Faith - J. K. Bloom - E-Book

Faith E-Book

J. K. Bloom

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Beschreibung

Neun Monate sind vergangen, als Faith aus ihrem Somnus erwacht. Der Stein in Faiths Brust hat ihr das Leben gerettet und Tristans Kugel davor bewahrt, zu ihrem Herzen durchzudringen. Doch außer ihrem neuen Dasein als Reverti gibt es eine viel größere Sorge, die sie nicht einfach ignorieren kann. Lie ist immer noch ein Gefangener der OAS. Ihre Festung befindet sich im Süden Englands, weit weg von der Basis der Butterflys. Doch Faith lässt sich davon nicht aufhalten, denn sie ist fest entschlossen ihre Liebe aus den Fängen ihrer Feinde zu befreien.

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Seitenzahl: 582

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Inhalt

Prolog

ERSTER TEIL

1 Reverti

2 Die Kraft im Inneren

3 Die Kriegerin

4 Der Handwerker

5 Die Reise beginnt

6 Der Schatz von Sheffield

7 Norwich

8 Die Hoffnung stirbt zuletzt

9 London, die Dschungel-Stadt

10 Die Festung des sklaventreibenden Tyrannen

11 Ungewolltes Spiel

12 Brennendes Herz

ZWEITER TEIL

13 Die Überfahrt

14 Das fremde Land

15 Lucra

16 Schwere Entscheidungen

17 So grün wie Gift

18 Ungeahnte Mächte

19 Das Wiedersehen

20 Nantes

21 New York

22 Auserwählt

23 Ein letzter Kampf

Epilog

DANKSAGUNG

Stopp, geh noch nicht!

J. K. Bloom
FaithErwacht
Eisermann Verlag

Faith – Erwacht E-Book-Ausgabe  03/2019 Copyright ©2019 by Eisermann Verlag, Tobias Eisermann, Bremen Umschlaggestaltung: Jaquline Kropmanns Satz: André Piotrowski Lektorat: Bettina Dworatzek Korrektur: Alexandra Schwind http://www.Eisermann-Verlag.de ISBN: 978-3-96173-067-4

Prolog

Ein lautes, schrilles Lachen drang vom Balkon zu mir ins Wohnzimmer. Momy hatte Besuch. Ich kam gerade mit Toni von der Schule nach Hause und wusste nicht, dass wir heute Gäste bekommen sollten.

Als ich auf die Terrasse unseres Hauses trat, beäugten mich fremde Gesichter. Smaragdgrüne Augen blickten in meine und ich lächelte schüchtern.

»Wenn das nicht die kleine Destiny-Faith und ihre Schwester Antonia sind«, rief die fremde Frau mit den honigblonden Haaren, von der ein starker Parfumgeruch ausging. Sie saß direkt neben meiner Mutter, auf deren Lippen ein herzliches Lächeln lag.

Ich ging zu ihr hinüber. »Momy, wer ist das?«, fragte ich leise. Dabei behielt ich die breit grinsende Frau genauestens im Auge. Neben ihr saß ein Mann mit dunklen Haaren, der mich ebenfalls zu beobachten schien. Doch er lächelte nicht.

»Das sind Catherine und Michael Collins, Schätzchen«, antwortete meine Mutter.

Ich spielte nervös am Saum meines T-Shirts.

»Okay«, antwortete ich und sah unsicher zu Boden. »Hallo.«

Catherine lachte amüsiert. »Wie süß sie doch ist. Zwei sehr hübsche Kinder habt ihr da.«

Erst als sie Toni miteinbezog, merkte ich, dass diese noch schüchtern im Türrahmen des Wohnzimmers stand und sich nicht traute, zu uns auf die Terrasse zu kommen. Ich blickte zu ihr. »Komm, du Angsthase«, rief ich ihr zu. Toni hörte immer auf mich. Auch in der Schule nahm ich sie unter meine Fittiche und passte auf sie auf.

Toni sprach kein Wort, als sie hinter mir stehen blieb und meinen Arm umklammerte.

»Wie alt ist Antonia?«, interessierte sich Catherine.

»Sieben Jahre. Faith ist letzten Monat zwölf geworden.«

Ich nickte mit einem stolzen Grinsen auf den Lippen. Catherine klatschte in die Hände und blickte auf die Wiese. »Tristan. Komm doch mal her, ich will dir jemanden vorstellen.«

Ein Junge mit schwarzen, frisierten Haaren kam hinter dem Teich, der von Rohrkolben und Schilf umgeben war, hervor. Er rannte und wäre beinahe über den Absatz des Steinbodens unserer Terrasse gestolpert.

Catherines Lächeln verging und sie senkte ihren Blick, als würde sie sich für den Jungen schämen. Als er neben meinem Vater, der auf der anderen Tischseite saß, stehenblieb, schaute er sie erwartungsvoll an. Das Lächeln der Blondine kehrte zurück. »Schätzchen, Faith und Toni sind von der Schule heimgekommen. Stell dich ihnen vor.«

Tristans und mein Blick trafen sich und ich konnte sehen, dass er Angst hatte. Ob er sich nicht traute, mir die Hand zu reichen? War er genauso schüchtern wie ich zu Anfang?

Der Junge mit den leuchtenden Augen trat um den Stuhl meiner Mutter herum und blieb genau vor mir stehen. Er war einen halben Kopf größer als ich, trug eine schwarze Hose und ein Hemd, das er sich in den Bund gesteckt hatte.

Er hielt mir seine Hand höflich hin und ich nahm sie zögernd an. »Hallo, Faith«, begrüßte er mich mit aufgesetzter Höflichkeit, als hätte er seine gehobene Stimme einstudiert.

»Hallo«, stammelte ich und ließ sofort seine Hand los, als mir unsere Berührung unangenehm wurde.

In seinem Blick sah ich eine Art Faszination, die ich mir nicht erklären konnte. Er schaute mich an, als hätte ich etwas Außergewöhnliches an mir.

Ich spürte Toni noch immer schweigsam hinter mir stehen, legte ihr meinen Arm um die Schulter und schob sie zu mir nach vorne. »Das ist meine Schwester Toni.«

Tristan lächelte und reichte auch ihr die Hand, doch sie war so verlegen, dass sie ihr Gesicht an meiner Schulter vergrub und lachte. Das tat sie immer, wenn ihr die Situation zu unangenehm wurde. »Nein«, kicherte sie und schlang die Arme um meinen Körper. Sie traute sich noch nicht einmal, Tristan in die Augen zu sehen.

Die Erwachsenen lachten amüsiert und auch ich musste ein wenig grinsen. Toni war schon komisch, wenn sie auf Fremde traf. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie noch zu klein war.

»Wenn ihr wollt, könnt ihr im Garten spielen«, schlug Momy uns vor und ich nickte.

Ich nahm Toni zärtlich an die Hand und strich ihr mit der anderen eine schwarze, gelockte Strähne aus dem Gesicht. »Kommst du mit?«

Sie nickte stumm.

Zusammen mit Tristan liefen wir in den Garten, in dem zwei Schaukeln, ein selbstgebautes Baumhaus, eine Sandgrube und eine Kiste voller Spielzeug standen. Ich setzte mich auf die Schaukel und Toni nahm neben mir Platz. Sie holte Schwung und versuchte ganz hoch zu schaukeln, doch ihr fehlte die Kraft dazu.

»Wie alt bist du?«, fragte Tristan mich plötzlich und setzte sich zu mir.

»Zwölf und du?«, gab ich stolz von mir.

»Dreizehn«, überbot er mein Alter und grinste schief.

Ich konnte diese Niederlage allerdings nicht über mich ergehen lassen und sagte in einem selbstgefälligen Ton: »Du siehst gar nicht so aus.«

Tristan zischte. »Mir ist es egal, wie ich für dich aussehe. Tatsache ist, ich bin älter.« Tristans Stimme klang sehr gehoben, was mich ein wenig an Catherine erinnerte. Wenn sie sprach, hörte es sich so an, als wäre jedes Wort, das über ihre Lippen kam, äußerst wichtig.

»Schön«, sagte ich schnaubend und widmete mich Toni, die immer noch versuchte, höher zu kommen. Sie lachte dabei laut und schien auch ohne uns ihren Spaß zu haben.

»Du gehst in die Medica-Schule Nord, oder?«, fragte Tristan mich.

Ich drehte meinen Kopf zu ihm. »Ja. Und du? Ich glaube, ich habe dich da noch nie gesehen«, versuchte ich mich zu erinnern.

»Nein, ich gehe auch auf die Medica-Schule Süd.«

Seine Antwort verblüffte mich, da ich noch nie jemandem begegnet war, der aus dem Süden der Stadt kam. Natürlich wusste ich, dass die Leute nicht anders waren, aber ich fragte mich dennoch, warum ich noch niemanden kennengelernt hatte. Momy und Daddy hatten nur Freunde im Norden. »Sollen wir was spielen, Tristan?«

Mein Vorschlag zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht und er sah mich erwartungsvoll an. Vermutlich hatte er schon darauf gewartet, gefragt zu werden. Ehrlich gesagt, mochte ich ihn auf eine gewisse Weise.

Ich lief zu meiner Kiste und nahm ein langes Seil heraus. Als Toni sah, was ich vorhatte, bremste sie ab und sprang von der Schaukel herunter. »Oh, ich will mitspielen!«, rief sie begeistert.

