ihm noch ein Stäpelchen Münzwickelpapier auf seinen Karton. Ohne weitere Erklärung sah sie an ihm vorbei: „Nächster bitte!“. Etwas verwirrt zog der Kunde mit seinem Karton weiter.

Sie stützte sich auf ihrem Tresen auf und rief ihrer Kollegin am Nachbartresen zu: „Mensch Conni, das ahnt ja keiner, wie sehr ich mich nach meinem Werbellinsee sehne! Noch eineinhalb Wochen!“

Die angesprochene Cornelia Müller grinste kurz zurück und wies dann mit den Augen auf Martinas nächsten Kunden, der am Rande der Diskretionszone stand, auf seinen Aufruf wartete und milde über ihren Ausspruch lächelte.

Hinter ihm stritten zwei Kunden gerade lautstark darum, wer von beiden gerade vorgedrängelt hatte. Während der Kunde, ein älterer Mann mit kurzen weißen Haaren davon völlig unbeeindruckt blieb und näher an den Tresen herantrat, war Martina schon wieder abgelenkt und herrschte an ihm vorbei in Richtung der Streithähne, sie mögen sich bitte draußen weiter streiten. Dann wieder zu ihrem Kunden gewandt: „So, was möchten Sie?“

„Guten Tag. Ich möchte gerne ein Konto bei Ihnen eröffnen.“, erwiderte dieser höflich.

Martina blickte in zwei freundliche Augen, die so gar nicht zur sonstigen Umgebung zu passen schienen. Ein Konto zu eröffnen würde jetzt ein Weilchen dauern. „Das hat mir ja gerade noch gefehlt! Mein Gott, warum grinst der Alte eigentlich so dämlich? Macht der sich hier über mich lustig, oder was?, dachte sie und ließ das Lächeln ihres Kunden unbeantwortet. Sie sagte: „Wie wär’s denn, wenn Sie die Kontoeröffnung online vornehmen? Das ist doch viel bequemer!“

„Oh, wissen Sie, ich habe gar kein Internet!“

„Auch das noch, ein Hinterwäldler!“, dachte Martina, sagte aber: „Oh, das ist schlecht, heutzutage läuft doch alles über das Internet! Also passen Sie auf, kommen Sie doch morgen gegen 11 Uhr wieder, da haben wir dann etwas mehr Zeit für die Kontoeröffnung. Das dauert nämlich eine Weile!“

„Das macht nichts, ich habe jetzt Zeit!“, entgegnete der Mann.

„Ja, das kann ich mir vorstellen, aber Sie sehen ja wohl, was hier los ist. Wenn ich mir jetzt hier für einen einzigen Kunden eine Viertelstunde Zeit nehme, dann stehen die Leute hier bis auf die andere Straßenseite!“

„Aber ich bitte Sie, ich habe doch auch angestanden wie alle anderen. Es kann doch für Sie kein so ungewöhnliches Anliegen sein, dass jemand ein Konto eröffnen möchte. Außerdem…“, sein Gesicht lächelte inzwischen nicht mehr: „…wieso können Sie sich vorstellen, dass ich Zeit habe?“

Martina schien nun alles, was Sie eigentlich an natürlicher Freundlichkeit in sich trug und was sie in allen möglichen Kursen zum Thema Kundenkommunikation gelernt hat, vergessen zu haben und sagte: „Naja, in Ihrem Alter hat man doch wohl immer Zeit, oder?“ Martina musste über Ihre eigene Bemerkung laut lachen. „Na kommen Sie, Spaziergang hier, Entenfüttern da… da müssen Sie doch nicht ausgerechnet dann herkommen, wenn alle Berufstätigen auch kommen, oder?“ Als sie wieder aufsah, hatten die Augen des Mannes jegliche Freundlichkeit verloren.

„Sind Sie wirklich der Meinung, dass Sie mir so begegnen sollten?“, fragte er.

