Meddi Müller
Fahrgemeinschaft
Ein Frankfurt-Krimi mit Shaft und Grotte
Frankfurt-Krimi
Inhaltsverzeichnis
Fahrgemeinschaft
Wertloses Leben?
Der Neue
Aus gutem Hause
Armes reiches Mädchen
Leichenschau
Rätsel
Familie
Der Vater
Der Bruder
Fjodor
Aufgabenverteilung
Wohngemeinschaft
Detektivarbeit
Spurensuche
Erkenntnisse
Sichtweisen
Geschwisterliebe
DNA
Steuerschlupflöcher
Schicksalsschläge
Reichtum
Schieflage
Nachbarschaft
Versuchungen
Verstrickungen
Konkurrenz
Nachhilfe
Tipps
Epilog
Impressum
Orientierungsmarken
Title Page
Inhaltsverzeichnis
Wertloses Leben?
Christian Köhler war froh, endlich wieder im Büro zu sein. Er hasste Urlaub. Es war ihm zuwider, auf der faulen Haut zu liegen. Bei seinem Kontostand wäre es ihm zwar vergönnt, trotz seiner jungen Jahre den Rest seines Lebens in Saus und Braus auf einer eigenen Insel zu verleben, aber das wollte er nicht. Er war Polizist aus Überzeugung. Dies war sein Anteil an einer funktionierenden und gerechten Gesellschaft. Dafür stand er gerne morgens auf. Gut, er gönnte sich auch ein paar Extravaganzen. So zum Beispiel seinen Mercedes DB 300 SL W 198, Baujahr 1957 in Lackschuhschwarz, den er über alles liebte und wie seinen Augapfel hütete. Auch sein exklusiver Kleidungsstil zeichnete ihn aus: Maßanzüge, Maßschuhe und Socken, in die seine Initialen eingearbeitet waren. Selbst maßgeschneiderte Unterhosen fanden sich in seinem Schrank.
Trotz alledem lebte er noch immer bei seiner Mutter im Stadtteil Harheim im ländlichen Frankfurter Norden. Hier galt er mit seiner Hautfarbe auch im einundzwanzigsten Jahrhundert als Exot, denn in diesem Stadtteil waren schwarze Menschen ebenso selten wie gesunde Tauben auf der Zeil.
Köhler stand in der Raucherecke auf einem schmucklosen Balkon im Frankfurter Polizeipräsidium. Es war noch sehr früh an diesem Spätsommermorgen. Fröstelnd schlug er den Kragen seines Jacketts hoch und rieb sich die Oberarme.
»Na«, ertönte die Stimme seines Kollegen Schmidt. »In Afrika ist es nicht so kalt.«
»Keine Ahnung, ich war noch nie in Afrika«, gab Köhler ungerührt zurück und nahm einen Zug aus seiner Zigarette. Über den latenten Rassismus sah er geflissentlich hinweg. Ansprachen wie diese gehörten zu den alltäglichen Frotzeleien unter Kollegen. Köhler schoss sogleich zurück: »In Texas sind es jetzt bestimmt dreißig Grad.«
Schmidt, der im Begriff war, sich ebenfalls eine Zigarette anzuzünden, hielt mitten in der Bewegung inne und schien nachzudenken. Köhler half ihm dabei, indem er den Blick auf die Cowboystiefel seines Kollegen richtete.
»Blödmann«, murmelte Schmidt und vollendete das Entzünden der Zigarette.
»Ich hab nicht angefangen.«
Schmidt inhalierte den ersten Zug bis in die letzten noch funktionsfähigen Alveolen, blies den Rauch aus und fragte: »Und? Wie war der Urlaub?«
»Zu lang.«
Schmidt schüttelte den Kopf. »Du bist echt der Einzige, den ich kenne, der seinen Urlaub als Zwang empfindet.«
»Ich mag es halt nicht.« Köhler nahm einen letzten Zug und drückte die Kippe im Aschenbecher aus.
»Du könntest dir die ganze Welt ansehen«, bohrte Schmidt weiter. Sehnsuchtsvoll ließ er seinen Blick in die Ferne schweifen. »Wenn ich deine Kohle hätte …«
»Hast du aber nicht«, warf Köhler ein.
»Aber wenn ich sie hätte …«
»Was dann?«
»Würde ich mir die Welt anschauen.«
»Mach doch!«
Schmidt warf Köhler einen tadelnden Blick zu. »Hast du mir nicht zugehört?«
»Du bist Polizeibeamter im gehobenen Dienst. Dein monatliches Grundgehalt ist so hoch wie das Jahreseinkommen einer Putzfrau.«
»Jetzt übertreibst du aber.«
»Du weißt, was ich meine.«
Schmidt hob abwehrend die Schultern und drückte seine Kippe aus. »Und? Was soll mir das sagen?«
»Dass du deine Finanzen besser in den Griff bekommen musst, wenn du mit fast viertausend Euro im Monat nicht klarkommst.«
»Ich hab Kosten.«
»Die haben wir alle.« Köhler trank einen Schluck Kaffee, bevor er weitersprach. »Und da du bei deiner Mutter wohnst, kannst du keine allzu hohen Kosten haben.«
»Ach leck mich doch, Shaft!« Schmidt gingen die Argumente aus. Er wandte sich zum Gehen. »Ich hab zu tun.«
»Das ist ja mal was ganz Neues.«
Schmidt verharrte in der Bewegung und starrte Köhler wütend an. »Es ist gerade mal halb acht und du hast mir schon die Laune verhagelt. Herzlichen Dank!«
»Gern geschehen.«
»Arschloch!«, raunzte Schmidt und verließ die Raucherecke. In der Tür begegnete er Sabine Grotewohl. Grußlos stapfte er an ihr vorbei.