Ich gab Tristan das eine Ende des Seiles in die Hand. »Na gut, du fängst an. Wir spielen, wer die meisten Sprünge hinbekommt, ohne einen Fehler zu machen.«

»Okay!«, jauchzte sie vor Begeisterung.

Tristan und ich gingen so weit auseinander, dass der mittige Teil des Seiles am Boden lag. Toni stellte sich daneben und wartete, bis wir es schwangen. Als es zu rotieren begann, zählten Tristan und ich gemeinsam Tonis Sprünge. Sie schaffte nicht mehr als vier, da ihre Füße sich im Seil verfingen.

Schließlich war ich an der Reihe und ich schaffte über fünfzehn Sprünge. Danach versuchte Tristan sein Glück und überragte meine Zahl um Längen. Ich war nicht wirklich neidisch auf sein Können, aber das Gefühl, dass jemand besser war als ich, nagte an mir.

Als Toni keine Lust mehr hatte, Seil zu springen, kündigte sie eine Vorführung an, in der sie zeigen wollte, wie athletisch sie sein konnte. Ich schaute ihr aufmerksam zu, bemerkte jedoch, dass ich von der Seite angestarrt wurde.

Ich warf Tristan einen prüfenden Blick zu und blinzelte mehrmals erschrocken, als ich direkt in seine grünen Augen blickte. »Was hast du denn?«

Beschämt sah er zu Boden und rupfte einen Grashalm aus der Wiese. »Bei uns sind die Mädchen nicht so hübsch wie du.«

Ich spürte, wie meine Wangen anfingen zu glühen, und auch ich sah verlegen weg. »Es gibt überall Hübschere als mich«, stritt ich seine Aussage ab.

»Nicht für mich.«

Mein Herz begann aufgeregt zu pochen und ich erhob mich vom Boden. Mir war dieses Gespräch äußerst unangenehm und so ergriff ich die Flucht. Ich setzte mich auf die unbesetzte Schaukel und war Toni zum ersten Mal dankbar, dass sie mir nachrannte und fragte, ob sie mitmachen durfte. Fürs Erste lenkte sie mich ab, doch mein Blick glitt immer wieder zu Tristan zurück, dessen Augen mich ansahen, als würden sie mich mit jedem Wimpernschlag verschlingen.

ERSTER TEIL

1 Reverti

»FAITH!«, hörte ich ihn schreien und wollte antworten, doch meine Stimme gehorchte mir nicht.

»Faith!«

Sie packten seine Schultern, zerrten seine Hände auf den Rücken und schlugen ihm ins Gesicht.

»Faith!«

Wieso kann ich ihm nicht antworten? Was brennt da so schmerzvoll in meiner Brust?

Etwas schnürte mir die Kehle zu, verwehrte mir zu atmen und ich drohte zu ersticken.

Dann erinnerte ich mich, dass ich es schaffen konnte, wenn meine Kraft zurückkam. Eine unbekannte Energie strömte durch meinen Körper. Sie schoss durch meine Venen, brachte mein Blut in Wallungen und all meine Muskeln bebten von der extremen Anspannung.

»LIE!«, schrie ich aus voller Leibeskraft und merkte zugleich, dass ich geträumt hatte. Denn mein Körper befand sich in einem Himmelbett, bezogen mit weißen Laken. Über mir flatterten Vögel zwitschernd umher. Erst bei näherer Betrachtung erkannte ich die Glaskuppel und eine Erinnerung schoss mir durch den Kopf. Hier hatten Lie und ich gelegen, als wir uns …

Ich fasste mir an die Stirn und versuchte die letzten Bilder durch mich hindurchfließen zu lassen, doch je mehr ich daran dachte, desto mehr schmerzte mir die Schädeldecke. Kälte umfing mich und ich legte die Arme um die Mitte, sodass ich nicht allzu sehr fröstelte.

»Faith?«, ertönte eine Stimme von Weitem und zuerst glaubte ich, es wäre Lie. Freudig erhob ich mich und setzte das erste Mal meine Beine auf den Boden, die sofort nachgaben und mich auf die Knie fallen ließen.

»Mach langsam, Kind!«

»Dad?«, rief ich zurück und tatsächlich kam mein Vater zwischen den Sträuchern hervor. Hinter ihm befand sich Mom, deren Wangen feucht waren.

Was ist passiert? Wieso bin ich nicht gestorben? Was ist geschehen?

Es folgten weitere Helfer, darunter auch Giuliana. Gleichzeitig erfreut, bekannte Gesichter zu sehen, wusste ich, dass etwas Verheerendes passiert sein musste. In dieser Kuppel erwachten die Menschen aus ihrem Somnus – dem Schlaf, der denjenigen zu einem Reverti machte.

Trotzdem befand Lie sich nicht unter all diesen Leuten.

Dad und Mom schlangen ihre Arme so fest um mich, dass wir aussahen wie ein unzertrennliches Knäuel. Ich hörte meine Mutter weinen, allerdings vor Freude und Erleichterung. Ihre Reaktionen verwirrten mich und so schaute ich in die Augen meines Vaters. »Was ist passiert? Wo ist Lie?«

Zuerst schwiegen sie, doch dann sagte er: »Du musst erst einmal etwas essen und dann erklären wir dir alles in Ruhe, in Ordnung?«

Ich nickte apathisch und ließ mich von ihnen forttragen. Einige Helfer begleiteten mich zu einer Krankenstation, wo mich die anderen Medica ebenfalls grüßten. Sie gratulierten mir, doch wozu? In meinem Zimmer sollte ich mich auf das Bett setzen und meine Eltern baten die anderen, uns allein zu lassen. Bevor Giuliana verschwand, lächelte sie mich erleichtert an.

Mom trocknete sich die Tränen. »Ich bin so froh, dass du erwacht bist, wir dachten schon, du würdest es nie tun.«

»Wie lange habe ich denn geschlafen?«, fragte ich.

Meine Eltern tauschten kurz einen verunsicherten Blick aus. »Neun Monate, Liebling.«

Die Antwort verpasste mir einen heftigen Tritt in die Magengegend. Ich schluckte. Neun verdammte Monate? Bedeutete das etwa, dass Lie …?

»Wie bitte? Was ist passiert?«, schrie ich voller Entsetzen.

»Du wurdest erschossen. Mercedes fand dich blutend am Boden. Sie rannte mit dir sofort zurück zur Basis und brachte dich zu uns. Doch auf der Krankenstation hast du nicht mehr geatmet und dein Vater und ich haben versucht, mit einigen anderen Medicas dich wiederzubeleben. Als es uns letztendlich gelang, wollten wir die Wunde versorgen, doch …« Meine Mutter senkte ihren Blick und schaute betrübt zu Boden. »Wenn wir es entfernt hätten, wärst du vermutlich gestorben.«

»Sieh zu deiner Brust«, gab mein Vater mir einen Hinweis.

Aus Furcht vor der Wahrheit legte ich den Finger an den Kragen meines weißen Nachthemdes und zog ihn vorsichtig hinunter. Ich entdeckte einen langgezogenen Splitter eines roten Steines, der mit meiner Haut verwachsen war, direkt unterhalb meines linken Schlüsselbeines – dennoch nah am Herzen. Ich atmete tief ein und versuchte den Anblick zu verarbeiten. Wie war so etwas möglich?

»Der rote Stein an deinem Hals hat die Kugel abgefangen, die dein Herz durchbohren sollte. Doch dafür wurde er so tief in deine Brust geschoben, dass jegliche Operation dein Leben gefordert hätte. Also haben wir es so gelassen und zum Glück hast du überlebt«, fuhr er fort.

Vorsichtig tastete ich den Stein ab, spürte jedoch keine Schmerzen. Dad nahm eine Röntgenaufnahme von einem Metalltisch und klemmte sie an eine beleuchtete Tafel. Er zeigte mit dem Finger auf die Stelle, an der der Stein saß. Dann deutete er auf das Herz und fuhr dann mit dem Finger eine helle Linie nach, die aussah, als sei es eine Art Nervenstrang, der übernatürlich groß war.

»Wir wissen nicht, was es ist, aber solange du keine Schmerzen spürst oder es dich in einer anderen Weise einschränkt, werden wir den Stein in der Brust lassen«, erklärte Dad.

Ich seufzte. Meine Augen glitten durch den Raum, der mir plötzlich so leer vorkam. »Wo … ist Lie?«

Alle sahen betrübt nach unten und ein schmerzhafter Knoten bildete sich in meinem Magen.

Was stimmt hier nicht? Was ist mit ihm? Wo ist er?

Gerade wollte ich mich wütend erheben und erneut danach fragen, als die Tür aufsprang und mir vertraute schwarze Augen entgegensahen. Lola stand mit entsetztem Ausdruck im Raum und ihre pechschwarzen, gelockten Haare waren ein gutes Stück gewachsen. Sie trug die Weste der Butterflys, zusammen mit dem Schmetterlingszeichen auf der Brust. Sie kam auf mich zu, nahm mich in ihre Arme und ließ mich nicht mehr los. »Ich fasse es nicht. Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren.«

»Ich bin froh, dass ihr es alle heil herausgeschafft habt«, sagte ich nur und wurde sofort von einer weiteren Person in die Arme geschlossen. Alec war hier und ihm ging es ebenfalls gut. Anscheinend hatte Giuliana die gute Nachricht weitergegeben und die anderen informiert.