Giftig erwiderte Martina: „Ich mache hier nur meinen Job.“

„Ich denke, ich eröffne mein Konto bei einer anderen Bank!“, sagte er mit dunkler Stimme und ging. Nach drei Schritten drehte er sich plötzlich noch einmal um und fragte Martina: „Sind Sie sich wirklich sicher, alles richtig gemacht zu haben?“

Sie stutzte. Dass Kunden laut zeternd die Filiale verließen kam schon mal vor, aber der hier verhielt sich irgendwie anders. Für den schien das ganze eine Angelegenheit zwischen ihm und ihr geworden zu sein. An besseren Tagen wäre es gar nicht erst so weit gekommen. Doch heute ignorierte sie den Umstand, dass sie jemanden beleidigt hatte und verzog nur genervt das Gesicht. Laut sagte sie: „Nächster bitte!“

Er wandte sich ab und ging vorbei an den noch immer laut streitenden Kunden in Richtung Ausgang.

Martina war gerade mit ihrem nächsten Kunden beschäftigt, als ihr Blick zum Eingang der Filiale fiel. Zwischen all den Menschen, die in den verschiedenen Schlangen für die Schalter, die Geldautomaten oder Kontoauszugsdrucker anstanden, auf bereits Anstehende warteten oder an einem Pult eine Überweisung ausfüllten, stand der weißhaarige Mann und sah sie an. Sie erschrak beinahe ein wenig, denn so freundlich er anfangs auch gewesen sein mag, nun lag in seinen Augen nichts als Kälte, die bis zu ihr hinzureichen schien. Was sollte das?

Wenngleich sie die Reaktion des Mannes auch durchaus irritierte, wandte sie sich trotzdem ihrem nächsten Kunden zu. Sie nahm eine Einzahlung auf ein Konto vor und während der Computer die Eingabe bearbeitete, sah sie noch einmal kurz in Richtung Eingang. Der Mann war verschwunden. „Na endlich!“, dachte sie noch, als eine Kollegin sie auf die Schulter tippte „Tina, kommst Du mal kurz?“.

Es war Cornelia Horn, die am Nachbartresen arbeitete, und die sie nun halb hinter die Rückraumregale und damit außer Sicht der Kundschaft und der anderen Kollegen zerrte: „Sag mal, was ist denn bloß mit Dir los? Ich habe das mit Deinem Kunden eben mitbekommen! So kannst Du doch nicht mit den Leuten reden!“

Martina schüttelte den Kopf: „Ach Mensch, die gehen mir heute alle total auf den Geist!“

„Also eins sage ich Dir, Tina: Wenn die Wegener so was mitkriegt, dann macht die Dich zur Schnecke!“ Gemeint war Frau Wegener die Zentrumsleiterin, die gegenüber den Mitarbeitern nicht müde wurde, Freundlichkeit und Verbindlichkeit im Umgang mit den Kunden zu predigen.

Martina verdrehte die Augen und sagte: „Jaaa, Du hast ja Recht. Das war blöd von mir. Ich passe jetzt besser auf. Na los, komm zurück in unser Hamsterrad!“ Damit kehrten beide zurück an ihre Tresen zurück. Und Martina rief so laut, dass Cornelia es hören konnte: „Darf ich bitten? Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“

Cornelia musste grinsen und rief ihrerseits den nächsten Kunden auf.

Auch dieser Arbeitstag ging für Martina Schenker gegen 17 Uhr zu Ende. Die Ermahnung durch ihre Kollegin hatte geholfen. Für den Rest des Tages hatte sie sich zusammengerissen. Glücklicherweise hatte die Leitung nichts von ihrem Stimmungstief bemerkt.

Als sie hinaus auf den Parkplatz zu ihrem Auto ging, blieb sie kurz stehen und atmete tief ein. Der Abend gehörte nun ihr, und sie verdrängte den Gedanken an den nächsten Tag, der kaum anders aussehen würde als der heutige. Sie stieg ein und fuhr nach Hause. Noch eineinhalb Wochen, dann hatte sie zwei Wochen Urlaub.