»Guten Morgen, Herr Schmidt!«, rief sie ihm vorwurfsvoll nach.
»Leck du mich auch.« Er kam noch mal zurück und zeigte mit dem Finger auf Köhler. »Auch du wohnst ja wohl bei deiner Mutter!«
Grotewohl sah hinüber zu Köhler. Die Oberkommissarin war klein und wirkte zerbrechlich. Ihr hübsches Gesicht und die verspielt frisierten blonden Haare täuschten darüber hinweg, wie sie wirklich war. Grotewohl war nämlich eine passionierte Nahkämpferin, die bereits viele männliche und weitaus größere Kontrahenten auf die Bretter geschickt hatte. Sie lebte mit ihrer Frau Leonie zusammen. Das Paar hatte sich im letzten Jahr dazu entschlossen, ein Kind zu bekommen. Leonie hatte sich deshalb künstlich befruchten lassen. Inzwischen war sie im achten Monat schwanger, was Grotewohl so manches Mal dazu brachte, in Angst vor der Zukunft zu erstarren. Sie war launisch, aufbrausend, aber genauso schnell wieder versöhnt. Mit Köhler verband sie auch privat eine enge Freundschaft. Sie wollte sich eigentlich schon lange das Rauchen abgewöhnt haben, kam aber nicht davon los. Leicht fröstelnd stand sie neben Köhler, der sie um fast dreißig Zentimeter überragte. Ihr Blick unterstrich die Frage, die im Raum stand.
»Schmidt hat einen blöden Afrikawitz gemacht, da hab ich ihm erklärt, dass er nicht mit seinem Geld umgehen kann.«
»Tja.« Grotewohl schmunzelte. »Fang keinen Krieg an, den du nicht gewinnen kannst.« Sie holte eine Zigarette hervor und Köhler zündete sie ihr galant an.
»Und? Wie war der Urlaub?«, wiederholte Grotewohl Schmidts Frage.
»Was meinst’n?«
»Zu lang, schätze ich.«
Beide grinsten. Grotewohl zog genüsslich an ihrer Zigarette und blies kurze Zeit später den Rauch wieder aus. »Dann trifft es sich ja prima, dass wir am Nizza eine Leiche gefunden haben.«
»Sehr schön, endlich wieder böse Jungs fangen!«
»Oder Mädchen.«
»Nur ein Viertel aller Straftaten wird von Frauen begangen. Bei Mord noch viel weniger. Deshalb ist es doch eher wahrscheinlich, dass wir einen Mann jagen.«
»Das sind Statistiken, Köhler.« Grotewohl runzelte die Stirn. »Ich bin entsetzt, was die freien Tage aus dir gemacht haben. Ich glaube, du bist schon wieder urlaubsreif.«
»So?« Köhler runzelte jetzt seinerseits die Stirn. »Was hat denn der Urlaub aus mir gemacht? Da bin ich aber mal neugierig.«
»Offenbar einen Mann, der seinem Kollegen bereits am frühen Morgen die Laune verhagelt und sich seit Neuestem von Statistiken beeinflussen lässt.« Mit spitzen Fingern griff sie an sein Revers. »Und …« Sie machte eine theatralische Pause, während der sie einen imaginären Fussel in der Hand zerrieb. »… der scheinbar dem makellosen Kleidungsstil abgeschworen hat.«
Köhler war irritiert. Unwillkürlich blickte er an sich herab. Wie gewohnt war er tadellos gekleidet und keine Naht saß am falschen Fleck.
Grotewohl grinste. »Na, wie ist es, wenn der Gegner kein Volltrottel ist, der sich im Nullkommanichts hochnehmen lässt?«
Köhlers Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. »Du hast mir so gefehlt, Grotte.«
»Du mir nicht.«
Die beiden fielen sich in die Arme und klopften einander auf den Rücken wie zwei alte Haudegen.
»Willkommen zurück!«
»Schön, wieder da zu sein.«
Grotewohl presste die Lippen aufeinander und sagte: »Dann mal ab zum Nizza!«
Der Anblick war kein schöner, aber ein gewohnter. Die Frau lag in einem Gebüsch des Grünstreifens des Nizzaparks am Untermainkai, knapp fünfhundert Meter hinter dem Karmeliterkloster. Ihrer abgetragenen Kleidung, dem ungewaschenen Gesicht und den strähnigen Haaren nach zu urteilen, war sie eine Obdachlose.
»Was denkst du?«, fragte Grotewohl, die mit Köhler vor der Leiche stand, das Loch in deren Hinterkopf betrachtete und sich einen ersten Eindruck verschaffte.
Köhler hob die Schultern. »Sieht mir nach dem üblichen Pennerklatschen aus.«
»Du meinst Besoffene, die Penner verprügeln … aus Spaß?«
»So was in der Art. Passiert doch ständig.«
Der Tonfall, in dem Köhler das sagte, ließ Grotewohl aufhorchen. »Dann ist es also egal … quasi gesellschaftsfähig, nur weil es ständig passiert?«
Köhler sah seine Partnerin verdutzt an. »Was regst du dich denn gleich so auf?« Er konnte seine Verlegenheit nur schwer verbergen. »Ich habe das so nicht gemeint. Das war lediglich eine Feststellung.«
»Die Frau da«, erwiderte Grotewohl und deutete auf die Leiche, »hat eine Geschichte.«
»Was willst du mir damit sagen?« Köhler war jetzt wirklich eingeschüchtert; was selten vorkam. Grotewohls Blick ließ ihn Habachtstellung annehmen.