Als wieder Ruhe einkehrte, blickte ich ernst zu meinen Eltern. »Er wäre längst hier gewesen.« Der Knoten im Magen wurde größer und es bildete sich ein schmerzhafter Kloß in meinem Hals, als mir die letzten Bilder wieder in den Sinn kamen. Sie hatten Lie gepackt, ihn von mir weggezerrt. Tristan schoss eine Kugel ab und …

In den Augen meines Vaters erkannte ich Reue. Ich fixierte ihn und Tränen ließen meine Sicht verschwimmen. Er verschränkte die Finger ineinander und wich meinem fordernden Blick aus. Er verschwieg etwas, das war offensichtlich.

»Wir haben ihn verloren. Tristan hat ihn in den Wagen gezerrt und ist mit seinen sämtlichen Anhängern nach Brighton verschwunden.«

Ich machte einen Schritt auf ihn zu. »Bedeutet das etwa, dass er noch immer in seiner Gewalt ist?«

Vater nickte zögernd.

»Habt ihr denn keine Butterflys ausgesandt, um nach ihm zu suchen?«, rief ich und wurde immer lauter.

Mutter schüttelte den Kopf. »Du warst unsere erste Sorge, also haben wir uns um dich gekümmert. Als wir Tristan nachjagen wollten, war er schon zu weit weg.«

Ich ballte meine Hände zu Fäusten und wurde augenblicklich wütend. »Und ihr habt es noch nicht einmal in Erwägung gezogen, irgendwelche Revertis hinterherzuschicken? Was hat er wohl mit ihm angestellt?« Lebte er noch? Was war, wenn Tristan ihn hatte leiden lassen, bis er nicht mehr konnte und aufgab? Mir wurde speiübel, als ich daran dachte, wie sehr er ihn quälen könnte.

Tränen stauten sich in meinen Augen und ich lief aus dem Zimmer. »Ich werde doch nicht untätig hier sitzen und weitere Monate darauf warten, dass etwas passiert. Ich fasse es einfach nicht!«, tobte ich, als ich auf den Flur stapfte.

»Faith! Du wirst nicht gehen! Du bist gerade erst erwacht!«, hörte ich meine Mutter hinter mir rufen.

»Das ist mir so was von egal! Ich werde Lie retten. Neun verdammte Monate haben sie ihn im Stich gelassen und er hat so viel für meine Eltern getan. Wie kann man nur so herzlos sein?«, wütete ich.

Gott! Ich bin so wütend!

Hinter mir erklangen schnelle Schritte und Lola gesellte sich zu mir. »Faith, jetzt warte doch. Deine Eltern haben Wochen gebraucht, um dich stabil zu halten. Der Stein hat dir wirklich zugesetzt und sie haben sich solche Sorgen um dich gemacht.«

Ich blieb stehen und sah Lola erzürnt an. »Und was rechtfertigt es, Lie im Stich gelassen zu haben? Sie hätten einfach nur einen Rettungstrupp losschicken müssen!«

Sie atmete angespannt aus. Wir passierten den Übergang von der Krankenabteilung in die Haupthalle. Im großen Raum, dessen Etagen ringweise übereinander lagen, sodass man von einem Stockwerk ins nächste blicken konnte, blieb ich erneut stehen. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und schaute hinauf zur Decke. Dort, wo damals eine weiße Fläche gewesen war, spannte sich nun eine Glaskuppel, die ein kleines Stück der Außenwelt zeigte.

Ich stellte mich ans Geländer und schaute den Schlund hinab. Dabei beobachtete ich die vielen umherlaufenden Menschen mit ihren weißen Kitteln. Der Anblick erinnerte mich an eine wissenschaftliche Einrichtung, mit seinen hellen Fassaden, den vielen Aufzügen, die auf und ab fuhren. Eine ähnliche Konstellation hatte ich als Kind bei einem Schulausflug ins ESL-Institut, dem Edinburgh-Seelenlosen-Labor-Institut, gesehen.

Meine Augen wanderten zur Glaskuppel zurück und ich merkte, wie mir immer wärmer wurde. Ich wollte hier raus. Etwas drückte meine Kehle zu, sodass mir nur ein Gedanke in den Sinn kam. Das Tor.

Eilend zwängte ich mich zwischen den umhergehenden Menschen durch, wobei mir einige noch immer Glückwünsche hinterherriefen. Ich ignorierte sie, hatte nur ein Ziel im Sinn.

Im Fahrstuhl wurde mir etwas schwindelig, doch als wir immer höher fuhren, legte sich das Gefühl. Ich lief, wenn auch zögerlich, an den Umkleideräumen vorbei, in denen ich mir damals einen Schutzanzug übergezogen hatte. Doch jetzt als Reverti benötigte ich ihn nicht mehr.

Entschlossen trat ich nach vorne und schaute die Torwache an. »Öffnen!«, befahl ich keuchend.

Er zögerte einen Moment, doch dann nickte er und betätigte den Hebel für die Schleusen. Die schweren Metallflügel schoben sich zur Seite und die erste Brise wehte mir ins Gesicht. Tatsächlich verspürte ich keine Anzeichen der giftigen Pollen. Es kam mir so vor, als stünde ich außerhalb der verbotenen Zone und würde ganz normale Luft einatmen.

Ich machte einen Schritt nach vorne und das grelle Licht der Sonne ließ mich blinzeln. Nach kurzer Zeit konnte ich die Bäume erkennen, die kleinen Häuser, die mir noch in Erinnerung geblieben waren, und den erdigen Pfad, der zum Dorfplatz führte.

Ich hatte zwar keine Schuhe an, doch das war mir in dem Moment gleichgültig, denn ich wollte die Natur spüren. Das neue Gefühl besänftigte die Wut, die ich auf meine Eltern hatte.

Ich sprintete los und blieb erst wieder stehen, als ich am Dorfplatz ankam. Eine Frau mit langen, wunderschönen, blonden Haaren grinste mir von Weitem entgegen. Durch ihre blutrote Iris, die wie ein Rubin hervorstach, wusste ich ganz genau, wer diese Person war.

»Mercedes?«, rief ich und lief auf sie zu. Ich breitete meine Arme aus und schlang diese um ihren Körper, als wir aufeinandertrafen. Sie erwiderte die Umarmung und erinnerte mich wieder an meine Trauer um Lie. Wie sehr ich mir wünschte, ich könnte ihn ebenfalls hier und jetzt in meine Arme schließen.

»Mercedes, wieso hast du es zugelassen?«, schluchzte ich und vergrub meinen Kopf an ihrer Schulter. »Wieso hast du ihn nicht gerettet?«

Sie zog mich fester in ihre Umarmung, als würde sie denselben Schmerz spüren wie ich. »Der Weg nach Brighton ist lang und gefährlich, Faith. Ich hätte einen großen Trupp gebraucht und einen Plan, Ausrüstung, Vorräte und Informationen, um überhaupt auf irgendeine Weise diese Festung zu stürmen.« Sie atmete mit einem Zittern ein. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut bewacht sie ist. Außerdem sind dort Tristan und so viele OAS-Soldaten. Wie hätte ich denn …?«

Wir lösten uns voneinander, doch sie behielt meine Hände in ihren.

»Aber ihr hättet es wenigstens versuchen können.«

Mercedes nickte schwach. »Das habe ich. Ich schickte sechszehn Männer unterschiedlicher Gattungen nach, ausgerüstet mit dem, was ich besorgen konnte.« Ihre Gesichtszüge wurden hart und ihre Lippen zitterten. »Sie kamen nicht wieder. Keiner von ihnen. Das ist bereits sechs Monate her.«

Ich senkte meinen Blick und verstand nun, weshalb niemand mehr etwas unternommen hatte. Was Tristan auch immer in Brighton trieb, es musste blutrünstig sein, genau wie man es von seinem kranken Wesen erwartet hätte.

Dennoch wollte mir die Vorstellung, was er Lie angetan haben könnte, nicht aus dem Kopf gehen. Wie oft hatte ich mich in Situationen gestürzt, in denen ich beinahe gestorben wäre und Lie mich immer wieder beschützt hatte? Wie oft musste er Schmerzen einstecken, die er für mich auf sich genommen hatte, damit mir kein Leid geschah? Wie oft hatte dieser Mann sein Leben riskiert, weil er mich liebte?