An den folgenden Tagen versuchte sie sich mit diesem Gedanken aufzumuntern, aber der tägliche Umgang mit viel zu vielen und vor allem missgelaunten Kunden brachte sie immer wieder aus dem Takt. Drei Tage vor ihrem Urlaub geschah dann, was ihre Kollegin vorausgesehen hatte. Martina war gerade dabei, einem Kunden zu erläutern, dass sie Mitarbeiterin der Post ist und keine personifizierte Meckerecke, als sie bemerkte, dass jemand hinter ihr stand. Frau Wegener sah sie mit scharfem Blick an, schob Martina beiseite und erklärte dem Kunden, dass selbstverständlich all seine Wünsche sofort erfüllt würden. Zu Martina gewandt sagte sie leise: „Sie erledigen das hier bitte sofort. Ich veranlasse, dass Sie schnellstmöglich abgelöst werden. Und dann kommen Sie bitte umgehend in mein Büro!“ Martina Schenker nickte ernst. Erklärungen oder gar Widerspruch waren jetzt hier fehl am Platze.

In der Tat stand wenige Minuten später eine Kollegin bereit, um sie abzulösen. Martina atmete tief durch und machte sich auf den Weg zu Frau Wegeners Büro im ersten Stock. Ihrem Anklopfen folgte ein scharfes „Herein!“. Was dann folgte war eine von Frau Wegeners gefürchteten Standpauken. Das wiederholte Fehlverhalten Martinas wurde mit gewählten Worten beschrieben, nein… ihr um die Ohren gehauen, und auf ihr Versprechen hin, dass so etwas nie wieder vorkommen würde, gab sich Frau Wegener damit zufrieden, diese Ungeheuerlichkeit „nur“ mit einer schriftlichen Abmahnung zu ahnden. Nach einer Viertelstunde kam Martina Schenker wieder aus dem Büro ihrer Chefin. Ihre Knie zitterten und sie schaffte es gerade noch, Frau Wegeners Tür zu schließen, bevor ihr eine erste Träne die Wange herunterrollte. Als sie eine Treppe tiefer wieder ankam, musste sie ihre Kollegen nicht erst großartig erklären, was geschehen war. Sie hatte noch zwei Stunden zu arbeiten und wurde ungefragt in eines der hinteren Zimmer zum Sortieren von Anträgen gesetzt. An Tresendienst war jetzt nicht mehr zu denken, denn die Tränen liefen nun stetig. Cornelia kam kurz herein und umarmte Martina: „Wie ging es aus?“, fragte sie.

„…schriftliche Abmahnung!“, antwortete Martina mit tränenerstickter Stimme.

Auch die letzten zwei Stunden gingen vorbei. Schon bald hatte sie sich halbwegs beruhigt und die langweilige Tätigkeit ging ihr gut von der Hand. „Hauptsache für heute keine Kunden mehr!“, dachte sie sich, und war ihren Kolleginnen, die vorne ihren Tresendienst mit machten, sehr dankbar. Als sie schließlich die Filiale verließ und hinaus auf den Parkplatz ging, war sie dennoch einigermaßen erschöpft. Die Abmahnung, die sie nun demnächst im Postkasten finden würde, machte ihr durchaus Angst. Zwar war es ihre erste, aber wenn Frau Wegener einen erst mal im Visier hatte, dann konnten die beiden anderen, die das Unternehmen für eine Entlassung brauchte, schnell folgen. Dann würde die Post eine jüngere und damit billigere Mitarbeiterin einstellen, und sie hätte es verdammt schwer, etwas Neues zu finden. Mit ihren 46 Jahren befand sie sich immerhin schon am Rande der schweren Vermittelbarkeit. Und ein lupenreines Zeugnis würde sie nach drei Abmahnungen gewiss auch nicht bekommen. Martina fühlte schon wieder leise Panik in sich aufsteigen, stieg in ihren Wagen und atmete erst einmal tief durch. Sie beschloss, für diesen Tag nicht mehr an Frau Wegener oder an nörgelnde Kunden zu denken. Auch nicht an diesen alten Mann, der sie nach der Auseinandersetzung mit ihr so seltsam angestarrt hatte.