»Damit will ich sagen, dass wir uns genauso viel Mühe geben müssen, ihren Mörder zu finden, wie in jedem unserer Fälle. Ob es sich nun um den Vorstandsvorsitzenden der EZB oder um diese Obdachlose handelt, beide haben das volle Recht auf unsere Ermittlerkunst.« Köhler wollte gerade zustimmen, als Grotte nachlegte. »Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Frau hier im Gebüsch mehr Dreck am Stecken hat als der EZB-Chef.« Sie sah Köhler herausfordernd an.
»Na, schon was rausgefunden?«, unterbrach eine Männerstimme das Gespräch, was Köhler sehr begrüßte. Neben den beiden Ermittlern stand Sascha Ballauf, ihr Gruppenleiter. Das überraschte Köhler mindestens genauso wie Grotewohl.
»Was machst du denn hier?«, fragten sie im Chor. Und zwar derart synchron, dass Ballauf lachen musste.
»Habt ihr das geprobt, oder was?« Er schien sich über die bizarre Situation zu amüsieren. »Zweistimmiger Männerchor«, legte er nach und lachte über seinen schalen Witz.
»Sehr lustig«, erwiderte Grotewohl, der nicht entgangen war, dass der Witz auf ihre Kosten ging. »Beantwortest du jetzt auch mal unsere Frage?«
Ballauf sah sie an wie ein Dackel, der den Befehl seines Herrchens nicht verstand.
»Was machst du hier?«, half ihm Grotewohl auf die Sprünge.
»Gucken.«
Köhlers und Grotewohls Blicke sprachen Bände. Sie teilten den Frohsinn ihres Vorgesetzten nicht.
»Gehts vielleicht einen Tick konkreter?«, forderte Köhler.
»Ich war auf dem Weg ins Präsidium und habe euch hier rumstehen sehen. Das ist alles.«
»Du wohnst auf der anderen Flussseite«, gab Köhler zu bedenken.
»Na und?«
»Dein Weg zum Präsidium führt hier nicht lang.«
»Ich kann doch wohl meinen Weg selbst wählen.«
»In diesem Fall handelt es sich ja wohl eher um einen Umweg«, hielt Grotewohl fest und erhöhte damit den Druck auf ihren Vorgesetzten.
»Ich gebs ja zu«, sagte Ballauf. »Ich war neugierig zu erfahren, was die Blaulichtparade hier soll, und bin deshalb abgebogen. Ich habe es von der Untermainbrücke aus gesehen.« Er hielt kurz inne, bevor er weitersprach. »Aber das kann euch ja wohl scheißegal sein. Ich bin euer Boss und muss meine Entscheidungen nicht begründen.«
Damit hatte er recht.
»War nur so ungewohnt, dir an einem Tatort zu begegnen«, erklärte Grotewohl.
»Wenn es denn einer ist«, ergänzte Köhler.
Ballauf sah ihn fragend an. »Was lässt dich daran zweifeln?«
»Meine Erfahrung.«
Mittels eines Blickes forderte Ballauf Köhler auf, sich genauer zu erklären.
»Wir wissen nicht, ob es Mord war. Noch nicht.« Köhler zog die Schachtel Zigaretten aus der Innentasche seines Jacketts und wollte sie gerade öffnen, als Ballauf ihn anblaffte: »Wirst du wohl das Rauchen am Tatort unterlassen, du Amateur!«
Köhler sah ihn ertappt an. »Na gut.« Er wies mit dem Kopf in Richtung Alte Brücke und sagte: »Gehen wir ein Stück da rüber. Ich will jetzt rauchen.«
»Ungern«, erwiderte Ballauf, fügte sich aber dem Wunsch seines Mitarbeiters.
Wenig später standen sie am Ufer des Mains und rauchten zu dritt. Ballauf hustete beim ersten Zug und verzog das Gesicht. »Warum tue ich das nur immer wieder? Schmeckt wie Arsch.«
Köhler und Grotewohl grinsten sich an, verkniffen sich allerdings einen Kommentar.
»Also, was haben wir?«, fragte der Chef, als er sich vom schalen Geschmack der Zigarette erholt hatte, und sah Köhler fragend an.
»Eine tote Obdachlose, etwa Mitte zwanzig, Loch im Hinterkopf.«
»Zeugen?«
»Ich bitte dich …«
»Hätte ja sein können.«
»Was noch?«
Köhler fuhr fort: »Sie hatte keinerlei Papiere bei sich. Auch keine Wertgegenstände.«
»Also Raubmord?«
»Wieso gleich Mord?«, bremste Köhler.
»Weil sie sich wohl kaum selbst auf den Hinterkopf gekloppt und anschließend ausgeraubt hat«, blaffte Grotewohl. »Was stimmt mit dir nicht? Hast du ein Problem mit Obdachlosen?«
Köhler senkte betroffen den Kopf. Ja, das hatte er. Aber das konnte er schlecht zugeben. Obdachlose machten ihm Angst. Er hatte als Kind ein paar unschöne Erfahrungen gemacht und seitdem ein Problem mit dem Schlag Mensch, der unter einer Brücke lebte.