Nein. Das kann ich nicht zulassen. Ich würde niemals mit dem Gedanken leben können, dass Lie noch da draußen war. Vielleicht hatte Tristan ihn gefoltert, ihm solche Qualen bereitet, dass er immer wieder dem Tod ins Auge sehen musste. »Mercedes, dieser Zug, der nach Brighton fährt …«

Sie packte meine Schultern und sah mich ernst an. »Faith! Auf keinen Fall! Es wäre reiner Selbstmord.« Sie atmete besorgt ein. »Hör zu, Lie ist mein Bruder. Ich liebe ihn. Er ist alles, was ich habe, aber er würde nicht wollen, dass wir uns Hals über Kopf auf den Weg zur Festung machen, wo uns der sichere Tod erwartet. Du kannst dir nicht vorstellen, wie unmöglich das Eindringen in die Festung in Brighton ist.«

Ich riss mich von ihr los. »Man hat immer eine Wahl, Mercedes. Wie unmöglich das Stürmen dieser Festung auch zu sein scheint, es wird einen Weg hinein und hinaus geben. Und ich werde nicht ruhen, bis ich ihn gefunden habe.« Mein Blick verfinsterte sich und ich ballte die Hände zu Fäusten. »Dasselbe sollte auch für dich gelten.«

»Faith, du kannst …«

»Er ist dein Bruder, Mercedes!« Ich zischte und sah enttäuscht weg, weil ich ihr nicht länger in die Augen blicken wollte. »Er hätte dasselbe für dich getan.«

Sie verstummte, blickte mich nur entsetzt an und ich verließ den Dorfplatz, um zur großen Lichtung zu laufen, auf der ich das erste Mal Tiger begegnet war.

Als ich allein auf der Wiese stand, überkam mich tiefe Einsamkeit. Ich fühlte mich schuldig und verantwortlich für Lies Gefangennahme. Er hatte es nicht verdient, unter Tristans Herrschaft zu leiden oder sogar zu sterben.

Ich würde nicht eher ruhen, bis ich Gewissheit hatte. Neun Monate waren eine verdammt lange Zeit, für einen Gefangenen der OAS. Besonders, wenn man davor ihren Anführer getötet hatte.

Meine Gedanken wurden von einem lauten Heulen unterbrochen, als ein brauner Wolf, stolzierend und übernatürlich groß, zwischen den Büschen hervortrat. Er kam auf mich zu und blieb ohne Regung vor mir stehen. Seine feuchte Nase berührte meinen Kopf und ich wusste sofort, wer dieser Wolf war.

Tiger.

Tränen traten in meine Augen und ich schlang meine Arme um seinen Hals. Sein Fell war weich und warm. Ich vergrub mein Gesicht darin und spürte, wie der Wolf die Berührung zuließ. Er winselte leise, als würde er meine Gefühle verstehen.

»Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist. Euch allen.« Schuldgefühle übermannten mich, als ich an unsere letzte Mission zurückdachte. »Lie hatte mich die ganze Zeit gebeten, bei meinen Eltern zu bleiben, doch ich war zu stur gewesen, um einzuwilligen. Vermutlich wäre Tristan niemals auf Lie gestoßen und er wäre nicht entführt worden, wenn es mich nicht gegeben hätte.«

Der Wolf ließ von mir ab und sprang mit einem Satz hinter mich, sodass ich ihn für einen Augenblick aus den Augen verlor. Er verwandelte sich zurück in einen Reverti und sah mich nun mit Trauer in den Augen an.

Er hatte sich ein wenig verändert. Sein einst kurzes, einheitliches Haar war nun länger geworden und lag ungebändigt hinter seinen Ohren. »Hör auf, dir die Schuld daran zu geben. Wenn du jemanden dafür hassen willst, dann wende deine Wut auf Tristan und die OAS. Wenn es sie nicht gäbe, wären wir alle von diesem Krieg befreit.«

Tiger hatte recht und trotzdem verschwand das Gefühl, Lie retten zu wollen, nicht. Es würde bleiben wie eine wulstige, hässliche Narbe. »Aber ich muss es versuchen …«, hauchte ich und schlang die Arme um meine Mitte. Selbst wenn die Aussichten chancenlos waren, brauchte ich das reine Gewissen, alles in meiner Macht stehende getan zu haben, um Lie da rauszuholen.

Ich hörte, wie Tiger seufzte und mich schweigsam betrachtete, während mein Kinn immer weiter auf die Brust sank. Wie sollte ich es allein schaffen, Lie aus einem Gebäude zu retten, umzingelt von abertausenden OAS-Soldaten? Es klang wirklich wie ein Selbstmordkommando.

»Weißt du noch, als ich damals als Panther im Zaun festhing? Trotz der Gefahr hast du dich getraut, mir den Draht aus dem Bauch zu ziehen, obwohl ich dich leicht hätte töten können.« Ich nickte und Hoffnung schimmerte in Tigers Augen. »Ich weiß zwar, dass dein Vorhaben totaler Wahnsinn ist, aber du hast Mut, Faith, etwas, was hier nicht viele haben. Zumindest nicht solch einen, dass sie waghalsig ihr eigenes Leben riskieren würden.«

Wie gebannt hob ich den Kopf und schaute Tiger erwartungsvoll an. Was wollte er mir damit sagen?

»Außerdem wäre ich jetzt tot, wenn du damals nicht gewesen wärst, deshalb …« Er scharrte mit dem rechten Fuß in der Wiese und blickte nervös auf den Boden. »Ich werde dich begleiten, wenn du gehst.«

Mir klappte die Kinnlade hinunter. Fassungslos schaute ich in Tigers ernste Augen. »Wirklich?«

Er nickte nochmals zur Bekräftigung.

»Ich möchte aber nicht, dass du versuchst, deine Schuld zu begleichen. Ich bin eine Medica und Leben retten ist sozusagen meine Aufgabe.«

Er grinste. »Ich weiß. Aber ich lasse es auch nicht zu, dass du allein gehst. Bis nach Brighton ist es trotz des Zuges noch ein langer Weg. Außerdem kann da jeder einsteigen. Wer weiß also schon, wem wir dort begegnen? Wir müssen noch einige Kilometer zurücklegen, wenn wir dort ankommen wollen, wo sie Lie gefangen halten könnten.«

Ich seufzte. Es war noch nicht einmal sicher, dass er während der neun Monate, in denen ich geschlafen hatte, auch in Brighton geblieben war. Vielleicht hatte Tristan ihn nach Plymouth gebracht oder sogar an einen ganz anderen Ort, von dem wir noch nichts wussten. Die Suche könnte sich schwieriger gestalten, als ich sie mir bisher ausmalte. Ob Tiger und ich es wirklich zu zweit schaffen würden?

Ich sah in den Wald hinein und entdeckte zwischen all den anderen Baumkronen ein leuchtendes Blau. Es erinnerte mich daran, wie Lie und ich vor einem dieser Energiebäume gesessen und herumgealbert hatten. Wir hatten von einer möglichen Niederlage der OAS gesprochen, von Frieden und einer sorglosen Zukunft, die für mich noch weit entfernt lag. Vielleicht sogar unerreichbar.

Es schmerzte, daran zu denken, dass er in einer kalten Zelle sitzen und all die Hoffnungen aufgegeben haben könnte. Denn bevor Tristan ihn gefangen nahm, hatte er mit ansehen müssen, wie eine Kugel meine Brust durchbohrte. Er musste denken, dass ich tot war, und diese Vorstellung quälte mich. Ich verspürte den Drang, ihm zu sagen, dass ich lebte, und um dies zu erreichen, musste ich ihn finden. Kostete es, was es wollte.

Ich ballte eine Hand zur Faust und drehte mich zu Tiger um. »Weißt du, wann der Zug hier bei uns ankommt? Und wie viele Tagesmärsche ist der alte Bahnhof von der Butterfly-Basis entfernt?«

Tiger überlegte kurz. »Ich weiß es nicht genau, aber es gibt einen Plan, in dem seine Route eingezeichnet ist. Vielleicht finde ich dort auch einen Zeitplan.«

»Gut«, sagte ich und fühlte mich tatsächlich etwas besser, Tiger an meiner Seite zu wissen. Wenn ich die anderen dazu überreden könnte, meine Ansicht zu teilen, würden uns vielleicht mehr Butterflys folgen.

Bei Mom und Dad brauchte ich es erst gar nicht zu versuchen. Ich wusste, dass sie zu hundert Prozent dagegen waren, da mein Wohl über dem von Lie stand.

Als Tiger gerade losgehen wollte, packte ich ihn am Arm und sah ihn mit einem ernsten Blick an. »Kein Wort zu meinen Eltern oder jemand anderem. Wenn sie herausfinden, was wir vorhaben, werden sie alles daransetzen, dass ich die Basis niemals verlasse.«

Er nickte und zog los. Ich sah ihm noch hinterher, bis er hinter dem nächsten Gebäude verschwand.

Da ich noch keinen Mut fand, wieder zurück in die Basis zu gehen, um mich erneut meinen Eltern zu stellen, lief ich zum hellblauen Baum im Wald.

Ich zwängte mich durch das Gestrüpp, spürte wie Äste und Zweige an meinen offenen Haaren zerrten und ein paar Dornenranken meine nackte Haut aufkratzten. Ich setzte zeitgleich meine Selbstheilung ein und war verwundert darüber, dass sie mich plötzlich viel weniger Kraft kostete. Womöglich lag es an der Weiterentwicklung zum Reverti.

Als ich vor dem Baum stand, atmete ich tief ein und aus. Die Erinnerungen an Lie, die mit diesem Ort verbunden waren, erfüllten mich mit Schmerz, ließen mich daran zweifeln, dass meine Mission erfolgreich sein könnte. Selbst Mercedes besaß nicht den Mut dazu, ihn aus den Klauen der OAS zu befreien. Wie sollte ich mit meinen Medica-Kräften überhaupt etwas ausrichten? Ich war keine Kämpferin, sondern eine Heilerin, die andere unterstützte und nicht an der Front stand.