Was sie nicht ahnte war, dass dieser weißhaarige Mann wiederum sehr konzentriert an sie dachte, als er sie aus einiger Entfernung von seinem alten grünen VW Passat Kombi aus beobachtete.

Sie ließ den Motor an und fuhr vom Parkplatz. Für einige Besorgungen, die sie noch für die Reise zu machen hatte, fuhr sie in das Märkische Zentrum, einem Reinickendorfer Einkaufszentrum. Dort kaufte sie unter anderem einen Badeanzug, Bücher, ein großes Handtuch und ein Paar Sportschuhe. Für ihren Beobachter waren dies Bestätigungen dafür, dass sie tatsächlich in nächster Zeit in den Urlaub fahren würde, wie sie es in der Postfiliale für ihn als Kunden ebenfalls hörbar angekündigt hatte. Sogar das Ziel hatte sie genannt. Ihr anschließender, spärlicher Lebensmitteleinkauf ließ für ihn die Vermutung zu, dass sie alleine lebte, was ja stimmte.

Sie bekam nichts davon mit, dass ihr Verfolger sich in kürzester Zeit ein Bild über ihr Leben machte und über das, was sie in nächster Zeit vorhatte. Das verlangte ihm nicht viel Aufwand ab, denn er hatte solche Observierungen schon oft gemacht, …damals.

 

An den letzten zwei Tagen vor dem Urlaub präsentierte sich Martina mit mustergültiger Freundlichkeit gegenüber der Kundschaft. Öfter als sonst erschien Frau Wegener unten im Kundenbereich, um nach dem Rechten zu sehen. Doch Martina bot ihr keinerlei Angriffsfläche und behandelte ihre Kunden alle gleichermaßen höflich und zuvorkommend. Dann war es soweit. Sie verabschiedete sich Freitagnachmittag von allen und ging dann hinaus zu ihrem Auto auf dem Parkplatz. Am liebsten wäre sie gerannt, aber wie hätte das ausgesehen?

Als sie dann die Wagentür hinter sich geschlossen hatte, nahm sie das Steuer fest in beide Hände und freute sich. Zwei Wochen lang keine irren Kunden, keine Frau Wegener und niemand, der irgendetwas von ihr wollte. Zwei Wochen lang würde sie nun am Werbellinsee in Brandenburg verbringen und es sich gut gehen lassen. Sie musste erleichtert lächeln und glaubte zu spüren, wie die Erholung schon alleine durch diese Aussicht begonnen hatte. Martina Schenker startete den Motor an und fuhr nach Hause.

Einen Tag später ging es morgens los. Sie hatte es nicht eilig und nach etwa zwei Stunden war sie in Wildau am Werbellinsee in ihrer Pension angekommen. Sie brachte ihre Sachen in ihr Einzelzimmer und ging dann sofort hinunter an den See. Der See war etwa neun Kilometer lang und Wildau lag am südwestlichen Ende. Das Wetter war herrlich und das Wasser hatte jetzt, Anfang Juli, eine durchaus annehmbare Temperatur.

Auch wenn die paar Orte am Werbellinsee durchaus auf städtische Naherholungstouristen setzten, gab es davon jedoch nur eine sehr überschaubare Zahl. Da gab es alleine in Brandenburg sicherlich lohnendere Ziele.

Für Martina Schenker war dieser Ort jedoch der Inbegriff für Erholung. Sie war schon öfters hier gewesen und hatte hier Entspannung gefunden. Das, was hier geboten wurde, reichte ihr völlig aus. Noch am selben Nachmittag nach ihrer Anreise setzte sie sich in ein schönes Gartenlokal mit Blick auf den See, wo sie sich einen großen Eisbecher bestellte. Sie konnte nicht vermeiden, noch kurz über die scharfen Blicke nachzudenken, die Frau Wegener ihr in den vergangenen zwei Tagen zugeworfen hatte und über die Kontrolle, unter der sie arbeiten musste, aber das war nun erst einmal bis auf weiteres vorbei!