»Wer überfällt denn eine Pennerin?«, führte er an. »Da ist doch nichts zu holen.«
»Das ist kein Argument«, erwiderte Grotewohl. »Die Frau wurde erschlagen, das ist offensichtlich.«
»Haben wir schon die Tatwaffe?«, wollte Ballauf wissen.
»So weit sind wir noch nicht. Wir sind ja auch erst seit zwanzig Minuten hier.«
»Habt ihr schon jemanden losgeschickt, um die anderen Penner zu befragen? Vielleicht kennt jemand die Tote.«
»Sag doch nicht immer ›Penner‹«, keifte Grotewohl. »Das sind Obdachlose. Dabei handelt es sich um Menschen in Not, Herrgott noch mal! Ihr privilegierten Snobs haltet euch wohl für was Besseres.«
»Jetzt komm mal runter, Grotte!«, forderte Ballauf. »Ich bin immer noch dein Vorgesetzter.«
»Mir kommt es so vor, als wäre euch die Frau da im Gebüsch ziemlich egal, nur weil sie keine Wohnung hat.« Die beiden Männer wirkten bedrückt. Offenbar hatte Grotewohl es auf den Punkt gebracht. An Ballauf gewandt sagte sie: »Ich habe vorhin schon versucht, das diesem schwarzen Riesen hier zu erklären.« Sie deutete auf Köhler. »Die Tote hat eine Geschichte. Es gibt einen Grund, warum sie auf der Straße lebte. Vielleicht ergibt sich daraus sogar das Motiv für den Mord. Wir wissen nichts über sie.« Ihr Blick glitt zu Köhler. »Gerade du solltest mit deiner Hautfarbe gegen jedwede Diskriminierung eintreten.« Als ihr Partner schwieg, legte Grotewohl nach: »Ich finde es unmöglich, wie ihr mit der Tatsache umgeht, dass da eine Frau liegt, die aus dem Leben gerissen wurde; höchstwahrscheinlich gegen ihren Willen. Ihr zwei tut so, als hätte jemand eine Fliege erschlagen.« Sie schaute in die betroffenen Gesichter ihrer Kollegen. Keiner der beiden wagte es, ein Wort zu sagen. »Ich denke, die Frau wurde heimtückisch ermordet. Unser Job ist es nun, herauszufinden, wer das war. Und zwar mit aller Sorgfalt.«
»Na dann …« Ballauf wirkte ziemlich angefressen. »Find’s heraus!« Er wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um. »Ach, übrigens, ihr bekommt einen neuen Mann. Er ist gerade mit der Ausbildung fertig geworden. Nehmt ihn unter eure Fittiche und macht einen guten Bullen aus ihm.«
»Wer ist es denn?«
»Sven Brauer. Er wartet in eurem Büro auf euch.«
Ballaufs Telefon klingelte. Er holte es aus seiner Jackentasche. Beim kontrollierenden Blick auf das Display verzog er das Gesicht. Er trat ein paar Schritte zur Seite und nahm das Gespräch an.
»Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du mich nicht auf meinem Diensthandy anrufen sollst! Was genau davon verstehst du nicht?«, blaffte er ins Handy und entfernte sich noch ein paar Schritte.
Grotewohl und Köhler grinsten sich an. Sie vermuteten, dass Ballauf wie so oft Stress mit seiner Frau hatte.
Der Neue
Als Grotewohl und Köhler in ihr Büro kamen, saß Brauer bereits voller Eifer an seinem Schreibtisch und tippte mit flinken Fingern in die Tastatur seines PCs.
»Sieh an!«, rief Grotewohl statt einer Begrüßung. »Hat der Junge es doch tatsächlich geschafft.«
Brauer sah von seiner Arbeit auf und grinste bis zu den Ohren. In einer fließenden Bewegung schob er seinen Stuhl von sich und stand stramm. »Jawohl, Frau Hauptkommissarin!«, stieß er zackig aus.
»Den Scheiß kannst du dir schenken, Junge«, fuhr Grotewohl ihn an. »Ich bin Sabine und das da ist Christian.« Sie deutete auf Köhler. »Und wenn du in ein oder zwei Jahren in den inneren Kreis aufgestiegen bist, darfst du uns Grotte und Shaft nennen.«
Brauer schien verunsichert. »In Ordnung«, brachte er mühsam über die Lippen. Er sah sich nach seinem Stuhl um und zog ihn zu sich heran. Linkisch nahm er darauf Platz und arbeitete weiter.
Grotewohl trat neben ihn. »Was machst’n da?« Sie beugte sich vor und sah auf den Bildschirm.
Brauer stockte kurz. So viel Nähe war ihm unangenehm. Seinen Blick weiterhin nach vorn gerichtet, tippte er, was das Zeug hielt. »Statistik«, antwortete er knapp.
»Aha«, machte Grotewohl und sah ihm eine Weile zu. »Und was genau bringt uns das in unserem aktuellen Fall?« Wie sie ihre Worte betonte, ließ Brauer an seinem Konzept zweifeln.
»Ich … wenn … also …« Mehr brachte er nicht über die Lippen. Wortlos deutete er auf den Bildschirm.
»Ich höre«, setzte Grotewohl nach.
Brauer holte tief Luft. »Wenn wir alle aktenkundigen Obdachlosen auswerten und die Frauen isolieren, dann noch die Altersgruppen, die Herkunft sowie die Verweildauer in der Stadt und schließlich die Unbekannte variieren, lässt sich die Tote vielleicht schneller identifizieren.« Er machte eine Pause. »Dachte ich …«
Grotewohl und Köhler wechselten einen Blick.