Ohne die Stärke eines Kriegers würde ich mich nicht einmal gegen einen Soldaten wehren können, selbst mit der wenigen Nahkampferfahrung, die ich durch Lies Training hatte.

Ich setzte mich seufzend auf den Boden und blickte zum leuchtend hellblauen Energiebaum auf, dessen Blätter magisch schimmerten, wenn sie von der Sonne angestrahlt wurden.

Tränen traten in meine Augen und ich legte das Gesicht in meine Hände.

So ausweglos und verloren hatte ich mich noch nie gefühlt. Einerseits gab ich mir die Schuld an Lies Gefangennahme und ich wusste, ich wäre der größte Egoist, wenn ich auf meine Eltern hören würde. Andererseits hatte alles mit Tristan angefangen und bei so viel Leid, wie dieser Mistkerl uns bereits zugefügt hatte, konnte ich nicht tatenlos verharren und darauf hoffen, dass wir von der OAS in Ruhe gelassen werden würden.

Genau wie Lie gesagt hatte: »Wir dürfen keinen weiteren Fehler machen und müssen versuchen, die Natur zu schützen.« Das Ziel der OAS würde sein, alles wiederherzustellen, was damals verloren gegangen war, auch wenn es bedeutete, dass wir erneut einen Fehler begingen, der eine weitere Katastrophe auslösen könnte.

»Faith«, hörte ich meinen Namen zwischen dem Gestrüpp und Lola kam auf mich zugelaufen. »Hier bist du.«

Ich wischte schnell die Tränen von meinen Wangen und sah beschämt zur Seite.

Sie nahm neben mir Platz und zog die Beine an ihren Körper. »Es tut mir leid, wie wir alle reagiert haben.«

Mein Blick glitt zu ihr und ich erkannte, dass sie keinen Anzug trug. Lola war ein Reverti? Für einen Moment fesselte mich der Anblick. In den neun Monaten schien unglaublich viel passiert zu sein. Ob Alec auch zu einem geworden war?

Doch dann schüttelte ich den Kopf und senkte meinen Blick. »Schon gut«, hauchte ich mit schwacher Stimme.

»Nein, das ist es nicht.« Sie seufzte. »Keiner von uns hat sich getraut, über Lie zu sprechen. Niemand wollte den Anfang machen, weißt du. Deine Eltern wussten, wie viel er dir bedeutet und dass du womöglich sehr traurig darüber wärst, wenn sie es dir beichten würden.«

»Sie haben ihn im Stich gelassen«, knurrte ich.

Es blieb eine Weile still zwischen uns, bis ich schließlich einen Entschluss fasste und Lola fest in ihre schwarzen Augen sah. »Hör zu, mir ist es einerlei, wie unbezwingbar Brighton zu sein scheint, aber ich werde Lie nicht aufgeben. Er hat mir so oft das Leben gerettet, Dinge getan, die ihn selbst den Kopf gekostet hätten, und ich werde nicht tatenlos hier herumsitzen und darauf warten, dass die OAS uns eines Tages überrennt.«

Lolas Augen weiteten sich vor Entsetzen.

Ich packte ihre Schultern und sah sie ernst an. »Ich zwinge niemanden, mit mir zu kommen, aber mein Entschluss steht fest. Keine Worte werden mich zum Bleiben überreden können und egal wie aussichtslos diese Mission ist, Lie hätte dasselbe für mich getan.«

»Faith …«, stammelte sie.

Ich wandte mich von ihr ab, um mich zu erheben. Mein Blick glitt wieder zum Baum, dessen Äste sich im Wind leicht beugten. »Du musst nicht mitkommen, Lola. Ich würde dich niemals dazu zwingen, aber bitte verstehe, dass mich niemand von meinem Vorhaben abbringen kann.«

Ein erneutes Schweigen drang zwischen uns und ich wollte gerade losgehen, um die ersten Vorbereitungen zu treffen, als sie sich vom Boden erhob und mein Handgelenk packte. »Warte!«

Erwartungsvoll drehte ich mich zu ihr um und in ihren Augen erkannte ich Hoffnung.

Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. »Du kannst nicht denken, dass du mich erneut zurücklassen darfst, Faith. Wenn du nicht bleibst, dann werde ich dich eben begleiten.«

»Was?«, entfuhr es mir überrascht. »Es wird gefährlich werden.«

Sie zuckte belanglos mit den Schultern. »War es das nicht damals auch mit der Sicherheitsbeamtin?«, konterte sie und verschränkte die Arme vor ihrer Brust. »Wenn du und die anderen die Basis im Norden nicht gestürmt hättet, um uns zu retten, wären wir wohl jetzt ebenfalls in Brighton.«

»Also im Grunde schulden wir deinem Freund auch etwas«, ertönte eine dritte Stimme und Alec trat ebenfalls ohne Schutzanzug zwischen den Büschen hervor. Er setzte ein breites Grinsen auf und die wenigen Sonnenstrahlen, die durch die Baumkronen schossen, ließen sein Haar wie flüssiges Gold wirken. »Ohne ihn wären wir nicht hier.«

Lola legte einen Arm um meine Schulter. »Du bist nicht allein, Faith.«

Ich wusste nicht, ob ihnen klar war, dass diese Mission kein Vergleich zur Rettung im Norden war. Wir würden viel weiter reisen, bevor wir unser Ziel erreichten, und selbst dann konnte niemand sagen, ob wir je zurückkehrten. Dennoch war ich glücklich darüber, Lola, Alec und Tiger an meiner Seite zu wissen. Ihre Zustimmung machte mir Mut und ich glaubte immer mehr daran, einen Weg zu finden, Lie zu retten.

»Tiger ist auch dabei und er sucht gerade die Pläne des Zuges heraus, der uns nach Brighton bringt. Wenn wir den genauen Zeitpunkt haben, versuchen wir, uns darauf vorzubereiten, und bitte sagt nichts meinen Eltern.«

»Geht klar«, stimmte Lola ein und zwinkerte mir zu. »Ich könnte mit Alec zusammen für ausreichend Vorräte sorgen und wir verstauen die Sachen in meinem Zimmer, sodass sie niemand findet.«

Ich nickte. »Gut. Sobald ich mehr weiß, gebe ich euch Bescheid.«

»Wäre ja nicht das erste Mal, dass wir uns in Gefahr hineinstürzen, nicht wahr, Lola?«, merkte Alec an und grinste.

Lola nickte zustimmend.

Ich wusste, dass sie damit Alecs Entführung und Lolas Evakuierung zur Nordbasis andeuteten. Die Erinnerung fühlte sich immer noch so an, als wäre es erst gestern gewesen. »Wie ist es euch ergangen, nachdem ihr bei den Butterflys gelandet seid?«

Lola zuckte locker mit den Schultern. »Anfangs war es seltsam. Aber wir begegneten alten Arbeitskollegen, Bekannten und Familienangehörigen. Zwar war uns der Ort neu, aber wir fühlten uns nicht allein.«

Alec trat neben Lola. »Als wir dann von deiner Lage erfuhren, boten wir natürlich Michelle und Robert an, ihnen jederzeit zu helfen, da wir uns genauso um deine Sicherheit sorgten. Dank dir haben wir ein neues Zuhause gefunden.«

Ich blickte Alec tief in die Augen und machte einen Schritt auf ihn zu. »Ich fühle mich verantwortlich dafür, dass Tristan dich entführt hat, um mich zur Heirat zu zwingen.«

Alec schüttelte den Kopf. »Dafür gibt es keinen Grund. Mir geht es gut. Schließlich war ich ja derjenige, der dir das Angebot, dich zu heiraten, gemacht hat.«

Lola klappte die Kinnlade hinunter. »Was? Wartet mal, wieso in aller Welt weiß ich davon nichts? Alec, du hast es in den neun Monaten nicht für nötig gehalten, mir so etwas zu erzählen?«

Ich lächelte nervös und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.

Alec zuckte unschuldig mit den Schultern. »Sie hätte das Monster sonst geheiratet. Ich konnte das unmöglich zulassen.«

Lola seufzte verträumt. »Ziemlich heldenhaft von dir.«

Alec grinste stolz.

Als mir Alecs Angebot noch mal durch den Kopf ging, wurde mir erst klar, wie viel auch vor den neun Monaten bereits passiert war. Ich wusste, dass es zwischen uns etwas gab, das ich nicht erklären konnte. Tiefer als Freundschaft, aber nicht stark genug für eine Liebe. Jedenfalls empfand ich es so. Wie kam Alec zu dem Entschluss, mich zu heiraten? Tat er es nur aus reiner Freundschaft? Oder aus … Liebe?

2 Die Kraft im Inneren

Es vergingen weitere drei Tage, in denen ich mich schnell an die Außenwelt gewöhnte. Wenn mir meine Eltern keine Aufgaben auftrugen, blieb ich meistens an der Oberfläche und genoss das Gefühl der Freiheit.

Nie wieder einen Anzug tragen. Nie wieder Angst davor haben, zu einer Seelenlosen zu werden. Nie wieder auf die Zonen achten.

Währenddessen hatte Tiger Pläne beschafft, die den Weg zur Station zeigten, an der der Zug anhalten würde. Nach seinen Berechnungen sollte in zwei Wochen einer eintreffen. Wir würden einen Tagesmarsch brauchen, bis wir die Station erreichten, an der der Zug einen Aufenthalt von drei Tagen hatte, ehe er weiterfuhr.