Dass ihre Vorgesetzte allerdings bei weitem nicht ihr größtes Problem war, kam ihr überhaupt nicht in den Sinn. Vielleicht wäre ihr sonst auch der grüne Kombi aufgefallen, der etwa hundert Meter vom Lokal entfernt auf einem Parkplatz stand.

 

Am Morgen stand Martina um sieben Uhr auf und ging noch vor dem Frühstück an den See, um die wunderbare Stimmung dort zu genießen. Es war noch völlig windstill und der riesige See lag wie ein großer Spiegel vor ihr. Sie hatte eine Lieblingsstelle etwas mehr als hundert Meter nördlich von ihrer Unterkunft, wo sie sich dann auf einen umgefallenen Baum direkt am Ufer setzte und lange sitzen blieb. Um diese Zeit war es auch im Ort noch völlig still und sie genoss die Einsamkeit als erholsamen Kontrast zu ihrem beruflichen Alltag. Hinter ihr stand ein kleines Wäldchen an einer Stelle, an der das Westufer des Sees einen kleinen Vorsprung bildete.

Sie fühlte sich alleine mit „ihrem“ See, aber sie war es nicht. Aus einiger Entfernung folgten ihr zwei aufmerksame Augen, die auf jedes Detail achteten. Am ersten Tag wurde ihr Morgenritual noch von derselben Seeseite aus beobachtet, am nächsten Tag durch ein Fernglas vom gegenüberliegenden Ufer aus, das etwa 250 Meter entfernt lag.

Auch am dritten Tag ihres Aufenthaltes in Wildau lief sie noch vor dem Frühstück die paar hundert Meter zu ihrem Baum, setzte sich und ließ den Frieden des Momentes auf sich wirken. Um sich herum hörte sie nur natürliche Geräusche. Die Straße war zwar nicht weit weg, aber um diese Zeit fuhr hier noch kein Auto. Kein Mensch war zu sehen. Sie sog den Duft der Bäume ein und blickte der Sonne des noch jungen Tages entgegen. Sie betrachtete entspannt das Glitzern auf dem See. Am anderen Ufer, nördlich von ihr, blinkte zwischen den Bäumen kurz etwas auf, aber es war viel zu weit weg, um zu erkennen, was es war.

Sekunden später wurde Martina Schenker wie von einer unsichtbaren Faust nach hinten vom Baumstamm gestoßen. Als sie auf dem Boden auftraf, war sie bereits tot. Eine halbe Stunde später wurde sie von anderen Spaziergängern gefunden. Diese dachten erst, sie würde schlafen. Doch als sie näher kamen, fiel ihnen auf, dass ihre Augen offen in den Himmel starrten, und dass sich in ihrer Stirn ein kreisrundes Loch befand, aus dem ein wenig Blut heraustrat.

 

Die Polizei wurde gerufen. Die Beamten sperrten den Uferbereich weiträumig ab, und wenig später erschien sowohl die Spurensicherung als auch Kommissar Thomas Reinhard von der Mordkommission. Die Spaziergänger wurden vernommen und an dem Schlüssel, den Martina Schenker bei sich trug, konnte ihre Pension identifiziert werden. Ihr Zimmer wurde durchsucht, ebenso ihr Wagen.

Kommissar Reinhard ging neben der Leiche in die Hocke und fragte die Kollegen, die sie untersucht hatten: „Was haben wir?“

Sein in einen weißen Schutzanzug gehüllter Kollege antwortete: „Martina Schenker, 46 Jahre alt. Tod durch einen Kopfschuss. Das Geschoss ist durch die Stirn eingedrungen und hat eine enorme Austrittswunde bewirkt. Der Hinterkopf ist quasi nicht mehr vorhanden. Sie war sofort tot. Das Geschoss haben wir noch nicht gefunden. Durch den Sturz ist die genaue Flugbahn des Geschosses unklar. Doch wenn wir die Stelle betrachten, an der sie auf dem Baumstamm gesessen haben muss, so finden sich Blutspritzer, Knochen- und Gewebeteile auf der seeabgewandten Seite. Ich denke, sie hat auf den See hinausgesehen, als es passierte und ist dann rückwärts von dem Baumstamm geschleudert worden.“