»Müller, du Pfeife!«, rief Köhler durch den Raum. »Nimm dir mal ein Beispiel an unserem Frischling!«
»Waff?«, fragte Müller, der in diesem Moment aus dem benachbarten Büro kam, in der einen Hand eine dampfende Tasse Kaffee und in der anderen einen angebissenen Muffin.
»Der Neue hat mehr drauf als du«, ergänzte Grotewohl.
Brauer errötete und Müller hörte auf zu kauen.
»Also, ich … habe nur meinen Job gemacht«, versuchte Brauer seine Verlegenheit zu überspielen. Es war ihm sichtlich unangenehm, zwischen die Fronten geraten zu sein.
»Nee, nee, Junge.« Köhler schlug ihm anerkennend auf die Schultern. »Das hast du echt klasse gemacht. Frischer Wind tut uns ganz gut. Der bläst nämlich schön durch.«
»Wo er recht hat, hat er recht«, bekräftigte Grotewohl. »Auch wenn ich es weniger anzüglich formuliert hätte.«
»So war das natürlich nicht gemeint!« Bewusst übertrieb Köhler die Empörung.
Brauer war inzwischen tiefrot im Gesicht.
Grotewohl lachte dreckig, während Müller in seinen Muffin biss, verständnislos den Kopf schüttelte und sich auf die Ecke von Brauers Schreibtisch setzte.
»Jetzt mal zurück zum Alltag, meine Herren«, beendete Grotewohl die Show. »Was haben wir?«
Brauer schien erleichtert. »Also, wenn wir den besagten Algorithmus anwenden«, sprudelte es aus ihm heraus, »kommen wir auf …« Er unterbrach sich für einen kurzen Moment und sah angestrengt auf seinen Bildschirm. »… zwölf mögliche Kandidatinnen.«
Erneut wechselten Grotewohl und Köhler einen anerkennenden Blick.
»Damit kann man arbeiten«, sagte Grotewohl.
Köhler warf Müller einen Blick zu und zeigte auf den Neuen, als wollte er damit ausdrücken, dass er sich ruhig eine Scheibe von dessen Arbeitseifer abschneiden könne. Müller zog eine Schnute und nippte an seinem Kaffee.
»Gut, Junge, dann nimm die zwölf Auserwählten mal unter die Lupe.« Köhler nickte dem Neuen im Team zu. »Und wenn du alle Informationen zusammenhast, präsentierst du uns das Ergebnis und wir überlegen gemeinsam, was wir damit anstellen.«
Brauer nickte. »Ich vergleiche auch die Vermisstenkartei mit den infrage kommenden Frauen.«
»Ich liebe diesen Kerl jetzt schon«, sagte Köhler und zeigte Grotewohl seine Zigarettenschachtel – eine Geste, die sich zwischen ihnen als Aufforderung zum Rauchen etabliert hatte.
Grotewohl grinste breit und schnappte sich ihre Jacke. »Vertragt euch, ihr zwei Hübschen. Die Erwachsenen gehen mal eine rauchen.«
»Nicht schlecht, der Neue, oder?« Grotewohl blies den Rauch in die Luft. Sie stand mit Köhler in der Raucherecke des Stockwerks und erschauderte. Es war frisch geworden. Der Sommer schien gegen die ersten Zuckungen des Herbstes zu verlieren.
»Am Anfang geben sie doch alle Gas.« Köhler zeigte sich skeptisch. »Gib ihm noch ein paar Monate, dann kloppt er sich mit Müller um den letzten Muffin und hängt uns ein freches Maul an.«
Grotewohl lachte. Dabei schluckte sie Rauch und verfiel ins Husten.
Köhler wartete geduldig, bis der Anfall vorüber war. »Gehts wieder?« Er war nicht wirklich besorgt.
»Ja, Mann«, keuchte Grotewohl. »Scheiß Kippen!« Sie warf den Stummel in den überfüllten Aschenbecher und schüttelte sich. »Ekelhaft«, schob sie hinterher.
»Dann hör doch damit auf.«
»Na klar«, schnaubte sie. »Und der Papst wird morgen evangelisch.«
Köhler grinste. »Lass uns nachsehen, wie weit der Frischling mit der Identifizierung ist.«
Aus gutem Hause
Später am Vormittag rief Ballauf seine Dienstgruppe in den Besprechungsraum. Nachdem Köhler, Grotewohl, Schmidt und Laußner sowie die beiden Nachwuchskommissare Müller und Brauer Platz genommen hatten, legte er einige Papiere vor sich auf den Tisch und räusperte sich.
»Wir konnten ein paar Ergebnisse zu der unbekannten Frauenleiche zusammentragen.« Er ließ seinen Blick von einem zum anderen schweifen. »Ohne dass es ein Obduktionsergebnis gibt, kann von einem gewaltsamen Tod ausgegangen werden. Ob es Mord oder womöglich ein Unfall war, werden wir sehen.«
Grotewohl schnaubte und unterbrach damit Ballauf in seinem Redefluss.
»Irgendwelche Anmerkungen, Frau Grotewohl?«
Im Raum strafften sich gleich mehrere Körper. Wenn der Chef jemanden aus der Truppe siezte, war Alarm angesagt.