Es musste funktionieren und solange meine Eltern nicht mitbekamen, was wir hinter ihrem Rücken trieben, stand uns nichts im Weg.

Ich war an diesem Morgen auf dem Weg zu meiner Mutter, die in ihrem Büro meistens die Nase zwischen ihre Berichte steckte und gedankenversunken auf die handgeschriebenen Zeilen starrte.

Als ich die Tür öffnete und in den Raum eintrat, sahen ihre Augen zu mir. »Ah, Faith. Gut, dass du kommst. Kannst du mir einen Gefallen tun?«

Ich nickte und schloss die Tür hinter mir. »Was gibt’s?«

»Ich brauche neue Proben von drei verschiedenen Energiebäumen.« Sie seufzte. »Der letzte ist einen halben Tagesmarsch von der Basis entfernt und Tiger wird dich begleiten müssen. Du gehst nicht allein.«

Ach ja, Mom liebte es ja, Proben zu nehmen. Ich hatte ihr ein paar Mal dabei zugesehen, als ich ganz neu bei den Butterflys war, und selbst mal einen Versuch gewagt. Das sollte nicht allzu schwer werden.

Ich willigte stumm ein und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Die Beziehung zwischen meinen Eltern und mir war seit den Unstimmigkeiten bezüglich Lie noch immer angespannt. »Noch etwas?«

Mom atmete tief ein und aus. »Du bist schon seit drei Tagen wütend auf uns, Faith. Wann willst du es endlich einsehen?«

Ich sah sie entsetzt an. »Nie? Ich denke, du kannst es mir auch nicht verübeln, oder? Schließlich weigert ihr euch immer noch, einen Trupp loszuschicken, um ihn zu retten.«

Mom sah zu Boden, sodass ich ihre Mimik nicht richtig deuten konnte. Schämte sie sich oder war sie nur traurig, dass ich ihre Sicht der Dinge nicht nachvollziehen konnte?

»Diese Festung … Unsere Späher waren selbst vor Ort. Faith, glaub uns bitte, wenn ich dir sage, dass wir jeden Winkel untersucht haben, um einzudringen. Aber sie ist von so vielen Soldaten umstellt und so hoch, dass wir, ohne gesehen zu werden, keine Chance haben. Das hat uns bereits genug Leute gekostet und so gerne ich Lie befreien würde, kann ich es nicht. Sie sind in der Überzahl und besitzen eine viel bessere Ausrüstung als wir.«

Mit zusammengezogenen Augenbrauen und einem flauen Gefühl im Magen sah ich sie wütend an. »Hörst du dir eigentlich selbst zu?«

»Faith!«, rief sie voller Ungeduld und erhob sich von ihrem Bürostuhl. »Ich weiß, dass du viel für ihn empfunden hast, aber für Lie gibt es keine Rettung.«

»Es gibt immer eine Lösung«, entgegnete ich und selbst wenn es so unmöglich war, wie meine Mutter es beschrieb, konnte ich Tristan vielleicht einen Tauschhandel vorschlagen. Mein Leben gegen Lies. Das war ich Lie schuldig. Aber so etwas würde ich meiner Mutter nie erzählen, wahrscheinlich nicht einmal meinen Reisegefährten. Ich wusste, dass sie es nicht verstehen würden, weil sie nicht nachvollziehen konnten, wie wichtig Lie mir war und dass ich alles tun würde, um ihn zu retten. Es sollte mein geheimer Plan B werden. Ich hoffte nur inständig, dass er nie zur Ausführung kommen musste.

Neugierig fixierte ich ein Bild auf Moms Schreibtisch, auf dem alle Energiebäume in den Farben unserer neun Gattungen aufgezeichnet waren. Eine solche Verbindung war mir nie in den Sinn gekommen. Woher hatte meine Mutter diese Theorie?

Ich trat näher heran und ignorierte ihren erwartungsvollen Blick von der Seite.

»Faith, solltest du versuchen, Lie auf eigene Faust retten zu wollen … Ich werde alles dafür tun, um dich zurückzuholen. Ich habe schon Toni verloren und …«

»Was ist das?«, wechselte ich abrupt das Thema und betrachtete die Zeichnung intensiver. »Warum haben sie dieselben Farben wie unsere Augen?«

Ich hatte noch nie einen violetten oder weißen Baum gesehen, geschweige denn konnte ich mir vorstellen, wie diese aussahen. Woher nahm sie also dieses Wissen?

Mom trat neben mich. Sie fuhr mit den Fingern über die Pinselstriche und stoppte an einem roten Baum. »Ich weiß es nicht. Vielleicht sind sie der Grund, weshalb wir in neun Gattungen geteilt wurden. Was auch immer diese Sporen oder Samen zu uns brachte, seine Macht liegt außerhalb unserer Vorstellungskraft.« Ein sanftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. »Ich bin einfach nur froh, dass dieses Etwas uns verschont hat und dieser Welt eine zweite Chance gab.«

»Woher willst du eigentlich wissen, dass sie nicht zurückkommen und das zu Ende bringen, was sie angefangen haben?«, stellte ich ihre Theorie infrage.

Sie zuckte mit den Schultern. »Natürlich können wir nicht ausschließen, dass wir für sie möglicherweise einfach nur eine Ernte sind, die sie irgendwann einsammeln. Vielleicht haben sie diese Sporen in unsere Welt gesetzt, um etwas gedeihen zu lassen. Es ist alles möglich.«

»An was forschst du wirklich, Mom?«

Ihre Augen glänzten, als sie wie gebannt auf die Zeichnung starrte. »Diese Energiebäume. Du kannst dir nicht vorstellen, über welche Kraft sie verfügen. Sie ist unermesslich und jeder von ihnen ist unterirdisch mit dem anderen verknüpft.«

Diese Informationen weckten mein Interesse. »Was hast du noch herausgefunden?«

Mom sah von der Zeichnung zu mir auf und ihr Blick wirkte enttäuscht. »Nicht sehr viel. Deshalb brauche ich Proben. Ich will wissen, ob sich die Energieressourcen verringern oder gleich bleiben, im Vergleich zum letzten Mal. Woher beziehen sie diese Kraft? Was verbirgt sich in ihren Stämmen? Weshalb bestehen sie nur zu fünfzig Prozent aus Holz und fünfzig Prozent aus diesem Staub, den ich mir nicht erklären kann.«

Ich bemerkte, wie sehr diese fremde Natur sie begeisterte. Wenn sie davon sprach, atmete sie viel häufiger ein und aus, ihre Augen glänzten dabei und sie musste sich selbst bremsen, um aus ihrer kurzen Erklärung keinen langen Vortrag zu machen.

»Also tust du mir den Gefallen?«, fragte sie, als ich nichts mehr erwiderte und weiter meinen Blick starr auf die gemalten Bäume richtete.

Apathisch nickte ich. Sie ging um den Schreibtisch herum und ich sah ihr nach. Aus einer Schublade kramte sie ein paar Instrumente heraus, mit denen ich die Proben entnehmen sollte. Der größte Teil stammte aus Edinburgh oder wurde von unseren fleißigen Arbeitern angefertigt.

»Ich brauche eine kleine Menge des Staubes und eine der Wurzeln. Die Nadeln sollten stabil genug sein, um die Oberfläche zu durchdringen«, erklärte sie, während sie mir alles in eine Tasche packte.

Als sie fertig war, drückte sie mir das handgroße, weiße Täschchen in die Hand und ich begab mich zur Tür. »Muss ich sonst noch etwas wissen?«

Sie schüttelte den Kopf und ich verschwand aus ihrem Büro. Bevor ich mich auf den Weg machen wollte, um Tiger zu finden, zog ich mich in meinem Zimmer um. Meine Eltern hatten mir eine maßgeschneiderte Butterfly-Sanitäter-Ausrüstung angefertigt. Die Hose lag zwar eng an meinen Beinen, war jedoch elastisch und schränkte meine Bewegungsfreiheit somit in keinster Weise ein. Die Weste hatte große Seitentaschen, um dort Verbände, Spritzen oder andere Arten von Medikamenten zu verstauen. Außerdem besaß ich spezielle Handschuhe, auf deren Innenseite kleine Löcher waren, sodass ich während eines Heilungsprozesses die Haut oder die Wunde des Verletzten berühren konnte.

Ich rüstete mich mit allem aus, auch wenn wir höchsten zwölf Stunden unterwegs sein würden. Es trieben sich noch immer einige OAS-Soldaten herum, die mit einer kleinen Truppe auf Erkundungsmission waren. Die Butterflys stellten eine Bedrohung für sie dar, sodass sie von der OAS nicht ignoriert werden konnten.

In einem Waffenlager packte ich mir einen Rucksack zusammen, um für einen Kampf gewappnet zu sein. Ich wusste nicht, ob wir auf OAS-Soldaten treffen würde, aber ein Risiko wollte ich dennoch nicht eingehen. Nachdem ich alles beisammen hatte, verschwand ich an die Oberfläche, um nach Tiger Ausschau zu halten.