Kommissar nickte und richtete sich auf. Er blickte hinüber auf das andere Seeufer. Dann rief er in Richtung des Funkwagens: „Das andere Seeufer muss gesperrt und abgesucht werden. Veranlassen Sie das!“

Sein Kollege Richard Markowicz, der gerade aus der Pension kam, in der das Opfer gewohnt hatte, ging zu ihm und berichtete, um wen es sich bei bei Martina Schenker handelte.

„Sie arbeitete bei der Post …und wird von einem Scharfschützen abgeschossen?“, fragte Reinhard.

Markowicz wunderte sich: „Wieso ein Scharfschütze?“

„Als es passierte, sah sie auf den See hinaus. Da um die Uhrzeit hier noch keine Boote unterwegs sind, bleibt nur ein Schuss vom anderen Ufer aus übrig, und mir wurde erklärt, das sei etwa einen Viertelkilometer weit entfernt. Wir suchen also einen Scharfschützen!“

Kurze Zeit später wurde das Projektil gefunden. Es hatte Martina Schenkers Schädel durchschlagen, war dann noch weitergeflogen und traf dann einen Baum, wo es stecken blieb. Es handelte sich um ein Geschoss Kaliber 7,62 mm NATO Standardmunition und die Entfernung ließ auf die Verwendung eines Präzisionsgewehrs schließen.

 

 

Genauer gesagt handelte es sich um ein M24 Scharfschützengewehr US-amerikanischer Bauart, das inzwischen in einer schwarzen Gewehrtasche verpackt war, die gleichzeitig als Rucksack zu gebrauchen war und auch alles notwendige Zubehör, wie das Zielfernrohr, den Schalldämpfer und die passende Munition enthielt. Diese Tasche lag auf dem Rücksitz des alten grünen VW Passat Kombi. Am Steuer saß der weißhaarige Mann, der in der Postfiliale, in der Martina Schenker gearbeitet hatte, vor ein paar Tagen ein Konto eröffnen wollte. Mittlerweile hatte er das Konto bei der Sparkasse eröffnet. Dort erfuhr er eine andere Behandlung – freundlicher, respektvoller!

Nach der unerfreulichen Begegnung mit Frau Schenker hatte er sich in der Post noch zusammenreißen können. Doch als er wieder alleine war, draußen im Auto, da war er außer sich vor Wut! „Das macht die nicht noch mal!“, hatte er gedacht. „Die bekommt, was sie verdient!“

Jeder andere hätte dabei an einen Brief an die Geschäftsleitung gedacht, vielleicht auch an die Zeitung, um seiner Empörung Luft zu machen und das Unternehmen zu Konsequenzen zu zwingen. Doch Karl Henning hatte da andere Vorstellungen. Seine Ordnung war gestört worden. Respekt zu erfahren war keine Frage der Höflichkeit, sondern der Lebensethik. Ein Mensch, der keinen Respekt für einen anderen Menschen aufzubringen vermag, der sagt Dir „Du kannst nichts und Du bist nichts! Es gibt Dich nicht! Genauso gut könntest Du tot sein!“

Dabei hatte er ihr die Gelegenheit gegeben, die Angelegenheit gerade zu biegen! Aber sie hatte nur das Gesicht verzogen!

Für Henning kam dies einem Angriff auf seine Person gleich. Und er hatte gelernt, sich gegen Angreifer zu wehren – so zu wehren, dass sie nie wieder angreifen würden.

Er hatte das Radio angeschaltet, das Fenster heruntergekurbelt und fuhr völlig entspannt in Richtung Westen über eine Brandenburger Landstraße. Er genoss die warme Landluft und lächelte vor sich hin. Henning war sehr zufrieden mit sich. Er hatte einen fantastischen Schuss abgegeben, und er war sich absolut sicher, dass niemand ihn dabei gesehen hatte. Er hatte peinlich darauf geachtet, keine Spuren zu hinterlassen. Alles, was man finden würde, war die Kugel, die den Kopf der Frau durchschlagen hatte. Wie zu seinen besten Zeiten. „Was man kann, das kann man eben!“, dachte er.