»Das war ganz klar Mord.«
»Was macht dich da so sicher?«
»Die Frau hat sich ja wohl kaum selbst auf den Hinterkopf geschlagen.«
»Sie kann auch gestürzt sein. Wir sollten lieber den Obduktionsbericht abwarten.«
»Klar.« Der Sarkasmus in Grotewohls Stimme war greifbar. »Sie hat sich ein tödliches Loch im Kopf eingefangen, als sie auf der Wiese in den dort ausgestreuten Rindenmulch gefallen ist. Pfff, klingt logisch.«
Köhler, der meinte, vermitteln zu müssen, sagte: »Sie muss ja nicht unbedingt an dem Ort gefallen sein, an dem sie gefunden wurde. Die Wunde kann sie sich überall zugezogen haben.«
Grotewohl war anzusehen, dass ihr irgendetwas auf der Leber tanzte. Mit bockigem Blick und vor der Brust verschränkten Armen sah sie aus, als hätte sie den letzten Zug nach Hause verpasst. »Mit so einem Loch in der Rübe läufst du keinen Meter mehr.«
»Raus mit der Sprache!«, forderte Ballauf, der von Grotewohls Schauspiel genug hatte. »Wo drückt der Schuh?«
Grotewohl zögerte. Doch dann gab sie ihre Blockadehaltung auf. »Für mich hat es den Anschein, als würde man sich bei der Frau weniger Mühe geben, nur weil sie eine Obdachlose war.«
»Das weise ich entschieden von mir!« Ballauf wirkte ernsthaft erbost. »Was denkst du, was wir hier machen? Halma spielen?«
»War nur so ein Eindruck …« Grotewohl war immer noch unterschwellig aggressiv.
»Wenn es Mord war, werden wir den Täter genauso intensiv suchen wie bei jedem anderen Tötungsdelikt auch.«
»Auch die Täterin?«, warf Laußner ein, der gerade damit beschäftigt war, seine Nägel mit einer Büroklammer zu reinigen. Die letzte Silbe betonte er. Seine Erscheinung glich wie immer einem Klischee. Er war übergewichtig, aber nicht wirklich fett. Darüber hinaus war er starker Raucher und ein vehementer Verfechter der Sport-ist-Mord-These, was dazu führte, dass er der womöglich unfitteste Frankfurter Polizist war, der jemals dort seinen Dienst versehen hatte. Er trug ausschließlich schwarze T-Shirts in Kleidergröße Zirkuszelt, von denen er Unmengen besaß; und Jeans, die unterhalb seines Bauchs von einem Gürtel gehalten wurden. Es schien, als würde das T-Shirt den Bauch wie in einem Sack vor dem Hosenbund hertragen. Laußner hatte ein rundes Gesicht und erstaunlich dichtes Haar, das zu einer gegelten Igelfrisur getrimmt war. Unter seiner Nase trug er einen Oberlippenbart, der seiner Erscheinung die Würde nahm. Einzig seine grell-hellblauen Augen ließen den Betrachter vor Erstaunen ein zweites Mal hinsehen. Wie unbeteiligt lümmelte er in seinem Stuhl und blickte noch nicht einmal auf.
»Was sollte das jetzt?«, fragte Ballauf.
Laußner unterbrach seine Morgentoilette und blickte in die Runde. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er breitete entschuldigend die Hände aus und sagte: »Was denn? Ich wollte es doch nur gendergerecht haben.«
»Bist du jetzt der neue Gleichstellungsbeauftragte, oder was?«, schnappte Köhler.
»Wie man’s macht, ists falsch. Echt jetzt.« Laußner schien ehrlich getroffen. »Wer sagt denn, dass es ein Täter war und keine Täterin?
»Wenn es überhaupt einen Täter gibt«, warf Schmidt ein, der allmählich wach wurde und seinem Freund zur Seite sprang. »Oder eine Täterin«, fügte er eilig hinzu.
Laußner bot ihm die Gettofaust, die Schmidt mit der seinen triumphierend berührte. Beide simulierten mit den Händen eine Explosion. Sie waren sich einig.
Ballauf stand am Kopf des Tisches, griff sich an die Nasenwurzel und zweifelte zum ungezählten Male an der Zurechnungsfähigkeit dieser beiden Kollegen. Die zwei waren ein wahrhaft kongeniales Duo.
Schmidt hatte rote, streng nach hinten gegelte Haare und lange Koteletten. Die Ärmel seiner stets karierten Hemden hatte er zur Hälfte aufgerollt. Schmidts Jeans wurden von einem Gürtel mit einer überdimensionierten Schnalle gehalten, und er trug doch tatsächlich Cowboystiefel! Zudem verströmte er einen Duft von Old Spice, in dem er scheinbar jeden Morgen badete. Über seinem Karohemd trug er ein Halfter, in dem seine Heckler & Koch P30 steckte. Auf der Straße verdeckte er die Waffe mit einer grünen Bomberjacke. Schmidt kam sich unglaublich lässig vor … immer. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit richtete er seine Frisur mittels eines Kamms, der stets in der Gesäßtasche seiner Jeans steckte. Kaum ein Fenster, das er nicht als Spiegel nutzte, um den Sitz seiner Haare zu kontrollieren und bei Bedarf richtend einzugreifen. Zur Krönung seines bizarren Anblicks trug er einen rotgrauen Ion-Tiriac-Bart. Es kursierte die weitverbreitete These, dass sowohl Schmidt als auch Laußner bei ihrer Einstellung lediglich gefragt worden seien, ob sie einen Moment Zeit hätten. Danach verlor sich ihre Spur.