Dieser schien von jemandem informiert worden zu sein, denn er wartete bereits auf der Lichtung hinter dem Dorf. Mit einem Grinsen auf den Lippen kam er auf mich zu. »Deine Mom hat mir gleich Bescheid gesagt. Hast du alles?«

Ich nickte und lächelte ihn sanft an. »Ich bin wirklich froh, dass du mich begleitest. Wenn es Mom gewesen wäre, hätte ich vermutlich abgelehnt.«

Er verzog die Mundwinkel nach unten. »Bist du immer noch so wütend auf deine Eltern?«

Meinen Blick richtete ich stur in die Ferne. »Ja.«

Er schwieg und wir liefen den Hang hinunter, um tiefer in die verbotene Zone zu gelangen. Aus meiner Westentasche entnahm ich Moms gezeichneten Plan, auf dem sie drei Stellen markiert hatte, an denen die Energiebäume zu finden waren.

»Welche Farben haben sie?«

»Grün, Blau und Gold«, antwortete er und ich dachte sofort an die jeweils passenden Gattungen. Medica, Schwimmer und Handwerker. Moms Theorie gab mir zu denken. Ob die Bäume tatsächlich der Grund waren, dass wir in neun Gattungen aufgeteilt wurden?

»Gibt es dann auch einen Braunen?«

Tiger zuckte mit den Schultern. »Bestimmt. Michelle glaubt an diese Theorie. Sie will so lange weiterforschen, bis sie herausgefunden hat, was wirklich hinter der Energie dieser einzigartigen Bäume steckt.«

»Mit weiteren Proben?«, fragte ich neugierig.

»Ja. Diese Nadeln, mit denen wir den Staub an der Wurzel entnehmen, sind aus sehr hartem Stahl angefertigt, sodass diese nicht abbrechen, wenn man die Rinde durchdringen will. Nur an den Wurzeln, die aus dem Boden ragen, ist es uns möglich, geeignete Proben zu entnehmen. Mit denen kann deine Mom dann Tests durchführen und weiter forschen.«

»Wahnsinn«, entfuhr es mir, gefesselt von der Theorie der Energiebäume. »Was wird Mom wohl herausfinden, wenn sie von jedem Baum Proben vorliegen hat? Ob sie zusammen ein Ganzes bilden?«

Tiger zuckte ahnungslos mit den Achseln. »Das werden wir dann wohl herausfinden.«

Ranken, Efeu und gigantische Bäume umgaben uns. Merkwürdig geformte Blätter bildeten über unseren Köpfen ein so dichtes Dach, dass kaum die Sonne zu uns durchdrang. Doch dafür wurden die Blätter angestrahlt und gaben ein grünes, sanftes Licht nach unten ab. Ich fühlte mich seltsam geborgen von den vielen gut duftenden Sträuchern und Blumen. Diese einzigartige Natur mit ihren vielen Farben und Nuancen war das reinste Paradies.

Tiger schaute kurz über seine Schulter, ehe er ein breites Grinsen aufsetzte. »Ich denke, wir sind weit genug weg, also …« Er kramte etwas aus seiner Hosentasche und als er das Stück Papier auseinanderfaltete, erkannte ich eine Karte. »Ich habe mich ins Büro deines Vaters geschlichen und in einer Schublade Aufzeichnungen, Berichte und diese Karte über den Zug gefunden. Anscheinend haben deine Eltern vorletztes Jahr dieses Transportmittel noch für Missionen verwendet. Doch aus irgendeinem Grund stellten sie ein Verbot auf.«

»Was?«, rief ich entsetzt. »Ein Verbot? Aber wofür?«

Tiger biss sich auf die Unterlippe. »Keine Ahnung, ich konnte nicht lange bleiben, da dein Vater sein Arbeitszimmer nur verlassen hat, um sich einen Kaffee zu machen. Ich musste also schnell handeln.«

»Was denkst du, weshalb sie das Verbot ausgesprochen haben? Du bist schließlich schon länger bei den Butterflys.«

Tiger zog die Augenbrauen zusammen. »Ich kann mich erinnern, dass es einen heftigen Kampf zwischen den Butterflys und der OAS gegeben hat. Damals wurde unser Trupp überrascht, als die OAS gerade von Plymouth nach Edinburgh reiste. Wir waren einfach zu einem unpassenden Zeitpunkt am falschen Ort.«

Ich fasste mir nachdenklich ans Kinn. »Also hat es einen blutigen Kampf gegeben?«

»Ja. Über vierzig Tote. Deine Eltern waren ziemlich außer sich, da so viele gute Männer umkamen.«

Mir drehte sich kurz der Magen um, als ich daran dachte, dass Lie ebenfalls daran beteiligt hätte sein können. Wie viele Kämpfe hatte er wirklich schon durchleiden müssen? Ich hoffte so sehr, dass er noch lebte.

»Nach diesem Vorfall haben deine Eltern es verboten mit diesem Zug zu reisen, da das Risiko von der OAS angegriffen zu werden, viel zu groß wäre. Seitdem marschieren wir zu Fuß und schränken die Reichweite unserer Missionen ein.«

»Mom und Dad sind echt streng«, seufzte ich, konnte jedoch verstehen, dass jeder Verlust geringeren Schutz für die Basis bedeutete. Die fähigen Kämpfer der Butterflys waren wie ein Schild, das mit jedem Toten ein wenig mehr bröckelte. Wie groß wurde das Loch, als sie Lie, ihren Marshall, verloren? Falls Tristan jemals den Befehl geben sollte, uns anzugreifen, brauchten wir jeden Menschen, ganz gleich, welcher Gattung er angehörte.

»Ja, aber deine Eltern beschützen uns mit all ihrer Führungskraft. Wir sind nicht so viele wie die OAS und auch wenn unsere Basis mit allen technischen Mitteln ausgestattet zu sein scheint, fehlen uns immer noch Ressourcen für wirklich große Maschinen.« Tiger trat während des Gehens einen Ast zur Seite und schaute gedankenversunken auf den Boden. »Dein Vater hat es geschafft, mithilfe eines alten Buches aus Edinburgh eine Bombe zu bauen, die wir unter der Erde platzierten. Sie wird per Fernzündung ausgelöst, wenn die OAS eines Tages unsere Basis einzunehmen versucht.«

Ich sah ihn neugierig an. »Um die OAS mit in den Tod zu reißen?«

Er nickte. »Genau. Und um das Wissen und die Daten zu vernichten. Wir wollen, dass die OAS keinen Vorteil aus ihrer Eroberung zieht. Schließlich sind wir der einzige Rebellenstützpunkt in ganz England.«

Ich legte den Kopf schief. »Bist du dir sicher?«

Tiger verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und seufzte. »Wir haben schon nach Clans, Ausgestoßenen oder anderen Gruppen Ausschau gehalten, doch sie sind zu sehr eingeschüchtert von der OAS und wollen mit uns nichts zu tun haben.«

Ich senkte den Blick. »Mist.«

Tiger tat es mir nach. »Ja, leider.«

»Vielleicht hat die OAS Pläne oder Waffen, die wir stehlen könnten, wenn wir in die Festung eindringen. Es muss etwas geben, das sie zumindest zurückdrängt. Lie hat immer gesagt, dass die Anführer der Basislager die eigentlichen Ziele sind. Ohne sie ist die OAS orientierungslos.«

»Da hat er recht.« Tiger lachte leise. »Dieser rechthaberische, sture, hitzköpfige Krieger.« Trauer spiegelte sich in seinem Gesicht wider. »Ich vermisse ihn. Lie war sozusagen der Kopf unserer Gruppe. Er war immer für uns da und setzte sich bei jeder Unstimmigkeit für seine Mitstreiter ein.«

Wir wurden langsamer und blieben letztendlich stehen.

Ich umfasste Tigers Handgelenk und sah ihm mitfühlend in die Augen. »Wir werden ihn befreien. Vertrau mir.«

Er nickte kaum merklich und ich schlang meine Arme um ihn. »Du weißt doch, wie stur er ist.«

Tiger musste lachen und legte seine Arme ebenfalls um mich. »Genau aus dem Grund habe ich mich dazu entschieden mitzukommen. Ich wäre mit keinem anderen mitgegangen.«

Ich löste mich von ihm und sah ihn entgeistert an. »Wieso?«

»Ich habe noch nie eine Medica getroffen, die so fest entschlossen war, in eine von über hundert Soldaten bewachte Festung einzudringen, ohne auch nur den kleinsten Hauch von Furcht in sich zu tragen.«

Ich hob meinen Kopf. »Ich hatte schon Angst.«

»Aber nicht die, die ich meine. Du hast dich unerschrocken in den Kampf gestürzt und gesiegt, obwohl du wusstest, dass du nur eine geringe Chance hattest.«

Ich lächelte mild und wir setzten unseren Marsch fort. »Vielleicht bin ich jetzt durch den Somnus so größenwahnsinnig geworden, dass ich sogar der Überzeugung bin, einen Weg in die Festung von Brighton zu finden.«

Tiger musste wieder lachen. »Vielleicht bist du das wirklich.«

Je mehr ich darüber sprach, desto entschlossener wurde ich. Es gab immer einen Weg hinein, man musste nur wissen wie. Hohe Mauern mochten von außen bedrohlich wirken, doch auch sie konnte man überwinden.

»Doch das wirklich wahnsinnige daran ist, dass ich davon überzeugt bin, dass du den Weg finden wirst. Wenn nicht du, Faith, dann niemand«, sagte Tiger einfühlsam.