Er war auf dem Weg nach Hause. Für ihn war es noch immer ein recht neues Zuhause. Erst vor zwei Monaten hatte er das kleine Haus einige Kilometer nördlich von Pritzwalk bezogen. Es war veranlasst worden, dass jemand es für ihn kauft. Es lag sehr einsam am Rand eines kleinen Waldes und abseits aller auch nur etwas stärker befahrenen Straßen. So hatte er es sich gewünscht, schön einsam!

Nach über eineinhalbstündiger Fahrt durch den Norden Brandenburgs fuhr Henning nun geräuschvoll die Kiesauffahrt entlang, die zu seinem Haus führte. Das Haus war vor neunzehnhundert gebaut worden. Irgendein tapferer Landmann hatte hier draußen fern aller Nachbarn sein Glück versucht. Bevor Henning kam, hatte ein Handwerkertrupp es wieder in Schuss gebracht. Nun hatte er ein Haus mit einem großen Wohn-, einem Schlaf- und einem weiteren Zimmer, welches als Arbeitszimmer gedacht war, das er jedoch kaum nutzte. Dazu kam eine kleine Küche und ein geräumiges Bad. Das Haus war unterkellert, und neben dem Raum, in dem die Heizung untergebracht war, gab es noch zwei weitere Räume, in denen er sich besonders häufig aufhielt. Neben dem Haus stand außerdem noch eine große Scheune, in der er den Wagen abstellte, wenn er ihn nicht brauchte.

Er brachte den Kombi vor seiner Haustür zum Stehen und stieg aus. Dann öffnete er die hintere Wagentür und nahm die Tasche mit dem Gewehr vom Rücksitz. Er schloss seine Haustür auf und trug es die Treppe hinunter in einen der beiden Kellerräume. Dort legte er die Tasche auf den großen Tisch mitten im Raum und ging dann wieder hinauf in die Küche. Er drehte den Wasserhahn auf, ließ das Wasser einige Sekunden lang laufen und füllte dann eine große Glaskaraffe. Mit der Karaffe in der einen Hand und einem Glas in der anderen ging er wieder hinunter in den Keller. Dort stellte er beides neben die Gewehrtasche und goss sich ein Glas Wasser ein. Anschließend trat er an eines der Regale und entnahm ihm alles, was er zum Putzen der Waffe benötigte. Dann öffnete er die Tasche und holte das Präzisionsgewehr heraus. Er setzte sich auf einen Stuhl und begann dann, die Waffe mit geübten Händen völlig auseinanderzunehmen. Akribisch reinigte er jedes einzelne Teil und ölte die beweglichen Bereiche sorgfältig mit Balistol ein. Während er das tat, dachte er über die letzten Tage und Stunden nach. Mit der Waffe, die er gerade reinigte, hatte er einen Menschen umgebracht – und er war tief zufrieden damit. Er hatte die Dinge wieder in Ordnung gebracht. Alles war wieder in Ordnung! Er hatte gute Vorarbeit geleistet. Natürlich war es vorteilhaft, dass die dumme Gans ihre Absicht, Urlaub zu machen und obendrein auch noch das Ziel quer durch die Postfiliale posaunt! Das hatte vieles leichter gemacht, aber er hätte es auch so herausbekommen. Außerdem eröffnete eine Gegend wie der große See und der umgebene Wald äußerst günstige Möglichkeiten, um jemanden zu töten und anschließend spurlos zu verschwinden. Wäre sie in Berlin geblieben, hätte er das anders machen müssen. Aber eines war sicher: das Ergebnis wäre das gleiche gewesen. Doch so, wie das nun gelaufen war, war es gut! Kein Wind und bestes Licht! Gute Vorarbeit und zum Ende ein wunderbarer Schuss!