Ballauf, der keine Lust auf Streit hatte, schloss die Sitzung mit den Worten: »Sobald wir alle Informationen den Tatort betreffend zusammenhaben, werden die Karten neu gemischt. Dann suchen wir den Täter beziehungsweise die Täterin.« Auch er betonte die letzte Silbe und bedachte Laußner mit einem undefinierbaren Blick. »Und selbstverständlich werden wir uns dabei die allergrößte Mühe geben.« Jetzt war es Grotewohl, die er prüfend ansah. »Bis dahin macht euch mal nützlich und findet raus, wer die Tote überhaupt ist.«
Stühle wurden gerückt, Papiere geordnet und allgemeines Gemurmel setzte ein.
Wenig später kehrten Köhler, Grotewohl, Müller und Brauer in ihr Büro zurück. Köhler holte sich einen Kaffee und einen Keks.
»Brauer, was macht die Statistik?«
Eifrig wühlte der junge Kollege auf seinem Schreibtisch nach den Ergebnissen, fand aber nichts, was ihnen weiterhalf. »Moment, ich schaue mal, was die Suche in der Vermisstenkartei ergeben hat.« Konzentriert blickte er auf seinen Bildschirm. »Da haben wir es …« Er betätigte einen Knopf auf der Tastatur. »Ich drucke es schnell aus, dann haben wir es leichter.«
Sekunden später summte der Drucker im Nachbarraum.
»Geh’n wir rüber ans Whiteboard«, schlug Brauer vor. Die drei anderen folgten ihm ins Nachbarzimmer, das ihnen als kleiner Besprechungsraum diente.
Brauer griff nach dem Ausdruck und studierte ihn. Zwischendurch runzelte er die Stirn und rieb sich das Kinn.
»Dürfen wir an deinen Gedanken teilhaben?«, erkundigte sich Köhler.
»Oh … sicher.« Brauer hielt den Ausdruck in die Höhe. »Wir haben ein paar Kandidatinnen.«
»Wie viele insgesamt?«, wollte Grotewohl wissen.
»Acht.«
Brauer übergab den Zettel an Köhler, der kurz draufschaute und ihn an Grotewohl weiterreichte. Müller sah ihr über die Schulter.
»Wir müssen die Bilder vergrößern und brauchen eines von der Toten für den Vergleich. Wer …«
»Wird erledigt!«, warf Müller ein. Fast schon übereifrig schnappte er sich den Ausdruck und lief nach nebenan. Köhler und Grotewohl grinsten sich an.
»Konkurrenz belebt das Geschäft«, sagte Köhler und nippte an seinem Kaffee. »Kippchen?«
»Klar«, erwiderte Grotewohl und gab sich betont gönnerhaft. »Schließlich müssen wir die Zeit, in der unsere Lakaien die Drecksarbeit erledigen, sinnvoll nutzen.«
Erst am nächsten Tag traf man sich wieder, um die neuesten Erkenntnisse zusammenzutragen.
»Der Obduktionsbericht ist heute Morgen eingetroffen«, eröffnete Ballauf. »Wir gehen jetzt von einem Mord aus. Brauer, wie sieht es mit den infrage kommenden Damen aus?«
Brauer sprang auf und trat an die Präsentationsfläche. Er hatte bereits alles vorbereitet und klappte den Laptop auf. Wenig später erschien ein Foto von der Leiche an der Wand. »Hier sehen wir ein Bild der unbekannten Frau aus dem Leichenschauhaus. Wie wir alle wissen, ist so etwas kein schöner Anblick.«
»Dafür können Sie ja nichts«, beruhigte Ballauf den Neuen.
Brauer räusperte sich verlegen und fuhr fort. »Nun … anhand der Daten aus unserer Vermisstenkartei habe ich mir die Fälle herausgesucht, die in etwa in das Profil passen, wie zum Beispiel Alter, Geschlecht, Haut- und Haarfarbe des Opfers. Das alles konnte ich anhand dieser Kriterien auf eine infrage kommende Frau isolieren.« Nach einem Mausklick erschien ein zweites Bild. Es zeigte eine dunkelhaarige Frau, die einen völlig anderen Anblick bot als die vorherige. Sie war gepflegt und lachte in die Kamera. Darüber hinaus war sie wesentlich jünger als das Opfer vom Mainufer. Allerdings war eine gewisse Ähnlichkeit nicht zu leugnen. Doch nicht alle sahen das so.
»Die sieht der anderen doch gar nicht ähnlich«, motzte Laußner.
Ballauf kniff die Augen zusammen und trat näher an das Bild heran, das die gesamte Wand einnahm. »Da muss ich ihm leider recht geben, Brauer«, sagte er und zeigte auf das Bild. »Wie kommen Sie darauf, dass es sich bei diesen beiden Frauen um ein und dieselbe handelt?«
»Statistik.« Brauer blieb selbstsicher. »Ich muss dazu sagen, dass dieses Bild bereits dreizehn Jahre alt ist. Die Frau wurde damals als vermisst gemeldet.«
Ballauf verzichtete auf eine Reaktion. Sein Blick genügte, um den jungen Polizisten, dessen Kopf sich tiefrot verfärbt hatte, weiterreden zu lassen.
»Wenn wir sämtliche Merkmale der Unbekannten als eine Markierung nehmen, zudem nach dem Ausschlussverfahren vorgehen und diese Daten in unsere Suchmaske eingeben, bleibt nur diese eine Frau übrig.«
»Und wer ist sie?«, wollte Grotewohl wissen.