Und damit war mir klar, dass er meine Gefühle für Lie verstand und wie sehr er mir vertraute. Ich hoffte nur, dass ich dem gerecht werden konnte.

Nach einigen Stunden trafen wir den ersten Energiebaum an. Seine hellblauen Blätter schimmerten von Weitem durch das grüne Dickicht, durch das wir gingen. Er wirkte wie ein Leuchtfeuer, angestrahlt von der warmen Mittagssonne.

Als wir uns ihm näherten, wehte eine sanfte Brise Staub zu uns, der sich wie weiches Puder auf meine Haut legte.

Aus meinem weißen Täschchen entnahm ich einen Pinsel, ein stumpfes Messer und ein Reagenzglas. Bewaffnet mit Moms Instrumenten suchte ich eine geeignete Stelle auf den Ästen, die dick mit Staub bedeckt war. Davon schabte ich ein wenig in das Glasröhrchen hinein und pinselte mit den feinen Borsten den Rand des Gefäßes sauber, um es anschließend luftdicht zu verschließen.

Als Nächstes nahm ich die seltsame Spritze mit der dicken Stahlnadel heraus. Ich suchte mir eine wulstige Wurzel aus, an deren geschwollene Stelle ich die Nadel hineinstach. Trotz der weicheren Oberfläche musste ich fest drücken, um die Spitze hineinschieben zu können. Anschließend zog ich die Flüssigkeit in die Spritze hinein.

Sie erinnerte mich dabei an flüssiges Quecksilber, nur dass diese in der Farbe des Baumes schimmerte. Als ich fertig war, löste ich die Nadel und verschloss die Ampulle ebenfalls.

»Der erste Baum wäre geschafft.« Ich war stolz auf mich, denn es war die erste Probe, die ich für Mom einholen durfte.

»Okay, aber zum nächsten Energiebaum reitest du«, meinte er und ich drehte mich verwirrt zu ihm um, als er sich im selben Moment in den riesigen schwarzen Panther verwandelte. Er legte sich auf den Bauch und wartete, bis ich auf seinen Rücken stieg.

»Ist das dein Ernst?«

Die Großkatze sah mich mit leicht schrägem Kopf an. Tiger meinte es ernst.

Ich seufzte, verstaute meine Proben in Moms kleinem Täschchen und schulterte den Rucksack. Ich stellte mich neben das große Tier. Meine Finger fuhren über sein weiches Fell, das sich wie Satin anfühlte. Mein Herz klopfte wild, als ich daran dachte, wie es wohl sein würde, auf ihm zu reiten. Hoffentlich nahm Tiger Rücksicht darauf, dass dies mein erster Ritt auf einem Panther sein würde.

»Also gut«, sprach ich eher zu mir selbst, um mir Mut zu machen. Ich ergriff den weichen Teil seines Nackens und zog mich auf seinen Rücken. Das Aufsteigen war recht leicht, doch als Tiger sich erhob, wäre ich beinahe wieder hinuntergefallen.

Ich beugte mich leicht nach vorne, um mich besser halten zu können. Meine Hände umfassten seinen Nacken noch fester und meine Beine umschlangen krampfhaft seinen muskulösen Körper.

Tiger schien meine Angst zu spüren und gab mir Zeit, mich an das neue Gefühl zu gewöhnen. Ich atmete ein paar Mal tief durch und spürte plötzlich eine Art Vertrautheit. Auf seinem Rücken fühlte ich seine Atmung, die stramme Körperhaltung und die wohlige Wärme seines Fells.

»E-es kann losgehen«, stammelte ich.

Tiger machte den ersten Schritt, wobei ich leicht nach vorne rutschte. Vorerst ging er nur, damit ich mich an das holprige Gefühl auf seinem Rücken gewöhnen konnte.

Ich glaubte nicht wirklich daran, dass ich imstande wäre, einen Sprint auszuhalten, da mir bereits jetzt alles viel zu unsicher vorkam. Doch dann begann Tiger zu traben und die ruckartigen Bewegungen wurden heftiger. Ich presste meinen Bauch an seine Schulterblätter, versuchte besser abzuschätzen, wie ich mein Gleichgewicht verteilen musste, um nicht herunterzufallen.

Tigers Traben wurde schneller und er begann zu sprinten. Wir wichen so schnell den Bäumen aus, dass mein Körper mehrmals stark nach rechts und links rutschte und ich wohl längst am Boden läge, wenn meine Hände sich nicht so stark in seinem Fell festkrallen würden.

Nach einer Weile hatte ich den Dreh raus und begann, die Geschwindigkeit zu genießen.

Wir waren unglaublich schnell. Tiger sprang aus dem Wald hinaus und wir überquerten ein Blumenfeld. Der Wind blies mir stürmisch ins Gesicht und zerrte an meinen offenen Haaren, was ein Kribbeln in meinem Bauch hinterließ. Die Luft roch nach Margeriten, Veilchen und Tulpen und ich verspürte dabei das Gefühl von Freiheit. Ein warmer Schauer fuhr durch meinen Körper, mein Herz pochte spürbar gegen meinen Brustkorb und ich schaffte es nicht, mir dabei ein Lachen zu verkneifen.

Adrenalin schoss durch meine Adern, als meine Beine seinen Rumpf umklammerten und ich meine Hände von Tigers Nacken zu lösen versuchte. Von atemberaubender Schnelligkeit verführt, streckte ich beide Arme von mir und warf meinen Kopf in den Nacken.

Tigers Gattung war zu beneiden. Wie es sich wohl anfühlte, wenn er als Falke durch die Lüfte flog? Oder nachts als Wolf durch die Wälder streifte?

Statt eines langen Fußmarsches legten wir die Strecke zum nächsten Energiebaum in wenigen Minuten zurück. Vielleicht wollte Mom deshalb, dass ich Tiger mitnahm.

Ich stieg von ihm ab, immer noch ein breites Grinsen auf meinen Lippen. Das berauschende Gefühl hinterließ ein Flattern in meinem Bauch. »Das war der Wahnsinn«, jauchzte ich und nahm den Rucksack von meinem Rücken. »Also ich muss wirklich gestehen, dass ich dich um deine Fähigkeiten beneide. Klar weiß ich, dass du die Bewegungen der Tiere mühsam erlernen musstest, aber …«

Im selben Moment drehte ich mich zu Tiger um, der wieder ein Mensch war und sich schmerzhaft an den Hals fasste. An seinem Nacken waren überall große Blutergüsse und ich begriff sofort, woher sie kamen. Hatte ich wirklich so fest zugepackt? »Oh Gott! Es tut mir so leid!«, entschuldigte ich mich gleich und lief zu ihm hinüber. Ich legte meine Hände an die Blutergüsse und heilte sie. Tatsächlich verlief dieser Prozess erstaunlich schnell, was mich ein wenig überraschte. Ich war es gewöhnt, mehr Zeit für meine Heilungsprozesse aufzubringen.

»Oh Mann«, beschwerte er sich. »Ich habe ja schon viele Menschen auf mir reiten lassen, aber noch nie hat sich jemand so fest an mich geklammert. Ich bin sowieso verblüfft, dass du noch nicht runtergefallen bist.«

Ich sah ihn bedauernd an. »Es tut mir so leid. Wieso hast du nichts gesagt?«

Tiger zuckte lässig mit den Schultern. »Ach, wir waren doch sowieso fast da.«

»Dann gehen wir lieber zu Fuß zurück, in Ordnung?«, schlug ich vor.

Ich widmete mich dem kleinen Täschchen, um die Instrumente hervorzukramen.

»Solange du mich anschließend heilst, macht mir das nichts aus«, entgegnete er.

»Tiger«, warnte ich ihn. »Ich werde es nicht zulassen, dass du meinetwegen über eine Stunde leidest.«

»So schlimm war es gar nicht und außerdem kostet uns der Rückweg zu Fuß viel Zeit.«

»Das ist ein Befehl«, betonte ich mit ernster Stimme und suchte am grünen Energiebaum eine geeignete Stelle, um den Staub abzukratzen. Seine Farben erinnerten mich an einen Smaragd, dessen Grün meinen Augen sehr ähnelte. Ob das nun ein Medica-Baum war? Aber was bewirkte er? Waren in seinem Inneren vielleicht dieselben Kräfte, die auch mir innewohnten? Ich hatte noch nie ein derartig leuchtendes Grün gesehen. Selbst die Blätter der anderen Bäume waren im Gegensatz zu dieser schimmernden Farbe matt und blass.

»Wie weit ist es noch bis zum goldenen Baum?«, informierte ich mich, um abzuschätzen, wie lange unser Rückweg sein würde.

»Eine halbe Stunde, allerhöchstens. Wenn du willst, kann ich mal hochfliegen und nachsehen, ob ich schon etwas sehe.«

»Gern.«

Hinter mir hörte ich Flügelschläge, deren Rascheln leiser wurde, als Tiger zwischen den Baumkronen verschwand.

Ich beugte mich zu einer dicken Wurzel, die aus dem Boden herausragte, steckte die Nadel hinein und sog sie mit der grünlich schimmernden Flüssigkeit voll. Als ich die Probe im Täschchen wieder verstaute, hörte ich plötzlich Stimmen.