»Laura Walkenhorst.«
»Moment …«, sagte Köhler. »Walkenhorst? Bist du dir sicher?«
»Absolut. Nur sie kommt infrage.«
»Was ist denn mit der?« Ballauf horchte auf. »Kennst du die?«
»Das ist die Tochter von Thomas Walkenhorst.«
»Du meinst den Baulöwen?«
»Genau den.«
Armes reiches Mädchen
Köhler hasste es, die Angehörigen von Mordopfern zu informieren. Er war überhaupt nicht gut in solchen Dingen. Grundsätzlich wusste er, wie er sich in diesen Situationen zu verhalten hatte. Seine jahrelange Erfahrung hatte ihn in derlei Dingen zwar geschult, allerdings war es für ihn auch in diesem Fall genauso wie beim ersten Mal. Es nutzte sich einfach nicht ab. Er war nervös. Und wenn Köhler nervös wurde, benahm er sich seltsam.
Grotewohl wusste um diese Schwäche und war stets darauf bedacht, Köhler bei Einsätzen, die eine gewisse empathische Herausforderung bedeuteten, zu begleiten. Dabei ging es ihr weniger darum, ihren geschätzten Kollegen vor einer Blamage zu bewahren, als darum, die Empfänger der Nachricht vor seiner unbeholfenen Art zu beschützen.
Wie eigentlich immer fuhren die beiden Ermittler mit Köhlers Privatfahrzeug, seinem Mercedes. Die fast schon herbstliche Wetterlage ließ es nicht zu, dass sie offen fuhren. Köhler stieß fast an die Decke des Cabriolets, während bei Grotewohl noch reichlich Luft nach oben war.
Nach etwas mehr als einer halben Stunde Fahrt erreichten sie die Adresse der Familie Walkenhorst in Königstein. Die Kleinstadt im Taunus galt als Wohnsitz der Reichen und Schönen. Wunderbar gelegen, mit unbezahlbarem Blick über das Rhein-Main-Gebiet und ausgestattet mit allem, was der Millionär von heute benötigte. Das Anwesen der Familie Walkenhorst war in allen Belangen beeindruckend. Hohe steinerne Mauern, hinter denen sich auch ein Jagdschloss hätte verbergen können, umgaben das Gelände. In regelmäßigen Abständen waren Überwachungskameras zu erkennen.
»Warum wohnst du eigentlich nicht hier?«, fragte Grotewohl beim Anblick des Anwesens.
»Warum sollte ich? Bei Muttern ist es doch immer noch am besten.«
Grotewohl grinste. »Leisten könntest du es dir doch locker.« Sie spielte auf das immense Vermögen an, das Köhler von seinem Vater, einem ehemaligen Fußballprofi ohne Fortune, geerbt hatte. Der Mann war ein eher zweitklassiger Torwart gewesen, der allerdings seine Gagen äußerst gewinnbringend investiert hatte. Tatsächlich hätte Köhler einen derartigen Wohnsitz in Königstein finanzieren können, doch was sollte er damit? Das Leben bei seiner Mutter im dörflichen Frankfurter Stadtteil Harheim, in dem er aufgewachsen war, genügte ihm. Hier hatte er seine Freunde und vor allem seine Ruhe.
»Klar könnte ich«, sagte er und stieg aus. »Will ich aber nicht.«
Grotewohl nahm es hin und folgte ihrem Partner zum Eingang des Anwesens. »Lass mich das regeln«, sagte sie, bevor sie die Klingel betätigte.
Köhler widersprach ihr nicht.
Am Tor war ein Schild angebracht, das auf die Überwachung des Geländes durch einen privaten Sicherheitsdienst hinwies.
Nachdem sie einen kurzen Augenblick gewartet hatten, ertönte eine blecherne Männerstimme aus der Gegensprechanlage. »Ja, bitte?«
Grotewohl stellte sich und ihren Partner vor und bat um Einlass.
»Worum geht es denn?«, wollte die Stimme wissen.
»Das würden wir gern persönlich klären«, erwiderte Grotewohl freundlich.
»Einen Moment«, bat die Stimme. »Ich schicke Ihnen jemanden, der Sie abholt.«
»Schlimm«, sagte Köhler. »Niemand vertraut einem mehr heutzutage.«
»Kannst du es ihm verdenken?«
»Nö.«
Es dauerte einige Minuten, bis jemand am Tor erschien. Wie aus dem Nichts tauchte ein Mann auf. Er trug die Fantasieuniform eines Sicherheitsunternehmens inklusive Barrett und war mit Pfefferspray und einem Knüppel bewaffnet. An der kurzen Leine hielt er einen Schäferhund, der einen Maulkorb trug. Köhler und Grotewohl mussten zugeben, dass der Mann Eindruck machte. Die Botschaft war eindeutig: Hier wollte jemand ungestört bleiben.
»Darf ich bitte Ihre Ausweise sehen?«, fragte der Wachmann.
Grotewohl und Köhler reichten ihre Ausweise durch das Gitter und warteten ab. Sie empfanden die Situation als absurd und wechselten vielsagende Blicke. Nach eingehender Prüfung nickte der Mann, gab ihnen die Ausweise zurück und öffnete das Tor mittels einer Fernbedienung. Sein offensichtliches Misstrauen war einer routinierten Freundlichkeit gewichen.